Bienen haben einen Charakterzug, der größten Respekt verdient. Und das ist die unerschütterliche Energie und Beharrlichkeit, mit der sie sich unter scheinbar hoffnungslosen Umständen bis zum Äußersten abmühen, um ihre Verluste auszugleichen und ein dem Untergang geweihtes
Volk zu erhalten.
Bei Honigbienen wurden Fluggeschwindigkeiten von dreißig Stundenkilometern gemessen, ein flottes Tempo für ein Insekt, das ungefähr ein Zehntelgramm wiegt. Aber das ist nichts im Vergleich zu der Geschwindigkeit, mit der sich Neuigkeiten in einer Kleinstadt verbreiten. Alice fand die Hood River News am Morgen auf ihrem Schreibtisch vor. Petes Foto auf der Titelseite zeigte sie und Stan wie ein Paar, das die Hochzeitstorte anschneidet. Stan lächelte, Alice nicht. Die Schlagzeile lautete: »Kundgebung des Wasserschutzverbandes gegen Vertrag mit Cascadia«. Alice wurde als Alice Holtzman, Einwohnerin des Countys, identifiziert. Irgendjemand, wahrscheinlich Nancy, hatte mit Kugelschreiber einen Smiley über ihre Köpfe gezeichnet.
Alice überflog die Geschichte, in der nichts stand, was sie nicht bereits wusste. Pete legte die Einwände des Wasserschutzverbandes gegen den Vertrag des Countys mit SupraGro dar und erwähnte kurz die Prozesse, die andere Gemeinden in der Vergangenheit gegen das Unternehmen geführt hatten. Alice wurde nicht zitiert, obwohl es in der Bildunterschrift hieß, sie habe sich mit anderen »besorgten Bürgern« auf der Kundgebung befunden. Vielen Dank auch, Pete. Das County habe keinen offiziellen Kommentar abgegeben, hieß es in dem Bericht.
Sie warf die Zeitung ins Altpapier, setzte sich und fuhr den Computer hoch. Die Tür zu Bills Büro öffnete sich, Nancy kam heraus und schloss sie kichernd hinter sich. Sie grinste Alice an. Nancy ist zwar sechsundvierzig, aber dieses Gesicht einer frechen kleinen Göre wird sie zur Schau stellen, bis sie ins Grab fällt, dachte Alice.
»Guten Morgen, Miss Titelseite!«, sagte Nancy und wedelte mit einer Hand vor Alices Gesicht herum. »In letzter Zeit wimmelt es hier nur so von Paparazzi und finsteren Fremden, was?«
»Du bist früh dran heute«, sagte Alice. Ihre Kollegin kam nie vor ihr ins Büro.
Nancy deutete über die Schulter auf Bills Tür. »Er ist heute Morgen da.«
Alice öffnete ihr E-Mail-Postfach und sah die Nachricht: Personalversammlung, Mittwoch, 9:30 Uhr. Die E-Mail stammte vom Vortag, 19:36 Uhr. Seit wann erwartete man von ihnen, dass sie nach Feierabend noch ihre Nachrichten checkten?
Als sie die Mail las, rutschte ihr das Herz in die Hose. Alle Mitarbeiter des Countys wurden zu einer verpflichtenden Überprüfung von Compliance-Vereinbarungen mit privatwirtschaftlichen Akteuren erwartet. Es geht um die Proteste des Wasserschutzverbandes, dachte Alice. Sie hatte so etwas schon einmal hinter sich bringen müssen, nachdem der Ölzug der Cascadia in Mosier entgleist war und die Trinkwasserbestände des Bezirks, die Plantagenbewässerung und sämtliche Wasservorräte im betroffenen Bereich des Flusses bedroht waren. Die im Allgemeinen höflich zurückhaltenden Bürger waren verärgert und hatten sich zu einer Protestaktion in der Innenstadt versammelt. Die Anwälte des Countys hatten daraufhin ein ähnliches Meeting wie jetzt einberufen, um die Mitarbeiter daran zu erinnern, dass sie als Angestellte der öffentlichen Verwaltung zum Schweigen über die örtlichen Verträge verpflichtet waren. Mit anderen Worten: Sagen Sie bloß nichts über die Ölpest.
Zu jener Zeit hatte Alice nicht weiter über die defensive Haltung des Bezirks nachgedacht. Sie war damit beschäftigt, ihren Eltern beim Umzug zu helfen, und obwohl die Ölkatastrophe sie stresste, glaubte sie tatsächlich, dass die Verwaltung sich korrekt verhalten würde. Was bedeutete, dass sie Cascadia verpflichten würden, die entgleisten Schienenfahrzeuge und das schmierige Öl zu entfernen, bevor sie den Zugverkehr entlang des Flusses wiederaufnahmen. Außerdem war zu erwarten, dass sie Cascadia dazu bringen würden, Tempolimits zu erlassen, um die Wahrscheinlichkeit künftiger Entgleisungen zu verringern. Nur hatte der Bezirk Cascadia zu nichts von alledem verpflichtet. Dazu kam es erst nach der Klage des Wasserschutzverbandes, wenn sie sich recht erinnerte.
Alice war stinksauer, als sie sich durch die restlichen E-Mails scrollte. Warum durften die Leute nicht miteinander reden? Sie waren Mitglieder dieser Gemeinde, keine Verwaltungsroboter. Und war es nicht Aufgabe des Countys, seine Bewohner zu schützen?
Alice war offensichtlich nicht die Einzige, die die E-Mail nach Feierabend verpasst hatte. Im Konferenzraum gab es einen Wettlauf um die Sitzplätze. Bill saß am Kopfende des Tisches, atmete durch die Nase und trommelte mit den Fingerkuppen auf den Tisch. Er zog sich seinen Pullover über den Bauch hinunter, während er darauf wartete, dass die Leute sich niederließen.
Nancy zog Casey, den neuen Praktikanten, mit einem Foto seiner Freundin auf, das auf seinem Handy zu sehen war. Der Junge errötete vom Nacken bis in sein rotes Haar. Alice roch das heiße Plastikstäbchen in Nancys unvermeidlichem Becher Kaffee. Stühle quietschten und ächzten, als die Leute einander Platz machten.
Bill räusperte sich. »Guten Morgen. Vielen Dank, dass Sie alle gekommen sind. Ich denke, Sie wissen, warum wir uns hier versammelt haben, ich komme also gleich zur Sache.«
Und schneller zurück zu deinem Golfspiel, dachte Alice.
Bill setzte seine Brille auf und las vom Blatt ab. »Alle Mitarbeiter des Hood River Countys sind an die individuelle Geheimhaltungsklausel gebunden, die sie bei Beginn des Dienstverhältnisses unterschrieben haben und die sich jedes Jahr automatisch verlängert. Besagte Klausel umfasst sowohl sämtliche Angelegenheiten des Bezirks als auch solche unter und zwischen einzelnen Vertragspartnern und Privatunternehmen.«
Bill ließ das Blatt Papier auf den Tisch fallen, holte ein Taschentuch heraus, hustete und wischte sich über den Mund. »Für die Einzelheiten übergebe ich nun an die Rechtsabteilung.«
Jim Murphy, leitender Staatsanwalt des Countys, saß vorn im Raum und winkte unbestimmt in die Runde. Der schmale, liebenswürdige Jim trug ein verwaschenes Button-down-Hemd und eine zerknitterte Khakihose. Er klappte seinen Laptop auf und fing an, das Kleingedruckte der Geheimhaltungsklausel zu erläutern. Alice hörte nicht richtig zu. Sie dachte über die Ölkatastrophe der Cascadia in Mosier nach. Sie dachte an die Neonicotinoide in SupraGros Pflanzenschutzmitteln, die die Bienen in Nebraska und anderen Bundesstaaten getötet hatten. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie sich Bill auf seinem Stuhl zurücklehnte, und sie glaubte bereits, er sähe sie an, während er tatsächlich an ihr vorbei zu Nancy blickte, die immer noch mit Casey flüsterte.
Jim, der den Juristenjargon vorlas, hielt plötzlich inne. »Ja, Rich. Eine Frage?«
Aller Augen waren auf Rich Carlson gerichtet, der eine Hand gehoben hatte. Er senkte seinen von Polyester umhüllten Arm wieder und faltete die Hände wie ein Messdiener vor dem Bauch.
»Inwiefern betrifft dieser letzte Paragraf die Mitarbeiter des Countys? Ich meine den Abschnitt über Kommunikation mit den Medien.«
Jim senkte den Blick auf den Bildschirm und sah dann erneut Rich an. »Nun, ich denke, die Bestimmungen sind recht eindeutig, Rich. Es bedeutet einfach, dass kein Mitarbeiter des Countys berechtigt ist, mit den Medien über die Richtlinien der Behörde zu sprechen, es sei denn, die Führung der Organisation beschließt etwas anderes. Mit anderen Worten: keine Interviews.«
»Danke, Jim«, sagte Rich. Er warf Alice einen Blick zu, beugte sich über seinen Laptop und begann zu tippen, die dünnen Lippen zu einem Grinsen verzogen.
Alice dachte an Petes Foto, und ihr Gesicht begann zu glühen.
»Noch etwas, Rich? Nein? Okay, dann mache ich mal weiter«, sagte Jim.
Nach dem Meeting wartete Alice, bis ihre Kollegen der Reihe nach den Raum verlassen hatten. Sie sah, dass Rich auf dem Flur mit jemandem sprach und den anderen den Ausgang versperrte. Beim Reden rieb er sich mit den Fingerkuppen die kahle Stelle auf seinem Kopf. Die Erinnerung an den Mistelzweig stieg in ihr auf, an Richs trockene Lippen. Sie schauderte. Jim, der den Raum als einer der letzten verließ, sah ihr ins Gesicht und zwinkerte ihr zu.
In der Hoffnung, Bill dort zu finden, ging Alice in ihr Büro zurück. Vor ihrem nachmittäglichen Treffen auf der Baustelle wollte sie die Richtlinienentwürfe für das Hafenprojekt durchgehen. Aber in Bills Büro war niemand. Alice seufzte. Wahrscheinlich hatte er sich bereits auf den Heimweg gemacht. Auch Nancys Stuhl war leer. Alice nahm auf ihrem eigenen Platz. Sie wusste, dass sie an ihren wöchentlichen Complianceberichten arbeiten sollte. Stattdessen öffnete sie Google und tippte ein: SupraGro Bienensterben.
Zahlreiche Treffer wurden ihr angezeigt. Ein Bericht folgte dem anderen, und sie standen nicht nur in Imkerforen. Es gab Artikel im San Francisco Chronicle, dem Oklahoma Observer und der Huffington Post. Den letzten Prozess hatte es in Sacramento gegeben, wo kommerzielle Imker von Verlusten berichteten, die um fünfundsiebzig Prozent über denen des Vorjahres lagen. Wissenschaftler hatten die Todesraten auf SupraGro zurückgeführt, das auf Mandelplantagen in und um Kaliforniens Central Valley herum eingesetzt wurde. Der Prozess hatte Gewicht, weil die Mandelproduzenten in hohem Maße von den kommerziellen Bienenzüchtern abhängig waren. Im Staat Kalifornien gab es inzwischen so wenige Honigbienen, dass man mit Lastwagen Bienenvölker aus dem gesamten Westen heranschaffen musste, um die Pflanzen zu bestäuben. Und das hieß, dass die gestorbenen Bienen aus Oregon, Washington, Montana und Kanada stammten. Innerhalb von fünf Tagen waren geschätzt sieben Millionen Honigbienen zugrunde gegangen.
Alice las weiter. Sie studierte die Artikel über SupraGros Weigerung, die wissenschaftlichen Erkenntnisse hinter den Klagen aus zahlreichen westlichen Countys auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Als Nancy zurückkam, öffnete Alice rasch ihre Berichte und schenkte der Kollegin, die über Joseph Murphy und dessen viel jüngere Ehefrau tratschen wollte, keine Beachtung. Nancy schmollte, weil Alice nicht auf einen Smoothie mit ihr ins Ground gehen wollte, und verließ das Büro. Der Morgen schleppte sich dahin. Alice versuchte, sich auf die Arbeit zu konzentrieren, aber ihre Gedanken wanderten erneut zu den Berichten über die Bienen und den Prozess mehrerer Bundesstaaten gegen SupraGro. Stan wusste darüber sicherlich Bescheid, oder? War der Wasserschutzverband in den Streit involviert? Sie brannte darauf, einige Telefonate zu erledigen, Anrufe, die sie im Dienst nicht tätigen konnte: Stan, Chuck Sauer vom örtlichen Imkerverein und diesen Typen vom Landesamt für Landwirtschaft … Wie hieß er noch gleich? Michaels?
Mit einem leisen Klicken öffnete sich die Tür. Sie hob den Kopf und erwartete, Nancy hereinschlendern zu sehen, einen Smoothie mit Sahnehaube in der Hand. Stattdessen stand Rich Carlson im Türrahmen, schlug sich mit einer Zeitschrift gegen das Bein und grinste angriffslustig. Seine eng stehenden Augen und die kleinen Zähne ließen Alice an ein Frettchen denken. Sein rechter Schneidezahn war leicht gelb verfärbt.
»Alice! Gut, dass ich dich erwische! Es gibt da ein kleines Problem, über das ich mit dir reden muss.«
Rich griff nach einem Stuhl und stützte die Ellbogen auf Alices Schreibtisch. Abrupt lehnte sie sich zurück.
»Ich glaube nicht, dass Bill heute noch mal reinkommt«, sagte Alice, obwohl sie wusste, dass er nicht wegen Bill gekommen war.
Er bedachte sie mit einem spöttischen Lächeln und sagte, er wolle nicht mit Bill, sondern mit ihr reden. Alice nahm all ihre Kraft zusammen.
»Hör mal, Rich«, sagte sie, »Ich bin nur am Hafen spazieren gegangen, und Stan hat mich gegrüßt. Du weißt doch, wie Pete ist.«
Noch während die Worte aus ihrem Mund kamen, hörte sie, wie albern sie klang. Sie benahm sich wie ein Mädchen, das Ärger mit seinem Lehrer hat.
Rich tat verwirrt.
Alice holte die Zeitung aus dem Altpapier und hielt sie hoch.
Rich beugte sich vor und starrte angestrengt auf die Titelseite. »Ah! Das habe ich gar nicht gesehen. Ich wollte nur über deine Betriebsrente mit dir reden.«
»Meine Betriebsrente?«
Rich nickte und wippte auf dem Stuhl zurück, die Hände hinter dem Kopf, die Ellbogen nach hinten gereckt und die Oberschenkel auf eine Weise gespreizt, die Alice immer schon leicht obszön gefunden hatte. Warum taten Männer so etwas?
»… bist seit fast zwanzig Jahren beim Bezirk beschäftigt«, sagte Rich gerade. »Die Auszahlung würde zwei Jahre nach dem ersten Juli einsetzen, falls du dich entschließen solltest, in Rente zu gehen.«
Zwanzig Jahre. Das wusste sie natürlich, aber in diesem Augenblick wurde sie sich dieser Tatsache vollends bewusst. Vor beinahe zwanzig Jahren war sie eine energiegeladene junge Studentin im Aufbaustudium, die den Job beim County als Übergangslösung betrachtet hatte, bis die Obstplantage in ihre Hände übergehen würde.
Rich murmelte etwas von Grundlagen der jährlichen Überprüfung und Auswirkungen der Strafklausel auf den Zeitpunkt der Zuteilung. Eine schlechte Bewertung konnte die Sperrfrist von zwei auf vier Jahre verlängern, je nach Entscheidung des zuständigen Ausschusses. Mehrere schlechte Bewertungen konnten die gesamte Pensionsvereinbarung zunichtemachen, sagte er.
»Dazu ist es natürlich noch nie gekommen. Nicht während meiner Amtszeit. Es sind nur die offiziellen Bestimmungen des Countys, du weißt schon. Und der Ausschuss muss zuvor aus der Rechtsabteilung eine förmliche Beschwerde wegen Nichteinhaltung der Vorschriften erhalten. Jim Murphy meint, dass es im Augenblick noch keinen Grund zur Sorge gibt.«
Erneut beugte er sich vor, nach wie vor lächelnd, ohne dass es in seinen Augen ankam, und holte ein Päckchen Kaugummi aus seiner Jackentasche. Er schob sich einen hellgrünen Streifen in den Mund, kaute heftig und ließ eine winzige Blase knallen.
»Belassen wir es also einfach dabei, Alice, in Ordnung?« Er stand auf und schlug sich mit der Illustrierten auf die Handfläche. »Also gut! Bitte sag Bill, dass das Meeting heute ganz großartig gelaufen ist. Einen schönen Tag noch, Alice.«
Er ließ die Tür offen stehen, und Alice hörte ihn pfeifend den Flur entlanggehen. Ihr wurde übel, und in ihren Ohren klingelte es, als sie begriff, was er ihr hatte sagen wollen. Er drohte ihr, wegen dieses Fotos von ihr und Stan an ihren Pensionsansprüchen zu drehen, wegen nichts und wieder nichts. Sie schob den Stuhl zurück, stand auf und blickte auf die Stelle in der Luft, an der sich Rich Carlsons schmales Gesicht befunden hatte. Die Luft klebte vor elektrischer Ladung. Alice griff nach ihrer Tasche und steuerte auf den vorderen Teil des Gebäudes zu. Nancy stand neben dem Kopierer, neckte Casey und nippte an ihrem Smoothie. Das geblümte Strickkleid spannte über ihrem Hinterteil, sie hatte sich zu dem Praktikanten vorgebeugt und lachte schallend, als er zurückzuckte. Sie grinste Alice an. »Wo brennt’s denn?«, fragte sie.
»Ich habe einen Termin auf der Baustelle am Hafen. Bin nach dem Mittagessen wieder da«, antwortete Alice, ohne den Schritt zu verlangsamen.
»Yes, Sir, Alice, Sir. Wichtige Geschäfte müssen sofort erledigt werden.« Nancy lachte und blickte den Praktikanten verschwörerisch an.
Alice blieb unvermittelt stehen und drehte sich um. »Ich versuche nur, meinen Job zu machen, Nancy. Und was tust du?«
Als sie die Eingangstür aufstieß, blickte ihr Nancy mit erstaunter Miene hinterher. Rasch ging sie den Gehweg entlang. Sie wusste nicht, wo sie hinwollte, und ertappte sich dabei, dass sie mit großen Schritten die Oak Street hinunterlief. Ihre Kleidung fühlte sich eng an, und sie versuchte durchzuatmen. Erneut empfand sie dieses gähnende Gefühl der Leere, und in ihrer Mitte klaffte ein riesiges Loch. Verdammt! Verdammter Rich Carlson.
Sie ging an Bette’s Place vorbei und schaffte es mit Mühe und Not, nicht die Glastür aufzustoßen und zur Theke zu stürzen. Vor ihrem geistigen Auge sah sie sich ganz allein einen kompletten Kuchen vertilgen, Banane-Sahne oder Erdbeer-Rhabarber, vor Bettes und Graces Augen, die schon seit dreißig Jahren dort arbeiteten und Alice seit ihrer Geburt kannten. Durch das Fenster sah sie Bette, ihre weißen Haare über der albernen rosafarbenen Schürze. Sie bediente Gäste an einem vollbesetzen Tisch und winkte. Alice winkte zurück. Das konnte sie nicht machen. Für einen Morgen unter der Woche in der Innenstadt von Hood River wäre das eindeutig zu viel Drama, eine öffentliche Zurschaustellung, als hielte sie ihren Kummer bei der Hand wie ein kleines, tyrannisches Kind und führte es allen vor.
Sie schlug die Richtung zum Flussufer ein und brachte ihre Angst mühsam unter Kontrolle, während ihr Herz raste und ihr Atem immer schneller ging.
»Wo hat das angefangen, dieses Gefühl?«, hatte Dr. Zimmerman sie vor Monaten bei ihrer dritten Sitzung gefragt.
Die Therapeutin arbeitete in einer Einliegerwohnung hinter einem zweistöckigen Haus im Craftsman-Stil, das auf einem hohen Felsvorsprung stand, von dem aus man den Fluss überblicken konnte. Alice fühlte sich dort wohl. Es kam ihr nicht so nüchtern und unpersönlich vor wie das Krankenhaus. Außerdem wusste sie die Privatsphäre zu schätzen, die in einer solch kleinen Stadt nur schwer zu erreichen war. Es war auch hilfreich, dass die Therapeutin noch ziemlich neu in Hood River war. Dr. Zimmerman kannte sie nicht von Kindesbeinen an, war Al oder Marina nie begegnet. Die Familie der Therapeutin besaß keine Obstplantage, und sie verstand das komplizierte Netzwerk aus alten Bündnissen, Groll und Tratsch nicht, das unsichtbare Zäune um die hier lebenden Menschen gebaut hatte. Das machte es allerdings auch schwieriger, ihr die Dinge zu erklären, denn Alice konnte dazu nicht auf die in der Kleinstadt üblichen Andeutungen zurückgreifen.
Der Oktoberregen peitschte gegen die Fenster und auf die Oberlichter, als sich Alice in dem rosafarbenen Zweiersofa zurücklehnte. Sie fühlte sich wie eine Schulschwänzerin. Wegen dieses Termins hatte sie ihren Arbeitsplatz verlassen und Nancy gegenüber behauptet, sie müsse zum Arzt. Die neugierige Nancy. Selbst in dieser abgelegenen Praxis kam es Alice so vor, als schauten die Einwohner der kleinen Stadt zum Fenster herein und spitzten die Ohren, um sie über ihre geheimsten Gedanken reden zu hören.
»Wissen Sie noch, wie es anfing? Woran haben Sie gedacht, als diese Angst zum ersten Mal auftrat?«
Alice beschrieb, wie sie auf dem Parkplatz des Supermarkts gestanden und festgestellt hatte, dass es sehr voll war. Es war an einem Sonntagmorgen, und in der Kirche war gerade die spanischsprachige Messe zu Ende gegangen. Sie überlegte, später noch einmal wiederzukommen, sagte sich dann aber, es sei albern, den Leuten aus dem Weg zu gehen, und zwang sich, den Supermarkt zu betreten.
Dr. Zimmerman nickte und machte sich eine Notiz. Die lässige Eleganz dieser Frau lenkte Alice ab. Sie trug einen blaugrauen Kaschmirpulli und eine Hose aus dunkler Wolle. Vermutlich wusste sie nicht, dass die Kleidung, die sie an einem verregneten Dienstag trug, mehr gekostet hatte als das, was manche Leute in dieser Stadt für Festtagskleidung ausgeben würden. Obwohl das keine Rolle spielte, denn Dr. Zimmerman sah aus, als gehörte sie an jeden Ort, für den sie sich entschied. Sie fühlte sich wohl in ihrer Haut.
Alice schlug die Beine übereinander und löste sie wieder. Sie hakte einen Daumen in den Bund ihrer Hose. Sie beschrieb, wie sie nach einem Einkaufskorb aus blauem Plastik gegriffen hatte, weil sie nur wenige Dinge besorgen wollte wie etwa Milch, Müsli und Paracetamol. Sie schob sich durch die Menge, die überwiegend aus Latinofamilien im feinen Sonntagszwirn bestand. In der Kassenschlange erblickte sie ein kleines Mädchen in einem rosafarbenen Rüschenkleid, Schuhen aus Lackleder und weißen Söckchen. Ihre Mutter hielt sie an der Hand, und das Mädchen sah zu einer älteren Frau auf und stellte ihr auf Spanisch eine Frage. Ihr Blick fiel auf Alice, die gerade vorüberging, und das Mädchen erinnerte sie an Luz Quinto auf dem Stadtfest in Hood River, wo sie und Buddy ihr erstes Date hatten. Luz und ihr Lamm. Luz und ihr kleines Gesicht, das vor Freude strahlte, als Buddy ihr das Tier zurückgab. Inzwischen musste sie auf der Highschool sein, aber das herzförmige Gesicht, die sanften braunen Augen und das breite Lächeln holten alles zurück. Alice drehte sich rasch um und steuerte auf die Obst- und Gemüseabteilung zu, um sich von dem kleinen Mädchen und den Gedanken zu entfernen, die ihren Geist überfluteten. Buddy auf dem Stadtfest. Buddy in der Küche. Buddy, der zum letzten Mal zur Arbeit aufbrach.
Dr. Zimmerman nickte. »Auslöser waren also das kleine Mädchen und die Erinnerung an jenen Tag?«
Alice schüttelte den Kopf und rieb sich mit beiden Händen das Gesicht, während sie nach Worten suchte. Nein, es war nicht nur die Erinnerung, sagte sie. Es war die Erkenntnis, dass die Zeit nicht stehen geblieben war. Alice war keine junge Frau mit Wahlmöglichkeiten mehr. Als sie Bud zum ersten Mal begegnete, eröffnete ihr das Leben auf bislang unvorstellbare Weise neue Wege. Sie hatte erwartet, allein zu bleiben und sich bereits damit abgefunden. Aber dann fand sie diesen außergewöhnlichen Lebenspartner. Sie dachte sogar, dass sie vielleicht Kinder bekommen würden, etwas, das sie zuvor nie für möglich gehalten hatte. Sie, Alice, würde jemandes Mutter sein! Al und Marina hätten Großeltern werden können. Bud würde ihr bei der Leitung der Obstplantage ihrer Eltern helfen, sie würde den Job beim County aufgeben können und sich auf der Farm ihrer Familie in die Arbeit knien. Sie konnte an ihre Kinder weitergeben, was Al und Marina ihr über das Obstgeschäft beigebracht hatten und darüber, wie man sich im Leben am besten verhielt. Sie würde etwas von sich in dieser Welt zurücklassen. Aber das ging jetzt nicht mehr. All diese Möglichkeiten waren verschwunden. Alice war eine kinderlose Witwe mittleren Alters und der letzte Nachkomme ihrer Familie. Die Schätze, von denen sie zuvor nicht einmal gewusst hatte, dass sie sie begehrte, hatten sich über Nacht in Luft aufgelöst. Sie fühlte sich … Alice suchte am Rand ihres Bewusstseins nach dem richtigen Wort … beraubt. Ihre größten Träume waren zerstört worden, kaum dass sie sich ihrer bewusst geworden war.
Wenn sie über diese Dinge mit Dr. Zimmerman in ihrem gemütlichen Sprechzimmer redete, fühlte sie sich sicher. Und die Therapeutin hatte ihr eine Strategie gezeigt, die ihr half, wenn sie sich überwältigt fühlte und keine Luft mehr bekam. »Verfolgen Sie die Spur zurück. Was gibt Ihnen das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren? Was raubt Ihnen den Atem?«
Alice ging auf den Fluss zu. Sie dachte an Rich Carlsons spitzes Gesicht und sein gemeines Grinsen. Sie erinnerte sich an die lange zurückliegende Weihnachtsfeier, sein Gesicht, das ihrem zu nah war. Normalerweise brachte diese Erinnerung ein Gefühl der Scham und des Unbehagens mit sich, aber nun empfand sie einen Anflug von Empörung. Wie konnte er es wagen, sie zu berühren! Und nun diese Drohung, an ihrer Pension herumzupfuschen, an dem Geld, für das sie so hart gearbeitet hatte. Sie, die sich nie krank meldete. Alice, die früh kam und spät wieder ging. Die loyale Alice. Warum machte er das? Wichtiger noch: Warum weckte sein Verhalten diese wachsende Panik in ihr? Alle wussten, dass Alice Bills Job machte. Wenn sie sie feuerten, würde nichts mehr fertig werden. Das Hafenprojekt, das größte Erschließungsvorhaben des Countys seit Jahren, würde monatelang stillstehen, bis sie den alten Mann vom Golfplatz herunterkomplimentiert hatten. Und wenn sie ihn wieder an die Arbeit brachten, würden sie feststellen, dass Alice seinen Job bereits so lange erledigt hatte, dass er tatsächlich nicht mehr wusste, wie der Hase lief. Sie konnten natürlich jemanden einstellen, der sie ersetzte. Aber was sie sich auf keinen Fall leisten konnten, war ein weiterer Zeitverlust.
Hier ging es also nicht um ihre Angst vor einer Kündigung. Und es war ihr auch nicht peinlich, mit Stan in Verbindung gebracht zu werden. Wie sie Nancy gesagt hatte, respektierte sie, was Stans Organisation für Farmer und Obstbauern wie ihre Eltern getan hatte. Es war also etwas anderes. Aber was?
»Du bist zu nett, Alice.«
Wie aus dem Nichts, aus heiterem Himmel hörte sie Buddys Stimme.
»Du weißt es, Liebling.«
Die plötzliche Erkenntnis ähnelte einem Vorhang, der zur Seite gezogen wurde und den Blick auf einen verborgenen Raum freigab, auf die Vorgänge in Alices Herz, ihre Beweggründe, die mitunter verfehlt und ihr selbst nicht bewusst waren.
Wie oft hatte sie freitags Überstunden gemacht, um Aufgaben zu erledigen, die Nancy auf sie abgewälzt hatte? Nicht dass sie etwas vorgehabt hätte, das nicht.
»Du bist so gut zu mir, Alice!«, rief Nancy, wenn sie ging. »Danke!«
Zu nett.
Warum hatte sie einfach Bills Arbeit für ihn erledigt, anstatt eine Beförderung zu verlangen? War nach dem Picknick am Tag der Arbeit noch dageblieben, um aufzuräumen. Hatte sich jedes Jahr freiwillig für die Spendenaktion zugunsten des Highschool-Footballteams gemeldet, obwohl sie die einzige Angestellte ohne Kinder war. Hatte den ganzen Tag im Regen am Stand gesessen, obwohl sie Football hasste.
Zu nett. Zu nett, um Nein zu sagen.
Sie errötete vor Scham. Nein, zu ängstlich, um Nein zu sagen. Zu ängstlich, um für sich einzustehen und ihre Meinung zu sagen. Zu ängstlich, um sie selbst zu sein.
Noch nie war ihr das derart klar gewesen. Aber nun war es alles, woran sie denken konnte. In der Nacht, in der sie Ed Stevenson die Stirn geboten hatte, hatte sie es gespürt. Die Wut war tief in ihr vergraben, diese Weißglut, der Zorn, der aus dem Nichts zu kommen schien. Alice war unglaublich wütend, weil sie so lange vorgegeben hatte, jemand zu sein, der sie nicht war. Warum hatte sie das getan? Nur, damit sich andere Leute nicht unwohl fühlten, Leute wie Rich Carlson zum Beispiel? Sie sah sein Frettchengesicht vor sich, seine über die Glatze gekämmten Haare. Rasende Wut erhob sich in ihr wie eine Feuerwand. Wie konnte sie es wagen, ihre Eltern derart zu enttäuschen? Wie konnte sie sich selbst dermaßen enttäuschen?
Sie lief noch ein Stück auf der Uferpromenade oberhalb des Strands entlang, dann kletterte sie über das felsige Ufer hinunter und ging hinaus auf die breite Sandbank, die bis zum Zusammenfluss des Hood Rivers mit dem Columbia River in das Wasser hineinragte. Sie stapfte um die Baumstämme und Felsblöcke herum, die bei jedem Hochwasser ein Stück weiter vom Mount Hood heruntergerollt waren. Das machtvoll strömende Wasser hatte die Hindernisse vom Berg heruntergespült, jedes Mal eine Meile weiter. Als von Westen her eine Sturmböe blies, spürte sie den beißenden Wind im Gesicht. Am Ende der Sandbank angekommen, stand sie im strömenden Regen und ließ zu, dass er alles aus ihr herausspülte – ihren Zorn, den Kummer, den Verlust und die Verzweiflung. Das ist der Ort, an den die Spur mich führt, Dr. Zimmerman.
Sie zählte alles auf: Buddy, ihre Eltern, die Obstplantage, die Kinder, die sie hätte haben können, der unwiderrufliche Lauf der Zeit. All das ließ sie durch sich hindurchströmen, alles, was sie verloren hatte und niemals zurückbekommen würde. Ihr Körper pulsierte bei der Erkenntnis, dass sie allein auf der Welt war. Sie war vor Bud allein gewesen und würde es bis zu ihrem Tod bleiben. Alice Island, Zugbrücke oben. Alice Ganz Allein.
Aber bislang hatte sie das nicht weiter gestört, oder? Im Kern war sie eben genau das: einfach Alice. Also war es in Ordnung. Ja, dachte sie, und ihr Atem beruhigte sich allmählich. Damit konnte sie zufrieden sein, zufrieden mit dem, was sie war. Sie konnte sie selbst sein. Sie würde voll und ganz sich selbst gehören. Und wie aus einem zugedrehten Hahn kein Wasser mehr strömt, so hörte auch ihre Angst einfach auf. Sie konnte die sauberen Kanten ihres Kummers fühlen, aber es war eine begrenzte, überschaubare Angelegenheit, mit der sie umgehen konnte. Alice stand am Ufer des Flusses, ohne sich zu fragen, wie sie wohl aussah, eine rundliche Frau mittleren Alters, die sich inmitten eines Regenschauers im Frühling die Augen ausweinte.
Der Knoten in ihrer Brust löste sich, der Griff um ihre Kehle wurde lockerer. Vor ihrem geistigen Auge sah sie alle in einer Reihe stehen: Buddy, Marina und Al. Sie hatten sie geliebt. Das zählte noch immer. Und sie erwarteten von ihr, sie selbst zu sein. Da flog der letzte Rest Angst einfach davon wie ein Ballon, dessen Schnur durchtrennt wird. Sie lächelte, wischte sich die Augen und fing an zu lachen. Endlich fühlte sie sich zu einhundert Prozent wie Alice Holtzman, Tochter von Al und Marina, Ehefrau von Buddy Ryan und Bienenzüchterin. Sie war ganz sie selbst, und sie war stinkwütend.
Alice griff in ihre Tasche, holte ihr Handy heraus und tippte eine Nummer ein.
»Hallo Stan«, sagte sie. »Hier ist Alice Holtzman. Hast du Zeit für einen Kaffee?«