Ich habe festgestellt, dass Bienen fremde Artgenossen oftmals
an deren Handlungen erkennen, selbst wenn sie denselben
Duft haben. Eine ängstliche Biene rollt sich nämlich zusammen und sieht eingeschüchtert aus, womit sie unmissverständlich kundtut, dass sie sich der Tatsache bewusst ist, ein Eindringling zu sein.
Wenn Harry in den annähernd fünfundzwanzig Jahren seines Lebens eines gelernt hatte, dann war es, dass ihn die meisten Leute auf den ersten Blick für einen Trottel hielten. Im Grunde konnte er es ihnen nicht verübeln. Er war ein Mitläufer und folgte anderen manchmal selbst dann noch, wenn an jeder Kurve ein Schild mit der Aufschrift »Irrweg« stand.
»Versuch nicht immer, es jedem recht zu machen«, sagte seine Mutter oft. Das tat sie bereits seit der vierten Klasse, denn damals war er hungrig nach Hause gekommen, weil er ein paar älteren Jungs sein Essensgeld »geliehen« hatte. Sie versuchte ihm zu helfen, das wusste er, aber eigentlich gab auch sie ihm zu verstehen, dass er ein Depp war. Sie tat es nur auf eine nette Art.
»Diese Jungen wollen nicht deine Freunde sein, mein Sohn«, sagte seine Mutter. »Weißt du, woran du so etwas erkennst?«
Harry schüttelte den Kopf und biss in das Erdnussbutter-Sandwich, das sie ihm zubereitet hatte.
»Weil sie etwas von dir haben wollen. Freunde hingegen sind einfach Freunde, weil sie einander mögen.«
Harry nickte, ohne wirklich zu verstehen, was sie ihm sagen wollte. Als sie ihm sein Essensgeld ein weiteres Mal abnahmen, dachte er an ihre Worte. Das tat er auch an dem Tag, an dem er Kinder aus der Nachbarschaft mit seinem Fahrrad die Schanze auf dem unbebauten Grundstück hinunterfahren ließ und mit einem verbogenen Rad nach Hause kam. Und als er irgendwann festgenommen wurde, weil er seinen Freunden geholfen hatte, einen Lkw voller gestohlener Flachbildfernseher zu bewegen.
»Was hast du dir nur dabei gedacht!«, schrie seine Mutter ihn im Auto an, nachdem sie ihn gegen Kaution aus dem Gefängnis geholt hatte. Das war eine Frage, die er nicht beantworten konnte. Beschämt und erschöpft sank er auf dem Beifahrersitz in sich zusammen. Er hatte die Nacht neben einem betrunkenen alten, nach Pisse riechenden Kerl verbracht, und als er den Geruch nicht mehr ertragen konnte, hatte er den Mut aufgebracht, seine Mutter anzurufen.
»Harry! Nun rede endlich, Junge!«
Seine Mutter brüllte nur selten, denn sie fand es würdelos. Dass sie es nun dennoch tat, unterstrich den Ernst der Lage, aber Harry hatte keine Erklärung für sie parat. Er konnte nur zugeben, dass er dumm genug gewesen war, seinen Freunden zuliebe einen Lkw voller gestohlener Fernseher zu einem Abnehmer zu fahren, der sich als verdeckter Ermittler herausstellte.
Was hatte er sich dabei gedacht? Sicherlich nicht, dass Martys Begründung irgendeinen Sinn ergab.
»Kumpel, seit Occupy hat sich nichts geändert«, sagte er eines Nachmittags zu Harry, als sie draußen vor dem Three-O-One standen. »Ein Prozent der Bevölkerung hat immer noch die ganze Macht. Das System ist manipuliert. Die sind uns was schuldig.«
Marty zog an seiner Zigarette und schnippte sie auf die Straße, wo sie liegen blieb und weiterglühte. Sam nickte, und auch Harry hatte genickt, obwohl er eigentlich anderer Meinung war. Er wollte nur nicht, dass sie ihn für eine totale Memme hielten. Dabei gehörte Marty im Grunde selbst zu dem reichsten einen Prozent. Zumindest auf seinen Vater traf das zu, denn dem gehörte eine Reihe von Einrichtungen für betreutes Wohnen entlang der Atlantikküste. Marty gab oft damit an, wie sein Vater die Medicare-Gelder abschöpfte, und er prahlte mit dem Ferienhaus seiner Familie auf den Florida Keys. Auch Marty selbst war für seinen Vater tätig. Und obwohl er vorgab, die Arbeit zu hassen, würde er das Familienunternehmen eines Tages erben. Daher ergab seine Begründung à la Robin Hood wenig Sinn. Harry wusste, dass Martys Vorschlag, eine Ladung elektronischer Geräte aus dem Laden abzuzweigen, in dem sein Cousin arbeitete, absolut nichts mit Revolution zu tun hatte. Es war einfach nur ein Nebengeschäft.
Am Ende fuhr Harry den Truck. Später fragte er sich, ob Marty und Sam sich von vornherein abgesprochen hatten, denn als der Cop seine Dienstmarke zückte, rannten sie weg. Harry saß in der Fahrerkabine, betrachtete seinen News Feed auf Facebook und hatte nichts mitbekommen. Der Cop musste ans Fenster klopfen, um ihn auf sich aufmerksam zu machen. Harry war der Einzige, der verhaftet wurde.
Der Richter verurteilte ihn wegen versuchten schweren Diebstahls zu vierundzwanzig Monaten in einem Gefängnis mit niedriger Sicherheitsstufe. Der Mann schien von ihm enttäuscht, was dazu führte, dass sich Harry noch schlechter fühlte.
»Mr Stokes«, sagte er, »dies wäre eine gute Gelegenheit zur Umkehr. Ändern Sie sich, bevor Sie vollends auf die schiefe Bahn geraten.«
Seine Mutter putzte sich die Nase und unterdrückte ein Schluchzen. Sal saß neben ihr, die mächtigen Arme verschränkt, die Nasenflügel gebläht.
Harry hatte gehofft, seinen Hang zu schlechten Entscheidungen mit dem Umzug nach Westen hinter sich zu lassen, denn dieser hatte sich wie eine echte Veränderung angefühlt. Seine Eltern wollten dies als Zeichen für eine neue Richtung in seinem Leben sehen. Indem sie akzeptierten, dass Harry endlich sein eigenes Leben lebte, konnten seine Mutter und Sal ohne Schuldgefühle nach Florida ziehen. Harry wollte nicht, dass sie sich weiterhin Sorgen um ihn machten, aber Seattle war zu groß und verwirrend für ihn gewesen. Der Freund von der Highschool, der behauptet hatte, er sei jederzeit willkommen, schien nicht sehr erfreut, als er tatsächlich bei ihm aufgetaucht war. Ich hätte vorher anrufen sollen, dachte Harry damals.
Trotzdem war es cool von Jeff, ihn eine Woche bei sich wohnen zu lassen. Dabei hatte Sylvia, Jeffs Freundin, sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, dass sie ihn nicht in der Wohnung haben wollte. Sie blieb nach der Arbeit im Schlafzimmer, und ohne ein Wort mit Harry oder Jeff zu wechseln, spazierte sie durch das Wohnzimmer in die Küche, wo die beiden am Tisch saßen und Erinnerungen an die Highschool austauschten. Sylvias zorniges Schweigen war ihm unangenehm, und er fing an, nach einer eigenen Wohnung zu suchen. Er redete sogar mit dem Verwalter des Hauses, in dem Jeff wohnte, und hatte bereits begonnen, das Bewerbungsformular auszufüllen. Doch dann kam er zu dem Teil mit der Hintergrundprüfung. Er stopfte das Formular in seine Tasche und murmelte, er habe seinen Ausweis vergessen. Wer würde einem Kriminellen denn eine Wohnung vermieten?
Er ging durch das trostlose Hafengebiet von Seattle, wo riesige Containerschiffe an massiven Pfeilern festgemacht waren. Die Luft roch nach Teeröl und Meerwasser. Möwen hüpften über den Gehweg und stritten sich lauthals kreischend um Abfälle. Durch die tosende Meerenge Puget Sound blies der stürmische Februarwind herein, und dunkle Wolken verfinsterten die Olympic Mountains. Regen fiel in dicken Tropfen, bis er schließlich Ernst machte und wie eine reißende Flut vom Himmel stürzte. Harry verzog sich unter das Dach des Pike Place Markets und stand plötzlich neben einem Haufen glänzender Äpfel. »Ausgewählte alte Sorten: Pippin, Braeburn und Gravensteiner aus dem Hood River Valley!«, stand auf dem Schild. Harry griff nach einer Kostprobe, und als er das süße Fruchtfleisch hinunterschluckte, fiel ihm ein, dass der Onkel seiner Mutter irgendwo in der Nähe von Hood River wohnte. Er verabschiedete sich von Jeff, stieg in einen Greyhound nach Hood River und trampte weiter nach BZ Corner. Verglichen mit Sylvia kam ihm die Begrüßung durch Onkel H ziemlich warm vor. Harry wusste nicht, ob er gastfreundlich oder senil war, und er wollte es auch nicht wissen. Jedenfalls war der Schwung, den er gewonnen hatte, dort im Wald zum Stillstand gekommen.
Im River Daze Café zeigte Moira ihm nun auf ihrem Laptop die Stellenanzeigen für die Umgebung. Da er jahrelang für Sal und seine Mutter gearbeitet hatte, sah er sich zuerst die Annoncen für Landschaftsgärtner an, aber die Bezahlung war unterirdisch. Für diese Jobs wurden im Allgemeinen Arbeitsimmigranten aus Mexiko eingestellt, und das drückte die Löhne, erklärte Moira.
»Sieh lieber mal bei den Restaurants nach«, meinte sie, während sie ein Blech mit Brotlaiben in den riesigen Ofen schob. Harry sah, wie sich die geschmeidigen Muskeln ihres schönen, sonnengebräunten Rückens unter dem Tanktop zusammenzogen und wieder entspannten. Seufzend wandte er sich erneut dem Computer zu.
Er holte sein Notizbuch heraus und fing an, eine Liste möglicher Jobs zu erstellen. Kellnern wurde besser bezahlt, aber dafür fehlten ihm die Erfahrung und saubere Klamotten. Auf der Highschool hatte er in einer Pizzeria auf Long Island Geschirr gespült. Aber im Sommer war es in einer heißen, nassen Küche ungefähr so angenehm wie in der Hölle. Er betrachtete die Annoncen für die Landwirtschaft. Es gab ein interessantes Angebot von einem Bienenzüchter. Die Bezahlung war nicht besonders gut, aber in der Anzeige stand etwas von leichten Bauarbeiten. Er arbeitete lieber draußen, wurde ihm klar, in New York war ihm das nur noch nicht aufgefallen.
Bei Onkel H war man auch drinnen beinahe draußen, was mit dem Zustand des Wohnwagens zu tun hatte. Harry waren die Stimmen des wilden Flusses und des allgegenwärtigen Winds in den riesigen Bäumen schnell ans Herz gewachsen. Im Wald wimmelte es von Vögeln und kleinen Tieren, die in Abwesenheit von Menschen frei umherstreiften. Auf dem Weg zum Lebensmittelgeschäft sah er gelegentlich vereinzelte Kajakfahrer, die per Anhalter zum Startpunkt zurückfuhren, das war alles. Und Onkel H sagte oft stundenlang kein Wort, wenn er nicht gerade irgendetwas vor sich hin brummte. Harry hatte sich angewöhnt, auf die murmelnde Welt dort draußen zu lauschen.
Per E-Mail antwortete er auf drei Anzeigen: die des Pizzaladens, die für den Marktstand eines Farmers und die des Bienenzüchters. Als Referenz konnte er Jeff nennen. Jeff wusste nicht, dass er im Knast gewesen war, und Harry hatte es auch nicht erwähnt. Wen sonst noch? Seinen Bewährungshelfer? Bescheuerte Idee. Seine Eltern? Nein. Er drehte sich auf seinem Hocker herum und sah Moira an, die im Stehen eine große Kugel Teig ausrollte.
»Hey, Moira. Kann ich dich als persönliche Referenz angeben?«
Lachend strich sie sich die Haare aus dem Gesicht. »Du gehst aber ran, Harry! Wir haben uns doch gerade erst kennengelernt.«
Er wurde rot. »Äh … ja, du hast recht. Tut mir leid. Ich wollte nur …«
»War nur ein Scherz, Mann. Klar kannst du mich angeben. Schließlich bist du kein Axtmörder oder so, stimmt’s?«
Nein, nur ein Kleinkrimineller, dachte er. Und nicht mal ein guter.
Sie nannte ihm ihren Nachnamen und die E-Mail-Adresse. Außerdem lud sie ihn zu einer Party bei sich zu Hause ein. Um fünf sollte er wieder zu dem Café kommen und mit ihr hinfahren.
»Meine Freunde sind cool. Du wirst sie mögen.«
Harry hämmerte das Herz in der Brust. Sie war so hübsch, und sie roch nach Zimt und geschmolzener Butter. Es ging eindeutig aufwärts. Winkend verließ er das Café und tat so, als werde er anderswo erwartet. Um sich bis 17:00 Uhr die Zeit zu vertreiben, lief er durch das kleine Stadtzentrum von Hood River bis zum Fluss.
Als er sich dem Wasser näherte, frischte der Wind auf und pfiff ihm um die Ohren. Draußen auf dem grünen Nass waren Schaumkronen zu sehen, und in der Mitte des Flusses blitzte etwas auf. Am Strand von Jersey hatte er Windsurfer gesehen, und auch hier trieben sich einige herum. Sie schossen über das Wasser wie wütende Plastikhaie. Aber es gab noch mehr zu sehen: große, Gleitschirmen ähnliche Objekte, die hoch über den Wellen flogen. Harry trat näher an den Fluss heran und sah ein Schild mit der Aufschrift: »Startplatz Kitesurfen. Zuschauer bitte vorsichtig sein.«
Menschen in Neoprenanzügen pumpten Luft in die großen Kites. Harry sah, wie ein Typ mit einer Haltestange in der Hand einer Frau ein Zeichen gab, die am anderen Ende des Rasens einen Kite festhielt. Sie ließ los, und der Mann lenkte den Drachen über seinem Kopf. Harry sah zu, wie der Typ mit dem über ihm schwebenden Kite zum Fluss hinunterging. Dort sprang er auf ein Wakeboard und raste über das Wasser davon. Es war faszinierend. Die Leute rasten über den Fluss und wieder zurück. Sie flogen hoch in die Luft hinauf und blieben für unglaublich lange Sekunden dort oben hängen. Sie vollführten Salti und komplizierte Kunststücke. Draußen auf der großen Sandbank, die sich in den Fluss hinein erstreckte, sah er Dutzende Gestalten in Neoprenanzügen, die die großen bunten Kites starten und landen ließen.
Harry biss in eine der Zimtschnecken, die Moira ihm gegeben hatte. Sie war noch ofenwarm und mit Honig beträufelt, sodass er Zahnschmerzen bekam. Ein großer Kerl mit einem leuchtend pinkfarbenen Kite unter dem einen und einem Board unter dem anderen Arm kreuzte sein Gesichtsfeld und legte seine Ausrüstung neben Harry ab.
»Verdammt! Was für ein harter Tag«, sagte er lachend und schüttelte sich die Haare aus dem Gesicht. »Hätte wohl lieber zu Hause bleiben und meine Sockenschublade aufräumen sollen.«
Der Typ schien mit Harry zu sprechen. Darum fragte er: »Schlechter Tag heute?«
Der andere dehnte seinen Nacken. »Nee. Eigentlich nicht. Der Wind flaut ab. War ziemlich unbeständig heute«, sagte er und drehte eine Hand in der Luft hin und her. »Auf und ab. Aber hey … jeder Tag hier draußen ist besser als ein Tag im Büro, stimmt’s?«
Der Typ drehte seinen Kite um und öffnete ein Ventil. Luft strömte heraus, und der Lenkdrachen fiel zu einer schlaffen pinkfarbenen Decke zusammen.
Harry sah zu, wie er ihn zusammenzufalten begann. »Ist das schwer zu lernen?«, fragte er.
Der Mann lachte und deutete mit dem Daumen auf eine Ansammlung von Wohnwagen am Ufer.
»In der Kiteschule erzählen sie einem, dass es ganz einfach ist. Aber ich bin Realist, darum sage ich den Leuten die Wahrheit. Es ist eine Herausforderung. Du musst rausgehen und draußen bleiben und alles selbst herausfinden. Die Schulen haben Jet Skis und Walkie-Talkies und all diese Dinge zur Unterstützung, aber unterm Strich musst du einfach nur verstehen, was der Wind vorhat, und dich gut festhalten, wenn der Scheiß danebengeht.«
Er beäugte die Zimtschnecken. »River Daze? O Mann, ich liebe die Honigbrötchen dort.«
»Nimm dir eine«, sagte Harry und schob ihm die Box zu. »Beide schaffe ich nicht.«
Als der große Kerl protestierte, drängte Harry ihn, sein Angebot anzunehmen, und als er schließlich zugriff, sah das Gebäckstück in seiner Pranke winzig klein aus.
»Ich wette, es ist ziemlich teuer«, sagte Harry zögerlich.
Der Kitesurfer zog das Papier von der Zimtschnecke ab, schob sich ein Stück in den Mund und nickte, während er kaute. »Tja, nagelneues Equipment, ein komplettes Set aus Kites, Leinen, Trapez und Board … dafür kann man schon vier oder fünf Riesen hinlegen.«
Harry betrachtete ihn genauer. Dieser Typ sah nicht aus, als hätte er vier- oder fünftausend Dollar einfach zu Hause herumliegen.
»Aber eine gebrauchte Ausrüstung bekommt man schon für einen Bruchteil davon. Am Ende des Sommers verschenken die Leute ihr Zeug manchmal einfach.«
Harry musterte ihn skeptisch, und der Typ grinste.
»Im Ernst, Mann. Manche von denen wissen nicht, was sie mit ihrem ganzen Geld anfangen sollen. Und genau darum brauchen wir eine Revolution!«
Er stieß eine Faust in die Luft. Harry dachte an Marty und erbleichte, aber der Mann lachte.
»Ich mache nur Witze! Für so was bin ich viel zu faul. Außerdem ist Wind alles, was ich brauche.«
Erneut schüttelte er sich die nassen Haare aus dem Gesicht. »Und Bier«, fügte er hinzu. »Jetzt brauche ich echt ein Bier.«
Nachdem er sich die Hände im Gras abgewischt hatte, stand er auf und griff mit einer Hand nach dem gefalteten Kite auf dem Boden. Die andere streckte er zum Faustcheck aus.
»Danke, Bruder. Ich heiße Yogi«, sagte er.
»Harry.«
»Bis demnächst, Harry.«
Erneut blickte Harry aufs Wasser hinaus, auf die Sandbank, auf der zwei Dutzend Kites gelandet waren und wo die Leute ihre Leinen um die Lenkstangen wickelten. Vielleicht fände Moira es cool, wenn er ein Kitesurfer würde, dachte Harry und strich sich über die Oberlippe.
Was Moira tatsächlich cool fand, wurde später am Abend auf ihrer Party klar. Harry war einer von einem Dutzend Gästen – alles Typen, abgesehen von einem Mädchen, das mürrisch auf ihr Handy starrte und mit niemandem sprach. Wenn Moira überzeugt war, er würde ihre Freunde mögen, glaubte sie offenbar, dass er auf Kajakfahrer stand … massige Typen mit lauter Stimme und langem Bart, in deren Gegenwart sich Harry schmächtiger und unzureichender denn je fühlte.
Sie war so nett zu ihm gewesen, aber jetzt ging ihm auf, dass sie zu vielen Typen nett war. Sie schwirrte überall herum und flirtete mit jedem, ohne sich allzu lange auf eine Person zu konzentrieren. Den Grill hatte sie an Hootie delegiert, den größten Kerl von allen, der irgendwo in Portland einen Imbisswagen betrieb. Er sah aus, als könnte er mit einer Hand Moira hochheben und mit der anderen Burger wenden. Eindeutig ein Alphatier. Die anderen standen um ihn herum und gaben mit ihren Sessions vom Nachmittag an.
Harry hatte das Gefühl, wieder auf der Highschool gelandet zu sein, nur dass er es nun nicht mehr mit dem Footballteam, sondern mit den Kajakfahrern zu tun hatte. Mit dem machohaften Kameradschaftsgeist, den man an den Tag legen musste, um in diese Teams zu passen, war Harry nie zurechtgekommen. Wenn er keine Lust hatte, in ein leeres Zuhause zurückzukehren, war er stattdessen nach der Schule in die Werkstatt gegangen. Mr O’Brien, der knurrige alte Werklehrer, hatte ihm den Umgang mit der Tischsäge, der Kappsäge, der Abrichte, der Hobelmaschine und der Oberfräse gezeigt. Aber kein anderer Mensch unter dreißig wusste, was eine Oberfräse war. Schwalbenschwanzverbindungen herzustellen war definitiv weniger cool als Wildwasser-Rafting Level fünf.
Im wollenen Hemd seines Onkels und seiner eigenen schmutzigen Hose kam sich Harry wie Bilbo Beutlin vor, der Gefahr lief, gleich von den Trollen verspeist zu werden. Er saß am Lagerfeuer, trank mürrisch sein Bier und dachte an die lange Fahrt zurück nach BZ über den Highway 141. Wie idiotisch von ihm zu glauben, dass ihn jemand wie Moira tatsächlich mögen könnte. Sie hatte ihm angeboten, ihm wenigstens ein Fahrrad zu leihen – ein altes Rad der Marke Schwinn, zurückgelassen von ihrer letzten Mitbewohnerin.
Moira lachte über etwas, das Hootie gesagt hatte. Harry würde nicht auf ihrer Couch pennen, wie sie ihm vorgeschlagen hatte. Vermutlich würde es um diesen Platz eine Menge Konkurrenz geben. Harry stand auf und trat aus dem Lichtschein des Lagerfeuers hinaus in die Dunkelheit. Er ging zur Seite des Hauses, schnappte sich das alte Schwinn und fuhr los.
In der finsteren Nacht frischte der Wind auf und wehte wohltuend über ihn hinweg, während er über den Highway zu Onkel Hs Wohnwagen fuhr. Er fühlte sich schon besser, und ihm wurde klar, dass Alleinsein nicht immer schlecht war. Manchmal war das besser, als sich in unpassender Gesellschaft zu befinden. Er war froh über seine Entscheidung. Noch immer hatte er weder einen eindeutigen Plan noch einen Job oder Freunde in der Gegend. Aber das war okay. Er wusste, irgendwie würde alles in Ordnung kommen. Und morgen würde er seinen Onkel im Krankenhaus besuchen.
Ein Windstoß rüttelte an dem Fahrrad. Harry, der nur selten auf seine Fähigkeit vertraute, gute Entscheidungen zu treffen, war für kurze Zeit auf eine wilde Art glücklich, ohne zu wissen, warum. Er blickte in den Himmel über dem Highway. Ein Band aus Sternen schimmerte in dem langen Korridor zwischen den Bäumen. Er hörte Äste knacken und ächzen, als der Wind durch den Wald fegte, an Stärke zunahm und wie eine Front durch die tiefe Schlucht des Columbia River zog. Er dachte an die Kites und die weißen Schaumkämme der Wellen draußen auf dem breiten grünen Fluss. Er war achtzehn Kilometer bergauf gefahren und kein bisschen müde.
An Onkel Hs Briefkasten stieg er vom Rad und ging die holprige Straße zum Wohnwagen entlang, wobei er einen Cookie aus dem River Daze Café aß, seine letzte bittersüße Erinnerung an den Tag mit Moira. Im Geist erstellte er eine Liste der guten und schlechten Dinge, die passiert waren, und überlegte, wie er sie in sein Notizbuch schreiben würde. Er lehnte das Fahrrad an einen Baum und stieg die Leiter hinauf. Vor der Tür blieb er stehen und blickte zu den Sternen hinauf. Erst dann krabbelte er ins Bett. Er spürte nicht, dass ihn aus der Dunkelheit gleich hinter der ersten Baumreihe Augen anblickten. Beobachtend. Hungrig.