Erfordernisse eines vollständigen Bienenstocks …
5. Von einer Biene sollte man nicht die geringste unnötige Bewegung verlangen.
Alice erwachte mit steifem Nacken und unguten Vorahnungen. Sie hatte schlecht geschlafen, weil sie auf Geräusche aus dem Gästezimmer gelauscht hatte, die darauf hindeuteten, dass Jake Hilfe brauchte. Obwohl nichts zu hören war, hielt die Sorge sie wach. Das erinnerte sie an die Zeit, als ihre Mutter im Hospiz war und Alice in den letzten Wochen auf der Couch im Stadthaus ihrer Eltern geschlafen hatte. Obwohl eine Nachtschwester Wache hielt, döste Alice immer nur ein paar Stunden am Stück und lauschte mit einem Ohr in das Zimmer ihrer Mutter. Eines Nachts war Alice in tiefen Schlaf gefallen, und die Schwester hatte sie wach rütteln müssen, um ihr mitzuteilen, dass Marina gestorben war.
Auch gestern Abend hatte sie gelauscht, aber nichts gehört, und sie fragte sich erneut, was um alles in der Welt sie sich dabei gedacht hatte, diesen Jungen mit nach Hause zu nehmen. Diese Art von Impulsivität sah ihr gar nicht ähnlich. Sie verstrickte sich nicht in die Dramen anderer Leute. Na ja, offensichtlich doch, denn in diesem Fall hatte sie unüberlegt gehandelt. Es war, als hätte sie sich vom sicheren Ufer in einen reißenden Fluss gestürzt, ohne vorher dessen Tiefe abzuschätzen.
Weniger als zwei Kilometer von Stevensons Auffahrt entfernt war ihre weiß glühende Hitze verflogen, und der siegesgewisse Rausch derjenigen, die dem Tyrannen getrotzt hatte, war aus ihrem Körper entwichen wie die Luft aus einem Geburtstagsballon. Erstens war ihre Drohung, ihren Schwager anzurufen, reiner Bluff gewesen. Obwohl Ron Ryan tatsächlich der Sheriff von Hood River County war, hatte er seit Monaten nicht mit Alice gesprochen. Hätte sie ihn angerufen, hätte er den Hörer nicht abgenommen. Und obwohl sie tatsächlich auf der Suche nach einer Hilfskraft war, hatte sie keinen für Jake geeigneten Job. Für die Arbeit auf der Farm brauchte sie jemanden mit einem gesunden Körper. Jemanden, der schwere Gegenstände tragen und Erdlöcher ausheben konnte.
Und dann hatte sie ihm auch noch Kost und Logis angeboten … Wie zum Teufel war sie denn darauf gekommen?
Sie hörte die Stimmen ihrer Eltern in ihrem Kopf.
»Aktives Mitgefühl!«, rief Al. »So kenne ich dich.«
»Na, das sagt der Richtige …«, versetzte Marina.
Sie warf einen Blick auf ihren Beifahrer, der mit zurückgelegtem Kopf und geschlossenen Augen lächelnd dasaß, und aus Frust über sich selbst biss sie sich auf die Innenseite ihrer Wange.
Auf der Farm angekommen hielt sie es für angebracht, den Jungen zum Übernachten einzuladen. Während sie das Abendessen zubereitete, machten beide ein wenig verlegenen Small Talk, wobei Alice sorgfältig die Details der Jobbeschreibung mied und Jake das Verhalten seines Vaters nicht mehr erwähnte.
Nun lag Alice im Bett und blickte mit Augen, die vor Schlafmangel nicht mehr richtig sehen konnten, an die Zimmerdecke. Sie hatte keine Ahnung, worin Jakes körperliche Bedürfnisse bestanden. Sie war diejenige, die ihn eingeladen hatte, aber musste sie sich jetzt auch um ihn kümmern?
»Ein Junge ist kein junger Hund, Alice«, blaffte die Stimme ihrer Mutter in ihrem Geist. »Mach ihm Frühstück, und spar dir die schwierigen Fragen für später auf.«
Vernünftig noch im Jenseits – so war Marina Holtzman. Alice stieg aus dem Bett und zog sich an. Sie hörte, wie sich eine Tür öffnete, gleich darauf drang das Geräusch von fließendem Wasser aus dem Gästebad. Immerhin etwas. Ihre Besorgnis ließ ein wenig nach, und sie betrat die Küche.
Beim Kaffeekochen dachte Alice ironisch, dass sich das Haus immerhin als barrierefrei erwiesen hatte. Sie hatte das einstöckige Farmhaus in der Annahme renoviert, ihre Eltern würden eines Tages zu ihr ziehen: die Rampe, die verbreiterten Türen sowie ein rollstuhlgerechtes Gästezimmer mit angrenzendem Bad. Doch bis gestern Abend hatte sich niemand durch die Flure manövriert. Nun war Jake zur Tür herein- und den Korridor hinuntergerollt, wo er den Stuhl gewendet und sie angelächelt hatte.
»Nette Bude, Alice«, sagte er.
Trotz des Lächelns wirkte er müde. Auch Alice war erschöpft und glücklich gewesen, früh ins Bett gehen zu können, nachdem sie mit dem Dinner fertig waren und Jake gesagt hatte, er brauche weiter nichts.
Sie blickte hinaus auf die Wiese, wo über den weißen Bienenstöcken die Sonne aufging. Die Äste der Pappeln und Douglasien bewegten sich, also war es bereits windig. Nicht das ideale Wetter, um wie geplant die neuen Ableger zu überprüfen.
»Zuerst mal einen Kaffee, Liebling. Immer erst mal einen Kaffee«, sagte die Stimme ihres Vaters.
Sie setzte sich an den Tisch und rief auf ihrem Laptop die Wettervorhersage auf. Für den frühen Morgen wurde Wind vorhergesagt, der im Lauf des Vormittags aber abflauen sollte. Sie konnte die Überprüfung des Bienengartens auch auf später verschieben. Inzwischen würde sie Jake die Farm zeigen und ihn mit den Bienen bekannt machen. Sie würde einen Weg finden, das Thema der tatsächlich anfallenden Arbeiten anzusprechen und ihm behutsam verständlich zu machen, dass er unmöglich tun konnte, was getan werden musste – die sperrigen Zargen der Bruträume und der zentnerschweren Honigräume hochheben, Löcher für Zaunpfähle graben und ähnliche Dinge. Soweit sie es beurteilen konnte, ließ sich nichts davon in sitzender Position bewerkstelligen. Aber sie konnte ihm erlauben, ein paar Tage zu bleiben, bis sein Vater sich wieder beruhigt hatte. Das ergab Sinn, und der Junge würde es sicherlich verstehen.
Alice hörte das Geräusch von Gummireifen auf dem Linoleum hinter sich und drehte sich um, das falsche Lächeln eines Menschen im Gesicht, der morgens gewohnheitsmäßig allein war und diesen Zustand liebte, dem seine gute Erziehung jedoch gebot, eine gewisse Höflichkeit an den Tag zu legen.
»Guten Morgen«, sagte sie und blieb wie angewurzelt stehen beim Anblick der langen, nassen Haare, die er sich über eine Schulter gelegt hatte wie eine schäbige Meerjungfrau.
Verlegen zog Jake an dem langen Haarkolben.
»Echt krass, oder?«, sagte er lächelnd und zuckte mit den Schultern. »Die Dusche habe ich dringend gebraucht.«
Mit seiner aufgelösten wilden Frisur wirkte er derart jung und verletzlich, dass Alice spürte, wie sie innerlich weich wurde.
»Wir nehmen es hier mit der Kleidung nicht so genau«, sagte sie und deutete auf ihr zerknittertes Shirt und den Carhartt-Overall. »Dies ist mein üblicher Aufzug für die Kaffeepause.«
Seine Miene hellte sich auf, und er blickte an ihr vorbei in Richtung Küche. »Gibt es Kaffee?«
Alice machte Anstalten, aufzustehen, aber Jake rollte zur Küchentheke und goss sich selbst eine Tasse ein. Er manövrierte den Rollstuhl zum Tisch hinüber, blieb neben ihr stehen und blickte zum Fenster hinaus.
»Wow! Ich war noch nie so weit draußen in den Plantagen. Ihr Zuhause ist großartig. Gehört das da hinten alles Ihnen?«
Alice liebte die Schönheit der sonnenbeschienenen Wiese und des angrenzenden Waldes, aber sie war überrascht, dass ein Teenager sie überhaupt wahrnahm. Sie nickte und zeigte nach Süden. »Bis zum Grenzzaun gehört alles mir. Und auf dieser Seite bis hinter der Scheune. Dann im Norden bis zur Straße. Nach dem Frühstück zeige ich dir alles. Hast du Hunger?«
Er nickte, und als Alice aufstand und zur Küchentheke ging, folgte er ihr.
»Kommen Sie, ich helfe Ihnen«, sagte er. »Ich mache super Toast.«
Alice drehte sich zu ihm und setzte das höfliche Lächeln einer lustlosen Gastgeberin auf. »Heute Morgen mache ich das Frühstück, und dann sehen wir weiter …«
Jake hörte das Zögern in ihrer Stimme, und seine Miene verfinsterte sich. Er verstand doch sicher, dass diese Sache niemals funktionieren konnte, oder?
Er blickte auf den Boden und sah dann wieder zu ihr auf, als hätte er sich gewappnet. »Hören Sie, Alice. Sie haben mir gestern Abend einen Riesengefallen getan. Ich werde Ihnen hier auf keinen Fall zur Last fallen. Ich kann selbst auf mich aufpassen. Ich werde …«
Sie winkte ab, täuschte Lockerheit vor. Sie überlegte, was ihre Mutter in einer solchen Lage gesagt hätte, obwohl Marina Holtzman sich niemals derart voreilig in den Konflikt einer fremden Familie eingemischt hätte. Und dann war da noch der Rollstuhl. Sie hatte keine Ahnung, was für Bedürfnisse dieser Teenager hatte.
»Mach dir keine Sorgen, Jake. Wir werden uns etwas einfallen lassen.«
Sie sagte das mit einer Ungezwungenheit und Zuversicht, die sie nicht empfand, aber es funktionierte. Jake lächelte und rollte wieder zum Tisch. Dort blätterte er die Hood River News vom Vortag durch, während Alice das Frühstück zubereitete.
Bei Rührei und Toast erklärte sie ihm den Bienengarten, der zurzeit aus vierundzwanzig Stöcken bestand und den sie im Lauf des Sommers auf fünfzig zu vergrößern hoffte. Sie erklärte ihm das Bienenjahr, das im Frühling begann und bis zum Herbst dauerte. Ihre Völker waren allesamt in Magazinbeuten untergebracht, erfunden um die Mitte des 19. Jahrhunderts von Lorenzo Langstroth, der damit die Imkerei in Amerika revolutioniert hatte. Weil sie entnehmbare Rähmchen hatten, waren sie laut Alice für Anfänger am leichtesten zu handhaben.
Jake meinte, mit vierundzwanzig Bienenstöcken sähe sie nicht gerade wie eine Anfängerin aus, aber sie zuckte nur mit den Schultern. Sie kam sich immer noch so vor. Nach dem Frühstück gingen sie zur Scheune hinüber. Alice bewegte sich langsamer als üblich, versuchte aber, sich nichts anmerken zu lassen. Im Gegensatz zum Haus war der Garten nicht rollstuhlgerecht umgebaut worden, und als sie Jake darin herummanövrieren sah, kam ihr der Boden auf einmal holperig und hart vor. Sie näherten sich den Hühnern, die gackernd Alarm schlugen und auseinanderstoben. Red Head Net stolzierte vor Alice auf und ab und starrte sie wütend an, um ihr ins Gedächtnis zu rufen, dass er im Dienst war. Lächelnd zeigte sie auf den Hahn.
»Vorsicht vor diesem Kerlchen. Er ist ein richtiger Hitzkopf.«
Die Scheune war in einen Werkstatt- und einen Schlafbereich aufgeteilt. In der Werkstatt deutete Alice auf einen leeren Bienenstock und nahm die Rähmchen heraus, um Jake zu zeigen, wie die Grundlage aussah, auf der die Bienen ihre Waben bauten. Stücke von altem Bienenwachs klebten daran, und Jake nahm ihr ein Rähmchen ab und hielt es sich unter die Nase, um den schwachen Honigduft einzuatmen.
Alice erklärte ihm den Unterschied zwischen dem Brutraum und dem Honigraum, der tatsächlich nur eine Frage der Positionierung war. Honigräume wurden auf die Bruträume gesetzt, die als Brutnester und als Kinderstube für die jungen Bienen dienten. Sie erklärte ihm, wie die Tiere ihre Waben ausbauten und wie sich ein Bienenstock entwickelte, mit dem Brutnest in der Mitte und drumherum dem Futterkranz aus Honig und Pollen. Der überschüssige Honig in den Waben stellte Alices Ernte dar, denn dass es ihn gab, bedeutete, dass die Bienen üppige Vorräte für den Winter gesammelt hatten, wenn sie nicht fliegen konnten und sich zu einer Traube zusammenballten.
Jake legte einen Finger auf die klebrigen braunen Ablagerungen. »Ist das Honig?«
Alice schüttelte den Kopf. »Nein. Das nennt man Propolis. Sie sammeln es von den Bäumen in der Gegend und stopfen Risse oder Löcher damit. Eine Art natürlicher Kitt.«
»Sie fliegen los und bringen es zum Bienenstock zurück?«
Sie nickte. Propolis, das die Bienen benutzten, um undichte Stellen in einem Stock zu verschließen, war nur eines von vielen überwältigenden Bienenwundern.
Der Junge schien sich tatsächlich dafür zu interessieren, also überprüfte sie auf ihrem Handy den Wind und kam zu dem Schluss, dass er doch nicht allzu stark war. Sie griff nach ihrem Hut und den Handschuhen und blickte Jake unverwandt ins Gesicht.
»Wenn du mutig genug bist, kann ich einen Bienenstock öffnen, damit du die Mädels bei der Arbeit sehen kannst. Ich habe einen kompletten Imkeranzug, falls du einen tragen willst. Ich habe auch eine Jacke und einen weiteren Hut mit Schleier. Möglicherweise erleichtert dir das die Sache, aber deine Beine sind trotzdem ungeschützt. Die Bienen sind nicht aggressiv, aber wenn sie sich bedroht fühlen, kann es sein, dass sie stechen. Alles hängt davon ab, wie wohl du dich fühlst.«
»Die Jacke reicht, Alice«, sagte er lächelnd.
»Bist du sicher?«
Jake nickte. »Ich kann meine Beine sowieso nicht fühlen, wenn sie mich also heftig stechen, bekomme ich es nicht mit«, sagte er.
Alice musterte ihn durchdringend und sah ein Funkeln in seinen Augen. War es Übermut oder Bitterkeit? Sie konnte es nicht erkennen und wusste nicht, was sie sagen sollte.
Er hob eine Hand. »Keine Allergien, versprochen.«
Alice reichte ihm Hut und Jacke.
»Wenigstens passen meine Haare heute unter dieses Ding«, sagte er leise lachend. Dann setzte er sich den Hut auf und zog geschickt den Reißverschluss der Jacke zu.
Sie griff nach ihrer Werkzeugtasche und ging ihm voran in den Garten. Hier war der Boden ebener, und das Fahren schien Jake leichter zu fallen.
Der Bienengarten war von einem Zaun umgeben, der die allgegenwärtigen Waschbären abhalten sollte, aber auch Bären, die zwar weniger häufig, aber gelegentlich eben doch zu Besuch kamen. Alice öffnete die Pforte zu dem Bereich, in dem, ordentlich aufgereiht, die weißen Holzbeuten standen. Zwölf davon – die ältesten Bienenstöcke – waren zwei Zargen hoch. Die zwölf neuen Bienenstöcke, bevölkert von den Neuankömmlingen, die Alice aus Sunnyvale mitgebracht hatte, bestanden jeweils aus einer Zarge. Die Luft war von summenden Bienen erfüllt, aber sie waren beschäftigt und nahmen kaum Notiz von den beiden menschlichen Wesen.
Neben einer der zweistöckigen Beuten blieb Alice stehen. »Italienische Bienen, 2013, Nr. 11«, hatte sie mit dickem schwarzem Fettstift an die Seite geschrieben. Ein warmes Summen drang aus ihrem Inneren, ein gleichförmiges Pulsieren wie von einem Herzen oder einem kleinen Motor. Kleine goldene Körper, immer nur wenige gleichzeitig, krabbelten durch einen Schlitz in die Beute hinein oder heraus. Alice wies ihn darauf hin, dass jedes Tier einen Augenblick zögerte, um dann mehr oder weniger in dieselbe Richtung wie alle anderen aufzubrechen. Jake sah, wie die Bienen vom Wind erfasst wurden und verschwanden.
Alice holte eine kleine Metalldose aus ihrer Tasche und steckte Papier- und Jutefetzen hinein.
»Das hier nennt man einen Smoker«, sagte sie, zündete das Papier an und betätigte den kleinen ledernen Blasebalg an der Dose. »Ich benutze ihn nur kurz, um sie zu beruhigen.«
Mit einem Werkzeug aus Metall löste sie die Blechhaube und hob sie gleichzeitig mit dem Innendeckel zu einer Seite hin ab. Das Summen wurde ein bisschen lauter. Ein paar Bienen entkamen aus der Vorderseite der Beute und schwebten um Alices verschleiertes Gesicht.
»Guten Morgen, Mädels«, murmelte sie kaum hörbar. »Wir wollen nur kurz nach euch schauen, kein Grund zur Sorge.«
In drei kurzen Stößen pumpte sie kühlen Rauch in die Beute. Die Bienen kletterten an der Innenseite hinunter und waren nicht mehr zu sehen. Alice legte den Smoker beiseite und benutzte erneut das Werkzeug, um nacheinander die beiden Seiten eines Rähmchens zu lockern. Sie manövrierte es aus der Kiste heraus und hielt es zwischen ihren behandschuhten Fingerkuppen, damit Jake es betrachten konnte. Mit leiser Stimme erklärte sie ihm, was er sah – verdeckelten Honig, unverdeckelten Honig, Pollen, Larvenzellen mit Arbeiterinnen darin und ein Einsprengsel von Drohnenzellen. Wenn er genau hinsah, sagte sie, würde er auf dem Boden einiger offener Zellen winzige Bieneneier entdecken, die Reiskörnern ähnelten. Auf all diesem Material krabbelte eine murmelnde Menge schwarz-goldener Leiber herum. Jede einzelne Biene widmete sich gewissenhaft ihrer Aufgabe und bewegte sich zielstrebig über die Waben.
Alice deutete Jakes Schweigen als Nervosität und wollte das Rähmchen bereits zurück in die Zarge gleiten lassen, da streckte er seine behandschuhten Hände aus. »Darf ich es halten?«, fragte er. »Ich bin auch ganz vorsichtig.«
Überrascht nickte sie und verlagerte das Rähmchen aus ihren in seine Hände. Jake hielt es sich vors Gesicht und betrachtete die Arbeiterinnen. Einige fächelten, andere waren sich seiner Gegenwart überhaupt nicht bewusst.
Ein Angsthase ist er jedenfalls nicht, dachte Alice.
Nachdem sie jedes einzelne Rähmchen dieses Brutraums überprüft hatten, Alice ihm den Unterschied zwischen einer Drohne und einer Arbeiterin gezeigt und ihn auf den langen, schmalen Leib der Bienenkönigin in der Mitte der Kiste hingewiesen hatte, stellte Jake ihr eine Menge Fragen.
Warum hielt sich die Königin in der Mitte auf, und warum lebte sie länger als die anderen? Warum hatte sie einen grünen Punkt? Woher wussten die Arbeiterinnen, was ihre Aufgaben waren? Was passierte im Winter mit ihnen? Was war mit den Drohnen? Woher bekamen die Bienen Pollen und Nektar, und was war der Unterschied zwischen Nektar und Honig? Woher wussten sie, wo sie hinfliegen mussten? Woher kam das Wachs? Warum legte nur die Königin Eier?
Die Fragen der meisten Leute beschränkten sich auf Stiche und Honig. Nur wenige fragten nach dem Winter. Jakes Interesse gefiel Alice. Sie redete, und der Junge hörte zu. Er hörte wirklich zu. Die Sonne stieg über der Wiese auf, während sie an dem Picknicktisch unter der großen Pappel saßen und dem Tanz der Bienen zusahen. Alice erzählte ihm etwas über Gelée royale, Tragezeiten, Bienenabstand und Drohnensammelplätze. Sie unterhielten sich sehr lange.
Alice ging ins Haus und holte Eistee. In geselligem Schweigen saßen sie da und sahen zu, wie die Honigbienen aus ihren Stöcken in Wald und Flur hinausflogen. Überrascht stellte Alice fest, dass sie sich wohlfühlte, als sie mit dem Jungen dort saß. Sie war kinderlos und den Umgang mit Teenagern nicht gewöhnt, in deren Gegenwart ihr grundsätzlich unbehaglich zu Mute war. Die einzigen Jugendlichen, die sie regelmäßig zu sehen bekam, waren die mürrischen Sprösslinge ihrer Arbeitskolleginnen, die nach Aufforderung durch ihre Eltern kurz von ihren Handys aufblickten, um sie zu begrüßen.
»Dann haben Sie mit einem einzigen Bienenstock angefangen?«, fragte Jake.
Alice nickte und lächelte. Sie nahm die Haare im Nacken zusammen, schlang ein Gummiband darum und deutete auf Bienenstock Nr. 1, der in der Nähe des westlichen Grenzzauns stand. »Der da hinten war der allererste. Ich hätte nie geglaubt, dass ich mal vierundzwanzig haben würde.«
»Und bis zum Ende des Sommers sollen es fünfzig sein?«
»Jep. Wenn ich nicht allzu viel Honig ernte und die starken Völker teile, könnte es vielleicht klappen. Die meisten gedeihen ziemlich gut, weil wir einen warmen Frühling hatten. Wahrscheinlich kann ich auch ein paar wilde Schwärme einfangen, um neue Bienenstöcke zu errichten.«
Solange kein ungewöhnlich heißer Frühlingstag die zarten Blüten vertrocknen lässt, dachte sie. Solange keine heftigen Stürme durch den Bienengarten fegen und die Blüten zerstören. Als Nächstes würde Jake sie vermutlich fragen, wie man einen Schwarm einfing. Stattdessen stellte er ihr die einzige Frage, mit der sie nicht gerechnet hatte, obwohl es die naheliegendste war, die es gab.
»Wie sind Sie an Ihren ersten Bienenstock gekommen?«
Darauf folgte langes Schweigen, ehe Alice mit einem Knall ihr Glas auf den Tisch setzte. Sie brachte kein Wort heraus. Um Zeit zu schinden, blickte sie auf die Wiese und dann hinüber zum Haus. Jake wartete auf eine Antwort. Das Gewicht ihres Schweigens hing so schwer zwischen ihnen wie nasse Wäsche auf einer Leine. Alice spürte, dass ihr Atem flach und ihre Brust eng wurden. Nicht hier. Nicht jetzt. Vor diesem Teenager durfte sie nicht ausflippen, aber wenn sie seine Frage beantwortete, würde sie genau das tun. Also musste sie ausweichen.
»Verdammt!«, rief sie und sprang auf. »Fast hätte ich es vergessen … Hör mal, ich bin in einer Stunde wieder hier. Ich muss ganz schnell in die Stadt. Tut mir leid!«
Ohne sich noch einmal umzusehen, eilte sie zu ihrem Pick-up, nahm die Schlüssel vom Sitz und verschwand die lange Zufahrt hinunter.
Sobald das Haus außer Sichtweite war, fuhr sie an den Straßenrand und stellte den Motor aus. Sie legte den Kopf zurück und versuchte, ihre Atmung zu beruhigen. Ihr Herz hämmerte wild, in ihren Ohren klingelte ein schriller Ton.
»Verfolgen Sie die Spur zurück«, hatte Dr. Zimmerman gesagt. Alice lachte, aber es klang wie ein Schluchzen. Kein Problem diesmal. Eine unschuldige Frage hatte sich als Sprengfalle der Erinnerung erwiesen. Darum vermied sie es möglichst, mit den Leuten zu reden. Ständig überrumpelte sie jemand mit einer einfachen Frage wie der, die Jake ihr gestellt hatte.
Alice hatte ihren ersten Bienenstock auf dem Stadtfest in Hood River bei einem Date mit Bud Ryan vor mehr als zehn Jahren gesehen. Es war nicht das erste Mal gewesen, dass Bud sie um ein Date bat, nachdem er monatelang im John-Deere-Laden mit ihr geflirtet hatte. Er arbeitete damals in der Werkstatt und hatte sich mit ihrem Dad angefreundet, der mit dem Traktor gekommen war, um den Keilriemen ersetzen zu lassen. Der große, gut aussehende Bud Ryan. Sie hatte nie verstanden, was er in ihr sah. Al konnte nicht begreifen, warum sie sich weigerte, mit ihm auszugehen.
»Es ist doch nur Lunch, Alice!«, hatte ihr Vater geschimpft. »Geh einfach Mittag essen mit dem Mann, um Himmels willen!«
Sie lehnte ab. Sie behauptete, sie müsse in der Mittagspause arbeiten. Sei mit ihren Eltern verabredet. Sie sagte, sie hätte da so eine Sache bei der Arbeit. Müsse Al beim Beschneiden der Bäume helfen. Schließlich lud Bud sie zum Stadtfest ein.
»Morgen werden die 4-H-Preise an die Landjugend verliehen, Ms Holtzman. Das ist ein großer Tag für unsere zukünftigen Farmer. Tun Sie es den Kindern zuliebe, ja?«
Darüber musste sie lachen, gab sich bereitwillig geschlagen und sagte zu. Und überhaupt: Wo war das Problem? Ihr Unbehagen kehrte zurück, als sie an jenem Morgen darauf wartete, dass er sie abholte. Eigentlich sollte sie den Tag damit verbringen, ihrem Vater auf der Plantage zu helfen, es gab eine Menge zu tun. Sie griff nach dem Telefon, um abzusagen, überlegte es sich dann aber anders. Als Bud lächelnd aus dem Pick-up stieg, freute sie sich. Er war nett, und es war angenehm, ihn um sich zu haben. Er fühlte sich wohl in seiner Haut und sorgte dafür, dass es ihr genauso ging.
Alice hatte das Stadtfest von jeher geliebt und freute sich, als Bud sie zu den Tierwettbewerben führte. Bei der Prämierung der Lämmer applaudierten sie einem kleinen Mädchen, das mit ihrem wohlerzogenen Lamm ein blaues Band gewonnen hatte. Sie führte es an der Leine locker im Kreis herum, und es war nicht zu übersehen, dass das Tier sie abgöttisch liebte. Als die Versteigerung begann, wurde Alice das Herz schwer. Das Bieten gehörte dazu, aber sie fand die Vorstellung schrecklich, dass dieses kleine Mädchen bald von seinem Haustier getrennt sein würde, obwohl sie wusste, dass es sich mit dem Geld ein neues kaufen würde. Bestürzt sah sie, dass Bud die Hand hob. Sie wollte nicht zum Kummer des kleinen Mädchens beitragen. Bud bot eine unfassbar hohe Summe für das Tier, die dessen Wert als Fleischlieferant oder Zuchttier bei Weitem überstieg. Nach der Versteigerung überreichte ihm Luz Quinto mit dicken Tränen in den dunklen Augen den Kaufschein. Bud beugte sich zu ihr hinab, flüsterte ihr etwas ins Ohr und gab ihr den Schein zurück. Ihr Gesicht strahlte vor Freude, als sie zu ihren Eltern rannte. Hinter ihr ließ das Lamm die kleinen Hufe fliegen.
»Du bist ja ein richtiger Softie«, neckte ihn Alice.
»Na ja, ich denke ernsthaft darüber nach, vegan zu leben«, sagte Bud und klopfte sich auf den dicken Bauch. Sie lachten beide.
Den Nachmittag verbrachten sie damit, zwischen den Gehegen der Kühe, Ziegen und Schweine herumzuschlendern. Sie probierten Torten, Marmeladen, Chutneys, frische Äpfel und Birnen. Ohne sich vorher abgesprochen zu haben, mieden sie den Lärm und die Lichter des Hauptwegs in der Mitte. Bud schien intuitiv zu wissen, dass Alice das nicht gefallen würde – die Karussells, die Betrunkenen am helllichten Tag und die Scharen umherstreifender Kinder. Sie spazierten zwischen den Ställen hindurch, betrachteten die Hühner alter Rassen, die Sauen und Eber, die gewaltigen Stiere, die später beim Rodeo zum Einsatz kommen würden. Auf der anderen Seite der Ställe entdeckten sie die Bienenstöcke.
Später würde Alice die Namen der verschiedenen Beuten erfahren, die sie an jenem Tag gesehen hatte – Magazinbeuten, Oberträgerbeuten, Blätterbeuten. Es gab sogar eine aus geflochtenem Schilfrohr und Lehm in der Form eines traditionellen Bienenkorbs. Der örtliche Imkerverein hatte die Muster aufgestellt. Sie waren alle leer bis auf eine Magazinbeute mit einem Sichtfenster aus Plexiglas an der Seite.
Alice setzte sich auf die Bank vor dem Bienenstock und war von dem Anblick gefesselt. Tausende Bienen krabbelten über die Waben, ohne Eile ging jedes einzelne Tier zielstrebig seiner Aufgabe nach. Pollenbeladene Bienen stopften leuchtend orangefarbenen Staub in die Zellen und traten sie mit ihren Beinchen fest. Sie sah, wie eine Biene eine plumpe weiße Larve fütterte. Sie sah eine Biene aus einer Zelle schlüpfen, vollständig und perfekt. Was für eine winzige, erstaunliche, geordnete Welt.
Bud las vor, was auf dem Schild vor der Beute stand: »Dieser Bienenstock im Stil des amerikanischen Imkers Lorenzo Langstroth enthält bei voller Funktionsfähigkeit ca. fünfzigtausend Bienen. Ein gesundes Bienenvolk produziert etwa zwanzig bis vierzig Liter Honig pro Jahr. Die örtlichen Bienenstöcke sind ein Segen für Obstplantagen und Farmen. Magazinbeuten nach Langstroth sind über die Hood River Beekeeping Association zu vergünstigten Preisen zu beziehen.«
Er setzte sich neben Alice, und sie sahen dem Treiben eine Weile schweigend zu. Noch nie hatte sie sich in Gesellschaft eines Mannes derart wohlgefühlt. So etwas hätte sie nicht für möglich gehalten. Und so schlüpfte Bud in ihre stille Welt hinein.
»Du solltest dir ein Bienenvolk kaufen«, sagte er nach einiger Zeit. »Sie würden sich im Obstgarten hinter deinem Elternhaus sehr wohlfühlen.«
Alice schüttelte den Kopf. »Davon habe ich doch keine Ahnung.«
Bud war anderer Meinung und tauchte am Samstag darauf mit den Einzelteilen einer Magazinbeute auf der Ladefläche seines Pick-ups vor der Scheune ihrer Eltern auf.
»Vielleicht hilfst du mir, die zusammenzusetzen«, sagte er lächelnd und hob seine großen Hände. »Mit meinen zwei linken Händen komme ich mit den kleinen Nägeln nicht allein zurecht.«
Alice spielte mit. Warum auch nicht? Gemeinsam setzten sie vierzig hölzerne Rähmchen, zwei Bruträume und zwei Honigräume zusammen. Sie grundierten die Kästen, strichen sie und bauten ein Gestell für den Bienenstock. Die Arbeiten nahmen mehrere Samstage in Anspruch, und jede Woche lud Marina Bud ein, mit ihnen zu Abend zu essen. Als die Beute zusammengesetzt war, konnte Alice ihm nichts mehr abschlagen. Den großen, lachenden Mann störte ihre Wortkargheit nicht. Im Gegensatz zu vielen anderen interpretierte er sie nicht als Unfreundlichkeit. Bud verstand sie auf eine Art wie kaum jemand sonst. In seiner Nähe hatte Alice das Gefühl, sie selbst zu sein. Über Dinge wie Liebe oder Heirat dachte sie nicht einmal nach. Es gab keine bewusste Entscheidung. Es passierte einfach.
»So soll es sein«, sagte Marina ein Vierteljahr später, obwohl sie verärgert war, weil ihre einzige Tochter an einem Freitagnachmittag zum Standesamt gegangen war und geheiratet hatte, ohne es jemandem zu erzählen.
Aber diese Zeiten waren längst vorbei. Nun umklammerte Alice das Lenkrad und spürte, dass sie am ganzen Körper zitterte. In ihrem Inneren klaffte ein Loch. Dr. Zimmerman sagte, sie würde Zeit und harte Arbeit brauchen, um es zu verkleinern. Sie sagte, dass es niemals vollständig verheilen würde. Die Trauer war nun Teil ihres Lebens. Sie musste sie beim Namen nennen und lernen, mit ihr umzugehen, damit sie nicht mehr in Panik verfiel und das Gefühl hatte, die Kontrolle zu verlieren.
Alice ballte die Fäuste und rang nach Luft. Sie dachte an den Jungen auf der Farm, und das machte alles noch schlimmer. Sie konnte nicht damit umgehen, dass ein anderer Mensch in ihrem Haus war. Nicht, solange die Gefahr bestand, dass sie auf diese Weise zusammenbrach. Jake musste nach Hause zurückkehren, und zwar bald, so viel war klar. Der Gedanke beruhigte sie. Wenigstens ihr Haus, ihre Farm hatte sie noch im Griff. Dort lebte sie auf Alice Island, mit hochgezogener Zugbrücke. Ihr Atem hatte sich beruhigt. Sie wischte sich die Augen und spürte, wie sich ein beruhigendes Gewicht in ihr Inneres senkte.
Sie drehte den Zündschlüssel und fuhr zum Little Bit, um ein paar Ballen Heu zu kaufen. Sie musste ohnehin einen neuen Windschutz bauen, und die Ballen würden eine glaubhafte Erklärung für ihren hastigen Aufbruch liefen. Sie versuchte, sich die Worte zurechtzulegen, mit denen sie Jake auf die sanfte Tour loswerden würde. Mit diesem Plan wären bestimmt sogar ihre Eltern einverstanden.
»Alles wird gut, oder?«, fragte sie laut. »Er muss doch verstehen, dass es nicht anders geht.«
Aber die Stimmen ihrer Eltern blieben diesmal stumm.