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DUFTFÄCHERN

Angehörige verschiedener Bienenvölker scheinen ihre Gefährten mittels des Geruchssinns wiederzuerkennen. Selbst wenn es in einem Bienengarten tausend Stöcke gäbe, würde doch jeder mühelos eine fremde Biene erkennen, so wie in einer großen Schafherde jedes Mutterschaf mithilfe desselben Sinnes in der Lage ist, noch in dunkelster Nacht sein eigenes Lamm von allen anderen zu unterscheiden.

L. L. LANGSTROTH

 

Wenn ein Volk von Honigbienen gestört wird, und sei es nur, weil ein Imker eine Beute öffnet, um die Honig- oder Pollenvorräte zu überprüfen, besteht die erste instinktive Reaktion der Bienen darin, miteinander zu kommunizieren. Während ein paar Wächterinnen ausfliegen, um die vorliegende Bedrohung einzuschätzen, senken die meisten Bienen sofort den Oberkörper, entblößen ihre Nasonovdrüse und fächern mit den Flügeln, um ihr Alarmpheromon im gesamten Bienenstock zu verbreiten. Dieses Duftfächern wirkt wie ein beruhigender Zählappell, der den Bewohnerinnen des Stocks versichert, dass alles in Ordnung ist.

Alice hingegen war in dieser Ausnahmesituation allein und hatte niemanden, auf dessen Trost oder Führung sie sich verlassen konnte. Seit der Highschool war sie an keinem Bagatellunfall mehr beteiligt gewesen, aber sie erkannte rasch, dass Schreien unter den gegebenen Umständen keine angemessene Reaktion war. Sie hatte möglicherweise einen Minderjährigen im Rollstuhl verletzt. Sie starrte auf den Teenager hinab und fragte leise: »Geht es dir gut, Junge? Kannst du … kannst du dich aufsetzen?«

Der Junge schwieg, lächelte aber immer noch. Irgendetwas stimmte hier nicht. War er geistig zurückgeblieben? Oder was war los? Zerebralparese? Um Himmels willen! Alice tastete nach ihrem Handy.

»Ich rufe den Notarzt«, murmelte sie in sich hinein.

Da verschwand das Lächeln aus dem Gesicht des Jungen, und er hob eine Hand. »Nein. Tun Sie das nicht. Ich … ich bin okay. Ich brauche nur einen Moment, um … um wieder zu Atem zu kommen.«

Seine Stimme war leise, klang ansonsten aber normal. Außerdem machte sie Alice klar, wie nahe bei ihm sie hockte. Sie erhob sich und trat einen Schritt zurück. Was hatte dieser Junge so kurz vor Einbruch der Dunkelheit hier draußen zu suchen? Sie schaute sich in der heraufziehenden Dämmerung um, konnte aber niemanden sonst sehen.

»Bist du allein?«, fragte sie.

Der Teenager nickte.

Alice spürte Schuld und Scham durch ihre Adern rauschen wie eine Droge. Sie konnte ihren eigenen Schweiß riechen. Sie hob den Kopf und blickte die dunkle, stille Straße hinunter. Dann rannte sie zu ihrem Pick-up, stellte den Motor aus und schaltete die Warnblinkanlage ein. Als sie zurückkam, hatte er sich nicht vom Fleck gerührt.

Sie ließ sich auf dem Boden nieder, schlug die Beine übereinander und sah ihm ins Gesicht. Blinzelnd blickte er zu ihr auf, sein Brustkorb hob und senkte sich.

»Ja, so ist es gut. Atme ein paarmal tief durch. Wir bleiben einfach einen Moment hier sitzen«, sagte sie.

Die Dämmerung senkte sich tiefer auf sie herab, um sie herum wurde es dunkler. Die schielenden Scheinwerfer des Pick-ups streckten zwei Arme aus Licht nach den Obstplantagen aus. In den Strahlen sah sie Bienen hin und her schwirren. Die Warnblinklichter tickten so hektisch wie ein Küchenwecker, und Alices Herz raste genauso schnell. Der Junge starrte in den Himmel.

»Ich bin gleich wieder da«, sagte Alice. Sie ging zu ihrem Pick-up zurück, griff nach ihrer Wasserflasche und sah sich den Trümmerhaufen aus Ablegern auf dem Wagen und im Graben an. Hunderte Bienen waren auf der Ladefläche gelandet und fächelten wie wild. Mit erhobenem Leib und entblößter Nasonovdrüse versprühten sie Pheromone in dem Versuch, ihre Königinnen zu lokalisieren. Was für ein Chaos. Aber das würde warten müssen.

Sie ging wieder zu dem Jungen und hielt die Flasche vor ihm hoch. »Durst?«

Er schüttelte den Kopf, und Alice ließ sich erneut neben ihm nieder.

»Bist du verletzt?«, fragte sie, nur um sich gleich darauf innerlich zu krümmen. Herrgott noch mal, er saß im Rollstuhl. »Hast du Schmerzen?«

Erneut schüttelte er den Kopf. Diese Haare! Seine schnabelartige Nase ragte förmlich aus dem blassen Gesicht heraus. In seiner Skinny Jeans und den Kampfstiefeln wirkte er in Hood River County so fremd, als wäre er vom Himmel gefallen.

»Hast du dir den Kopf gestoßen?«

Er nickte. »Nicht schlimm. Nur ein … ein kleiner Aufprall, als ich umgefallen bin.«

Alice merkte, dass sie die Luft anhielt, und atmete aus.

»Wie heißt du?«

»Jake.«

»Jake. Ich bin Alice. Alice Holtzman.«

Er blickte ihr unverwandt ins Gesicht und nickte. Alice spürte, wie ihre Anspannung allmählich nachließ. Sie konnte das kalte Wasser des Bewässerungsgrabens riechen, der sich unterhalb von ihnen befand, und war dankbar, dass der Junge nicht hineingefallen war. Als die Kieselsteine begannen, sich durch den Stoff ihrer Latzhose zu drücken, wand sie sich. In dem schwächer werdenden Licht leuchtete das blasse Gesicht des Jungen unter seiner verrückten Frisur hervor. Alice blickte auf die Uhr.

»Hör mal, Jake, ich sollte deine Eltern anrufen und ihnen sagen, wo du bist. Kannst du mir ihre Nummer geben?«

Er zuckte zusammen, dann schüttelte er den Kopf. »Nein. Ist schon gut. Bin gleich wieder okay. Sie sind sowieso nicht zu Hause.«

Der letzte Teil des Satzes klang wie eine Lüge, und da seine Eltern vermutlich Handys hatten, war er noch dazu unerheblich.

»Okay«, sagte sie gedehnt, weil sie nicht wusste, was sie sonst sagen sollte. Mit männlichen Teenagern hatte Alice nichts mehr zu tun gehabt, seit sie selbst ein Teenager gewesen war.

»Ich glaube, ich kann mich jetzt aufsetzen.« Er stützte sich auf die Ellbogen und nahm die In-Ear-Kopfhörer von seinem Hals. Ihre Kabel hatten sich mit der Sonnenbrille verheddert. Blinzelnd sah er sich um.

»Was ist das für ein Geräusch?«, fragte er.

Die Luft um sie herum vibrierte. Im schwindenden Licht über dem Pick-up sah Alice eine pulsierende Wolke aus Bienen. Aufgeregte Fragen surrten in der Luft. Wo war die Königin? War die Brut in Sicherheit? Sind die Wächterbienen im Einsatz? Wo waren alle? Und wo war zu Hause? Obwohl die Lage des jungen Rollstuhlfahrers Vorrang hatte, fühlte sie, wie ihr angesichts dessen, was sie ihren Bienen angetan hatte, heiße Tränen in die Augen traten. Sie räusperte sich.

»Das sind Bienen. Honigbienen«, sagte Alice. »Ich hatte ein paar Völker hinten in meinem Pick-up, und sie sind gerade ein bisschen durcheinander. Es tut mir so leid. Ich habe dich einfach nicht gesehen. Wahrscheinlich bin ich zu schnell gefahren, aber ich fahre immer hier lang, und hier draußen ist fast nie jemand zu sehen. Ich habe absolut nicht damit gerechnet, dass …«

Sie verstummte verwirrt.

Der Junge betrachtete sie, und sie glaubte, seine Mundwinkel zucken zu sehen.

»Sie haben nicht damit gerechnet, dass ein Rollstuhl die Reed Road hinunterrast?«, fragte er.

Alice wusste nicht, was sie dazu sagen sollte.

Der Teenager verlagerte sein Gewicht und blickte über die Schulter zu dem Pick-up.

»Hm. Honigbienen also. Warum haben Sie Bienen im Wagen?«

»Ich bin Imkerin«, sagte sie, dankbar, ein Thema gefunden zu haben. »Eigentlich ist es nur ein Hobby.« Sie deutete auf die Straße, die zu ihrem Haus führte. »Ich habe ein paar Bienenstöcke.«

»Bienenstöcke. Oha.«

Er sah die Tiere ins Scheinwerferlicht und wieder hinaus schwirren.

»Sie klingen wütend«, sagte er.

Alice schüttelte den Kopf. »Nein, sie sind nicht wütend. Eher verwirrt.«

Wie war noch gleich sein Name? Himmel, ihr Gedächtnis! Sie versuchte, ihre Stimme ruhig klingen zu lassen.

»Im Augenblick reden sie sozusagen miteinander und vergewissern sich, dass es allen gut geht. Eigentlich müssten sie in ihren Kästen sein. Ein paar sind von der Ladefläche gefallen, als ich gegen den Zaun gefahren bin.«

Sie betrachtete sein schmales Gesicht von der Seite. Was sollte man noch mal tun, wenn jemand sich den Kopf gestoßen hatte? Ihm eine Frage stellen? Jake! Sein Name war Jake.

»Wie geht es deinem Kopf, Jake? Ein bisschen besser?«

Er führte eine Hand an seinen kahlen Schädel und nickte.

»Weißt du, wo du bist? Was hast du hier draußen gemacht?«

Die Fragen brachten ihn zum Lächeln. »Keine Sorge, ich habe keine Gehirnerschütterung. Ich befinde mich auf der Reed Road. Heute ist der 10. April 2014. Ich wohne in Hood River, Oregon, und Barack Obama ist der Präsident der Vereinigten Staaten.«

Sein Lächeln verblasste, und er runzelte die Stirn.

»Aber an Ihren Namen kann ich mich nicht erinnern«, sagte er.

»Alice Holtzman.«

»Es geht mir gut, Mrs Holtzman.«

Okay, es schien alles in Ordnung zu sein. Sie spähte zu ihrem Pick-up hinüber. Wenn sie den Jungen nach Hause bringen wollte, musste sie erst das Chaos beseitigen.

»Hör mal, Jake, wenn du nichts dagegen hast, sehe ich mal nach den Bienen.«

»Oh. Ja, kein Problem.«

»Bist du sicher?«

»Absolut.«

»Du wartest hier«, sagte sie und stand auf.

»Schon gut. Ich laufe nicht weg.«

Alice zögerte. Sollte das ein Witz sein?

Er winkte mit einem langen Arm. »Wirklich, mir geht es gut. Sehen Sie ruhig nach Ihren Bienen, Mrs Holtzman.«

»Sag Alice zu mir«, sagte sie. »Mrs Holtzman ist meine Mom.«

»Okay, Alice.«

Sie zog ihre Handschuhe an, setzte sich den Imkerhut mit Schleier auf, schaltete eine rote Taschenlampe ein und wappnete sich gegen den Anblick der Verwüstung. Sieben Ableger befanden sich noch auf der Ladefläche. Sie richtete die Pappkästen wieder auf und drückte die Deckel zu. Die anderen fünf lagen am Straßenrand verteilt. Sie wusste, dass es jede Menge tote Bienen geben würde, aber sie musste sich auf das konzentrieren, was sie jetzt noch retten konnte.

»Das klingt wie ein Horrorfilm da drüben«, rief Jake.

»Nein, alles okay«, rief Alice zurück. »Ich brauche nur ein paar Minuten, um hier ein bisschen Ordnung zu schaffen. Geht’s dir immer noch gut?«

»Jep«, sagte er.

Nach ungefähr zwanzig Minuten hatte sie sämtliche Wabenrähmchen eingesammelt und eine gewisse Ordnung in die Ableger gebracht. Zweimal wurde sie in die Unterarme gestochen. Das ließ sich nicht vermeiden. Sie musste sich auf die Tiere konzentrieren, die sie retten konnte. Alice ging zu Jake zurück, der mit dem Rücken an einen großen Stein gelehnt dasaß. Mit diesen Haaren und den langen Beinen sah er aus wie eine Art exotischer Vogel.

Sie bückte sich und griff nach einer Seite des Rollstuhls. Der Junge starrte sie zornig an. Verlegen wich sie zurück und fragte sich, womit sie ihn beleidigt hatte.

»Ich dachte, ich sehe mir deinen Stuhl mal an«, sagte sie.

Jakes Gesichtszüge entspannten sich, und er nickte. Alice richtete den Rollstuhl wieder auf und ließ den Lichtstrahl der Taschenlampe über die rechte Seite wandern. Sie bemerkte ein paar Schrammen, die vermutlich von dem Sturz stammten. Aber als sie das Rad drehte, schien es zentriert zu sein, und das war gut. Sie konnte die Bienen nach wie vor hören, obwohl das Summen allmählich abebbte. Noch immer flogen Hunderte durch die Luft.

Jake verlagerte vor dem Stein das Gewicht und blickte an ihr vorbei. »Hm … sie leben also in diesen Kisten?«

»Nur vorübergehend. Bei mir zu Hause warten hübsche Bienenstöcke auf sie. Diese Behälter sind nur für den Transport gedacht, so ähnlich wie ein Viehwaggon«, sagte sie, während sie die linke Seite des Rollstuhls überprüfte, die ebenfalls unbeschädigt schien.

»Und wie bekommen Sie die Bienen wieder da rein?«, fragte Jake. »Mit winzigen Treibhunden? Kleinen Lassos?«

Sie blickte ihn an und sah, dass er erneut lächelte. Seltsamer Junge, dachte sie.

»Na ja, sie kommen zurück, sobald es hier draußen dunkel und kalt genug geworden ist. Ich muss ihnen noch ein paar Minuten Zeit lassen. Danach bringe ich dich nach Hause.«

»Das eilt nicht«, sagte er.

»Hör mal, mir wäre trotzdem wohler, wenn ich deine Eltern anrufen könnte, Jake. Ehrlich.«

Seufzend holte er sein Handy aus der Hosentasche. »Na schön. Verstehe.«

Mit dem Daumen tippte er eine Textnachricht in sein Handy. »Fertig«, sagte er und lächelte.

»Danke«, sagte Alice. »Deine Eltern sollen sich keine Sorgen machen. Ich fühle mich auch so schon schlecht genug wegen diesem ganzen …«

Alice kippte den Rollstuhl leicht nach rechts und drehte auch das linke Rad, das sich ebenfalls frei bewegen ließ und keine Acht hatte. Sie war nicht die beste Mechanikerin, aber der Rollstuhl schien in Ordnung zu sein. Sie würde darauf bestehen, eventuelle Reparaturen zu bezahlen. Lässt sich ein Rollstuhl eigentlich aufpeppen wie ein Fahrrad?, fragte sie sich.

»Na ja, eigentlich haben Sie überhaupt nichts gemacht. Ich bin umgefallen, als ich Ihnen ausweichen wollte. Ich werde also einfach behaupten, dass Sie mich von der Straße gedrängt haben.«

Den Blick noch immer auf den Rollstuhl gerichtet, runzelte Alice schweigend die Stirn. Versuchte er, lustig zu sein?

»Mir geht es gut, ehrlich. Ich war nur …«

Er verstummte und blickte an ihr vorbei zu dem Pick-up. Erneut verlagerte er ein wenig das Gewicht, um ihr gegenüberzusitzen.

»Wegen der Bienen, Alice … Warten Sie einfach, bis sie wieder in die Kisten zurückfliegen?«

Sie nickte. »Ja. Sie werden den Weg schon finden. Sie wollen nach Hause.«

»Was passiert, wenn sie nach der Sperrstunde noch draußen sind? Schließt Mama Biene dann die Tür ab?«

Alice schob den Rollstuhl beiseite, sah Jake aber nicht an. »Wenn sie es nicht nach Hause schaffen, bevor die Temperatur sinkt, schaffen sie es überhaupt nicht mehr.«

»Wie meinen Sie das?«

»Na ja, wenn sie nachts nicht in den Bienenstock zurückfinden, sterben sie draußen. Es ist zu kalt.«

Überrascht sah sie, dass ein Ausdruck von Besorgnis über Jakes Gesicht huschte. Sie schaltete die Taschenlampe aus.

»Die meisten werden es schaffen. Sie sind zäh«, beruhigte sie ihn. Es rührte sie, dass ein Teenager sich anscheinend Gedanken über das Schicksal der kleinen Geschöpfe machte.

»Mein Vater hat sie immer tapfere kleine Bräute genannt«, sagte sie.

Jake grinste und blickte an ihr vorbei. »Heißt das, sie können einfach in irgendeine dieser Kisten fliegen?«

»Willst du das wirklich wissen?«

Er nickte.

Alice blickte auf die kleine Bienenwolke, die im abendlichen Dämmerlicht über dem Pick-up summte. Sie liebte die Geschichte der Bienen, die ihr wie ein Märchen vorkam. Selbst Wissenschaftler oder religiöse Menschen konnten nicht leugnen, dass Bienen echte Zauberkräfte hatten.

Sie erklärte ihm, dass ein Volk von sechzigtausend Honigbienen eine Königin hatte, die Anführerin und Mutter aller anderen Bienen. Und siebenundneunzig Prozent der winzig kleinen goldenen Körper, die in einem Stock herumschwirrten, waren ihre Töchter. Die restliche Handvoll bestand aus Männchen, genannt Drohnen. Die Töchter und Söhne erkannten die Königin an ihrem Duft, den Pheromonen. Ihre Botschaft lautete: Alles ist gut, wir sind zusammen. Du gehörst zu uns.

Sobald sie aus ihren geschlossenen Wabenzellen schlüpften, wussten diese goldenen Geschöpfe genau, was sie zu tun hatten. Die Töchter hießen Arbeiterinnen, erklärte Alice Jake, während das Licht immer weiter abnahm. Nach dem Schlüpfen säuberten die Jungbienen als Erstes die Waben, aus denen sie geschlüpft waren. Dann begannen sie, sich um die anderen heranwachsenden Bienen zu kümmern. Sie fütterten sie, verschlossen die Brutzellen und brachten anderen im Schlüpfen begriffenen Jungbienen bei, wie sie ihren Beitrag zum Leben des Bienenvolks zu leisten hatten. Sie erklärte Jake, dass die Arbeiterinnen beim Älterwerden die Karriereleiter hinaufstiegen und sich zum Eingang vorarbeiteten, wo sie Nektar und Pollen von den Bienen erhielten, die in die Felder hinausflogen, um dort beides zu sammeln. Diese nannte man Sammlerinnen. Manche Arbeiterinnen rückten schließlich zur Sammelbiene oder zur Wächterin auf, erklärte sie weiter. Wächterbienen hielten am Eingang Wache und ließen nur diejenigen Bienen herein, die zu ihrem Volk gehörten.

»Woher wissen sie das?«, fragte Jake. »Ich meine, wer dazugehört und wer nicht.«

»Sie erkennen einander am Duft«, antwortete Alice. »Solange die Königin gesund ist und Eier legt, halten ihre Pheromone alle Bienen zusammen. Wenn sie hingegen beunruhigt sind, unterbrechen sie die Arbeit sofort und entblößen die Nasonovdrüse in ihrem Unterleib, die einen unverwechselbaren zitronigen Duft von einer Biene zur nächsten weitergibt. Die Sammelbienen nehmen diesen Geruch mit und bringen ihn in den Bienenstock zurück. Der Duft erlaubt es den Wächterinnen, sie als Bewohner, nicht als Räuber zu identifizieren.«

»Wie meinen Sie das? Beklauen Bienen sich etwa gegenseitig?«

Alice nickte. »Bienen aus hungernden Völkern stehlen Honig, darum wird jedes Tier am Eingang überprüft. Auch Wespen versuchen, in den Stock einzudringen. Die fallen sogar über die Larven und Eier her, diese fleischfressenden kleinen Miststücke.«

Hoppla!, dachte sie. Achte auf deine Worte! Sie blickte auf die Uhr. Wie lange saßen sie jetzt schon hier? Sie war besorgt, weil sie Jake immer noch nicht nach Hause gebracht hatte.

Das Summen war leiser geworden, nur wenige Bienen waren noch in der Luft.

»Fast fertig. So gut es eben geht.«

Alice stand auf, wischte sich das Hinterteil ihrer Latzhose ab und drehte sich zu ihrem Wagen. Jake sollte ihr Gesicht nicht sehen. Der Gedanke, auch nur eine einzige Biene zu verlieren, brachte sie auf. Sie erschauerte, als sie den plötzlichen, an Aprilabenden wie diesem durchaus üblichen Temperaturabfall spürte. Sie wandte sich wieder Jake und der Frage zu, wie sie ihn aufrichten sollte, und wie üblich beschloss sie, direkt zu sein.

»Also. Sag mir, wie ich dir beim Aufstehen helfen kann, und dann bringe ich dich nach Hause.«

Jake erklärte ihr, wie sie den Rollstuhl mit festgestellter Bremse positionieren musste und zog sich dann selbst auf den Sitz hinauf. Alice machte Anstalten, ihm zu helfen, hielt jedoch inne, als sie sah, dass er durchaus in der Lage war, sich selbst zu helfen. Er hievte seinen Hintern auf die Sitzfläche, hob dann mit beiden Händen jedes Bein einzeln an und stellte die Füße auf den Fußstützen ab. Er blickte auf den dunklen, unebenen Erdboden und zögerte. Alice spürte seine Verlegenheit.

»Pass auf«, sagte sie. »Ich schiebe dich rüber zum Wagen. Tu einer ängstlichen älteren Dame einen Gefallen, ja?«

Er nickte zustimmend, wich ihrem Blick aber aus.

Alice schob ihn zum Wagen und öffnete die Tür. Wie üblich herrschte in der Fahrerkabine das reinste Chaos. Nervös warf sie einen Stapel Papiere und Bücher auf die Rückbank, um Platz zu schaffen. Dann trat sie beiseite und sah zu, wie Jake den verfügbaren Platz abzuschätzen versuchte. Auf ihre Frage hin, ob sie ihm helfen könne, schüttelte er den Kopf. Mit den Knien voran manövrierte er sich in den Wagen und hob einen Fuß nach dem anderen auf den Boden der Fahrerkabine. Dann griff er mit der Präzision eines Bergsteigers in den Pick-up hinein, fand Halt am Sitz auf der einen und dem Türgriff auf der anderen Seite und zog sich hoch und auf den Beifahrersitz.

Jake lehnte sich zurück, und Alice sah, dass er vor Anstrengung schwitzte. Sie reichte ihm seinen Rucksack. Er erklärte ihr, wie sie den Rollstuhl zusammenfalten musste, was leichter war als erwartet. Alice sicherte ihn auf der Ladefläche mit einem Gurt, schlüpfte hinters Steuer und sah zu Jake hinüber, der suchend in den dunklen Himmel blickte.

»Anscheinend hatten Sie recht. Da draußen sind keine Bienen mehr zu sehen.«

Alice nickte, sagte aber nichts. Sie dachte an die reglosen goldgelben Leiber, die am Straßenrand entlang verteilt waren.

»Okay. Wohin fahren wir?«

»Greenwood Court. Dann bei NAPA-Auto abbiegen«, sagte er.

»Willst du mich veräppeln? Meine Güte! Du hast einfach so eine Zehn-Meilen-Spritztour gemacht?« Sie schüttelte bewundernd den Kopf und sah, dass Jake ein Lächeln unterdrückte.

Sie drehte den Zündschlüssel, und Bruce Springsteens Stimme hallte durch die Fahrerkabine: Oh, oh, oh, oh! Thunder Road!

»O Gott!«, rief sie und schaltete die Stereoanlage aus. Sie spürte, wie ihr kalter Schweiß auf Gesicht und Hände trat.

Jake warf den Kopf zurück und fing an, schallend zu lachen. »Kein Wunder, dass Sie mich nicht gesehen haben, Alice. Sie haben zum Boss abgerockt! Und Sie haben ein Tapedeck! Wie geil ist das denn?«

Er klatschte in die Hände, und Alice gestattete sich ein Lächeln, während sie tief durchatmete. Er entdeckte ihre Kassettensammlung in der Mittelkonsole.

»Darf ich?«

»Tu dir keinen Zwang an«, sagte sie und fuhr in Richtung Stadt, während er die Kassetten durchforstete. Sie schaltete das Tapedeck mit geringerer Lautstärke wieder ein.

»Mal sehen … Bob Dylan. Klassiker. The Fixx. Ganz passabel. Obwohl ihr einzig gutes Album natürlich Reach the Beach war. Und was haben wir hier? Um Himmels willen, Alice! Phil Collins? Was für ein Frevel! Wie traurig. Am besten lassen Sie mich gleich wieder aussteigen.«

Sie standen an einer Ampel, und er tat, als wollte er die Tür öffnen.

»Genesis ist eine absolut respektable Band!«, protestierte sie. »Ich habe keine Ahnung, wie sein Solozeug hier reingeraten ist!«

»Also wirklich. Ich muss mich ja für Sie schämen, Alice.«

So ein kleiner Klugscheißer. Sie beugte sich über das Lenkrad und lachte. Wann hatte sie eigentlich zuletzt gelacht?

Als Alice in den Greenwood Court einbog, beschuldigte er sie, über ein geheimes Lager mit Aufnahmen von Madonna zu verfügen, doch auf einmal verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht. Auf der holprigen Zufahrt verlangsamte sie die Fahrt. Sie kamen an einem Keramikesel mit bröckelnden Beinen und einem Korb mit ramponierten Kunststoffblumen vorbei. Aus irgendeinem Grund fand Alice den kaputten Esel deprimierend.

»Sie können mich einfach hier rauslassen«, sagte Jake leise.

Vor einem blauen Fertighaus erhellten Alices Scheinwerfer die Beine einer Frau, dann ihre über der Brust verschränkten Arme und ihr ängstliches Gesicht. Sie stellte den Motor aus. »Das ist sicher deine Mutter, oder?«

»Ja.«

»Ich werde es ihr erklären«, sagte sie und sprang auch schon aus dem Wagen.

»Nein, Alice. Warten Sie!«

Die Mutter des Jungen kam mit raschen Schritten über die gekieste Einfahrt auf sie zu, schloss die Lücke zwischen ihnen und zog ihre graue Strickjacke enger um ihren Körper. Bevor Alice ihr erklären konnte, was passiert war, hatte sie bereits den Pick-up erreicht.

»Jacob, mein Schatz! Ist alles in Ordnung?«

»Ja, mir geht’s gut, Mom«, sagte er. »Und es war nicht Alices Schuld. Ich habe nicht aufgepasst.«

»Moment mal. Was?« Seine Mutter wirbelte zu Alice herum. »Sie haben gesagt, Sie hätten meinen Sohn gefunden. Haben Sie ihn etwa angefahren?«

Sie zeigte mit dem Finger auf Alices Gesicht. »Haben Sie getrunken? Wie verantwortungslos muss man …«

»Nein, so war das nicht …«

Jakes Mutter wurde mit jedem Wort lauter, und um sich Gehör zu verschaffen, hob auch Alice die Stimme.

»Ma’am! Bitte beruhigen Sie sich doch, ich kann Ihnen alles …«

Da flog die Haustür auf, und ein Mann kam mit großen Schritten auf sie zu. Sein sonnenverbranntes Gesicht war wutverzerrt.

»Was zum Teufel ist hier los?!«, brüllte er.

Jakes Mutter mühte sich ab, um die Ladeklappe des Pick-ups zu öffnen, und schluchzte vernehmlich.

Jake lehnte sich aus dem Fenster. »Mom!«, rief er. »Jetzt beruhig dich doch!«

Alice wandte sich dem Vater zu, um ihm zu versichern, dass es seinem Sohn gut ging, aber bald wurde ihr klar, dass er nur verärgert war, weil sie seinen Feierabend gestört hatte. Er beugte sich vor, deutete anklagend auf Alice und sagte eine Reihe unwiederholbarer Dinge. Auf einmal war der Junge direkt neben ihr.

»Ed! Halt den Mund!«, schrie er. Der Mann grinste höhnisch auf seinen Sohn hinab, spuckte vor Alices Füße auf die Einfahrt und ging zurück ins Haus.

»Alice …«, sagte Jake.

Sie sah ihn an und schwieg. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und ging mit großen Schritten zu ihrem Wagen.

»Warten Sie!«, rief er.

Sie kletterte hinter das Steuer und sah, wie Jake sich von seiner Mutter losriss und auf Alice zufuhr. Das Gefühl, ihn im Stich zu lassen, war überwältigend. Dabei kannte sie ihn gar nicht. Während sie davonfuhr, schüttelte sie den Gedanken ab. Wie eine verirrte Arbeiterin, die den Weg zurück in die Sicherheit des Bienenstocks suchte, flog sie nach Hause, während die Dunkelheit von dem Tal Besitz ergriff.