Bienen verlassen ihre Behausung in der friedlichsten Stimmung, die man sich vorstellen kann, und wenn man sie nicht schlecht behandelt, lassen sie einen überaus vertraulichen Umgang zu.
Die Sonne schien heiß auf Harrys Schulterblätter, als er sich auf dem Fahrrad von Alice Holtzmans Farm entfernte. Sein Magen war ein gähnendes Loch. Seit dem Burrito zum Frühstück hatte er nichts mehr gegessen. Dass er den Job ergattert hatte, war ermutigend, aber es änderte nichts an der Tatsache, dass er praktisch pleite war. Er und Alice hatten sich auf einen Stundenlohn geeinigt, und sie hatte ihn gebeten, am nächsten Abend noch einmal zu ihr zu kommen, damit sie einen Arbeitsplan für ihn erstellen konnte. Dann hatte sie gefragt, ob es noch etwas zu besprechen gäbe. Beinahe hätte er sie um ein Mittagessen gebeten, hielt sich aber zurück, weil er spürte, dass es eine seltsame Bitte gewesen wäre.
Sein Hunger wurde größer, als er den langen Anstieg in Richtung Stadt hinauffuhr. Beim Supermarkt machte er halt, um zur Toilette zu gehen und zwischen den Kostproben der Feinkostabteilung herumzuwandern. Er naschte Käse und häufte Salamistückchen auf eine Serviette, bis ihn die Verkäuferin böse anfunkelte. Er verließ den Laden, schob sich die winzigen Fleischstückchen in den Mund und fühlte sich noch hungriger, so als hätten die Leckerbissen seinen Appetit erst recht angeregt. Er stieg wieder auf das Schwinn und fuhr mit wachsender Furcht nach Norden auf die Brücke, das Krankenhaus und seinen Onkel zu.
Auf der Uferpromenade klemmte auf einmal die Fahrradkette, und Harry stieg ab, um sie wieder auf das Zahnrad zu legen. In der öffentlichen Toilette am Flussufer wusch er sich die fettverschmierten Hände, und als er wieder herauskam, hörte er aus dem Lautsprecher eines Soundsystems die Stimme eines Mannes. »Test eins. Test zwei. Test drei. Test, Test, Test. Hallo Hood River! Ja, ich glaube, so ist es gut, Doug.«
Auf dem Rasen begann eine Band mit dem Aufbau ihres Equipments. Es waren drei Typen mit Bass, Drums und Gitarre. Harry roch den Duft von gegrilltem Fleisch und sah, wie neben einem schwitzenden Bierfass eine Frau einen langen Beutel mit roten Plastikbechern öffnete. Er ging näher heran. Auf einem langen Tisch standen zahlreiche Serviertabletts aus Aluminium mit reichlich Kartoffelsalat, gebackenen Bohnen, grünem Salat und Pasteten darauf. Vor dem Grill standen die Leute nach Burgern und Hotdogs an. Inzwischen war ihm vor Hunger ganz schwindelig.
»Hey, Kumpel. Stehst du hier in der Schlange an?«
Harry drehte sich um und erblickte den großen Typen vom Kitestrand. Die langen Haare hingen ihm ins Gesicht, und sein Tanktop gab den Blick auf muskulöse, sonnengebräunte Arme frei.
»Oh, hey! Der Zimtschnecken-Mann! Was geht?« Der Typ klatschte ihn ab wie einen alten Freund. »Harry, richtig?«
Harry nickte überrascht. Er war es nicht gewöhnt, dass man sich an ihn erinnerte.
»Yogi«, sagte der große Typ und tippte sich mit einem dicken Daumen auf die Brust. »Freut mich, dich zu sehen, Kumpel. Gib mir mal ’n Teller, ja?«
Harry reichte ihm einen Pappteller, und Yogi begann Essen darauf aufzutürmen.
»Komm her, Mann«, sagte Yogi. »Ich wollte mich nicht vordrängeln.«
»O nein, ich habe nicht bezahlt, ich habe kein …«, setzte Harry an, aber Yogi schüttelte derart heftig den Kopf, dass ihm die langen Haare ums Gesicht flogen.
»Nee, schon gut. Es ist umsonst! Der Hafen macht das jeden Frühling zu Saisonbeginn. Es ist ein Grillfest, um die Kitesurfer willkommen zu heißen. Hält die Einheimischen bei Laune.«
Yogi lachte und schüttelte sich die Haare aus dem Gesicht. Harry, der sein Glück nicht fassen konnte, füllte einen Teller und folgte Yogi zum Grill. Nachdem sich jeder zwei Burger und ein kaltes Bier geholt hatte, nahmen sie im Schatten eines Baums auf dem Rasen Platz. Zwischen zwei Bissen setzte Yogi zu einem interessanten, wenn auch verwirrenden Monolog über seine morgendliche Kitesession und ein neues Kunststück namens »Dark Star« an, das er zu meistern versuchte.
Harry hörte zu und nickte, obwohl er nichts davon verstand. Gleichzeitig versuchte er, sich zusammenzureißen und zwischen Abbeißen und Schlucken ein wenig zu kauen.
Yogi trank sein Bier und wischte sich den Mund am Handgelenk ab. »Schon mal da draußen gewesen, Mann? Im Tandem oder auf einem Trainerkite?«
Harry schüttelte den Kopf. Da er ungern über sich selbst sprach, zögerte er und erzählte Yogi schließlich, er sei mit Arbeitssuche beschäftigt gewesen und hätte endlich einen Job an Land gezogen.
»Hervorragend!«, sagte Yogi und hob erneut eine Hand. Harry schlug die Pranke ab. Normalerweise hasste er Typen, die so was machten, aber Yogi wirkte aufrichtig. Er überlegte, ihm von der Bienenfarm zu erzählen, doch Yogi redete schon wieder übers Kitesurfen.
»Hör zu, komm an deinem nächsten freien Tag hierher, und ich gebe dir eine kleine Einführung. Ich habe zusätzliche Ausrüstung, ich kann da was arrangieren und dir die Grundlagen zeigen. Im Ernst, es ist nicht schwer. Dafür musst du nicht Hunderte Piepen bei denen da abdrücken«, sagte er und zeigte mit dem Daumen auf die Gruppe von Wohnwagen, in denen Kiteschulen untergebracht waren.
»Ich meine, für Leute mit Geld ist das okay. Aber wir Normalos müssen zusammenhalten.«
Harry nickte unsicher. Als ihm das letzte Mal jemand etwas von Zusammenhalten erzählt hatte, war er im Knast gelandet.
Yogi stellte sein Bierglas ins Gras. Mit einem Gummiband nahm er seine Haare zu einem zottigen Pferdeschwanz zusammen.
»Wenn du willst, verrate ich dir das Geheimnis, das die Kiteschulen immer für sich behalten. Du scheinst mir der Typ zu sein, der so was kapiert.«
Harry nickte.
Yogi streckte die Hände aus, Handflächen nach oben, und senkte die Stimme zu einem Flüstern: »Okay. Das Geheimnis ist: Du musst ihn fühlen. Den Wind.«
Er schloss die Augen, lehnte sich zurück und rollte die massiven Schultern.
Harry fing an zu lachen, merkte dann aber, dass er es ernst meinte. Yogi hatte die Augen noch immer geschlossen und saß da, die Handflächen nach oben gerichtet. Leise fuhr er fort: »Du musst dich fragen: Was tut der Wind, und wie kann ich ihn einfangen? Wie kann ich mich in ihm bewegen? Was ist mein Platz in diesem schönen atmosphärischen Moment? Nur in diesem. Genau hier. Genau jetzt. Du musst auf das Universum lauschen und hören, was es dir erzählt.«
Der riesige Mann atmete durch die Nase ein und durch den Mund wieder aus.
Harry wusste nicht, was er sagen sollte.
Yogi öffnete die Augen, lachte und sprach in normaler Lautstärke weiter.
»Das ist magisch, Mann. Im Ernst. Super Zen. So versuche ich zu leben. Einen Moment nach dem anderen.«
Er boxte Harry gegen die Schulter. »Und du bringst es! Das weiß ich!«
Er wischte mit einem dicken Finger über seinen Teller und leckte ihn ab. »Okay. Ich muss los. Ich treffe mich mit ein paar Bros zu einem Downwinder am Startpunkt in Viento. Aber im Ernst, Kumpel, komm zu mir, sobald du frei hast. Ich bin jeden Tag hier. Bis später, Harry.«
Er hielt ihm die Faust hin, und Harry boxte unbeholfen dagegen. Er sah Yogi mit großen Schritten weggehen. Unterwegs winkte er und rief Leuten etwas zu.
Ich habe einen Job, dachte Harry. Und vielleicht einen Freund. Lächelnd legte er sich wieder in den Schatten des Baumes. Sein Bauch war voll. Er würde nur für eine Minute die Augen schließen, dachte er, und dann schlief er ein.
Beim Aufwachen war die Gesellschaft verschwunden, und die Sonne flirtete mit dem Horizont. Er erinnerte sich an seinen Onkel und an sein Versprechen, seine Mutter anzurufen. Er stieg aufs Fahrrad und überquerte die Brücke. Als er den Hügel zum Krankenhaus hinaufgefahren war, hatte sich die Dämmerung auf die Kammlinie gesenkt, und der Fluss unter ihm war nur noch ein dunkles Band. Die Krankenhaustüren glitten zischend auseinander, gleich darauf stieg ihm der scharfe Geruch von Desinfektionsmittel in die Nase. Harry eilte zu Onkel Hs Zimmer und blieb in der Türöffnung stehen. Die klackenden, piepsenden Maschinen waren weg. Auch die Blumen, die seine Mutter geschickt hatte, waren verschwunden, und dasselbe galt für seinen Onkel. Harrys Kopfhaut prickelte, als hätte ihm jemand kaltes Wasser über den Schädel gegossen. Rasch ging er zur Anmeldung zurück.
»Ähm … ich suche Harold Goodwin. Er lag in Zimmer neun?«
Es war die nette Krankenschwester, die ihm das Abendessen ins Zimmer geschmuggelt hatte. Sie stand auf und umrundete den Tresen. Ihre Miene war ernst, die Arme hatte sie vor der Brust verschränkt.
»Es tut mir sehr leid. Ihr Onkel ist heute Nachmittag verstorben. Er hatte einen Atemstillstand, das ist nach einem Schlaganfall nicht unüblich.«
Sie wartete eine Sekunde, damit Harry die Worte auf sich wirken lassen konnte. Sie erklärte, die Schwellung in Onkel Hs Gehirn habe dafür gesorgt, dass seine Atmung aussetzte. Sie erinnerte ihn an die Patientenverfügung und versicherte ihm, dass sein Onkel keine Schmerzen gehabt hatte.
In Harrys Kopf drehte sich alles, seine Hände waren feuchtkalt. Ihm klingelten die Ohren, Schweiß trat ihm auf die Stirn. Die Schwester sagte, sie hätten seine nächsten Angehörigen informiert. Dann wusste seine Mutter also Bescheid. Der Leichnam war in die Leichenhalle gebracht worden. Sie berührte Harry am Ellbogen und ließ ihn in einem Sessel Platz nehmen. Die kratzige rosa Polsterung erinnerte ihn an den Besucherraum im Gefängnis. Die Schwester setzte sich und holte einen Stift und einen Block aus ihrer Kitteltasche.
»Ich gebe Ihnen die Nummer, dann können Sie morgen dort anrufen und alles Nötige arrangieren«, sagte sie und kritzelte etwas auf das Papier. »Ich werde Ihnen auch die Handynummer von Dr. Chimosky aufschreiben. Wenn Sie Fragen haben, sollen Sie ihn anrufen, hat er gesagt.«
Sie reichte ihm das Blatt Papier. Harry faltete es zusammen und wieder auseinander und wusste nicht, was er sagen sollte. Was sollte er in diesem Augenblick empfinden? Die Krankenschwester legte den Kopf schief und sah ihn an.
»Ihr Onkel war ziemlich krank, wissen Sie? Mannomann, er war wirklich ein zäher Bursche.«
Sie erzählte ihm, dass Onkel H seit Weihnachten dreimal eingeliefert worden war. Beim letzten Mal war er derart gebrechlich, dass die Mitarbeiter beschlossen, ihn in einem Pflegeheim unterzubringen. Aber Onkel H hörte sie darüber reden und erholte sich wieder. Als niemand aufpasste, brach er auf, und sie fanden ihn auf dem Highway 141, wo er in Krankenhaushemd und Socken zu trampen versuchte.
Harry lächelte verhalten. Das sah Onkel H ähnlich.
Die Schwester fragte, ob sie jemanden für ihn anrufen solle. Er schüttelte den Kopf.
»In Ordnung. Bleiben Sie so lange wie nötig hier sitzen. Und wenn Sie Hilfe brauchen: Ich bin gleich dort drüben.«
Mit gesenktem Blick murmelte er ein Dankeschön. Er war eigenartig verlegen, weil er nicht weinen konnte. War Onkel Hs Tod ein Verlust? Harry hatte seinen verrückten alten Onkel im Lauf der letzten zwei Monate ins Herz geschlossen, obwohl man nicht sagen konnte, dass sie einander nahestanden. Und dennoch war der arme Onkel H allein gestorben. Schlimmer noch, seine Mutter würde erfahren, dass Harry nicht bei ihm gewesen war. Ob sie einander nun nahestanden oder nicht, Onkel H hatte ihm geholfen. Der alte Knabe hatte ihn als jemanden akzeptiert, mit dem er Karten spielen und sich ein Sandwich mit Frühstücksspeck teilen konnte. Viel mehr hatte Harry nicht gebraucht. Er hatte nie viele Freunde gehabt, obwohl seine Mutter ihn immer wieder aufforderte, sich mit jemandem zu treffen: »Du musst die Leute nicht mal besonders mögen, Harry. Du sollst dich einfach nur mit ihnen treffen. So etwas ist ganz normal, mein Sohn.«
Aber er wusste einfach nicht, was er zu diesen Leuten sagen sollte. Marty und Sam waren seit der Highschool seine Freunde gewesen, einfach, weil sie in dieselbe Klasse gingen wie er. Und was war daraus geworden? Vor Jahren gab es da noch Shane, der mit seiner Mutter in derselben Wohnanlage wie Harry wohnte.
»Geh und spiel mit Shane«, hatte seine Mutter immer gesagt. Harry mochte den Jungen nicht. Irgendwann zertrümmerte er Harrys Hot-Wheels-Sammlung, indem er mit einem schweren Stein immer wieder auf die Dächer der kleinen Modellautos schlug. Und er hörte erst damit auf, als Harry ihm eins auf die Nase gab. Shane lief zu seiner Mutter, und Harry bekam eine Tracht Prügel. Seitdem hatte er zwar keine besseren Erfahrungen mit Freundschaften gemacht, wusste aber dennoch, dass seine Mutter recht hatte. Er musste Freundschaften schließen. Er wusste nur nicht, wie.
Ganz langsam fuhr Harry auf die Telefonzelle in BZ zu, denn er fürchtete sich vor dem Gespräch mit seiner Mutter. Wie sollte er ihr erklären, warum er nicht bei Onkel H gewesen war, als er starb? Was hatte er ihr über seinen Job erzählt, den erfundenen, den er vor dem echten gehabt hatte? Letztlich stolperte er fast immer über seine kleinen Unwahrheiten.
»Himmel! Sag einfach die Wahrheit, Harry!«, würde Sal ihn anbrüllen. »Die kann man sich leichter merken, Junge!«
Aber Harry musste überhaupt nichts erklären. Er hörte seine Mutter weinen, als sie die Gebühren für den Anruf übernahm. Sie sagte, sie sei so froh, dass er dort gewesen war. Sie hätte sich schrecklich gefühlt, wenn Onkel H allein gestorben wäre. Familie war nun mal Familie, und Harry hatte eine große Tat vollbracht, indem er H ins Gedächtnis rief, dass er Angehörige hatte.
Zu hören, wie seine Mutter die Dinge sah, heiterte Harry auf. Theoretisch stimmte alles, denn er hatte seinen Onkel tatsächlich besucht. Obwohl Onkel H bei seiner Ankunft nicht bei Bewusstsein war, hatte er möglicherweise gespürt, dass sein Neffe bei ihm war. Vielleicht hatte ihm das ja geholfen. Harry erzählte seiner Mutter von der Leichenhalle. Er erzählte ihr, dass er Onkel Hs sterbliche Überreste abholen würde. Sie putzte sich vernehmlich die Nase.
»Er war so ein guter Mensch. Harry, ich wünschte, du hättest ihn kennengelernt, als er noch jünger war. Hör mal, mein Sohn, ich werde dich bald besuchen, und dann können wir Onkel Hs Asche zusammen verstreuen. Das wird bestimmt schön.«
Harry legte auf und straffte den Rücken. Er hob den Kopf und blickte in die funkelnde, mit Sternen übersäte schwarze Kuppel des Himmels. Er war für seinen Onkel da gewesen, irgendwie schon. Er würde seinen neuen Job antreten, und alles würde in Ordnung kommen. Er würde hart arbeiten. Zuverlässig sein. Alles würde sich ändern. Er konnte es fühlen.
Dann fuhr er weiter den Highway entlang, in den Korridor aus hohen Bäumen hinein, wo die Dunkelheit ihn verschluckte. Harry zwang sich, darauf zu vertrauen, dass die Straße vor ihm lag, während er mit dem klapprigen alten Fahrrad durch die Nacht fuhr. Er dachte an das tote Tier, das er auf dem Seitenstreifen gesehen hatte, und ihn schauderte. Die Härchen in seinem Nacken stellten sich auf. Um sich abzulenken, dachte er darüber nach, was er sich von seinem ersten Gehaltsscheck kaufen würde: Pizza, Makkaroni mit Käse überbacken, etwas von dem Frühstücksspeck, den er dank Onkel H inzwischen mochte. Ein Sechserpack Bier vielleicht. Als er die holperige Zufahrt erreichte, stieg er vom Rad und ging auf den Wohnwagen zu. Er versuchte, nicht darauf zu achten, dass er sich verfolgt fühlte. Er stand in der Dunkelheit und versuchte, das Gefühl abzuschütteln, aber als er die Leiter hinaufstieg, hatte er dennoch das Gefühl, beobachtet zu werden. Von der Türöffnung aus blickte er in den Wald und versuchte angestrengt zu erkennen, was immer dort draußen sein mochte. Nichts. Dann knackte ein Zweig, und ein Vogel flog in der Dunkelheit erschrocken davon. Angst raste an Harry Wirbelsäule hinunter wie ein Blitz. Er zog die dünne Tür zu, schloss ab und legte sich ein Kissen über den Kopf. Es dauerte lange, bis er einschlief, und er schlief schlecht, wachte nahezu stündlich auf und glaubte, draußen am Wohnwagen etwas rascheln zu hören. Bei Tagesanbruch stand er auf, um sich ein Glas Wasser zu holen, und fiel dann endlich in tiefen Schlaf.
Als er aufwachte, war der Wald still. Die Ereignisse des Vortages kamen auf ihn zu wie aufspringende Schranktüren. Das Stirnrunzeln der Verkäuferin in der Feinkostabteilung, herabstürzende Bienen, Yogi mit den geschlossenen Augen, der Junge mit dem Irokesen, der Mann mit den Burritos, sein Onkel, der nach Luft rang, das leere Krankenhausbett. Er richtete sich auf, schwang die Beine über das Bett und setzte die Füße auf den Boden. Die Wels-Uhr verriet, dass es bereits nach dreizehn Uhr war.
Er betrachtete sich im Spiegel, seinen nackten, mageren Oberkörper über der schlotternden langen Unterhose. Er straffte die Schultern und atmete tief durch. Dies war der erste Tag seines neuen Lebens, versprach er sich selbst. Er würde hier alles reparieren, das Wasser wieder zum Laufen bringen und neue Stromkabel legen. Hier konnte er anfangen. Er würde Geld zurücklegen und sich ein Auto kaufen. Er würde Leute kennenlernen. Er dachte an Yogi und den Kitestrand. Warum nicht? Vielleicht war es gar nicht so schwer, Freunde zu finden. Er öffnete die Tür und stieg die Leiter hinunter, um pinkeln zu gehen.
In dem Müllhaufen bewegte sich etwas, und dann raste mit animalischer Schnelligkeit eine Gestalt auf ihn zu. Ein Puma? Ein Kojote? Ein tollwütiger Waschbär? Es war groß und weiß und braun. Es war das Wesen, das gestern Abend im Wald gelauert hatte, davon war er überzeugt.
Harry schrie auf und versuchte, auf die Leiter zu steigen, trat aber daneben. Er hörte ein seltsam winselndes Geräusch, drehte sich um und sah das Wesen regungslos dort stehen. Es hatte einen robusten, gefleckten Körper, große Pfoten und eine dicke, lange Rute. Wo der Kopf sein sollte, befand sich ein großer Plastikeimer mit der Aufschrift »Premium Hühnerfutter«. Das Gebell des Hundes wurde von dem Plastik gedämpft. Harry stand auf und näherte sich langsam, griff nach dem Behälter und zog ihn dem Tier vom Kopf. Als dieser zum Vorschein kam, erblickte Harry ein Paar riesige Ohren, große Augen und ein breites Maul. Der Hund öffnete es, und eine Reihe großer Zähne kam zum Vorschein. Harry wich zurück, doch der Hund sprang auf ihn zu.
Die große Schnauze stupste ihn zuerst an, dann trommelten ihm die Pfoten auf die Brust, bis sie schlagartig damit aufhörten. Harry öffnete die Augen und sah den Hund im Galopp die Lichtung umrunden. Plötzlich lief er wieder auf ihn zu, legte ihm die Pfoten auf die Brust und leckte sein Gesicht ab, ehe er erneut davonraste. Das große Tier raste glücklich in weiten Kreisen um ihn herum. Es rannte in den Wald und hinunter zum Fluss, kam klatschnass zurückgaloppiert und ließ sich mit einem platschenden Geräusch vor Harrys Füße fallen.
Harry hatte bisher nicht viel mit Hunden zu tun gehabt, aber dieser hier schien zu lächeln. Vorsichtig streichelte er ihm den Kopf. Das Tier drückte ihm seine Schnauze in die Hand und schnaubte, dann drehte es sich auf den Rücken und entblößte verfilztes Fell und einen rosafarbenen Bauch. Harry tätschelte ihn, und der Hund drehte sich auf dem Rücken. Als ein Eichhörnchen zeterte, sprang er wieder auf und stürzte davon. Harry lachte erleichtert. Ihm fiel ein, dass er immer noch pinkeln musste. Er griff bereits in den Schlitz seiner nun schmutzigen langen Unterhose, da hörte er ein Motorengeräusch und drehte sich um. Ein Jeep rumpelte die Zufahrt herauf und hielt an. An der Wagentür stand Hood River County Sheriff’s Department.
Der kleine Mann, der nun ausstieg, hatte dunkle Haare und trug eine akkurat gebügelte braune Uniform. Er warf einen Blick auf Harry, dessen Hand noch immer im Schlitz der langen Unterhose steckte. Er zog sie heraus und wusste nicht, wohin damit, darum faltete er die Hände hinter dem nackten Oberkörper. Der Officer holte einen Hut aus dem Wagen, setzte ihn auf und rückte ihn mit beiden Händen zurecht. Er schien ihm zu groß zu sein und ließ ihn beinahe wie einen Pfadfinder aussehen. Er schlug die Tür des Jeeps zu und kam die Zufahrt herauf, wobei seine glänzenden Schuhe Staub aufwirbelten. Der Bursche war ein Latino und ungefähr in Harrys Alter. Er sah gut aus und war noch besser rasiert. Reuevoll betastete Harry seine Oberlippe.
»Guten Morgen, Sir«, sagte der Mann. »Ich bin Deputy beim Hood River County Sheriff’s Department.«
Mit zwei Fingern zückte er eine Visitenkarte. Harry nahm sie an sich, warf einen Blick darauf, und weil er keine Hosentasche hatte, schloss er die Hand darum. Der Deputy fragte, ob dies der Wohnsitz von Harold Goodwin sei.
»Ja«, sagte Harry, der seine Stimme wiedergefunden hatte. »Er ist mein Onkel … war mein Onkel.«
Der Mann nickte, seine Miene blieb undurchdringlich. »Das tut mir leid für Sie, Sir. Wir wissen bereits, dass Mr Goodwin verstorben ist.«
Harry nickte. »Danke«, sagte er. »Er war schon länger krank, darum …«
Seine Stimme verklang, während er dem Blick des Deputys folgte, der über den chaotischen Garten, das Toilettenhäuschen, den Müllhaufen und die wahnwitzige Leiter wanderte.
»Wir haben mehrmals versucht, mit Ihrem Onkel Kontakt aufzunehmen«, sagte der Mann. »Als er das letzte Mal im Skyline Hospital aufgenommen wurde, habe ich ihn besucht. Das County hat diesen Wohnwagen im Januar beschlagnahmt, aber Ihr Onkel hat sich geweigert, mit mir zu reden.«
Der Deputy hielt ein Blatt Papier mit einem offiziell wirkenden Stempel hoch. »Ich muss Sie bitten, das Gelände zu räumen. Eine Mannschaft wird vorbeikommen und den Trailer wegbringen.«
Sie würden den Wohnwagen auf die Mülldeponie befördern, sagte er. Harry sollte sofort alles herausräumen, was er behalten wollte.
Ihm sank der Mut. So viel zu seinen Plänen, den Wohnwagen zu reparieren. So viel zum Thema Neustart.
»Aber ich … ich weiß nicht, wo ich sonst hinsoll«, sagte er. Er brauche zwei Wochen Zeit, erklärte er. Er habe gerade einen neuen Job angenommen, und wenn er seinen ersten Lohn bekam, werde er genug Geld haben, um sich eine Wohnung zu nehmen.
Der Cop blieb ungerührt und sagte, er könne nichts für ihn tun. Schulterzuckend schob er das Dokument zurück in seine Jacke.
Dieses Schulterzucken. Erinnerungsblitze. Sam, der bei seinem einzigen Besuch im Gefängnis vor ihm saß.
»Du bist freiwillig gefahren, Mann«, hatte er gesagt und die Schultern gezuckt.
Der Direktor der Schule, der zum Telefonhörer griff, während Harry, dem der Rotz auf die Oberlippe lief, dasaß und beteuerte, er sei nicht derjenige gewesen, der Geld aus der kleinen Kantine der Junior Highschool gestohlen hatte.
»Sei kein Mitläufer, Harry«, hatte der Direktor gesagt.
Moira, die ihn bei dem Grillfest sieht und winkt, aber nicht herüberkommt, um mit ihm zu reden.
Harry fühlte, wie in seiner Brust eine kleine Flamme aufloderte. Die Flamme bildete ein Wort, und das Wort hieß Nein. Er hatte die Nase voll davon, immer der nette Typ zu sein und nie eine Pause zu bekommen. Er brauchte einfach eine Pause. Zwei Wochen, mehr verlangte er nicht.
Er hörte ein klopfendes Geräusch, und der Hund kam hinter dem Deputy aus dem Wald gerast, sein Körper war glatt und geschmeidig und nass vom Fluss. Er preschte zwischen den beiden Männern hindurch und wieder zurück, wobei er ihre Knie streifte. Der Cop schrie auf, und Harry fing an zu lachen, aber dann sah er die Pistole. Ein Eichhörnchen zeterte, der Hund verschwand, und die Waffe blitzte im Sonnenlicht. Harry folgte dem Lauf mit dem Blick, als die Pistole blitzschnell in den Himmel gehoben wurde, an seinem Gesicht vorbei. Er schloss die Augen.
Der Schuss war ohrenbetäubend. Während sich die Zeit verlangsamte, hielt sich Harry die Ohren zu. Als er die Hände von seinem Kopf löste, kniete der klein gewachsene Bursche auf dem Boden. Den Hut hatte er abgenommen, sein Gesicht war so weiß wie ein Blatt Papier.
»Oh, fuck! Fuck!«, sagte er. »Ich habe Sie doch nicht getroffen, oder? Oder?!«
Harry blickte auf seine Arme und an seiner nackten Brust hinunter, wo der Hund Schmutzspuren hinterlassen hatte, und schüttelte den Kopf.
Der Deputy stand auf. Fluchend ging er auf und ab und hielt seinen Hut umklammert. Nun würde er erneut eine Abmahnung bekommen, murmelte er, sie würden ihm das Gehalt kürzen oder ihn diesmal einfach feuern, verdammt. »Du Idiot«, sagte er, eindeutig zu sich selbst, nicht zu Harry.
»Verdammt, ich dachte, es wäre ein Wolf oder ein Kojote oder so.« Seine Stimme wurde immer lauter. »Ich meine, die schicken mich hier ganz allein in diesen beschissenen Wald, und dann kommt dieser hijo de puta angerast …!«
Er verfiel in ein schnelles Spanisch, das Harry nicht verstand.
Der Bursche tat Harry leid. Er wollte ihn beruhigen, ihm sagen, dass alles in Ordnung und nichts passiert war. Jedenfalls hätte er das normalerweise getan. Aber auf einmal war da wieder diese Flamme, das kleine Stück glühender Kohle in seiner Brust. Nein, es war nicht in Ordnung. Er wäre beinahe erschossen worden! Er brauchte nur lausige zwei Wochen. Und er musste immer noch pinkeln. Er sah, wie der Cop stehen blieb und sich erneut vergewisserte, ob seine Waffe gesichert war. In diesem Augenblick spürte Harry eine Art innerer Entschlossenheit. Er straffte die Schultern, blickte dem Typen in die Augen und brachte sein Anliegen ein weiteres Mal vor. »Bitte«, sagte er zum Schluss.
Der Deputy schüttelte den Kopf. »Tut mir echt leid, Mann. Ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen, aber das Team ist schon beauftragt. Und ich bin neu. Auf mich hört hier keiner. Sie halten mich für einen Idioten. Und wenn sie das mit der Pistole rauskriegen …«
Der Cop sah aus, als müsste er weinen, und wandte den Blick ab. Es schien ihm tatsächlich leid zu tun. Harry bat ihn, einen Augenblick zu warten, weil er mal aufs Klo müsse. Beim Pinkeln ließ er den Blick über den Hof schweifen, über den Wohnwagen und das Fahrrad, und dabei schmiedete er einen Plan. Er ging zurück zu dem Deputy, der an seinem Jeep lehnte und den Hut in den Händen hin und her drehte.
»Können Sie mich in die Stadt mitnehmen?«, fragte Harry.
Der Typ seufzte und blickte in Richtung des Highways 141.
»Ich kann Sie jetzt nicht mitnehmen. Ich habe ein Meeting in der Mount-Adams-Forststation. Aber in ein paar Stunden kann ich auf dem Weg zurück ins Tal noch einmal hier vorbeikommen.«
Harry nickte. »Danke.«
Der Deputy verschwand, und Harry sammelte seine Sachen ein, was nicht lange dauerte.
Während er auf die Rückkehr des Cops wartete, saß er mit seinem Notizbuch auf einer Leitersprosse und schrieb eine Liste seiner Ziele in dem neuen Job. Der Hund kam von seinem Sprint durch den Wald zurück und rollte sich zu seinen Füßen zusammen. Zu zweit saßen sie dösend in der Nachmittagssonne.
Als der Deputy wiederauftauchte, kletterte Harry auf den Beifahrersitz und verstaute seinen Rucksack im Fußraum vor sich. Aus Onkel Hs Trailer nahm er nur zwei Wollhemden seines Onkels, das Vogelbuch und das Cribbagebrett mit. Im Wegfahren warf er einen letzten Blick auf den Wohnwagen. Bald würde er auf der Mülldeponie liegen. Der Müllhaufen würde eingeebnet und gründlich geharkt werden. Wenn die wütenden Waschbären in der Dunkelheit zurückkehrten, würden sie nichts mehr finden.
Vor Begeisterung darüber, unterwegs zu sein, lief der Hund auf der Rückbank hin und her. Nachdem der Deputy, der sich als Ronnie vorstellte, Harry abgesetzt hatte, erklärte er sich bereit, den Hund ins Tierheim zu bringen.
Harry blickte aus dem Fenster, während der Jeep über den Highway raste. Er würde arbeiten gehen. Und sich eine Unterkunft suchen. Er dachte an Yogi, lehnte sich auf dem Beifahrersitz zurück und spürte den Wind auf seinem Gesicht. Er fragte sich, was sein Platz in diesem schönen atmosphärischen Moment war, nur in diesem einen. Genau hier. Genau jetzt. Er wartete und lauschte auf das Universum. Er lauschte angestrengt. Aber es antwortete nicht.