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DIE JUNGBIENE

Bewegen Sie sich in der Nähe Ihrer Bienenstöcke stets langsam und bedächtig. Gewöhnen Sie die Bienen an Ihre Anwesenheit. Sie dürfen sie niemals quetschen oder anderweitig verletzen, und vermeiden Sie es in jedem Fall, die Tiere anzuhauchen.

L. L. LANGSTROTH

 

Das Jahr hatte den trostlosen Winter von Oregon endlich hinter sich gelassen und deutete die Verheißung eines Sommers an. An Abenden wie diesem verfinsterte sich der Himmel bald nach Sonnenuntergang und nahm vor dem schwarzen Berghang ein unwahrscheinliches Grüngelb an. Jake hatte dieses Licht, das die Farbe eines verblassenden blauen Flecks hatte und sich an die Kammlinie schmiegte wie ein Gegenschatten, immer schon geliebt. Nun betrachtete er es erneut und erinnerte sich an das erste Mal, als er alt genug gewesen war, um so spät noch draußen zu sein. Es war auf dem Schulhof, an einem Elternabend. Er drehte sich auf der Reifenschaukel im Kreis herum und sah zu, wie der Himmel immer dunkler wurde, während er auf seine Mutter wartete und sich wie ein großer Junge vorkam.

Er konnte das Schmelzwasser durch den Bewässerungsgraben fließen hören, der hinter ihm parallel zur Reed Road verlief. Ende März überflutete das Wasser die Abflüsse im Tal und erfüllte die Nachtluft mit einem sauberen, frischen Geruch, dem unverwechselbaren Duft des Frühlings. Das war einer der Gründe, warum er in der Abenddämmerung von jeher gern draußen auf den Obstplantagen gewesen war, auch schon vor dem Unfall.

Jake drehte sich auf den Rücken und stimmte in den lärmenden Gesang des Froschchors in dem Graben ein. Dabei erinnerte er sich an seine ewige Diskussion mit Noah über die Frage, wohin die daumengroßen Geschöpfe im Winter wohl gingen. Starben sie oder hielten sie Winterschlaf? Woher wussten sie, wann es an der Zeit war, wiederaufzutauchen und derart hoffnungsfroh in die kalte Luft hinaus zu schmettern? Warum lag er neben dem Graben? Die Zeit hatte sich verlangsamt, und die winzigen Frösche waren in diesem Zwischenreich eine Art quakendes Metronom. Ja, ein Metronom. Etwas, das den Takt hielt wie Cheneys dicke, klopfende Rute.

Als die Jungs in der elften Klasse waren, hatte sich Noahs Schwester Angela an einem Herbsttag nach der Schule noch ein wenig herumgetrieben und war dabei auf Cheney gestoßen. Sein mageres geflecktes Hinterteil und das fehlende Halsband kennzeichneten ihn als Streuner. Zwei übermütig hin und her fliegende Ohren wussten nicht, ob sie stehen bleiben oder umfallen wollten. Seine Rute schlug im Takt seiner Freude, während er auf riesigen Pfoten herumtollte. Drei seiner Läufe waren weiß bestrumpft, seine Nase war dick und kurz, die breite Schnauze zu einem ewigen Grinsen geöffnet. Ein Auge war blau, das andere braun. Noah war es, der die Bemerkung machte, der Hund sehe aus wie der ehemalige Vizepräsident Dick Cheney, wenn der Mann denn jemals gelächelt hätte. Der Name blieb hängen.

An jenem Tag brachte Angela ihn mit nach Hause, und Cheney sprang erst Jake und dann Noah an, wobei seine großen Pfoten an ihren Armen und Beinen hinunterrutschten.

»Oh! O mein Gott! Mach Platz, Hund! Platz! Weg da, du Biest!«, rief Jake. Cheney ließ von ihm ab und tollte in lustigen kleinen Kreisen durch das Wohnzimmer.

Noahs und Angelas Hoffnung, die große Promenadenmischung behalten zu können, löste sich in der Sekunde auf, in der ihre Mutter zur Tür hereinkam.

»Auf keinen Fall!«, sagte Mrs Katz. »Bringt ihn zum Tierheim des Countys. Sofort.«

Niemand wagte, sich mit Mrs Katz zu streiten. Jake wünschte, seine eigene Mutter würde hin und wieder mal ärgerlich werden oder seinem Vater zumindest widersprechen. Vielleicht beschloss er aus reiner Gehässigkeit Ed gegenüber, den Hund mit nach Hause zu nehmen.

»Ich finde ihn cool. Du kleiner Racker!«, sagte er und zog an den großen Ohren des Tiers. »Ich werde ihm ein Stachelhalsband besorgen. Kommst du mit zu mir nach Hause, mein Junge?«

Der Hund stupste Jake kräftig gegen die Schulter.

Mrs Katz hörte auf, Zwiebeln zu hacken, und deutete mit dem Messer auf ihn. »Jacob Stevenson. Erzähl deiner armen Mutter bloß nicht, ich hätte dich dazu ermuntert, diesen Hund mit nach Hause zu nehmen.«

»Er ist nie hier gewesen, Mrs K«, sagte Jake und hob zwei Finger. »Großes Pfadfinderehrenwort. Ich habe ihn in der Nähe der Schule gefunden.«

Lachend schüttelte Mrs Katz den Kopf. »Viel Glück, Jacob.«

Sobald Cheney in sein Leben getreten war, konnte Jake sich ein Dasein ohne ihn nicht mehr vorstellen. Cheney, der sich morgens auf den Rücken drehte, um sich den Bauch kraulen zu lassen. Cheney, der aufgeregt zum Schlafzimmerfenster hinausspähte, wenn Jake nach der Schule auf dem Skateboard nach Hause kam. Wie er fröhlich an der Leine herumsprang. Wie er einmal eine Schildkröte fand, wahrscheinlich ein entlaufenes Haustier, und sie mit einer wahnsinnig komischen Mischung aus Besorgnis und Überraschung beschnupperte. Cheney, der immer tiefer in den Fluss hineinwatete und schließlich entdeckte, dass er schwimmen konnte. Einmal scheuchte er in den östlichen Bergen ein Dutzend wilde Truthähne auf, als Jake und Noah mit Noahs Dad dort auf Hirschjagd waren. Er setzte den schwerfälligen Vögeln hinterher, die eher gereizt als ängstlich wirkten, und kam hin und wieder bellend zu Jake zurückgelaufen, als wollte er sagen: O mein Gott! Ist das nicht großartig? Truthähne!

Jake hatte es nie etwas ausgemacht, ein Einzelkind zu sein, aber seit Cheneys Ankunft kam es ihm vor, als hätte es in seinem Leben einen kleinen Schrank voller Traurigkeit gegeben, eine Leerstelle, die nun von diesem ewig freudvollen Geschöpf ausgefüllt wurde. Der Hund war eine fröhliche Präsenz im Haus der Familie Stevenson, das mit jedem Jahr stiller und trauriger geworden war. Wenn sein Vater nicht da war, fand Jake, führte er in Gesellschaft seiner Mutter und des Hundes beinahe wieder so etwas wie ein Familienleben. Es machte ihn glücklich, seine Mutter über Cheneys Eskapaden lachen zu hören und zu sehen, wie er mit seinen vierzig Kilo Lebendgewicht auf ihren Schoß zu klettern versuchte. Für Jake war Cheney schlicht und ergreifend seine erste große Liebe.

Ed erledigte gerade einen Auftrag in Salem, als Jake den Hund mit nach Hause brachte. Auch seine Mom war gleich hingerissen von dem Tier, aber er war sich ziemlich sicher, dass er Ed letztlich mit dem Argument überzeugt hatte, sie hätten nun einen Wachhund. Ed mochte die Nachbarn nicht und beklagte sich ständig darüber, dass sie seine Zufahrt benutzten, ihre Mülltonnen falsch abstellten oder bei Gartenpartys zu viel Lärm machten. Irgendetwas nervte Ed immer. Ihm gefiel die Vorstellung, dass Cheney den Leuten möglicherweise Angst einjagte.

»Ich will ihn weder sehen noch hören oder riechen«, sagte Ed, stach mit seiner Zigarette in die Luft und starrte zornig auf den Hund hinab. »Entweder du kümmerst dich um das Tier oder es kommt weg.«

»Das Tier«. Klar, dass sein Vater den Hund so nennen würde. Er würde niemals verstehen, was für ein guter Freund dieser Hund war und wie viel Mühe er sich gab. Wenn er etwas falsch machte, tat es ihm hinterher schrecklich leid, zum Beispiel, als er ein großes Stück Käse von der Küchentheke stibitzt hatte. Oder als er bei einer seiner wilden Begrüßungen die Fliegengittertür zerriss. Er wollte ein guter Hund sein, das merkte man. Nachdem er Jakes Mom mehrmals versehentlich umgestoßen hatte, begriff er, dass er sich ruhig verhalten musste, wenn sie in der Nähe war. Bebend vor Anspannung saß er zu ihren Füßen, während sie ihm die Ohren und den weißen Stern auf der Brust kraulte.

Sein Vater war überzeugt, dass Jake nicht lange für den Hund sorgen würde, und wartete nur darauf, dass er einen Fehler machte. Aber Jake kümmerte sich um alles: Er ging mit ihm spazieren, fütterte ihn, bürstete ihm das Fell. Er füllte seine Wasserschüssel und band ihn an, wenn sie zusammen draußen im Garten waren. Er ließ ihn kastrieren, sodass der arme Cheney mit einem großen Schutzkragen aus Plastik um den Hals durchs Haus raste. Seine Mom half ihm, die Operation und die Hundesteuer zu zahlen, aber das erzählten sie Ed nicht. Jake versprach, ihr das Geld auf jeden Fall zurückzuzahlen.

Was hatte Noahs Mom an jenem Tag zu ihm gesagt?

»Viel Glück, Jacob.«

Dasselbe hatte ihm auch Dean gewünscht. »Viel Glück, mein Junge.« Dean war sein großer, durchtrainierter Physiotherapeut in der Providence Rehaklinik. »Du machst das großartig.«

Moment mal. Das kam später. Erst danach. Cheney war vor dem Unfall.

Seine Erinnerungen purzelten wild durcheinander. Wo war er noch gleich? Ach ja. Der Graben.

Er öffnete die Augen wieder und sah den dunkler werdenden Himmel über sich. Er erkannte das Schulhaus von Oak Grove, das sich vor den östlichen Bergen erhob. Er war draußen auf der Reed Road gewesen und hatte Spring Heeled Jack gehört. Wie war er also aus seinem Rollstuhl gefallen und neben dem Bewässerungsgraben gelandet?

Und Cheney. Wo war Cheney, sein Hydrant von einem Hund, sein ständiger Begleiter?

Am Tag von Pomeroys Party hatte Jake den Hund in seinem Zimmer eingeschlossen. Er wollte nur für eine Stunde fortbleiben. Danach würde Cheney im Garten herumtollen, während Jake die Beete harkte. Cheney wirkte traurig, als er sah, wie der Junge seine Doc Martens schnürte. Jake warf ihm ein mit Erdnussbutter gefülltes KONG-Spielzeug aus der Tiefkühltruhe hin. Das Letzte, was er von seinem Hund sah, war, wie er mit dem roten KONG im Maul herumhüpfte, als wäre er ein riesiges geschecktes Kaninchen.

Jake berührte sein Gesicht. Als er seinen Oberkörper aufrichtete, begann sich alles zu drehen. Er sank wieder auf den kalten Boden und erinnerte sich an den Tag, an dem er aus der Reha zurückgekommen war. Die Abwesenheit seines großen Hundes war das Erste, was er bemerkte. Er rollte ins Haus und sah, dass an dem Haken neben der Tür die Leine fehlte. Vergeblich lauschte er auf das Stakkato klickender Krallen auf dem Linoleum. Kein freudiges Bellen drang aus seinem Zimmer. Der winzige Funke, der seine niederschmetternde Depression in Schach gehalten hatte, erlosch.

Was genau mit Cheney passiert war, würde er nie erfahren. Sein Vater löste den Blick vom Fernseher. Ed, der seinen Sohn im Krankenhaus nur ein einziges Mal besucht und mit einer Miene wie einer geballten Faust auf ihn hinabgestarrt hatte, sah nun genauso aus wie damals. Er drehte sich wieder zum Fernseher und trank sein Bier.

»Wie gesagt. Entweder du kümmerst dich um das Tier oder es verschwindet.«

»Es tut mir so leid, mein Schatz«, flüsterte seine Mom hinter ihm. »Ich habe nichts davon gewusst.«

Jake rollte zu seinem Zimmer. Die Türöffnung war verbreitert worden, damit der Rollstuhl hindurchpasste. Sein altes Doppelbett mit dem Star-Wars-Bezug war verschwunden, und an seiner Stelle stand ein barrierefreies Bett. An der Wand war ein Griff zum Aufrichten angebracht. Seine Poster und Spiele waren noch da, auch sein Schreibtisch und der Computer. Alles wirkte sauber und ordentlich. Zu ordentlich. Er schloss die Tür und sperrte die leise Stimme seiner Mutter und die von Ed aus, die lauter wurde, um ihre zu übertönen.

Er war erschöpft, konnte aber nicht schlafen. Er lag wach und sah zu, wie der Mond über den Himmel zog, bis es schließlich wieder dunkel wurde. Er wollte irgendwo anders sein, nicht hier. Aber wohin konnte er gehen? Endlich schlief er ein. Er träumte von einem goldenen Fluss. Das Wasser trat über die Ufer, spülte ihn aus seinem Rollstuhl, und er schwamm davon, glücklich und leicht. Am nächsten Morgen erwachte er unter dem drückenden Gewicht seiner Zukunft.

Danach glitt Jake an einen finsteren Ort hinab. Der Winter 2013 stellte einen Regenrekord auf: dreihundertfünfzehn Zentimeter in drei Monaten. Er glaubte, verrückt zu werden. Er wachte im Dunkeln auf, hörte, wie seine Eltern zur Arbeit aufbrachen, und um drei Uhr nachmittags sah er erneut die Dunkelheit hereinbrechen.

Jeden Tag lagen diese leeren Stunden vor ihm. Noch ein Tag des Wartens. Ein weiterer Tag mit krankengymnastischen Übungen, die offenbar ein Plateau erreicht hatten, denn er machte keine Fortschritte mehr. Instagram-Posts von Freunden, die sich inzwischen mit anderen Dingen befassten. E-Mails, die er nicht zu öffnen wagte. Um die Zeit totzuschlagen, schlief er so lange wie möglich. Er war achtzehn Jahre alt und schlug die Zeit tot. Sein Leben war ein Gefängnis. Er hätte gern geweint, aber das hatte er bereits monatelang getan, ohne dass es ihn weitergebracht hätte.

Für einen Moment dachte er daran, sich umzubringen. Eines Nachmittags saß er vor Eds Gewehrkoffer und überlegte, wie er es bewerkstelligen könnte. Was ihn davon abhielt, war der Gedanke an seine Mutter und daran, was mit ihr passieren würde, wenn er es vermasselte und am Ende noch schlimmer dran war. Und außerdem war er trotz allem immer noch er selbst, nicht wahr?

Er hörte Musik – The Clash, die Ramones, die Dead Kennedys und sämtliche U. S.-Ska-Bands, je lauter, desto besser. Aber seine Trompete rührte er nicht an. Diese Musik lag ihm zu sehr am Herzen. Allein beim Gedanken ans Spielen fühlte er sich völlig zerrissen. Die Trompete stand in der Ecke seines allzu ordentlichen Zimmers, bis er es eines Tages nicht mehr aushielt und sie ganz nach hinten in den Wandschrank schob.

Und dann stellte er sich ohne Umschweife seinen physischen Beschränkungen. Ja, er war äußerst dankbar, dass er allein duschen, auf die Toilette gehen und sich selbstständig aus dem Rollstuhl und wieder hinein manövrieren konnte. Er lernte den Katheter zu benutzen, um mehrmals am Tag seine Blase zu leeren. Er achtete genau auf seine Verdauung, um die Art von Situation zu vermeiden, die dem Wort Shitstorm eine völlig neue Bedeutung verliehen hatte. Es war eine steile Lernkurve, aber er hatte es geschafft, Gott sei Dank. Die Demütigung, dass ihm die Schwestern und seine Mutter helfen mussten, war ihm nachhaltig im Gedächtnis geblieben.

Dennoch: Die Liste der Dinge, die er nicht mehr tun konnte, war überwältigend. Er konnte nicht Auto fahren oder würde dazu ein irgendwie umgebautes Fahrzeug benötigen, was sich wie ein unüberwindbares Hindernis anfühlte. Er konnte nicht einmal mehr spontan in Katz’ Truck hüpfen. Kein Skateboard mehr, was gleichzeitig hieß: kein Skatepark. Was würde er tun? Sich von seiner Mom neben der Halfpipe absetzen lassen? Sich frei in der Öffentlichkeit zu bewegen gehörte der Vergangenheit an. Einmal war er nach einem Arzttermin mit seiner Mutter zur Apotheke gefahren. Schon bei der Erinnerung daran wurde ihm schlecht. Das helle Deckenlicht in seinen Augen, die albernen Halloween-Aufsteller, die die Gänge versperrten. Er wollte sich nur ein bisschen Knabberzeug holen, verdammt, da verfing sich das beschissene Rad unter einem grinsenden Kürbisgesicht aus Pappe, das in den Gang hineinragte. Eine kleine alte Dame versuchte ihm zu helfen, was die Sache nur noch schlimmer machte. Das Wort »gedemütigt« beschrieb nicht einmal ansatzweise, wie er sich gefühlt hatte. Für so etwas fehlten ihm die Worte. Er war erst achtzehn, solche Worte sollten überflüssig für ihn sein.

Danach blieb er zu Hause. Er spielte Tomb Raider, ignorierte seine E-Mails und antwortete nicht auf Textnachrichten. Inzwischen schrieb ihm sowieso nur noch Noah. Katz schickte ihm alle paar Tage eine SMS und rief ihn gelegentlich sogar an. Dann hinterließ er lustige Nachrichten und gab sich als jemand anders aus, zuletzt als Vertreter für schottischen Whisky namens Headachy McDrinkerstein. Persönlich hatten sie zuletzt vor Heiligabend miteinander gesprochen. An jenem Tag war Noah mit Celia Martinez vorbeigekommen, und Jake brachte es nicht über sich, sein Zimmer zu verlassen. Er hörte, wie ihre Stimmen sich hoben und senkten, während sie mit seiner Mom sprachen, dann das Geräusch der ins Schloss fallenden Tür und Noahs Truck, der davonfuhr. Es war einfacher, allein zu sein. Die Begegnung mit seinem alten Freund war zu schmerzhaft, vor allem, wenn dessen neue Freundin dabei war. Er mochte Celia, aber sie erinnerte ihn daran, dass ihr Leben sich veränderte, seines hingegen nicht. Und jetzt? Das war die ewige Frage. Sein letzter Gedanke am Abend und der erste am Morgen lautete: Was zum Teufel soll ich jetzt tun?

Ein- oder zweimal hatte er sein Skizzenbuch hervorgeholt, aber der Anblick von Szenen aus seinem alten Leben deprimierte ihn. Er versuchte, sich mit dem Gedanken zu trösten, dass er immer noch im Sitzen zeichnen konnte, aber die Vorstellung machte ihn derart wütend, dass er das Buch durchs Zimmer pfefferte.

Mit dem Gewichtheben hatte er nur angefangen, um sich die Zeit zu vertreiben, stellte aber zu seiner Überraschung fest, dass er sich wohler fühlte. Sobald das Wetter sich besserte, wagte er sich allein aus dem Haus, aber erst, wenn seine Eltern bei der Arbeit waren. Jedes Mal fuhr er ein bisschen weiter. Er wurde immer stärker, bis er die Plantagenrunde mindestens zweimal wöchentlich drehte. Sich bewegen zu können war eine große Erleichterung.

Bei der letzten Nachuntersuchung in Portland war sein Neurologe begeistert.

»Du bist fit wie ein Turnschuh«, sagte Dr. Gunheim und zupfte am Bund seiner Chinos, als er vor dem Computer Platz nahm.

Nur dass ich meine verdammten Beine nicht benutzen kann, hätte Jake am liebsten gesagt.

»Irgendwelche Fragen?«

Jake war froh, dass er seine Mom gebeten hatte, vor dem Untersuchungsraum zu warten. Bei seiner Frage wurde er nicht einmal verlegen, und Dr. Gunheim schien nicht sonderlich überrascht. Welcher Achtzehnjährige machte sich schließlich keine Gedanken über seinen Schwanz? Unglücklicherweise konnte Dr. Gunheim ihm keine definitive Antwort geben.

»Es ist sehr wahrscheinlich, dass deine sexuellen Funktionen unbeeinträchtigt geblieben sind, aber wir müssen abwarten. In ein paar Monaten mache ich einen Termin beim Urologen für dich. Der Heilungsprozess dauert noch an, Jake. Versuch, geduldig zu sein.«

Geduldig? Er mochte Dr. Gunheim, aber in solchen Augenblicken bekam er Lust, dem Typen seitlich mit der Faust gegen den Kopf zu schlagen.

Nun pochte es in seinem eigenen Kopf. Er blickte über die Obstplantage hinüber zur Baumgrenze, wo der Wald begann. Das grüne Licht der Abenddämmerung hatte die Sonne verschluckt. Zwischen den ersten blassen Sternen leuchtete die Venus. Die Abendbrise wehte vom Berghang herüber und brachte den Geruch von Kiefern mit sich. Jake ließ den Blick schweifen. Er landete auf seinem Rollstuhl, der auf der Seite lag. Dann sah er eine Person, eine kleine Frau in einer Latzhose, die älter aussah als seine Mom. Gebückt stand sie da und blickte auf Jake herunter. Ihre Miene wirkte besorgt und gleichzeitig erleichtert. Der Anblick erinnerte ihn daran, wie Cheney die Schildkröte zwischen den Zähnen gehalten und sie zu Jake gebracht hatte. Der Hund hatte ausgesehen, als runzelte er vor Neugier und Beunruhigung wegen dieses fremdartigen Dings die Stirn. Bei der Erinnerung hätte Jake am liebsten gelacht, doch jetzt war es die Frau, deren Stirn in Falten lag.

»Himmel Herrgott noch mal, Junge! Was zum Teufel hast du vor? Willst du dich umbringen?!«