Die Arbeiterinnen oder gewöhnlichen Bienen stellen den Großteil der Bevölkerung eines Bienenstocks dar … Wir erwähnten bereits, dass die Arbeitsbienen allesamt Weibchen sind, deren unterentwickelte Eierstöcke es ihnen nicht gestatten, Eier zu legen.
Als Alice Holtzman zehn Jahre alt war, stand sie vor der vierten Klasse und erzählte die Geschichte der Holtzmans, die seit drei Generationen die familieneigene Obstplantage betrieben. Sie berichtete, wie ihre Urgroßeltern aus Deutschland ins Hood River Valley gekommen waren und die ersten Bäume gepflanzt hatten. Sie erklärte, wie sie die Plantage an ihre Großeltern vererbt hatten, die sie ihrerseits an Al und Marina weitergaben. Ihre Präsentation wurde von bunten Zeichnungen begleitet, mit deren Hilfe sie erklärte, wann die richtige Zeit für Beschnitt, Bewässerung und Ernte war. Detailliert berichtete sie von den jährlichen Erträgen in Tonnen und zählte die preisgekrönten alten Sorten der Holtzmans auf, zum Beispiel Pippin, Gravensteiner und Braeburn. Auf dem letzten Bild hatte Alice sich selbst gezeichnet, wie sie im Arbeitsoverall auf dem grünen Traktor zwischen den Apfelbaum-Reihen entlangfuhr. So stellte sie sich ihr Leben als Erwachsene vor, die den Familienbetrieb in vierter Generation weiterführen würde.
Als sie fertig war, klatschte Miss Tooksbury, ihre Lehrerin, in die gepflegten Hände und forderte Alices Mitschüler auf, es ihr nachzutun. Alice rollte gerade ihre Bilder zusammen, da rief David Hanson aus dem hinteren Teil des Klassenzimmers: »Du kannst kein Farmer werden! Du meintest wohl Farmersfrau!«
Vor ungezügelter Heiterkeit warf er sich über sein Pult, und die ganze Klasse brach in Gelächter aus. Wie erstarrt stand Alice vor ihren Mitschülern. Miss Tooksbury schimpfte David aus und sagte, Alice könne werden, was immer sie wolle.
»Ja, sogar Astronautin, David«, sagte sie und runzelte die Stirn.
Aber als Miss Tooksbury sie aus schmalen Augen musterte und dann rasch den Blick abwandte, wurde Alice klar, dass ihre Klassenlehrerin ihr in Wirklichkeit doch nicht zutraute, Astronautin oder Farmerin zu werden. Da wurde ihr klar, dass auch Erwachsene manchmal logen. Nach der Schule erzählte sie ihrem Vater beim Zuschneiden und Schmirgeln von Baumpfählen für die neuen Triebe von dem Vorfall. Al hörte zu und nickte, sagte aber nichts dazu. Sie drängte ihn zum Reden, obwohl sie wusste, dass ihr Vater nur sprach, wenn er etwas zu sagen hatte.
»Aber sie ist meine Lehrerin«, sagte sie mit einer Stimme, die sich zu einem Jammern gesteigert hatte. »Und sie findet, dass David recht hat!«
Ihr Vater hörte auf zu schmirgeln und blickte auf sie herab. Staubige Partikel von Sägespänen schwebten zwischen ihnen in der Luft. »Ist Miss Tooksbury etwa hier und schneidet Baumpfähle zurecht?«
Alice schüttelte den Kopf.
»Wird sie morgen hier sein, wenn wir anfangen, neue Setzlinge aufzupfropfen?«
Erneut schüttelte Alice den Kopf.
»Nun, dann wissen wir ja, dass Miss Tooksbury keine Farmerin werden wird. Aber wer weiß? Menschen können sich ändern.«
Und das war alles, was er dazu sagte. Als Alice an diesem Abend ins Bett ging, umarmte sie ihren Vater fester als üblich. Al Holtzman machte nicht viele Worte, aber sie wusste: Er war sich absolut sicher, dass sie eine großartige Farmerin werden würde.
Und doch pflanzte Alice nun, vierunddreißig Jahre später, weder junge Bäume noch veredelte sie älteren Bestand. Al war tot, die Plantage war weg, und Alice arbeitete immer noch in der Planungsabteilung des Countys. Sie war keine Farmerin, ja nicht einmal die Frau eines Farmers geworden.
Am Montag dachte sie auf dem Weg zur Arbeit darüber nach, was zwischen der vierten Klasse und ihrem fünfunddreißigsten Lebensjahr passiert war. Ihre Situation war alles andere als ungewöhnlich. Schließlich gaben viele Menschen ihre Kindheitsträume auf und verpackten ihr Leben in praktische, vorhersagbare Kisten, nicht wahr? Die Vorstellung deprimierte sie, und beim Gedanken an Jake fühlte sie sich noch schlechter.
Es war spät am Nachmittag, als sie vom Little Bit zurückkam und die Heuballen auslud. Bei ihrer Rückkehr hielt sich Jake draußen im Bienengarten auf, darum winkte sie und rief ihm zu, was sie vorhatte. Er beobachtete, wie sie die Ballen mit dem Traktor zu einem Windfang zusammenstellte, und da sie nicht miteinander reden konnten, ließ die Aktivität ihren überstürzten Aufbruch nicht ganz so seltsam wirken. Als Alice fertig war und zu den Bienen hinüberging, strahlte Jake sie an und zeigte auf die Beuten, sprachlos vor Glück. Ihr sank der Mut. In diesem Augenblick konnte sie es ihm auf keinen Fall sagen. Und außerdem war es fast schon Zeit fürs Abendessen. Was kann eine weitere Nacht schon schaden?, dachte sie.
Nachdem der Junge im Gästezimmer verschwunden war, ließ sie sich eine kurze Erklärung einfallen, warum er nach Hause zurückkehren musste. Sie würde einfach sachlich über die körperlichen Anforderungen des Jobs sprechen. Sie probte ihre Ansprache, damit Jake nichts anderes übrig bleiben würde, als ihr zuzustimmen und seine Mutter anzurufen. Nach dem Frühstück wäre die Sache erledigt, und wenn sie von der Arbeit nach Hause kam, würde er verschwunden sein. Der Gedanke, wie still es dann im Haus sein würde, heiterte sie auf. Sie schlief gut, und als sie am Morgen erwachte, wusste sie, dass sie das Richtige tat. Sie musste einfach wieder allein sein.
Alice traf Jake in der Küche, wo er mit sehr starkem Kaffee auf sie wartete. Beim ersten Schluck musste sie würgen, aber Jake bemerkte es nicht, weil er über die Bienen redete. Er war bis zwei Uhr morgens aufgeblieben und hatte ihr Buch Imkern im eigenen Garten gelesen, und nun wollte er alles Mögliche von ihr wissen, über Drohnen und ihre Sammelplätze und ob sich anhand der Drohnenpopulation die Gesundheit des Bienenstocks einschätzen ließ. Über Varroamilben und die Kontroverse, ob man sie bekämpfen sollte oder nicht. Gegen ihren Willen ließ sich Alice in ein Gespräch verwickeln, denn seine Fragen waren sehr interessant. Dann wurde es allmählich zu spät, und sie merkte, dass sie erst nach der Arbeit mit ihm über seine Abreise sprechen konnte. Auf dem Weg in die Stadt fluchte sie leise.
Sie stellte den Wagen auf dem Parkplatz des Countys ab und blieb auf dem Gehweg stehen. Sie blickte den Hügel hinunter auf das Wasser. Es war bereits windig. Kite- und Windsurfer bildeten leuchtende Trauben auf den weiß schäumenden Wellen des Flusses, höchstwahrscheinlich Einheimische, die sich vor der Arbeit ein bisschen Zeit auf dem Wasser gönnten. Ab Juni würden sich am Ufer die Touristen drängen. Sie sah den langen Streifen Rasen, auf dem sich die Leute sammelten, seien sie Windjäger oder Zuschauer.
Ihr Leben lang hatte sie sich diese Szenerie angesehen, ohne ihrer je überdrüssig zu werden – den smaragdgrünen breiten Grasstreifen, die Sandbank, die sich in den Fluss hinein erstreckte, und die zerfurchten Felswände der Schlucht, die sich aus dem Wasser erhoben. Gurgelnd stiegen Erinnerungen an längst vergangene Sommer in ihr auf. Nicht jetzt, sagte sie, und verbannte sie entschlossen aus ihrem Geist.
»Morgen, Alice!«
Die Stimme hinter ihr ließ sie zusammenzucken. Es war Rich Carlson, Leiter der Personal- und Finanzabteilung des Countys. Wie üblich trug Rich einen Anzug, während alle anderen sich an den Dresscode hielten, den Alice als »bäuerlich-leger« bezeichnete. In zwölf Jahren hatte sie ihn kein einziges Mal ohne Krawatte gesehen. Nicht mal beim Sommerpicknick. Er stand auf dem Gehweg und schlug sich mit einer zusammengerollten Zeitung auf den Oberschenkel. Rich war ein wandelndes schwarzes Zeitloch. Er brachte es fertig, fast eine Stunde lang vor ihrem Schreibtisch zu stehen und belangloses Zeug zu reden. Auch schon vor der Weihnachtsfeier vor sechs Jahren hatte sich Alice in seiner Gegenwart unwohl gefühlt. Damals hatte er sie unter dem Mistelzweig bedrängt. Sie wich zurück, und seine trockenen Lippen streiften ihren Hals. Jedes Mal, wenn sie mit Rich allein war, musste sie daran denken … an das Gefühl von kratzigem Polyester und an sein Aftershave, das wie ein Lufterfrischer fürs Auto roch.
»Morgen, Rich.« Sie lächelte gezwungen.
»Heute ist der große Tag«, sagte er mit breitem Grinsen. »Seid ihr in der Planung bereit für unser Meeting mit CP?«
Alice lächelte noch immer, aber innerlich stöhnte sie. Wie so viele Städte im Westen war auch Hood River mit der Ankunft der Eisenbahn im neunzehnten Jahrhundert deutlich gewachsen. Die Cascadia Pacific ihrerseits hatte sich von einer Eisenbahngesellschaft zu einem riesigen Mischkonzern entwickelt, der Glasfaserkabel verlegte und Wegerechtsverträge mit Technologiekonzernen abschloss, aber auch andere, scheinbar unzusammenhängende Tätigkeitsbereiche des einundzwanzigsten Jahrhunderts umfasste. Alice hatte völlig vergessen, dass die Vertreter der Cascadia Pacific an diesem Tag an ihrem jährlichen ressortübergreifenden Meeting teilnehmen würden. Vertreter der Forstverwaltung, des Bauernverbandes und der Wasserwirtschaft würden ebenfalls anwesend sein. Alice wusste, dass die Veranstaltung nur eine leere Geste war, die den Aktionären der CP die guten Beziehungen des Konzerns zu den Verwaltungen kleinerer Städte vorführen sollte, aber die Teilnahme war verpflichtend.
»Bereit wie nie, Rich«, sagte sie.
Rich liebte Meetings. Er machte auf seinem Laptop umfangreiche Notizen und legte sie ab, um wer weiß was damit anzufangen. Die Angestellten in seiner Abteilung taten Alice leid. Sich durch Richs tägliche E-Mail-Flut zu wühlen war vermutlich bereits für sich allein ein Teilzeitjob. Alice blickte verstohlen auf die Uhr. Ihr blieb etwas mehr als eine Stunde, um sich in den Griff zu bekommen.
»… das Wochenende damit verbracht, meine Berichte umzuformatieren«, sagte Rich gerade, »damit alle darauf zugreifen können. Auf dem Server liegt eine Kopiervorlage. Ich hole mir noch einen Kaffee aus dem Ground. Kommst du mit?« Er deutete ein Stück die Straße hinunter zu dem beliebten Café.
Alice fiel nichts ein, wozu sie noch weniger Lust hatte. Sie hob ihren Becher. »Bin schon startklar. Trotzdem danke.«
Rich machte keine Anstalten, aus dem Weg zu gehen.
»Also, ich muss dann mal los«, sagte sie und schob sich an ihm vorbei.
»Na los, schnapp sie dir, Tiger!« Als sie an ihm vorbeiging, schlug Rich ihr mit der Zeitung auf die Schulter. Alice zuckte zusammen und spürte, wie Zorn in ihr aufstieg.
Wie üblich war sie die Erste im Büro der Planungsabteilung. Nancys Stuhl war leer, Bills Tür geschlossen. Sie schaltete ihren Computer ein und rief das Abteilungsprofil auf, das sie beim Meeting mit CP vorlegen musste. Sie kopierte den Bericht des Vorjahres und fing an, ihn zu aktualisieren. Es würde nicht lange dauern. Das Wichtigste waren die Finanzwerte. Sie schickte eine E-Mail an Debi Jeffreys, die Büroleiterin, und begann zu schwitzen, als sie den Betreff als »dringend« kennzeichnete. Debi reagierte häufig mürrisch, wenn man sie um solche Dinge bat. Alice hätte die Finanzwerte lieber direkt aus der Buchhaltung bekommen, aber weil Debi noch dazu ausgesprochen passiv-aggressiv war, bestand sie darauf, dass sämtliche Anfragen über ihren Tisch gingen. In der E-Mail entschuldigte sich Alice, weil sie bis zur letzten Minute gewartet hatte. Debi schrieb sofort zurück, einschließlich angehängter Dateien.
»Du bist nicht die einzige Vergessliche hier«, hieß es in der Antwortmail. »Aber du bist die Einzige, die sich entschuldigt, weil sie bis heute Morgen gewartet hat! ☺«
Alice seufzte erleichtert. Offenbar hatte sie Debi in guter Stimmung erwischt. Sie öffnete die Kalkulationstabelle, durchsuchte sie nach den relevanten Informationen, schnitt sie aus und fügte sie in ihren Bericht ein. Rasch arbeitete sie die ersten drei Seiten durch. Die Zahlen stimmten durch die Bank – Baugenehmigungen, Transportabgaben und Steuern. Diese Arbeit beherrschte sie im Schlaf.
Die Planungsabteilung des Hood River County sollte ursprünglich nur ein Sprungbrett für Alice sein. Aber im Rückblick konnte sie leicht nachvollziehen, warum sie sich dauerhaft dort eingerichtet hatte. Nach der Highschool besuchte sie die Oregon State University und studierte Agrar- und Betriebswirtschaft im Hauptfach. Zu Hause war Al der Baumspezialist, und Marina führte die Bücher. Alice wollte in der Lage sein, beides zu tun. Sie hatte ihr Studium mit Auszeichnung abgeschlossen und ein paar Jahre als Betriebsleiterin einer Weizenfarm mit kleinem Viehbetrieb gearbeitet. Als sie nach Eugene ging, um ihren Master zu machen, war die kleine Farm von der boomenden Weinindustrie geschluckt worden. Sie dachte nicht weiter darüber nach, weil sie bereits ihre Rückkehr auf die Obstplantage plante.
1996 zog sie nach Hause zurück und arbeitete abends und am Wochenende an der Seite ihres Vaters. Die Planungsabteilung war eine Übergangslösung, bis Al und Marina bereit waren, ihr die Farm zu übergeben. Aber dazu kam es nicht. Alice hatte gesehen, wie das Leben ihrer Eltern immer schwieriger wurde – Verordnungen, Gebühren und Preise, die für kleine Erzeuger zu niedrig waren. Dann kamen die Vorschriften für Spritzmittel. Alice hatte Verständnis für ihre Entscheidung, die Plantage zu verkaufen, aber sie bereitete ihr Kummer.
Also stürzte sie sich in die Arbeit. Bill Chenowith, ihr Chef, hatte ihr klargemacht, dass sie seine Nachfolgerin werden würde, sobald er in Pension ging. Das war die Karotte, die er ihr ständig vor die Nase hielt – seine Position als Leiter der Planungsabteilung.
Nach ihrem Jahresgespräch im März hatte er die Ankündigung sozusagen als Salve zum Abschied abgefeuert.
»Du weißt, dass ich darüber nachdenke, bald in Rente zu gehen«, sagte er. »Und ich war immer schon der Meinung, dass du der beste Kandidat für den Übergang bist.«
Sie war bereit, sich der Herausforderung zu stellen. Und im vergangenen Jahr war ihre Arbeit etwas gewesen, worauf sie sich konzentrieren, worin sie verschwinden konnte. Ihr Job mochte langweilig und vorhersagbar sein, aber er sorgte für klare, sichere Grenzen, innerhalb derer sie agieren konnte. Sie trank einen Schluck Kaffee und konzentrierte sich auf die Tabellen. Geistlose, mechanische Arbeit – was für eine Erleichterung.
Im Konferenzraum bemerkte Alice, dass außer Rich nur der Vertreter der Cascadia Pacific einen Anzug trug, ein schlanker, gepflegter Mann aus Seattle. Trotz der floskelhaften Unternehmenssprache – »Teambuilding«, »gemeinsamer Wohlstand« und »Fortschrittsdenken« – schien er ein netter Kerl zu sein. Das Meeting diente lediglich dazu, die Loyalität einer Kleinstadt gegenüber einem großen Konzern unter Beweis zu stellen, der lokale Zuschüsse gewährte und großzügige Spenden für Schulen und Parks leistete. Im Gegenzug erhielt die Cascadia Pacific das Recht, ihre Glasfaserkabel entsprechend den Bestimmungen des Countys mitten durch die Columbia River Gorge zu legen, um die Technologiekonzerne zu unterstützen, die sich hier ansiedelten. Um die Sache beim Namen zu nennen: Es handelte sich um einen finanziellen Austausch, sozusagen eine Zweckehe. Aber das gab natürlich niemand zu.
Viele Kollegen hatten bereits ihren Laptop geöffnet. Rich tippte eifrig, machte sich auf pedantische Art Notizen. Bei anderen konnte Alice erkennen, dass sie ihre E-Mails lasen. Nancy schaute sich auf Facebook Bilder ihrer Kinder an. Ihr dämliches breites Grinsen verriet sie. Alices Gedanken wanderten zu den Bienen. Sie machte sich ein paar Notizen zu Baumaterial und Farbe für neue Bienenstöcke. Vielleicht würde sie im Holzlager des Schrottplatzes etwas finden, woraus sie Ständer für die Beuten bauen konnte. Erneut dachte sie an Jake und seine überschäumende Begeisterung. Er hatte ihr bei der Komplettüberprüfung von drei Bienenstöcken zugesehen, Fragen gestellt und sich nützlich gemacht, indem er ihr Werkzeug hielt, während sie sich durch die Reihe arbeitete.
Sie spürte, wie Wut auf sich selbst in ihr aufstieg. »Was willst du denn jetzt tun? Soll dir der Junge in Zukunft etwa an den Fersen kleben und das Werkzeug anreichen?«
»… feiern wir zwanzig Jahre ressortübergreifende Partnerschaft!«
Der Vertreter der CP packte seine Sachen zusammen, alle Anwesenden applaudierten.
»Und als Teil unserer Erweiterungsmission haben wir den regionalen Vertrieb für SupraGro übernommen, eine Firma, die Produkte mit Mehrwert für Landwirtschaft und Viehzucht produziert. Wir hoffen, die Brücke zwischen SupraGro und den ortsansässigen Farmen, Ranches und Obstplantagen zu sein. Hier ist der diesjährige Katalog, meine Kontaktdaten finden Sie unten auf dem Deckblatt. Wenn Sie Fragen haben, setzen Sie sich bitte mit mir in Verbindung. Und nochmals vielen Dank!«
Die glänzenden Kataloge wurden auf dem Konferenztisch hin und her geschoben. Bill dankte dem Vertreter der CP für seine Präsentation. Erneut gab es Applaus, dann verließen die Anwesenden nach und nach den Raum. Alice schob ihren Stuhl zurück, stellte aber fest, dass neben ihr noch immer Stan Hinatsu vom Wasserschutzverband saß. Stan war japanisch-amerikanischer Herkunft, ungefähr so alt wie Alice und hatte grau meliertes Haar. Ein netter Mann, hatte sie immer gedacht, aber jetzt schwenkte er einen der farbenfrohen Kataloge und wirkte verärgert.
»SupraGro!«, fauchte er. »Die machen wohl Witze! SupraGro hat das Laichgebiet der Lachse im Norden der Sierra zerstört. In Truckee. Es gab einen gigantischen Prozess.«
Alice kam der Name der kleinen Stadt in Kalifornien irgendwie bekannt vor.
»Die wollen uns so was einfach unterjubeln und glauben, wir merken es nicht?« Er stand auf und rief quer durch den Raum: »Bill! Entschuldigung, Bill? Können wir uns über den letzten Punkt noch einmal unterhalten?«
Bill sprach mit dem CP-Mitarbeiter. Er zog seine Khakihose hoch und bedachte Stan mit einem zerstreuten Lächeln.
Stan sammelte seine Sachen zusammen, wobei er murmelte: »… völlig inakzeptabel. Das ist doch nicht zu glauben …«
Mit großen Schritten näherte er sich der Tür und rief: »Bill! Ich werde Sie anrufen und ein Treffen mit Ihnen vereinbaren!«
Alices Chef lächelte höflich und winkte, während sich Stan seinen Weg aus dem Konferenzraum hinaus bahnte.
»Was war das denn?«
Mit einem Styroporbecher in der Hand tauchte Nancy neben Alices Stuhl auf und wiegte die üppigen Hüften von einer Seite zur anderen, wobei sie ihren pinkfarbenen geblümten Rock schwingen ließ. »Worüber regt sich der gute alte Stan denn jetzt wieder auf?«
Nancy hatte eine neue Dauerwelle und trug Ohrringe, die zu ihrer violetten Brillenfassung passten. Wie Alice war auch sie eine langjährige Mitarbeiterin des Countys. Sie waren zusammen zur Highschool gegangen, wobei Nancy ihren Abschluss zwei Jahre früher machte als Alice. Nancy lachte viel und legte noch immer dieselbe Begeisterung an den Tag wie damals als Cheerleaderin an der Hood River Valley Highschool. Offiziell waren sie beide Bills Assistentin, nahmen aber stillschweigend hin, dass Alice diejenige war, die den Großteil der Arbeit erledigte. Bill kam spät, ging früh und wollte nicht mit Papierkram behelligt werden, obwohl es in der Planungsabteilung fast ausschließlich darum ging.
»Irgendwas mit SupraGro und einem Prozess in Kalifornien«, sagte Alice.
»So eine Dramaqueen«, versetzte Nancy und verdrehte die Augen. »Diese Ökofreaks regen sich doch ständig über irgendwas auf.«
Alice fühlte sich in die Defensive gedrängt. Sie mochte Stan. »Ich weiß nicht, Nancy. Erinnerst du dich, wie die Cascadia-Züge in Mosier entgleist sind? Stans Gruppe hat dafür gesorgt, dass sie den Schaden beseitigt und alles sauber gemacht haben.«
Nancy schnitt eine Grimasse, dann lachte sie. »Ach Mensch! Nimm doch nicht alles so ernst, Alice. Wir haben erst Montagmorgen. Übrigens: Hast du dich letzte Woche mit den Leuten in The Heights in Verbindung gesetzt? Ich warte die ganze Zeit auf die Zahlen des Immobilienmarkts, damit ich die Prognose erstellen kann.«
Gemeinsam gingen sie in ihr Büro zurück.
Für den Rest des Tages fühlte sich Alice unruhig. In der Mittagspause ging sie hinunter zum Fluss, am Kiteboard-Strand vorbei und nach Osten zu den Hotels am Wasser, zum Museum und der kleinen windgeschützten Marina. Segelboote schaukelten in der leichten Brise, während ihre Takelage leise klirrte. Zwischen den anderen Booten entdeckte sie die Kathy Sue, Bills Boot, das er nach der Frau benannt hatte, mit der er seit vierzig Jahren verheiratet war. Sie blickte an den alten Backsteingebäuden empor, die sich am Hang oberhalb der Oak Street aneinanderreihten. Hood River war immer noch eine schöne kleine Stadt. Bei der Parade zum 4. Juli und beim Homecoming-Spiel der Highschool ließen sich sämtliche Einwohner sehen. Die Leute verzichteten aufs Hupen und bremsten für die Truthähne, die im Herbst durch die Stadt streiften.
Alice begab sich in die Mitte der Brücke und blickte auf den Fluss hinunter. Zwei Fliegenfischer standen hüfttief im Wasser, und ihre Schnüre schimmerten im Sonnenlicht, wenn sie durch die Luft wirbelten. Im Süden erhob sich, friedlich unter dem Frühjahrsschnee ruhend, der Mount Hood.
Sie liebte diesen Ort, war aber nie davon ausgegangen, dass sie letztlich ihr gesamtes Berufsleben in der Planungsabteilung des Countys festsitzen würde. Ein Leben an der frischen Luft war ein gutes Leben, hatten ihre Eltern immer gesagt. Ihr wurde warm ums Herz, als sie an ihr Vorhaben dachte, den Bienengarten zu vergrößern und genug Geld zu verdienen, um auf dem Grundstück eine kleine Obstplantage anzulegen. Sie musste jemanden einstellen, damit die Dinge in Gang kamen. Das war ein weiterer Grund, warum sie Jake nach Hause schicken musste, dachte Alice. Der Junge würde das verstehen. Und wenn nicht … nun, das war nicht ihr Problem. Schließlich hatte er Eltern, nicht wahr? Sie war nicht für ihn verantwortlich.
Für den Rest des Tages vertiefte sie sich in die Mammutaufgabe, Termine für Begutachtungen der Geschäftsgebäude in der Stadt zu planen. Ein Kollege nach dem anderen ging nach Hause, bis nur noch sie, Nancy und Casey, der rothaarige Collegepraktikant, übrig waren. Nancy hatte ihn zur Happy Hour in der Taqueria überredet und versuchte, Alice zum Mitkommen zu bewegen, damit es nicht aussah, als versuchte sie den armen Jungen anzubaggern.
»Margarita Monday, Alice!«, trällerte Nancy, vollführte neben dem Schreibtisch ihrer Kollegin einen Salsaschritt und schnippte mit den Fingern.
Alice lehnte ab, behauptete, zu Hause warteten lästige Pflichten auf sie.
»Wie du willst, amiga. Ich schätze, dann bleibt es bei uns beiden, Casey.«
Als sie das Gebäude verließen, hallte Nancys Lachen durch die Empfangshalle.
Alice wusste, dass sie ihre Heimkehr hinauszögerte. Sie fuhr nach Süden in Richtung ihrer Farm und überlegte, ob sie unterwegs Tacos von Nobi’s mitnehmen sollte. Sie verspürte einen Anflug von Ungeduld. Sie würde nicht noch einmal Abendessen für den Jungen kochen. Sie wollte ärgerlich auf ihn sein, merkte sie, denn sie brauchte eine Rechtfertigung dafür, dass sie ihn nach Hause schickte. Aber sie mochte Jake, und das war keine Kleinigkeit. In der Regel mochte Alice nämlich kaum jemanden, den sie kennenlernte. Dieser Teenager aber war etwas Besonderes, und sie war diejenige, die ihn eingeladen hatte. Warum hatte sie sich überhaupt zu dieser großzügigen Geste hinreißen lassen? Auf dem gesamten Heimweg haderte sie mit sich selbst.
Alice fuhr die lang gezogene Kurve der Zufahrt hinauf und sah einen Pick-up vor ihrem Haus stehen. Sie hörte lauter werdende Stimmen, dann Geschrei, und ihr rutschte das Herz in die Hose. Schon wieder Streit in der Familie Stevenson? Natürlich würde Ed herkommen und nach seinem Sohn suchen. Warum hatte sie daran nicht gedacht? Ihr Herz raste. Sie hasste Auseinandersetzungen, aber sie wollte verdammt sein, wenn Ed Stevenson glaubte, bei ihr zu Hause jemanden anschreien zu können. Sie stürmte den Gehweg entlang und stieß die Tür auf, bereit zum Kampf.