Entgegen Meister Marius’ ominösen Worten verging die nächste Woche ohne sonderlich große Veränderungen. Aurelia erledigte zusammen mit Meister Grünwald und Gale die Einkäufe für sich und Meister Marius. Daneben traf sie sich immer wieder mit Gale. Manchmal war bei diesen Treffen auch Aywyn dabei, die Aurelia ein paar Möglichkeiten der Kommunikation außerhalb von verbaler Sprache zeigte: Gebärden, wie Aurelia sie bei manchen nichtmagischen Personen ebenfalls schon gesehen hatte, aber auch Kommunikation über eine telepathische Verbindung. Es war ein sehr seltsames Gefühl, eine andere Stimme im Kopf zu hören, ungewöhnlich und nicht unbedingt etwas, das Aurelia auf breiter Basis ausführen wollte. Daher war sie wesentlich interessierter daran, ihre Kenntnisse in Gebärdensprache zu vertiefen, auch wenn sie zugeben musste, dass telepathische Kommunikation schneller und einfacher war.
So oder so war es ein nettes Gefühl, so etwas wie freundschaftliche Beziehungen zu haben, besonders, da die beiden vergleichsweise in ihrem Alter waren – zumindest wenn man es mit den anderen Quellenkindern verglich, mit denen Aurelia ansonsten zu tun hatte und die alle schon die Hundert-Jahre-Marke überschritten hatten. Außerdem mochte sie sowohl Gale als auch Aywyn. Gale war spröde mit einem trockenen, oftmals bissigen Humor, der Aurelia immer wieder zum Lachen brachte. Aywyn war in sich gekehrt und hatte eine Tendenz zur Schwermut, aber gleichzeitig war sie eine sanfte, verständnisvolle Person. Beide nahmen es ihr nicht übel, dass sie nicht allein von Haus zu Haus gehen wollte, sondern abgeholt oder besucht werden musste. Im Gegenteil: Aywyn erzählte ihr davon, dass sie unter Angst vor zu engen Plätzen litt, und Gale gab nach einer Weile zu, dass es zu Beginn schwer gewesen war, sich auf die magischen Kräfte einzulassen und sich selbst zu vertrauen. Es war beruhigend zu hören, dass auch andere Schwierigkeiten hatten.
Ansonsten setzte Aurelia vor allem ihren Unterricht fort. Meister Marius schien sich dafür entschieden zu haben, vor allem ihre Kenntnisse in Schriftkunde zu vertiefen, obwohl er mit ihrem bisherigen Wissensstand nicht unzufrieden war.
So zogen sie sich nach den üblichen Atemübungen regelmäßig ins Arbeitszimmer zurück, wo Meister Marius bei der ersten Unterrichtseinheit nach ein paar Minuten Geschimpfe in drei verschiedenen Sprachen mehrere leere Wachstafeln und einen Griffel aus einem Haufen obskurer, verstaubter Schreibwerkzeuge ausgrub und vor sie auf den Tisch legte.
»Ich bin mit der Keilschrift aufgewachsen«, erklärte er ihr und ließ sich schwer in seinen Lehnstuhl fallen, ehe er die Hände auf dem Schreibtisch faltete. »Mittlerweile ist sie überwiegend aus dem Alltagsgebrauch verschwunden, auch wenn sie immer noch von ein paar mistrischen Völkern benutzt wird – zumindest war das vor ein paar Dekaden noch der Fall, wer weiß, was sich seitdem getan hat. Sie ist jedenfalls dafür optimiert, mit einem Keil eingetrieben zu werden – eigentlich in Ton oder Stein, aber Wachs sollte den Dienst weitgehend auch tun.« Er nahm den Keil und eine der Tafeln, um sorgfältig einige Schriftzeichen hineinzutreiben, dann drehte er sie ihr zur Begutachtung zu. »Siehst du die vielen geraden Linien, aus denen die Schriftzeichen bestehen? Genau deswegen. Versuch das mal nachzumachen.«
Das Schreiben stellte sich als schwieriger als gedacht heraus, jedoch vor allem deshalb, weil es so ungewohnt war. Aurelia mühte sich mehrere Tage lang mit Keil und Wachstafel ab, ehe sie halbwegs herausbekam, wie sie arbeiten musste – dann jedoch ergab alles gleich sehr viel mehr Sinn, und sie kam leichter voran. Unter Meister Marius’ wachsamen Augen übte sie geduldig alle Zeichen, die er ihr zeigte, sowohl Buchstaben als auch Symbole. Sie erstellte nach seinen Angaben Listen in Keilschrift, die ihrer Meinung nach wenig Sinn machten, und versuchte, das festzuhalten, was er ihr diktierte. Es stellte sich heraus, dass die Keilschrift, die Meister Marius ihr beibrachte, in frühem Altlimisch verwendet worden war, ehe sich nach und nach die Schrift verbreitet hatte, die Aurelia von bereits übersetzten Texten kannte. Nun war Altlimisch als gesprochene Sprache genau wie die Keilschrift im alltäglichen Gebrauch mehr oder weniger ausgestorben, sah man von Überbleibseln aus alten Tagen wie Meister Marius und Spuren in den modernen Sprachen und Sprachvarianten ab. Aurelia war ein wenig erleichtert zu hören, dass auch in Meister Marius’ Jugend die Keilschrift bereits als Relikt gegolten hatte, das vor allem noch für religiöse Texte und Riten verwendet worden war und kaum noch Alltagsgebrauch gefunden hatte. Dennoch, so erklärte Meister Marius, war die Keilschrift durchaus nützlich für Quellenkinder.
»Der Grund ist folgender«, erläuterte er, »alte Schriftsysteme gewinnen ihre magische Bedeutung mit zunehmendem Alter. Je weniger sie noch aktiv im Alltag verwendet werden, umso eher kann man sie beispielsweise magisch aufladen. Frag mich nicht, wie die Fabramagix das machen. Das kannst du Thressa fragen – Meisterin Funkenschmied, die du heute kennenlernen wirst.«
»Eine neue Lehrmeisterin?«
»Eine, die dir gut gefallen wird, denke ich, so wie ich denke, dass die Alchymie, wie man es hier nennt, dir generell zusagen wird«, erwiderte Meister Marius. »Kehren wir jedoch zu unserem eigentlichen Thema zurück, wenn es dir recht ist. Ich denke, für die Fabramagix funktioniert es ähnlich wie Sprucharbeit für kompliziertere Projekte – Bob zum Beispiel, es ist dir vielleicht aufgefallen, hat auf seinen Knochen den Spruch eingeritzt, mit dem ich ihn erschaffen habe. Ein Skelett, das sich verteidigen und weglaufen kann, lässt sich schwerer stehlen als ein Buch.« Er lächelte zufrieden.
Es machte auf eine Art und Weise für Aurelia Sinn wie weniges zuvor, aber es war auch schwerer als gedacht. »Es sind also nicht unbedingt Buchstaben im herkömmlichen Sinn?«
»Nicht mehr. Sie waren es einmal, aber die Zeit hat sie mit anderer Bedeutung aufgeladen.« Er bewegte ein wenig unbestimmt die Hand. »Es ist so. Buchstaben sind Zeichen, mit denen wir Bedeutung ausdrücken. Der Zusammenhang zwischen Zeichen und Bedeutung verändert sich – besonders durch die Vulgax und ihre Schnelllebigkeit, aber das ist auch der Grund, warum das Konzept eines Baums in unterschiedlichen Sprachen unterschiedlich heißt, ohne aufzuhören, Baum zu sein.« Er musterte sie aufmerksam. »Verstehst du, was ich dir sagen möchte?«
»Durchaus«, meinte Aurelia und runzelte dennoch die Stirn. »Sollte das aber dann nicht auch der Fall mit diesen Schriftsystemen sein?«
»Nein. Der Unterschied ist, dass sie tot sind.« Meister Marius kratzte sich angelegentlich am Handrücken. »Wenn etwas tot ist, verändert es sich nicht mehr. Das gilt für alles, was lebt, und damit auch für Sprachen.« Er lächelte matt. »Das ist einer der Gründe, wieso manche sich nach dem Tod noch so sehr an diese Welt klammern. Wie dem auch sei. Dementsprechend setzt sich eine gewisse Bedeutung fest. Die Zeichen werden zu Symbolen – besonderen Zeichen, sozusagen. Verstehst du, auch hier geht es wieder um Potenzial, wie bei allem, was mit Magie zusammenhängt. Die Alchymie setzt sich damit enger auseinander, du solltest unbedingt Thressa fragen, wenn du sie heute siehst. Es war auch eine mit mir befreundete Fabramagica, die diese Theorie aufgestellt hat.« Er blickte nachdenklich auf die Wachstafel in Aurelias Händen. »Ich werde vor allem die technischen Voraussetzungen mit dir üben – diese Schrift zu beherrschen wie das System, das du in der Schule gelernt hast. Vieles davon ist für mich noch nicht Symbol genug, um magisch zu wirken, ich bin zeitlich deutlich näher dran als du oder Thressa. Hausaufgabe bis morgen: Nimm eine von den unbenutzten Tafeln und den Griffel, dann schreibst du das, was wir heute gemacht haben, zehnmal ab.«
»Zehnmal?!«
Meister Marius grinste ein wenig. »Das schaffst du schon.«
Aurelia grollte, ehe ihr noch eine Frage einfiel. »Hat dann aber nicht jede Sprache das Potenzial, magisch verwendet zu werden?«
»Natürlich«, stimmte Meister Marius zu. »Kommt drauf an, wer sie verwenden will und in welchem Kontext. Mit toten Sprachen ist es – sagen wir mal, es ist einfacher, eben weil es keine aktiv Sprechenden mehr gibt, die ihre Bedeutung noch mal verändern könnten.« Er lächelte schwach. »Mit Leuten wie mir auf der Welt, die ihren Aufenthalt schon längst überstrapaziert haben, gibt es davon nicht so viele. Aber selbst dieses Gehirn vergisst, und dabei bewahren wir Moritux das, was war. Wir vergessen nur sehr schwer.«
»Ein Segen«, sagte Aurelia.
»Nicht immer«, sagte Meister Marius. Seine langen, dünnen Finger streichelten gedankenvoll Gustavs Kopf, als dieser auf seine Schulter sprang und seinen knochigen Schwanz um Meister Marius’ Hals wand wie eine Umarmung. Überhaupt war er in letzter Zeit in schrecklich gedankenvoller, fast schon melancholischer Stimmung, als ob sich nicht nur das alte Jahr, sondern die ganze Welt dem Ende zuneigte. Aurelia wusste nicht genau, was sie tun konnte, um ihn aufzuheitern. Immer wenn sie fragte, erklärte er ihr lediglich, dass er alt war und die Heilung allein in den Händen der Herrin lag.
Das hielt ihn aber immerhin nicht davon ab, gewissenhaft seinen Dienst als ihr Lehrmeister auszuüben, und so brachte er sie an diesem Nachmittag auch zum ersten Mal in die Schmiede von Meisterin Thressa Funkenschmied.
»Was ist das eigentlich für ein Mantel, den Sie da immer tragen, Meister?«, erkundigte Aurelia sich, als sie ihm aus dem Haus folgte. In der Tat war ihr schon früher das seltsame Material von Meister Marius’ schwarzem Kapuzenmantel aufgefallen, das schimmerte wie gesponnenes Wasser.
»Schleiermantel«, sagte Meister Marius. »Ein Geschenk zu meiner Priesterweihe vor viel zu langer Zeit, womit er fast so alt ist wie ich. Ich hatte auch mal eine passende Brille, aber die ist kaputtgegangen, was ich bis heute bitter bereue. Gibt heutzutage nicht mehr viele Fabramagix, die wissen, wie man diese Gegenstände herstellt – ich denke, man kann sie an einer Hand abzählen, und die Herstellung kostet eine Unsumme.«
»Was kann ein Schleiermantel?«
»Er verbirgt mich vor den Toten«, sagte Meister Marius. »Die meisten nehmen Sterbliche nicht wahr, weder Vulgax noch Quellenkinder, außer Leute wie mich. Und wenn du wie ein Leuchtfeuer bist, das einen Ausweg aus einem endlosen Kreislauf bietet, nun, dann versuchen viele, deine Aufmerksamkeit zu bekommen, oft mit nicht sehr höflichen Mitteln.« Er seufzte ein wenig. »Die Brille hätte bewirkt, dass ich sie auch nicht sehe, was manchmal ein Segen sein kann, aber … na ja. Der Mantel ist wichtiger.«
Aurelia musterte das Kleidungsstück mit neuer Wertschätzung. »Haben Sie nur den einen?«
Meister Marius zögerte ein wenig. »Streng genommen besitze ich noch einen zweiten«, sagte er langsam, »aber der gehörte jemand anderem, und er befindet sich nach wie vor in Bycaea.«
Aurelia hob den Blick und richtete ihn auf Meister Marius’ Gesicht, doch dieser hatte ihr stur das Profil zugewandt. »Wem?«
»Sofja«, sagte Meister Marius nach einer langen Pause mit einem Tonfall, als ob ihm unter Gewalt jedes Wort herausgezogen würde.
Aurelia presste einen Moment lang die Lippen aufeinander. Seit Meister Marius seine ehemalige Schülerin erwähnt hatte, hatte sie immer wieder darüber nachgedacht. Sie wusste gar nicht genau, warum die Sache sie so beschäftigte. Aber Aurelia fühlte deutlich, dass Schmerz hinter der Sache steckte, wie eine alte Wunde, die man zu verbergen suchte, und sie wollte gleichermaßen mehr darüber wissen, wie sie davor zurückscheute, Meister Marius zu verletzen.
Letzten Endes gewann die Neugier. »Werden Sie mir jemals davon erzählen, was genau passiert ist?«
Eine Weile schien Meister Marius mit sich zu ringen. Sie ließ ihm Zeit, während sie durch die Bezirke schritten und gelegentlich bei Kontrollen zwischen den Bezirken ihre Dokumente herzeigten, um passieren zu können.
»Sie war eine Falsa«, sagte Meister Marius schließlich kurz vor ihrem Ziel so unvermittelt, dass Aurelia sich beinahe erschreckte. »Es war von Anfang an eine dumme Idee, aber sie war sehr charismatisch und verzweifelt und so jung – wir wollten es versuchen, wollten ihr eine zweite Chance geben und schauen, ob man sie nicht doch wieder auf den richtigen Weg bringen kann.« Er schüttelte den Kopf. »Manchmal kann man jemanden nicht retten. Ich wünschte nur, wir hätten das früher erkannt, aber … wir haben sie geliebt. Und Liebe macht blind.«
Aurelia schüttelte den Kopf und blieb stehen. »Ich verstehe nicht. Was hat sie getan?« Als ihr Meister nicht antwortete, hakte sie hartnäckig nach: »Es muss einen Grund geben, warum Sie hierhergekommen sind. Von all den Städten und Ländern auf der Welt sind Sie ausgerechnet hierhergekommen. Es hat mit ihr zu tun, nicht wahr? Mit etwas, das sie getan hat und das Sie hierher hat fliehen lassen?«
Meister Marius blieb stehen und zog die Kapuze tiefer in sein Gesicht, dann blickte er die Brücke über den Veno-Fluss entlang, der vor ihnen lag.
»Ist es das, was man sich erzählt – dass ich geflohen bin?«, fragte er schließlich leise, dann sah er sie an. »Mag sein, vielleicht war auch ein wenig Flucht dabei. Aber der Grund ist überwiegend ein anderer, du hast nicht unrecht. Mehr kann ich dir für den Moment aber nicht sagen. Gib mir noch ein wenig Zeit.«
Aurelia biss sich auf die Innenseite der Wangen und schwieg. Sie sah ihren Meister an, der seltsam traurig und müde wirkte, fast verloren, wie er in seinem Schleiermantel am Ende der Brücke neben dem mintgrünen, verschnörkelten Gelände stand und auf die Stadt vor ihnen starrte. Ein halbes Jahrtausend Leben. Sie war manchmal schon nach einem Tag unermesslich erschöpft, wie hielt ihr Meister sich noch auf den Beinen?
»Das sind eigentlich keine Dinge, die ich gerne auf offener Straße bespreche«, sagte Meister Marius schließlich und setzte sich wieder in Bewegung. »Du hättest mich nach meinen Stiefeln fragen sollen, das ist eine wesentlich bessere Geschichte. Die habe ich nämlich beim Kartenspiel mit einer einbeinigen Zwergin und einer Äolin nach der Schlichtung einer Bandenstreitigkeit gewonnen.«
Aurelia blinzelte, war aber nicht unfroh über den Versuch ihres Meisters, das Thema zu wechseln. »Wie bitte? Jetzt nehmen Sie mich doch auf den Arm.«
»Zu spät, jetzt wirst du es nie erfahren«, erwiderte Meister Marius geradezu verschmitzt und ließ sich trotz Aurelias Bitten und Betteln nicht erweichen. Sie versuchte es dennoch geraume Zeit weiter – bis sie ihr Ziel erreichten, das sofort ihre ganze Aufmerksamkeit auf sich zog.
Die Schmiede befand sich in dem dünnen, grauen Gürtel zwischen den Bezirken der Vulgax und jenem der Quellenkinder. Schon von Weitem konnten sie den Lärm von Hammer und Stahl, kochenden Flüssigkeiten und kreischenden Mechaniken hören, und sie erblickten trotz der frühen Stunde viel Kundschaft, die von einer etwas zerrupften Zwergin mit einem geradezu majestätischen, sorgfältig geflochtenen Bart hinter einem ölverschmierten Tresen abgefertigt wurde. Sie blickte auf, als Meister Marius und Aurelia sich näherten, beschäftigte sich bald jedoch wieder mit einer rotgesichtigen Menschenfrau vor sich, die unbedingt Schadenersatz für angeblich beschädigte Hufeisen verlangte. Ein Mann wartete in einer Ecke des Verkaufsraumes, nervös seine graue Kappe zwischen den Händen haltend und aus allen Poren schwitzend. Auf einer Bank saß eine Magiebegabte, die Aurelia an dem entsprechenden Zeichen auf ihrer Brust erkannte, und blätterte in sorgfältiger Inspektion ein Buch durch, dessen Seiten zu leuchten schienen. Meister Marius ignorierte sie beide vollkommen. Er winkte Aurelia zu, ihm zu folgen, und schob sich durch die wuchtige Tür hinein ins Innere der Schmiede.
Ihr Meister schien vollkommen unbeeindruckt von der ihnen entgegenschlagenden Hitze zu sein. Aurelia hingegen spürte, wie sich ihre Haut erwärmte und rötete, aber es war eine Hitze, die sie tief einatmen und auf ihren Armen prickeln spüren konnte. Meister Marius steuerte ohne Umwege die stattliche Gestalt an, die in der Mitte der Schmiede mit ungehemmter Kraft wiederholt einen Hammer auf glühenden Stahl niederfahren ließ. Neben dem Amboss, der vor ihr stand, brannte ein gewaltiger Schmelzofen.
Die Person, die selbst Meister Marius um einen Kopf oder mehr überragte, hatte ihnen den Rücken zugewandt und schien sie noch nicht bemerkt zu haben. Es war unmöglich, ihr Aussehen weiter zu bestimmen, da sie auf dem Kopf einen Lederhut trug und auch der Rest von ihr in Hemd, Hose und eine dicke Lederschürze eingekleidet war. Meister Marius schob sich ungerührt seitlich in ihr Blickfeld; der Hammer hörte auf, auf den Stahl hinabzusausen, und die Person wandte ihm ihren Kopf zu, die Augen hinter einer Brille mit getönten Gläsern verborgen, um mit einer in einem Lederhandschuh steckenden Hand zu winken.
»Zwei Minuten!«, brüllte sie mit kräftiger Stimme. Meister Marius nickte und schob sich zusammen mit Aurelia aus der Funkenzone, um zu warten, während das Hämmern wieder losging. Aurelia stand wie zur Salzsäule erstarrt neben Meister Marius und ließ die Augen pfeilschnell durch die Schmiede und wieder zurück zu der hämmernden Schmiedin gleiten. Etwas an ihrer ganzen Umgebung fühlte sich seltsam richtig an – als ob sie dazu bestimmt war, hier zu sein. Sie schnappte nach Luft, als die Schmiedin begann, routiniert gleißende Magie in den glühenden Stahl einzuarbeiten, ehe sie nach einer Zange griff und das Stück mit einer geübten Bewegung zischend in einem großen Wasserbecken versenkte. Erst dann ließ sie den Hammer auf der Werkbank ruhen und kam zu ihnen.
Noch im Gehen riss die Schmiedin sich die getönte Brille aus dem Gesicht und den Hut von ihrem Kopf, unter dem schulterlanges, zerzaustes schwarzes Haar zum Vorschein kam, das nur halb in einem Pferdeschwanz gebändigt worden war und teilweise in ihre schweißfeuchte Stirn hing. Nachdem sie sich die Lederschürze abgenommen und die Ärmel ihres vollkommen verrußten Hemdes bis zu den Schultern aufgerollt hatte, zeigten sich Arme stark wie Baumstämme. Mit einem strahlenden Lächeln entblößte sie mehrere Goldzähne, die im flackernden Licht der Schmiede glänzten.
»Die Gottheiten zum Gruße!«, warf sie ihnen entgegen und stemmte die Hände in die Hüften, um sie aufmerksam zu mustern, dann röteten sich ihre Wangen in offensichtlicher Begeisterung, und sie begann zu strahlen.
»Meister Cinna!«, platzte sie heraus, kreuzte die Arme über der Brust und verneigte sich tief, ehe sie sich mit leuchtenden Augen der Begeisterung wieder aufrichtete. »Ihr Besuch in meiner bescheidenen Werkstätte ehrt mich wirklich sehr. Und du musst dann wohl Aurelia sein? Sei gegrüßt, ich bin Thressa, Thressa Funkenschmied.«
Sie schüttelte enthusiastisch Aurelias Hand, die zwischen ihren schwieligen Fingern beinahe verschwand. Meister Marius schien ein Schmunzeln unterdrücken zu müssen, zog jedoch die Mundwinkel hinab und die Augenbrauen zusammen.
»Das ist sie«, sagte er, und dann: »Sie hat heute die ersten Grundlagen zur Keilschrift gelernt, und ich beabsichtige, die technische Seite weiter mit ihr auszufeilen. Den Rest überlasse ich Ihnen. Aurelia hat ein besonderes Interesse für Magoarchitektur, vielleicht können Sie ihr da ein wenig weiterhelfen.«
»Aber natürlich! Sehr gern!« Meisterin Funkenschmied strahlte sie an. »Meine ehemalige Meisterin hat einige magisch verstärkte Gebäude in dieser Stadt überwacht und errichtet, ich zeige dir gern ihre Aufzeichnungen dazu. Ich gestehe, ich hatte bisher noch keine eigenen Auszubildenden, aber ich werde mein Bestes tun, dir mein Wissen zu vermitteln!« Sie lächelte und ließ ihre Hand so kraftvoll auf Aurelias Schulter niedersausen, dass diese beinahe in die Knie ging. Meister Marius wirkte milde amüsiert.
»Du bist in guten Händen«, meinte er. »Findest du den Weg heim?«
Aurelia zögerte, wollte keine Probleme machen und fühlte doch, wie ihr beim Gedanken an einen Heimweg ohne Begleitung der Angstschweiß ausbrach. »Allein?«
Meister Marius öffnete den Mund, hielt inne und musterte sie einen Moment lang aufmerksam. Dann sah er zu Meisterin Funkenschmied. »Können Sie das Mädchen heimbringen, wenn Sie fertig sind?«
Meisterin Funkenschmied wirkte ein wenig verwundert, nickte aber. Aurelia fühlte Erleichterung in sich aufsteigen – und Dankbarkeit, dass Meister Marius ihr Problem nicht allzu offensichtlich breitgetreten hatte. Ein Teil von ihr schämte sich immer noch dafür, dass es ihr nicht möglich war, draußen allein unterwegs zu sein. Irgendwie wurde es zwar langsam ein bisschen besser, aber sie war noch weit davon entfernt, längere Strecken allein zurückzulegen.
Meister Marius schien sie deswegen nicht zu verurteilen, zumindest sah man ihm nichts dergleichen an. Stattdessen schenkte er ihr nur ein flüchtiges Lächeln. »Gut. Ich werde Oberspäher Beilschmidt einen kurzen Besuch abstatten. Bis später.«
Er nickte Meisterin Funkenschmied zu, die sich daraufhin wieder tief verneigte. Meister Marius’ Mundwinkel zuckten einen Moment, dann wandte er sich ab und verließ mit wehendem Umhang die Schmiede. Aurelia konnte noch sehen, wie die Leute ihm hastig aus dem Weg sprangen, dann war er schon ihrem Sichtfeld entschwunden.
Meisterin Funkenschmied stemmte die Hände in die Hüften und legte gedankenvoll die Stirn in Falten. »Womit fangen wir nur am besten an … Oh! Ich weiß.«
Einige Minuten, nachdem Meister Marius sich verabschiedet hatte, zog sie einen Feuerschutz aus dem hinteren Bereich der Schmiede und stellte ihn vor Aurelia hin. Der dreiteilige Feuerschutz mit aufklappbaren Flügeln bestand aus einem zart gehämmerten, dünnmaschigen Gitter, an dem sich eiserne Rosen emporrankten. Voller Faszination ließ Aurelia die Fingerspitzen über eine davon gleiten und blickte dann zu Meisterin Funkenschmied, die erwartungsvoll wie ein junger Hund auf sie hinuntersah.
»Na?«, fragte sie. »Fällt dir etwas an seiner Beschaffenheit auf? Und damit meine ich nicht die – na ja, die physische Beschaffenheit.«
Aurelia runzelte die Stirn und neigte sich tiefer darüber. Ja, da war etwas – ihre Finger ertasteten Stellen im Eisen, die sich auf ihre Berührung hin rasch aufzuwärmen schienen. Einer plötzlichen Eingebung folgend atmete Aurelia langsam aus. Sie legte beide Hände über das Gitter und lehnte sich darüber. Ja, da war es: Mehrere Linien an winzigen Runen, die mit dem freien Auge kaum zu sehen waren, fast nur leichte Kratzer im Eisen. Ein Spruch zum Aufsaugen von übermütigem Feuer, aber nicht gehorsamem – das machte Sinn. Niemand wollte Funken auf seinem Teppich, aber ein Feuerschutz, der das Kaminfeuer im Übereifer erstickte, war genauso unbrauchbar. Und die Rosen …
»Ich verstehe nicht – was ist das für eine Kombination aus Runen?«, sprach Aurelia laut aus und schüttelte den Kopf. »Ich kann keinen praktischen Nutzen für eine Farbrune erkennen. Aber ich kenne bisher auch nur ein paar einzelne Runen.«
Thressa lachte so dröhnend, dass das Gitter in Aurelias Händen zu zittern schien. »Eine Wachstumsrune in Kombination mit einer Feuer- und Farbrune ergibt ein wunderbar ästhetisches Ergebnis. Ab und zu möchte ich einfach Schönheit produzieren. Diese Rosen schwellen an und färben sich rot, wenn Feuer im Kamin brennt. Es hat einen wunderbaren Effekt, die Edeldame, die ihn in Auftrag gegeben hat, ist begeistert von der Idee. Erschaffst du nicht auch manchmal Dinge, einfach weil du kannst oder willst?«
Aurelia zögerte. »Ich habe meinem Vater gelegentlich bei Architekturprojekten assistiert und Modelle angefertigt«, erwiderte sie. »Aber da wurde mir nicht viel freie Hand gegeben.«
»Und mochtest du es?« Thressas Augen bohrten sich in ihre, aber alles in ihrem Gesicht war sanft. »Mochtest du es, Dinge zu bauen?«
»Ich liebe es«, erwiderte Aurelia mit einer Vehemenz, die sie selbst überraschte. »Ich wäre gerne Architektin geworden – ich kann mir nichts Besseres vorstellen, als Leuten dabei zu helfen, in einem schönen Heim zu leben. Auch wenn …«
»Ja?«
Aurelia ließ den Blick durch die Schmiede gleiten. »Ich frage mich, was man noch machen könnte. Ich habe gesehen, dass im vorderen Bereich der Schmiede elektrische Lampen verwendet werden. Lehnen Sie nichtmagische Errungenschaften also nicht ab?«
»Oh, ganz im Gegenteil!«, rief Thressa aus. »Wir experimentieren hier viel damit. Die Alchymie ist eine Art Schnittstelle der Welten – ein einsames, neues Spielfeld und von vielen schräg beäugt, aber Leute wie wir, wir haben nicht vergessen, dass wir alle nicht so unterschiedlich voneinander sind, nicht wahr?« Sie zwinkerte Aurelia für einen Moment zu. »Du kannst die Schriftkonstruktionen sehen, das ist schon einmal eine sehr gute Voraussetzung.«
»Oh? Ist das nicht Standard?«
Thressa lächelte verschmitzt und schüttelte den Kopf, um sich dann über die Stirn zu wischen. »Zugegeben, das hier war noch eher zu schaffen, weil die Schrift in Ansätzen in die Oberfläche eingearbeitet wurde, aber bei einem Stück wie diesem hier … einen Moment.« Sie verschwand in einem anderen Teil der Schmiede und kam mit einem handgroßen Spiegel zurück, den sie Aurelia in die Hand drückte. »Hier. Was siehst du hier?«
Aurelia untersuchte den Spiegel sehr vorsichtig von allen Seiten, aber anders als bei dem Feuerschutz gab es hier nicht einmal den geringsten Kratzer, der auf eine Rune hindeuten konnte. Trotzdem konnte sie es fühlen: eine Energie, die von ihm ausging, und unterschwellig auf dem Stück vibrierte komprimierter Dampf, der durch Rohre floss. Ohne nachzudenken, sandte Aurelia einen magischen Impuls aus, nur um die Augen zu weiten, als ein dichtes, kunstvolles Geflecht aus Runen auf der Rückseite des Spiegels in gleißender Schrift aufflammte. Die Komplexität des Spruches ließ sie schwindeln; nur mit Mühe konnte sie einige Teile davon entziffern, ohne eine Idee davon zu bekommen, was es im Ganzen bedeutete.
»Ich kann es sehen«, sagte sie nach einer Weile, »aber ich kann es nicht verstehen.«
»Das hätte mich auch sehr gewundert«, erwiderte Meisterin Funkenschmied milde. »Es ist sehr schwierig, die eigene Spruchkonstruktionsweise herauszufinden, und noch wesentlich schwieriger, die von anderen Kundigen der Alchymie zu deuten. Aber du siehst sie! Und dabei habe ich diese Konstruktion tief in das Material eingearbeitet.«
»So wie bei dem – was auch immer Sie vorher bearbeitet haben, als wir hereingekommen sind?«
»Ganz genau«, bestätigte Meisterin Funkenschmied mit einem breiten Lächeln.
Aurelia schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Ahnung, wie das hier funktioniert«, gab sie dann zu, »mir wurde beigebracht, dass Magie immer einen äquivalenten Austausch benötigt – Energie gegen Magie, sozusagen. Aber das hier?«
»Ist genauso ein Austausch«, sagte Meisterin Funkenschmied und legte den Spiegel beiseite, um die Arme vor ihrer Brust zu verschränken. »Der einzige Unterschied ist, dass in der Alchymie Energie in einem Stoß abgegeben wird anstatt gleichmäßig, wie es die meisten Quellenkinder machen.« Aurelia horchte auf. »Wir geben eine große Portion Energie ab, wenn wir die Runen schmieden, welche diese dann in sich speichern und funktionieren, solange Energie zum Aufbrauchen vorhanden ist.« Sie lächelte.
»Oh«, stieß Aurelia mit großen Augen hervor. »So geht es mir – ich komme am besten mit meiner Magie zurecht, wenn ich mir vorstelle, dass ich sie aus mir heraus in irgendetwas hineinstoße!«
»Dann könnte es sein, dass du eine gute Alchymistin abgeben wirst«, sagte Meisterin Funkenschmied, während ihr Lächeln noch breiter wurde. »Du bist hier genau richtig. Wir werden üben, wie du Magie speichern und in den richtigen Dosen wieder abgeben und wie du dieses Talent einsetzen kannst. Es gibt ganz viele unterschiedliche Möglichkeiten, die Auswahl ist groß. Spannend ist dann immer auch, sich zu überlegen, wie eigene Energie eingespart werden kann. Ich mache beispielsweise gelegentlich Experimente mit Strom und Dampf, um zu sehen, ob man sie für Alchymie verwenden kann, aber bisher fehlen mir noch einige Werte in der Gleichung.«
»Ich will das lernen«, platzte Aurelia heraus und fühlte ekstatisches Kribbeln in sich aufsteigen. »Bitte unterrichten Sie mich!«
»Natürlich, das habe ich deinem Meister sowieso versprochen, und ein Versprechen gegenüber Leuten wie Meister Cinna bricht man nicht.« Ihre Augen leuchteten auf. »Hast du den Mantel gesehen, den er trägt? Schleiermäntel sind wahnsinnig selten geworden, und dieser war von höchster Qualität, ich würde mich bei seinem Alter sogar zu wetten trauen, dass er von Eirene Basilea persönlich angefertigt worden ist!«
»Eirene Basilea?«
Meisterin Funkenschmied seufzte verträumt. »Eine Fabramagix von Mistras, die vor ungefähr zweihundert Jahren starb. Ihre Errungenschaften sind – unbeschreiblich. Sie hat wahnsinnig wichtige Vorstöße auf dem Gebiet der magischen Waffenherstellung geliefert, und die heutigen Diskurse über Sprucharbeit basieren immer noch stark auf ihren Theorien. Ein absolutes Vorbild. Wie dem auch sei – was ich mache, ist harte, körperliche Arbeit. Du praktizierst sicher bereits Atemübungen und dergleichen?« Aurelia nickte. »Damit wird es nicht getan sein. Alchymie ist mehr Handwerk als irgendetwas anderes, das ist auch physisch anstrengend.«
»Davor habe ich keine Angst«, sagte Aurelia unumwunden. »Auch wenn ich mich in der ersten Zeit wahrscheinlich dämlich anstellen werde.«
Meisterin Funkenschmied entblößte mit einem weiteren strahlenden Lächeln ihre Goldzähne. »Das ist die richtige Einstellung. Ich verlange nur Disziplin und Freundlichkeit, außerdem Bemühen, sonst sehr wenig. Ist das machbar?« Aurelia nickte und versuchte, nicht zusammenzuzucken, als erneut eine von Meisterin Funkenschmieds großen Händen auf ihre Schulter niedersauste, um sie euphorisch zu klopfen. »Architektur ist dein Interessengebiet, ja? Dann beschäftigen wir uns damit doch ein bisschen mehr, das gibt eine gute Einführung.«
Während sie sprach, lief sie auch schon in der Schmiede umher und breitete auf einem großen Tisch in der Ecke mehrere Pläne aus. Einer davon war ein ganz normaler Stadtplan von Vhindona, wie Aurelia ihn schon von Arbeiten mit ihrem Vater kannte. Ein zweiter jedoch wies Einkreisungen an bestimmten Stellen der Stadt auf, die miteinander eine Schere zu bilden schienen. Der dritte Bauplan wiederum hatte kleine, blinkende Lichter wie Punkte über die ganze Stadt hinweg verstreut.
»Ich kenne den normalen Plan«, sagte Aurelia nach eingehender Sichtung. »Aber was zeigen die beiden anderen?«
Meisterin Funkenschmied zeigte erneut ihr blitzendes Lächeln. »Die wenigsten Vulgax wissen, dass fast alle großen Städte unter dem Mitwirken von Quellenkindern erbaut wurden. Macht aber Sinn, nicht? Oft sind diese Städte auf magischen Knotenpunkten gebaut worden. Gerade bei alten Städten wie Vhindona gibt es Orte, die durchtränkt sind von Magie, wo das Netz besonders stark ist, weil alle magischen Gründungsmitglieder ein bisschen von ihrer Magie darin versenkt haben. Oftmals sind diese Punkte in einem bestimmten Muster zu Ehren der Gottheiten angelegt. Vhindona wurde einst der Herrin gewidmet.« Sie glitt mit einer halbwegs rußfreien Fingerspitze über die scherenförmige Anordnung. »Hierzulande hat man, denke ich, geglaubt, dass sie den Lebensfaden durchtrennt, daher die Schere. Diese Orte sind sehr mächtig – wenn man sie aktiviert, kann sogar eine Verbindung zur Herrin selbst aufgenommen werden, was nicht sehr empfehlenswert ist. Wer sich mit magischer Architektur beschäftigt, sollte aber auf jeden Fall wissen, wo sie liegen.«
»Ich glaube, das Haus meiner Eltern liegt auf dieser Linie«, stellte Aurelia fest, dann kniff sie die Augen zusammen. Konnte es sein, dass Meister Marius’ Haus direkt an jenem Punkt lag, wo die beiden Linien der Schere sich kreuzten?
Und noch etwas anderes kribbelte in ihrem Hinterkopf. Sie wusste, dass es etwas gab, mit dem sie diese Karte in Verbindung bringen musste, aber sie kam einfach nicht darauf, was es war.
»Würde mich nicht wundern, wenn er genau deswegen das Haus gekauft hat«, meinte Meisterin Funkenschmied auf eine entsprechende Frage hin. »Ist sicher auch kein Zufall, dass er von allen Städten der Welt ausgerechnet nach Vhindona gekommen ist.«
Aurelia war sich sehr sicher, dass ihr Meister keinen Gefallen daran finden würde, wenn sie aus dem Nähkästchen plauderte, also nickte sie nur und strich sich gedankenvoll über das Gesicht. »Müsste Vhindona für die Gefolgschaft von Inar dann nicht eher abstoßend sein?«
»Da fragst du die Falsche«, lachte Meisterin Funkenschmied. »Meine Arbeit könnte ich fast überall durchführen, aber hier war eben eine passende Meisterin für mich. Das war mein Antrieb, hierherzukommen. Kannst die Karte ruhig behalten, wenn du willst, ich hab noch eine.«
»Danke sehr!« Aurelia deutete auf die dritte Karte. »Und das hier?«
»Die Punkte signalisieren alle magisch verstärkten Gebäude der Stadt. Das Geniale daran ist, dass sie automatisch einen Punkt hinzufügt, wenn ein neues magisch verstärktes Gebäude erschaffen wird. War allerdings schon eine ganze Weile nicht der Fall.« Meisterin Funkenschmied seufzte. »Früher war es irgendwie lustiger, hier zu arbeiten, das muss ich schon ganz offen und ehrlich sagen. Aber die Zeiten werden sich sicher auch wieder ändern.«
»Ihr seht die Entwicklungen sehr positiv«, stellte Aurelia fest.
Meisterin Funkenschmied zuckte mit den Achseln. »Was soll ich denn tun? Ich bin keine Politikerin und habe auch keinen besonderen Einfluss. Alles, was ich machen kann, ist, die Entwicklungen im Auge zu behalten und meine Arbeit zu verrichten. Außerdem bin ich nicht gerne unglücklich.«
»Das kann man einfach so entscheiden?«, entschlüpfte es Aurelia trockener als beabsichtigt.
Die Alchymistin zwinkerte ihr zu. »Du würdest dich wundern, was alles eigentlich reine Kopfsache ist, Mädchen. Glücklich sein kann man mit der richtigen Einstellung überall, auch wenn die Umstände eigentlich gegen einen zu sein scheinen.«
Das war eine Einstellung, der Aurelia sich eigentlich gern anschließen wollte, aber irgendwie fand sie das nicht so einfach wie von der Alchymistin behauptet. Da sie dieses Problem so schnell nicht lösen können würde, beugte sie sich lieber über den Plan und wechselte das Thema. »Wie wird eine solche Karte hergestellt?«
»Gut, dass du fragst.«
Meisterin Funkenschmied verbrachte den restlichen Nachmittag damit, ihr verschiedene Vorgangsweisen bei unterschiedlichen Materialien zu erläutern. Kundige der Alchymie, so erklärte sie, arbeiteten enger an den Ausgangsmaterialien, mit denen sie umgehen wollten. Das war von Bedeutung, da jenes Material nicht Mittel zum Zweck, sondern der Zweck selbst war. Sie ermöglichten, dass auch andere Leute magisch verstärkte Gegenstände nutzen konnten, selbst Vulgax.
»Normalerweise ist Magie egoistisch«, sagte Meisterin Funkenschmied. »Man kann zwar mit anderen zusammenarbeiten und gemeinsam etwas erschaffen, aber es ist schwierig und erfordert eine gewisse Harmonie zwischen den Partizipierenden. Leute, die gut in magischer Kooperation sind, haben meistens auch einen Hang zur Alchymie. Sie sind besser darin, Energie abzugeben, als für sich zu behalten. Ich persönlich hab es beispielsweise nie fertiggebracht, irgendwas in Richtung Gestaltwandel zu schaffen, weil das sehr selbstbezogene Magie ist. Vollkommen wertfrei gemeint!« Sie lächelte. »Alchymie-Kundige kennen sich oft auf vielen Gebieten gut aus, weil sie Zusammenhänge erkennen müssen. Es ist ein bisschen wie das Gleichgewicht der Elemente, das Inars Gefolgschaft beachten und bewerkstelligen muss, aber nicht ganz das Gleiche. Es geht nicht nur um Elemente, sondern auch um Disziplinen, die von den Magielosen aufgestellt wurden. Mit Mathematik kommt man gerade bei magischer Architektur sehr weit!«
»Macht Sinn.«
Auch die Bedeutung von toten Schriftsystemen führte Meisterin Funkenschmied weiter aus. Sie wurden als Mittel eingesetzt, um die Magie an Gegenstände zu binden, die diese eigentlich nicht aufwiesen.
»Es erfordert ein bisschen Übung, bis man heraushat, wie man während des Anbringens der Sprüche oder Schriftsymbole Magie hinzufügen kann«, erklärte sie. »Jeder macht es ein bisschen anders, aber ich werde dir die Grundtechniken beibringen. Kannst mal mit einfachen Werkstücken beginnen und dich dann hocharbeiten, durchs Machen lernt man es meistens schneller als durch verbale Erklärungen.«
»Kann ich damit heute schon anfangen?«
Meisterin Funkenschmied lachte. »Warum nicht? Hast du irgendeine handwerkliche Ausbildung? Wahrscheinlich nicht, oder?«
Aurelia schüttelte den Kopf. »Ich habe ein bisschen Handarbeit gelernt, aber wirkliche körperliche Arbeit ist eben … nicht vorgesehen für eine Frau von meinem gesellschaftlichen Stand.«
Die Alchymistin schüttelte den Kopf. »Das werde ich nie ganz verstehen, aber ich bin auch in sehr einfachen Verhältnissen groß geworden – ein Dorf im radbonischen Nirgendwo. Da hat jeder anpacken müssen, der was getaugt hat, damit die ganze Familie durchkommt.«
»Es wird eben damit gerechtfertigt, dass Frauen körperlich zu schwach für bestimmte Arbeiten seien.«
Daraufhin spannte Meisterin Funkenschmied umgehend den beachtlichen Bizeps an. »Sieht das für dich aus, als könnte ich nicht meinen Beitrag leisten? Außerdem gibt es so viele verschiedene Handwerke, dass körperliche Kraft allein in meinen Augen kein ausreichender Grund ist, und man kann ja alles lernen und aufbauen. Na ja, schade. Ich fürchte, dann werden wir mit den nichtmagischen Techniken beginnen müssen, um dich mit der Herstellung vertraut zu machen. Fangen wir mit Papier an.«
Das schien irgendwie ein beliebter Handgriff bei magischen Ausbildenden zu sein. Bei Meisterin Funkenschmied lernte sie allerdings die Herstellung von Papier selbst, nicht, wie sie daraus eine Pflanze wachsen lassen konnte.
»In vielen Städten sind solche Sachen auf mehrere Zuständigkeiten aufgeteilt«, erklärte Meisterin Funkenschmied, während sie Papier schöpften – nur eine kleine Menge, damit Aurelia üben konnte. »Aber ich bin hier die einzige richtige Alchymistin, deswegen mache ich irgendwie ein bisschen was von allem. Meine große Leidenschaft ist aber Metall, mit Papier komme ich eigentlich nicht so gut zurecht. Aber es reicht für den Einstieg, schätze ich. Als Alchymistin empfiehlt es sich einfach, die Dinge von Grund auf selbst zu erschaffen, das macht die Magiefusion einfacher. Geht natürlich nicht immer und überall, aber es variiert dementsprechend eben auch, was die Ergebnisse anbelangt.«
»Ich mochte Stein eigentlich immer sehr«, sagte Aurelia nach einer Weile nachdenklich. »Also – Gestein und Mineralien, schätze ich. Ich hatte auch so eine Sammlung mit verschiedenen Mineralien von den verschiedensten Fundorten.« Und sie liebte Marmor. Gab es etwas Besseres als das Gefühl von glattem Marmor unter den Fingern?
»Das ist gut!«, rief Meisterin Funkenschmied enthusiastisch aus. »An deiner Stelle würde ich zusehen, dass ich mich mehr damit beschäftige. Ich werde dir Bücher und Übungsmaterial mitgeben, und wir können auch hier damit arbeiten.« Sie klatschte donnernd die Hände zusammen und strahlte Aurelia an. »Ich muss zugeben, ich freu mich, wieder mal magische Arbeit mit jemandem gemeinsam zu machen und ein neues Gesicht anzulernen. Hoffentlich wird’s für dich genauso produktiv wie für mich.«
Aurelia konnte nicht anders, als Meisterin Funkenschmieds Lächeln zu erwidern. »Wissen Sie«, sagte sie, »ich habe ein gutes Gefühl bei der Sache.«
Zwei Wochen vergingen, in denen Aurelia fast jeden Tag die Schmiede besuchte. Nachdem offensichtlich wurde, dass sie sich mit Alchymie gut anstellte, zwang Meisterin Funkenschmied sie für weitere Arbeit in der Schmiede zu einem körperlichen Training, das Aurelia bisher eher mit Männern assoziiert hatte und von dem sie beinahe durchgehend Muskelkater verspürte. Die harte körperliche Arbeit war wohl auch der Grund, warum sie jeden Abend ins Bett fiel und schlief wie ein Stein. Aber sie hatte absolut nichts dagegen. Wie Meisterin Funkenschmied bei ihrer ersten Begegnung verkündet hatte, konnte man alles aufbauen, und Aurelia bekam einen angemessenen Sportplan von ihrer Lehrmeisterin, der sie allerdings gehörig ins Schwitzen brachte. Viermal die Woche eine Stunde pro Tag Sport für Arme, Rücken und Beine zu machen war etwas, das sie zuvor nie getan hatte und an das sich ihr Körper erst einmal gewöhnen musste. Gegen den Muskelkater an den Ruhetagen zwischen den Einheiten half nur eine gehörige Portion von Meister Kilians eigens kreiertem Muskelmuntermacher – ein magisch angereichertes Öl, das bestialisch stank, aber unfassbar lindernd war, wenn man es auf die Haut auftrug.
Es war spannend, herauszufinden, wozu sie fähig war.
Bis zum Beginn ihrer Ausbildung in der Schmiede hatte Aurelia sich nie damit beschäftigt, was sie eigentlich körperlich zu leisten vermochte. Je mehr sie es tat, umso mehr hatte sie das Gefühl, dass man ihr etwas genommen hatte, indem man ihr ihre ganze Jugend lang gesagt hatte, dass sie darauf achten musste, jemand Stärkeren zu haben, der sie beschützte. Aurelia wollte mit Hammer, Stein und Stahl umgehen. Sie wollte lernen, und das Streben nach Verbesserung motivierte sie selbst dann, wenn das Training besonders anstrengend war.
Normalerweise konnte sie sich danach auch gut erholen, aber eines frühen Morgens wurde sie sehr unsanft aus dem Schlaf geschreckt, als jemand mit voller Kraft gegen die Haustür hämmerte, sodass das ganze Haus darunter zu beben schien.
Einen Moment lang blickte sie sich desorientiert um. Mittlerweile hatte sie gelernt, auf das Haus zu hören; jedes Haus hatte eine Stimme, aber magische Häuser waren noch einmal etwas anderes, zumindest dieses hier. Sie konnte spüren, dass als Reaktion auf die hämmernden Schläge ein Zittern durch die Wände ging, wie bei einem empörten Tier, das zu müde war, um wirklich aggressiv zu werden. Vielleicht bedeutete es aber auch, dass das Haus keine große Gefahr von der Unruhe ausgehen sah, was ein Gedanke war, den Aurelia durchaus beruhigend fand. Wenig später hörte sie etwas im oberen Stockwerk krachen, dann war es einen Moment lang still, ehe Meister Marius fluchend seine Schlafzimmertür aufzureißen schien und dann ebenso fluchend die Treppen hinunterpolterte. Rasch schwang Aurelia sich aus dem Bett, warf sich einen Morgenmantel um die Schultern und lief ebenfalls aus ihrem Zimmer.
Sie kam am untersten Treppenabsatz an, als Meister Marius, der sich aufgrund seines unsanften Erwachens statt seiner üblichen Zopffrisur lediglich einen blickdichten Schleier über den Kopf geworfen hatte und noch in einem schillernden, schwarzblauen, für diese Jahreszeit viel zu dünn wirkenden Morgenmantel steckte, die Haustür aufriss, um den Störenfried verbal herunterzuputzen. Stattdessen fand er sich Auge in Auge mit einem höchst aufgelösten Meister Grünwald, der im letzten Moment seine erneut zum Klopfen bereite Armbewegung umlenkte und dadurch um ein Haar verhinderte, dass er Meister Marius seine Faust ins Gesicht rammte.
»Was zum –«, begann Meister Marius in einem schneidenden Tonfall, wurde jedoch sehr schnell unterbrochen.
»Sie holen Gale!«, rief Meister Grünwald erregt und deutete mit heftiger Geste hinter sich. »Ich habe ja versucht, mit ihnen zu reden, mich ihnen entgegenzustellen, aber keine Chance – du musst mir helfen, Marius, sofort!«