In dem Heinrich glaubt, eine Warnmeldung überhört zu haben, und eine Postkarte schreibt.
In aller Herrgottsfrüh traf Heinrich Lieber in Ísafjörður ein. Er war in den letzten paar Stunden keiner Menschenseele begegnet, hatte weder Auto noch Lastwagen auf der Schotterstraße angetroffen. Die Dörfer in den Fjorden schienen über den Seeweg beliefert zu werden, was Heinrich nach dieser Fahrt nur als logisch empfand. Er sehnte sich nach einem Mitmenschen, einer Gestalt, auch wenn sie nur aus der Ferne auszumachen gewesen wäre, doch als er im Schritttempo durch die Gassen der kleinen Hafenstadt tuckerte, musste er enttäuscht feststellen, dass noch alles schlief. Also hoffte Heinrich, wenigstens ein Lebewesen zu sehen, eine Bestätigung, dass er nicht der einzige Säuger auf Erden war. Immerhin bemerkte er eine Möwe, die wie ausgestopft auf dem Mast einer Straßenlampe hockte und döste. Selbst im Hafen war tote Hose, die kleinen Boote schaukelten vertäut am Pier.
Heinrich stellte sein Auto mit Blick aufs Wasser am äußeren Dorfrand ab, den Fjord und die steilen Berghänge im Rücken. Weit draußen auf dem nun dunkelblauen Meer waren ein paar größere Boote auszumachen. Trawler vielleicht. Totale, misstrauisch machende Stille. War die Zeit stehengeblieben? War es möglich, dass er auf seiner Fahrt durch die Nacht in ein Zeitloch gefallen und nun in dessen Vakuum gefangen war? Vielleicht hatten die Bewohner der Fjorde eine Vulkanwarnung erhalten, das Dorf war evakuiert und die Menschen auf die Boote da draußen gepfercht worden. Und er, Heinrich Lieber, dieser Pechvogel, hatte auf seiner Fahrt nichts davon mitgekriegt, hatte keinen blassen Schimmer, dass er auf einem Vulkan hockte, der jeden Moment auszubrechen drohte. Plötzlich gäbe es einen gewaltigen Rums, und er würde die Fjorde von oben sehen!
Doch die Realität ist selten spektakulär. Schon bald bemerkte Heinrich eine Katze, die um die Häuserecken schlich, den Schwanz flach hielt und auf der Hut war. Sie war also nicht die einzige Katze im Dorf und musste sich auf feindlichem Territorium befinden. Tiere sind bekanntlich weit sensibler als Menschen und hätten sich noch vor der Vulkanwarnung davongemacht.
Heinrich entspannte sich also und machte es sich auf dem Autositz bequem. Die Möwe stieß sich vom Mast der Straßenlampe ab und schweifte hinaus aufs Meer, musste dabei kaum mit den Flügeln schlagen; es war, als trüge sie der Wind auf unsichtbaren Händen, wohin sie auch wollte.
Ein Vogel müsste man sein, dachte Heinrich. Eins mit der Natur, dem Wind, dem Wasser, sie sich zu Komplizen machen, als wenn es nichts Selbstverständlicheres gäbe.
Heinrich klappte den Sitz etwas zurück und bettete sein Haupt auf die Kopfstütze. Er schaute aus dem Fenster, sein Blick verlor sich in den unruhigen Wellen, den Tiefen des Fjordes. Wie gern er am Wasser leben würde. Wasser, das jeden Tag die Farbe wechselt, mal ruhig und spiegelglatt ist, mal heftig ans Ufer wuchtet, mal zauberhaft glitzert oder matt lauert, jederzeit bereit, seinen Schlund zu öffnen für jeden, der hineinfällt. Heinrichs Augen wurden schwer und fielen zu, und die Gedanken huschten unkontrolliert durch seinen Kopf. Er war nun beinahe angekommen. Dem Ziel so nahe. Erleichtert und stolz war er, dass er den holprigen Weg durch die Fjorde gemeistert hatte, müde und zufrieden. Bis zur Farm seiner Mutter waren es nur noch ein paar Kilometer. Da endete sein Weg.
Adrian Brändli versuchte es ein letztes Mal. Der Rezeptionist des Hotels hatte sich inzwischen an den Namen gewöhnt.
Nein, Herr Lieber sei noch nicht aus den Westfjorden zurückgekehrt. Ob denn Herr Brändli nicht wisse, was es heiße, in die Westfjorde zu gehen? Von da komme man nicht so schnell wieder zurück, sagte der Rezeptionist belehrend, als müsste das eigentlich jeder wissen.
Brändli verstand nur Bahnhof, doch er hatte keine Lust, weiter nachzufragen, und verabschiedete sich trocken.
Seine Vermutungen hatten sich erhärtet. Er war auf Heinrich Liebers Auskünfte nicht mehr angewiesen. Brändli war der Ursache des Unglücks auf die Schliche gekommen. Die Bauarbeiter hatten damals tatsächlich nicht die aktuellen Pläne vor Ort, als es darum ging, die Fundamente zu schalen. Und für diese Pläne war der Bauingenieur verantwortlich.
Brändli musste nun seine Expertise dem Untersuchungsrichter überreichen, worauf man Heinrich Lieber dazu auffordern würde, zwecks weiterer Befragungen im Polizeipräsidium anzutraben. Doch da Brändli wusste, dass Lieber irgendwo am Ende der Welt auf der Suche nach sich selbst war, entschied er sich, die Einreichung seiner Expertise um zwei oder drei Tage zu verschieben. Er war ja kein Unmensch. Er hatte schließlich mit Lieber die Schulbank gedrückt, hatte ihn sogar manchmal im Turnunterricht in seine Mannschaft gewählt, nicht weil Lieber besonders sportlich war, sondern weil er fair und teambewusst spielte. Und er schuldete seinem ehemaligen Schulkameraden was. Er hatte ihn einst im Konsum verpetzt, als sie zu zweit Süßigkeiten gestohlen hatten, doch nur er, Adrian Brändli, dabei erwischt worden war. Heinrich hätte sich aus dem Staub machen und einer Strafe entgehen können. Brändli war noch glimpflich davongekommen, seine Eltern beurteilten das Vergehen als belanglos. Doch Heinrich bekam von seinem Vater so richtig die Leviten gelesen und mehrere Wochen Hausarrest aufgebrummt. Man sah ihn für eine Weile nur noch im Klassenzimmer. Weil ihn Brändli verpetzt hatte. Wenn hier einer ein Krimineller war, dann er! Die Erinnerung flackerte vor seinem inneren Auge auf, und noch heute fühlte er sich mies, versuchte, die Schuldgefühle zu unterdrücken. Er hatte sich nie bei Lieber entschuldigt, und er fand, dass es nun auch nichts mehr helfen würde. Deshalb kurbelte er mit flauem Gefühl Heinrichs Privatnummer auf der Wählscheibe. Er erinnerte sich an die Szene im Büro des Konsums, an die Vaterhand, die mit voller Wucht auf Heinrich niederfuhr, doch er wurde in die Gegenwart zurückgerissen, als jemand den Hörer abnahm und mit piepsender Stimme fragte: Papa?
Ein Watvogel weckte ihn. Er stelzte auf dem Autodach herum, schien sich die Füße zu vertreten, flog auf, landete sogleich auf der Motorhaube und schaute sich um. Heinrich blinzelte durch die Windschutzscheibe und beobachtete den Vogel eine Weile, wie er die Motorhaube unter die Lupe nahm. Heinrich wollte sich aufrichten, doch da durchfuhr ihn ein stechender Schmerz im steif gewordenen Nacken, sodass er seine Hand hochriss, um das Stechen wegzumassieren. Die Bewegung erschreckte den Vogel, und er flatterte eilig davon. Heinrich seufzte, wie man eben seufzt, wenn man auf einem Autositz geschlafen hat. Er blickte auf die Uhr. Es war kurz vor Mittag. Sein Magen knurrte. Das Frühstück hatte er verpasst. Jetzt musste Mittagessen her.
Heinrich ärgerte sich über seine Uhr, die ihm immer die falsche Zeit anzugeben schien. Er nahm sie ab und steckte sie ins Handschuhfach. Die Haut am Handgelenk schimmerte hell. Heinrich strich darüber, es fühlte sich kalt und nackt an.
Er ließ das Auto stehen und ging zu Fuß ins Dorf, das inzwischen erwacht war. Nun war er es, der verschlafen aus der Wäsche guckte. Kolossale Jeeps brausten durch die schmalen Gassen, Mütter mit Kinderwagen standen an den Straßenecken und plauderten. Ein paar Kinder lieferten sich auf ihren Fahrrädern eine Verfolgungsjagd. Fahnen flatterten im Wind, es waren Sommerferien, Mittag und das Wetter gut. Alles stimmte. Da passte selbst ein unrasierter, etwas desorientierter Tourist ins Bild. In einer Imbissbude verschlang Heinrich einen Hamburger mit Fritten. Danach fühlte er sich wie ein neuer Mensch, wenn auch bedeutend schwerer, und er legte der hübschen Bedienung sogar ein Trinkgeld auf den Tisch, auch wenn ihm die Fischer in Reykjavík erklärt hatten, dass man in Island kein Trinkgeld gab. Er kaufte drei Postkarten und Briefmarken dazu, und als er zurück zum Auto ging, fragte er sich, wem er – außer seiner Familie natürlich – eine Karte schreiben sollte. Seinen Eltern? Ihnen unter die Nase reiben, dass er, ohne es sie wissen zu lassen, nach Island gereist war, um auf den Spuren seiner wahren Mutter zu wandern? Es wäre seine ganz persönliche Rache. Sollte er Charlotte in Paris schreiben? Nein, auch sie hatte es nicht verdient. Zuerst sollte sie ihm schreiben. Sie hätte schließlich schon früher die Gelegenheit dazu gehabt. Seinem Chef Zuccolini? Das könnte ihm in den falschen Hals geraten. Heinrich kramte einen Kugelschreiber aus dem Handschuhfach, schnappte sich den Reiseführer und begab sich hinunter zum Meer. Hier im Innern des Fjordes war das Wasser ruhig, es tänzelte nur leicht in der Brise. Heinrich setzte sich auf einen Stein, legte sich den Reiseführer als Unterlage auf die Knie und begann zu schreiben.
Liebe Katrin, liebe Kinder,
Er schrieb klein, um den Platz auf der Postkarte optimal auszunutzen, doch die Euphorie verflog, als ihm nach der Hälfte der Karte die Ideen ausgingen.
Hier in Island geht die Sonne kaum unter, es ist karg, aber schön: viel Basaltgestein, viel dickes Moos und Fjorde. Ich vermisse euch.
Er kompensierte den restlichen Platz mit einer etwas größeren Unterschrift, was unbeholfen aussah. Das ärgerte ihn, Heinrich Lieber, den Perfektionisten, und so brach er die Postkartenaktion resigniert ab. Er starrte noch eine Weile aufs Wasser, dann ging er zurück zum Auto. Es war Zeit.
1966 schrieb ich meinem Sohn einen Brief, wollte ihm zum achtzehnten Geburtstag gratulieren, einen Geburtstagsgruß nur, ein Lebenszeichen. Mehr nicht. Meine Schwester Charlotte hatte mich dazu ermuntert, hatte mir in einem Brief klargemacht, dass der Zeitpunkt geeignet sei, endlich von mir hören zu lassen. Mein Sohn sei jetzt ein junger Mann und habe es sicherlich verdient, die Wahrheit zu erfahren. Sie teilte mir seine Adresse mit – es war schon die letzten fünf Mal dieselbe Adresse gewesen. Doch diesmal ließ ich mich überreden, setzte mich in einer ruhigen Minute, als die Mädchen in der Schule waren, an den Küchentisch und schrieb meinem Sohn einen Brief. Ich erklärte ihm in kurzen Sätzen, wie es dazu kam, dass ich nach Island ausgewandert war, ohne ihn mitzunehmen oder von mir hören zu lassen. Ich versuchte, seinen Vater dabei nicht zu erwähnen. Ich schrieb, dass ich ihm zum Geburtstag alles Gute wünschte und überzeugt sei, dass er sich im Leben wacker schlagen werde.
Ich stellte mir den Aufruhr vor, den mein Brief verursachen würde, die Wut und das Gefühlschaos, das ich damit in Heinrich auslösen würde. Ich verdrängte die aufkommenden Zweifel und schrieb unverzagt weiter, schrieb, dass ich mich über eine Antwort freuen würde, doch er solle bitte per Briefpost den Kontakt aufnehmen, es sei unnötig, einen Zirkus zu veranstalten …
Ich brach ab, blieb eine Weile am Tisch sitzen, dann zerknüllte ich den Brief und warf ihn in den Kohleofen.