George Wilson erledigte die Formalitäten am Empfang und nahm den Zimmerschlüssel entgegen.
„Übrigens – der neue Direktor würde Sie gerne sprechen, Mr. Wilson“, erklärte die blonde Dame im weinroten Kostüm.
„Mich?“, fragte George verwundert.
Sie nickte, wobei ihr blonder Pferdeschwanz auf und ab wippte. „Wenn Sie noch ein paar Minuten Zeit hätten … “
George übergab dem herbeieilenden Pagen die Koffer und ging zu Maggie, die ein wenig verloren wirkte.
„Hör zu, Liebes, ich muss nur noch kurz etwas erledigen. Warum gehst du nicht schon aufs Zimmer und packst aus?“
George war sich nicht sicher, ob sie ihm überhaupt zuhörte. Maggie schaute gebannt in den offenen Speisesaal.
„Sicher nur eine Formsache“, fügte er fürsorglich hinzu und führte seine Frau hinter dem Pagen her, bis sie den Fahrstuhl erreichten. „Ich bin dann gleich bei dir.“
„Mr. Wilson! Da sind Sie ja“, rief der Direktor in einem Ton, als wäre George eine berühmte Persönlichkeit. Neugierig drehten sich die anderen Gäste zu ihnen um. Der kleine Mann mit den kurzen grauen Haaren und der dünnen, belegten Stimme reichte ihm die Hand. „Mein Name ist Barnsby. Ich leite seit letztem Winter die Geschicke des Graynard Owl.“
„Stimmt etwas nicht?“ George wusste absolut nicht, was der Mann von ihm wollte. Er schätzte ihn auf Mitte 40.
„Alles in bester Ordnung.“ Barnsbys Blick schweifte kurz durch die Lobby. „Doch was stehen wir denn hier noch herum, Mr. Wilson? Gehen wir doch lieber in mein Büro“, sagte er kalt lächelnd.
George folgte mühsam dem Stechschritt des Direktors auf die andere Seite des Empfangs und betrat einen kleinen überfüllten Arbeitsraum. Barnsby wies mit seiner Hand auf den Besuchersessel. „Bitte nehmen Sie doch Platz. Kann ich Ihnen etwas anbieten? Einen Tee? Einen Whiskey?“
George setzte sich, spürte sofort seine gereizte Blase und schüttelte den Kopf. „Danke, nein.“
„Erlauben Sie mir, dass ich direkt zur Sache komme.“ Direktor Barnsby lief nervös auf und ab. „Die Angelegenheit ist sehr delikat“, krächzte er. „Nur lassen Sie mich vielleicht eines vorwegschicken: Ich möchte Ihnen mein tiefstes Bedauern über den tragischen Unfall von damals aussprechen.“
George nickte bedächtig. „Es ist lange her”, murmelte er.
„Nun“, sagte Barnsby heiser. „Wie Sie wissen, ist das Graynard Owl ein sehr altes, traditionsbewusstes Hotel und ich persönlich bin sehr glücklich, dass Sie uns trotz der schrecklichen Ereignisse schon so viele Jahrzehnte die Treue halten. Jedoch sind mir ein paar heikle Dinge zu Ohren gekommen, die ich nicht dulden kann.“
„Dinge?“ George rutschte nervös auf dem Sessel hin und her. „Was denn für Dinge?“
„Dinge, die vor allem Ihre Frau Gemahlin betreffen.“ Während des Gesprächs vermied Barnsby den Augenkontakt. „Im Gegensatz zu meinem Vorgänger werde ich es nicht dulden, dass Mrs. Wilson die Hotelgäste belästigt.“
„Wie bitte?“ George erhob sich schmerzhaft. „Was meinen Sie denn mit belästigen?“
„Ich möchte nicht, dass Ihre Frau hier im Grandhotel ihre Vermissten-Zettel aushängt und auch nicht, dass sie andere Gäste darum bittet, ihr bei der Suche nach Ihrem Sohn behilflich zu sein.“
George schluckte. Er wusste genau, wovon der Direktor sprach. Prompt fielen ihm all die peinlichen Situationen wieder ein: Wie Maggie im Hotel, am Strand oder auf der Landungsbrücke stundenlang „Eric” rief, als würde es sich um ein entlaufenes Hündchen handeln. Oder wie sie wildfremde Kinder plötzlich in ihre Arme schloss, weil sie in ihnen ihren Sohn erkannt haben wollte. Neben dem Entsetzen mancher Gäste, schmerzten ihn vor allem die mitleidigen Blicke der anderen. Er hatte es satt, für Maggie immer wieder den Feuerwehrmann zu spielen. Aber was sollte er machen? Er liebte seine Frau vom ersten Tag an – und daran würde sich auch niemals etwas ändern.
„Mr. Wilson.” Barnsby riss ihn mit einem Räuspern aus seinen Gedanken. „Ich möchte Sie freundlich, aber ausdrücklich warnen: Wenn es auch nur zu einem einzigen Vorfall dieser Art kommt, müssen Sie und Ihre Gattin sofort abreisen. Und zwar für immer!“