George Wilson staunte nicht schlecht, als seine Frau nach einer halben Stunde vollkommen verwandelt aus dem Bad trat. Maggie trug ihre beste Abendgarderobe. Den Zweiteiler mit dem verrückten Blumen- und Tigermuster hatte sie sich zu ihrem 40. Hochzeitstag gegönnt. Damals hatte Maggie darin wie eine sehr freudlose Frau in einem sehr bunten Kostüm ausgesehen. Jetzt könnte sie mit den hoch toupierten Haaren und dem Makeup ihre jüngere Schwester sein – wenn sie eine gehabt hätte.
George küsste sie vorsichtig auf die Wange. „Du siehst wundervoll aus, Liebes“, flüsterte er beglückt. Wie der Abend wohl enden würde, fragte er sich besser nicht. „Danke“, erklärte sie ein wenig beschämt und vollführte eine kurze Drehung um sich selbst. „Für meinen Jungen muss ich doch gut aussehen“, meinte sie.
Auf dem Weg zum Speisesaal des Graynard Owl hakte sie sich bei George unter. Die hellen Korbmöbel des Wintergartens waren einem schwarzen Flügel gewichen und ein älterer Mann im Smoking ließ leicht perlende Melodien erklingen.
Hoteldirektor Barnsby führte sie persönlich an ihren Tisch. „Dieses Kostüm steht Ihnen ausgezeichnet, Mrs. Wilson”, schmeichelte er ihr mit heiserer Stimme. „Wie geht es Ihnen heute Abend?“
„Wundervoll“, erwiderte sie beschwingt. „Einfach wundervoll.“
„Das freut mich zu hören.“ Während Barnsby Maggie den Stuhl zurechtrückte, warf er George hinter ihrem Rücken einen anerkennenden Blick zu. Der Leiter des Grandhotels schien offenbar davon auszugehen, dass ihr Vieraugengespräch tatsächlich Früchte getragen hatte.
„Unsere Küche bietet heute Abend Steak Tartar, frischen Heilbutt und eine mediterrane Gemüsepfanne an“, sagte Barnsby gut gelaunt.
George musste nicht lange überlegen. Er liebte Steak Tartar über alles. „Wir warten noch auf unseren Gast“, erklärte Maggie.
Barnsby kehrte zur schweren Eingangsflügeltür zurück und führte anschließend die vier Herren im dunklen Anzug an ihren Tisch. Einer trug eine Sonnenbrille. Wie schon am Nachmittag platzte der Saal aus allen Nähten. Die amerikanische Familie saß, soweit George das erkennen konnte, bereits am Hauptgang. Die Witwen nippten an ihrem Portwein und studierten ausführlich die Abendkarte.
Nur von Eric Wilson fehlte jede Spur.
„Wann sagtest du noch mal, wollte er kommen?“, fragte sie.
„Wir haben keine feste Zeit ausgemacht“, antwortete George verlegen und spürte das leichte Ziehen seiner Blase, „sondern uns nur ganz zwanglos zum Dinner verabredet. Sicher wird er gleich auftauchen.“
Nach einer halben Stunde wurde Maggie immer nervöser. Ihre gute Laune war verflogen und sie wirkte ein wenig fahrig. „Und wenn er abgereist ist?“
„Bleib ganz ruhig, Liebes“, sagte George möglichst entspannt. „Er ist doch auch erst heute angekommen. Da halte ich eine überstürzte Abreise für mehr als unwahrscheinlich.“ Endlich betrat Eric Wilson den Raum. Er trug immer noch denselben Anzug und spielte lässig mit seinem goldenen Feuerzeug herum. Vergeblich sah er sich nach einem freien Platz um.
Da sprang Maggie hocherfreut auf. „Eric!“, rief sie und winkte ihm aufgeregt zu. „Huhu!“
Beschämt senkte George den Kopf.
Eric Wilson sah erst unschlüssig zu der speisenden Männergruppe, dann zu ihnen beiden. Schließlich tastete er die Taschen seines Anzugs ab und machte auf der Stelle wieder kehrt. „Wo will er denn hin?“, stieß sie enttäuscht aus. „Wo will mein Junge denn hin?“ George trank einen Schluck Wasser. „Bestimmt hat er nur etwas vergessen.“
Aber Eric Wilson hatte nichts vergessen und kam den restlichen Abend auch nicht mehr zurück.