17. Die letzten Puzzleteile

Die nächsten Tage wurden richtig erholsam. Endlich Ferien, wie ich es mir gewünscht hatte! Und Nicki verwöhnte mich nach Strich und Faden. Er las mir jeden Wunsch von den Augen ab, kochte die leckersten Sachen für uns und tat alles, damit ich mich wohlfühlte. Ich wusste, dass er einerseits damit seinen Fehler wiedergutmachen wollte, andererseits spürte ich auch, wie sehr er es liebte, mich zu umsorgen.

Zio Giacomo brachte ihm einige Fischgerichte bei. Dann aßen wir jeweils draußen im Garten mit einem guten Glas sizilianischen Wein. Mittlerweile mochte ich Wein echt gern, und auch Domenico machte endlich die Erfahrung, dass Wein nicht dazu da war, sich zu betrinken, sondern mit Verstand und Maß genossen zu werden.

Wir gingen Zio Giacomo auch oft zur Hand, das heißt, besonders Domenico. Er flickte seinem Onkel sogar das Netz und half ihm, das Dach zu reparieren, das schon so lange kaputt war. Ich assistierte ihnen, wo ich nur konnte, aber sie fanden beide, das sei Männerhandwerk. Domenico wollte sowieso am liebsten, dass ich gar nichts machte und mich einfach ausruhte, aber mich lediglich dem süßen Nichtstun zu ergeben, war mir doch zu langweilig.

Wir lagen oft am Meer und badeten, oder wir kuschelten uns hinter einem Ginsterbusch aneinander. Seine Arme, die mich schützend an sich drückten, waren so richtig schön braun geworden, und er hatte auch wieder diese ganz zarten Sommersprossen im Gesicht bekommen, die man nur sah, wenn man ihm ganz nahe war. Auch ich hatte von der Sonne ein paar mehr gekriegt.

Ich spürte, wie sich langsam wieder etwas in mir löste. Dass er mir endlich Einblick in seine früheren Mädchengeschichten gegeben hatte, hatte mir sehr geholfen. Nun stand diese Sache nicht mehr zwischen uns, und man konnte sie offen ansprechen. Und Nicki ging wieder so unglaublich vorsichtig und behutsam mit mir um, als bestünde ich von Kopf bis Fuß aus Porzellan. Er hatte wahnsinnig Angst, erneut etwas falsch zu machen.

Aber auch ich hatte einiges zum Grübeln, was mich selbst betraf. Denn da war noch etwas gewesen, was Nicki angesprochen hatte …

Wenn wir im Meer badeten, tollten wir wie zwei wildgewordene Kids herum. Nicki musste wegen seiner Lunge allerdings auf wilde Kopfsprünge von dem Felsen verzichten. Er nahm mich dafür auf seine Schulter und schleppte mich durchs Wasser. Manchmal veranstalteten wir richtige Wasserschlachten oder spielten Federball am Strand, aber natürlich hatte ich keine Chance gegen Nicki.

Manchmal, wenn wir spät am Abend bei Dämmerung oder sogar in der Dunkelheit badeten und keine Leute mehr am Strand waren, zog Domenico sogar sein T-Shirt aus, und er sehnte sich regelrecht danach, dass ich seine zerstörte Haut berührte und streichelte. Und ich tat es gern. Ich dachte sogar, dass es für ihn so was wie eine Art Heilungsprozess war, der ihm half, mit seinem Borderline-Syndrom besser klarzukommen. Ich nahm mir fest vor, ihm in Berlin die Narben jeden Tag mit Salbe einzucremen …

Ja, ich spürte, dass Domenico sich extrem wohlfühlte hier bei seinem Zio. Und auch ich war gern hier. Zio Giacomo schien ein weiser Mann zu sein, jemand, der viel über das Leben nachgedacht hatte. Und er schien Domenico ständig dazu bringen zu wollen, sich richtig mit seiner Mutter auszusprechen. Etwas, das bis jetzt ja immer noch nicht geschehen war.

Doch Nicki blockte immer noch ab, und ich konnte sehen, wie sehr Zio Giacomo darum kämpfte, ihn zu überzeugen. Er wusste offenbar um Domenicos großen inneren Konflikt, er wusste, was abgegangen war, und mir war klar, dass er Domenico helfen wollte. Doch die Wunden, die Maria ihm in ihrer eigenen Not zugefügt hatte, waren tief. Und ich wusste, dass da immer noch dieses eine Geheimnis war … das Geheimnis nämlich, was bei der Geburt wirklich passiert war!

Dass Maria die Kinder ausgesetzt hatte, wusste ich mittlerweile, aber hatte sie wirklich einen Versuch unternommen, die beiden Zwillinge aus der Welt zu schaffen? Würden wir das je erfahren? Wir hatten jedenfalls nichts mehr von ihr gehört, seit wir wieder bei Zio Giacomo waren.

Zu meinem Erstaunen erzählte Domenico mir hin und wieder plötzlich etwas von früher, aus seiner Kindheit. Das kam meistens wie aus heiterem Himmel, so plötzlich, wie wohl auch die verschiedenen Gedanken durch seinen Kopf schossen. Wir lagen am Meer im Sand und ließen uns von der Sonne trocknen, als er mir auf einmal erzählte, dass Mingo und er als Kinder Kunstspringer hatten werden wollen.

«Drum sind wir immer von diesen Felsklippen gesprungen», fügte er hinzu. «Wir haben diese Kunstspringer im Fernsehen gesehen und haben es einfach ausprobiert. Mingo wäre mal fast ertrunken, ey. Ich konnte ihn gerade noch an Land ziehen.»

«War Mingo eigentlich auch so gut im Sport wie du?» Das hatte ich schon immer wissen wollen.

«Weiß nicht, er hat immer so gefährliches Zeug angestellt, dass er vom Sportunterricht suspendiert wurde.»

«Was denn für Sachen?»

Domenico zeichnete Kreise in den Sand. «Er fand es einfach cool, sich in Lebensgefahr zu bringen. Total krank. Ich musste ihm manchmal eine scheuern, weil sogar mir das zu viel wurde … nee, echt, der war manchmal echt psychomäßig drauf. Oder wenn einer im Sport gefoult hat, ist er einfach auf den los – das gab immer Riesenzoff. Dann haben sie ihn irgendwann rausgenommen aus dem Sportunterricht …»

Er machte ein paar Liegestützen im Sand, danach fing er an, mich zu necken, indem er mich auskitzelte. Das machte er oft, wenn er ein Thema beenden wollte. Das ging immer so lange, bis wir völlig außer Rand und Band übereinanderpurzelten.

Ach, es konnte so unkompliziert sein mit Nicki, wenn er entspannt war und dieser ganze Druck nicht auf uns lastete. Keine Gangs, keine Mutter, die ihn stresste, keine Ämter, keine Psychologen, keine Bewährungshelfer … Ja, ich dachte oft daran, wie es wohl in Berlin werden würde, und ich hegte tatsächlich die Hoffnung, dass es ganz gut werden würde. Wenn Nicki endlich frei von seiner Vergangenheit war und wir ungestört für uns sein konnten; wenn wir unser Leben gemeinsam aufbauen konnten und nicht in dauernder Furcht leben mussten, dass uns irgendjemand verfolgte …

Ja, langsam wurde es in mir drin wieder leichter, obwohl es immer noch sehr viele Dinge gab, die wir zwischen uns klären mussten. Und ganz so schnell würde ich über Nickis Treuebruch auch nicht hinwegkommen. Die Angst, dass es irgendwann wieder vorkommen konnte, würde wohl noch lange bestehen bleiben … Und es gab immer wieder Momente, besonders nachts, wo ich mir nicht sicher war, was ich nun wirklich wollte. Ob ich wirklich mit ihm nach Berlin gehen sollte. Und ob eine Verlobung mit ihm in Frage kam. Und wie es auch mit unseren körperlichen Intimitäten weitergehen sollte … Wir hatten nie mehr darüber geredet. Ich überlegte, ob ich dieses Thema irgendwie anschneiden sollte, doch überraschenderweise kam er mir zuvor, als wir an einem Abend wieder mal hinter einem Ginsterbusch am Strand lagen und er sein T-Shirt ausgezogen hatte.

«Du, Maya …», begann er zögernd und drückte die Zigarette, die er gerade fertig geraucht hatte, im Sand aus.

«Ja?»

«Ich weiß nicht so recht, wie ich das sagen soll …»

«Sag es einfach so, wie du es auf'm Herzen hast», ermutigte ich ihn.

Er drehte sich zu mir und sah mich an.

«Ich würde wahnsinnig gern mit dir schlafen, weißt du», sagte er leise. «Ich denk dauernd daran … und es macht mich manchmal fast verrückt …» Er atmete richtig tief, weil sein Puls so heftig ging und sein Körper so sehr glühte. «Mensch … ich weiß manchmal gar nicht mehr, wie ich das aushalten soll. Und trotzdem … ich möchte nicht, bevor wir nicht … bevor wir nicht wissen, dass wir für immer zusammengehören. Verstehst du, was ich meine?»

«Schon …» Ich hatte aber den Eindruck, als hätte er noch nicht alles gesagt.

«Ich … sieh mal, wenn ich mit dir schlafe, dann … dann wird das für immer hier drin sein.» Er legte die Hand auf die Stelle, wo sein Herz war. «Dann wirst du für immer in mein Herz gebrannt sein und ich in deins. Ich weiß das. Ich spür das. Ich würde es nie mehr vergessen. Und du auch nicht. Und wenn wir nicht für immer zusammenbleiben, würde es zu sehr wehtun.» Er legte eine Pause ein, weil er die richtigen Worte finden musste. Ich merkte, dass es nicht immer leicht für ihn war, zwischen Italienisch und Deutsch zu wechseln. Er dachte eindeutig in seiner Muttersprache, dessen war ich mir sicher, und all das auf Deutsch zu formulieren war für ihn gewiss manchmal eine Herausforderung.

Er rutschte ein wenig zur Seite, als müsste er sich selbst vor meinen Berührungen schützen.

«Ich hab mit einigen Mädchen geschlafen …», flüsterte er. «Aber … bei dir wäre es so total anders … es wäre das erste Mal richtig, verstehst du? Es wäre für mich irgendwie auch das erste Mal … so wie für dich.»

«Ich sehe es auch so, Nicki», sagte ich leise. «Ich denke auch, wir sollten noch warten. Ich könnte jetzt zu diesem Zeitpunkt gar nicht. Nicht nach dem, was passiert ist. Und sowieso möchte ich vorher ganz sicher sein, dass du nicht HIV-positiv bist.»

«Ich weiß …» Er wandte sein Gesicht ab.

«Wann wirst du den Test machen?», fragte ich.

«Ich komm nicht drum herum, ihn bald zu machen, das ist mir schon klar», murmelte er.

«Du hast Angst davor, stimmt's?», fragte ich.

Er zögerte und nickte dann niedergeschlagen.

«Denkst du denn, es ist möglich, dass du positiv bist? Hatten einige deiner früheren Partnerinnen gesundheitliche Probleme?» Ich zitterte bei diesem Gedanken, den ich so oft einfach verdrängt hatte.

«Ich weiß es nicht. Aber es ist nicht auszuschließen», gab er leise und traurig zu. «Tut mir leid. Ich hätte dir das schon längst sagen sollen …»

Ja, wieso hatte ich eigentlich nicht viel mehr über diese Frage nachgedacht, die doch so wichtig war? Vielleicht, weil ich es gar nicht hatte wissen wollen … Ach, ich wusste es doch selber nicht. Es war einfach zu viel los gewesen in letzter Zeit.

«Und mit Angel hättest du ohne Präservativ geschlafen, wenn ich euch nicht gestört hätte?»

Domenico stand auf und ging ohne weitere Worte ins Wasser. Er schwamm richtig weit hinaus, bis zu dem Felsen. Ich blieb sitzen und genoss die letzten Sonnenstrahlen, ehe sie hinter dem Horizont verschwanden.

Ich wusste, welche Frage Nicki zutiefst bewegte.

Die Frage, ob ich auch mit ihm zusammenbleiben würde, wenn er HIV-positiv wäre …

Später, als es schon dunkel war und wir zum Haus zurückgingen, hörten wir schon von weitem, dass eine heftige Diskussion stattfand. Domenico blieb sofort stehen.

«Meine Mutter!», seufzte er.

Tatsächlich, im Garten saßen Zio Giacomo, Maria und Bianca, und offenbar war eine heiße Debatte im Gang.

Im selben Moment hatte Zio Giacomo uns schon entdeckt und winkte uns heran.

Domenico murmelte irgendwas auf Italienisch, doch er brachte es wohl nicht fertig, dem Zio Widerstand zu leisten. Wir gesellten uns dazu, und Zio Giacomo brachte uns zwei Stühle. Domenico verdrehte nur die Augen und sah seine Mutter nicht an. Stattdessen angelte er sich ihre Zigarettenschachtel und bediente sich einfach. Maria sagte nichts dazu und zündete sich selbst eine an.

Ich hörte eine Weile lang nur dem Gespräch zu, das nun wieder etwas ruhigere Töne angenommen hatte. Natürlich verstand ich nicht viel, doch ein Ding bekam ich mit: nämlich dass Bianca in Zukunft bei ihren Verwandten hier in Licata würde leben dürfen. Und auch Maria wollte hier bei ihrer Tochter bleiben. Offenbar hatte sie vieles geregelt. Nun blieb nur noch die Frage, ob das Jugendamt und Biancas Vater zustimmen würden, aber ich war ganz überrascht über diese unverhoffte Lösung.

Bianca selbst wirkte ganz anders, viel gelöster. Es schien, als habe der Aufenthalt bei ihren Verwandten ihr gutgetan. Sie war offensichtlich ziemlich verwöhnt worden – etwas, was ihr immer gefehlt hatte. Ihr Gesicht war etwas runder geworden und wirkte nicht mehr so hochmütig wie sonst, und ich sah sie sogar ab und zu ein wenig lächeln. Auch mich schaute sie nicht mehr so giftig an wie vor wenigen Tagen noch.

Es schien, als habe sie endlich, endlich ihren Platz gefunden.

Etwas später, als Domenico und ich ein paar Sachen in die Küche brachten, nutzte ich die Gelegenheit und sagte zu ihm: «Das ist doch eine gute Sache mit Bianca, oder?»

Er nickte, und ich sah ihm an, wie glücklich auch er über diese unverhoffte Wendung war. «Du glaubst nicht, wie froh ich bin, echt. Das hat mich immer extrem belastet. Jetzt hab ich endlich mal ein Problem weniger, ey.»

«Denkst du, das Jugendamt wird es erlauben?»

«Weiß nicht, aber ich glaub, die sind ganz froh, wenn sie Bianca los sind. Kostet die ja 'ne Menge Kohle.»

«Und ihr Vater?»

«Der? Soll mal ganz schön die Fresse halten, sonst lernt er mich kennen.» Der Zorn in seiner Stimme signalisierte mir wieder einmal, wie viel Schreckliches er mit seinem Stiefvater erlebt haben musste. Aber das war wohl eine andere Geschichte, die er mir vielleicht erst viel später erzählen würde …

Ein Happy End für Bianca! Auch wenn sie nie meine Freundin werden würde, war ich echt froh für sie.

«Und deine Mutter wird dir dann auch nicht ständig auf die Pelle rücken, wenn sie nun auch hierbleiben wird», sagte ich.

«Ich weiß nicht, ob ich wieder mit nach Deutschland komme …», murmelte er dunkel.

Ich wusste natürlich, worauf er anspielte … und ich wusste, dass es an mir war, ihm die Antwort zu geben.

«Nun müssen wir nur noch Manuel zurückkriegen», wechselte ich das Thema.

«Mhmm … hab schon gedacht, dass er auch hier aufwachsen könnte, falls Morten ihn nicht nehmen kann», sagte Nicki. «Oder bei Luisa …»

«Falls das alles überhaupt geht», gab ich zu bedenken. «Das Jugendamt hat ja auch ein paar Takte mitzureden.»

Er schnaubte verächtlich. «Die haben doch eh keine Ahnung, was wirklich läuft.»

Ja, die Frage, wie es mit Manuel weitergehen sollte, würde sich wohl nicht so schnell klären. Aber ich war erleichtert, dass wir nun wenigstens mit Bianca ein Problem weniger hatten.

Auf einmal stand Zio Giacomo in der Küche. Er ging auf Domenico zu und legte ihm von vorne die Hände auf die Schultern. Domenico, der fast einen halben Kopf größer war als sein Onkel, schaute fragend auf ihn hinunter.

Zio Giacomo redete sehr eindringlich auf ihn ein. Ich stand daneben und ärgerte mich wieder einmal, dass ich zu wenig verstand. Immerhin bekam ich mit, dass der Zio Domenico inständig darum bat, mit ihm nach draußen zu kommen. Seine Mutter wollte noch ein letztes Mal mit ihm reden.

Schließlich gab Domenico nach und folgte ihm.

Ich blieb drinnen, weil ich irgendwie spürte, dass das ein Gespräch war, das nur zwischen Nicki, Zio Giacomo und seiner Mutter stattfinden sollte.

Etwas später stellte ich fest, dass auch Bianca sich ins Haus zurückgezogen hatte. Sie saß vor dem Fernseher und schaute sich einen italienischen Zeichentrickfilm an.

Als sie mich sah, hob sie ihren Kopf. Täuschte ich mich, oder wirkten ihre Augen nicht ganz so kalt wie sonst?

«Hallo», sagte ich ganz spontan.

Zu meinem Erstaunen erwiderte sie meinen Gruß. Zum allerersten Mal.

Sie rückte sogar ein wenig zur Seite, als ich schüchtern neben ihr Platz nahm. Ich wusste, dass wir einander nicht viel zu sagen hatten, aber das war schon in Ordnung. Wir brauchten keine Freundinnen zu werden. Aber an diesem Abend fühlte es sich zum ersten Mal so an, als seien wir auch keine erbitterten Feindinnen mehr. Bianca brauchte ja nun auch nicht mehr auf mich eifersüchtig zu sein. Denn sie hatte nun bekommen, wonach sie sich gesehnt hatte: eine Familie.

Das Gespräch zwischen Domenico, seiner Mutter und Zio Giacomo dauerte lange, sehr lange. Was hatten sie bloß so lange miteinander zu besprechen? Aber in mir keimte Freude auf, weil ich wusste, dass alles auf dem richtigen Weg war. Dass das vielleicht endlich die Aussprache war, die schon seit Jahren zwischen Domenico und seiner Mutter fällig gewesen war.

Mein Herz klopfte schneller, wenn ich daran dachte, was das wohl für die Zukunft bedeuten würde: nämlich dass Domenico kaum noch Stress mit seiner Mutter haben würde. Dass es ihm vielleicht helfen würde, endlich wieder weniger zu rauchen, oder sogar … ich wagte den Gedanken kaum zu denken: sogar ganz damit aufzuhören, und zwar für immer. Nie mehr rückfällig zu werden. Eines der Dinge, die wir uns alle schon so lange für ihn und seine Gesundheit wünschten. Etwas, das ja schon einmal fast zum Durchbruch gekommen wäre, als er damals im Schoß meiner Mutter geweint hatte.

Ob vielleicht sogar seine Alpträume dadurch verschwinden oder zumindest seltener werden würden?

Erst in den frühen Morgenstunden, als ich längst schlief, kam Domenico zurück. Ich erwachte, als er sich sachte und lautlos neben mich legte. Er kuschelte sich fest an mich, und ich fühlte, wie er zitterte.

«Nicki?», flüsterte ich und strich über sein Haar. «Bist du okay?»

Er nickte nur, doch er war eindeutig aufgewühlt.

«Was ist passiert?»

Er konnte nicht gleich antworten. Er brauchte erst eine Weile, bis er sich einigermaßen im Griff hatte.

«Ich … ich weiß es nun endlich … ich weiß nun alles. Sie hat endlich alles zugegeben», keuchte er. «Zio Giacomo hat mit ihr geredet … mit uns … und sie hat endlich alles zugegeben.»

«Was zugegeben? Erzähl's mir!»

«Morgen. Ich lass dich besser schlafen …»

«Aber nein, jetzt!», forderte ich. «Oder denkst du, dass ich nun noch schlafen kann?»

Er löste sich von mir und drehte sich auf den Rücken. Ich rutschte wieder an ihn heran und legte meinen Kopf auf seine Brust.

«Nicki? Was hat sie zugegeben?»

«Dass sie uns umbringen wollte. Sie hat's voll zugegeben.»

«Ehrlich?»

«Ich mein, wir haben's ja immer gewusst», flüsterte er. «Ich weiß nicht mehr, woher wir es wussten, Mingo und ich. Wahrscheinlich hat uns das irgendjemand mal gesagt. Aber sie wollte es nie zugeben. Sie hat's immer abgestritten und behauptet, dass ich krank sei, mir so was einzubilden. Aber jetzt hat sie es zugegeben. Sogar Zio Giacomo hat's gehört.»

Sein Atem ging rasend schnell. Ich richtete mich auf und legte meine Hand auf seine Brust, um sie zu massieren. Regelrechte Hitzewellen schossen durch seinen Körper.

Schade, insgeheim hatte ich gehofft, dass die Geschichte mit dem Mordversuch nicht wahr gewesen wäre … doch andererseits hätte das bedeutet, dass Domenico wirklich an Wahnvorstellungen litt.

«Und wie ist das nun für dich?», fragte ich.

«Was?»

«Na, dass du es nun weißt?»

«Ich weiß nicht … es ist …» Plötzlich richtete er sich auf und sah mich an. Wir konnten in der Dunkelheit zwar nur unsere Umrisse erkennen, doch wir wussten beide, dass wir einander fest in die Augen schauten. Ihm war offenbar eine Erkenntnis gekommen.

«Ich glaub, es ist ungefähr so, wie es für dich war, als ich dir die Sache mit den … na, du weißt schon … erzählt hab», sagte er leise. «Jetzt … jetzt weiß ich endlich, was sie dabei gefühlt hat. Jetzt konnte ich endlich mit ihr darüber reden. Ich hatte immer Panik, mit ihr zu reden … weil sie immer Dinge gesagt hat, die mich fertiggemacht haben. Ich glaub, ohne Zio Giacomo hätte sie das nie zugegeben …»

«Erzählst du mir, was sie gesagt hat?», bat ich.

Er schwieg lange, so dass ich schon damit rechnete, dass er es nicht schaffte, darüber zu sprechen. Doch dann wurde mir klar, dass er das Ganze nochmals in sich drin Revue passieren ließ.

«Sie … sie sagte, dass sie das nicht getan hat, weil sie uns nicht haben wollte. Sie wollte uns schon haben … aber ihr Zuhälter … der Typ, für den sie arbeitete … er hat sie gezwungen. Er hat ihr gedroht, sie zu verprügeln und rauszuschmeißen, wenn sie uns nicht loswurde … und sie wusste nicht, was sie tun sollte.»

Ich fühlte, wie er vorsichtig seine Arme um mich legte und sein Gesicht in meinem Haar vergrub, und dann, wie eine Träne über meinen Hals rann.

«Und … Kacke, Maya, weißt du, wer dieser Typ war?»

«Nein. Wer war es denn?»

«Alcide.»

«Wer ist ...?»

«Der kranke Typ, der uns immer windelweich geprügelt hat … Biancas Alter …»

«Dein Stiefvater?»

Er schluchzte auf.

«Aber wie kann das sein?» Uff, das Ganze war noch viel verwirrender, als ich vermutet hatte. Auch ich legte nun meine Arme um ihn und drückte ihn an mich, wollte ihn trösten, ihm alles geben, was ich geben konnte. Ich konnte ihm nicht mal mehr böse sein wegen all dem, was passiert war. Es war enorm, was er alles durchgemacht hatte. Mehr, als ich je geahnt hatte. Außerdem war ich auch nicht ganz unschuldig gewesen … Es gab etwas, das er angesprochen hatte … etwas, das ihm wichtig war … was er sich wünschte und was ich vernachlässigt hatte.

«Sie hat für ihn gearbeitet», sagte er, als er wieder in der Lage war zu sprechen. «In Palermo. Sie war ja nie da. Sie hat uns nachts ja immer allein gelassen. Er hat ihr 'ne Karriere und so was versprochen. Später ist er dann nach Deutschland gegangen. Sein Cousin hatte ihm 'ne Stelle verschafft. Nachdem Mamma Rosalia gestorben war und nicht mehr auf uns aufpassen konnte, hat sie unsere Sachen gepackt und ist mit uns nach Deutschland gefahren. Sie wollte uns zu Morten bringen, weil sie glaubte, dass wir es dort besser hätten. Aber Morten wollte uns ja damals nicht. Dann hat sie wieder nach Alcide gesucht. Voll beknackt. Der wollte dann, dass sie ihn heiratet, und das hat sie gemacht, und wir haben dort gewohnt. Und das war echt die Hölle …»

Ich streichelte ihn, und er kuschelte sich noch enger an mich.

«Und dann?»

«Na ja, den Rest kennst du ja. Wir sind dann irgendwann von zu Hause weg, und dann sind wir krass abgestürzt, Mingo und ich.»

Wieder weinte er, und ich ließ ihm Zeit und drückte ihn einfach an mich, wiegte ihn in meinen Armen. Es war unendlich wichtig, dass er all das rauslassen konnte. Und während ich ihn festhielt, fühlte ich, wie etwas in ihm drin auf einmal an den richtigen Platz gerückt wurde.

Irgendetwas war in seinem Inneren geschehen.

Ich fragte mich auf einmal, ob er vielleicht in naher Zukunft auch die Medikamente und Schlaftabletten nicht mehr brauchen würde.

Als ich fühlte, dass er sich fürs Erste leergeweint hatte, fragte ich sehr vorsichtig: «Sag mal, hast du nicht auch ein paar schöne Erinnerungen an deine Mutter?»

Er hob seinen Kopf ein wenig. Er schien zu überlegen und antwortete dann schließlich leise: «Doch, es war immer schön, wenn wir hier bei Zio waren. Da war sie ganz anders. Sie blieb bei uns und ging nicht weg. Sie ist mit uns immer ans Meer gegangen … hast ja die Fotos gesehen. Sie hat mit uns gespielt. Sie hat mich sogar nachts getröstet, richtig getröstet, und ich hab viel weniger gebrüllt im Schlaf, glaub ich. Aber immer, wenn wir wieder zurück nach Monreale gingen, wurde sie ganz anders … hat sich kaum mehr um uns gekümmert … Und in Deutschland war sie nur noch psychomäßig drauf, hat gesoffen und war ständig zugedröhnt oder in der Klinik …» Er brach ab.

Ja, jetzt sah ich auf einmal alles richtig deutlich vor mir. Jetzt verstand ich endgültig, warum er ihr nicht richtig vertrauen konnte. Mal war sie für ihn und Mingo da gewesen, mal wieder nicht. Mal hatte sie ihn getröstet und dann wieder abgewiesen. Er hatte nie gewusst, woran er bei ihr war. Ja, kein Wunder, dass er einen Nähe-Distanz-Konflikt hatte, wie Hendrik es mal nannte. Er hatte dauernd Angst, dass man ihn wieder enttäuschte, er hatte Angst, dass man ihn abweisen würde … und er hatte auch vor mir Angst. Deshalb zog er sich immer dann wieder zurück, wenn wir uns besonders nah gewesen waren. Und so schaffte er es nicht, eine konstante Beziehung zu pflegen. Er haute immer wieder ab, nur um selber die Kontrolle behalten zu können.

Aber noch war nicht alles geklärt.

«Sag mal … hat deine Mutter dir gesagt, wie das genau abgelaufen ist bei der Geburt?» Ja, das war die Frage gewesen, die man ihm nie hatte stellen dürfen, die absolut tabu gewesen war, und nun kam sie mir auf einmal so leicht über die Lippen.

Ich spürte, wie sich in ihm alles zusammenzog, und ich hatte wahnsinnig Angst, dass ich nun doch wieder zu weit gegangen war. Umso erstaunter war ich, als er mir schließlich – wenn auch nach einer geraumen Weile – die Antwort gab, die ich so gerne wissen wollte.

«Ja, sie … sie hat versucht, uns zu ersticken. Mingo ist fast draufgegangen. Der war ganz blau. Sie meint, ich hätte so laut gebrüllt, dass die Nachbarin gekommen sei … und dann hat sie angefangen zu heulen und wollte Mingo retten … und dann hat er plötzlich wieder geatmet, aber sie war völlig fertig … Sie sagte, dass sie das eigentlich nicht hatte tun wollen … Sie sagte, sie wisse selber nicht, warum sie es getan habe … Dann hat sie uns zu den Nonnen gebracht. Das heißt, sie hat uns einfach vors Kloster gelegt, mitten in der Nacht, unter 'ne Laterne. Sie … sie dachte, dass die Laterne … dass sie … dass wir vielleicht nicht so sehr Angst haben würden, wenn wir das Licht sehen würden … ey, ist doch total abgefahren … ich hab ständig von Laternen geträumt, checkst du das jetzt?»

Ich schüttelte fassungslos den Kopf. Ich hatte mich oft gefragt, woher seine Träume von der Laterne herrührten, aber auf diese Erklärung wäre ich nie gekommen. Und nicht nur das: Offenbar hatten er und Mingo bei der Laterne immer eine Art Schutz gesucht. Hatten sie deswegen seinerzeit immer wieder im Wald bei der Laterne übernachtet, wenn sie es zu Hause nicht mehr ausgehalten hatten?

Unglaublich … unsere Laterne!

«Aber warum hat eure Mutter euch denn nicht direkt zu den Nonnen gebracht?», wollte ich noch wissen. «Zio Giacomo hat mir gesagt, er hätte sie zu Mamma Rosalia geschickt. Sie sei eine Urgroßtante von euch gewesen …»

«Ich weiß nicht … ich glaub, sie hat sich nicht getraut, zu ihr zu gehen, weil sie ja als Prostituierte gearbeitet hat. Sie wollte das Zio Giacomo auch nicht sagen, aber er hat das längst gewusst. Aber sie dachte wohl, sie kann nicht als Prostituierte zu einer Nonne gehen, mi capisci? Außerdem hat sie vorher nicht gewusst, dass wir Zwillinge sind; sie dachte, da wäre nur ein Baby. Ey, sie hat nicht erklärt, warum sie es getan hat, sie hat nur gemeint, sie sei total verzweifelt gewesen. Aber wenigstens hat sie's zugegeben. Das hilft schon viel, weißt du.»

«Aber bei Mamma Rosalia wart ihr wenigstens glücklich, oder?» Ich hatte nun so viel Schreckliches und Grausames gehört, dass ich unbedingt auch das Gute hören wollte.

«Mhmm … ja. Sie … sie hat uns viel getröstet. Sie war nie böse mit uns. Und sie hat uns Zeichnen und Harfe spielen beigebracht. Und aus der Bibel vorgelesen. Aber sie war ziemlich alt … und krank … irgendwann konnte sie nicht mehr aufstehen.»

Eine Weile saßen wir still in der Dunkelheit da, und jetzt, da ich seinen inneren Konflikt viel besser verstand, wurde mir auf einmal leichter ums Herz. Und in dem Moment wusste ich auch, dass endlich, endlich das letzte Geheimnis gelöst worden war.

Dass das Puzzle nun wirklich komplett war. Dass es nun keine fehlenden Teile mehr gab.

Doch, eines noch …

«Hat sie dir eigentlich gesagt, wer von euch der Erstgeborene war? Du oder Mingo?»

«Ich hab sie gefragt, aber sie sagt, sie weiß es nicht mehr. Sie glaubt, dass ich es war, aber ich glaub, dass Mingo es war. Na ja … ist ja nun nicht mehr wichtig …»

Okay, diese eine Sache würde wohl ein ewiges Geheimnis bleiben. Damit konnte man leben.

«Und wie bist du nun mit deiner Mutter verblieben?», fragte ich. «Ich meine … willst du Kontakt zu ihr halten? Willst du an der Beziehung mit ihr arbeiten? Oder willst du sie ganz abbrechen?»

«Ich glaub nicht, dass ich an 'ner Beziehung zu ihr arbeiten will», sagte er leise. «Es tut mir einfach zu sehr weh, mit ihr zusammen zu sein. Es reicht, wenn ich sie hier auf Sizilien ab und zu mal treffe. Aber ich glaub, mehr tut mir nicht gut.»

Ich nickte wortlos. Wenn er das so wollte, musste man das respektieren.

«Ich mein, Zio Giacomo hat mir ja schon gesagt, dass ich ihr verzeihen soll», fügte er hinzu. «Er meint, dass dieser viele Zorn in mir schuld sei, dass ich … Suchtprobleme und so hab. Denkst du, das könnte sein?»

Das wusste ich nicht. Aber es klang gar nicht so abwegig.

«Ich denke, Pfarrer Siebold würde auch so was sagen», meinte ich. «Hass ist immer zerstörerisch. Steht ja auch in der Bibel …»

Er schwieg und schien lange nachzudenken.

«So was hat mir in der Therapie keiner gesagt …», murmelte er.

«Du, Nicki … eine andere Frage: Möchtest du jetzt nicht mal den Umschlag von deiner Mutter öffnen?», wollte ich wissen.

Er zögerte. «Nein …», sagte er schließlich. «Nicht jetzt … das ist mir zu viel auf einmal. Ich hab so viel gesehen … das Turmzimmer, die Bilder … ich muss das alles erst mal in mir drin verarbeiten, glaub ich. Ich weiß nicht, was da noch alles in dem Umschlag drin ist, Maya …»

«Okay, aber du wirfst ihn bitte nicht weg, ja?»

«Nein …», sagte er leise. «Aber … ich brauch fürs Öffnen noch ein wenig Zeit.»

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. All das Denken hatte mich auf einmal furchtbar müde gemacht, und ich musste mich wieder hinlegen.

Auch Nicki gähnte, und ganz vorsichtig legte auch er sich nieder, aber nicht auf sein Kissen, sondern auf meine Brust.

«Weißt du was, Nicki? Dann war für dich diese Laterne quasi ein Babysitter …»

«Meinst du?», murmelte er schläfrig. Dann sagte er lange Zeit nichts mehr, doch er schien über diese Worte nachzudenken.

Ich kraulte sein weiches Haar und erinnerte mich auf einmal wieder an die Zeit, als er noch so unerreichbar fern von mir gewesen war. Als ich vor Sehnsucht nach ihm fast zersprungen wäre …

«Ich liebe dich, Nicki …», flüsterte ich schließlich leise, aber ich wusste nicht, ob er es noch hörte. Es schien, als sei er auf einmal tief und fest eingeschlafen.