In dem Heinrich in das weichste Bett der Welt fällt und sofort einschläft.
Die schmale Straße führte für einige Kilometer nahe dem Ufer entlang. Steil ragte die Bergflanke auf der einen Seite bis in den Himmel; brüchige Felsen, die auf die Straße zu fallen drohten. Auf der anderen Straßenseite schäumte das Meer gegen die Klippen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Fjordes ragten die Felsen schier unbezwingbar aus dem Wasser. Wasserfälle stürzten stufenlos in die Tiefe; weiße Streifen im schwarzen Fels. Heinrich glaubte, einige Häuser am entfernten Ufer auszumachen. Ganz so lebensfeindlich konnte es da drüben also nicht sein. Der Straßenrand war mit rucksackgroßen Gesteinsbrocken gesäumt, und Heinrich befürchtete, dass diese Brocken von weiter oben stammten. Er beugte sich etwas vor, um die Felsen im Auge zu behalten. Wenn jetzt nur kein Stein auf sein Auto fiel! Ein Holzkreuz am Straßenrand ließ darauf schließen, dass die Strecke tatsächlich ihre Gefahren barg.
Die Farm zu finden, auf der seine Mutter einst ein neues Leben begonnen, ein Leben ohne ihren Sohn gelebt hatte, war gar nicht so einfach. Hier wohnten mehr Leute, als Heinrich sich vorgestellt hatte. Nachdem er eine Weile durch das Fischerdorf Bolungarvík gekurvt war, entschloss er sich, in der Tankstelle nach dem Weg zu fragen. Eine junge, übergewichtige Angestellte zeigte über Heinrichs Schulter zum Fenster hinaus und sagte:
Keep driving up the mountain.
Up the mountain, wiederholte Heinrich und konnte sich dabei einen spöttischen Unterton kaum verkneifen, denn wo er herkam, waren die Berge größer. Die junge Frau wurde verlegen, wandte sich ab und tat, als müsste sie die Schokoladeriegel neben der Kasse neu sortieren.
Heinrich folgte der Holperstraße, die vom Meer weg zu den Bergen führte, vorbei an Fischtrocknungshütten, wo der kühle Wind ohne großen Widerstand durch die Spalten blies, um Hunderte schrumpelige Fische mit offenen Mündern und erstarrten, aufgerissenen Augen zu trocknen, umgeben von einem argen Fischgeruch. Senkrecht am Hang hielt sich tapfer ein kleiner Skilift. Eine Brise trug den Fischgestank übers Land und rückte den Skilift in ein absurdes Licht: Skifahren mit Meerblick – wo gibts denn das! Bald sah Heinrich die Gebäude der Farm, und er näherte sich ihnen im Schritttempo. Die Farm sah anders aus, als er sie sich ausgemalt hatte. Anhand der schwärmerischen Beschreibungen seiner Tante hatte er sich ein hübsches Wellblechhaus vorgestellt, alte, von Gras überwachsene Torfhäuser vielleicht, grasende Pferde und so weiter. Doch die Gebäude strahlten keine Island-Romantik aus. Am besten erhalten war das Wohnhaus; ein gedrungener, eingeschossiger Betonbau mit Pultdach. Unter den Fenstern war der weiße Verputz zwar noch am besten erhalten, jedoch von den blechernen Fensterbrüstungen rostverschmiert. Heinrich sah wohl, dass hier nie ein Architekt oder Bauingenieur auch nur in die Nähe gekommen war. Die Stallbauten, drei langgezogene Gebäude, die sich aneinander lehnten, waren nicht mehr zu retten. Wer hier erneut Landwirtschaft betreiben wollte, musste die Ställe abreißen und neu aufbauen. Die grobkörnigen Betonwände waren einst amateurhaft geschalt worden. Nun war vielerorts Wasser bis zu den Armierungseisen durchgedrungen, was den spröden Beton nach und nach weggesprengt und die Eisen hatte rosten lassen. Heinrich verdrängte die Gedanken an die Todeshalle, die Portugiesen, die Schmach. Dabei waren diese Stallungen gar nicht mit seiner Halle zu vergleichen – niemand wurde hier unter Beton begraben. Der Zerfall ging gemächlich vonstatten. Man hatte die Stallbauten einfach den Naturgewalten überlassen und war weggezogen.
Das Farmhaus schien verlassen. Sämtliche Vorhänge waren gezogen und verhinderten den Blick ins Innere. Heinrich stellte den Jeep vor dem Haus ab und wartete. Es war still. Nur der Wind, der hier von den Hängen heruntersauste, rüttelte leicht am Auto. Die Gräser neigten sich im Wind in ein und dieselbe Richtung, wiegten sich synchron. Keine Menschenseele war zu sehen. Heinrich entschloss sich auszusteigen, um sich die Beine im weichen Gras zu vertreten. Etwas abseits der Gebäude stand ein antiker, von Rost befallener Massey-Ferguson mit Anhänger. Ein Bach plätscherte über die abschüssige Wiese hinter dem Haus Richtung Talmitte. Judith hätte ihre große Freude daran gehabt. Sie liebte Wasser.
Heinrich ging hinunter zum Bach, setzte sich in die Böschung und kostete das Wasser. Es schmeckte vorzüglich, und Heinrich merkte, wie durstig er war. Mehrere Male führte er die hohle, mit eiskaltem Wasser gefüllte Hand an den Mund, bis sein ganzes Kinn und sein Schnurrbart nass waren. Er befand, dass es das beste Wasser war, das er jemals gekostet hatte.
Als er ein Auto heranfahren hörte, schreckte Heinrich hoch. Schnell richtete er sich auf, trocknete sich die Hände an der Hose und eilte über die Wiese zurück zum Farmhaus. Entsetzt bemerkte er eine Frau hinter dem Steuer des heranfahrenden Toyotas. Sie bog in die Einfahrt zur Farm ab und hielt geradewegs auf Heinrich zu. Der blieb starr neben seinem Jeep stehen, als versuchte er, einen Zaunpfosten zu imitieren. Er befürchtete, dass da eine seiner Halbschwestern auf ihn zugefahren kam. Jetzt saß er in der Falle. Schnell legte er sich einen Plan, eine gute Erklärung zurecht, und wenn die Zeit reichen sollte, noch einen Plan B!
Die Frau stellte ihren Toyota neben sein Mietauto und ließ den Motor noch einige weitere nervenzerreißende Augenblicke weiterbrummen. Schließlich machte sie den Motor aus, blickte zu Heinrich hinüber und nickte ihm kurz zu, gab ihm zu bedeuten, dass sie ihn bemerkt hatte, ohne wirklich Hallo zu sagen. Auch Heinrich nickte ihr zu, lächelte verkrampft und suchte noch immer nach einer plausiblen Erklärung. Er könnte ihr sagen, dass er ein Tourist sei – was er schließlich auch war –, die schöne Farm von der Straße aus bemerkt habe und sie sich anschauen wolle, ein Motiv fürs Fotoalbum, und dass er jetzt weiter müsse. Sofort. Adieu!
Die Frau wühlte im Handschuhfach, kramte vielleicht eine Waffe hervor und steckte sie sich in den Strumpf. Dann stieg sie aus. Heinrich räusperte sich verstohlen, stand stramm. Sie war elegant, machte einen gebildeten, wenn nicht sogar intellektuellen Eindruck, eine Städterin, wie Heinrich vermutete, die so gar nicht in diese raue Umgebung passte. Sie hatte lockiges, voluminöses Haar, das ihr über die Stirn bis zum Brillenrand und seitlich bis auf die Schultern fiel. Sie trug einen weiten, beigen Mantel. Heinrich ärgerte sich, dass er seine Kleider seit Reykjavík nicht gewechselt hatte. Ob es ihm anzusehen war, dass er in diesen Kleidern im Auto übernachtet hatte? Konnte man es riechen? Nun kam ihm eine zweite Erklärung in den Sinn, ein Plan B: Er könnte so tun, als spräche er nur Schweizerdeutsch, als verstünde er kein Wort Englisch, woraufhin er sich schulterzuckend vom Acker machen könnte.
Die Frau schnürte ihren Mantel zu und sagte freundlich, wenn auch distanziert:
Hallo!
Heinrich nickte nur, lächelte läppisch und holte Luft.
Do you speak English?, fragte sie ihn und hob auffordernd ihr Kinn. Heinrich zögerte, rückte die Brille zurecht und räusperte sich.
A little bit, gestand er und hob die Hand, zeigte zwischen Daumen und Zeigefinger sein Maß an Englischkenntnissen. Es war nicht viel, doch Plan B war damit flöten gegangen. Die Frau sagte:
Are you looking for something?
No, no!, sagte Heinrich und schüttelte etwas übertrieben den Kopf, hob sogar abwehrend die Hände, bemerkte den Unfug und senkte sie wieder. I am just looking around. Beautiful. I am a tourist!
Die Frau schaute zu Boden, als unterdrückte sie ein Schmunzeln. Sie wusste wohl, wie ein Tourist aussah. Eben wie Heinrich.
Where are you from?, fragte sie und betrachtete ihn von Kopf bis Fuß, als versuchte sie einzuschätzen, woher er komme. Diese Selbstsicherheit verunsicherte und beeindruckte Heinrich. Katrin hätte ihre Freude an den Isländerinnen.
I am from Switzerland, sagte er mutig und deutete mit der Hand unwillkürlich die Richtung.
From Switzerland!, sagte die Frau erfreut und überraschte ihn mit den Worten: Sprechen Sie Deutsch oder Französisch?
Heinrich starrte sie an, als hätte jemand seinen Stecker gezogen.
Ich habe vor einigen Jahren in Berlin studiert, erklärte die Frau. Musik.
Ah!, rief Heinrich plötzlich und wusste noch immer nicht, was er entgegnen sollte.
Ich bin hier aufgewachsen, sagte sie entgegenkommend und zeigte auf den Betonbau hinter Heinrich. In diesem Haus wurde ich geboren.
Heinrich drehte sich um, starrte das Haus an, als hätte er es vorhin gar nicht bemerkt.
Es hat nicht immer so ausgesehen, fuhr die Frau fort.
Meine Eltern ließen die Farm im Alter etwas … Sie suchte nach dem Wort.
Verlottern!, kam ihr Heinrich zu Hilfe.
Verlottern, richtig. Nach diesem Wort habe ich gesucht. Sie lächelte, so, als hätte sie nicht unbedingt nach diesem Wort gesucht. Meine Eltern wollten nicht von hier wegziehen und konnten nicht einsehen, dass die Arbeit auf der Farm zu viel wurde, wissen Sie?
Es ist doch sehr schön hier!, platzte es aus Heinrich heraus. Natürlich, klar, das Haus könnte vielleicht einen Anstrich vertragen, die Abplatzungen, also die freiliegenden Bewehrungen müssten saniert werden, ich meine, wenn man denn unbedingt ein schickes Haus will, aber wir sind ja hier nicht an der Côte d’Azur, nicht, dass Island nicht so schön ist wie die Côte d’Azur –
Die Frau legte den Kopf schräg und betrachtete ihn halb misstrauisch, halb amüsiert. Heinrich war nicht zu halten.
Island ist wahrscheinlich viel schöner als die Côte d’Azur, und es ist doch das Beste, wenn man nicht im Krankenhaus, sondern zu Hause in einer so romantischen Gegend geboren worden ist. Auf dem Lande. Ich zum Beispiel wurde –
Heinrich verstummte abrupt und starrte die Frau an. Ihm wurde jäh klar, dass er gar nicht wusste, wo genau er geboren worden war. Wohl in einem halb zerstörten Haus, mit Ruß an den Wänden und angesengten Bettlaken. Vielleicht sogar in der Spitalabteilung der Nervenklinik, wo seine Mutter gemäß Robert einige Zeit verbracht hatte. Er hatte seinen Vater nie gefragt, hatte es nicht erfahren wollen. Doch in diesem Moment, in diesem baumlosen Tal, oberhalb einer Bucht am Polarkreis, hätte er es gern gewusst.
Sein plötzliches Schweigen bereitete der Frau ein wenig Unbehagen. Heinrich hätte es bemerkt, wenn er nicht im Geiste durch zerbombte deutsche Städte gestolpert wäre. Doch die Frau holte ihn zurück:
Es spielt doch gar keine Rolle, wo man zur Welt kommt. Bewusste Erinnerungen hat man erst nach zwei oder drei Jahren.
Aber es ist schön zu wissen, wo man zur Welt gekommen ist, finde ich.
Sie betrachtete ihn nachdenklich.
Darf ich Sie auf einen Kaffee hereinbitten?, fragte sie zögerlich.
Heinrich versuchte, von ihrem Gesicht abzulesen, ob sie ihr Angebot wirklich ernst meinte. Er war aufgeregt. Sie hatte ihn ganz schön überrumpelt. Sie wirkte ruhig und zuvorkommend, freundlich und überlegt, sprach gut Deutsch. Ihre Grammatik war fehlerfrei, bloß ihre Aussprache war nicht ganz perfekt – herrje! Sie hatte ihm Kaffee angeboten, und er analysierte ihre Aussprache!
Gern!, entfuhr es Heinrich so unverhofft barsch, dass die Frau ein wenig zusammenzuckte.
Wunderbar! Sie ging auf das Haus zu und fischte einen Schlüssel aus der Manteltasche. Sie sei eine ganzes Jahr nicht mehr hier gewesen, sagte sie. Ihre Eltern seien beide gestorben, und man wisse noch nicht, was mit der Farm geschehen soll.
Heinrich folgte ihr brav.
Bitte entschuldigen Sie, sagte sie und stieß die Haustür auf. Es ist wahrscheinlich etwas … Wir waren schon lange nicht mehr da.
Im Haus war es düster und erdrückend still. Die Frau blieb im Eingang stehen, verharrte einen Moment, seufzte schließlich und schien sich zu fassen.
Kommen Sie doch herein, sagte sie, und Heinrich gehorchte ihr. Auf dem Schuhregal im Eingang hatte sich Staub angesammelt. Es roch muffig. In dieser Wohnung war schon lange nicht mehr gelüftet, gekocht oder gelebt worden. Selbst die Fotografien und die Bilder an den Wänden waren alt. Hier war die Zeit vor mindestens zehn Jahren stehengeblieben. Im Flur war es am dunkelsten, was an den Vorhängen, an den bräunlichen Teppichen und den gemusterten Tapeten lag. Heinrich warf einen Blick in Wohn- und Schlafzimmer, die Türen standen offen. Die Frau entledigte sich ihres Mantels und führte ihren Gast in die Küche. Energisch öffnete sie die Vorhänge, als hätte sie es keine Sekunde länger in dieser Dunkelheit ausgehalten. Hier war es hübsch aufgeräumt. Das Fenster umrahmte den Blick auf den nahen Berghang. In dieser Küche sollte eine Mutter gekocht, gegessen und die meisten Jahre ihres Lebens verbracht haben? Es war für Heinrich schwer vorstellbar. Er befand sich in der Wohnung wildfremder Leute.
Wohin führt ihre Reise?, fragte die Frau, als sie Wasser aus dem Hahn ins Waschbecken fließen ließ. Es kam prustend und rostrot heraus, dann wurde es klar und floss schließlich gleichmäßig. Die Frau nahm einen Topf aus dem Schrank, spülte ihn aus, füllte ihn mit Wasser und stellte ihn auf den Gasherd. Sie bückte sich, öffnete einen Küchenschrank und fummelte darin an der Gasflasche herum. Sie richtete sich wieder auf und entfachte mit einem Streichholz die Flamme am Herd. Heinrich kam sich blöd vor, wie er ihr zuschaute, ohne behilflich zu sein. Er wandte sich ab, schaute aus dem Fenster und begutachtete die Aussicht auf den steilen Berghang. Vögel glitten den Felsen entlang.
Ich bin von Reykjavík hierher gefahren, um mir die Westfjorde anzuschauen, sagte er. Jemand hat mir das empfohlen. Morgen fahre ich wohl wieder zurück. Mein Flug geht am Donnerstag.
Sind Sie ganz allein unterwegs?
Ja, meine Frau und meine Kinder habe ich zu Hause gelassen. Ich musste mal weg von daheim.
Heinrich wurde verlegen. Bestimmt glaubte sie jetzt, dass er familiäre Probleme hatte.
Sie haben Kinder?
Ja, zwei Buben und ein Mädchen. Cristian, Stefan und Judith, unsere Nachzüglerin, aber wir sind froh, dass sie da ist.
Eine – Nachsüglerin?
Ihre Brüder sind viel älter als sie, erklärte Heinrich und besann sich, dass Deutsch eine Fremdsprache für seine Gesprächspartnerin war. Er nahm sich vor, langsamer zu sprechen.
Wie alt sind denn Ihre Kinder?, fragte sie und legte den Deckel auf den Topf.
Cris ist vierzehn und Stefan dreizehn. Judith ist erst vier, bald fünf.
Ich verstehe, sagte die Frau und lächelte ganz hübsch.
Das ermutigte Heinrich.
Haben Sie auch Kinder?
Ja, ich habe einen Sohn. Hilmar heißt er. Sie verdrehte gespielt die Augen. Siebzehn Jahre alt und nur Dummheiten im Kopf!
Heinrich und die Frau seufzten im Duett.
Ich weiß genau, wovon Sie sprechen, sagte er.
Machen Ihre Buben auch Ärger?, fragte sie.
Oh ja. Es ist, als hätten sie Watte in den Ohren. Und sie haben nur Augen für –
Mädchen!, fiel sie ihm ins Wort.
Ähm, nein, den Fernseher, sagte Heinrich und legte die Stirn in Falten.
Ach so, sagte die Frau. Entschuldigen Sie …
Wieso denn!
Die Frau stellte Tassen auf den Tisch. In einem schmalen Hochschrank fand sie eine Kaffeepresse und Kaffeepulver. Sie schnalzte erfreut mit der Zunge.
Was möchten Sie sich denn in den Fjorden anschauen?, fragte sie Heinrich, als sie Pulver in die Kanne schüttete.
Eigentlich nicht viel. Die Westfjorde eben.
Auf den Bolafjall sollten Sie gehen.
Wie bitte?
Unseren Hausberg. Sie zeigte aus dem Fenster. Die Aussicht, die man von da oben hat, ist prächtig. Es führt eine Straße hoch, denn da oben ist eine amerikanische Radarstation. Wegen der Russen, nehme ich an. Machen Sie also keine Dummheiten!
Heinrich lächelte freundlich.
Mal sehen, ob die Zeit reicht, sagte er. Er schaute aus dem Fenster, den Berg hoch. Er würde bestimmt nicht mehr als eine Dreiviertelstunde benötigen, um den Gipfel zu erklimmen.
Bis der Kaffee in den Tassen war, blieben sie beide stumm. Die Stille in der Küche seiner Mutter war beklemmend. Heinrich überlegte, ob er die Frau über ihre Kindheit ausfragen sollte, doch er hatte eigentlich keine Lust zu erfahren, dass seine Mutter die beste Mutter der Welt gewesen war und die Kindheit die behütetste, die man sich wünschen konnte.
Wie ist es so, in Island zu leben?, fragte Heinrich beiläufig und fügte hinzu: Danke für den Kaffee.
Die Frau kniff die Augen zusammen und ließ sich mit der Antwort Zeit.
Wie das Leben in Island ist, echote sie. Hm. Es ist klein. Man hat das Gefühl, jeder kenne jeden. Besonders hier in den Westfjorden. Deshalb wohne ich in Reykjavík. Und natürlich auch wegen meines Berufes.
Sie sagten, Musik?
Ich spiele Cello im Symphonieorchester. Sie zögerte plötzlich, lachte und streckte Heinrich die Hand entgegen. Ich heiße übrigens Harpa!
Er fasste ihre Hand und murmelte verlegen:
Heinrich.
Sie lächelte ihn an.
Harpa heißt Harfe, sagte sie.
Ach, wie passend!
Nicht wahr?
Sie ließen sich los. Heinrich trat ein paar Schritte von ihr weg. Die Frau hielt ihre Lippen an den Rand der Kaffeetasse und blies sachte.
Und wieso sind Sie nicht in Berlin geblieben? Ist das Leben da nicht zeitgemäßer?
Doch, aber … Sie dachte nach. Meine Eltern wurden krank. Und ich glaube, ich habe die isländische Luft vermisst, ohne mir darüber klarzuwerden. Die beste Luft der Welt, wissen Sie? Sie zwinkerte ihm zu. Und ich habe mich von meinem Mann getrennt.
Ein Deutscher?, fragte Heinrich.
Ja, sagte Harpa.
Verstehe, sagte Heinrich.
Sie runzelte die Stirn. Heinrich bemerkte es nicht und fuhr fort:
Wir haben bei uns in der Schweiz auch gute Luft. Viele Deutsche kommen deswegen in die Alpen. Waren Sie mal in der Schweiz?
Die Frau nickte langsam, als wollte sie eigentlich widersprechen, verkniff sich jedoch eine Anmerkung.
Ich war einige Male in Zürich, sagte sie.
Da ist die Luft nicht so gut. In den Bergen, wo ich wohne, ist die Luft am besten, also, ich meine, die Luft hier ist auch ausgezeichnet!
Heinrich atmete theatralisch ein, lächelte verlegen, tauchte seine Oberlippe in die Kaffeetasse und verbrannte sie sich dabei arg, ließ es sich indes nicht anmerken, strich sich mit dem Handrücken lediglich über den schmerzenden Mund. Wimmerte innerlich. Seine Augen wurden feucht, und vielleicht stellte die Frau deshalb folgende Frage:
Vermissen Sie Ihre Familie?
Ach, sagte Heinrich, und dachte sofort an Judith. Manchmal. Ja.
Verbringen Sie viel Zeit mit Ihren Kindern?
Wissen Sie, ich arbeite viel. Plötzlich fühlte sich Heinrich, als säße er im Beichtstuhl. Sein Blick schnellte zum Ausgang.
Es ist der Fluch unserer Gesellschaft, dass wir nicht genug Zeit für unsere Kinder haben, nicht wahr?, sagte die Frau.
Heinrich zuckte mit den Schultern.
Es ist einfach so, sagte er. Es war schon immer so.
Es gibt hier ein altes Telefon, wenn Sie zu Hause anrufen möchten? Die Frau zeigte zur Küchentür hinaus.
Das ist nun wirklich nicht nötig, sagte Heinrich und schaute sehnsüchtig ihrem Finger hinterher. Die Frau deutete seine höfliche Scheu richtig und beharrte darauf, bis er schließlich einwilligte.
Er nahm den Hörer des antiken Apparates ab, der an der Wand im Flur angebracht war. Neben dem Telefon hing ein Foto. Es zeigte seine Mutter und ihren Mann, offenbar beim Fotografen im Studio, denn beide steckten in Sonntagskleidern, lächelten verkrampft und schauten angestrengt an der Linse vorbei. Die Hintergrundkulisse zeigte eine isländische Fjordlandschaft, mit breiten Pinselstrichen auf Stoff gemalt. Möglicherweise war dieses Foto zur Silbernen Hochzeit geschossen worden. Die Frau war Heinrich Lieber fremd, auch wenn er sie nun schon auf einigen Bildern gesehen hatte. Sie passte in diese Fjordlandschaft, sah in ihrer isländischen Tracht und mit dem geflochtenen Haarkranz wie eine waschechte Isländerin aus. Man konnte ihr auf der Fotografie noch so tief in die Augen schauen und erkannte dabei nicht den leisesten Hauch eines Geheimnisses. Auch ihr Mann sah sympathisch aus. Der Anzug schien ihm irgendwie Unbehagen zu bereiten, drückte steif und schwer auf seine Schultern. Ihm war deutlich anzusehen, dass ihm in seiner Arbeitskleidung wohler gewesen wäre.
Heinrich wählte seine eigene Telefonnummer. Er hörte, wie seine Gastgeberin behutsam die Küchentür zuzog, um ihm etwas Privatsphäre zu gönnen.
Katrin Lieber?, meldete sich Katrin.
Heinrichs Herz machte einen ungeschickten Salto.
Hallo, Katrin. Ich bins!
Heinrich! So eine Überraschung. Ich habe eben an dich gedacht.
Heinrich nahm es glücklich zur Kenntnis, wusste aber nicht, was er darauf antworten sollte.
Wie geht es dir?, fragte er.
Gut, danke. Judith fragt ständig nach dir und vermisst dich sehr.
Du musst ihr sagen, dass ich bald nach Hause komme.
Am Donnerstag, nicht wahr?
Ja. Kommt ihr mich abholen?
Natürlich.
Bringst du die Buben mit?
Ich kann es versuchen. Sie wollen bestimmt mit den Grünenfelders ins Freibad.
Heinrich setzte sich zufrieden auf einen kleinen Hocker, der unter dem Telefonapparat stand.
Und was machen die Kinder?
Die tollen noch im Garten rum. Es ist ein herrlicher Sommerabend hier. Sie wollen unser altes Zelt aufschlagen und darin schlafen, alle drei!
Judith auch?
Aber natürlich. Und die Jungs haben versprochen, gut auf sie aufzupassen und sie in der Mitte liegen zu lassen. Sie ist schon jetzt total aufgeregt, darum bezweifle ich, dass die drei gut schlafen werden. Judith malt übrigens rund um die Uhr Pferde. Sie hat auf einem Bild gesehen, dass es in Island viele Ponys gibt. Ich glaube, jetzt können wir uns für den Rest des Lebens mit Plüschpferden und Pferdeheftchen rumschlagen.
Das wäre doch eine gute Geschenkidee, wandte Heinrich ein. Ich werde ihr ein Islandpony mitbringen!
Um Gottes willen!, entfuhr es Katrin. Ein Islandpony? Wo sollen wir das denn unterbringen?
Na, im Nachbarsgarten natürlich!
Katrin lachte.
Ich habe einen Fotoband über Island gekauft. Du musst mir dann nochmals sagen, wo deine Mutter gelebt hat.
In den Westfjorden, ganz oben im Nordwesten. Weiter weg geht gar nicht. Interessiert es dich nun auch?
Aber natürlich! Ich finds doch auch spannend, dass du plötzlich ein halber Isländer bist.
Ach, so ist das! Du möchtest gern einen Wikinger!
Davon träume ich schon lange!
Pass bloß auf, ich lass mir noch einen Bart wachsen!
Bloß nicht, das sticht beim Küssen!
Ach, Katrin, sagte Heinrich. Es ist schön, mit dir zu plaudern.
Gleichfalls. Komm bald nach Hause, ja?
Das ist gar nicht so einfach, entgegnete Heinrich. Ich bin hier am Ende der Welt und weiß gar nicht, ob da überhaupt eine Straße zurückführt.
Jetzt mach mir keine Angst!
Bestimmt nicht. Ich mache bloß Spaß. Doch es führt tatsächlich keine geteerte Straße hierhin. Ich bin völlig durchgeschüttelt und hundemüde.
Du klingst so anders, Heinrich.
Ich klinge anders? Wie klinge ich denn?
Ich weiß auch nicht. So – selbstsicher. Und froh. Island tut dir offensichtlich gut.
Ich wünschte, du würdest sehen, was ich sehe. Es ist schön hier, und es bleibt die ganze Nacht über hell!
Wie kann man da überhaupt schlafen?
Frag mich nicht. Die Isländer haben nicht mal Fensterläden, mit denen man die Zimmer verdunkeln könnte. Nur Vorhänge! Mein Schlafrhythmus ist völlig durcheinandergeraten. Vor Mitternacht mach ich kein Auge zu.
Komm einfach wieder nach Hause, dann kannst du die Läden zumachen und so lange schlafen, wie du willst.
Ich kanns kaum erwarten.
Aber jetzt musst du zuerst noch den Luxus im Hotel genießen.
Weißt du was?, sagte Heinrich und flüsterte nun. Ich bin gar nicht im Hotel.
Wo bist du denn? Auch Katrin flüsterte.
Ich bin im Haus meiner Mutter!
Ist nicht wahr!
Doch! Und meine Schwester hat Kaffee gemacht!
Wow! Katrin flüsterte nicht mehr. Deshalb bist so gut gelaunt! Sind noch andere Halbgeschwister da?
Nein, nur die eine ist hier. Harpa, die Älteste.
Und wie hat sie reagiert, als ihr euch getroffen habt?
Sie hat gefragt, ob ich ein Tourist sei.
Und was hast du gesagt?
Heinrich zögerte.
Nun ja, sie hatte recht, ich bin ein Tourist, oder nicht?
Du hast ihr nicht gesagt, dass du ihr Bruder bist?
Nein, noch nicht.
Noch nicht? Katrin seufzte. Das ist mal wieder typisch Heinrich Lieber!
Sie hat mich überrumpelt!
Es ist also ganz ihre Schuld, nicht wahr?
Ich glaube, sie weiß auch so, dass ich ihr Halbbruder bin. Sonst hätte sie mich nicht einfach so hereingebeten, oder?
Du meine Güte! Vielleicht hat sie dich hereingebeten, weil sie dich vernaschen will.
Bestimmt nicht! So ist sie nicht.
Das kannst du doch gar nicht wissen! Du kennst sie ja nicht!
Doch, so was spürt man, weißt du?
Du hast ja so viel Erfahrung!
Heinrich lachte.
Sie ist schließlich meine kleine Schwester. Und ich bin ja verheiratet.
Hui. Ich werde eine Weile brauchen, bis ich mich an den Gedanken gewöhnt habe.
Dass wir verheiratet sind?
Nein, du Dummkopf. Dass du jetzt Geschwister hast.
Freut es dich?
Hm. Irgendwie schon. Drei Schwägerinnen in Island. Und die Schwiegermutter ist gestorben. Ziemlich lukratives Angebot. Entschuldige.
Du brauchst dich nicht zu entschuldigen! Das ist wirklich lustig.
Sag mal, wird dieses Gespräch nicht wahnsinnig teuer? Wir sollten vielleicht auflegen.
Heinrich schaute auf sein Handgelenk, wo bis vor wenigen Stunden noch seine Uhr war.
Ach was!, sagte er. Es ist es mir wert. Jede Sekunde.
Du hast dich wirklich verändert.
Heinrich lächelte.
Vielleicht, weil ich während den letzten Tagen kaum geschlafen habe.
Ach was. Die Meeresluft tut dir gut!
Katrin hatte recht. Die Luft tat ihm gut, die Insel, die Einsamkeit. Es war die beste Luft der Welt, davon war er nun überzeugt. Plötzlich hatte Heinrich Lust zu weinen, doch er unterdrückte den Anflug sentimentaler Emotionen, presste die Lippen zusammen und hielt die Luft an.
Heinrich, bist du noch da?
Ja.
Weinst du?
Nein.
Er schniefte.
Du, Heinrich. Dieser Adrian Brändli hat wieder angerufen. Ich habe ihm die Nummer des Hotels in Reykjavík gegeben, aber er hat dich da nicht erreicht. Es scheint dringend zu sein. Es geht um –
Ich weiß, unterbrach Heinrich seine Frau, doch sie fügte hinzu:
Er hat mir auf sehr freundliche Art zu verstehen gegeben, dass die Frist langsam abläuft. Ich habe ihm gesagt, er solle dir noch ein paar Tage geben.
Galgenfrist, würgte Heinrich.
Ist es so schlimm?
Ich glaube schon.
Wie tief bist du in diese Sache mit der Halle verwickelt?
Heinrich schnaufte.
Ich habe die Pläne gezeichnet. Und ich habe einen kleinen Fehler gemacht.
Ach, und wieso hast du mir nichts gesagt?
Ich weiß es nicht. Ich schäme mich so.
Du hättest es mir erzählen sollen.
Ich weiß. Tut mir leid. Was hat Brändli noch gesagt?
Er wollte wissen, wo du bist, und wieso du da bist.
Und hast du es ihm gesagt?
Katrin zögerte.
Ja, sagte sie schließlich. Aber ich bezweifle, dass er mich für voll genommen hat.
Doch, doch, beruhigte sie Heinrich. Ich habe es ihm auch gesagt.
Glaubst du, du musst wegen dieses Fehlers ins Gefängnis?
Es ist nicht ausgeschlossen.
Jesses!
Sie schwiegen beide eine Weile. Abwartend. Klamm.
Schließlich flüsterte Katrin:
Du hättest es mir sagen sollen. Ich bin deine Frau. Ich stehe zu dir.
Danke.
Heinrich weinte leise, wischte sich die Tränen vom Gesicht und presste zwischen den Lippen hervor:
Ich habe einen Fehler gemacht, weißt du? Und jetzt sind die beiden tot und –
Auch Katrin schnappte nach Luft und flüsterte mit zitternder Stimme:
Du hast es doch nicht absichtlich gemacht. Ein Fehler ist doch kein Verbrechen!
Nein, ist es nicht, gab ihr Heinrich recht und atmete tief durch, schien sich wieder zu fassen. Aber er wird Konsequenzen haben. Ich werde mich darum kümmern, wenn ich nach Hause komme. Jetzt bin ich erst mal hier.
Ja, sagte Katrin. Jetzt bist du in Island. Und das musst du genießen, wie es eben möglich ist. Das ist jetzt wichtig.
Sie schwiegen wieder. Dann sagte Katrin:
Ich habe auch einen Fehler gemacht, weißt du?
Du? Einen Fehler? Was hast du denn verbrochen?
Ich habe dich geheiratet.
Heinrich lachte erleichtert.
Das ist nun wirklich kriminell.
Nachdem sie sich verabschiedet hatten, legte Heinrich Lieber diskret einen Geldschein auf die Kommode beim Telefon und beschwerte ihn mit einem runden Stein, den er in der Hosentasche mitgetragen hatte. Ziemlich beduselt, aber beinahe taub vor Glück und Erleichterung, ging er zurück in die Küche, wo seine Halbschwester damit beschäftigt war, Abendessen zuzubereiten. Sie lud ihn kurzerhand ein, und Heinrich Lieber nahm ohne zu zögern an. Er beschloss, seiner Schwester mitzuteilen, dass er ihr Bruder war – sobald sich eine Gelegenheit dazu ergeben würde. Der Gedanke daran machte ihn nervös, doch er freute sich auf die Erleichterung, die darauf folgen und auf das, was die Zukunft bringen würde.
Sie bat ihn, weitere Einkaufstüten aus dem Auto in die Küche zu tragen. Heinrich war froh, dass er gebraucht wurde, und befolgte die Anweisung umgehend. Draußen bemerkte er den glühenden Sonnenuntergang über den gegenüberliegenden Fjorden. Hornstrandir hieß es da drüben, wie er der Landkarte entnommen hatte, eine kaum bewohnte Ecke Islands. Heinrich atmete den Sonnenuntergang ein, die beste Luft der Welt, schloss die Augen und stellte sich vor, wie seine Mutter genau hier gestanden und den Ausblick auf Hornstrandir genossen hatte, vielleicht sogar in genau diesem Moment neben ihm stand – wenn auch nur in seiner Vorstellung.
Du hast dir einen schönen Flecken Erde ausgesucht, murmelte er und öffnete die Augen. Hier lässt es sich durchaus leben. Er klemmte die Einkaufstüten unter den Arm und verschwand im Haus. Harpa zeigte ihm, wo sich das Geschirr befand, und bat ihn, den Tisch zu decken. Heinrich leistete ihrem Auftrag so sorgfältig Folge, als erwartete er den dänischen König zum Abendessen.
Pflegst du guten Kontakt zu deinen Schwestern?, fragte er, als sein Werk vollbracht war.
Ja, wir sehen uns oft. Wir verstehen uns sehr gut. Gerade jetzt, als unsere Mutter gestorben ist, haben wir viel Zeit miteinander verbracht. Das hat uns gutgetan.
Verstehe, sagte Heinrich. Das war bestimmt schwer für euch.
Ja. Sehr. Wir haben nicht erwartet, dass sie uns so schnell verlassen würde. Und auf diese Art! Aber vielleicht war es das Beste für sie.
Heinrich schüttelte unmerklich den Kopf. Sie hatte sich einmal mehr zur Hintertür hinausgeschlichen. Hätte sie doch wenigstens den Kontakt zu ihm aufgenommen, bevor sie sich davongemacht hatte!
Harpa zauberte eine Flasche Wein aus einer der Einkaufstüten und bat ihren Gast, die Flasche zu entkorken. Heinrich fischte sein Schweizer Armeemesser aus der Hosentasche, zeigte es Harpa und sagte, dass man damit allerhand erledigen könne, eine Weinflasche zu öffnen sei noch das Einfachste. Harpa gab sich beeindruckt, schaute ihm zu, wie er den Korkenzieher in die Flasche schraubte und sie mit einem kräftigen Ruck entkorkte.
Voilà!, sagte Heinrich, und Harpa klatschte.
Dann schwiegen sie verlegen, bis Harpa das Spaghettiwasser abgegossen hatte.
Sieht lecker aus!, lobte Heinrich. Es dampfte herrlich, und er glaubte, den ganzen Topf Spaghetti verschlingen zu können. Seine Schwester servierte, dann setzte sie sich zu ihm an den Tisch, sagte Mahlzeit! und erklärte, dass man in Island meistens zu essen beginne, sobald aufgetan sei, ohne sich einen guten Appetit zu wünschen. Sie habe erst in Deutschland gewisse Anstandsregeln gelernt. Die Isländer kämen nämlich ganz gut ohne aus.
Als Heinrich um weitere Beispiele bat, fragte sie ihn, ob er schon Isländer kennengelernt habe und ob diese höflich gewesen seien.
Ich habe ein paar Fischer in einem Restaurant kennengelernt, erzählte er.
Seine Schwester legte das Besteck nieder und wischte sich mit der Serviette die roten Mundwinkel ab.
Na, jetzt bin ich aber gespannt. Erzähl!
Heinrich machte große Augen. Es war geschwisterliches Interesse, wie er es nur bei seinen zwei Söhnen beobachtet, selbst jedoch nie erfahren hatte. Und jetzt saß ihm seine Halbschwester gegenüber, und sie plauderten, als wäre es das Normalste auf der Welt! Heinrich bekam Gänsehaut und hoffte, dass es ihm nicht anzusehen war. Jetzt wäre gegebenenfalls der geeignete Augenblick, die Karten auf den Tisch zu legen, dachte er, lächelte jedoch nur gequält und flüchtete sich zu den Fischern. Sie haben mich in einer Kneipe in Reykjavík zu sich an den Tisch gebeten. Sie waren sehr freundlich, haben mich sogar eingeladen, aber es wurde fleißig gerülpst.
Na, siehst du! In Island ist Rülpsen erlaubt. Als wollte Harpa ihr Argument unterstreichen, rülpste sie – ganz zum Entsetzen Heinrichs, weshalb sie sich sogleich entschuldigte, sich die Hand vor den Mund hielt und nochmals rülpste, wenn auch unterdrückt. Sie lachten, und Harpa wollte mehr über die Fischer erfahren.
Na ja, wir haben uns unterhalten, so gut es eben ging. Ich kann nicht sehr gut Englisch, weißt du? Aber mit jedem Schnaps, den sie mir spendiert haben, verstanden wir uns besser.
Oh je.
Und wie, oh je! Ich bin erst in meinem Hotelzimmer wieder aufgewacht!
Heinrich übersprang die Szene auf dem Friedhof, an die er sich sowieso nur lückenhaft erinnern konnte. Doch er zeigte seiner Schwester das zersprungene Brillenglas und sagte, dass er wohl vom Stuhl gekippt sei. Harpa fand das unglaublich komisch und lachte herzhaft. Auch Heinrich lachte. Vergessen war der vollgekotzte Hotelteppich und der mörderische Kater am nächsten Morgen. Schlechte Erinnerungen verblassen schnell. Und so mochte Heinrich auch den verführerischen Wein, den seine Schwester eingegossen hatte, ließ sich sogar zweimal nachschenken und brach damit seinen Schwur von kürzlich. Der Wein machte seine Zunge flink und das Leben leichter. Doch er musste aufpassen, keine Geheimnisse preiszugeben, denn insgeheim wünschte er sich, dass dieser Augenblick, dieses nette, indes bedachtsame Gespräch noch ein wenig länger andauern würde.
Seine Schwester bat ihn, mehr von sich zu erzählen. Heinrich positionierte das Weinglas auf dem Tisch und schubste seine Brille aufs Nasenbein.
Was willst du denn wissen?, fragte er. Wo soll man denn anfangen?
Fang von hinten an. Oder erzähl mir, was besonders an dir ist oder komisch. Oder noch besser, erzähl mir etwas Gutes über dich.
Etwas Gutes! Das ist nicht so einfach.
Heinrich trank, dachte nach und sah die zwei toten Portugiesen vor sich.
Ich habe eine Modelleisenbahn, presste er schnell hervor. Topzustand.
Eine Modelleisenbahn? So eine – Spielzeugeisenbahn?
Mit einem Spielzeug kann man das nicht vergleichen, warf Heinrich ein und suchte nach Worten. Na ja, ein Spielzeug für Erwachsene vielleicht, oder ein dummes Hobby, aber ganz bestimmt kein Kinderspielzeug.
Nein, ganz bestimmt nicht!, beeilte sich Harpa zu sagen und schmunzelte.
Es gibt im deutschsprachigen Raum eine recht große Szene, weißt du?, rechtfertigte sich Heinrich. Börsen, Messen, Ausstellungen. Ich glaube, in Island kennt man das nicht. Verständlich. Hier fährt ja auch keine Eisenbahn.
Nein, die gibt es hier leider nicht, bestätige Harpa.
Ich will dich aber nicht langweilen …
Heinrich aß seinen Teller leer, dachte weiter nach. Harpa, die fertig gegessen hatte, musterte ihn.
Plötzlich sagte Heinrich in den Teller:
Aber mein größter Stolz ist meine kleine Tochter, Judith. Die müsstest du kennenlernen. Sie ist goldig. Und ich habe keine Ahnung, woher sie diese Energie hat, diese Lust am Leben. Sie ist ein Schlitzohr, weißt du? Sie ist wohl das Beste an mir. Aber jetzt bist du an der Reihe.
Harpa lächelte, erwiderte, das habe er schön gesagt, und führte das Glas an die Lippen.
Musik ist meine Stärke. Sie stellte das Glas ab. Ich bin sehr gut darin. Und sie macht mich glücklich.
Liegt es in der Familie?
Nein, überhaupt nicht. Meine Eltern haben nie Musik gemacht. Nur gearbeitet. Und meine Schwestern sind auch äußerst unmusikalisch. Es ist wohl für alle das Beste, meine Schwestern von Instrumenten fernzuhalten. Nur meine Mutter hat manchmal während der Arbeit gesungen. Deutsche Lieder …
Harpa schaute Heinrich vorsichtig an, als fürchtete sie, etwas Falsches gesagt zu haben.
Heinrich schluckte und sagte:
Willst du mir – von ihr erzählen?
Gern, sagte Harpa und lächelte traurig. Meine Mutter kam 1949 mit dem Schiff nach Island, weißt du?
Heinrich nickte unmerklich.
Der isländische Bauernverband hatte die Überfahrt organisiert, denn uns fehlten Arbeitskräfte in der Landwirtschaft, ich meine, uns Isländern. Das war zumindest die offizielle Begründung. Denn es war allgemein bekannt, dass den Bauern die Frauen davongelaufen waren. Keine junge Frau wollte damals freiwillig ihr ganzes Leben auf einer abgelegenen Farm verbringen. Das Leben auf dem Land war hart, wie du dir bestimmt vorstellen kannst. Verdient hat man nichts. Island war arm und in der Krise. Dann brach der Krieg aus. Hier waren fast sechzigtausend amerikanische Soldaten stationiert, junge, freche Burschen, die tanzen konnten, die in ihren Uniformen gut aussahen und Manieren hatten. Die rülpsten nicht, sondern machten schöne Komplimente. Sie versprachen den Mädchen ein besseres Leben. Und als der Krieg vorbei war, wanderten viele Frauen mit ihnen nach Amerika aus. Andere, die nach Reykjavík gezogen waren, wo der Lebensstandard inzwischen höher war, blieben. Da gab es Arbeit, Kino, Theater, eine Universität. Also kam man auf dies geniale Idee, deutsche Frauen nach Island zu holen. In Deutschland waren ja fast alle jungen Männer tot. Und Arbeit gab es da noch weniger.
Und so haben sich deine Eltern kennengelernt?
Genau. Mein Vater lebte mit seinem Onkel auf dieser Farm. Auch dieser Onkel war ledig, und eigentlich hatte er sich beim Bauernverband um eine deutsche Arbeitskraft beworben und sich eine Frau erhofft, doch mein Vater machte schließlich das Rennen, obwohl er ein paar Jahre jünger war als sie. Zum Glück!
War dein Onkel nicht beleidigt?
Harpa lachte.
Und wie! Der Arme wurde bitter, starb ledig, als ich noch ein Kind war. Er war eine, nun ja, Persönlichkeit, um es gelinde auszudrücken. Er kam mit niemandem gut aus. Er wollte nicht einmal auf dem Friedhof begraben werden, weil er befürchtete, Zoff mit seinen Grabnachbarn zu bekommen. Einer von dieser Sorte.
Und deine Mutter wollte nie nach Deutschland zurückkehren?
Nein, nie. Sie erzählte auch nicht von ihrer alten Heimat. Ich glaube, sie hat schwere psychische Schäden davongetragen. Vom Krieg.
Hat sie euch nie vom Krieg erzählt?
Nur wenig. Erst in ihren letzten Jahren. Heiða, meine kleine Schwester, hat sie über ihre Jugend in Deutschland ausgequetscht. Auch von unserer Tante, die in Paris lebt, haben wir einiges erfahren.
Und was habt ihr erfahren?
Dass sie die Hölle auf Erden erlebt haben musste. Ihre Stadt wurde bombardiert, sie waren mittendrin und verloren viele Angehörige. Und als der Krieg zu Ende ging, kamen die Russen und terrorisierten die Bevölkerung, plünderten und vergewaltigten.
Schrecklich.
Ich glaube, wir können uns gar nicht vorstellen, was die Leute damals durchgemacht haben. Harpa trank ihr Glas leer. Heinrich schwieg betroffen.
Entschuldige!, entfuhr es Harpa. Was erzähl ich dir bloß für Geistergeschichten!
Heinrich winkte ab.
Macht doch nichts!, sagte er.
Seine Schwester stand auf und trug das schmutzige Geschirr zum Waschbecken. Heinrich half ihr beim Abwaschen, dann entschuldigte er sich, stolperte nach draußen, um frische Luft zu schnappen. Er hatte wohl ein Glas zu viel getrunken. Unwohlsein überfiel ihn. Er atmete tief durch und schaute hoch in den Himmel. Wenn er Raucher gewesen wäre, hätte er sich jetzt eine Zigarette angezündet und gierig daran gesogen. Ob die portugiesischen Brüder noch eine letzte Zigarette geraucht hatten, kurz bevor das Gebäude über ihnen zusammenbrach?
Heinrich ging über den Hofplatz die Einfahrt entlang zurück zur Straße. Von da aus schaute er hinunter in die Bucht. Die sonst schwarzen Felsen der zerfurchten Berge schimmerten rot in der tiefen Sonne. Das Meer war ein einziger Schatten. Es roch nach Gras, nach Stein, nach Meer, nach Tau. Heinrich fühlte sich winzig und doch als Teil eines Ganzen. Sein Unwohlsein verflog.
Alles in Ordnung?, fragte ihn Harpa, als er wieder ins Haus kam.
Ja, alles bestens, antwortete Heinrich und versuchte zu lächeln. Es wird Zeit, dass ich mich auf den Weg mache.
Harpa schüttelte entschieden den Kopf.
Das kommt gar nicht infrage! Erstens hast du Wein getrunken, und zweitens gibt es viele freie Betten im Haus.
Aber das macht doch nur Umstände!
Heinrichs Einwand war bloß pro forma.
Überhaupt nicht. Während du draußen warst, habe ich schon das Gästezimmer hergerichtet.
Heinrich kapitulierte sofort, bedankte sich höflich, stockte, denn einen kurzen Moment hatte er das Gefühl, dass seine Mutter ihnen zuschaute. Ob sie zufrieden mit der Begegnung war? Ob es sie traurig machte? Es bedrückte ihn plötzlich sehr, dass er ohne seine drei Halbschwestern aufgewachsen war.
Komm!, sagte Harpa jetzt. Setzen wir uns mit einem Whisky in die Stube, ja?
Heinrich war viel zu müde, um sich zu wehren.
Erzähl mir von deinen Schwestern, bat er. Harpa schenkte Whisky in normale Trinkgläser.
Die kleinste, Heiða, ist die, die am meisten Probleme macht. Typisch, nicht wahr? Sie ist schon zweimal geschieden, hat zwei Kinder von zwei verschiedenen Männern, und jetzt hat sie wieder einen seltsamen Freund, der in einer Nerzzucht bei Selfoss arbeitet. Sie benimmt sich noch immer, als wäre sie zwanzig Jahre alt.
Und wo arbeitet sie?
Sie wechselt ständig den Job. Momentan fährt sie Taxi.
Aha, sagte Heinrich.
Harpa lächelte freundlich.
Die Mittlere, Hallborg, ist das exakte Gegenteil, verantwortungsbewusst, zuverlässig, tüchtig. Sie hat drei Kinder und einen guten Mann. Sie kümmert sich um den Haushalt und die Kinder, denn ihr Mann verdient ausreichend, arbeitet in der Landesbank.
Heinrich nickte und nippte an seinem Glas. Mit jeder Minute schien seine Familie zu wachsen. Jetzt hatte er plötzlich Schwäger, Nichten und Neffen. Doch seine Augenlider drückten schwer. Er sank in den weichen Sessel, in dem seine Mutter einst Socken und Pullover gestrickt haben mochte, schloss einen kurzen Moment die Augen und führte das Glas erneut an die Lippen, fühlte sich rundum geborgen. Harpa erzählte von ihren Schwestern, von ihrer Kindheit, wie sie alle früh gelernt hatten, Kühe zu melken und mit der Heugabel umzugehen. Heinrich gähnte herzhaft – war er jemals so müde gewesen? Er versuchte, den Faden nicht zu verlieren, da ihn jedes Wort seiner Halbschwester brennend interessierte, doch er hätte ihr eine gute Nacht wünschen und mit dem Glas Whisky in der Hand einschlafen wollen. Der Abschied in Zürich, der Flug nach Paris, die aufwühlenden Stunden bei seiner Tante, der Flug nach Island, die ereignisvollen Tage in Reykjavík, die Reise durch die Fjorde, durch die Nacht, das alles forderte seinen Tribut. Der Wein und das lange Gespräch gaben ihm nun den Rest. Eine kleine Weile noch widerstand er dem Verlangen, sich auf ein Bett fallen zu lassen, bis ihn seine Schwester genau dazu aufforderte und keine Widerrede zuließ. Sie wies ihm ein kleines Schlafzimmer zu und wünschte ihm eine gute Nacht, blieb jedoch mit verschränkten Armen an den Türrahmen angelehnt stehen, als wollte sie sich vergewissern, dass er sich im Zimmer wohlfühlen und zurechtfinden würde. Er lächelte sie müde an. Sie erwiderte sein Lächeln und sagte:
Morgen erzählst du mir, weshalb du wirklich nach Island gekommen bist, ja?
Heinrich nickte zustimmend, und sie schauten sich an, länger, als es Fremde tun. Es war so gar nicht seine Art, doch Heinrich tat es trotzdem, zum Teufel mit seiner Verklemmtheit!, trat auf seine Schwester zu und nahm sie in den Arm, drückte sie brüderlich an sich. Harpa schien nicht sehr überrascht, erwiderte die Umarmung und legte gar ihren Kopf auf seine Schulter, als wäre es für sie beide eine ganz alltägliche Geste. Sie ließen voneinander ab und lächelten sich an. Heinrich nahm Abstand.
Gute Nacht, Heinrich, sagte Harpa und zog die Tür hinter sich zu.
Heinrich schaute noch eine Weile auf die Tür, fühlte sich sentimental und erleichtert zugleich, hätte lachen und losheulen wollen, doch dazu war er viel zu müde. Er zog sich bis auf die Unterhosen aus und kroch unter die Bettdeckte, schlief so schnell und rasselnd ein, wie man ein Garagentor zumacht, schlief tief und traumlos, versunken in der weichsten Matratze der Welt, den Mund halb geöffnet und laut schnarchend. Die Mitternachtssonne hatte ihre Macht über den Schweizer verloren, erhellte vergebens sein Zimmer. Die Vögel konnten draußen noch so einen Radau veranstalten, Heinrich blieb die ganze Nacht so liegen, wie er sich hingelegt hatte. Er erwachte selbst dann nicht, als seine jüngste Halbschwester Heiða mitten in der Nacht auf der Farm eintraf.
Er schreckte nicht auf, als sie rücksichtslos die Autotür zuwarf und mit einem Jauchzer ins Haus hineinplatzte, da sie glaubte, ihre Schwester sei bestimmt noch wach. Nein, Heinrich schnarchte selbst dann selig weiter, als Heiða neugierig die Tür des Gästezimmers öffnete und hineinguckte, obwohl Harpa sie daran zu hindern versuchte. Heiða biss sich in die Faust vor Aufregung und begann zu hüpfen, als sie den Mann erkannte, der auf der Fähre an ihrer Seite eingeschlafen war und seinen Kopf auf ihre Schulter gebettet hatte. Kleine Welt.