Wer die Gewohnheiten der Bienen aufmerksam beobachtet, wird oftmals geneigt sein, den kleinen Lieblingen eine Intelligenz zuzusprechen, die beinahe, wenn auch nicht vollständig, mit Verstand zu vergleichen ist.
Jake saß in der Nachmittagssonne vor den Bienenstöcken und schloss die Augen. Er spürte ein warmes Summen in der Brust und staunte über die Töne, die er hörte, die Geräusche von Bienen bei der täglichen Arbeit. Er fragte sich, warum in keinem der Bücher über Bienenzucht von diesem melodischen Brummen die Rede war, von diesem Lied, dieser goldenen Hymne. Sie kam ihm sehr bedeutsam vor. Er hatte Alice gefragt, was die Bienen einander mitteilten, aber sie hatte es auch nicht gewusst. Sie sagte, die Töne kämen durch die Vibrationen der zarten Flügelchen zustande, die man bei einer fliegenden Biene mühelos hören konnte. Aber sie wusste nicht, worüber sie sich innerhalb des Stocks verständigten. Die Königin und die meisten Arbeiterinnen verbrachten ihr ganzes Leben im pulsierenden, lichtlosen Inneren eines Bienenstocks, also mussten die Geräusche eine Art Werkzeug sein. Vielleicht hörten sie den Ton auf dieselbe Weise wie Jake. Er bedeutete: »Wir sind hier, alles ist in Ordnung. Wir sind zu Hause.«
Jake hatte sich seit seiner frühen Kindheit nirgendwo mehr zu Hause gefühlt, aber was er jetzt empfand, kam einem Heimatgefühl ziemlich nahe. Dieses neue Gefühl hatte sich in seiner Brust niedergelassen. Er legte sich eine Hand aufs Brustbein und spürte, wie es sich mit dem Atem hob und senkte. Was war das für eine Empfindung? Er brauchte eine Weile, um sie in Worte zu fassen. Ruhe. In der Zeit, die er bei den Bienen verbrachte, in diesen Stunden und Minuten baute sich ein Gefühl der Ruhe in ihm auf, langsam aber sicher, genau so, wie die Honigbienen ihre Honigspeicher aufbauten.
Obwohl er seit mehr als zwei Wochen bei Alice wohnte, empfand Jake noch immer jeden Morgen beim Aufwachen heftige Erleichterung, sobald ihm bewusst wurde, dass er sich nicht im Fertighaus seiner Eltern befand. An diesem Morgen hatte er im Bett gelegen, den alarmierten Rufen der Wachteln und den umherschwirrenden Vögeln gelauscht, bei denen es sich laut Alice um Trauertauben handelte. Nachdem der Hahn bereits eine Weile gekräht hatte, zog er sich aus dem Bett. Alice stand immer als Erste auf, und er hörte sie in der Küche Kaffee kochen. Das führte dazu, dass er seine Mom vermisste, aber nicht genug, um sich in ihr Haus zurückzuwünschen.
Seine Mutter hatte nicht viel gesagt, als sie kürzlich vorbeigekommen war. Obwohl er ihr am Telefon versichert hatte, dass es ihm gut ging und ihm lieber Noah seine Sachen bringen sollte, hatte sie darauf bestanden, ihn zu besuchen. Sie hatte eine Reisetasche mit Kleidung für ihn mitgebracht, mehrere Behälter mit Einmalkathetern, seinen Laptop und die Trompete, die sie aus den Tiefen seines Kleiderschranks ausgegraben haben musste. Zuletzt holte sie sein Longboard von der Rückbank ihres Wagens, was Jake ein Lächeln entlockte. Seine gute alte Mom. Klar, dass sie daran gedacht hatte.
Sie nahmen an dem Picknicktisch im Schatten der großen Pappel Platz, und Jake erzählte ihr von den Bienen, von der Königin, ihren Arbeiterinnen und den Drohnen. Er beschrieb ihr das Eulenpaar, das er nachts im Wald rufen hörte, und den Kojoten, den er in der Abenddämmerung am Rand des Teiches stehen sah. Er erzählte ihr nicht, dass ihm bei seinem Anblick jedes Mal das Herz wehtat, weil er an Cheney denken musste.
Die Hände im Schoß zu Fäusten geballt, saß seine Mom da, und Jake wusste, dass die Bienen sie im Grunde nicht interessierten. Tränen stiegen ihr in die Augen und rollten über ihre Wangen hinab. Sie nahm die Brille ab, zog ein Papiertaschentuch aus dem Ärmelbündchen ihres Pullis und tupfte sich die Augen ab.
»Mom, es ist in Ordnung, wirklich. Mir geht es hier gut. Du musst dir keine Sorgen machen.«
Sie schüttelte den Kopf und griff über den Tisch, um seine Hand zu drücken. »Ich bin deine Mutter, Jacob. Es ist mein Job, mir Sorgen um dich zu machen.«
Die unausgesprochenen Fragen hingen zwischen ihnen in der Luft. Was würde mit Jake passieren? Was für ein Leben würde er führen? Konnte er auf sich selbst aufpassen? Einen Job finden? Irgendwann aufs College gehen? Diese Fragen waren aufgetaucht, als ihm vor einem Jahr sein Leben um die Ohren geflogen war, und bis jetzt hatte er noch keine klaren Antworten darauf gefunden. Jake vermied es, über die Besonderheiten seiner Lage mit seiner Mutter zu reden, aber er wusste, dass sie ihr ebenso bewusst waren wie ihm.
»Hör mal, Mom. Du bist wirklich großartig, aber ich bin immer noch … ich hänge immer noch in dieser Stadt fest, und ich muss ein paar Dinge für mich klären. Mit Dad zusammenzuleben war dabei nicht hilfreich. Absolut nicht.«
Sie wischte sich die Augen und nickte. Seine Mutter unternahm nicht einmal den Versuch, Ed zu verteidigen, bemerkte Jake erleichtert. Er hasste es, wenn sie sagte, dass sein Vater nicht meinte, was er sagte, und dass er Jake im Grunde liebte. Blablabla. Zorn stieg in ihm auf, als er an Eds rotes Gesicht und seine höhnische Miene dachte. Er ballte die Fäuste auf dem Tisch.
»Er ist so ein Arschloch, Mom!«
Tansy schüttelte den Kopf, griff in ihre Handtasche und holte ein Hustenbonbon heraus. Jake sah zu, wie sie es auswickelte, sich in den Mund steckte und das Papier zu einem kleinen Viereck faltete, ehe sie es in ihrer Handtasche verschwinden ließ. Auf diese Art beruhigte sie sich, und dann setzte sie das heitere Gesicht auf, das sie immer zur Schau stellte, ob sie nun betete oder ihren bescheuerten Ehemann den Fernseher anschreien hörte oder ihn bei noch Schlimmerem beobachtete. Das erste Mal hatte Jake diese Miene gesehen, als Ed beim Abendessen seinen Teller an die Wand geworfen hatte und aus dem Haus gestürmt war. Seine Mutter fegte das Chaos zusammen und machte dem zehnjährigen Jake Makkaroni mit Käse, wobei sie Herr, mach mich zum Werkzeug deines Friedens summte.
Jetzt versuchte sie zu lächeln.
»Du bist ein kluger Junge, Jake. Du wirst dir ein gutes Leben aufbauen. Wenn du vorläufig bei Mrs Holtzman bleiben willst, ist das in Ordnung. Sie scheint eine gute Christin zu sein, und wir sind ihr für ihre Freundlichkeit sehr dankbar.«
Jake unterdrückte ein Grinsen, als er daran dachte, dass Alice noch am Tag zuvor geschimpft hatte wie ein Rohrspatz, weil sie den Traktor hatte absaufen lassen.
Erneut drückte seine Mutter ihm die Hand. »Ich werde immer für dich da sein, mein Schatz. Und ich werde jeden Tag für dich beten.«
Sie umarmte ihn, und er musste ihr versprechen, sie mindestens einmal in der Woche anzurufen. Dann sah er sie davonfahren und war ein bisschen traurig. Seine liebe Mom.
Als er später die Reisetasche durchwühlte, fand er zwischen ordentlich zusammengelegten Jeans, Hemden, Socken und Unterwäsche sein Skizzenbuch. Erschrocken stellte er fest, dass er seit dem Unfall nichts mehr gezeichnet hatte. Er schlug das Buch auf, und die Bilder sprangen ihn an wie Szenen aus dem Leben eines anderen. Noah, der im Skatepark einen Ollie machte. Noah mit seiner Posaune. Eine Cheerleaderin war zu sehen, die bei einem Footballspiel mit ihren Kolleginnen in einer Reihe hinter der Jazzband stand, ihre Gesichter waren verschwommen. Auf der Tribüne befand sich eine Gruppe von Teenagern. Ein Mädchen mit blauen Haaren und einer Zahnspange brachte die anderen zum Lachen.
Er blätterte um, und sein Herz schlug einen Salto. Cheneys geschmeidiger Körper, der vom Steg am Lost Lake sprang. Cheney, der das Gesicht aus dem Wagenfenster hielt und in den Wind lächelte. Cheney, der am Fußende von Jakes Bett schlief und irgendwie niedlich aussah mit seinem großen Monsterkopf, der auf den Pfoten ruhte. Die Erinnerung tat weh, und Jake schlug das Skizzenbuch wieder zu.
Er nahm einen Umschlag in die Hand, auf dessen Vorderseite »Jake« geschrieben stand. Darin befanden sich zehn Zwanzig-Dollar-Scheine und ein paar Gebetszettel, einer mit der Jungfrau Maria Mutter Gottes und einer mit dem heiligen Ägidius. Auf die Rückseite des Letzteren hatte seine Mutter eine Notiz geschrieben: »Als Sohn eines Atheners und einer Einsiedlerin ist Ägidius der Schutzheilige der Behinderten.« Jake lachte. So etwas konnte nur seiner Mom einfallen. Unter den Zetteln lag ein weiteres Stück Papier. Es war ein amtliches Formular des Staates Oregon. Seine Mutter hatte es ausgefüllt und Ed und sich selbst als Erziehungsberechtigte entfernt. Als mündiger Erwachsener würde Jake seine Behindertenrente direkt ausgezahlt bekommen, stand auf dem Formular. In das Feld für Adressänderungen hatte sie Alices Anschrift eingetragen und eine Briefmarke auf den Rückumschlag geklebt. Seinen monatlichen Rentenscheck hatte sie mit einer Büroklammer daran befestigt und in ihrer perfekten Handschrift unterzeichnet.
Jake schüttelte den Kopf. »Wow! Fantastisch, Mom.«
Er hatte sie unterschätzt. Unter den Blümchenkleidern, dem sorgsam gelockten Haar und dem höflichen Verhalten einer gläubigen Christin verbarg sich eine tatkräftige Frau. Meistens wahrte sie den Frieden und schmeichelte sich bei ihrem übellaunigen Ehemann ein. Aber auch sie hatte ihre Grenzen. Jake erinnerte sich an die Zeit, als sie es leid war, Ed zu bitten, seine leeren Bierdosen abends aus dem Wohnzimmer zu entfernen. Eines Tages, er war bei der Arbeit, packte sie die Dosen in einen Müllbeutel, den sie mit einem Kissen und einer Decke neben die Couch legte, und ging früh zu Bett. Bei der Heimkehr fand Ed ein dunkles Haus, kein Abendessen und eine verschlossene Schlafzimmertür vor. Sie haben nie darüber gesprochen, aber danach landeten seine Dosen regelmäßig in der Wertstofftonne.
Jake sank der Mut, als er sich vorstellte, was passieren würde, wenn sein Vater den fehlenden Betrag auf dem gemeinsamen Bankkonto bemerkte. Wenige Wochen nach seiner Rückkehr aus dem Rehazentrum in Portland hatte er gehört, wie sie sich über dieses Thema stritten.
»Jacob muss Geld für seine Zukunft zurücklegen, Edward.« Die Stimme seiner Mutter drang durch die dünne Wand in sein Zimmer. Ed gab etwas zurück, das er nicht verstehen konnte.
»Das stimmt nicht, Edward«, sagte seine Mom.
Jake öffnete die Tür einen Spaltbreit.
»Der Junge geht nirgendwohin. War immer schon faul. Werd ihm todsicher nicht noch mehr Geld in den Hintern schieben.«
Bei der Erinnerung biss Jake die Zähne zusammen. Na klar doch, Ed. Ich mach hier Spritztouren im Rollstuhl und lass mir ansonsten den Hintern pudern. Hoffentlich würde nicht seine Mutter die Hauptleidtragende seiner Entscheidung sein.
Nun lauschte er erneut auf den goldenen Widerhall des Bienenstocks vor ihm. Es reizte ihn, näher heranzufahren und das komplizierte Leben im Inneren der Beute zu betrachten. Er dachte an Harry, und in seinem Bauch begann es vor Eifersucht zu rumoren. Der Typ schien sich nicht mal für die Bienen zu interessieren. Durch die Bücher, die er gelesen hatte, wusste Jake bereits eine Menge über sie. Aber die verdammten Beuten waren zu hoch, und Jake war klar, dass er die nötigen Arbeiten nicht verrichten konnte.
Er betrachtete Bienenstock Nr. 6, in dem über dem Anflugbrett zwei Bruträume und ein Honigraum aufeinandergestapelt waren. Die Abdeckung befand sich hoch über seinem Kopf. Er war nicht einmal in der Lage, die Blechhaube abzunehmen, wie er es bei Alice gesehen hatte, ganz zu schweigen davon, einen Blick auf die Rähmchen zu werfen. Es war verdammt frustrierend. Seit er aus der Reha zurück war, hatte er sich nicht mehr erlaubt, Interesse für irgendetwas aufzubringen. Nichts konnte in die dunkle Blase vordringen, in der er lebte, nachdem er jegliche Hoffnungen und Pläne für die Zukunft aufgegeben hatte. Nun schien ihn dieses glänzende, lebendige Ding zu rufen, dieses magische Leben im Bienenstock. Er beugte und streckte die Finger vor Lust, etwas zu tun. Die Beute stand direkt vor ihm, und dennoch war es unmöglich.
Jake fuhr an den neuen Bienenstöcken vorbei, die Alice in Portland gekauft hatte, und blieb unvermittelt stehen. Die weiß angestrichenen und von Nummer dreizehn bis vierundzwanzig mit schwarzem Fettstift durchnummerierten neuen Beuten waren jeweils nur einen Brutraum hoch. Jake verweilte neben der Nummer dreizehn. Die Wabenrähmchen dieser Beute konnte er mühelos erreichen, stellte er mit wachsender Erregung fest. Er sollte lieber warten und Alice fragen, dachte er. In wenigen Stunden würde sie wieder zu Hause sein. Doch dann dachte er: Ach verdammt, warum warten? Was kann es schon schaden?
Er schloss die Augen und sah die Arbeitsschritte vor sich, die er so häufig bei ihr gesehen hatte: den Smoker anzünden, die Abdeckung lösen, eine Rauchwolke ausstoßen, vorsichtig den Deckel abnehmen. Das würde er schaffen. Er lauschte auf das Summen und spürte die Vibration in der Brusthöhle, als beherbergte sein eigener Körper ein Bienenvolk. Dann hörte er noch etwas. Der neue Ton hatte einen ganz eigenen Klang. Er lauschte angestrengt, dann hörte er ihn ein weiteres Mal. Es war ein sphärischer Ton, ein bisschen höher als die anderen, wie ein Oberton. Was war das? Er musste es wissen.
Er griff nach einem Stockmeißel und einem Paar Handschuhe. Als er einen Hut mit Schleier aufzusetzen versuchte, passte beides nicht über seine Haare. Er setzte den Hut wieder ab und betrachtete den Smoker. Nicht alle Bienenzüchter arbeiteten mit Rauch, hatte er gelesen. Die Imker in den Videos der Oregon State University, die er sich angesehen hatte, verzichteten sogar auf Schleier und Handschuhe. Er legte auch die Handschuhe ab. Er würde es so versuchen, wie er war. Er manövrierte den Rollstuhl so nah an die Bienenstöcke heran, dass sich Nummer dreizehn auf seiner rechten, also der starken Seite befand. Er schloss die Augen und lauschte. Das Summen ließ sich in seiner Brust nieder. Sein Atem ging langsamer, und er hörte sie erneut, diese goldene Note, die sich über alle anderen erhob. Er summte mit, traf den Ton. Er atmete ein, atmete aus und löste die Blechhaube. Sie ließ sich leicht abnehmen, weil die Beute neu und noch nicht gründlich mit Propolis versiegelt war. Dann hebelte er den Innendeckel auf und legte ihn beiseite. Ein Bienentrio flog auf und hinaus und schwirrte um Jakes Gesicht herum. Die Hände im Schoß und mit geschlossenen Augen saß er da, vollkommen still.
»Hallo Ladys«, murmelte er und ahmte damit Alice nach. »Wollte nur kurz nach euch schauen. Kein Grund zur Beunruhigung.«
Die Wachbienen tanzten ihm für ungefähr eine Minute um Gesicht und Hals herum. Regungslos saß er da, während die Tiere ihm vor den geschlossenen Augen, dem Mund und um die Ohren herum schwirrten. Nachdem sie zu dem Schluss gekommen waren, dass er keine Gefahr darstellte, flogen sie in den Stock zurück. Jake staunte, wie ruhig er blieb, was schließlich zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wurde. Mit dem Werkzeug lockerte er ein Rähmchen im Brutraum, hob es vorsichtig mit zwei Fingern an und hielt es sich vors Gesicht. Auf diesem hier passierte nicht viel. Ein paar Bienen und die Andeutung einer Wachsschicht. Er lehnte das Rähmchen an die Seite der Beute, lockerte ein weiteres und zog es heraus. Er arbeitete sich durch die nächsten beiden Rähmchen, wobei er feststellte, dass auf diesen mehr Aktivität herrschte. Das vierte war schwieriger zu lösen. Er hebelte eine Seite heraus, die klebrig von Propolis war und ihm wieder entglitt. Die Bienen summten klagend. Jake erstarrte, als die Wächterinnen aufflogen, kurz in der Luft schwebten und dann wieder auseinanderstoben. Vorsichtig hob er das Rähmchen mit den Waben hoch und heraus. Es hing ihm schwer zwischen den Fingerkuppen. Genau wie auf den Fotos in den Büchern gab es einen Honigring an der Außenseite, einen Streifen Pollen in der Mitte und verdeckelte Brutzellen unten. Das Rähmchen drohte ihm aus den Fingern zu rutschen, und er zwang sich zur Konzentration. Er atmete durch, setzte es wieder an seinen Platz und machte weiter.
Auch das fünfte Rähmchen war voll, aber beim Herausheben spürte er noch etwas anderes. Er hörte einen leicht veränderten Klang. Da war er – dieser glockenähnliche Ton. Er hätte schwören können, dass es ein Gis war. Er hob das Rähmchen auf Augenhöhe. In der Mitte der von Wachs bedeckten Oberfläche bewegten sich die Arbeiterinnen langsam um einen Mittelpunkt herum. Und da war sie. Inmitten der krabbelnden goldenen Körper sah Jake die Königin. Ihre lange, sich nach hinten verjüngende Gestalt war mit einem hellgrünen Punkt markiert, genau wie Alice gesagt hatte. Sie war erkennbar größer als die Arbeiterinnen, die Flügel reichten weit über ihren Oberkörper herab. Ihre Bewegungen waren langsamer und anmutiger als die der anderen. Er beugte sich vor. Ja, jetzt war er sich sicher. Dieser andere Ton, diese Note kam von der Königin.
Er schloss die Augen und atmete den Duft von Wachs und Honig ein. Sein Herz hämmerte, er fühlte die Vibration im ganzen Körper. Jake wusste, dass er das Leben des Bienenstocks in der Hand hielt. Wenn der Königin etwas zustieß, würden die anderen nicht überleben. Ihm fiel auf, dass er sich eigenartig ruhig und zuversichtlich fühlte. Er würde niemals zulassen, dass ihr etwas passierte. Er öffnete die Augen und betrachtete sie erneut, dann schob er das Rähmchen wieder in den Brutraum, setzte auch die anderen ein und legte den Innendeckel darauf.
Während die Sonne über die Wiese wanderte, ging Jake sechs der zwölf Bienenstöcke durch, langsam, methodisch und vorsichtig, aber ohne Hut, Handschuhe oder Smoker. Er wurde kein einziges Mal gestochen. Nachdem er die zweite Beute wieder verschlossen hatte, erinnerte er sich an Alices Buch mit den Aufzeichnungen und holte es aus der Scheune, um sich Notizen zu machen. So genau wie möglich ahmte er ihre Eintragungen nach, fügte Datum, Uhrzeit, Temperatur und Beutennummer hinzu und beschrieb, was er im Innern der Bienenstöcke gesehen hatte. Er machte ein paar Skizzen. Außerdem wies er mit einem Sternchen am Ende des Eintrags auf diesen besonderen Ton hin. In allen sechs Beuten hörte er ihn und konnte die jeweilige Königin ausfindig machen, sechs grüngetupfte Schönheiten. Er fühlte sich beschwingt und dachte an Harry, der am nächsten Abend kommen und die ersten Arbeitsanweisungen entgegennehmen würde. Jake wollte die Bienen nicht mit ihm teilen, und auch Alices Haus wollte er nicht teilen. Er hatte überlegt, Katz noch einmal einzuladen, während Alice bei der Arbeit war. Aber jetzt würde dieser Typ den halben Tag hier herumhängen.
Der Wind frischte auf, und Jake rollte in die Werkstatt. Er reinigte das Werkzeug mit Waschbenzin und legte es wieder in den Werkzeugkasten. Er war körperlich müde wie seit Monaten nicht mehr. Ein gute Müdigkeit. Er fuhr hinüber in den Schatten, trank seine Wasserflasche aus und schlief ein.
An die Details seines Traums konnte er sich später nicht mehr erinnern. Er wusste nur noch, dass er wieder auf dem Skateboard stand und über den Pfad am Fluss in der Nähe des Hafenviertels flog. Und Cheney war bei ihm. Er war so glücklich. Beim Aufwachen empfand er ein durchdringendes Gefühl von Verlust. Manchmal überfiel es ihn wie aus dem Nichts. Im Schlaf konnte er vergessen. Dann wachte er auf und begriff, dass er nicht mehr Jake, der durchschnittliche Versager war, der sein ganzes Leben noch vor sich hatte. Er war Jake, der ganz spezielle Versager – achtzehn Jahre alt, arbeitslos, nicht in der Musikschule, sondern im Rollstuhl. In seinem Hals bildete sich ein Kloß, und ein Gewicht senkte sich auf sein Herz, als er über die Tatsachen seines Lebens nachdachte. Aber dann blickte er in den Bienengarten hinaus. Er beugte und streckte seine müden Hände. Er erinnerte sich an die Klänge, die er gehört, und an die Schönheit, die er gesehen hatte. Er dachte an all das, was er Alice erzählen würde. Das Gewicht auf seinem Herzen verrutschte und machte einem freudvollen Funken Platz. Diese neue Sache in seinem Leben, dieses Wunder.