Der Mond der brennenden Bäume

Der Mond der brennenden Bäume
Authors
Chant, Joy
Publisher
ok
Tags
fantasy
Date
2015-02-16T23:00:00+00:00
Size
0.83 MB
Lang
de
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Ein sehr ungewöhnliches Fantasybuch, dass uns Eileen Joyce Rutter aka Joy Chant hier beschert. Elfen und Orks trifft man hier keine, die Völker bestehen ausschließlich aus Menschen, wenn man mal von den Göttern absieht, die sich in den Priestern, Einhörnern und Träumen manifestieren. Das wahrhaft Zauberhafte an diesem Buch ist, wie wir die Welt aus der Sicht des unbedarften Mor'anh zu sehen bekommen. Der hat noch nie seine Prärie verlassen und nie andere Gebräuche kennengelernt, als sie in seinem Stamm herrschen. Als er sich auf seine Reise begibt, lernt er Sachen als Wunder kennen, die für uns alltäglich sind. Vor allem aber wird der Leser gezwungen, über die Vorteile und Fehler der einzelnen Zivilisationen nachzudenken. Da sind zum einen die Khentorei, die auf den ersten Blick recht paradiesig wirken. Niemand braucht Hungers zu leiden, abgesehen vom Häuptling und den beiden Priestern ist keiner dem anderen vorgestellt. Mord ist ihnen ein Fremdwort, die Gemeinschaft hält zusammen. Dass aber auch diese Gesellschaft ihre Fehler hat zeigt sich in der jungen Runi, einer Nebenperson, die aus ihrer Rolle als Frau auszubrechen versucht, was ihr von den anderen nicht gestattet wird und woran sie schließlich zu Grunde geht. Dann sind da die Goldenen, die sich den Khentoreistämmen gegenüber als überlegen ansehen, bei denen Mord, sei es aus gesellschaftlichen Gründen oder als Strafe, zur Tagesordnung gehört. Obwohl sie in dieser Geschichte die Bösen sind, zeigen auch hier Nebencharaktere andere Seiten dieses Volks, beispielsweise der Ratsabgeordnete Keriniol, der Sympathie für die Khentoreistämme empfindet, sich dem gesellschaftlichen Zwang aber letztlich unterordnet. Und schließlich gibt es das Volk der Großen Städte, das zahlreiche Wunder für Mor'anh bereithält und in seinen Augen noch weitaus "zivilisierter" auftritt als die Goldenen - schließlich besitzen sie Springbrunnen und ihre Stadt besteht aus mehr Stein, als man in der Prärie jemals finden würde. Sie sind scheinbar die bereitwilligen Helfer, die Mor'anh trotz seiner einfachen Kleidung als Fürstem begegnen. Dem Leser wird aber deutlich, dass sie vor allem aus politischem Kalkül handeln, da sie die Goldenen als potenzielle Bedrohung betrachten. In ihrer Stadt, berühmt für ihre Philosophen und darin wohl angelehnt an das antike Athen, lernt Mor'anh zudem Armut, Prostitution und dagegen den Reichtum der Obrigkeit kennen. In den Sklaven der Stadt erkennt er, dass sie wie Nai für die Goldenen gezwungen sind, ihren Herren zu folgen. Entsprechend ist dies ein fast schon ethnologisch und philosophisch interessantes Buch, wie es, wie ein Zitat bezeugt, wohl auch Joy Chants Wille war. Dennoch sollte man nicht so weit gehen, es darauf zu beschränken - vor allem ist es nämlich ein sehr spannend geschriebener Abenteuerroman mit sympathischen Hauptcharakteren.