George Wilson kehrte an den Tisch seiner Frau zurück. Er wusste überhaupt nicht, was er denken sollte. Die Namen … Ein wenig zu viel Zufall für seinen Geschmack. Und trotzdem konnte dieser unfreundliche Kerl unmöglich ihr Sohn sein. War die Entfremdung über all die Jahrzehnte so groß geworden, dass er einfach nichts mehr spürte? Früher hatten Eric und er viel Zeit miteinander verbracht. Während George alte Geräte reparierte oder am Auto herumbastelte, wollte sein Sohn über jeden einzelnen Arbeitsschritt informiert werden und jedes Werkzeugteil und seine Funktionen genau erklärt bekommen. George konnte sich gut an das Gefühl dieser tiefen Verbundenheit erinnern: vom Vater zum Sohn. Und jetzt? An dem Tisch gerade eben? Nichts. Gar nichts.
„Wo ist er denn hin?“, fragte Maggie erschrocken. „Du wirst doch nicht etwa unseren Jungen vergrault haben?“
„Nein, nein“, beschwichtigte George. „Ich glaube, er musste nur weiter. Zu einem wichtigen Termin.“
„Er reist doch nicht wieder ab?“
„Keine Sorge“, erwiderte George schnell. „Ich habe ihn heute zum Dinner eingeladen.“ Sofort lösten sich Maggies verstörte Gesichtszüge. „Das hast du wirklich gut gemacht“, rief sie überglücklich. Dann faltete sie ihre Hände ineinander und blinzelte neugierig. „Und? Erzähl schon! Wie hat er reagiert? Warum ist er hier? Sucht er uns? Was hat er gesagt?“ George Wilson wusste nicht, was er seiner Frau von dem ebenso verwirrenden wie unerfreulichen Gespräch erzählen sollte.
„Jetzt mach es doch nicht so spannend.“
George räusperte sich kurz. „Du hattest vollkommen recht“, erklärte er. „Sein Name ist tatsächlich Eric Wilson und seine Eltern heißen Maggie und George … “
„Hab ich’s doch gewusst!“, jubelte sie und ballte voller Freude ihre fleischigen Hände zu Fäusten. „Der Himmel meint es gut mit uns.“
„Er sagte aber auch, dass seine Eltern vor 30 Jahren verstorben sind.“
„Verstorben?“, murmelte sie. „Wir sind aber nicht tot. Vielleicht hat er ja sein Gedächtnis verloren“, vermutete Maggie. „Oder seine Zieheltern haben ihm das eingeredet, um ihm die Eingewöhnung leichter zu machen.” Sie leckte sich kurz über die Lippen. „Oder er wurde seinerzeit doch entführt und einer Gehirnwäsche unterzogen. So etwas steht doch alle Tage in der Zeitung.“ Sie hielt inne. „Was ist los, George? Du siehst so bekümmert aus.“
„Ich will dir nichts vormachen, Liebes“, gestand er. „Ich bin mir trotzdem nicht sicher, ob es unser Eric ist.“
„Was?“, platzte es laut aus ihr heraus.
Als George sah, wie seine Frau auf einmal nach Atem rang, bereute er seine Ehrlichkeit. „Hör zu, Liebes, wir können ihn ja später beim Dinner genauer befragen. Noch weiß er nicht, dass wir seine Eltern sein könnten. Aber jetzt musst du dich unbedingt ausruhen. Du willst doch frisch sein, wenn du ihn in deine Arme schließt.“
„Ich bin in der Tat etwas erschöpft“, räumte sie ein und senkte die Augen. „Bestimmt hast du recht, George. Ich weiß ja, dass du es gut mit mir meinst. Du hast es doch immer gut mit mir gemeint.“
Bereitwillig ließ sich Maggie von ihrem Ehemann aufs Zimmer bringen. Dort half er ihr aus den Schuhen und ins Bett. Er deckte sie bis zum Bauch zu. „Am besten schließt du einfach für ein paar Minuten die Augen.“
Dann musste er auf die Toilette. Mal wieder. Um böse Überraschungen zu vermeiden, ließ er diesmal die Tür offen. Bevor er seinen Reißverschluss herunterzog, warf er sämtliche Steckbriefe in den Mülleimer unterhalb des kleinen Waschbeckens und legte zusammengeknüllte Zeitungsseiten darüber.
„Eric trug einen feinen Anzug“, rief sie und gähnte. „Findest du nicht?“ George stand vor der Toilette und wartete. „Ja“, antwortete er wahrheitsgemäß. „Richtig gute Qualität.“
„Unser Junge scheint sehr erfolgreich zu sein.“
„Ja“, meinte George. „Sein Feuerzeug sah auch sehr teuer aus.“
„Vielleicht ist er ja Zahnarzt“, mutmaßte sie. „Oder Anwalt oder Bankdirektor … “
„Kann gut sein.“
„Auf jeden Fall hat er es auch ohne uns weit gebracht, findest du nicht?“
„Mmh“, machte er.
„Ob er wohl verheiratet ist?“
George schwieg.
„Vielleicht sind wir ja schon Großeltern“, rief sie und gähnte erneut. „Ohne es zu wissen.“ Dann war sie still. George lauschte noch eine Weile. Maggie schien eingeschlafen zu sein. Er stand immer noch vor der Toilettenschüssel. Obwohl der Druck quälend war, kam kein einziger Tropfen.