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WARTUNG DES BIENENSTOCKS

Erfordernisse eines vollständigen Bienenstocks …
Eine gute Beute sollte dem Imker die perfekte Kontrolle über sämtliche Waben erlauben, sodass er sie mühelos entnehmen kann, ohne sie zu beschädigen oder die Bienen in Aufregung zu versetzen.

L. L. LANGSTROTH

 

Jake fehlten die Worte, um zu beschreiben, was er empfand, als Alice ihm an diesem ersten Morgen ein Rähmchen aus dem Bienenstock reichte. Seine Schönheit war einfach überwältigend. Das Rechteck aus Holz hing ihm schwer zwischen den Fingern, als er es vor sein Gesicht hob. Er sah einen vielfarbigen Teppich aus Pollen, gedeckeltem Honig und glänzendem Nektar. Er atmete das süße Aroma von frischem Bienenwachs und fermentiertem Honig ein und spürte das Surren von tausend winzigen, im Gleichtakt vibrierenden Körpern. Es traf ihn mitten ins Herz. Das Echo raste ihm durch die Hände hinauf in die Arme. Seine Brust schmerzte, und er glaubte, sein Herz würde explodieren. Es war eine beruhigende Kraft, ein unsichtbarer Prüfstein, eine Markierung, die besagte: »Du bist hier.«

Das mit Pollen bestäubte Rähmchen war mit einer Schicht aus weißem Wachs bedeckt. Auf dieser Oberfläche bewegten sich flaumige goldene Bienen zielstrebig hin und her. Sie schenkten Jake keinerlei Beachtung. Einige waren damit beschäftigt, Pollen zu verstauen, andere wanden sich tief in honiggefüllte Zellen hinein. Bienen fütterten Larven oder trugen die Körper toter Artgenossen fort. Sammlerinnen, Ammen, sogar Bestatterbienen gab es. Alice erklärte all diese Aufgaben, während Jake den lebenden Teppich in Gold, Ocker und Scharlachrot betrachtete. Er atmete den Duft seiner Bestandteile ein, ein Geruch, süßer als Zuckerwatte, und verspürte den Drang, sein Gesicht hineinzudrücken. Aber was er nie mehr vergessen würde, war das Gefühl, dass die summende Masse seinen Körper zu bewohnen schien. Er spürte die Resonanz in der Brust wie damals, wenn er Trompete spielte. Das Gefühl wanderte von seinem Solarplexus durch den Brustkorb bis in sein erschöpftes achtzehnjähriges Herz hinein, ein Vibrieren von Glück und Zufriedenheit. Er hätte am liebsten gesungen. Alice sagte er nichts davon. Vermutlich würde es ziemlich verrückt klingen. Aber diese Erfahrung machte ihm klar, dass er den Job bei ihr unbedingt wollte. Bis spät in die Nacht brütete er über Alices Büchern, und je mehr er las, desto mehr fühlte es sich an wie Schicksal, wie eine Art Tür, die sich für ihn öffnete.

Nachdem Alice zur Arbeit aufgebrochen war, saß Jake auf der Veranda und fühlte den Westwind über die Kammlinie heranwehen, während die Morgenluft immer wärmer wurde. Er sah, wie der Wind in den Baumkronen am Waldrand spielte, hörte tief im Gehölz einen Goldspecht rufen. Die Hühner machten Rabatz, und ein Hund bellte. Aus reiner Gewohnheit schob er sich die Kopfhörer in die Ohren und schaltete sein iPhone ein, um es gleich darauf wieder auszumachen. Erneut lauschte er auf den Wind, die Vögel, den leisen Gesang eines Froschchors in der Ferne. Es war eine ganz eigene Melodie, und er wollte sie hören.

Jake rollte die Rampe hinunter, um die Größe des Gartens abzuschätzen. Langsam fuhr er die Begrenzung ab, um zu sehen, wohin er mit dem Rollstuhl nicht gelangen konnte. Glücklicherweise konnte niemand sehen, wie sehr er sich abmühte, um auf dem unebenen Boden des Gartens voranzukommen. Er rollte am Bienengarten vorbei und weiter zur Scheune, manövrierte vor und zurück, um den besten Weg zu finden.

Er erinnerte sich an die jüngsten Ereignisse in seinem Elternhaus. Seine freundliche Mom, die bei der Kirche arbeitete und von morgens bis abends anderen Leuten half, Alice gegenüber aber die Nerven verlor. Tansy Stevenson war eine liebe, gottesfürchtige Frau, die ihren Nachbarn gern half und ihre Feinde zu lieben versuchte. Sie hatte die Küche mit Haube tragenden Enten und Gänsen dekoriert und sah sich im Internet lustige Katzenvideos an. Doch wenn ihr einziger Sohn in Gefahr geriet, nun, dann kam der Pitbull in ihr zum Vorschein. Es war nur ein kleiner Pitbull, vielleicht eher ein wütender Chihuahua, aber ein Respekt einflößender.

Und dann diese verdammte Geschichte mit Ed! Alice hatte ihn im Wagen mit wenigen Worten ins Bild gesetzt. Jake glaubte ihr sofort, obwohl ihm schlecht davon wurde. Als er klein war, hatte Ed ihn mit dem Gürtel geschlagen. Die Prügel hörten auf, als ein Nachbar sah, wie Ed den damals zwölfjährigen Jake ohrfeigte, und ihm mit einer Anzeige drohte. Er schlug ihn nie wieder, aber Jake wusste, dass er es gern getan hätte. Nicht weiter überraschend also, dass Ed schon als Kind gewalttätig gewesen war.

Auf einmal überschwemmte ihn eine Welle der Traurigkeit. Sein Vater war nicht immer so mies gewesen. Er erinnerte sich an das Gefühl von Eds großer Hand, die sich um seine schloss, als Jake zu seiner ersten Schwimmstunde an den Rand des Beckens trat. Im zarten Alter von fünf Jahren fürchtete er sich vor dem tiefen Wasser und stand zitternd in seiner SpongeBob-Badehose da. Als Ed ihn dem Schwimmlehrer überließ und sich zum Gehen wandte, fing Jake an zu weinen. Normalerweise wurde sein Vater wütend, wenn er weinte. Aber diesmal ging er in die Hocke und legte Jake seine großen Hände auf die Schultern.

»Ich bin gleich da drüben«, sagte er. »Du kriegst das schon hin.«

Jake spürte, wie seine Furcht nachließ, als sein Vater seine Schulter drückte und zur Tribüne ging, um dort Platz zu nehmen. Er hörte auf zu weinen und stieg die Leiter zum flachen Bereich des Beckens hinab, um sich der Gruppe anzuschließen. Er trat, paddelte und machte Luftblasen. Sein Selbstvertrauen wurde immer größer, bis er schließlich das Unvorstellbare tat und den Kopf unter Wasser tauchte. Er schüttelte sich, rieb sich die Augen und suchte in der Traube von Eltern nach seinem Dad. Endlich sah er ihn, und seine Miene drückte etwas aus, das Jake damals nicht verstand. Er glaubte, Ed sei wütend, weil der Unterricht so lange dauerte. Aber jetzt wusste er, dass es Angst war. Sein Vater hatte befürchtet, dass Jake nicht lebend aus dem Wasser kommen würde.

Er unterbrach die Runde um den Garten. Mit dieser Erinnerung beschäftigte er sich nur widerstrebend, aber er wusste, dass sie stimmte. Es gab noch andere. Da war der Geruch von Zigarettenrauch, während sein Vater hinter Jakes Fahrrad herlief und es am Sattel festhielt, damit er nicht aus dem Gleichgewicht geriet. Und als Jake tatsächlich davonfuhr, klatschte er begeistert. Zu seinem achten Geburtstag schenkte ihm sein Dad einen Strandbuggy mit Fernbedienung, und sie verbrachten den Nachmittag damit, ihn auf der holperigen Zufahrt auf und ab fahren zu lassen. Ed hatte gelacht und selbst wie ein Kind ausgesehen. An manchen Sonntagen besuchten sie alle zusammen den Gottesdienst, und sein Vater war hinterher mit ihm ins Gemeindehaus gegangen, um ihm einen Donut und einen Becher heiße Schokolade zu kaufen. All das fand statt, bevor Ed aufhörte, zur Kirche zu gehen, bevor Middle Mountain Surveyors, das Vermessungsbüro, bei dem er einen Chefposten gehabt hatte, ihn feuerte und er bei Klare Construction anfing. Jake war damals zu klein, um die Gründe für die Entlassung seines Vaters zu verstehen. Er wusste nur, dass danach alles anders wurde.

Jake blickte auf die Kammlinie in der Ferne und kaute auf der Unterlippe. Er schüttelte den Kopf. Auf diese Handvoll guter Erinnerungen folgten einfach zu viele Jahre mit schlechten. Einmal hatte Ed den Weihnachtstruthahn auf den Boden geworfen, weil Jakes Mutter ihn gebeten hatte, morgens mit ihr zur Messe zu gehen. Er hatte ihre netten Nachbarn, die Chavezes, angeschrien, weil sie bei einem Grillfest am Sonntagnachmittag Rancheramusik spielten. Später trat er nach ihrem kleinen Hund. Der hatte im Garten der Stevensons sein rundliches Beinchen auf einem Blumenbeet gehoben. Als Jake sich den Irokesen wachsen ließ, grinste sein Vater ihn wegen seiner durchgeknallten Frisur ein paarmal höhnisch an und hörte dann auf, überhaupt mit ihm zu sprechen. Das belastende Schweigen war Jake lieber als die hässlichen Dinge, die Ed von sich gab, als er Alice anschrie.

Der Gedanke, nach Hause zurückzukehren, ließ ihn bis ins Mark erstarren. Er befürchtete nicht, dass Ed ihn schlagen würde, aber bei der Vorstellung, wieder in der Nähe dieses Menschen zu leben, hatte er das Gefühl, in der Falle zu sitzen. Er setzte die Umrundung des Gartens fort und spürte, wie ihm immer unbehaglicher zumute wurde. Auf keinen Fall würde er in dieses enge Haus zurückgehen, in dem man die Anspannung beinahe mit Händen greifen konnte. Die vielen Stunden, in denen er darauf gewartet hatte, endlich allein zu sein, obwohl das kaum weniger schrecklich war, als sich zusammen mit ihnen in dem Haus aufzuhalten. Also, was dann? Konnte er hier leben und arbeiten? Was, wenn Alice ihre Meinung nun änderte? Er kannte sie ja kaum, und sie war ihm absolut nichts schuldig.

Jake fuhr über ein Loch im Rasen, und das rechte Vorderrad blieb stecken. Er schaukelte vor und zurück, um sich zu befreien. Während er sich abmühte, wuchs seine Entschlossenheit. In das Haus seiner Eltern konnte er nicht zurückkehren. Auf keinen Fall! Eher würde er in ein Pflegeheim gehen oder in diese beschissene Wohngruppe in The Dalles, die seine Betreuerin ihm gezeigt hatte. Alle anderen dort waren doppelt so alt wie er, einige noch dazu geistig zurückgeblieben. »Menschen mit geistiger Behinderung« lautete die korrekte Bezeichnung, hatte ihm seine Betreuerin später im Auto ins Gedächtnis gerufen. Aber die Sprache spielte keine Rolle, er könnte dort niemals leben. Er war nicht wie diese Leute, hatte er ihr erklärt. Doch jetzt würde er sogar diese Wohngruppe dem Zusammenleben mit Ed vorziehen. Bei dem Gedanken, unter dem hämischen Blick seines Vaters die Rampe hinaufzurollen, wurde ihm schlecht. Auf keinen Fall. Auf gar keinen Fall, verdammt noch mal!

Er schaukelte energischer, und der Rollstuhl fiel um. Mit einem dumpfen Geräusch prallte Jakes Schulter auf den Boden. Er spürte Kies unter seiner Wange, und das vertraute Gewicht der Verzweiflung senkte sich auf seine Brust. Das hier war jetzt sein Leben, dieser verdammte Körper. Auf einmal hörte er ein leises Krähen, und als er aufblickte, sah er den kühnen Hahn, der auf einem Bein vor ihm stand und ihn böse anstarrte. Der Anblick des übertrieben selbstsicheren kleinen Vogels ließ ihn laut auflachen, und Red Head Ned stolzierte von dannen. Jake lag da, ließ den Blick über den Scheunenhof schweifen und zwang sich, ruhiger zu atmen. So bald würde hier vermutlich niemand auftauchen, stellte er dankbar fest. Er zupfte sich ein Kieselsteinchen von der Wange und sammelte sich.

Okay, eins nach dem anderen. Wenn er hierbleiben wollte, musste er irgendwie allein klarkommen. Und zuallererst musste er von diesem verdammten Boden aufstehen. Langsam schleppte er sich hinüber zum Zaun und zog mit einer Hand den Rollstuhl hinter sich her, dankbar für die vielen Stunden, die er vor lauter Langeweile mit Gewichtheben verbracht hatte. Es dauerte eine Weile, aber er schaffte es, sich aufzusetzen und den Rollstuhl aufzurichten. Er zog die Bremse an und hievte sich auf den Sitz. Schwitzend, siegreich und erschöpft saß er in der Sonne. Dann rollte er zurück zum Haus.

Von der Küche aus betrachtete er Alices kleine, aufgeräumte Zimmer, die allesamt bequem mit dem Rollstuhl erreichbar waren. Das Wohnzimmer stellte allerdings ein Problem dar. Ein großes Bücherregal ragte in den Flur hinein, und ein Labyrinth aus kleinen Tischen drängte sich in dem Raum. Der Weg zur Scheune und um den Bienengarten herum war ebenfalls problematisch. Er wusste, dass er Hilfe brauchte.

Jake zögerte kurz, dann holte er sein Handy heraus und gab eine Nummer ein. Beim zweiten Klingeln meldete sich Noah Katz, und indem er ihn zur Begrüßung mit der üblichen Aufzählung geringschätziger Namen belegte, tat Noah so, als hätten sie erst gestern miteinander telefoniert. Wie es sich für einen echten Freund gehörte, erwähnte er mit keinem Wort, dass Jake seinen Besuchen monatelang ausgewichen war und auch seine Textnachrichten, E-Mails und Anrufe nicht beantwortet hatte. Der gute alte Katz.

Nachdem sie ein paar Minuten lang Beleidigungen ausgetauscht hatten, kam Jake zur Sache.

»Hör zu, Bro. Du musst mir einen Gefallen tun«, sagte er. »Kannst du heute vorbeikommen? Für eine Stunde oder so? Und bringst du jemanden mit, der schwer heben kann? Genau. Cool. Sofort wäre super! Oh, und ich muss dir den Weg beschreiben. Ich bin nämlich umgezogen.«

Jake legte auf. Es war typisch Katz, sofort zuzusagen und außerdem zu behaupten, er müsse ohnehin in der Gegend ein paar Besorgungen machen. Katz half ihm immer, sogar wenn er es nicht verdient hatte, wie zum Beispiel, als Mr Schaffer ihn in The Dalles aus dem Bandbus warf, weil er auf dem Weg zu einem Footballspiel Mist gebaut hatte. Was hatte er noch mal angestellt? Ach ja, er hatte Streichhölzer angezündet und sie auf Matt Swenson geschnippt, der auf der Rückbank saß. Das schmale Gesicht des Bandleiters war rot vor Zorn, als er Jake auf dem Parkplatz vor Walmart aus dem Bus beorderte und ihm auftrug, sich von seinen Eltern abholen zu lassen. Jake würde beim letzten Match seines Abschlussjahrs, dem Spiel der HRVHS gegen The Dalles, nicht mit der Jazzband auftreten.

»Ach, ich Armer!«, feixte Jake, als er aufstand, um den Bus zu verlassen. »Kein Football mehr! Buhu-huuuu!«

Die Mädchen um ihn herum kicherten, Schaffers Gesicht wurde noch röter. Jake griff nach seinem Trompetenkoffer und schlenderte lässig aus dem Bus.

»Bis später, Jungs!«, rief er über die Schulter. Kaum war er ausgestiegen, folgte ihm Noah und verließ aus Solidarität mit ihm ebenfalls den Bus. Schaffer brüllte ihn an, er solle wieder einsteigen. Aber Noah schüttelte nur den Kopf und winkte lächelnd ab. Der Bandleiter knallte die Tür des Busses zu, und die Truppe rauschte davon. Jake rief seine Mutter an und bat sie, ihn abzuholen. Beim Warten hatte er mit Katz vor dem Walmart ein bisschen Musik gemacht.

Jake erinnerte sich, wie glücklich er über Noahs Solidarität gewesen war, der sogar zu ihm hielt, wenn er sich wie ein Arschloch aufführte. Dann tauchte seine Mom auf, die Lippen schmal vor Enttäuschung, und Jake empfand ein tiefes, hohles Bedauern darüber, das letzte Spiel seines letzten Schuljahrs zu verpassen. Auf den Vorschlag seiner Mutter hin hatte er sich entschuldigt, und Schaffer erklärte sich bereit, ihn beim Frühjahrskonzert spielen zu lassen, das für die Woche nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus angesetzt war. Die Improvisationen mit Noah vor dem Walmart waren das letzte Mal, dass er vor Publikum gespielt hatte.

Die beiden Jungen machten miteinander Musik, seitdem sie als kleine Kinder erstmals in einer Band gespielt hatten. Auf der Highschool befasste sich Noah mit traditionellem Jazz, während Jake sich eher zu hartem Punk wie den Misfits, Black Flag und den Dead Kennedys hingezogen fühlte. Er drehte die Musik auf, wenn er skatete oder zu Hause die Stimme seines Vaters und das Dröhnen des Fernsehers übertönen wollte.

Noah war es, der ihn auf Slapstick aufmerksam gemacht hatte, eine Chicagoer Band aus den Neunzigern, die Punk-Ska-Fusion spielte. Ihm gefiel, wie die Band die Trompete einsetzte, wenn sie sich über sich selbst und über das lustig machte, was sie war oder eben nicht war, zum Beispiel in dem Song Almost Punk Enough. Das passte exakt zu Jake. Auch bei ihm war vieles nur Pose, das wusste er. Die Musik, seine Haare, die Klamotten. Aber seine Trompete liebte er tatsächlich. Als sie an jenem Tag vor dem Walmart saßen, spielte Katz die Melodie von Almost Punk Enough, und Jake spielte spöttisch auf seiner Trompete darüber.

»Sie sollten mal anfangen, sich selbst ein bisschen ernster zu nehmen, Mr Stevenson!«, hatte Schaffer ihm hinterhergerufen.

Jake machte sich darüber lustig, aber er wusste, dass Schaffer recht hatte. Sein Lehrer war es gewesen, der ihm das Cornish College of the Arts vorgeschlagen hatte. Er war dort auch wegen Schaffers Empfehlungsschreiben angenommen worden, das wusste er. Einmal hatte ihn der Bandleiter im Krankenhaus besucht, aber Jake hatte sich schlafend gestellt. Was hätte er auch sagen sollen?

Er sah, wie sich Noahs Pick-up Alices Zufahrt näherte, und der vertraute Anblick, wie sein bulliger Freund aus der Fahrerkabine stieg und sich zu voller Größe aufrichtete, brachte ihn zum Lächeln. Der alberne Noah mit der Löwenmähne und dem breiten Grinsen. Jake stöhnte innerlich, als er Celia auf dem Beifahrersitz sah. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Katz ausgerechnet sie mitbringen würde. Jake hatte geglaubt, er würde einen der Jungs um Hilfe bitten.

»Hey, Dude!«

Noah klatschte Jake ab und beugte sich zu der einzig akzeptablen Männerumarmung über ihn, bei der eine Schulter gegen die andere stieß. Er trat einen Schritt zurück und begutachtete ihn. »Deine Haare sehen echt traurig aus. Wieso hast du einen Pferdeschwanz? Und sieh dich hier mal um! Verdammt noch mal, was soll das? Hast du dich in ein Landei verwandelt?«

»Ach weißt du, es war immer schon mein Ziel, Farmer zu werden«, sagte Jake, lehnte sich zurück und legte die Hände auf die Knie. »Ich erkunde hier meine 4-H-Träume.«

»Mann, Alter, du rockst es!« Noah deutete auf Jakes Skinny Jeans und die Doc Martens. »Ich hätte dich fast nicht wiedererkannt.«

Die Beifahrertür öffnete sich quietschend, und Celia, von allen Cece genannt, stieg aus. Obwohl er wünschte, sie wäre nicht mitgekommen, lächelte er sie pflichtschuldigst an. Sie bückte sich, um ihn zu umarmen, und Jake atmete ihren Mädchenduft nach Pfefferminzkaugummi und Parfüm ein.

»Hi Jake! Wie schön, dich zu sehen!«

Sie blickte auf ihn herab und zog mit einer Hand an ihrem langen schwarzen geflochtenen Zopf. Ihre braunen Augen glänzten, und sie sah aus, als würde sie gleich anfangen zu weinen. Jake spürte einen Anflug von Ärger. Warum glaubten die Leute immer, es würde ihm besser gehen, wenn sein Leben sie traurig machte? In gespielter Empörung hob er die Hände.

»Himmel, Katz! Ich hab dir doch gesagt, du sollst jemanden mit Muskeln mitbringen, nicht dieses dünne kleine Mädchen. ¿La flaca, wey? Cece es la flaca. Hättste mal besser deine Oma mitgebracht!«

Noah lachte, und Celia protestierte kreischend.

»¡No soy la flaca, wey! Von wegen!«

Sie spannte die Muskeln an und fletschte die Zähne. Jake lachte. Schon besser. Und Celia war tatsächlich stark genug, um Noah bei dem zu helfen, was er für Jake tun sollte. Um zu überspielen, wie verlegen es ihn machte, um Hilfe zu bitten, führte er die beiden sofort ins Haus und zeigte ihnen die Möbel, die sie verrücken sollten. Noah machte weiterhin pausenlos Witze über Jakes neue Identität als Farmerjunge, und auch das half.

»Woher kennst du diese Frau?«, fragte Celia, als sie mit Noah den Couchtisch umstellte. »Ist sie eine Freundin deiner Mutter?«

Noah sah Jake an und verdrehte die Augen. Dass Mädels immer Fragen stellen mussten.

»Das ist eine lange Geschichte«, sagte Jake, und dabei beließ er es.

In der Küche gab es zwar weniger Möbel, trotzdem war hier eine Menge zu tun, und in diesem Fall erwies sich Celia als Heldin. Als ältestes Mädchen einer großen Familie wusste sie alles übers Kochen. Sie sortierte die Töpfe, Pfannen und Bestände der Speisekammer, indem sie die Dinge, die er täglich brauchen würde, nach vorn stellte. Sie erklärte ihm auch den Unterschied zwischen den Dingen, die er zum Kochen, und denen, die er zum Backen brauchte. Sie betrachteten die Mikrowelle, die außer Jakes Reichweite oberhalb des Ofens angebracht war, und sie rümpfte die Nase.

»Das Ding brauchst du nicht. Das stinkt sowieso nur und richtet Chaos an.«

Jake nahm sie mit nach draußen, um ihnen die Scheune, den Hühnerstall und den Bienengarten zu zeigen. Er wich ihren Blicken aus und wies sie rasch auf die unebenen Abschnitte des Wegs hin. Seinen Sturz erwähnte er nicht. In der Scheune fand Noah Schaufeln und Harken, und Celia half ihm, den Weg einzuebnen. Jake drehte eine Testrunde und bestätigte, dass die Strecke nun leichter zu bewältigen war. Noah sagte, er würde noch einmal wiederkommen und den Weg ein weiteres Mal bearbeiten, aber er machte keine große Sache daraus.

Jake bot an, ihnen die Bienenstöcke zu zeigen, und obwohl sie fasziniert waren, wagten sie sich nicht hinter den Zaun des Bienengartens. Während Jake ihnen ein paar Dinge erzählte, die er gelernt hatte, schienen die Honigbienen ihm etwas vorzusingen. Die Luft war voller goldener kleiner Körper, manche schwärmten zur Futtersuche aus, andere kehrten zurück. Vor einer nahe gelegenen Beute – einer der neuen Ableger von Sunnyvale – schwirrten mehrere Dutzend Bienen wild hin und her. Das nannte man Orientierungsflug, hatte Alice ihm erklärt.

»Die großen Kinder bringen den Neulingen bei, wie sie den Weg nach Hause finden. Cool, oder?«

Noah stand hinter Celia, die wiederum hinter Jake stand. »Sehr cool«, pflichteten sie ihm bei.

»Wenn ihr den Honig erntet, gebe ich dir abuelas Rezept für torta de miel. Die ist super, du wirst sie lieben«, sagte Celia.

Jake drehte sich zu ihr und lächelte sie von unten herauf an. »Cece, du bist ein Genie. Übrigens, da ist noch etwas, wobei ich deine Hilfe brauche.«

Im Hauswirtschaftskurs hatte es keine Noten gegeben. Um zu bestehen, musste man nur regelmäßig teilnehmen, darum hatten Jake und Noah hinten in Miss Trainors Klassenraum nur herumgealbert und nichts gelernt. Celia hingegen hatte bereits vorher gewusst, wie man für ein Haus voller Menschen kocht. Mit einer Liste, zu der Jake noch Stylingprodukte für seine Haare hinzugefügt hatte, schickte sie Noah zum Laden. Während sie auf ihn warteten, erklärte sie Jake ein paar grundlegende Dinge über Rührei, Pfannkuchen, gegrillte Käsesandwiches und Burritos. Als Noah zurückkam, half sie Jake bei der Zubereitung seines ersten Dinners. Es gab Hühnchen-Enchiladas mit Chile-Verde-Soße.

»Und einen Salat. Ihr müsst Gemüse essen. Nein, Jungs, ich meine es ernst!«, protestierte sie, als sie sich über sie lustig machten und sie Gemüsedomina nannten.

Es war bereits nach halb sechs, und Alice war noch immer nicht zu Hause. Nervös wischte Jake die Arbeitsflächen ab und checkte dabei ständig sein Handy.

»Warum bleibt ihr nicht einfach hier?«, fragte er.

Noah deckte für vier Personen den Tisch. Jake holte die Enchiladas aus dem Ofen und stellte sie warm. Nach Celias Anweisungen brachte er den Reis zum Kochen. Noah zückte sein Handy, um Jake ein Video ihres Freundes Mikey zu zeigen, der im Skatepark einen Impossible fuhr. Es gelang ihm tatsächlich, das Board in der Luft um seinen Fuß zu winden und gekonnt wieder darauf zu landen. Celia hatte den Film bereits mehrmals gesehen und verdrehte die Augen, als die Jungs sich über das Display beugten. Stattdessen blätterte sie die Zeitung durch. Jake war müde und glücklich. Er hatte Noah vermisst, und Celia war auch super, weder weinerlich noch allzu anhänglich. Er dachte an ihren letzten gemeinsamen Trip zum Lost Lake. Damals waren Noah und Celia offiziell noch kein Paar. Celia hatte auf der Rückbank gesessen, mit Cheney quer über dem Schoß. Cheney. Der Gedanke an seinen Hund zerriss ihm beinahe das Herz. Trotzdem war es gut, wieder mit seinen Freunden zusammen zu sein.

Celia bemerkte den Rauch zuerst.

»Der Reis! Der Reis!« Sie stürzte quer durch die Küche und umfasste mit einem Geschirrtuch den Griff des rauchenden Topfes. Der Rauchmelder gab kurze schrille Töne von sich.

»Macht die Fenster auf!«, brüllte Jake.

Noah stieß die Küchenfenster auf, Celia sprang auf einen Stuhl und schwenkte das Geschirrtuch vor dem Rauchmelder hin und her.

»Dies ist keine Übung!«, rief sie lachend. »Begeben Sie sich zum nächsten Ausgang. Weitere Anweisungen erhalten Sie vom Lehrpersonal!«

»Verdammte Scheiße! Enden deine Kochkurse immer mit einem Notfall, Mädel?«, rief Jake.

»I fell into a burning ring of fire!«, sang Noah.

Die Küche war von Rauch, Gelächter und Geschrei erfüllt.

»Noah, bring das verdammte Ding nach draußen«, rief Jake. Noah griff nach der Pfanne, ließ die Tür auffliegen und stieß beinahe mit Alice zusammen.

»Verdammt noch mal, was ist denn hier los?«, fragte sie.