Wenn der Imker seine Bestände gut pflegt, verstehen es die Tiere im Allgemeinen selbst am besten, sich zu schützen, und wenn sie nicht von Tausenden Arbeiterinnen bewacht werden, die zu ihrer Verteidigung zu sterben bereit sind, besteht immer die Gefahr, dass sie einem ihrer vielen Feinde zum Opfer fallen.
Das Grundprinzip eines Bienenstocks war Ordnung, das hatte Jake verstanden. Und das erste Element, das geordnet werden musste, war die Nahrung. Eine Königin konnte bis zu zweitausend Eier am Tag legen, aber wenn die Sammlerinnen nicht genug Nektar und Pollen fanden, würden diese Eier schlicht und einfach nicht überleben. Das zweite Ordnungselement hieß Kooperation. Die erfahrensten Bienen, die Sammlerinnen, besuchten oftmals mehrere Tausend Blumen an einem einzigen Tag, wenn sie Vorräte für das Volk sammelten. Die Stockbienen waren dafür verantwortlich, die Nahrung den Ammenbienen zu übergeben, damit diese die Eier, Larven und Jungbienen füttern konnten. Die Königin wurde von ihrem Gefolge satt und sauber gehalten, sodass sie stets die notwendige Arbeit verrichten konnte. Es war ein perfektes System wechselseitiger Abhängigkeit, ein sehr funktionstüchtiger und hochgradig vernetzter Haushalt.
So ähnlich wie bei Menschen, dachte Jake, während er Grünkohl für ein Chili mit Huhn und weißen Bohnen hackte. In seinem Elternhaus hatte er nie das Gefühl von Kooperation gehabt. Es war fast, als lebten sie zu dritt getrennt zusammen. Bei Alice hingegen spürte er, dass er einen Beitrag leistete, sobald er mit dem Kochen begann. Seit Jakes Einzug aßen sie jeden Abend zusammen am Esszimmertisch. Er genoss es, das Ende eines jeden Tages mit ihr zu verbringen und über die Bienen zu reden. Außerdem hatte er überraschenderweise festgestellt, dass er ein Händchen fürs Kochen hatte. Dass Noah ihn nun »la dueña de la casa«, die Hausherrin, nannte, war ihm egal.
»Fehlt nur noch eine geblümte Schürze, Mann!«, zog Noah ihn auf, als Jake ihm ein Schälchen Karamellpudding anbot, zubereitet nach einem von Celias Familienrezepten.
Celia stieß Noah den Ellbogen in die Rippen, nahm freundlich ihren Teller entgegen und überreichte Jake ein kleines, in Seidenpapier eingeschlagenes Päckchen. Er öffnete es und erblickte ein kleines, auf Strukturblech gemaltes Altarbild des heiligen Pascal. Der Schutzheilige der Köche, erklärte Celia.
»Von meiner Mom«, fuhr sie fort und verdrehte die Augen. »›Cada cocina lo necesita, mi’ja‹«, sagte sie laut, um ihre herrische kleine Mutter zu imitieren. »Du sollst es in der Nähe des Herdes aufhängen.«
Darunter befand sich ein zweites Altarbildchen, ein Geschenk von Celia selbst – die heilige Deborah.
»Sie ist die Schutzheilige der Bienen«, sagte sie mit einem schüchternen Lächeln.
Noah schlang währenddessen seinen Pudding hinunter.
»Mann, der ist ja richtig gut. Nein, ich meine es ernst!«, beteuerte er, als Jake ihn mit einem spöttischen Blick bedachte.
Celia und Jake vertieften sich in die Koch-App, die er neuerdings benutzte. Darin gab es einen Link zu einer Einkaufsliste, die er Noah und Celia per SMS schickte, damit sie die Zutaten für ihn einkaufen konnten. Es fiel ihm schwer, sie um Hilfe zu bitten, aber er wusste, dass er anders im Augenblick nicht zurechtkommen würde. Die Vorstellung, zum ersten Mal seit mehr als einem Jahr durch den Little Bit Grocery and Ranch Supply zu rollen … nun, er könnte ebenso gut nackt dort auftauchen. All die Leute, die ihn anstarrten, stehen blieben und mit ihm reden wollten. Auf keinen Fall. Noch nicht. Widerstrebend hatte er sich damit abgefunden, dass er sich von seinen Freunden abhängig machen musste, um zu Alices Haushalt beizutragen und ihr nicht zur Last zu fallen.
Als sie die Lebensmittel weggeräumt hatten, wollte Celia noch einmal die Bienen sehen. Diesmal zog sie Alices kompletten Imkeranzug an und folgte Jake, der sich den Bienen wie immer ohne Kopfbedeckung näherte, bis zu den Beuten.
Noah blieb an der Pforte stehen. »Sie werden dich zu Tode stechen, Cece! Glaub bloß nicht, du könntest dich nachher bei mir ausheulen, Kleine!«
»No soy nena!«, gab Celia zurück. »Du bist hier die Memme!«
»Ich sehe da eine Biene auf deiner Schulter sitzen. Sie wird dir ins Ohr kriechen und dein Gehirn fressen!«
Doch bald darauf verging Noah die Lust auf Sticheleien, und er fing an, einen Tennisball gegen die Seite der Scheune prallen zu lassen.
Langsam gingen sie weiter und blieben neben einem der älteren Bienenstöcke stehen. Jake wies Celia an, in der Nähe des Eingangs in die Hocke zu gehen, sodass sie die Bienen hinein- und herausfliegen sehen konnte. Sie bewegte sich so langsam, wie er ihr gesagt hatte, und die Bienen flogen unbeirrt weiter. Eine Wächterin surrte vor Jakes bloßem Gesicht hin und her. Er schloss die Augen und atmete ruhig, hielt still, bis das Tier zu dem Schluss kam, dass er keine Bedrohung darstellte, und sich wieder seinen Aufgaben zuwandte. Celia schnappte nach Luft.
»O mein Gott! Sieh dir ihre Beine an! So orange! Und gelb!«
Jake lächelte. Wie winzige Flugzeuge landeten die Bienen vor dem Beuteneingang, eine nach der anderen. Ihre Pollenhöschen waren mit knallig orangefarbenem, gelbem und rotem Blütenstaub beladen. Manche waren von Kopf bis Fuß bepudert und saßen auf dem Anflugbrett, kämmten sich den Blütenstaub über den Kopf und hinunter zu den Beinen. Jake deutete auf eine Biene mit strahlend gelben Hinterbeinen.
»Das nennt man Pollenhöschen. Es ist ein kleines Fach, in dem die Biene den Blütenstaub verstauen kann. Sie fliegt in die Beute und gibt ihn an eine andere Biene weiter, die ihn wegpackt, um später die Babys damit zu füttern. Sie füllen ganze Rähmchen damit. Es sieht beinahe wie ein Gemälde aus.«
»Das will ich sehen!«, sagte Celia.
Jake zögerte, ehe er sie zu einem der neuen Bienenstöcke führte. Er empfand einen Anflug von Reue, weil er Alice verschwiegen hatte, dass er die Beuten gestern geöffnet hatte, während sie im Büro war. Auch an diesem Morgen konnte er sich nicht von ihnen fernhalten. Er hatte die zweite Hälfte der neuen Bienenstöcke überprüft, die Alice von der Sunnyvale Bee Company mit nach Hause gebracht hatte, die Nummern neunzehn bis vierundzwanzig, die allesamt noch aus einstöckigen Bruträumen bestanden und am östlichen Ende des Bienengartens aufgestellt worden waren. Der Fleiß der Bienen, ihre Schönheit und die geheimnisvolle Musik der Königin faszinierten ihn. Nun legte Jake eine Hand auf das Dach von Nummer siebzehn und schloss die Augen. Der Kasten summte leise und gleichmäßig. Er hörte noch eine Weile zu, stellte sich die Mitte der Rähmchen vor, und sein Atem verlangsamte sich, bis er es hören konnte, das schwache Gis, die Note, die ihm verriet, dass die Königin zu Hause und das Volk somit weiselrichtig war, wie es in der Fachsprache der Imker hieß.
Jake hebelte die Blechhaube auf. Er stellte sie mit der Innenabdeckung an der Seite der Beute ab und zog ein Rähmchen heraus, auf dem sich bislang weder Wachs noch Blütenstaub befand. Er ließ eine Hand über die anderen Rähmchen gleiten, holte vorsichtig das mittlere heraus und hielt es hoch, damit Celia es sehen konnte.
Jake hörte sie kurz und scharf einatmen.
»Großartig!«, flüsterte sie und faltete die Hände.
Er legte das Rähmchen auf die Armlehne seines Rollstuhls. Geruhsam und stetig gingen die Bienen ihren Geschäften nach. Er machte Celia auf den Streifen glänzenden Blütenstaubs aufmerksam, der in die Zellen gefüllt worden war. Er zeigte ihr, wo der Honig gelagert wurde, wo die Larven gedeckelt wurden und wo sich die unverdeckelten Brutzellen befanden. In der Mitte der wimmelnden kleinen Körper erblickte er den eleganten Leib der Königin, der immer noch mit dem hellgrünen Punkt des Züchters markiert war.
»Da ist sie, Cece«, sagte er. »Die Lady, die alles erst möglich macht.«
Jake hatte gelesen, dass Bienenzüchter und Wissenschaftler früherer Zeiten diese größere Biene für männlich gehalten und sie den König genannt hatten. Erst in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts sezierte ein niederländischer Naturkundler die Eierstöcke und entdeckte den Fehler. Celia fand das genauso lustig wie er.
»Typisches Männerdenken. Aber für mich ergibt das absolut Sinn«, sagte sie und deutete auf die vielen bebenden Körper, die die Königin umzingelten. »Das ist wie Weihnachten bei mir zu Hause. Da in der Mitte ist Abuelita, und meine Tanten und meine Mom rennen herum und tun, was sie ihnen sagt. Ihr würde das sehr gefallen! Und der Teil mit den Drohnen, die nur rumhängen und nichts tun … Die haben es echt gut!« Sie schnippte mit den Fingern.
Jake hingegen fand das Schicksal der Drohnen eher betrüblich. Sie lebten nur, um sich einmal zu paaren, und starben gleich nach dem Akt. Drohnen, die die Königin nicht begatteten, wurden im Herbst aus dem Bienenstock verjagt, da sie weder zur Aufzucht des Nachwuchses noch zum Sammeln von Pollen in der Lage waren. Sie stellten somit nur unnötigen Ballast für das Bienenvolk dar.
Das Geräusch des Tennisballs verstummte.
»Tut mir leid, wenn ich dir die Party da draußen verderbe, Neil Armstrong!«, rief Noah. »Aber ich muss jetzt zur Arbeit düsen!«
In Zeitlupe ging Celia auf ihn zu und atmete durch den Schleier vor ihrem Gesicht.
»Luke. Ich bin dein Vater«, krächzte sie.
»Falsche Farbe, Cece! Vader ist schwarz, nicht weiß«, sagte Noah.
Jake half Celia, den Imkeranzug auszuziehen und folgte seinen Freunden zum Wagen, obwohl er nicht wollte, dass sie fortgingen. Ihm graute vor diesem Abend, an dem Harry, der neue Mieter, eintreffen würde.
Noah lehnte sich an die Wagentür und scrollte sein Handy durch. »Wir jammen dieses Wochenende bei Pomeroy. Du solltest auch kommen, Mann. Alle wollen dich sehen.«
Pomeroys Garage mit den zwei alten Sofas, der Tischtennisplatte, dem Kühlschrank für Bier und dem fetten Soundsystem war die perfekte Männerhöhle. Toms Mutter hatte sie ihm nach der Scheidung von seinem Vater überlassen. Bei der Erinnerung an seine Besuche dort ging Jake das Herz auf. Rumquatschen, Bier trinken und ein bisschen auf der Trompete spielen.
»Ich bin mir sicher, dass ich dir beim Pingpong immer noch in den Arsch treten kann, Stevenson.«
Jake zuckte mit den Schultern.
»Ich gebe dir ein Handicap«, zog Noah ihn auf und stieß Jakes Rollstuhl mit dem Knie an. »Um fair zu sein.«
Jake versuchte zu lächeln, weil er wusste, dass sein Freund nicht unfreundlich sein wollte. Aber dann sagte er: »Kumpel, du weißt schon, dass das nicht lustig ist, oder?«
Noah errötete bis zu den Ohrläppchen und wirkte betroffen. »Fuck, Stevenson, das tut mir leid. Ich wollte nur …«
Jake boxte ihn in die Seite und schnitt ihm das Wort ab. »Weiß ich doch. Ich will dir nur nicht in den Arsch treten müssen.«
Erleichtert atmete Noah auf.
»Ich werde mir das mit Pomeroy durch den Kopf gehen lassen«, versprach Jake.
Celia beugte sich über den Sitz und knuffte Noah in die Seite. »Ich dachte du hättest es wahnsinnig eilig, wey!«
»Schreib mir eine Nachricht, wenn ich dich abholen soll, Bro«, sagte Noah. Er klatschte Jake ab, schob seinen großen Körper hinter das Lenkrad und fuhr los.
Jake saß am Küchenfenster und sah zu, wie die kleinen goldenen Tiere zum Obstgarten des Nachbarn flitzten. Er dachte darüber nach, wie es wäre, in Pomeroys Garage abzuhängen. Die Jungs würden ihn anstarren, dann aber so tun, als wäre nichts. Es war zu viel für ihn. Ganz zu schweigen davon, dass er seine Trompete schon ewig nicht mehr in die Hand genommen hatte.
Er schob sich die In-Ear-Kopfhörer ins Ohr und scrollte die Musik auf seinem Handy durch. Es gab nichts, was er sich anhören wollte, also nahm er die Stöpsel wieder heraus. Ihm wurde klar, wie oft er auf diese Art die Geräusche seiner Eltern übertönt hatte, wenn sie sich im Haus zu schaffen machten. Bei Alice war es so still, und gleichzeitig gab es viel mehr zu hören. Wenn er einfach nur dasaß, konnte er den Wind in den Bäumen und das Gackern der Hühner hören. Eine Biene flog an der Fliegengittertür vorbei und verschwand.
Er öffnete die Rezepte-App auf seinem Handy, holte den Grünkohl aus dem Kühlschrank und legte ihn auf das Schneidbrett.
»Memme«, hatte Celia Noah über die Schulter hinweg zugerufen.
»Memme«, zischte Ed in seinem Kopf.
Seinen Vater würde es nicht beeindrucken, dass Jake kochen lernte. Ed hasste alles, was äußerlich nicht männlich im hinterwäldlerischsten Sinne wirkte. Männer fuhren Trucks, tranken Bier, hatten in der Familie das Sagen und gingen im Herbst auf die Jagd. Körperliche Arbeit verdiente Bewunderung, aber nur, wenn sie sich außerhalb der Wände eines Hauses abspielte. Dass seine Frau jeden Tag kochte, putzte und den Haushalt schmiss, war etwas, das er einfach von ihr erwartete, obwohl auch sie einen Vollzeitjob hatte. Jake hatte kein einziges Mal gehört, dass sich sein Vater bei seiner Mutter bedankt hätte, weil sie Dinner gekocht oder hinter ihm hergeräumt hatte.
»Memme«, sagte sein Vater, als er beim Heimkommen den zwölfjährigen Jake in der Einfahrt einen Ollie auf seinem neuen Skateboard fahren sah.
Ed hatte sich eine Zigarette angezündet. »Du solltest Football spielen und nicht mit dem dämlichen Ding da rummachen.«
Jake erzählte seinem Vater nicht, dass es in der siebten Klasse keine Footballmannschaft gab. Ebenso wenig erwähnte er, dass einige der besten olympischen Snowboarder wie zum Beispiel Shaun White auf dem Skateboard angefangen hatten. Sein Vater hielt vermutlich auch Snowboardfahren für dämlich.
Auf der Highschool fuhr er das Longboard, das seine Mutter ihm mitgebracht hatte, und für ihn bedeutete es Freiheit. Es brachte ihn zur Schule, zum Skatepark und zu Katz nach Hause. Dieses Board bedeutete ihm nach wie vor etwas, obwohl er es jetzt nicht mehr fahren konnte. Es stand in der Ecke seines Zimmers in Alices Haus. Ob Ed sich darüber freuen würde?
Er stellte den Herd auf mäßige Hitze und ließ das Chili vor sich hin köcheln. Da der ganze Nachmittag vor ihm lag, beschloss er, sich noch einmal die neuen Bienenstöcke anzusehen. Und wenn Alice abends nach Hause kam, würde er es ihr beichten.
Für die Inspektion brauchte er den Großteil des Nachmittags. Bei der Arbeit dachte er darüber nach, dass seine Zeit mit den Bienen sich allmählich dem Ende zuneigte. Die ersten Bruträume waren bereits nahezu vollständig ausgebaut. Bald würde Alice in jeder Beute einen weiteren Brutraum installieren, damit die Bienen mehr Waben für ihre Eier bauen konnten. Dann würden die Beuten so hoch sein, dass er sie nicht mehr öffnen konnte, solange er im Rollstuhl saß. Inzwischen war er geschickt darin, Eier, unverdeckelte Larven, Drohnen- und Arbeiterinnenbrut zu entdecken. Die Kunst, die Königin ausfindig zu machen, war für ihn zu einer Art Spiel geworden. Lauschen, den Gis-Ton erkennen, die Beute öffnen und die Königin finden. Wenn ihm das gelang, schwoll ihm jedes Mal vor Stolz die Brust.
Der Klang war in jeder Beute derselbe. Am Abend zuvor hatte er im Internet einen Hinweis gefunden, der das Phänomen erklärte. Ein Forscher der Washington State University hatte nachgewiesen, dass Königinnen einen eigenen Ton hatten, und zwar Gis/As. Warum war es immer diese Note?, fragte er sich. Sang sie ihren Kindern oder sich selbst etwas vor? Und wenn ja, was teilte sie mit?
Er arbeitete ohne Probleme die Bienenstöcke ab, doch bei Nummer dreiundzwanzig passierte etwas Merkwürdiges. Er musste sich anstrengen, um den Ton der Königin zu hören. Und als er die Beute öffnete und hineinschaute, rutschte ihm das Herz in die Hose. Die Königin saß auf dem fünften Rähmchen, aber sie wirkte lethargisch. Ihre Pflegerinnen umkreisten sie, reinigten ihren Körper und die Flügel. Ihr Summen war unregelmäßig und schwach. Mit einem kalten Gefühl in den Eingeweiden schloss Jake die Beute wieder. Bei Nummer vierundzwanzig war es noch schlimmer. Dort war die Königin überhaupt nicht zu hören, und ihre lange, sich nach hinten verjüngende Gestalt war in der vibrierenden Menge der Arbeiterinnen nicht auszumachen.
Schweiß bedeckte seine Kopfhaut und die Oberlippe. Was hatte er nur getan? Er hätte sie einfach in Ruhe lassen sollen. Mist. Alice würde stinksauer sein. Ohne die Königinnen waren die beiden neuen Bienenstöcke verloren.
An dem Tag, an dem sie ihm die Bienen gezeigt hatte, hatte sie auf Beute Nummer dreiundzwanzig geklopft.
»Ihr seid die Zukunft, Mädels«, hatte Jake sie sagen hören. »Ihr macht euer Ding, und ich beschütze euch.«
Die nächsten Stunden verbrachte er online und sah sich in Bienenforen um, aber was er las, führte nur dazu, dass er sich noch schlechter fühlte. Als er Alices Wagen die Zufahrt heraufkommen hörte, begann sein Magen zu rebellieren. Für eine Sekunde hatte er in Erwägung gezogen, die angeschlagenen Bienen überhaupt nicht zu erwähnen. Er wusste nicht, wie lange es dauern würde, bis es ihr auffiel – vermutlich ein paar Tage. Aber er verwarf den Gedanken rasch wieder. Je länger er wartete, desto wahrscheinlicher war es, dass die Bienenvölker nicht überleben würden.
Alice stürmte zur Tür herein und warf ihre Tasche auf das Sofa. »Mensch«, sagte sie. »Hier riecht es ja fantastisch. Ich schätze, was das Dinner betrifft, bin ich mal wieder fein raus, hm?«
Sie lächelte, und Jake hasste sich für das, was er ihr gleich sagen würde. »Hey, Alice. Guten Tag gehabt?«
Sie bedachte ihn mit einem schiefen Lächeln. »Ja, könnte man so sagen. Wenn auch auf ziemlich seltsame Art.«
Als sie in ihrem Overall wieder ins Wohnzimmer kam, holte Jake ihr Imkertagebuch heraus und legte es auf den Tisch.
»Alice, ich muss dir etwas sagen. Setz dich lieber hin.«
Kurz und bündig erzählte er ihr, dass er sich die neuen Bienenstöcke von innen angesehen hatte.
»Um Gottes willen! Du hast was? Aber wie konntest du …?« Ihre Stimme wurde immer lauter, und sie deutete auf seinen Rollstuhl.
»Dass ich im Rollstuhl sitze, bedeutet nicht, dass ich hilflos bin, Alice«, sagte er ruhig. »Und jetzt lass mich einfach ausreden.«
Sie errötete, entschuldigte sich und nickte. Jake erzählte ihr, dass er die Königinnen in ihren neuen Bienenstöcken gehört hatte. Er gab ihr das Tagebuch mit seinen Notizen. Seine Einträge waren sehr detailliert, da er sich an ihren orientiert hatte: Datum, Temperatur, Tageszeit, Sichtung der Königin, Sichtung der Eier. Er hatte auch Zeichnungen hinzugefügt, um seine Beobachtungen zu dokumentieren – Drohnenwaben, Pollenmuster, schlüpfende Puppen.
Sie nickte, als sie die Seiten betrachtete und langsam umblätterte. Dann legte sie das Notizbuch auf den Tisch.
»Gute Arbeit, Jake. Und auch die Zeichnungen sind eindrucksvoll«, sagte sie und lächelte kleinlaut. »Tut mir leid, dass ich die Fassung verloren habe. Ich wollte dich nicht beleidigen. Hiermit habe ich nicht gerechnet. Es ist sogar sehr hilfreich. Deine Aufzeichnungen sind erstaunlich.«
Jake spürte, wie sich seine Schultern entspannten. »Du bist nicht wütend?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin nicht wütend«, sagte sie. »Ich glaube, ich bin gerade ersetzt worden.«
Sie schob ihm das Notizbuch über den Tisch zu. »Von nun an bist du für die Aufzeichnungen zuständig.«
Jakes Gesicht glühte vor Freude, und für einen Moment fehlten ihm die Worte. Er hätte nicht erklären können, was er empfand. Die Bienen schienen ihn zu etwas Neuem und Wundervollem zu führen. Dieses Gefühl, dieses goldene Surren in seinem Inneren, wenn er sie betrachtete … nie im Leben hätte er damit gerechnet.
»Da ist noch etwas«, sagte er.
Er erzählte ihr von der Gis-Note, die er aus dem Klang des restlichen Bienenvolks herausgehört hatte. Alice wirkte erst verwirrt und dann erstaunt. Er erzählte ihr von dem Forscher der Washington State und zeigte ihr seine Notizen zu dem Thema. Er fühlte sich, als teilte er sein kostbarstes Geheimnis mit dem einzigen Menschen, der ihn vielleicht verstehen würde.
»Ist das nicht toll?«, murmelte sie, betrachtete die Seiten und sah dann Jake an. »Ich frage mich, warum sie das tun. Du hast es bei jeder Königin gehört, oder?«
Da verblasste Jakes Lächeln. Er blickte zum Fenster hinaus, dann wieder zu Alice und erzählte ihr von den kranken Königinnen.
Alices Miene verfinsterte sich. Seufzend stand sie vom Stuhl auf. »Lass uns nachsehen.«
Im Bienengarten legte sie Hut, Schleier und Handschuhe an. Sie wirkte überrascht, als Jake sagte, er benutze weder die Schutzkleidung noch den Smoker.
»Okay. Wie du willst.«
Sie bedeutete ihm mit einer Geste, Nummer dreiundzwanzig zu öffnen. Anfangs zitterten ihm die Hände, aber er schloss die Augen, atmete tief durch und griff so vorsichtig in die Beute wie immer. Es dauerte nicht lange, da bestätigte sich, was er Alice erzählt hatte. Die Königin in Nummer dreiundzwanzig bewegte sich nicht mehr, und die Königin in der Vierundzwanzig konnten sie nicht einmal finden.
»Verdammt«, sagte Alice.
Sie schob ihm das Tagebuch zu. »Versagen der Königin. Schreib es auf, genau so«, sagte sie kurz angebunden. »Für Bienenstock dreiundzwanzig und vierundzwanzig, mit Datum.«
Jake war übel, als er es notierte.
»Diese beiden müssen sofort neue Königinnen bekommen, und möglicherweise gehen die Völker trotzdem ein. Sie sind zu jung, um selbst eine neue Königin heranzuziehen, also muss ich welche bestellen«, sagte Alice.
Sie zog die Handschuhe aus, setzte sich auf den Windschutz und musterte Jake durchdringend. »Nimm es nicht so schwer, Jake. So etwas kommt vor. Dass ich den Wagen geschrottet habe, war nicht gerade hilfreich. Diese beiden Völker sind jung, und mit neuen Königinnen geht es ihnen wahrscheinlich bald wieder gut.«
Jake sah sie an, sein Magen war verkrampft. »Dann habe ich also nicht … Du glaubst nicht, dass ich das getan habe? Sie verletzt, meine ich.«
»O nein. Nein, nein!«, sagte Alice und schüttelte den Kopf. »Du hast ihnen nichts getan. Ich sehe doch, wie vorsichtig du bist. Du hast wirklich Talent für die Bienenzucht. Wer öffnet schon die Beuten einfach ohne Kopfbedeckung? Und dann diese Sache mit dem Ton. Verdammt noch mal, ich mache das hier schon seit Jahren und habe ihn noch nie gehört. Soll ich ehrlich sein? Ich bin eifersüchtig.«
Jakes Körper entspannte sich, während seine Sorge sich in Luft auflöste. Er spürte dieses goldene Summen im Brustkorb, als wäre er ein hohler Baum, in dem sich ein Honigbienenvolk niedergelassen hat. Dieses Gefühl war allmählich in ihm gewachsen, und schließlich fiel ihm wieder ein, was es war. Er hatte es an dem Morgen empfunden, als er das erste Mal mit Cheney in seinem Zimmer aufgewacht war. Er hatte es gefühlt, als seine Mutter ihm sein erstes Skateboard kaufte und als Noah aufgetaucht war, um ihm in Alices Haus zu helfen, ohne irgendwelche Fragen zu stellen. Und nun bei den Bienen. Dieses Gefühl war Liebe, ganz einfach. Es war alles. Er behielt das Wissen in seinem Herzen und sagte kein Wort.
»Harry müsste bald hier sein«, sagte Alice und blickte auf ihre Uhr.
Sie gingen an der Westseite des Bienengartens an den älteren, gut eingeführten Bienenstöcken vorbei, die aus zwei oder drei übereinanderliegenden Bruträumen bestanden. Obwohl Jake nicht in der Lage war, diese Stöcke zu öffnen, hatte er auf die Töne der Königinnen geachtet. Nun irritierte ihn das, was er nicht hörte. Er hielt an und legte eine Hand auf die nächstgelegene Beute.
»Ich glaube, diese hier sollten wir uns genauer ansehen, Alice.«
Was sie im Inneren der Beuten vorfanden, war schockierend. Sie waren völlig verwüstet. In fünf von Alices ältesten Bienenstöcken waren sämtliche Bienen tot oder lagen im Sterben. Die leblosen Körper der Arbeiterinnen lagen in Haufen aufeinander, eine schweigende Masse einstmals goldener Geschöpfe, die nun austrockneten und braun wurden. In einer Beute näherte sich der Todeskampf der Tiere seinem Ende. Während sie über die Körper ihrer toten Schwestern krochen, drehten sie sich im Kreis und surrten auf und ab, als wenn sie einen Kurzschluss erlitten hätten.
»Nein!«, sagte Alice. »O nein, nein, nein, nein!«
Je weiter sie in die Beuten vordrang, desto hektischer wurde sie und fluchte leise vor sich hin. Nummer sechs war noch gesund, noch weiselrichtig. Sie legte die Blechhaube wieder auf die Beute, setzte sich hin und starrte die toten Bienenstöcke an. Jake schwieg. Er griff nach dem Notizbuch und wartete auf ihre Erklärung dafür, wie es möglich war, dass ein ganzes Bienenvolk auf einmal starb – oder fünf, um genau zu sein.
»… ergibt keinen Sinn … habe noch nie gelesen, dass so was im normalen Frühlingszyklus …«, sagte sie leise zu sich selbst. Ihr Blick wanderte an der westlichen Grenze des Bienengartens entlang, über die Wiese und zum Obstgarten des Nachbarn. Der Westwind hatte aufgefrischt, wie er es an warmen Frühlingstagen häufig tat, und an den Apfelbäumen im nachbarlichen Garten wehten die blühenden Zweige hin und her. Alice nahm einen tiefen Atemzug, roch die Luft.
»Drift«, sagte sie. »Scheiße.«
Sie ging über die Wiese bis zur westlichsten Ecke, und Jake folgte ihr. Sie atmete ein, Jake tat es ihr nach, und sie erkannten beide den beißenden Geruch von Pestiziden. Er erinnerte sich, dass er wenige Tage zuvor Arbeiter dort draußen gesehen, aber angenommen hatte, sie würden die Bäume beschneiden.
Alice kramte ihr Handy hervor und rief ihren Nachbarn Doug Ransom an. Sie stellte das Handy auf Lautsprecher. Jake hörte zu, wie sie geduldig den Austausch nachbarschaftlicher Höflichkeiten durchstand, bevor sie ihre Frage stellen konnte. Aber ja, Doug war vor Kurzem mit dem Spritzen für den Frühling fertig geworden und hoffte, dass sie der Geruch nicht störte. Er hatte dieses Jahr andere Produkte verwendet. Der Vertreter hatte ihm eine Gratisprobe dagelassen, und alle schienen das Präparat für besonders wirksam zu halten. Alice solle ihn unbedingt mal besuchen. Es fehle ihm wirklich, sie und Buddy zu sehen. Komm vorbei, wann immer du willst, sagte Doug.
Alice legte auf, schob das Handy wieder in die Tasche und hielt sich die Hände vors Gesicht. Sie entfernte sich von Jake und ging auf die Bienenstöcke zu, die Dougs Plantage am nächsten waren. Sie drehte sich wieder zu ihm um, und was er in ihrem Gesicht sah, war nackte Trauer. Vor Mitgefühl schnürte es ihm die Kehle zu. Er hörte einen Motor, und gleich darauf sahen sie einen Jeep des Sheriff’s Department über die Zufahrt rumpeln.
»Um Himmels willen. Was denn jetzt noch?«, murmelte Alice, und sie setzten sich gleichzeitig in Bewegung, um sich der nächsten Herausforderung zu stellen.