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PRACHTBIENE

Obgleich Bienen auf der Suche nach Nahrung mehr als fünf Kilometer weit fliegen, können sie nur wenig überschüssigen Honig einlagern, es sei denn, sie beschränken sich auf einen Kreis von etwa drei Kilometern rund um den Bienenstock.

L. L. LANGSTROTH

 

Auch wenn ihm das Notizbuch mit seinen Pro-und-Contra-Listen, den Zielen und Bestrebungen, den To-do- und Checklisten und den sorgsam gewählten Worten viel Trost spendete, wusste Harry, dass es ihm in Momenten wie diesem, in Momenten, in denen es wirklich darauf ankam, im Grunde nichts nützte. Das Leben stürmte auf ihn ein, und er konnte Tagebuch schreiben, so viel er wollte, es half ihm nicht, herauszufinden, was er tun sollte. Die einzigen Wörter, die ihm zur Beschreibung des gegenwärtigen Augenblicks einfielen, waren »unbehaglich«, »unumgänglich« und »unvermeidlich«. Erst jetzt wurde ihm klar, worin der größte Nachteil bestand, wenn er sich von Ronnie fahren ließ: Er würde seiner neuen Chefin erklären müssen, warum ihn an seinem ersten Arbeitstag ein Deputy vor ihrem Haus absetzte.

»Sag einfach die Wahrheit, Junge! Die kann man sich leichter merken«, hallte Sals Stimme in seinem Kopf wider. Doch seine Wahrheit schien es nicht wert zu sein, Alice Holtzman mitgeteilt zu werden. Seine Wahrheit lautete, dass er ein obdachloser verurteilter Straftäter war. Als er aus dem Jeep stieg, machte sich Harry dennoch bereit, sein Bestes zu geben. Immerhin war das hier ein Neuanfang.

Alice kam ihm über den Hof entgegen, und Harry bemerkte den Jungen, der sie begleitete. Der Anblick des Rollstuhls und seiner Frisur überraschte ihn auch diesmal und lenkte ihn ab. Harry stellte seinen prall gefüllten Rucksack zu seinen Füßen ab, wischte sich die schwitzigen Handflächen an der Hose ab und versuchte, sich zu sammeln. Irgendwo in seinem Inneren musste es noch einen Rest Selbstvertrauen geben. Er reckte das Kinn und versuchte, tapfer zu sein.

»Hallo Mrs Holtzman«, sagte er. »Tut mir leid, dass ich zu spät komme.«

Alice nickte ihm mit gerunzelter Stirn zu.

»Also, mir ist da was Lustiges passiert«, setzte Harry an. »Ist eine lange Geschichte. Im Februar war ich in Seattle, und da fing es an zu regnen, und ich ging in dieses Viertel, Pike Place Market …«

Er verstummte, wütend auf sich selbst. Komm zur Sache, Harry, dachte er. Erzähl ihr nicht deine Lebensgeschichte. Erneut nahm er Anlauf.

»Ja … also … mein Onkel wohnt in BZ Corner, wissen Sie, auf der 141 in Richtung Norden?«

Nein, mit dem Wohnwagen und Onkel Hs Tod konnte er auch nicht anfangen. Er war verwirrt, verlor seinen Schwung und wusste nicht mehr, was er sagen sollte. Alice Holtzman hatte ihren vernichtenden Blick inzwischen auf den Cop verlagert.

»Hallo Ronnie. Ich habe gehört, dass du jetzt hier arbeitest«, sagte sie.

Der Hilfssheriff setzte seinen Hut ab und zog den Kopf ein, als rechnete er mit Ärger. »Hallo, Tante Alice.«

Sie musterte ihn stirnrunzelnd und blickte nun wieder Harry an, der am liebsten in den Jeep gestiegen und sehr weit weggefahren wäre. Unter Alices Blick verließ ihn noch der letzte Rest Tapferkeit. Er war eine Enttäuschung, schlicht und ergreifend. Es gab nichts, was er sagen konnte, um sich zu erklären. Er wollte sich seine Sachen schnappen und die Straße hinauf verschwinden.

Alice starrte auf seinen Rucksack, als hätte sie seine Gedanken gelesen.

»Wollen Sie irgendwohin, Mr Stokes?«, fragte sie.

Im Geist hörte er die Stimme seiner Mutter: »Wohin des Wegs, Harry Stokes?«

Er schüttelte den Kopf und senkte den Blick auf den Kies der Zufahrt. Ihm war schwindelig. Der Boden schwankte, und jeder einzelne blaugraue Kieselstein schien größer zu werden und wieder zu schrumpfen. Mühsam richtete er den Blick auf Alices finstere Miene und öffnete erneut den Mund.

»Es ist nur … den Ort, wo ich gewohnt habe … das County hat ihn beschlagnahmt. Und dann kam Ronnie … und sie werden ihn zerstören, darum muss ich …«

Harry gingen die Worte und die Luft gleichzeitig aus. Er wusste nicht, was er sonst noch sagen sollte. Alices Miene brachte zum Ausdruck, was er sein Leben lang in den Gesichtern anderer gelesen hatte: »Du Vollpfosten.« Er konnte sich das Gespräch mit seiner Mutter schon vorstellen, das damit enden würde, dass sie sein Busticket nach Florida bezahlte. In einem muffigen Greyhound wie dem, in dem er im Februar in Richtung Westen aufgebrochen war, würde er quer durch das ganze Land zurückfahren. Sal würde stinksauer sein, ihn aber trotzdem wieder zu Hause einziehen lassen. Und was sollte er dann tun?

Inzwischen hatte Ronnie das Wort ergriffen.

»Letzten Monat haben wir bei Tante Connie eine große Party zu Abuelas und Abuelos Fünfzigstem gefeiert«, sagte er gerade. »Wir haben dich vermisst. Mensch, das war echt toll! Wir haben eine ganze Ziege gebraten, weißt du. Es gab Birria und so. Alle waren da, alle außer …«

Er zögerte, ehe er den Satz beendete. »Alle außer dir.«

Alice musterte ihn schweigend. Ronnie, der aussah, als müsste er sich noch nicht einmal rasieren, war gerade einundzwanzig geworden, als sein Onkel Bud starb, und Alice hatte ihn seitdem nur ein- oder zweimal gesehen – auf der Beerdigung natürlich und einmal im letzten Winter in der Nähe des Postamts, als sie die Straßenseite gewechselt hatte, um von der Familie ihres verstorbenen Ehemanns nicht gesehen zu werden. Sie rief nie zurück, und ihre Jalousien waren jedes Mal heruntergelassen, wenn sie bei ihr vorgefahren kamen, was sie jedoch seit Monaten nicht mehr taten. Mit ausdrucksloser Miene sah sie zu, wie Ronnie das Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagerte. Er drehte seinen Hut in den Händen hin und her.

Auf dem Kies hinter sich hörte sie Jakes Rollstuhl knirschen. Über Alices Schulter hinweg blickte Ronnie den jungen Mann mit dem Irokesen an, der offenbar nicht laufen konnte. Seine Miene verriet Verwirrung, die sich in Verlegenheit verwandelte, während sich Schweigen auf sie alle senkte. Beim Anblick der Bienenstöcke begannen seine Augen zu leuchten, und er lächelte, dankbar, endlich ein Gesprächsthema gefunden zu haben.

»Oh! Die Bienen! Wie geht es deinen Bienen, Tante Alice?«

Evangelina, Ronnies Mutter, stammte aus Michoacán wie so viele mexikanische Einwanderer im Tal. Folglich war Ronnie klein und hatte eine etwas dunklere Hautfarbe, aber sein Vater war Buddys älterer Bruder Ron. Und wenn er lächelte, ähnelte ihr Neffe ihrem toten Ehemann so sehr, dass sie ihn kaum anschauen konnte. Nun strahlte er sie an und deutete auf die Bienenstöcke. Sie dachte an ihr erstes Honigbienenvolk, das nun tot entlang des Zauns im Westen verstreut lag, und daran, wie Buddy es an jenem Samstag nach dem Stadtfest zum Haus ihrer Eltern gebracht hatte. Buddy, der über sich selbst in seinem voluminösen Schutzanzug lachte. Buddy, der darin durch den Garten steppte, um sie zum Lachen zu bringen. Alices Herz, das sich beim Anblick ihres Neffen zusammengezogen hatte, brach nun vollends entzwei.

Sie stützte die Hände auf die Knie und rang nach Luft. Das Gefühl überwältigte sie einfach, sie konnte ihm nicht entkommen. Mitten auf der Zufahrt spürte sie, wie sich die Leere in ihr ausbreitete. Ihr geliebter Buddy. Die dummen, sinnlosen Umstände seines Todes. Alice fühlte, wie sie sich in zwei Teile spaltete, und ihr Schmerz entlud sich. Es war ein ursprünglicher, animalischer Kummer.

Ronnie erstarrte, und Harry sah aus, als wäre er drauf und dran, einfach wegzulaufen. Die Geräusche, die aus Alices Mund kamen, hörten sich nicht nach Englisch an, vielleicht waren sie nicht einmal menschlich. Die beiden jungen Männer waren vollkommen ratlos. Still und verängstigt standen sie da.

Nur Jake hatte keine Angst. In seinem Rollstuhl saß er hinter ihr auf der Zufahrt und hörte nichts anderes als ihren schrecklichen Kummer. Er erkannte sehr deutlich, dass Alice Schmerz empfand, auf eine Art, die die anderen wahrscheinlich nicht kannten. Er fuhr ein Stückchen, bis er neben ihr stand. Dann umfasste er mit seiner schmalen Hand ihr Handgelenk.

»Hey, Alice. Du musst atmen.«

Er erhob die Stimme nicht, das war nicht nötig.

Sie verstummte. Sie blickte auf Jake hinunter und dann wieder zu ihrem Neffen.

»Buddy«, sagte sie.

Ihre Beine versagten, und der Boden fing sie auf. Sie hielt sich die Hände vors Gesicht und weinte wie ein Kind, weinte wie nie mehr seit dem Tag, an dem die Polizei vor ihrer Tür stand und ihr mitteilte, dass ihr lieber, lustiger Mann einen Unfall gehabt hatte und noch an der Unfallstelle für tot erklärt worden war. Erneut brach er über sie herein, der schreckliche Verlust, die Flut, die immer weiter anschwoll, bis sie sich nicht mehr eindämmen ließ. Nun endlich überschwemmte sie ihr Leben.

Jake legte ihr eine Hand auf die Schulter und tätschelte sie sanft. Alice saß auf der Zufahrt und schluchzte, während die Sonne auf sie herabschien und sich die Schönheit des Frühlings unbekümmert um sie herum entfaltete.

»Ist gut, Alice«, flüsterte er. »Alles wird gut.«

Mehr fiel ihm nicht ein, aber in diesem Moment war es genug. Seine Mutter hatte dasselbe zu ihm gesagt, ein ums andere Mal, wenn sie neben seinem Krankenbett saß. Damals hatte er ihr nicht geglaubt, aber irgendwie hatte es geholfen, diese Worte zu hören.

Jake wusste, wie es sich anfühlte, wenn man schließlich begriff, dass das Leben, das man einmal gehabt hatte, verloren war, und dass man es nie wieder zurückbekommen würde. Ihn selbst hatte die Erkenntnis in einem brutalen Moment früh in der Reha getroffen. Schweißgebadet hatte er auf einer Therapiematte gelegen und neu zu lernen versucht, wie man sich selbst zum Sitzen aufrichtete. An jenem Tag hatte er sich wie eine gebrochene Version seiner selbst gefühlt.

Mit diesem Verlust lebte er nun seit mehr als einem Jahr. Jeden Morgen rief ihm der Anblick des Stuhls alles wieder ins Gedächtnis. Sein altes Leben war vorbei, und er würde nie wieder gesund werden. Aber eigentlich stimmte das überhaupt nicht. Jetzt wurde Jake klar, dass sein Leben seit Monaten dabei war, sich beinahe unmerklich zu verändern. Er fühlte sich nicht gebrochen und hatte dieses Gefühl schon eine ganze Weile nicht mehr gehabt. Er veränderte sich. Während er mit Alice dort saß, wurde ihm klar, dass er auf der anderen Seite herausgekommen war. Auf die Zeit vor dem Unfall hatte er sich immer mit dem Wort »Vorher« bezogen. Nun gab es ein »Danach«. Sein Danach war die Farm. Sein Danach waren die Bienen. Sein Danach bestand darin, seiner neuen Freundin Alice dabei zu helfen, ihren schrecklichen Kummer zu ertragen, einfach, weil er es konnte.

Das Gesicht in den Händen vergraben, saß sie mit bebenden Schultern da. Die drei jungen Männer blickten einander an und schwiegen. Sie warteten einfach ab, denn sie wussten nicht, was sie sonst tun sollten.

Und dann hörten sie es – ein schluchzendes Bellen, das Heulen eines gepeinigten Hundes auf der Rückbank des Jeeps und das Kratzen von Krallen an der Fensterscheibe, als das Tier wie verrückt versuchte, zu dem Jungen zu gelangen, den es seit mehr als einem Jahr nicht gesehen hatte.

Jahre später war Jake davon überzeugt, dass er die lebhaften Details des Tages von Cheneys Rückkehr niemals vergessen würde. Süßer Fliederduft hing über Alices Garten wie eine dichte Wolke. Eine Drossel rief aus dem Wald gleich hinter der Wiese. Er trug sein liebstes Ramones-T-Shirt. Und als er das geliebte, vertraute Bellen hörte, das er für immer verloren geglaubt hatte, empfand er eine unfassbare Explosion von Freude.

Harry mühte sich mit der Tür des Jeeps ab. Schlimm genug, dass sich Alice Holtzman anhörte, als wollte sie sie allesamt kastrieren. Und jetzt machte ihnen auch noch dieser Streuner, den er gefunden hatte, die Hölle heiß.

Cheney sprang aus dem Jeep und warf sich mit seinem schlaksigen Körper derart heftig auf Jake, dass der Rollstuhl nach hinten zu kippen drohte. Wild leckte er dem Jungen über das Gesicht, rannte zu Alice, schob ihr die Schnauze ins Haar und rannte gleich darauf zu Jake zurück. Wie ein riesiger gescheckter Hase hüpfte er über die Wiese und stieß sein fröhliches Geheul aus, so als wäre seine Freude zu groß, um sie in seinem Körper zu halten, als müsste er sie mit der ganzen Welt teilen.

In diesem Moment kam Alice wieder zu sich. Sie holte ihr Bandana heraus, wischte sich das Gesicht ab und putzte sich die Nase. Leise grunzend stieß sie sich vom Boden ab und blickte Jake an. Der sah mit tränenüberströmtem Gesicht dem Hund nach, der in einer wilden Acht über die Wiese raste. Er lachte und lachte und brachte kein einziges Wort heraus.

Jetzt war Harry überzeugt, dass er den Job bereits verloren hatte, bevor er ihn antreten konnte. »Es tut mir so leid. Ich wollte nur … Ich habe ihn im Wald gefunden, und ich konnte ihn da draußen nicht alleinlassen. Ronnie hat gesagt, er würde ihn für mich ins Tierheim bringen.«

Alice sah, wie der Hund erneut auf den Jungen zulief und sich in dessen Schoß fallen ließ. Jake schlang die Arme um Cheneys Nacken und vergrub das Gesicht zwischen den wahnwitzig großen Ohren des Hundes.

Alice räusperte sich. »Ist schon in Ordnung, Harry. Ich glaube, dieser Hund gehört zu Jake. Alles okay.« Sie atmete tief durch. »Ich würde sagen, wir setzen uns alle für eine Weile hin und beruhigen uns wieder. Komm, Ronnie. Du kannst mir helfen, ein paar Getränke zu holen.«

Und so kam es, dass Alice Holtzman, vierundvierzig, Assistentin des Planungsdirektors im County, Imkerin, Waise, Witwe und Mutter keines Kindes, mit drei jungen Männern unter der Pappel saß, Limonade trank und sich ihre Geschichten anhörte. Es war eine seltsame kleine Gruppe, die sich dort versammelt hatte und abwechselnd lachte und weinte. Aber so ist das eben manchmal. Kummer befreit einen Menschen von den üblichen Zwängen, und in seinem Leid kann er sein wahres, nacktes Selbst sein. Wenn andere bereit sind, so etwas mitzuerleben, nun, dann ändert sich alles.

Mit einer Hand auf Cheneys Nacken, als könnte er es nicht ertragen, ihn loszulassen, saß Jake da. Er erzählte ihnen, dass der Hund verschwunden war, als er im Krankenhaus lag. Harry erklärte, er habe Cheney irrtümlich für ein wildes Tier gehalten. Und Ronnie überraschte alle, indem er in Tränen ausbrach und Alice erzählte, wie sehr er seinen Onkel vermisste. Ronnie war mit Buddy aufgewachsen. Er war eine Art zweiter Vater für den Jungen gewesen. Natürlich vermissten sie ihn, alle Ryans vermissten Bud – genauso sehr oder sogar noch mehr als Alice. Buddy hatte ihnen allen gehört.

Ronnie wischte sich mit dem Ärmel über die Augen und schniefte. »Und dich vermisse ich auch, Tantchen. Wir alle vermissen dich«, sagte er.

Alice griff über den Tisch und drückte ihm die Hand. »Du hast mir auch gefehlt, Ronnie. Es tut mir leid, dass ich euch nicht besucht habe. Wirklich.«

Er lächelte und schüttelte den Kopf. »Ist schon okay, Tantchen. Wir verstehen das. Mom hat gesagt, dass du einfach noch Zeit brauchst.«

Alice erwiderte sein Lächeln. »Vermutlich hat sie recht.«

»Aber pass auf! Sobald sie hören, das ich hier war, wirst du sie nicht mehr los. Es wird hier vor Ryans nur so wimmeln. Und vor Salazars. Du weißt, wie wir sind! Irgendjemand hat immer Geburtstag oder Hochzeitstag oder wird fünfzehn und feiert seine Quinceañera. Ach ja, bei Angie ist es nächstes Wochenende so weit. Connies Jüngste. Hab ich’s dir nicht gesagt? Jetzt seid ihr offiziell eingeladen, ihr alle!« Mit einer Geste machte er deutlich, dass die Einladung auch für Harry und Jake galt.

Alice lachte und sagte, das klänge einfach großartig. Sie wusste, dass Ronnies Vater das anders sehen würde, aber sie wollte die Gefühle ihres Neffen nicht verletzen, darum schwieg sie. Ronnie wusste wahrscheinlich nicht, was sich zwischen ihr und Ron senior an dem Tag abgespielt hatte, an dem Buddy starb. Er hatte keine Ahnung, was alles gesagt worden war und nicht mehr zurückgenommen werden konnte.

Alice bat Jake, Harry über die Farm zu führen. In der Scheune zeigte er ihm die Werkzeugbank, das Hühnerfutter und die Imkerausrüstung. Cheney trottete neben ihnen her, schnüffelte und hinterließ im Vorübergehen seine Duftmarke an den Zaunpfählen. Jake sah, wie sich sein mageres Hinterteil hin und her bewegte, unter dem schmutzigen Fell zeichneten sich seine Rippen ab. Am Eingang zum Bienengarten blieben die beiden jungen Männer stehen. Cheney hielt die Nase in die Luft, schnupperte und schnappte mit seinen großen Zähnen nach den umherfliegenden, golden schimmernden Körpern.

»Ich denke, die Bienenstöcke wird Alice dir später noch zeigen«, sagte Jake, während er dem Hund von der Schulter bis zur Flanke über das Fell strich, aufgeregt und glücklich, ihn wieder berühren zu können. Nach kurzem Zögern fuhr er fort: »Es gab heute schlechte Nachrichten bezüglich der Bienen, also stell ihr nicht zu viele Fragen, okay?«

Harry nickte. Er konnte kaum fassen, dass er seinen Job behalten hatte, und würde garantiert niemandem irgendwelche Fragen stellen. Sein Magen knurrte vernehmlich.

Jake grinste. »Komm. Du kannst mir beim Dinner helfen.«

Während die beiden jungen Männer ins Haus gingen, rannte Cheney zur Schiebetür auf der hinteren Veranda. Jake stellte das Hühnchenchili auf kleine Flamme und suchte im Kühlschrank nach Speiseresten für den Hund. Er fand ein paar übrig gebliebene Pfannkuchen, die er in einer Backform mit vier Eiern vermischte. Er balancierte die Form auf seinem Schoß, öffnete die Schiebetür, stellte das Futter auf die Veranda und sah zu, wie der Hund alles verschlang. Jake hob die Keramikform wieder auf und füllte Wasser hinein. Der große Hund leerte sie dreimal. Dann ließ er sich fallen, legte die Schnauze auf die Pfoten und sah mit liebendem Blick zu Jake auf.

Dem schwoll das Herz, und er schloss die Fliegengittertür. »Erzählst du mir noch mal, wie du ihn gefunden hast?«

Harry wiederholte die Geschichte mit dem Hühnerfuttereimer, und Jake lachte, bis ihm Tränen über die Wangen liefen. Sie taten beide so, als läge es an der rasend komischen Vorstellung und nicht daran, dass Jakes Herz endlich zu heilen begann.

Er füllte Wasser in eine Karaffe und gab sie Harry. Dann holte er Teller und Gläser aus den Schränken, und sie deckten gemeinsam den Tisch.

»Sag mal, ist Mrs Holtzman eine Freundin deiner Familie oder so?«, fragte Harry, während er das Besteck neben die Teller legte.

Jake lachte. »Nein, ist sie nicht. Und nenn sie nicht Mrs Holtzman, sonst tritt sie dir in den Hintern. Sie heißt Alice. Einfach nur Alice.« Er zögerte und rieb sich die Kopfhaut. »Sie … na ja, irgendwie hat sie mich gerettet. So muss ich es wohl nennen. Meine Eltern …«

Seine Stimme verklang, und er schüttelte den Kopf. »Ich bleibe nur für kurze Zeit hier«, sagte er schließlich.

Harry nickte. Er war der Letzte, der jemanden nach seiner Herkunft ausfragen würde.

»Und, gefallen dir die Bienen?«, fragte Jake und versuchte, die Eifersucht in seiner Stimme zu unterdrücken.

Harry zuckte die Schultern. »Ich weiß nicht. In der Anzeige war von leichten Bau- und Hilfsarbeiten die Rede. Von Bienen habe ich keine Ahnung.«

Jake lächelte ihn an. »Die sind echt cool, Mann, ehrlich. Irgendwie hauen die einen um.«

Alice und Ronnie kamen herein, und zu viert nahmen sie um den Esstisch herum Platz und aßen Jakes Chili. Alice hätte am liebsten laut gelacht, wusste aber, dass das keine gute Idee war. Nach diesem Tag hielten die armen Jungs sie vermutlich ohnehin für eine verrückte ältere Lady. Trotzdem war es lustig. Drei Gäste beim Dinner auf Alice Island.

Bevor Ronnie ging, schüttelte Harry ihm die Hand. »Danke, Mann.«

»Nein, ich habe zu danken«, erwiderte Ronnie leise. »Diese verdammte Knarre. Herrgott noch mal!«

»Kein Problem«, sagte Harry.

Alice begleitete Ronnie zum Jeep. Sie umarmte ihren Neffen und versprach, sich wegen Angies Quinceañera, der traditionellen Tanzparty zum fünfzehnten Geburtstag, bei der Familie zu melden. Ronnie gab ihr einen Kuss auf die Wange und fuhr davon.

Auf dem Rückweg zum Haus sah Alice, wie Cheney mit schief gelegtem Kopf Red Head Ned betrachtete, der den Hund mit seinem zornigen Starren zu fesseln schien, während er langsam auf ihn zu stolzierte. Alice sah Cheney an und deutete auf den Hühnerhof. »Keine Hühner, verstanden? Pass bloß auf, großer Hund. Sonst bist du bald wieder obdachlos.«

Cheney hob den Kopf, blinzelte und trottete zum Haus zurück. Sie seufzte. Erst ein Teenager und jetzt auch noch ein Hund und ein Twen, dachte sie kopfschüttelnd. Sie hatte Harry angeboten, das Schlafzimmer zu nutzen, bis er eine eigene Unterkunft finden würde.

Alice schob die Hände in die Hosentaschen und schaute zum Bienengarten hinüber. Ihr Blick landete auf den Beuten mit den toten Völkern. Selbst aus dieser Entfernung wirkten sie sehr still. Dort würde sie mit Harry beginnen, beschloss sie. Er sollte die Bienenstöcke auseinandernehmen und das Wachs und die toten Tiere herauskratzen. Das Wichtigste zuerst. Es war noch hell genug, um Harry die Bienen zu zeigen.

Die Einführung war rasch erledigt, aber aus anderen Gründen, als Alice erwartet hatte. Harry brauchte weniger als zehn Sekunden, um Alice, Jake, Cheney und sämtlichen Nachbarn im Umkreis von einer Meile kundzutun, dass ihn die Bienen zu Tode ängstigten.

Nach Jakes Vorbild hatte er Imkerhut und Schleier abgelehnt. Und als Alice die erste Beute öffnete, die Wächterinnen aufflogen und langsam um sein Gesicht zu kreisen begannen, schrie Harry auf und schlug nach ihnen. Die Bienen reagierten darauf mit einem Alarmpheromon, und gleich darauf wurde Harry angegriffen. Er rannte los und den Hügel hinauf. Cheney lief ihm hinterher.

Alice legte die Blechhaube wieder auf die Beute und sah Harry nach, bis er im Wald verschwand.

»Tja«, sagte sie seufzend, »ist wohl meine Schuld. Du hast definitiv meine Vorstellung von Anfängern verändert.«

Jake grinste sie an.

»Mit diesem jungen Mann müssen wir es langsamer angehen lassen. Das heißt, wenn er überhaupt zurückkommt«, sagte sie.

Alice setzte sich auf den Windschutz und holte das Tagebuch heraus, um sich Jakes Notizen noch einmal anzusehen.

»Geschätzte Anzahl«, sagte sie und blickte zu ihm auf. »Wie hast du die denn herausbekommen?«

Jake zuckte die Schultern. »Hab ich im Internet gelesen. Man zählt die Bienen auf beiden Seiten des mittleren Rähmchens und multipliziert die Anzahl bei einem eine Woche alten Ableger mit zehn.«

Sie zog eine Braue hoch.

»Ich hatte ein bisschen Zeit«, sagte Jake so gleichmütig wie möglich.

Alice blätterte das Buch durch und kam zu einer weiteren Serie von Skizzen – Bienenkörper, Flügel, Fühler, Beine und Pollenhöschen. Das Gesicht einer aus der Zelle schlüpfenden Biene, der Schwänzeltanz.

»Wow! Die sind richtig gut.«

Verlegen zuckte er die Schultern.

»Nein, Jake, wirklich. Das sind tolle Details. Ich meine es ernst. Und jetzt erzähl mir noch mal die Sache mit dem Ton.«

Von dieser Geschichte würde er niemals genug bekommen. Er schloss die Augen, beschrieb das Summen eines gesunden Bienenvolks und das magische Lied der Königin, dieses klingende Gis.

»Zeig es mir«, verlangte Alice.

Zu zweit bewegten sie sich langsam an einer Reihe Bienenstöcke entlang, und Jake hielt bei jedem einzelnen an, schloss die Augen und legte den Kopf schief.

»Königin«, sagte er, wenn er die Note hörte.

Sie glaubte ihm. Dieser Junge hatte definitiv eine besondere Begabung für den Umgang mit Bienen.

»Komm mal mit«, sagte Alice und stapfte entschlossen zur westlichen Seite der Wiese, wo die toten Bienenstöcke standen. In der Reihe unmittelbar vor ihnen blieb sie stehen. Nummer sieben bis zwölf. Sie zeigte auf die entsprechenden Beuten.

»Was ist mit diesen hier?«

Jake rollte an der Reihe entlang und lauschte.

Sieben. Er nickte. Acht. Wieder Nicken. Nummer neun war schwächer, aber er konnte sie hören. Bei der Zehn schüttelte er den Kopf. Seufzend blickte Alice zu Doug Ransoms Obstplantage hinüber, dann wieder zu den Bienenstöcken. Mit einem grimmigen Lächeln drehte sie sich zu Jake um und fragte: »Morgen schon was vor?«