Epilog

An einem sonnigen Nachmittag im Frühsommer 1945 steigt Willy Perl aus seinem Jeep und betrachtet die zerbombten Häuser in der Rosenhügelstraße im Südwesten Wiens. In einen Anzug gekleidet, hat er die Stadt vor ziemlich genau sieben Jahren mit dem Flugzeug in Richtung London verlassen, als Anwalt auf der Flucht. An diesem 22. Juni hingegen ist er kein verfolgtes, wehrloses Opfer mehr. Seit zwei Jahren Staatsbürger der Vereinigten Staaten mit dem offiziellen Vornamen „William“, trägt er eine amerikanische Uniform und dazu einen Colt an der Hüfte. Nun nimmt er die Waffe aus dem Holster und hämmert mit dem Knauf gegen die Tür von Haus Nummer 31, weil bislang niemand auf sein Klopfen reagiert hat. Es ist das Gebäude, in dem Lore früher gewohnt hat, und wie das Haus gegenüber ist es schwer beschädigt, offenbar durch den Treffer einer alliierten Bombe. Zweifel fressen sich durch Perls Gedanken. Wo steckt Lore? Ist sie überhaupt noch am Leben?

Dass Perl an diesem Tag in der Rosenhügelstraße steht, verdankt er wieder einmal seinem Wagemut und seiner Entschlossenheit. Denn eigentlich hat er in Wien nichts verloren. Die Stadt ist zu diesem Zeitpunkt ausschließlich von den Sowjets besetzt. Die Einheit von Lieutenant Willy Perl, der für die US-Armee als Spezialist für die Befragung von Kriegsgefangenen im Einsatz ist, ist hingegen im Raum Frankfurt stationiert.

Unmittelbar nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 und dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg hat Perl sich freiwillig gemeldet, um für sein Gastland und gegen die Nationalsozialisten zu kämpfen. Doch weil er Ausländer ist, wird sein Gesuch abgelehnt; erst acht Monate später wird ein neuerlicher Antrag des mittlerweile 36-Jährigen positiv beschieden. Nach seiner Grundausbildung kommt er dank seinen Sprachkenntnissen in das Military Intelligence Training Center in Camp Ritchie im Bundesstaat Maryland, wo die Armee unter anderem Kriegsgefangenenbefrager, Spezialisten für Luftbildauswertung und Gegenspionage sowie Propagandaexperten ausbildet. Aufgrund seiner Fähigkeiten und seiner Erfahrung im Umgang mit Gestapo und SS wird er nach Kursende im Mai 1943 selbst Ausbilder in Camp Ritchie, ehe er auf eigenen Wunsch nach Europa versetzt wird.

Zum Lieutenant befördert, dient er ab August 1944 in einem speziellen Verhörzentrum in London, in dem Briten und Amerikaner zusammenarbeiten. Das ist wahrlich eine Ironie des Schicksals, denn so hat er tagtäglich mit jenen Leuten zu tun, die einige Jahre zuvor versucht haben, seinen Transporten einen Riegel vorzuschieben. Doch Perl lässt im Kampf gegen den gemeinsamen Feind die Animositäten beiseite, zumal er ohnehin nicht lange in London bleiben wird. Bereits im November beantragt er erneut eine Versetzung, um näher am Kampfgeschehen zu sein, denn die alliierten Armeen stehen mittlerweile an der deutschen Grenze. Als Mitglied einer mobilen Verhöreinheit, die im Hinterland der Front agiert, ist er ab Mitte Dezember 1944 im belgischen Namur im Einsatz und kommt damit gerade richtig, um Deutschlands letzten großangelegten Gegenangriff an der Westfront hautnah mitzuerleben.

Kurz geraten die überraschten Alliierten in Bedrängnis, doch dann konsolidieren sie ihre Linien und stoppen den deutschen Vormarsch. Die Ardennenoffensive ist gescheitert. Die nächsten Monate verbringt Perl mit der Suche nach Widerstandsnestern sowie nach Kriegsverbrechern in den von den Amerikanern besetzten Gebieten. Ende April 1945 hält er sich im hessischen Bad Hersfeld auf und hört einen deutschen Radiosender, als das Programm plötzlich unterbrochen wird – Hitler ist tot. Perl weiß, dass der Krieg nicht mehr lange dauern wird, und nun zählt nur mehr eine Sache für ihn: Er muss nach Wien und Lore suchen, von der er seit Jahren nichts mehr gehört hat. Doch es gibt ein Problem. Österreich liegt nicht im Operationsgebiet seiner Einheit, zudem ist der Osten des Landes von der Roten Armee besetzt, die Enns bildet die Grenze zwischen Amerikanern und Sowjets. Sein unmittelbarer Vorgesetzter hat Verständnis für seine Lage. Doch alles, was dieser tun kann, ist, den unruhigen Lieutenant nach Regensburg zu schicken. Dort ist Perl zumindest näher an der österreichischen Grenze.

Die Wochen ziehen ins Land und schließlich will Perl nicht länger warten. Ohne offizielle Erlaubnis beschließt er im Juni 1945, sich von der Truppe zu entfernen und auf eigene Faust nach Wien zu fahren. Die Order, die ihn durch die amerikanischen und sowjetischen Checkpoints bringen soll, stellt er sich kurzerhand selbst aus. Mit von der Partie sind zwei Kameraden aus seiner Einheit, beide wie er vor den Nationalsozialisten geflüchtete Exilösterreicher: Sergeant Harry Hirschbein, ebenfalls aus Wien, und Lieutenant Franz von Trauttmansdorff, Spross einer alten Adelsfamilie. Die erste Nacht verbringen sie bei Verwandten von Trauttmansdorff, die diesen überreden können, die sowjetische Zone nicht zu betreten. Nur mit Hirschbein setzt Perl am nächsten Tag die Reise fort. Bei einer Brücke über die Enns in der Nähe von Steyr stoßen sie auf einen amerikanischen Kontrollposten, dem Perl erzählt, sie befänden sich auf einer nachrichtendienstlichen Mission. Sie werden durchgewunken. Auch die Soldaten der Roten Armee auf der anderen Seite lassen sie passieren, in der Annahme, Perl und sein Begleiter seien Teil einer amerikanischen Delegation, die sich just an diesem Tag mit einem sowjetischen General in Melk an der Donau trifft, um sich über Besatzungspolitik auszutauschen. Den russischen Offizier, der sie als Aufpasser nach Melk begleiten soll, bestechen sie unter anderem mit mitgebrachten Spirituosen und Zigaretten, sodass dieser einem kurzen Abstecher nach Wien zustimmt.

So kommt es, dass Perl an diesem Junitag mit seinem Colt an Lores Haustür hämmert und lauthals droht, sich notfalls mit Gewalt Zutritt zu verschaffen. Endlich tut sich etwas im Inneren des Gebäudes, doch es ist nicht Lore, die ihm schließlich öffnet. Eine kleine, alte Frau steht vor ihm – und teilt ihm mit, dass Lore im Moment nicht zu Hause ist. Perl atmet erleichtert durch. Das ist der so sehnlich erhoffte Beweis, dass seine Gattin noch am Leben ist.

Dann ein Schrei. Perl fährt herum und sieht eine junge Frau, die auf ihn zustürmt. Er zögert, sieht genauer hin. Ist es Lore? Ja, sie ist es. Er hat sie nur nicht gleich erkannt, weil sie fürchterlich abgemagert ist – ein Andenken an ihren Aufenthalt im Konzentrationslager Ravensbrück. Sie wird ihrem Mann noch davon berichten. Doch zunächst fallen sie sich in die Arme.

Sieben Jahre und 13 Tage, nachdem sie einander auf dem Flughafen von Wien Lebewohl gesagt haben, sind Willy und Lore Perl wieder vereint – und werden es die nächsten fünf Jahrzehnte bleiben.