Ich stand vor dem Spiegel im Schlafzimmer meiner Eltern und ließ mir von Mama Blumen ins Haar flechten, was eigentlich überhaupt nicht zur Jahreszeit passte. Ich hätte die Verlobungsfeier gerne im Frühling gehabt, aber die Zeit hatte geeilt, weil Nicki Anfang Dezember nach Berlin gehen sollte. Außerdem war die baldige Verlobung die beste Medizin für ihn gewesen, um den November zu überstehen, der für ihn immer eine düstere Bedeutung haben würde. Denn im November vor zwei Jahren war sein Zwillingsbruder Mingo gestorben …
«So, das wär's», sagte Mama. «Ich finde, das sieht hübsch aus.»
Ja, das fand ich auch. Ein warmes Gefühl durchflutete mich. Mama hatte es nicht lassen können, mir ein schönes rosafarbenes Ballkleid zur Verlobung zu schenken. Ich wusste, dass meine Eltern beide nach wie vor skeptisch waren und dass sie die Verlobung mehr mit Vorbehalt akzeptierten, als dass sie sich wahnsinnig darüber freuten. Dennoch hatte Mama mich bei den Vorbereitungen tatkräftig unterstützt. Sie wusste, dass es vielleicht ihre letzte Chance war, wenigstens in dieser Hinsicht etwas mit mir zusammen zu erleben, und sie wusste ebenso, dass es mir wichtig war, sie wenigstens bei einem Teil dieses Lebensabschnittes dabeizuhaben.
Es war gar nicht so einfach gewesen, auf die Schnelle eine Feier zu organisieren. Wir hatten großes Glück gehabt, dass wenigstens Morten und Hendrik so kurzfristig hatten kommen können. Liv und die anderen beiden Kids, Solvej und Kjetil, waren allerdings verhindert gewesen. Abgesehen davon hatte Kjetil ziemlich rumgemotzt und behauptet, keinen Bock zu haben, nach Deutschland zu reisen. Er war nach wie vor nicht ganz offen Domenico gegenüber.
Mit auf der Gästeliste waren natürlich noch Delia, Manuela, Patrik, Jenny – und weil es Delia nur im Doppelpack gab, auch noch Ronny.
Domenico hatte Mike, Suleika und Gina eingeladen. Tante Lena sollte noch kommen, und natürlich Carrie mit Manuel. Ich hatte lange überlegt, ob ich auch noch Frau Galiani einladen sollte, mich jedoch dagegen entschieden. Sie würde das mit der Verlobung wahrscheinlich nicht verstehen … und Domenico fand es sowieso unangenehm, seine ehemalige Lehrerin bei unserer Verlobung zu haben. Ich nahm mir vor, sie bei einer anderen Gelegenheit wieder zu treffen.
Zu guter Letzt gehörten auch zwei Hunde zu den Gästen – nämlich der alte Dackel Gonzales von Tante Lena und Carries zottelige Promenadenmischung Razor.
Insgeheim hatte ich mir gewünscht, an unserer Verlobung zum ersten Mal beide Elternteile von Domenico zusammentreffen zu sehen – Vater und Mutter. Morten und Maria. Doch das war leider nicht möglich, weil Maria und Bianca immer noch auf Sizilien waren. Und so, wie es aussah, würden sie auch nicht mehr zurückkommen …
Zu gerne hätten wir natürlich auch Zio Giacomo bei uns gehabt. Aber für den Zio gab's nur das Meer und die Boote. Einen Zug oder gar ein Flugzeug bestieg er jetzt auf seine alten Tage hin auch nicht mehr …
Und nicht zuletzt war natürlich Pfarrer Siebold mit von der Partie, der eine kleine Ansprache halten sollte, damit das Ganze auch einen richtig offiziellen Charakter hatte. Wir hatten im Wohnzimmer einen kleinen Tisch aufgebaut, den Mama auf meinen Wunsch hin mit Blumen und einem Kreuz geschmückt hatte, so dass er wie ein kleiner Altar wirkte. Nach der Verlobungszeremonie stand ein viergängiges Menu auf dem Plan, das Domenico mit Mama vorbereitet hatte.
Auch die Sache mit den Fotos hatten wir geklärt. Ich hatte Nicki ungefähr drei Tage lang bekniet, bis er schließlich eingewilligt hatte, mit mir zusammen ein paar Fotos zu machen. Aber nur ausschließlich mit mir, und unter der Bedingung, dass nachher keine Fotoapparate mehr rumgeistern würden und niemand mehr irgendwelche Schnappschüsse von uns machen würde. Und ich hatte gewusst, dass es nur einen einzigen Menschen gab, bei dem ich mich darauf verlassen konnte, dass er sich an Nickis Wunsch hielt – und das war Hendrik. So hatte ich ihn nicht nur zu unserem zukünftigen Trauzeugen, sondern gleich auch zum Fotografen erkoren. Und Morten hatte nebenbei mit trockenem Humor bemerkt, dass er darauf achten werde, dass sein Sohn Hendrix, das Vergesslichkeitsgenie, die Speicherkarte dieses Mal nicht vergaß. Nicki hatte es dennoch nicht unterlassen können, ständig zu erwähnen, dass er diese blöde Fotografiererei einfach abartig fand.
«Es reicht doch, wenn man alles in Erinnerung behält», hatte er gestöhnt.
Paps war zu guter Letzt auch viel ruhiger gewesen, nachdem er erfahren hatte, dass Domenicos Vater kommen würde. Er war froh, Morten bald kennenlernen zu dürfen. Ich wusste, dass das ihm und auch Mama wenigstens ein gewisses Gefühl von Sicherheit gab, was mich betraf. Es war ja schon schlimm genug für meine Eltern gewesen, dass Domenico und ich uns verloben wollten, noch bevor er überhaupt den Aids-Test gemacht hatte. Dafür konnte ich ja nicht mal mir selber eine vernünftige Erklärung abliefern …
Und jetzt stand ich hier vor dem Spiegel und platzte fast vor Nervosität. Und ich wusste, dass es Nicki im Nebenzimmer genauso ging. Hendrik war bei ihm und half ihm, sich vorzubereiten. Wir hatten vereinbart: Sobald Paps die Musik einspielt, wird Mama mich zum Blumentisch führen – und Hendrik macht dasselbe mit Domenico.
Als die ersten Musiktöne erklangen, überschlug mein Herz sich fast. Mama fasste mich am Arm. Gleichzeitig hörte ich, wie die Tür vom Nebenzimmer aufging und Nicki und Hendrik auf den Flur traten. Sie tuschelten leise miteinander, und nachdem wir sicher waren, dass sie im Wohnzimmer waren, öffnete auch Mama die Tür und schob mich sachte hinaus. Ich musste tief Luft holen, um meine flatternden Nerven zu beruhigen. Ein letztes Mal prüfte ich, ob die Blumen in meinem Haar auch richtig saßen, und raffte den rosafarbenen Tüll des Kleides zusammen, um ja nicht über den Saum zu stolpern.
Im Wohnzimmer waren bereits alle versammelt. Wir hatten die Sitzgruppe beiseite geräumt und Stühle aufgestellt, und es wirkte fast so, als wäre unser Wohnzimmer eine kleine Kirche.
Domenico stand mit Hendrik bereits beim Blumentisch. Er trug schwarze Hosen und ein karamellfarbenes Hemd und hatte den Gästen und mir den Rücken zugekehrt. Hendrik klopfte ihm mit einem Grinsen auf die Schulter. Auch Pfarrer Siebold wartete bereits bei ihnen. Auch er hatte sich extra in Schale geworfen. Es wirkte tatsächlich schon fast, als wäre das eine kleine Hochzeit und gar keine Verlobungsfeier. Aber genau so hatten wir es uns ja auch gewünscht, Nicki und ich.
«Alter, ich glaub, mein Schwein pfeift», hörte ich Mike in der hintersten Reihe murmeln. «Der Tiger verlobt sich …»
«Sei doch still», zischte Suleika. Sie und Gina steckten in orientalischen Gewändern und hatten ihr Haar hochgesteckt, während Mike sich überhaupt nicht die Mühe gemacht hatte, sich irgendwie herauszuputzen. Im Gegenteil, er trug seine abgewetzten Hiphop-Klamotten mit den viel zu weiten Jeans und einer langen Silberkette um den Hals. Und natürlich ein ärmelloses Hemd, damit jeder seine imposanten Tätowierungen bewundern konnte. Ich hatte schon vage mitgekriegt, wie Paps sich ziemlich darüber aufgeregt hatte. Aber Mike war nun mal Mike, und er war trotz allem Domenicos bester Kumpel.
Hendrik stieß Nicki lächelnd in die Seite, und Nicki drehte sich zu mir um. Er riss seine Augen auf, als er mich erblickte.
«Wow», hauchte er sichtlich überwältigt.
Mama ließ mich sachte los, und ich trat auf ihn zu.
«Si' tantu bedda ...» Nicki blieben beinahe die Worte im Hals stecken. Vorsichtig streckte er die Hand nach mir aus und berührte den seidenen Stoff des Kleides.
«Siehst du das, Schatz?», hörte ich Delia Ronny zuflüstern. «Und du merkst nicht mal, wenn ich ein neues Kleid anhab!»
«Ja-ha …», brummelte Ronny beschämt.
Aber auch Domenico sah echt klasse aus in seinen neuen Sachen, die Morten ihm finanziert hatte. Es war ganz ungewohnt, den ehemaligen Straßentiger ausnahmsweise mal nicht in abgewetzten Jeans und Lederjacke zu sehen. Seine Haare hatte er mit Gel so gebändigt, dass sie diesmal nicht über seine Augen fielen.
Mama nahm ein Glas und schlug mit dem Löffel daran – ein Zeichen, dass alle auf ihre Plätze gehen sollten. Hendrik schlüpfte schnell auf seinen Stuhl. Nur Domenico und ich blieben allein vorne beim Blumentisch. Wir schauten uns an, während unsere Hände sich ineinander verschlangen.
Wir hatten uns zum Einstieg das Musikstück «Morning has broken» gewünscht. Das heißt, ich hatte es mir eigentlich gewünscht. Auch wenn es ein alter Schinken war. Doch der Song erinnerte mich an die Anfangszeit, als Domenico neu in meine Klasse gekommen war. Damals war mir das Lied dauernd im Kopf rumgegangen, weil wir es im Musikunterricht oft gesungen hatten.
Ich fühlte, wie warm Nickis Finger waren und dass das mir so bekannte Vibrieren sich in ihnen bemerkbar machte. Aber ich schloss es dieses Mal nicht auf sein Verlangen nach Nikotin, sondern auf seine Nervosität. Niemand sprach, während der Song lief. Sogar Mike hielt die Klappe.
Als die Musik verklungen war, trat Pfarrer Siebold vor. Seine freundlichen Augen strahlten uns an. Er hatte sich sehr über unsere Einladung gefreut, und ich würde das Gespräch, das ich kurz vor unserer Sizilienreise mit ihm gehabt hatte, nie vergessen.
«Liebe Eltern, liebe Verwandte, liebe Freunde – wir sind hier alle versammelt, weil wir ein wichtiges und großes Ereignis im Leben zweier junger Menschen feiern wollen», begrüßte er die kleine Versammlung mit seiner kraftvollen Stimme, in der immer so viel Zuversicht und Glauben mitschwang.
«Und zwar wollen wir die Verlobung von Maya Fischer und Domenico di Loreno feiern. Nun ist es sicher etwas ungewöhnlich, dass eine Verlobung in diesem Rahmen stattfindet. Aber es war der ausdrückliche Wunsch des jungen Paares, dass Mayas Mutter eines Tages die Hochzeit ihrer Tochter noch erleben darf. Wir alle kennen die traurige Geschichte von ihrer Krankheit, und Esther hat mir erlaubt, offen darüber zu reden. Da eine Hochzeit aber doch etwas überstürzt gewesen wäre, hat sich das Paar entschieden, stattdessen seine Verlobung in einem etwas offizielleren Rahmen zu feiern.»
«Alter, ich fass das immer noch nicht», kam es unverkennbar aus Mikes Richtung. Domenico schoss sogleich einen warnenden Blick in seine Richtung, und sein Kumpel war sofort still.
«Nun hat das junge Paar, wie wir ja wissen, eine lange Geschichte hinter sich», fuhr Pfarrer Siebold fort. «Eine Geschichte mit vielen Tiefen, aber auch einigen Höhen. Ich kenne nicht die ganze Geschichte, aber gewisse Teile davon habe ich mitbekommen. Ich muss sagen, dass ich, obwohl ich nun ein halbes Leben lang in der Seelsorge tätig bin und viele junge Paare begleitet habe, selten so eine bewegte Geschichte erlebt habe wie die von Maya und Domenico. Selten habe ich ein junges Paar mit so starken Differenzen und so unterschiedlicher Herkunft gesehen, das trotz so vieler Schwierigkeiten so sehr um seine Liebe kämpfte wie dieses junge Paar, das hier vor uns steht. Und um ehrlich zu sein, habe ich auch noch kaum ein Paar getroffen, das überhaupt fähig war, auf so einer schwierigen Grundlage eine funktionierende Beziehung aufzubauen. Ich habe viele Beziehungen und Freundschaften scheitern sehen, die nur halb so viele Herausforderungen zu meistern hatten. Deswegen bin ich überzeugt, dass wir hier ein ganz besonderes Paar vor uns haben, und ich kann folglich nur den Wunsch aussprechen, den ich in meinem Herzen hege: den Wunsch nämlich, dass wir die beiden hier auf ihrem weiteren Lebensweg unterstützen und ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen werden, sollten sie unsere Hilfe brauchen.»
Nickis Finger zerdrückten die meinen fast. Ich musste mich dazu zwingen, gleichmäßig und ruhig zu atmen, um nicht vor Nervosität den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Morten und Hendrik applaudierten kräftig, Paps etwas verhaltener. Die anderen schlossen sich dem Applaus an. Mike machte dabei ein paar komische Faxen.
Jetzt kam Pfarrer Siebold zu mir und legte mir die Hand auf die Schulter. Ich drehte mich zu ihm und sah ihm in die Augen.
«Dir, Maya, wünsche ich von ganzem Herzen, dass du mit Gottes Hilfe weiter in deinem jungen Erwachsenenleben wachsen und reifen darfst. Bewahre dein sanftes Herz. Du hast Domenico damit viel gegeben. Du warst ein Licht in seiner Dunkelheit, warst für ihn da, als er im tiefsten Tal lag. Das ist eine Gabe, die du dir bewahren solltest. Lass nicht zu, dass dein Herz sich aus irgendeinem Grund verhärtet. Liebe ist sanftmütig und geduldig, und er wird deine Geduld weiterhin brauchen.» Er lächelte mich warm an.
Ich versuchte, mir diese Worte zu merken, so dass ich später noch intensiv darüber nachdenken konnte. Denn jetzt hatte ich keine Zeit dafür. Pfarrer Siebold trat nun zu Domenico, und ich wollte unbedingt mitkriegen, was er ihm sagen würde.
«Dir, Domenico, wünsche ich, dass du all die Gaben erkennst, die Gott in dich hineingelegt hat. Er hat dir viel gegeben – und wem viel gegeben ist, von dem wird auch viel verlangt. Ich wünsche dir, dass du deine Stärken und dein Temperament richtig einsetzen und damit großartige Dinge vollbringen kannst. Denn wie ich schon einmal sagte: Ich glaube, dass Gott noch viel vorhat mit dir. Und ich glaube – nein, ich weiß, dass du Maya mit deiner Kraft immer beschützen kannst. Und sie wird deinen Schutz brauchen. Vergiss das nie. Aus dem Tiger ist jetzt ein Löwe geworden. Setze deine Gaben für gute Dinge ein. Du wirst eines Tages noch vielen Menschen helfen können, davon bin ich überzeugt.»
Domenico hatte die Augen gesenkt, während Pfarrer Siebold zu ihm sprach. Wir hielten uns immer noch an der Hand. Ich betrachtete all die kleinen Narben in seinem Gesicht, die ein ewiges Andenken an seine Zeit auf der Straße sein würden. Aber auch eine Erinnerung an seine Stärke und seinen Kampfgeist, den er für so viel Gutes einsetzen konnte. Ja, ein Löwe … irgendwie gefiel mir der Gedanke.
Domenico hob seinen Kopf erst wieder, als Pfarrer Siebold seine Worte beendet hatte. Manuel, der auf Carries Schoß saß, wimmerte ungeduldig. Er wollte offenbar aufstehen und herumtollen, doch jetzt waren erst mal Nicki und ich an der Reihe.
Domenicos Stimme versagte fast, als er mich anschaute und die Sätze sprach, die er für mich vorbereitet hatte. Er sprach sie sehr leise, so dass nur ich sie hören konnte.
«Principessa, ich … ich nenn dich Principessa, weil du genau das für mich bist. Du hast mein Leben total auf den Kopf gestellt, würd ich mal sagen, und ohne dich hätt' ich wohl viele Dinge nie kapiert. Ich …»
«Lauter!», rief Mike von hinten, und Suleika hielt ihm gleich darauf den Mund zu und schimpfte leise.
Nicki stockte und fuhr dann noch leiser fort:
«Ich … also, ich wünsch mir … dass ich dir das geben kann, was du brauchst … und dass Gott mir hilft, bald ganz stabil zu werden, so dass du nicht dein Leben lang Schwierigkeiten mit mir haben musst. Und ich … ja, ich wünsche mir wahnsinnig, dass wir zwei eines Tages mal richtig heiraten und ganz viele Kinder haben werden.» Er lächelte schüchtern, und seine Wangengrübchen, die nun wieder nur mir gehörten, sahen so unglaublich süß aus.
Jetzt war ich an der Reihe. Auch ich sprach leise, denn schließlich musste das ja wirklich nicht jeder hören. Am allerwenigsten so ein Depp wie Mike.
«Tja, was soll ich sagen? Du bist der starke Tiger, der in mein Leben getreten ist und mich selbst auch zum Leben erweckt hat. Du hast mir zwar viel Schmerz, aber noch viel mehr wunderschöne Momente beschert. Und weil das Schöne bei weitem überwiegt, kann mein Herz einfach nicht anders, als immer wieder neu zu dir zu finden. Ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder ohne dich zu leben. Also wünsche ich mir, dass der Tag, an dem wir für immer zusammengehören werden, bald kommen wird. Und dass aus dem Tiger ein Löwe wird, der mich für immer beschützen wird.»
Nicki lächelte noch mehr und wischte sich verstohlen über die Augen. Es war mucksmäuschenstill im Raum, und ich wusste, dass nun alle gespannt auf einen Kuss warteten. War mir zwar ein bisschen peinlich, dass uns nun alle beim Küssen zusehen sollten, aber wir hatten nun mal A gesagt, also mussten wir auch B sagen …
Wir traten zaghaft näher zueinander, und Nicki schlang seine Arme um mich und küsste mich etwas schüchtern. Es war nicht unser bester Kuss, und er währte auch nicht allzu lange, und zwar insbesondere, weil Mike und Ronny es nicht unterlassen konnten, laut zu johlen und zu pfeifen. Sie waren so laut, dass Manuel vor Schreck zu weinen und Razor zu bellen anfingen. Carrie hatte alle Hände voll zu tun, die beiden wieder zu beruhigen.
Pfarrer Siebold schmunzelte und legte die Hände auf unsere Häupter, um ein kurzes Gebet zu sprechen.
«Vater im Himmel, im Namen Jesu Christi vertraue ich dir diese beiden jungen Menschen von neuem an. Du hast sie bis hierher geführt, und du hast ihnen eine Liebe geschenkt, an denen sich viele ein Beispiel nehmen können. Möge diese Liebe nie vergehen, möge sie auch in Zukunft wachsen und gedeihen. Denn du hältst mehr für sie bereit, als dass sie sich erträumen können. Mögen sie es erkennen und ergreifen. Mögen sie auch mögliche zukünftige Schwierigkeiten mit deiner Hilfe meistern. Danke, dass du sie liebst und formst und beschützest und auf all ihren Wegen mit ihnen sein wirst. Amen.»
Wir stimmten in das Amen ein, und auch die Gäste folgten unserem Beispiel. Die kleine Zeremonie war vorüber, aber Domenico und ich blieben noch ein paar Minuten lang stehen und ließen den einmaligen Moment in uns ausklingen. Tja, nun waren wir offiziell verlobt. Wir hätten uns gerne nochmals geküsst, doch unter keinen Umständen mehr vor Mikes Augen.
Hendrik kam und schoss ein paar Fotos von uns. Ich merkte, wie Domenico sich sofort furchtbar verkrampfte, aber ich war dankbar, dass ich endlich, endlich ein paar Bilder von ihm bekam.
Danach wandten wir uns den Gästen zu, die einer nach dem anderen zu uns kamen, um uns zu gratulieren.
Morten und Hendrik waren die Ersten, und beide strahlten wie zwei Maikäfer übers ganze Gesicht.
«Gute Sache, Sohn», sagte Morten und klopfte Domenico auf die Schulter. «Die richtige Frau zu finden ist eines der wichtigsten und schwierigsten Dinge im Leben eines Mannes. Ich glaube, du hast einen echt guten Fang gemacht!»
«Hej Bruder, ich find das so klasse», sagte Hendrik und fiel Domenico ungestüm um den Hals. Ach, Hendrik … es war so beeindruckend, wie viel Geduld er mit seinem sizilianischen Halbbruder hatte, obwohl Nicki so oft Schwierigkeiten hatte, sich Hendrik gegenüber zu öffnen. «Ihr swei seid ein super Paar.»
«Solvej lässt dich auch ganz herzlich grüßen», sagte Morten. «Sie möchte dann die Fotos sehen. Darf sie das?»
«Ähm …»
«Komm schon, Nicki», drängte ich ihn. «Jetzt hab dich nicht so.»
«Es bleibt in der Familie», schmunzelte Morten.
«Okay, okay …»
«Sie bestürmt mich übrigens schon die ganze Zeit, wann ihr endlich wieder nach Norwegen kommt.»
«Wir wären gern über Weihnachten gekommen, aber das geht nicht wegen meiner Mutter», sagte ich. Mir war es wichtig, dieses Jahr noch einmal mit meinen Eltern zu feiern, zumal man ja nie wusste, wie lange Mama noch leben würde. Ich wusste nicht, ob sie nächste Weihnachten noch unter uns sein würde … Domenico hatte das sogleich begriffen.
«Natürlich, das verstehen wir doch», sagte auch Morten. Er sah Domenico wieder an. «Ich möchte nachher nochmals mit dir reden, ja? Wenn alle ihre Glückwünsche losgeworden sind. Es gibt da noch etwas, das mir wichtig ist.»
Delia und Ronny drängten sich nun vor.
«Also wirklich, ich hab mich ja kaum mehr eingekriegt», legte Delia sofort los. «Kommt da einfach eine Verlobungskarte ins Haus geschneit, und ich hatte die ganze Zeit nicht den geringsten Schimmer davon gehabt, was ihr da plant.»
«Ja, es musste auf einmal schnell gehen», erklärte ich. «Nicki zieht doch nächste Woche schon nach Berlin.»
«Und du?»
«Ich werde wohl so Anfang Februar nachreisen.»
«Oh Mann, das kannst du doch einfach nicht machen», stöhnte Delia. «Was sollen wir ohne dich tun?»
«Ich werde euch ja auch vermissen», meinte ich. «Aber … wir brauchen diesen Neuanfang.»
«Alter, du hast echt einen an der Waffel», dröhnte Mikes Stimme hinter mir, und Domenico kriegte einen derben Schlag auf die Schulter. «Biste jetzt sogar fromm geworden, oder wie?»
«Was heißt hier fromm? Ein paar vernünftige Gedanken würden deinem erbsengroßen Hirn auch nicht schaden», konterte Domenico.
«Ja, aber ich mein, Tiger …»
«Tiger-X gibt es nicht mehr, sorry», meinte Domenico bedauernd. «Ihr müsst ohne mich weitermachen.»
«Du lässt uns also einfach hängen?»
«Ihr findet 'nen anderen Leader», sagte Nicki. «Die Snakes haben ja auch 'nen neuen. Janet hat ja auch aufgehört.»
«Das heißt, ich muss in Zukunft also allein auf Frauenjagd gehen», brummte Mike verdrießlich.
«Hör auf, Alter», fauchte Domenico. «Benimm dich, sonst schmeiß ich dich sofort raus!»
«Yo Mann. Ey, Nico, ich mein … ich fass es halt einfach nicht …» Mike kratzte sich am Kopf.
«Kannst du die Kratzerei mal weglassen? Ist meine Verlobung, Alter. Und kein Wort davon, dass ich verlobt bin, zu irgendjemandem, oder ich verpass dir 'ne Maulschelle, ist das klar?»
«Okay, okay. Yo, Babe, du weißt ja, dass ich schweigen kann wie ein Mann … wie ein Grab, mein ich. Easy, Mann. Ich bring deine Puppe schon nicht in Gefahr.»
«Das hoff ich schwer für dich.» Domenico ließ Mike stehen und wandte sich wieder mir zu. «Ich hätt den Volldeppen besser nicht einladen sollen», murmelte er.
Jetzt war Manuela an der Reihe, mir zu gratulieren. Sie fiel mir überschwänglich um den Hals und wünschte mir alles Gute, doch sie konnte es nicht unterlassen, mir wieder einmal von ihrem eigenen Elend zu erzählen – dass sie wohl nie im Leben Glück in der Liebe haben würde. Immerhin hatte ich einen Trost für sie bereit.
«Ich habe nachher noch was für dich», flüsterte ich ihr zu. «Du wirst staunen!»
Nun traten Suleika und Gina vor.
«Hey, das finden wir so cool», sagte Suleika. «Ich bin so froh für Nicki. Wisst ihr übrigens, dass wir sehr wahrscheinlich auch nach Berlin ziehen werden?»
«Ihr zieht nach Berlin?» Nicki und ich waren ungefähr gleich erstaunt über diese Neuigkeit.
«Ja. Wir planen nun endgültig, von zu Hause abzuhauen. Die Sache wird langsam brenzlig. Nächste Woche will meine Familie mit meinem Cousin aus Tunesien anreisen. Angeblich planen sie schon die ersten Hochzeitsvorbereitungen. Das heißt, ich muss hier so schnell wie möglich weg. Ich habe mich an eine Beratungsstelle für Zwangsheirat gewendet, und sie haben mich an eine Stelle in Berlin verwiesen, wo man mich in Obhut nehmen könnte. Gina kommt natürlich mit mir. Aber behaltet das vorerst mal für euch», flüsterte sie. «Auch kein Wort zu Mike!»
«Klar», versprachen Nicki und ich überrascht.
«Wenn ihr Hilfe braucht, sagt es einfach», fügte Domenico hinzu. Suleika nickte, und Gina lächelte uns dankbar zu.
Auch Patrik gratulierte uns. Er sah ein wenig traurig aus, und ich spürte, dass ihm die Trennung von Jenny immer noch wehtat. Jenny selbst wagte sich kaum in seine Nähe und beschäftigte sich mit Manuel, während wir ein paar Worte mit Patrik wechselten.
«Ich … ich f-freu mich s-so für euch …», sagte Patrik. «Ich … i-ich hab immer g-gehofft, d-dass ihr für immer zusammenbleiben werdet. Aber ich w-werd euch echt v-vermissen …»
Ja, auch wir würden Patrik vermissen, das wusste ich jetzt schon.
Jenny war ganz aus dem Häuschen, weil wir uns ausgerechnet ihre Heimatstadt als zukünftiges Domizil ausgesucht hatten. Ihr Pumuckl-Haar leuchtete in dem üblichen Tomatenrot, als sie uns abwechselnd stürmisch, aber auch wehmütig um den Hals fiel.
«Ick komm euch denn auf alle Fälle ma besuchen», quäkte sie. «Is ja meene jute alte Heemat. Denn könn wa mal auf'm Ku'damm rumflippen und im Treptower-Park Tretboot fahrn. Denn zeig ick euch allet!» Sie warf ihre Arme in die Luft und wirbelte ein paar Mal herum, so dass ihr langer Rock um ihre Beine flatterte. So war sie nun mal, wie sie leibte und lebte.
Mike starrte etwas befremdet auf Jennys handlosen Armstumpf und zog seine buschigen Augenbrauen in die Höhe. Ich hoffte, er würde nicht wieder einen dämlichen Kommentar von sich geben, doch zum Glück schwieg er und merkte nicht, dass Jenny zu allem hin auch noch barfuß war, wie sie es meistens zu tun pflegte.
Tante Lena beglückwünschte uns auch, doch irgendwie wirkte sie etwas verhalten. Ich vermutete, dass Mikes Anwesenheit sie ein wenig durcheinanderbrachte. Ich hatte ja lange Zeit bei meiner Tante gewohnt, während meine Eltern in Basel gewesen waren, und trotzdem war sie mir immer noch ziemlich fremd. Ich würde wohl nochmals ein paar Tage bei ihr verbringen, bevor ich Ende des Jahres mit meinen Eltern nach Basel gehen und danach im Februar endgültig nach Berlin ziehen würde. Ich spürte, dass sie gegenüber Domenico immer noch ein wenig distanziert war.
Carrie gratulierte uns als Letzte. Sie hatte sich die ganze Zeit im Hintergrund gehalten, und ich fühlte, dass sie uns gegenüber ein furchtbar schlechtes Gewissen hatte. Insbesondere, weil sie ja eigentlich daran schuld war, dass Domenico Manuel nur noch so selten sehen durfte. Immerhin hatte sie sich im Gegensatz zu Mike doch so gut wie möglich zurechtgemacht, auch wenn sie kaum noch Klamotten hatte, die ihr passten, weil sie seit der Geburt von Manuel um einiges zugenommen hatte. Ihre Pickel hatte sie mit einer getönten Creme abgedeckt, und ihr blauschwarz gefärbtes, kurzgeschnittenes Haar hatte sie mit einem hübschen Haarreifen geschmückt. Ihr Punk-Outfit anzuziehen hatte sie sich wohl nicht getraut. So sah sie nun für ihre Verhältnisse ziemlich brav aus.
Wortlos reichte sie Domenico nun seinen kleinen Neffen und widmete sich Razor, der gerade dabei war, Tante Lenas armen alten Dackel Gonzales aufzuscheuchen. Die beiden Hunde kläfften und knurrten sich wütend an, doch Gonzales zog bald winselnd den Schwanz ein. Nicki nahm Manuel glücklich auf seine Arme und verzog sich mit ihm in eine Ecke, um ein paar Minuten mit ihm allein zu verbringen. Sie fingen an, ihr Spiel zu spielen, das Domenico mal für Manuel erfunden hatte: Manuel musste mit seinen kleinen Fingerchen auf die Gegenstände zeigen, die ihm gefielen, und Nicki musste ihm auf Italienisch sagen, wie sie alle hießen.
«Is ja voll blöd, dass ihr nu wegzieht …», nuschelte Carrie, als wir kurz allein waren. «Wollte eigentlich mal mit der Psychotante reden, damit Nic den Kleinen wieder mehr sehen kann. War ja echt nich so gemeint, dass er ihn nur noch alle zwei Wochen sehen darf. Und nu geht er weg … und ich bin irgendwie voll überfordert, ey.»
Ich schwieg. Wie sollte ich Carrie auch erklären, dass Nicki insgeheim einen Plan für Manuel ausheckte?
«So'n Kind is so was von anstrengend, ey», stöhnte sie, und ich sah ihr an, dass es wirklich so war. «Is voll Kacke, dass Zodiac mich so gegen Nic aufgehetzt hat, weißte. Na ja, Nic hätt' ihn ja nich so vermöbeln müssen, aber trotzdem. Wär besser nich zu der ollen Faschistin gerannt. Ey, der Kleine brüllt die ganze Zeit, weil Nic nich mehr da is, und ich hab niemanden mehr, der ihn beruhigt. Jetzt reden sie darüber, dass sie Manolito in 'ne Pflegefamilie stecken wollen.»
«Im Ernst?» Wenn Nicki das erfuhr …
«Ja.» Carrie schniefte und wischte sich träge über die Augen, so dass ihr schwarzer Kajal verschmierte. «Ich hab die dann gefragt, ob Nic ihn nich wieder öfters sehen darf, aber das wollen sie nich. Dabei würd ich mich ma viel lieber wieder von Nic rumkommandieren lassen, als den Kleinen wegzugeben, ey. Aber die blöde Faschistentante meckert nur rum und meint, dass ich sowieso nich in der Lage bin, 'n Kind aufzuziehen, und lieber ma wieder in die Schule gehen soll.»
Das waren ja Neuigkeiten! Das musste ich nachher unbedingt Domenico unter vier Augen erzählen. Wie ich Carrie trösten sollte, wusste ich allerdings nicht. Ich kam nicht umhin zu denken, dass sie wirklich überfordert war. Sie war jung, und Manuel war wirklich kein einfaches Kind. Aber das war auch kein Wunder, schließlich war er ja gleich nach der Geburt auf Entzug gewesen und hatte nur einen funktionierenden Lungenflügel. Zudem war sein Vater an einer Überdosis Heroin gestorben. Der Kleine hatte also schon mehr als genug erlebt in seinem jungen Leben.
Irgendwann musste eine gute Lösung für Manuel her, das war uns allen klar.
Ich schaute rüber zu Nicki, der seinen Neffen gerade stolz Morten präsentierte. Und Morten nahm seinen kleinen Enkel zum ersten Mal auf den Arm.
«Jetzt bin ich also schon Großvater», seufzte er. «Junge, du hast ja genau unsere Augen.»
Manuel schaute seinen Großvater staunend an und streckte sein kleines Händchen aus, um Mortens Gesicht zu berühren. Danach nahm Hendrik ihn auf den Arm, und Manuel wurde somit zum ersten Mal mit seinem Onkel bekannt.
«Seht mal, er hat auch dieselben Löcher in den Wangen wie wir», stellte Hendrik erfreut fest.
«Grübchen, Hendrik, nicht Löcher», schmunzelte Morten.
«Er muss unbedingt su uns nach Norge kommen», meinte Hendrik. «Nick, du musst ihn nächstes Mal unbedingt mitnehmen.»
Nicki schwieg, und ich wusste, dass er in seinem Kopf intensiv an einer Lösung für Manuel arbeitete. Norwegen oder Sizilien, das war die Frage, doch die noch viel größere Frage war wohl, wie man das Jugendamt und Carrie davon überzeugen konnte.
Etwas später saßen wir alle um den Esstisch. Domenico hatte darauf bestanden, dass er die Gäste bedienen wollte, und wie ein richtiger Kellner brachte er uns die Teller. Mama konnte es natürlich nicht unterlassen, ihm zu helfen.
«Ein richtiger Profi», sagte Morten beeindruckt. «Das wäre ja echt 'ne gute Sache, wenn du eine Ausbildung in der Gastronomie machen könntest. Dann haben wir endlich jemanden in der Familie, der anständig kochen kann.»
«Naturlig, mit seinem italiensk Blut muss er ja kochen können», sagte Hendrik. «Wir Vikinger sind Kochbanausen.»
«Na ja … ein paar gute Gerichte haben wir auch», murmelte Morten mehr zu sich selbst. «Zum Beispiel gefüllten Schafskopf …»
Manuela verzog entsetzt ihr Gesicht, und wir lachten alle.
«So schlimm ist es nicht», beruhigte Hendrik sie. «Wir haben virkelig viele gute Sachen.»
«Waffeln», meinte Nicki, der uns gerade die gefüllten Teller brachte. Manuela wurde ganz rot und nestelte an ihrer Frisur herum, die wie immer sehr kompliziert aussah und aus mindestens zwei Dutzend Haarklammern bestand. Oje, hatte sie etwa ein Auge auf Hendrik geworfen?
«Jungejunge, Alter, mich tritt echt ein Gaul», murmelte Mike fassungslos, als Domenico ihm seinen Teller vor die Nase setzte.
«Meinst du nicht ein Pferd?», erwiderte Domenico sarkastisch.
«Was auch immer», brummte Mike.
Auch während des Essens saß Manuel auf Domenicos Schoß, und Nicki war mehr damit beschäftigt, den Kleinen zu füttern, als selber zu essen.
Nach dem Nachtisch, als alle satt und zufrieden waren, ging ich rasch mit Manuela in mein Zimmer und druckte ihr das Foto aus, das ich in Taormina gemacht hatte – das Foto von der Hausmauer, in die Mingo ihren Namen eingeritzt hatte.
Manuela war natürlich völlig aus dem Häuschen, und ich freute mich, dass mir die Überraschung gelungen war.
«Das hat echt Mingo gemacht?», hauchte sie überwältigt. «Ist das wirklich wahr? Meinst du, Maya, dass er mich wirklich geliebt hat?»
«Soweit er zu Liebe fähig war, wohl schon», sagte ich vorsichtig. Wie oft hatte sie mich das schon gefragt …
«Also, ich glaub nun endgültig, dass er seinen Sohn nach mir benannt hat», resümierte sie glücklich. Doch dann straffte sie ihre Schultern und hob ihren Kopf. «Aber … ich muss es nun wirklich endgültig vergessen. Es nützt mir ja wirklich nichts mehr, in einen Toten verliebt zu sein. Aber weißt du, er war wirklich der einzige Junge, der je was von mir wollte …»
Ich musste schmunzeln. Wann würde sie endlich schnallen, dass sich diverse Typen die Köpfe nach ihr verdrehten?
«Sag mal … ähm … dieser Hendrik … äh … ist der schon besetzt?», fragte sie mit einem unschuldigen Augenaufschlag.
«Frag ihn das lieber selbst.» Ich hatte keine Lust, Manuela mit Hendrik zu verkuppeln. Das mussten die beiden selber regeln.
«Denkst du, er könnte auf mich stehen?», ließ Manuela nicht locker.
«Ich fürchte, es könnte etwas kompliziert werden», versuchte ich mich sofort aus der Schlinge zu ziehen. «Ich meine, Hendrik lebt in Norwegen …»
«Spielt doch keine Rolle», sagte Manuela, und ihre Wangen röteten sich wieder. «Heutzutage gibt es ja Internet. Ich kann ihn ja auf Facebook kontaktieren.»
Uff, ja. Ich glaubte nicht so recht daran, dass das je was werden würde, aber ich wollte Manuela ihre Hoffnung nicht rauben …
Wir gingen wieder ins Wohnzimmer zurück, wo die ersten Gäste dabei waren, sich zu verabschieden. Morten und Hendrik sollten natürlich hier übernachten, und Paps wollte nachher unbedingt noch ein paar Worte mit Morten wechseln.
Domenico und ich begleiteten die Gäste hinaus, und Ronny lief fast der Sabber aus dem Mundwinkel, als er draußen Domenicos Ducati entdeckte.
«Hey, Alter, war das dein Alter, der dir diese geile Kiste geschenkt hat?», fragte er mit weit aufgesperrten Augen.
Wie bescheuert klang das? Typisch Ronny!
«Ja, Alter, das war mein Alter», äffte Domenico ihn grinsend nach, aber Ronny merkte es nicht mal.
«Männer!», stöhnte Delia. «Ronny, reiß dich doch mal zusammen.»
Als alle gegangen waren, setzten sich Morten und Hendrik mit uns zusammen. Morten hatte ja noch ein wichtiges Anliegen.
«Hör zu, Domenico, ich habe mir noch was überlegt», meinte er. «Ich habe irgendwie vernommen, dass du für das Grab deines Bruders immer noch keinen Grabstein hast. Stimmt das?»
«Ja», sagte Domenico verhalten. Paps hatte Domenico einst versprochen, ihm den Grabstein für Mingo zu finanzieren, aber Nicki hatte bis jetzt noch nicht so richtig erfassen können, dass sein Bruder dort unter der Erde lag.
«Für mich ist er einfach nicht da unten», hatte er mir einmal gesagt. «Für mich ist er … irgendwie ganz woanders. Im Himmel oder so … an einem Ort, wo er es besser hat als hier.»
Eigentlich fand ich, dass er damit Recht hatte. Trotzdem, Mingo hatte einen richtigen Grabstein verdient, und das fand Nicki ja selber auch.
«Was hältst du davon, wenn ich … nun, ich möchte mich gern daran beteiligen», sagte Morten vorsichtig. «Er war immerhin mein Sohn, und ich … ich möchte gerne etwas für ihn tun, wenigstens das Letzte, was noch möglich ist. Wärst du einverstanden? Wenn du magst, können wir uns auch gemeinsam aussuchen, was auf dem Grabstein stehen soll.»
Domenico war sichtlich überwältigt von Mortens Vorschlag, und etwas später machten wir uns zu viert auf den Weg zum Grab, Morten, Hendrik, Domenico und ich. Domenico war sehr still, und ich wusste, wie schwer es ihm fiel, dahin zu gehen. Es war schon dunkel draußen, und die kühle Herbstluft kündigte den baldigen Winter an. Noch bedeckte eine Menge Laub den Boden, aber bald würde es verrotten, und vielleicht würden dann die ersten Schneeflocken fallen.
Und auch ich fühlte wieder Trauer, wenn ich an meinen baldigen Auszug aus meinem Zuhause dachte, der nun schon in naher Zukunft stattfinden würde. Ich kuschelte mich ganz eng an Domenico, und er hielt mich fest. Ich war so froh, dass wir einander hatten. Und dass wir einander Trost spenden konnten.
Auch Morten und Hendrik waren sehr still, als wir vor Mingos Grab standen. Morten bückte sich und strich mit der Hand über die Erde, wischte ein paar Laubblätter zur Seite.
«Mein armer Bruder», sagte Hendrik leise. «Ich hätte ihn so gern auch kennengelernt …»
Domenico sagte gar nichts. Hendrik trat neben ihn und legte ihm den Arm um die Schulter.
«Wir werden etwas ganz Besonderes auf den Stein eingravieren lassen», murmelte Morten.