Da die Spitze des Stachels mit Widerhaken versehen ist wie ein Pfeil, kann die Biene ihn normalerweise nicht wieder herausziehen, falls das Zielobjekt, in das sie ihn versenkt hat, einigermaßen fest ist. Wenn sie ihren Stachel verliert, trennt sie sich gleichzeitig von einem Teil ihrer Eingeweide und geht somit notwendigerweise bald zugrunde.
Obwohl ausschwärmende Honigbienen dem Imker das Herz brechen können, ist ein Schwarm tatsächlich ein Zeichen für einen gesunden und produktiven Bienenstock. Die älteren Töchter beschließen, dass die Kolonie übervölkert ist, lassen die Hälfte ihrer Schwestern mit gesunden jungfräulichen Königinnenzellen zurück und brechen mit ihrer Mutter zu grüneren Gefilden auf. Wenn diese zufällig einem anderen Bienenzüchter gehören, verwandelt sich der Verlust in ein willkommenes Geschenk. Als solches hatte Alice den Schwarm in der Tanne betrachtet, jedenfalls bevor sie es derart gründlich verpfuscht hatte.
Sie erfasste den letzten Stachel mit einer Pinzette und löste ihn vorsichtig aus ihrem brennenden Unterarm, der inzwischen so dick wie eine Schweinshaxe geworden war. Sie sah, dass der dünne Schnurrbart des jungen Mannes zuckte, als sie ihn herauszog.
»Okay, das wäre geschafft«, sagte sie und rieb sich mit beiden Händen die Arme.
»Tut das weh?«, fragte Harry.
»Nein. Es juckt nur ein bisschen.«
Sie wollte den ganzen blamablen Vorfall mit dem Schwarm herunterspielen, zu dem es überhaupt nur gekommen war, weil sie überstürzt gehandelt hatte. Sämtliche Fehler, die ihr bei den Bienen je unterlaufen waren, hatte sie begangen, wenn sie in Eile war. Heute war sie wegen des Vorstellungsgesprächs mit Harry mittags nach Hause gekommen und hatte beim Warten auf ihn den fetten Schwarm entdeckt. Sie war sich sicher, dass diese Bienen nicht ihr gehörten, und wollte sich die Chance, einen wilden Schwarm zu ergattern, auf keinen Fall entgehen lassen. Im Rückblick war es eine sehr schlechte Idee gewesen, dem Bienenschwarm ohne ein Paar helfender Hände nachzujagen. Ganz zu schweigen davon, dass sie den Karton auf Jake hatte fallen lassen.
Ein Wunder, dass der Junge nicht gestochen wurde. Er lachte immer noch, als Alice ihn erreichte und ihm den Karton vom Schoß nahm.
»Herrgott noch mal«, schimpfte sie leise vor sich hin. »Was für eine selten dämliche Idee.«
Die Fügsamkeit eines Schwarms hatte ihre Grenzen, und als Alice Jake in seinem Rollstuhl wegschob, stiegen die Bienen auf, um ihre Königin zu schützen. Sie war dreimal gestochen worden, Jake hingegen war unversehrt geblieben.
Nun hielt er sich den Bauch und rang nach Luft. »Oh, Alice! Dein Gesicht! Du warst so überrascht, es sah aus, als wolltest du fragen: ›Wie konnte das denn jetzt passieren?‹«
Obwohl ihr die drei Arbeiterinnen leidtaten, die an den Stichen gestorben waren, brachten sie Jakes Neckereien schließlich doch zum Lachen, vor allem, als ihr klar wurde, dass er nicht verletzt war. Jake schwor, dieses Vorkommnis in Zukunft als seine Bienentaufe zu bezeichnen. Nur wenige Menschen könnten von sich behaupten, ihnen sei ein kompletter Bienenschwarm in den Schoß gefallen, sagte er, und als er sich die Tränen aus den Augen wischte, entdeckte er Harry, der wie erstarrt am Rand der Wiese stand.
»Ich glaube, dein Vorstellungsgespräch ist da, Chefin«, sagte Jake.
Der junge Mann blickte über die Schulter, als zöge er in Erwägung, einfach davonzulaufen, hob dann aber zögerlich eine Hand zum Gruß und kam näher.
Alice stellte erst sich selbst und dann Jake vor. Der Bursche, der gesagt hatte, sein Name sei Harry, blickte an ihr vorbei, als erwarte er noch jemanden.
»Äh … und wo ist Mr Holtzman, Ma’am? Al Holtzman?«
Alice lachte leise. »Ach ja, meine E-Mail-Adresse. Al Holtzman bin ich. Al für Alice. Einen Mr Holtzman gibt es nicht. Ist das okay für Sie?«
Harry errötete und stammelte: »Nein, Ma’am, ich meine, ja, Ma’am« und brachte schließlich heraus: »Danke für das Gespräch.«
Belustigt beobachtete Alice, wie er sich abmühte. Nach kurzem Zögern fragte Harry, ob die Sache mit der Leiter ein regelmäßiger Bestandteil des Jobs sei.
»Nein, nein, das war ein Bespiel für eine schlechte Entscheidung«, sagte sie trocken. »Eher regelwidrig als regelmäßig.«
Diese Feststellung führte bei Jake zu einem weiteren Heiterkeitsausbruch, und er lachte, bis ihm die Tränen über die Wangen liefen. Harry sah ihm besorgt nach, als er im Rollstuhl zum Haus hinüberfuhr.
Harry und Alice nahmen an dem Campingtisch Platz, und nachdem sie die Stacheln entfernt hatte, öffnete sie ihren Laptop, um ein weiteres Mal Harrys Lebenslauf durchzugehen. Sie fragte ihn, wo er wohne, und er sagte, in BZ, der Kleinstadt im Nirgendwo hoch oben in den Wäldern. Nach kurzem Zögern meinte sie, das sei im Vergleich zu New York sicher langweilig. Harry zuckte mit den Schultern und murmelte, es sei schon in Ordnung.
Offenbar kein Schwätzer, dachte Alice. Sie strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn und deutete auf den Bienengarten. »Im Augenblick habe ich vierundzwanzig Stöcke, und gegen Ende des Sommers möchte ich bei ungefähr fünfzig sein. Mein Ziel sind hundert im nächsten Sommer.«
Die Arbeit sei ziemlich einfach, erklärte sie. Sie brauchte jemanden, der Anweisungen befolgen, bis zu einem Zentner schwere Lasten tragen konnte und außerdem ein Auge dafür hatte, was ansonsten noch zu tun war. Als Teil ihres Expansionsvorhabens müssten neue Beuten gebaut werden. Neben der Imkerei gab es noch die Wiese, die gemäht, Zäune, die geflickt, und ein paar Apfel- und Birnbäume, die gepflegt werden mussten. Unzählige kleine Projekte, dachte sie, als sie sich auf dem Grundstück umsah. Im vergangenen Jahr waren die Dinge aus dem Ruder gelaufen.
»Also, ein bisschen tischlern, ein bisschen schleppen, und Sie müssten mir helfen, hier alles tipptopp in Ordnung zu halten«, fasste sie zusammen.
Harry nickte.
Alice wartete ab, ob er noch etwas sagen wollte, stellte fest, dass das nicht der Fall war, und senkte auf der Suche nach weiteren Fragen den Blick wieder auf den Desktop.
Die Hintertür flog auf, und Jake kam pfeifend auf sie zugerollt, ein Tablett mit Eistee und Gläsern auf dem Schoß.
Harry starrte erst ihn und dann Alice an. »Ist Ihr Sohn … ich meine, ist er … krank?«
Alice spürte einen Anflug von Ärger.
»Er ist nicht krank. Er ist querschnittsgelähmt«, sagte sie mit ausdrucksloser Stimme. »Und er ist nicht mein Sohn, sondern …«
Sie verstummte, war verwirrt und wusste nicht, wie sie Jakes Anwesenheit erklären sollte. »Er ist ein Freund der Familie«, sagte sie schließlich.
Harry wurde rot und murmelte eine Entschuldigung.
Jake stellte das Tablett auf den Tisch. »Ist es okay, wenn ich mich dazusetze?«
Alice nickte und wandte sich erneut dem Laptop zu. »Also … leichte Bauarbeiten. Was können Sie mir darüber erzählen?«
Sie sah, dass Harry tief einatmete und sich aufrechter hinsetzte.
»Ich kann gut mit der Kreissäge umgehen, mit dem Hobel, der Abrichte und der Schleifmaschine. Basics eben. Gelernt habe ich das bei der Arbeit für meine Mom und meinen Stiefvater. Ihre Firma heißt Romano Landscaping«, sagte er und deutete auf seinen Lebenslauf, der auf dem Bildschirm zu sehen war. »Wir haben kleinere Aufträge für Firmen und Privatkunden auf Long Island ausgeführt. Von allem ein bisschen.«
Landschaftsgärtnerei, Bewässerungssysteme und Gehölzschnitt, las Alice. All das konnte sich bei ihrer zukünftigen Obstplantage als nützlich erweisen.
Sie nickte zustimmend. »Okay, Sie haben also für Ihre Mutter gearbeitet. Vertrauenswürdig sind Sie, nehme ich an?«
Harry schwieg. Lange. Alice klappte ihren Laptop zu und schlug vor, einen Blick auf die Bienen zu werfen.
Noch außerhalb des Bienengartens erläuterte sie Grundlegendes zur Errichtung von Bienenstöcken und zur Ausrichtung des Gartens. In der Luft wimmelte es von winzigen goldenen Körpern. Das ungeübte Auge sah nur ziellose Bewegungen, aber wenn man wie Alice auf die Flugmuster achtete, erkannte man, dass jede Gruppe auf ein bestimmtes Ziel zusteuerte und dann wieder zurückkam. Der Garten summte, eine leichte Brise setzte das Gras und die Zweige der hohen Tannen in Bewegung. Im Dunkel des Waldes rief ein Goldspecht wick wick wick. Alice stieß die Pforte auf und betrachtete den nächstgelegenen Bienenstock. Sie nahm eine Heckenschere aus dem Werkzeugkasten und stutzte mit einigen raschen Schnitten das Gras. Mit dem Rasenmäher kam sie nicht nahe genug heran, und die laute Motorsense mochten die Ladys nicht. Das war die Art von Aufgaben, bei denen sie Hilfe brauchte, erklärte sie. Die richtige Belüftung war entscheidend für das Überleben eines Bienenvolks. Deshalb mussten die Fluglöcher im Sommer von Gras und im Winter von Schnee befreit werden. Beim Reden beugte sie sich vor, um einen weiteren Eingang zu bearbeiten.
Zu dritt umrundeten sie den Bienengarten, und Alice wies auf den Unterschied zwischen Brut- und Honigräumen hin. Sie erklärte, dass sie später im Sommer schwer vor Honig und Brut sein würden. Das war der Grund, warum sie einen starken Rücken brauchte. Ein voller Honigraum konnte bis zu fünfundvierzig Kilo wiegen.
Sie sprach kurz darüber, wie sich mithilfe von Teilungen und neuen Schwärmen die Anzahl der Bienenstöcke erhöhen ließ, ging aber nicht allzu sehr ins Detail. Sie deutete auf die umgestürzte Leiter und die Traube von Bienen, die sich in demselben Baum erneut zu einem summenden Klumpen zusammengefunden hatte.
»Dieser Schwarmfang ist schiefgegangen«, sagte sie. »Dabei ist es eigentlich ziemlich leicht.«
Harry nickte, wirkte aber keineswegs überzeugt, und Jake schnaubte erneut vor Lachen. Alice betrachtete den Schwarm und überlegte, ob sie den jungen Mann als eine Art Test bitten sollte, ihr beim Einfangen zu helfen. Ein Blick auf die Uhr an ihrem immer noch pochenden Arm sagte ihr jedoch, dass sie zurück ins Büro musste. Darum ging sie mit Harry zur Scheune, wo sie ihm eine leere Beute zeigte und die Rähmchen herausnahm, damit er sah, wo die Bienen das Wachs erzeugten, ihre Eier legten und den Honig lagerten. Jake saß dabei und hörte mit aufmerksamer Miene zu.
»Ich kann Ihnen alles beibringen, was Sie wissen müssen. Wahrscheinlich würde ich beim Grasschneiden und der Pflege der Beuten anfangen. Wie gesagt, wenn es wärmer wird, ist die Belüftung sehr wichtig, das Gras steht also jeden Tag auf dem Programm.«
Bot sie Harry gerade den Job an? Die Vorstellung, noch mehr Bewerber zu befragen, ermüdete sie, und der Junge schien in Ordnung zu sein. Trotzdem wünschte sie, er würde endlich etwas sagen. Harry schwieg, zog den leeren Bienenstock auseinander und betrachtete die Rähmchen in seinem Inneren. Er nahm das Dach herunter, drehte es in den Händen und setzte es wieder auf die Beute. Die Sekunden verstrichen. Alice hatte es eilig, zurück zur Arbeit zu kommen, und sie ärgerte sich, weil er ihr offenbar nicht zuhörte. Sie räusperte sich.
»Also? Noch Fragen zu dem Job, Harry? Ich schätze, es ist ziemlich …«
»Warum verlegen Sie den Eingang nicht an die Oberseite?«, fiel er ihr ins Wort. »Der ist doch wie eine Haustür für die Bienen, oder? Wenn es ein Problem darstellt, dass das Loch von Gras und Schnee blockiert wird, sollten Sie die Haustür vielleicht einfach nach oben verfrachten. Bei dem Ding da drüben ist das so. Warum nicht bei den anderen?«
Alice folgte seinem Blick zu einem der neuen, durch Teilung gewonnenen Schwärme und wandte sich wieder dem Bienengarten zu. Das Flugloch war mit Fingerhirse zugewachsen, stellte sie entnervt fest. Die Bienen flogen durch einen Spalt an der Oberseite hinein und heraus, wo die Zarge des Brutraums gerissen war und das Dach nicht vollständig abschloss.
»Verdammt noch mal …«, brummte sie.
Alice griff nach ihrem Hut und dem Schleier, zog sich die Handschuhe über und öffnete die Beute, um ein Rähmchen aus der Mitte herauszuziehen. Es sah aus, wie es aussehen sollte, war mit einer Schicht Brutzellen, Honig und Pollen überzogen. Sie setzte es wieder ein und achtete sorgfältig darauf, das Dach leicht schräg aufzusetzen, damit der Eingang offen blieb. Ihr schwirrte der Kopf. Sie hatte noch nie von einer Magazinbeute gehört, bei der das Flugloch oben angebracht war, aber sie sah keinen Grund, warum das nicht funktionieren sollte. Und wenn es funktionierte, hatte Harry ihr soeben unzählige Stunden Wartungsarbeit erspart.
Sie ging wieder zu den Jungs zurück, wie sie sie im Geist bereits nannte.
»Wann kannst du anfangen?«, fragte sie lächelnd.
An diesem Abend saß sie nach der Arbeit am Esstisch, ging den Bienenkalender durch und überprüfte ihre Kontoauszüge, während sie sich zwang, ihre juckenden Unterarme in Ruhe zu lassen. Ihr Budget war eng, aber sie würde Harry nur für zwanzig Wochenstunden bezahlen. Was für ein komischer Vogel, dachte sie kopfschüttelnd. Entweder er schwieg, oder es sprudelte nur so aus ihm heraus. Auf einmal musste sie über sich selbst lachen. Alice Holtzman mit einer tollpatschigen Teilzeitkraft und einem Mitbewohner im Teenageralter. Wer hätte das gedacht?
Sie riss eine Tüte Erdnussbutter-Plätzchen auf und blickte aus dem Fenster auf Jake, der langsam den Garten umrundete. Mit dem schwarzen, zu wilden Spikes frisierten Haar ähnelte er einem römischen Wachposten. Seufzend knabberte sie an einem Plätzchen. Ein Teenager wohnte bei ihr, der introvertierten Alice. Alice Island. Er und seine Freunde hatten sie überreden können, ihn eine Weile bei sich zu behalten. Sie lächelte bei der Erinnerung, wie sie, bereit zum Kampf gegen Ed Stevenson, zur Tür hineingestürmt war und stattdessen drei Teenager und einen Topf verbrannten Reis vorgefunden hatte.
Als der Rauch sich verzogen hatte und Alice nicht mehr herumbrüllte, hatte sie Jakes junge Freunde namens Noah und Celia kennengelernt. Sie hatten die Möbel umgestellt, was sie verwirrte. Andererseits hatten sie Dinner für alle gekocht. Es wäre unhöflich gewesen, die Einladung abzulehnen, das wusste sie. Widerwillig setzte sie sich, um mit ihnen zusammen zu essen, und teilte Jake mit, dass sie nach dem Dinner etwas mit ihm zu besprechen hatte. Alices düstere Stimmung legte sich über den Esstisch wie eine Decke. Nur das Geräusch der Gabeln auf den Tellern und das Kauen waren zu hören.
»Diese jungen Leute sind bei dir zu Gast, Alice!«, zischte ihr die Stimme ihres Vaters ins Ohr. Seufzend legte sie ihre Gabel ab.
»Es schmeckt wirklich köstlich«, sagte sie mit gezwungenem Lächeln. »Danke, Celia.«
Als hätte sie nur auf diese Gelegenheit gewartet, erwiderte Celia wie aus der Pistole geschossen: »Tatsächlich hat Jake das Essen gekocht, Mrs Holtzman. Ich habe ihm nur bei dem Rezept geholfen. Die Arbeit hat er ganz allein gemacht.«
Sie sah Jake an, der den Blick auf den Tisch gesenkt hatte.
»Ich habe sie gebeten, mir beim Umräumen der Küche zu helfen, damit ich an die Kochsachen herankomme«, sagte Jake. »Wir stellen alles wieder an seinen Platz zurück, keine Sorge.«
Alice sah sich im Wohnzimmer um und verstand. Sie aß noch einen Bissen von den Hühnchen Enchiladas, die ziemlich gut waren. Genau wie die Bohnen. Herrgott noch mal, der Junge hatte sogar einen Salat gemacht! Alice konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt eine selbst gekochte Mahlzeit bekommen oder ihr Abendessen nicht über der Küchenspüle eingenommen hatte. Als sie fertig war, wischte sie sich den Mund an ihrer Serviette ab und stand auf.
»Zeig es mir«, sagte sie.
Jake erklärte ihr, wie Celia die Koch- und Backutensilien sinnvoll umgeräumt hatte. Anfangs klang er zögerlich, doch sein Selbstvertrauen wuchs, als er feststellte, dass Alice fasziniert war. Seine Freunde standen hinter der Küchentheke und feuerten ihn mit Zwischenrufen an wie ein Cheerleading-Team.
»Zeig ihr die Speisekammer«, sagte Noah. »Und dass wir die Pfannen so aufgehängt haben, dass du drankommst.«
»Die Eismaschine steht jetzt ganz oben bei den Konservendosen, Mrs Holtzman«, sagte Celia.
Alice nickte beeindruckt. Schließlich hatten die Holtzmans Initiative und Organisationstalent immer schon bewundert. Außerdem nahm die jugendliche Begeisterungsfähigkeit der drei Alice für sich ein, eine Eigenschaft, die sie nicht gewöhnt war. Aber nun war sie da, eine Macht, mit der man rechnen musste.
»Nun«, sagte Alice. »Gute Arbeit, ich bin beeindruckt. Danke für das Dinner. Aber jetzt muss ich ein paar Sachen erledigen. Könnt ihr drei noch den Abwasch machen, bevor Noah und Celia wieder nach Hause fahren?«, fragte sie Jake.
Dann entschuldigte sie sich und ging in ihr Schlafzimmer, um so tun zu können, als sähe sie nicht, wie sie einander abklatschten und ihren Erfolg feierten. Das war nun zwei Wochen her, und Alice stellte erstaunt fest, wie sehr sie sich an Jakes Gegenwart gewöhnt hatte.
Indem sie Harry einstellte, hatte sie das Problem der schweren körperlichen Arbeit gelöst. Und was Jake betraf: Der würde vorläufig ihr Gast sein. Vom Esstisch aus sah sie, wie er bei einem der neuen Bienenstöcke anhielt. Nachdem seine Freunde an dem Abend aufgebrochen waren, hatte sie offen über die körperlichen Anforderungen des Jobs mit ihm gesprochen, für den sie jemanden einstellen wollte, und er hatte eingeräumt, dass es mehr war, als er zu leisten imstande war. Er hatte den Blick gesenkt, und Alice spürte, wie ihr das Herz in die Hose rutschte.
»Es tut mir leid, Jake«, sagte sie. »Ich hätte mich klarer ausdrücken müssen.«
Er schüttelte den Kopf, versuchte zu lächeln und sagte, er wisse, dass sie ihm nur helfen wolle. Als sie dort saß und in sein junges Gesicht blickte, brachte sie es nicht über sich, ihn nach Hause zu schicken. Sie schlug ihm vor, eine Weile bei ihr zu bleiben, bis er sich überlegt habe, was er als Nächstes tun wollte. Der Vorschlag schien ihn aufzuheitern, und er bedankte sich. Ihr wurde klar, dass sie sich selbst in die Ecke gedrängt hatte, und ihr sank ein wenig der Mut, aber es war ja nicht für immer. Außerdem war sie überrascht, wie sehr sie diesen lustigen und cleveren Jungen mochte. Sie war immer gern für sich gewesen, hatte das Alleinsein im Grunde jeder Gesellschaft vorgezogen. Die Anwesenheit anderer ermüdete sie, gab ihr beinahe das Gefühl, einsam zu sein. Aber mit Bud hatte sich das geändert.
Der Gedanke an Bud traf sie unvorbereitet, und auf einmal schnürte es ihr vor Einsamkeit die Kehle zu. Sie griff nach der Kekspackung und aß einen Keks nach dem anderen in dem Versuch, den größer werdenden Schmerz zu unterdrücken. Es funktionierte nicht. Sie schnappte sich ihr Schlüsselbund, stieß die Tür auf und winkte Jake zum Abschied zu.
»Besorgungen!«, rief sie.
Er winkte zurück.
Alice sprang in den Wagen und raste die Straße hinunter, dem blendenden Licht der untergehenden Sonne entgegen. Unterwegs zu sein half ihr, sich zu beruhigen. Bei offenen Fenstern mit dem Wind in den Ohren im Pick-up zu sitzen machte es ihr irgendwie leichter, den Kummer innerhalb der Grenzen ihres Körpers zu halten. Andernfalls wäre sie vielleicht in zwei Hälften zerbrochen. Einmal hatte sie die halbe Strecke nach Seattle zurückgelegt, hinterher aber keinerlei Erinnerung mehr an die lange Fahrt gehabt. Sie wusste nur, dass sie Kilometer um Kilometer gefahren war und sich ins Gewissen geredet hatte: Jetzt reiß dich endlich zusammen, Alice. Du schaffst das. Schluck’s einfach wieder runter. Solange sie es an fünf Tagen in der Woche um 8:30 Uhr zur Planungsabteilung des Countys schaffte, musste niemand wissen, dass Alice Holtzman aus einer Million winzigen Bruchstücken bestand, die von Cookies, einsamen Autofahrten und purer Entschlossenheit, nicht in aller Öffentlichkeit den Verstand zu verlieren, zusammengehalten wurden.
Sie fühlte die warme Abendluft auf dem Gesicht und konzentrierte sich auf ihre Atmung. Im Vorbeifahren nannte sie die vertrauten Wegmarken beim Namen und sorgte dafür, dass ihre Gedanken an der Oberfläche der Dinge verweilten. McCurdy Farms, Obst und Gemüse, das Twin-Peaks-Drive-in, der Gebrauchtwarenladen Eagle One Thrift Store, Brautmoden Novedades Ortiz, das Restaurant Bette’s Place, die Bibliothek des Countys. Immer ein Gebäude nach dem anderen. Beton und Backsteine und keine Notwendigkeit, über ihre Gefühle nachzudenken. Mittels dieser Strategie arbeitete sie sich in die Stadt vor und stand auf einmal am Wasser. Sie beschloss, einen Spaziergang zu machen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.
Der Sonnenuntergang verwandelte den Fluss in ein Band aus Gold, dessen Schönheit ihr verkrampftes Herz beruhigte. Eine Handvoll Kiteboarder ritten auf den Flügeln des Abendwinds, leidenschaftliche Surfer, die schon früh in der Saison jede Minute ausnutzten. Ein Stückchen weiter, in der Nähe des Parks, hatte sich eine kleine Gruppe auf dem überdachten Picknickplatz versammelt. Alice ging darauf zu, hielt sich aber am Straßenrand, um ihre Einsamkeit zu bewahren. Auf einer Erhebung im Rasen erblickte sie Stan Hinatsu. Er hielt ein Schild hoch, auf dem stand: »SupraGro hat in der Gorge nichts zu suchen!« Alice fiel wieder ein, wie zornig er am Ende des Meetings mit CP gewesen war. Sie ging noch näher heran und blieb hinter der Gruppe stehen.
»… Kohle, die sie durch unsere Gemeinden und am Fluss entlang transportieren. Ich muss euch nicht daran erinnern, dass aus dem Cascadia-Pacific-Zug, der in Mosier entgleist ist, kaum hundert Meter von der Mosier Community School entfernt eine Ladung Rohöl aus der Bakken-Formation ausgelaufen ist. Inzwischen geht es um mehr als nur die Züge. Cascadia hat vor Kurzem SupraGro gekauft, einen Pestizidhersteller, der von Bürgergruppen in Nebraska und Nordkalifornien wegen der Zerstörung örtlicher Wassereinzugsgebiete verklagt wurde. Und als Partner dieser Firma bietet Cascadia deren Erzeugnisse den Farmern und Obstbauern zum Gebrauch hier in der Columbia River Gorge an, und zwar mit hohen Preisnachlässen. Das wird Auswirkungen auf sämtliche Quellen im Tal haben. Ich spreche über Gemeinden von Parkdale und Pine Grove bis zu Mosier und The Dalles. Und über Wasserquellen vom Dog River und Hood River bis zum White Salmon und dem Klickitat. Die Abwässer landen direkt in den Gebieten, aus denen wir unser Trinkwasser beziehen, in dem Wasser, in dem unsere Kinder schwimmen und die Lachse laichen.«
Es sei höchste Zeit, etwas dagegen zu unternehmen, sagte er. Stan forderte die Leute auf, ihre zuständigen Landräte anzurufen, in der nächsten Woche an der Stadtratssitzung teilzunehmen und die Menschen in den jeweiligen Orten anzusprechen.
Geplagt von einem Gedanken, den sie nicht ganz fassen konnte, hörte Alice zu. Sie holte ihr Handy heraus und googelte SupraGro. Da war es. SupraGro hatte in den genannten Kleinstädten in Kalifornien und Nebraska ganze Honigbienenvölker dahingerafft, und zwar sowohl die Tiere kommerzieller Unternehmen als auch von Hobbyzüchtern, wie sie einer war. Sogar eine Forschungsfarm der Universität von Nebraska war betroffen. Tausende Bienenvölker waren gestorben. Millionen von Bienen.
Alice hatte in einem Imkerblog darüber gelesen, der einen Artikel der Washington Post verlinkt hatte. Der Teil mit den Bienen verbarg sich am Ende der Geschichte über die Gerichtsverfahren, die sich auf die Sicherheit des Trinkwassers konzentrierten. In dem Bericht hieß es, die Bienen seien entweder durch das kontaminierte Wasser oder durch den Sprühnebel umgekommen. Noch Jahre später hatten sie sich nicht wieder erholt, und in den Städten, die Hochburgen der Pestizidfirma waren, gingen die Verluste Jahr um Jahr weiter.
Alice hörte neben sich eine Kamera klicken, und sie sah Pete Malone, der ein Foto von Stan und der restlichen Gruppe schoss. Sie mochte Pete, der im Abschlussjahr in ihrem Englisch-Leistungskurs gewesen war. Er schrieb schon seit Jahrzehnten für die Hood River News. Pete war immer vor Ort, stellte Fragen und machte Fotos – beim Stadtfest, im Stadtrat, bei den jährlichen Wild Wiener Dachshund Dash, dem Dackelrennen. Ihre Blicke trafen sich, und er nickte ihr zu.
Stan packte seine Sachen zusammen. Er dankte den Leuten für ihr Kommen und bat alle, der Facebook-Seite des Wasserschutzverbandes von Hood River ein Like zu geben. Als er fertig war, fingen die Leute sofort an, miteinander zu reden, denn in Hood River war sogar Umweltaktivismus eine willkommene Gelegenheit zum Plaudern. Sie sah, wie Stan sich einen Weg durch die Menge bahnte, und erschrak, als er vor ihr stehen blieb.
»Hey, Alice«, sagte er. »Danke, dass Sie gekommen sind. Es ist gut zu wissen, dass jemand vom County aufpasst.«
»Was? Ich … nein, tut mir leid. Ich bin zufällig vorbeigekommen und nur stehen geblieben, um zu hören, worüber Sie sprechen. Ich bin nicht im Auftrag des Countys hier oder …«
Stan lächelte sie an, verlagerte das Gewicht auf die Fersen und schloss die Arme um sein Klemmbrett. »Na klar, ich weiß, dass Sie nicht im Dienst sind. In diesem Augenblick sind Sie keine Mitarbeiterin des Countys. Sie sind Alice Holtzman, eine besorgte Bürgerin. Richtig?«
Sie hörte die Kamera klicken, aus dem Augenwinkel sah sie Pete.
»Nein. Ich meine … ja. Ich bin eine besorgte Bürgerin. Mich interessiert diese Gemeinde und mit wem sie Geschäfte macht. Natürlich tut es das.«
Klick, klick, klick machte die Kamera.
»Genau so habe ich es gemeint«, sagte Stan.
Klick, klick, klick.
»Aber ich kann … ich bin nicht … verdammt noch mal, Pete, hörst du jetzt endlich damit auf?«
Alice hatte die Stimme erhoben und starrte Pete, der nur leicht verlegen wirkte, wütend an.
»Bürgerversammlung, Alice«, sagte er schulterzuckend, während er die Kamera auf den Rest der Menschenmenge richtete.
Alice drehte sich wieder zu Stan, der immer noch lächelte.
»Hören Sie zu. Ja, ich bin eine besorgte Bürgerin, aber ich möchte nicht, dass Sie mich zitieren und als Abgesandte des Countys hinstellen. Bis jetzt verstehe ich nicht mal genau, was hier los ist.«
Tatsächlich verstand sie bereits genug. Sie wusste nur nicht, was zum Teufel sie dagegen tun sollte. Stan sah ihr das offenbar an, denn er hielt ihr sein Klemmbrett hin.
»Geben Sie mir einfach Ihre E-Mail-Adresse, Alice. Wir halten Sie auf dem Laufenden.«
Sie atmete durch, nahm ihm den Stift aus der Hand und schrieb rasch ihre Mailadresse auf.
Klick, klick, klick.
Als sie den Kopf hob, war Pete in der Menge verschwunden. Irritiert stellte sie fest, dass Stan sogar noch attraktiver war, wenn er lächelte.
»Danke, Alice. Ich melde mich, okay?«
»Klar, Stan. Bis dann.«
Sie ging am Fluss entlang, wo die Sonne hinter die Kammlinie gesunken war und der Himmel über den Bäumen eine hellgrüne Farbe angenommen hatte. Der Westwind liebkoste ihr Gesicht.
Was hatte Dr. Zimmerman gesagt? Alte Muster auflösen. Einen Weg aus alten Gewohnheiten finden und die Dinge auf neue Art betrachten. Es war zwar unangenehm, aber der einzige Weg hinaus führte mitten hindurch. Das Leben musste sich anders anfühlen, um anders zu werden, hatte sie gesagt. Na ja, »anders« kann man es auch nennen, dachte Alice. Sie ging weiter, bis der Weg am Wasser endete, und weil ihr nichts anderes übrig blieb, machte sie kehrt und ging auf demselben Weg zurück.