GÜTESIEGEL
Gütesiegel: Arten und Funktion

»Gütesiegel« für Lebensmittel haben das Ziel, die Qualitätsauswahl zu erleichtern. Es gibt staatliche Siegel, deren Standards gesetzlich kodifiziert sind, wie z.B. den Nutri-Score oder das Bio-Siegel. Manche Siegel sollen auch eine positive Lenkungswirkung entfalten, wie das Bio-Siegel, das die ökologische Landwirtschaft fördern soll. Darüber hinaus gibt es unzählige private Siegel ohne staatliche Vorgaben sowie Siegel, die vornehmlich der Werbung und nicht der Information dienen.

Die wichtigsten Siegel

Der europaweite, staatliche, aber nur freiwillig anwendbare »Nutri-Score« informiert mit einem Farbcode über den Gehalt an Fett, Salz, Zucker, Fettsäuren, Ballaststoffen sowie den Anteil von Gemüse, Obst und Nüssen und damit über die gesundheitliche Ausgewogenheit eines Lebensmittels. Das dunkelgrüne »A« bewertet die gesundheitliche Ausgewogenheit am höchsten, das dunkelrote »E« am niedrigsten. Da der Nutri-Score noch nicht verbindlich ist, müssen Hersteller unausgewogener Nahrungsmittel ihn nicht verwenden. Deshalb hat er als Siegel zwar Aussagekraft, aber nur geringe Lenkungswirkung.

Das »Regionalfenster« : Das Siegel ist unter Mitarbeit des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft entwickelt worden. Der Begriff »Region« ist nicht definiert, sie muss nur kleiner als Deutschland sein (d.h. Deutschland ohne Sylt wäre eine Region). Angegeben werden muss lediglich, aus welcher Region die Hauptzutat stammt. Bei verarbeiteten Lebensmitteln müssen nur 51 Prozent aus der genannten Region kommen. »Aus der Region« oder »von hier« sind hingegen reine Werbebegriffe, die nichts über die tatsächliche regionale Herkunft aussagen. Die Aussagekraft des Siegels ist sehr gering, ebenso die Lenkungswirkung.

 

Die wichtigsten (europäischen) Siegel zur Ursprungskennzeichnung sind die »geographisch geschützte Angabe« (g.g.A.) und die »geschützte Ursprungsbezeichnung« (g.U.) . Bei der g.g.A. muss nur ein Produktionsschritt in der genannten Region stattfinden. Schinken hergestellt mit im Schwarzwald geräuchertem Fleisch aus Dänemark darf sich deshalb Schwarzwälder Schinken nennen. Die Aussagekraft ist deshalb irreführend. Bei der geschützten Ursprungsbezeichnung müssen die wichtigsten Zutaten aus der Herkunftsregion des Produktes kommen (Beispiel Parmaschinken). Die Aussagekraft ist deshalb besser.

Das Siegel »garantiert traditionelle Spezialität« (g.t.S.) lobt eine traditionelle Herstellungsweise aus. Die Aussagekraft ist oft beschränkt, weil »traditionell« durch betriebswirtschaftliche Zwänge aufgeweicht wird (vgl.g.t.s Heumilch im Kapitel 12).

 

»Bio-Siegel«: Für verpackte Lebensmittel gibt es ein EU -Bio-Siegel (zwölf weiße Sterne auf grünem Grund) und ein deutsches Bio-Siegel (sechseckiges, grün umrandetes Symbol mit weißem Hintergrund und stilisierter Aufschrift: BIO ) sowie die Symbole unterschiedlicher Bio-Anbauverbände (z.B. Demeter, Bioland, Naturland). Die Aussagekraft der Siegel und Symbole ist nicht umfassend , weil nicht alle wichtigen ökologischen Parameter erfasst werden (z.B. Wasserverbrauch, Treibhausgase). Der Aufdruck des deutschen Bio-Siegels ist freiwillig und kann gemeinsam mit dem EU -Bio-Siegel verwendet werden. Die Vielzahl der Bio-Siegel und Symbole der Anbauverbände ist verwirrend (vgl. Infobox »Bio«).

 

Das Siegel »Ohne Gentechnik« hat zwar Aussagekraft, aber nur geringe Lenkungswirkung , da rund 90 Prozent aller Fleisch- und Milchprodukte von Tieren stammen, die mit (importierten) gentechnisch manipulierten Futtermitteln gemästet bzw. gezüchtet wurden. Eine spürbare Lenkungswirkung würde das Siegel nur entfalten, wenn die tierischen Produkte die Kennzeichnung »mit Gentechnik« tragen würden, da die Mehrheit der Verbraucherinnen den Einsatz von Gentechnik ablehnen.

 

Das bekannteste Siegel zu den Arbeitsbedingungen, unter denen international gehandelte Produkte erzeugt werden, ist »Fair Trade« . Internationale Fair-Trade-Standards sind u.a. Verbot von Kinderarbeit, Gesundheits- und Arbeitsschutzmaßnahmen, Verbot von Gentechnik, Förderung der Umstellung auf den Bio-Anbau, Anerkennung der Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) der Vereinten Nationen. Das Siegel hat Aussagekraft, die Lenkungswirkung ist gering.

 

Tierschutz : Die Ampel-Koalition plant eine staatliche, freiwillig anwendbare »Tierhaltungskennzeichnung«, deren Parameter bei Redaktionsschluss noch nicht abschließend vorlagen. Das derart gekennzeichnete Fleisch wird mit einem Aufpreis verkauft, der eine verbesserte Haltungsform finanziert. Diese kommt also nur derjenigen kleinen Gruppe von Tieren zugute, deren Fleisch die Kunden nachfragen. Das Siegel schließt auch nicht aus, dass Tiere an Krankheiten leiden, weil ein staatlich vorgeschriebenes Gesundheitsmonitoring der Tiere nicht Bestandteil der Kriterien ist.

2019 haben Einzelhandelskonzerne die Kennzeichnung »HF « eingeführt (HF steht für Haltungsform). Das Siegel unterteilt zwischen vier Haltungsstufen, wobei nur die Stufen 3 und 4 akzeptable Standards abbilden. Allerdings fragen die Kundinnen diese kaum nach.

 

Seit 2013 bietet der Deutsche Tierschutzbund das Kennzeichen »Für Mehr Tierschutz« an, das den Haltungsformen 3 und 4 entspricht. Diese Siegel haben nur begrenzte Aussagekraft , weil sie den Gesundheitszustand der Tiere nicht berücksichtigen.

 

Eierkennzeichnung: Die Eierkennzeichnung mit vier Stufen (0 = Bio; 1 = Bodenhaltung; 2 = Freilandhaltung; 3 = Kleingruppenhaltung, früher Käfighaltung) hat nur begrenzte Aussagekraft, weil der Gesundheitszustand der Tiere kein Kriterium ist. Die Lenkungswirkung ist bescheiden: Nur 13 Prozent der im freien Verkauf abgesetzten Schalen-Eier sind Bio (vgl. Infobox »Eier«).

 

Branchen-Nachhaltigkeits-Siegel: Das »Marine Stewardship Council« (MSC ) beschreibt nachhaltigen Fischfang. Das Siegel wird kritisiert, weil auch Fischereien mit hohem Beifang und selbst Fisch aus überfischten Beständen mit dem MSC -Siegel gekennzeichnet werden. Seine Aussagekraft ist begrenzt , seine Lenkungswirkung gering (vgl. Infobox »Fisch«).

 

Von der Industrie propagierte Nachhaltigkeitssiegel (z.B. »Eco-Score« von Lidl) haben wenig Aussagekraft , weil sie nur allgemeine Produkteigenschaften abbilden, z.B. nur den generellen Wasserverbrauch einer Gemüsesorte, aber nicht, ob das Anbaugebiet unter Wassermangel leidet. Der in Frankreich von der Regierung unterstützte »Planet-Score« ist zielgenauer. Generell leiden Nachhaltigkeitssiegel daran, dass sie nur eine geringe Lenkungswirkung haben (vgl. Bio-Siegel).

 

Siegel für Klima-Neutralität werden privat von der Lebensmittelindustrie verwendet. Die Definition von »Klima-Neutralität« beinhaltet nur, dass die bei der Herstellung des Produktes emittierten Treibhausgase durch die Speicherung von Treibhausgasen in gleicher Höhe an anderer Stelle (z.B. durch Aufforstung) kompensiert, aber nicht verringert werden. Die Aussagekraft ist irreführend .

 

Das europaweit gültige staatliche V-Siegel steht jeweils für vegane und vegetarische Lebensmittel . Vegetarische Produkte mit diesem Label werden ohne tierische Bestandteile hergestellt. Milch, Eier und Honig dürfen verwendet werden. Vegane Produkte mit dem V-Label verzichten auf sämtliche Zutaten tierischen Ursprungs. Beide Siegel besitzen Aussagekraft, die Lenkungswirkung dürfte begrenzt sein, wenn das Siegel auch zum Ziel hat, den Fleischkonsum zu verringern.

 

Bekannte allgemeine Qualitätssiegel sind die DLG -Prämierung und QS . Die »Goldmedaille« der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG ) dient vorwiegend der Absatzförderung und somit Werbezwecken. Das QS -Siegel dokumentiert die Erfüllung gesetzlicher Mindestanforderungen.

Fazit

Nur fünf von 17 Siegeln haben eine verlässliche Aussagekraft. Im Verbund mit zahlreichen privaten Siegeln, die Werbezwecken dienen, tragen Gütesiegel eher zur Unübersichtlichkeit als zur Transparenz bei. Keines der Siegel hat eine effektive Lenkungswirkung. Bio schützt nicht vor irreführenden Siegeln wie der Bio-Schwarzwälder-Schinken beweist.