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ZWÖLF KÖNIGINNEN

Die Bienenkönigin ist das einzige geschlechtsreife Weibchen im Bienenstock, und sie legt sämtliche Eier.

L. L. LANGSTROTH

 

Schon bevor sie auf die Verkehrslawine traf, die sich über die Interstate 84 in Richtung Hood River wälzte, hätte Alice Holtzman ihre Laune als unterdurchschnittlich bezeichnet. Schuld daran waren diese jungen Schwachköpfe bei der Sunnyvale Bee Company in Portland, die ihre Bestellung verwechselt, ihren Aufbruch verzögert und dafür gesorgt hatten, dass sie am Spätnachmittag in diesem Meer aus Pkws und Trucks gelandet war. Um genau zu sein: Sie hatten ihren Auftrag verloren, und das war frustrierend, weil Alice Stammkundin bei Sunnyvale war, und auch, weil sie aus Gründen des persönlichen Stolzes immer sehr gewissenhaft vorging.

Am Bee Day, der jedes Jahr im April stattfand, ging immer etwas schief, das ließ sich nicht leugnen. Immerhin flogen an diesem Tag Hunderte Millionen Bienen im Hof der Sunnyvale Bee Company herum. Bei ihrer Ankunft sah Alice unzählige verpackte Jungvölker, die darauf warteten, abgeholt zu werden. Jeder der kleinen, mit einem Gitternetz abgeschirmten Kästen enthielt zehntausend Bienen, die alle verwirrt summten, weil sie kurz zuvor aus den Imkereien im Süden von Oregon aussortiert worden waren. Diese kostbare, vor Tagesanbruch in die Wagen verladene Fracht musste innerhalb von vierundzwanzig Stunden abgeholt, weitertransportiert und in die neuen Bienenstöcke gebracht werden. Wenn also Schwärme von Imkern an einem typischen Bee Day Sunnyvale heimsuchten, um ihre neu erworbenen Bienen abzuholen, konnte es sehr hektisch werden.

Der Wagen vor ihr kroch weiter und bremste dann abrupt. Alice schnaubte ungeduldig, blickte auf die Uhr und seufzte. Ja, sie wusste, dass am Bee Day immer Chaos herrschte. Genau darum hatte sie sich einen Tag frei genommen. Es war Donnerstag, denn natürlich kamen die neuen Bienen nie an einem Wochenende. Wie Babys kündigten sie sich unvorhergesehen und oftmals zu einem ungünstigen Zeitpunkt an. Alice und die anderen erwartungsvollen Bienenzüchter mussten sich gedulden, bis die Bienenstöcke im Süden sich um junge Völker vermehrt und die Regenfälle zu Beginn des Frühjahrs nachgelassen hatten. Die Abholtermine wurden ständig verschoben. Kein professioneller Wettanbieter würde jemals Geld auf den Bee Day setzen, so kompromisslos lief dieses Geschäft. Alice wusste das. Darum hatte sie wie immer zwei Tage vorher angerufen, um sich ihre Bestellung erneut von Tim, dem stets gut gelaunten Verkaufsstellenleiter, bestätigen zu lassen. Er arbeitete seit mehr als zwanzig Jahren dort, und trotzdem war es unmöglich zu sagen, wie alt Tim war. Er gehörte zu den Männern, die mit zwanzig alt aussahen, weil sie gleich nach der Highschool ihre Haare verloren, später dann aber alterslos wirkten. Der unerschütterliche Tim. Alice kannte nicht mal seinen Nachnamen, aber seit einigen Jahren war er ein regelmäßiger Bestandteil ihres Lebens. Nicht gerade ein Freund, eher ein willkommener Meilenstein, eine fröhliche Wegmarkierung, die besagte, dass der Frühling nahte, dass der Winter in Oregon endlich zu Ende ging und es an der Zeit für neues Leben im Bienenvolk war. Trotz aller Unannehmlichkeiten liebte Alice den Bee Day.

Aber in diesem Jahr war nicht Tim ans Telefon gegangen, als sie anrief, sondern eine junge Frau, die sich als Joyful zu erkennen gab.

»Wie kann ich Ihren Tag schöner machen?«, fragte sie zur Begrüßung.

Alice nannte ihren Namen und die Auftragsnummer, während sie sich fragte, ob Joyful tatsächlich ihr echter Name war. Joyful versicherte ihr, dass alle Bestellungen wie üblich ausgeführt werden würden und dass sie sich sehr darauf freute, Alice bei der Abholung zwei Tage später zu sehen. Die junge Frau weigerte sich zwar nicht direkt, nach Alices Auftrag zu suchen, machte aber auch keine Anstalten, wirklich nachzusehen.

»Alles Gute!«, hatte sie gerufen und aufgelegt, ehe Alice noch etwas sagen konnte.

Als Alice nun dort stand und zusah, wie Joyful, der die blonden Dreadlocks ins Gesicht hingen, in einem Stapel von Bestellungen vergeblich nach der von Alice suchte, lagen ihr deshalb die Worte »Hab ich’s nicht gesagt?« auf der Zunge. Ihr lagen auch noch andere Worte auf der Zunge – solche, die ihre Mutter enttäuscht hätten. Alice verschränkte die Arme vor der Brust, atmete tief durch und beugte sich über den Tresen.

»Miss, ich habe vor zwei Tagen angerufen. Mein Name ist Holtzman. Alice Holtzman. Hood River. Ich habe zwölf Ableger Russische Honigbienen bestellt. Zwölf Ableger für meinen Bienengarten.«

Sie versuchte, gleichmütig zu klingen und richtete sich ein wenig auf, als sie bemerkte, dass sie mit dem Zeigefinger deutlich hörbar auf den Tresen tippte.

»Keine zusätzlichen Königinnen und keine Transportboxen. Tim stellt meine Sachen normalerweise im Hinterhof ab.« Alice deutete auf einen abgesperrten Bereich auf der linken Seite. Schon seit Jahren trennte Tim die Bestellungen erfahrener Imker von denen der Anfänger, die oftmals länger blieben, um Fragen zu stellen und damit ihrerseits zur summenden Verwirrung am Bee Day beitrugen. »Warum lassen Sie mich nicht einfach selbst nachschauen? Ich bin mir sicher, dass ich sie finden werde.«

Aber Joyful, deren zusammengezogene Brauen und die ins Gesicht hängenden Dreadlocks verrieten, dass sie keinen schönen Tag hatte, ließ sich nicht erweichen. Sie blickte von dem chaotischen Papierhaufen auf und fixierte Alice mit strengem Blick.

»Ma’am, Sie haben gesagt, dass Sie eine langjährige Kundin sind, und ich weiß das zu schätzen. Aber wir arbeiten hier nach einem bestimmten System, und Sie werden warten müssen, bis Sie an der Reihe sind wie alle anderen auch.«

Alice errötete vor Verlegenheit und wich zurück. Sie presste die Lippen aufeinander und fühlte sich wie ein Kind, das bestraft wird. Sie spürte, dass ihr der Atem stockte, und dachte an Dr. Zimmerman, die sie gebeten hatte, auf solche Augenblicke zu achten. Alice zog die Träger ihrer Latzhose hoch und gesellte sich zu der Schar von Bienenzüchtern, die überall herumliefen und miteinander plauderten, während sie auf ihre Bestellungen warteten. Nur Alice plauderte mit niemandem.

Die Frühlingssonne schien unerbittlich auf sie herab. Sie nahm ihren Sonnenhut ab und strich sich das schweißfeuchte Haar aus dem Nacken. Sie blickte auf ihre bis aufs Nagelbett abgekauten Fingernägel und schob die Hände in die Gesäßtaschen. Sie verlagerte das Gewicht von einem Fuß auf den anderen, denn in den Arbeitsschuhen waren ihre Füße angeschwollen. Sie hob den Kopf, entdeckte ihr Bild auf dem Sicherheitsmonitor und wandte den Blick wieder ab, während sie an den Trägern ihrer Latzhose zog. Es machte sie wahnsinnig, untätig herumzustehen. Eine halbe Stunde später fand sich ihre Bestellung auf dem Fußboden vor Joyfuls in Birkenstocks steckenden Füßen.

»Alice Holtzman, Hood River. 12 Ableger Russische Honigbienen. Keine zusätzlichen Königinnen. Hinterhof. ***VIP!!!«, hatte jemand mit rotem Stift quer über die ganze Seite gekritzelt.

Joyful wirkte leicht geknickt, entschuldigte sich aber nicht. Sie reichte Alice das zerknitterte Blatt Papier und deutete auf den Hinterhof.

Diese Situation war für Alice nichts Neues. Schließlich war sie eine Holtzman. Als Deutsch-Amerikanerin war sie stets vernünftig, plante immer im Voraus und überdachte alles mehrmals gründlich, so, wie ihre Eltern es ihr beigebracht hatten. Sie versuchte vorherzusehen, was schiefgehen konnte, und bereitete sich immer gut vor, um Problemen aus dem Weg zu gehen. Sie wusste, dass die meisten Menschen weniger gewissenhaft waren als sie. Häufig musste sie warten, bis andere ihren Gedanken folgen konnten, nur um zu beobachten, wie sie oftmals schon scheiterten, ehe sie überhaupt angefangen hatten. Wie sollte sie sich also dieses Gefühl erklären, diese Ungeduld, den kindischen Drang, über den Tresen zu fassen und Joyful kräftig an den Dreadlocks zu ziehen? Sie nahm das Blatt Papier und ging zum Hinterhof.

Nick und Steve, zwei Mitglieder der festen Belegschaft, halfen Alice, die Deckel der Pappkästen mit Klebeband zu verschließen und die Behälter vorsichtig einen nach dem anderen auf die Ladefläche ihres Pick-ups zu stellen. Sie legte einen Spanngurt um die Kästen, damit sie während der Fahrt nicht herumrutschen konnten.

»Tut mir leid, Alice«, sagte Nick, blickte zu Joyful hinüber und verdrehte die Augen. Er war ein netter Typ ungefähr in ihrem Alter und trug einen Schnauzbart.

»Neue Leitung, solange Tim in Arizona ist. Irgendwas Familiäres, nehme ich an.«

Alice zuckte mit den Schultern und versuchte zu lächeln, was ihr aber misslang. Es war zwar nicht Nicks Schuld, dass sie hier mehr als eine Stunde vergeudet hatte, obwohl nur ein Zwischenstopp von fünfzehn Minuten vorgesehen war, aber sie würde trotzdem nicht weiter hier herumstehen und Small Talk machen.

»Danke, Nick«, sagte sie. »Sag Tim, er soll mich wegen der Honigschleuder anrufen, wenn er wieder da ist.«

Nun stand Alice auf dem verstopften Highway im Stau und schnaubte verärgert. Sie griff nach der Tüte Minikekse auf dem Beifahrersitz, die sie wider besseres Wissen früher am Tag bei Costco gekauft hatte. Sie holte eine Handvoll Cookies heraus und warf sie sich in den Mund.

Alice gab es nur ungern zu, aber sie war schon lange vor ihrer Ankunft bei Sunnyvale spät dran gewesen. Sie hatte erst bei Tillicum Lumberyard, dem Holzlager, und dann bei Costco angehalten, diesem Koloss von Einkaufszentrum, den es im kleinen Hood River nicht gab. Die Leute drängten sich an ihr vorbei, und jede zweite abgespannt wirkende Mutter mit zwei Kindern im Schlepptau stieß Alice den Einkaufswagen in die Hacken, ohne sich dafür zu entschuldigen. In der Kassenschlange musste sie ewig warten und fühlte sich anschließend ziemlich gestresst. Danach hatte sie eine Stunde beim Warten auf ihre Bienen verloren. Und jetzt steckte sie mitten im Feierabendverkehr, den sie unbedingt hatte vermeiden wollen. Genau darum hatte sie zwei Tage zuvor bei Sunnyvale angerufen. Genau darum hatte sie sich an diesem Tag frei genommen und war früh aufgestanden. Sie gab sich große Mühe, alles zu organisieren. Es waren die anderen, die es verpfuschten. Auf einmal verspürte sie einen Anflug von Angst. Die Autoschlange schob sich langsam vorwärts, ihr wurde eng um die Brust. Sie öffnete das Fenster einen Spaltbreit, aber als ihr der Geruch des heißen Asphalts in die Nase drang, schloss sie es gleich wieder. Sie blickte zu den Autos links und rechts von ihr. Niemandem schien es etwas auszumachen, hier zu sitzen. Alle blickten auf ihre Handys. Sie umklammerte das Lenkrad und spürte, wie es ihr die Kehle zuschnürte. Auf einmal hörte sie Dr. Zimmermans ruhige Stimme in ihrem Kopf: »Wissen Sie, wo dieses Gefühl herkommt, Alice? Können Sie seiner Spur bis zum Ursprung folgen?«

Alice atmete tief durch, beugte die Finger und streckte sie wieder. Einfach ruhig zu bleiben fiel ihr in letzter Zeit sehr schwer. Wenn sie sich konzentrierte und immer beschäftigt war, hatten ihre Gedanken keine Chance, sie aus heiterem Himmel zu überwältigen. Nein, Dr. Zimmerman, dachte sie, ich kann die Spur nicht zurückverfolgen. Nicht mit hundertzwanzigtausend Russischen Honigbienen hinten im Pick-up.

Sie aß noch eine Handvoll trockener Kekse und spähte im Rückspiegel auf die jungen Bienenvölker, die auf der Ladefläche des Wagens eingekeilt waren. Die Frühlingssonne war mild, sodass sie nicht befürchten musste, dass die Bienen auf der Heimfahrt überhitzt wurden, obwohl es so langsam voranging. Zu Hause angekommen, würde sie die Tiere noch vor Sonnenuntergang in ihre neue Behausung, die Magazinbeuten im Bienengarten, bringen. Das ließ sich schnell erledigen, sie würde allein mit den zwölf Kästen fertigwerden, davon war sie überzeugt. Sie arbeitete effizient und hatte ihre Werkzeuge, allesamt sauber und poliert, schon am Abend zuvor in der Werkstatt bereitgelegt. Bei diesem Gedanken wurde das Angstgefühl wieder stärker. Sie war lange aufgeblieben, um alles vorzubereiten, damit sie früh zurück sein und die Tiere vor Einbruch der Dunkelheit in die Beuten bringen konnte. Sie atmete tief durch und versuchte, ihren pochenden Herzschlag zu verlangsamen. Sie warf die Kekstüte auf die Rückbank, sodass sie nicht mehr drankam.

An der Ausfahrt nach Multnomah Falls, die exakt auf halbem Weg nach Hood River lag, sah Alice zwei Wagen auf dem Seitenstreifen stehen – offenbar nur ein Blechschaden. Die Fahrbahn daneben war leer, aber jeder, der vorbeifuhr, gaffte neugierig hinüber. Zwei Männer standen neben ihren ramponierten Wagen und telefonierten mit ihren Handys. Wahrscheinlich war mindestens einer von ihnen ein Tourist, der für ein Landschaftsfoto nicht extra anhalten wollte. So etwas passierte hier ständig: Die Leute lehnten sich einfach zum Fenster hinaus, um eine Aufnahme von dem einhundertneunzig Meter hohen Wasserfall zu machen.

Nach der Unfallstelle war der Highway auf einmal frei, und bald fuhr Alice mit hundertdreißig Stundenkilometern nach Osten, während hinter ihr die Sonne unterging. Die Freiheit der Bewegung beruhigte sie. Sie nahm ihren Hut und die Sonnenbrille ab und löste einen Träger ihrer Latzhose als Eingeständnis, dass sie ihr tatsächlich nicht mehr passte, aber es machte ihr nichts aus. Sie drehte die Musik lauter. Springsteens Born to Run.

Alice hasste Portland mit seinem verwirrenden Netz von Brücken, dem brummenden Verkehr und den aggressiven Bettlern. Aber sie liebte die offene Straße, die aus der Stadt hinaus und von ihr weg führte. Basaltklippen überlappten sich zu einer Aussicht, die sich Kilometer um Kilometer am Columbia River entlang entfaltete. Sie kannte die Namen der einzelnen Monolithen auswendig: Rooster Rock, Wind Mountain, Beacon Rock. Der beginnende Sonnenuntergang hüllte die grünen Hügel und felsigen Klippen in einen rosa Schleier. Es sah aus wie ein Gemälde, wie ein Traum. Alice wurde dieses Anblicks nie müde, dieser unglaublichen Schönheit, in der sie seit vierundvierzig Jahren lebte. Sie überholte einen Sattelzug und blickte auf den breiten Fluss zu ihrer Linken. Das dunkelgrüne Wasser schäumte im Wind, weiße Gischt peitschte hoch und wehte gegen die Strömung. Sie sah eine Ansammlung von Pelikanen auf einer schimmernden Sandbank und gewaltige Douglaskiefern, die sich über das Wasser beugten. Ein Fischadler kreiste schreiend über dem Fluss. Auf der rechten Seite erblickte sie den Scheinwerfer eines entgegenkommenden Zugs. Als er an ihr vorbeifuhr, hörte sie die Zugpfeife schrillen und wieder verklingen. Die untergehende Sonne warf ein durchscheinendes Licht auf das Wasser, und Alice spürte, wie sich ihr Körper entspannte.

Sie nahm die Ausfahrt 62, drosselte das Tempo und hielt am Ende des Anstiegs an. Sie kurbelte das Fenster herunter und ließ den kühlen Wind vom Columbia River durch den Wagen wehen und mit den Haarsträhnen rund um ihr Gesicht spielen. Sie konnte das Wasser riechen, die Kiefern entlang der Straße und den schwachen Geruch von Holzrauch. Sie nahm den klaren, grünen Atem des Frühlings wahr. Sie fuhr weiter, vorbei an der Red Carpet Tavern, deren Dach traurig durchhing, und bemerkte, dass der Parkplatz wie üblich von den Pick-ups der Männer besetzt war, die hier auf dem Heimweg von der Arbeit auf ein Feierabendbier anhielten. Sie lächelte, als sie sich an ihren Vater erinnerte, der so häufig unter ihnen gewesen war. Obwohl sehnig und wortkarg, hatte er auf andere Menschen aufgrund der Kraft seiner Freundlichkeit, die sich hinter einem sarkastischen Humor verbarg, anziehend gewirkt. Nach der Bar führte die Straße sie nach Süden zu ihrem kleinen Haus, das außerhalb der Stadt in einer Talsenke am Ende der Reed Road lag. Auf der einen Seite erstreckten sich Obstplantagen, auf der anderen Wälder. Es war die perfekte Stelle für Honigbienen: Sie war windgeschützt, und der Susan Creek, der den Hang hinunterfloss, versorgte ihre Mädels, wie sie sie gern nannte, mit Wasser. Neben den Bewässerungsgräben breitete sich kilometerweit ein Wirrwarr von Klee, Brombeeren und Löwenzahn aus. Ein Paradies für Bienen.

Die Talsenke war auch für Alice perfekt, denn hier draußen bekam sie kaum jemanden zu Gesicht. Außer Doug Ransom, dessen große Obstplantage sich wohltuend auf dem Gebiet westlich von ihr erstreckte, hatte sie keine richtigen Nachbarn, es sei denn, man zählte Strawberry Hollow dazu, eine chaotische Ansammlung von Wohnwagen am Ende der Anson Road. Sie kannte niemanden, der dort wohnte, und blieb auf Distanz. Vermutlich Methheads und Pitbulls. Vergewaltiger und alle möglichen Widerlinge, dachte sie und fing an, sich Schlagzeilen auszudenken.

»Zehn Personen bei Drogenrazzia in Trailerpark festgenommen!«

»Flachgrab in Strawberry Hollow entdeckt!«

Dann hörte sie auf. Genau wie die Angst war auch dieses Verhalten neu für sie – sich hässliche Geschichten über Menschen auszudenken, die sie nicht kannte.

»Es sind nur Gedanken, Alice, aber ihre Struktur fördert einen negativen Blick auf die Welt«, hatte Dr. Zimmerman gesagt. »Sie können diese Muster verändern und Ihr Denken neu ausrichten. Dazu braucht es nur etwas Übung.«

Dr. Zimmerman war offensichtlich sehr intelligent. An ihrer Wand hingen Diplome aus Harvard und Stanford. Sie hatte in Palo Alto gearbeitet und dort anscheinend die Hightech-Irren geheilt, bevor sie in Altersteilzeit gegangen und nach Hood River gezogen war. Trotz der Diplome und ihrer schicken Klamotten, die in diesem ländlichen Außenposten unüblich waren, wirkte sie nicht arrogant. Nur selbstbewusst. Und nett. Dennoch war die Tatsache, dass sie, Alice Holtzman, eine Therapeutin konsultierte, absurd. Du hast darüber gelacht, dachte sie. Aber eigentlich war es gar nicht lustig, stimmt’s?

Alice steuerte den Pick-up nach Süden auf den Mount Hood und das Haus zu, das sie sich mit der Hilfe ihrer Eltern gekauft hatte. Sie waren beide Obstbauern in dritter Generation gewesen. Die Arbeit war hart, aber sie hatten sie geliebt.

»Fürchte dich niemals vor schwerer Arbeit, Alice«, hatte ihre Mutter immer gesagt.

»Sonst steige ich aus dem Grab und trete dir in den Po, mein Floh«, fügte ihr Vater dann schelmisch grinsend hinzu.

Ein Leben draußen an der frischen Luft, so ihr Credo, war ein gutes Leben.

»Ein gutes Leben«, sagte Alice nun laut, als sie im Rückspiegel nach den zwölf Kästen sah, von denen jeder einzelne eine Königin mit ihren Arbeiterinnen und ein großes Versprechen beinhaltete.

»Wir sind fast zu Hause, Mädels. Ihr werdet ein gutes Leben haben, das verspreche ich euch.«

Obwohl Hood River kein stilles Kaff mehr war wie zur Zeit von Alices Geburt, war es doch noch immer ein Ort, an dem es sich wunderbar leben ließ. Die Achtzigerjahre hatten die Windsurfer mit ihren Transportern und den langen Haaren hierhergebracht. Gelegentlich hatten sie Streit mit den örtlichen Holzarbeitern oder Farmern, die im Red Carpet herumhingen. Aber die Hippies, die Schwierigkeiten machten, verschwanden schließlich wieder. Diejenigen, die blieben, gründeten Familien, brachten die alten Häuser des Städtchens in Schuss und eröffneten Geschäfte: Cafés, Pizzerien und Windsurfing-Shops. Die kleine Stadt wurde größer. Im letzten Jahrzehnt war die Anzahl an Weingütern, schicken Boutiquen, Brauereien und Restaurants förmlich explodiert. Es war nicht mehr dieselbe Stadt, aber für Einheimische wie die Holtzmans, die außerhalb des Ortes lebten, spielte das keine Rolle. Ihr Leben verlief in denselben Bahnen wie immer. Die sonnenverbrannten Touristen, die mit einem Becher Eiskaffee in der Hand durch die Innenstadt trotteten, hatten keine Ahnung, dass das Herz dieses Ortes weit entfernt von der Oak Street schlug, talaufwärts, draußen auf den Obstplantagen. Die langen Baumreihen waren sehr viel mehr als nur ein Postkartenmotiv für Panoramafahrten. Sie waren Geschichte, Teil einer mehr als hundert Jahre alten Tradition.

Auch Alices Familie war ein Teil dieser Geschichte. Die Plantagen der Holtzmans waren klein, aber sie bauten ausschließlich alte Sorten aus der Zeit um 1900 an – Gravensteiner, Pepping und Winesap –, die mit den allzu mürben Red-Delicious-Äpfeln eines durchschnittlichen Schul-Mittagessens nichts gemein hatten. Es waren schöne und geschmacksintensive Früchte. Al und Marina Holtzman hatten die Plantage von Als Eltern übernommen, die sie wiederum von seinen Großeltern geerbt hatten, deutschen Immigranten, die vor dem Ersten Weltkrieg in das Tal gekommen waren. Al und Marina hatten für sich und Alice, ihr einziges Kind, ein gutes Auskommen gehabt. Sie waren hier glücklich gewesen.

In der Country Club Road brachte Alice den Wagen zum Stehen, setzte den rechten Blinker und schaute nach links in Erwartung eines schwerfälligen Traktors, mit dem sie an einem Frühlingsabend wie diesem hier rechnete. Aber das stille Sträßchen war leer. Sie bog rechts ab und fuhr weiter in Richtung ihres Hauses.

Bereits mit zehn Jahren hatte Alice sich vorgenommen, eines Tages die Plantage ihrer Eltern zu übernehmen. Als es so weit war, wusste sie, dass sie schwer arbeiten und ihren Job bei der Countyverwaltung würde behalten müssen, um über die Runden zu kommen. Umso schockierter war sie, als Al und Marina vor acht Jahren beschlossen, alles zu verkaufen. Die Veränderungen innerhalb der Branche hatten ihren Vater entmutigt. Die großen Erzeuger hatten Bestimmungen für den Einsatz von Pestiziden erzwungen, die die kleineren Farmer überforderten. Zwar hatte der Holtzman-Betrieb nie zu hundert Prozent biologisch gearbeitet, denn Al Holtzman war viel zu freiheitsliebend, um dieses Wort auch nur über die Lippen zu bringen. Aber schließlich war er Deutscher, oder anders ausgedrückt: vernünftig. Er spritzte so wenig wie möglich und nur von Hand. Der Bezirk hatte zu viele Vorschriften erlassen, sagte er, und außerdem gingen sie zu weit.

»Es ist Gift, Alice«, sagte er kopfschüttelnd. »Diese Trottel schneiden sich ins eigene Fleisch.«

Sie fand es schrecklich, mit ansehen zu müssen, wie ihre Eltern von den Forderungen der größeren Obstbauern beiseitegeschoben wurden, die zu eigensinnig, zu beschäftigt oder einfach zu starrköpfig waren, um andere Meinungen zu berücksichtigen. Und was das County betraf, nun, Alice arbeitete in dessen Planungsabteilung. Sie wusste, wie rückständig vieles dort war. Es konnte Jahre dauern, eine schlichte Briefkastenverordnung zu ändern. Später bereute Alice, dass sie sich mit ihrem Vater nicht gestritten, ihm nicht gesagt hatte, wie viel ihr an dem Betrieb lag. Aber sie wollte nicht, dass er sich noch schlechter fühlte. Bei der Erinnerung brannten ihr Tränen in den Augen. Sie wischte sie mit dem Handrücken fort.

Al und Marina gaben Alice nach dem Verkauf der Plantage etwas Geld, das sie für den Kauf ihres Hauses in der stillen Talsenke verwendete: ein einstöckiges Farmhaus und ein paar Hektar Land. Sie dachte, dass ihre Eltern vielleicht bei ihr einziehen würden, aber sie wollten unabhängig sein und waren in ein Haus in der Stadt gezogen. Sie starben im Abstand von einem halben Jahr, Al zuerst. Alice vermisste sie.

Sie redete auch mit Dr. Zimmerman über ihre Eltern. Sie erwähnte, dass sie ihre Stimmen in ihrem Kopf zu hören glaubte und manchmal mit ihnen redete, obwohl das vermutlich bescheuert klang. Dr. Zimmerman blickte Alice über den Brillenrand hinweg an. Alice errötete. Wahrscheinlich war es nicht sehr höflich, »bescheuert« zu sagen.

Dr. Zimmerman nickte nur. »Das ist bestimmt tröstlich für Sie«, sagte sie. Allerdings wussten sie beide, dass Alice nicht deshalb zu der netten Frau Doktor kam, weil sie ihre Eltern vermisste.

Alice bremste für einen großen Obstlaster, der über die Kreuzung nahe der Straße zum Kingsley Reservoir bretterte. Sie blickte nach Süden und entdeckte am Horizont den Mount Hood, der im Licht des Sonnenuntergangs zu glühen schien. Sie drehte das Radio auf, in dem gerade einer ihrer Lieblingssongs von Springsteen lief, Thunder Road.

Alice ging zu Dr. Zimmerman, seit sie vor drei Monaten mitten in der Obst- und Gemüseabteilung des Little Bit Grocery and Ranch Supply etwas erlebt hatte, das sich wie eine Herzattacke anfühlte. Sie stand neben Carlos, dem netten, gut aussehenden Verkäufer, der sie immer »Madame« oder »Miss Alice« nannte und stets eine Geschichte über seine Kinder oder aus den Nachrichten zu erzählen wusste. Da hatte sie zum ersten Mal gespürt, wie sich dieses unsichtbare Band fest um ihre Brust schloss, bis sie keine Luft mehr bekam. Sie sank auf den Boden und zog einen Haufen Grünkohl mit sich. Carlos half ihr, sich vorsichtig aufzurichten und sich an einen Ständer mit Rosenkohl zu lehnen, der absurderweise noch nicht von den Strünken entfernt worden war. Sie sah, dass sich Carlos’ Lippen bewegten, konnte ihn aber nicht hören. Sie war ihm nahe genug, um einen winzigen Klecks Rasiercreme auf der glatten braunen Haut hinter seinem Ohr zu sehen. Sie verspürte das dringende Bedürfnis, ihn darauf hinzuweisen, und hätte über diesen Drang am liebsten gelacht. Die Sanitäter kamen, und auf einmal schien das halbe Hood River County um sie herum zu stehen und auf Alice Holtzman herabzuschauen, die auf dem Boden saß, mit rotem Gesicht und wogender Brust. Bei dieser Erinnerung schoss ihr noch immer das Blut in die Wangen.

Auch in der kleinen Notaufnahme waren ihr die meisten Leute vertraut. In jener Nacht hatte Jim Verk Dienst, den sie seit der zweiten Klasse kannte, und er erklärte ihr, dass sie eine Panikattacke gehabt hatte. Zu Dr. Zimmerman war sie auf seine Empfehlung hin gegangen. In der Geschichte der Familie Holtzman war nie zuvor jemand bei einem Therapeuten gewesen, aber die Erfahrung im Little Bit war für Alice dermaßen beschämend, dass sie zu allem bereit war, damit sich so etwas nicht wiederholte.

Sie starrte auf die Straße und ertappte sich dabei, dass sie bei diesen Erinnerungen das Lenkrad fest umklammert hielt. Sie zwang sich, die Hände zu entspannen. Als sie bei der Schule in Oak Grove ankam, gewann der Sonnenuntergang ihren kleinen Wettlauf. Sie raste den von hohen Douglaskiefern beschatteten Hügel hinauf, der die Grenze der dem County gehörenden Waldflächen markierte. Durch das offene Fenster spürte sie oben auf der Anhöhe die kühle Luft und blickte erneut im Rückspiegel nach den Bienen. Sie waren der Grund ihrer Besorgnis, wurde ihr auf einmal klar. Jeder ihrer Schritte an diesem sorgfältig geplanten Tag zielte auf das erfolgreiche Einsetzen der Neuankömmlinge in die Bienenstöcke ab. Die Tiere waren auf sie angewiesen. Um diese Zeit würde es unten in ihrer schattigen Schlucht aber noch kälter sein als tagsüber, und sie wollte die Mädels nicht stressen, indem sie sie Kälte, Dunkelheit und dem künstlichen Licht der Werkstatt aussetzte. Sie werden bis morgen warten müssen, sagte sie sich. In den Waben befand sich Honig, den die Bienen essen konnten, und eine Nacht in ihren Transportkästen würden sie unbeschadet überstehen. Um dumme Fehler zu vermeiden, war es besser, die Tiere umzusetzen, wenn sie wieder ausgeruht war.

»Jetzt sei vernünftig und reiß dich zusammen«, sagte die Stimme ihrer Mutter.

Alice seufzte und kapitulierte angesichts der Vorstellung, diese lästige Arbeit jetzt noch erledigen zu müssen.

»Dann also morgen früh vor der Arbeit«, sagte sie laut.

Alice sank entspannt im Fahrersitz zurück und strich über das Lenkrad, während sie den vertrauten Kurven der Reed Road folgte. Sie ließ ihre Gedanken im Vertrauen darauf schweifen, dass sie sich benehmen würden, in der Erwartung, dass ihre übliche Selbstdisziplin die lästigen Erinnerungen zusammenhalten würde wie ein Collie die folgsamen Schafe einer Herde. Aber dann fiel ihr ihre letzte Sitzung bei Dr. Zimmerman ein. Die Therapeutin hatte Alice bereits seit einiger Zeit näher an das verbotene Thema herangeführt, aber noch waren sie nicht dort angekommen. Bestimmte Gedanken hielt Alice hinter einer Tür in ihrem Geist fest verschlossen, und sie hatte Dr. Zimmermans sanftem Drängen bislang widerstanden. Nun, ohne Vorwarnung, öffnete sich diese Tür ein kleines Stück. Später würde sie ihre Erschöpfung für das sorglose Feilschen mit sich selbst verantwortlich machen. Ich werde mir nur sein Gesicht vorstellen, dachte sie. Mehr nicht. Aber dann flog die Tür auf, und die Erinnerungen überwältigten sie.

Bud, wie er lachend im John-Deere-Laden hinter dem Tresen stand. Ein Foto von Bud in seiner Uniform der Stadtgärtnerei auf der Titelseite der Hood River News. Bud, der so ernst aussah, dass sie glaubte, er wolle mit ihr Schluss machen, und der sie stattdessen bat, seine Frau zu werden. Der Tag im Gerichtsgebäude, der Tag, an dem er bei ihr einzog, der Tag, als sie die Küken aus dem Little Bit mit nach Hause genommen hatten und auf dem Boden saßen, um zuzusehen, wie sie piepsend unter der Wärmelampe herumhüpften. Buddy, wie er sonntags nach dem Dinner mit seiner lachenden Mutter zu Sinatras Fly me to the Moon im Walzerschritt durch das Wohnzimmer fegte. Buddy, der seine kleinen Neffen in den Pick-up klettern ließ, um mit ihnen fischen zu gehen, und dann zurück zum Haus lief, um Alice einen Abschiedskuss zu geben.

Alice merkte nicht, dass sie zu schnell fuhr, als sie oben auf dem Hügel die Kurve nahm. Sie dachte an ihren Ehemann, Robert Ryan, den jeder unter dem Namen Buddy kannte. Buddy, der so unverhofft in ihrem ruhigen Leben aufgetaucht und ihr so viel unerwartetes Glück gebracht hatte. Buddy, den es nun nicht mehr gab.

Der Druck in ihrem Inneren stieg sprunghaft an, ihre Kehle war wie zugeschnürt. Ihr Atem ging flach und stoßweise und brach sich schließlich in heißen Schluchzern Bahn. Als ihr die Tränen in die Augen schossen, trübte sich ihr Blick. Einmal angestoßen, löste sich der Kummer wie eine Ladung Baumstämme von einem der Langholzlaster, die sie auf dem Highway überholt hatte.

Alice fuhr sich gerade mit dem Unterarm über die Augen, aus denen Tränen strömten, da scherte der Wagen plötzlich zum Straßenrand hin aus. Die parallelen Lichtstrahlen der Scheinwerfer waren auf eine Gestalt auf dem Seitenstreifen gerichtet. Sie bremste scharf, geriet ins Schleudern und kam zum Stehen, indem sie gegen einen Zaunpfahl prallte.

Alice spürte, wie die hundertzwanzigtausend Russischen Honigbienen auf der Ladefläche ihres Pick-ups zusammenkrachten. Ihr Kopf schnellte vor, als der Sicherheitsgurt den Rest ihres Körpers im Sitz zurückhielt. Die Zeit verlangsamte sich, in ihrem Kopf klingelte es. Weiße und blaue Flecken rasten in ihrem Blickfeld hin und her. Sie sah in den Rückspiegel und entdeckte einen Rollstuhl, der auf der Seite lag. Ein Rad drehte sich so schnell wie ein außer Kontrolle geratenes Riesenrad.

Alice kletterte aus dem Wagen und rannte über die Straße. Sie konnte sich nicht schnell genug bewegen, es fühlte sich an, als schwämme sie durch die kühle Luft. Sie sah einen Menschen auf dem Boden neben dem Rollstuhl liegen. War er verletzt? Sie ging in die Hocke, stützte die Hände auf die Knie und spähte auf ihn hinab. Die Gestalt rollte sich auf den Rücken. Alice rechnete damit, einen verwirrten alten Menschen zu sehen, einen kleinen Mann in Bademantel und Hausschuhen aus dem Riverdale Altenheim weiter oben an der Straße, der sich aus dem Staub gemacht hatte. Aber sie sah einen Jungen, einen Teenager mit einer verrückten Frisur und einem Gewirr aus In-Ear-Kopfhörern und Sonnenbrille im Gesicht. Heiliger Bimbam … Sie hatte ein Kind angefahren!

Der Junge schob sich die Sonnenbrille aus dem Gesicht und blickte zu ihr auf. Er lächelte. Erleichterung durchströmte sie, und sie hätte am liebsten geweint. Doch stattdessen schrie sie ihn an: »Himmel Herrgott noch mal, Junge! Was zum Teufel hast du vor? Willst du dich umbringen?«