Honigbienen können nur gedeihen, wenn sie in großer Zahl vereint sind, zum Beispiel in einem Volk. Eine Biene allein ist beinahe so hilflos wie ein neugeborenes Kind, denn bereits die kühle Luft einer Sommernacht vermag sie zu lähmen.
Das Leben eines Bienenvolks wird von den Jahreszeiten bestimmt. Sobald im Sommer die ersten Sonnenstrahlen den Bienenstock wärmen, gehen fleißige Flugbienen auf Futtersuche und arbeiten unermüdlich bis in die kühlen Stunden der Abenddämmerung hinein. Im Herbst wagen sich Sammlerinnen zwischen Regenschauern und stürmischen Winden in nasse Wälder und Wiesen vor. Im Winter steht der schneebedeckte Bienenstock still und wartet auf den Frühling. Dann lösen die Bienen ihre dichte Wintertraube auf und machen sich erneut an die Arbeit. Sie putzen ihr Haus, bauen neue Waben und sammeln Nektar und Blütenstaub, um ihre Familie zu vergrößern.
Das menschliche Leben verläuft ähnlich geordnet, zumal in einer ländlichen Kleinstadt wie Hood River. In jedem Frühjahr zieht es die Bürger aus ihren Häusern, um einander zu begegnen. Wenn der Flieder blüht, lässt die Schneeschmelze den Fluss anschwellen, und die Tage werden nahezu unmerklich länger. Mit einem Gefühl erwartungsvoller Vorfreude, das nur der Frühling heraufbeschwören kann, kamen die Leute wieder zusammen. Sogar Alice, die ihre Einsamkeit genoss, verspürte diesen Sog, als sie mit Jake durch die Stadt fuhr.
Sie kamen an der Bibliothek vorbei und sahen, dass der Parkplatz sehr voll war. Die Reklametafel auf dem Gehweg kündigte zwei gleichzeitig stattfindende Abendveranstaltungen an: das Imkertreffen des Hood River Valleys und eine Live-Vorführung von »Karl dem Schlangenmenschen«. Alice fluchte leise, warf Jake einen Seitenblick zu und umrundete den Block ein weiteres Mal. Dass sie einen Parkplatz brauchen würden, hatte sie vorher nicht bedacht.
Nachdem Alice dreimal um das Gebäude herumgefahren war, schob Jake seufzend einen mageren Arm in seinen Rucksack. Er holte einen Behindertenausweis heraus, hängte ihn an den Rückspiegel und musterte Alice mit undurchdringlicher Miene.
»Ich helfe Ihnen gern, Mrs Holtzman«, sagte er. »Es wäre doch schrecklich, wenn Sie allzu weit laufen müssten, ich meine, alt und gebrechlich, wie Sie sind.«
»Ach ja, der gute alte Harry«, sagte Alice und fuhr lachend auf einen Behindertenparkplatz in der Nähe des Eingangs. »Er ist wirklich einmalig, oder?«
Sie wusste, dass Jake auf den Abend zuvor anspielte. Nachdem Harry mit Cheney auf den Fersen von seiner Flucht durch die Wälder zurückgekehrt war, hatte er vorgeschlagen, noch einmal zu den Bienen zu gehen. Offenbar war er fest entschlossen, seinen guten Ruf zu retten.
Alice hatte den Kopf geschüttelt. »Morgen«, sagte sie. »Es wird schon dunkel. Lass dich erst mal häuslich nieder.«
Der junge Mann sah dermaßen erleichtert aus, dass sie beinahe gelacht hätte.
Alice führte ihn zu dem kleinen Schlafraum in der Scheune, den Buddy vor vielen Jahren für seine Neffen gebaut hatte. Er war einfach, aber sauber und verfügte über ein kleines Badezimmer. Schmerzlich erinnerte sie sich an die Sommernächte, die Ronnie, seine Brüder und seine Cousins darin verbracht hatten. An der Wand hing ein Foto von Buddy. Er hatte die Arme um seine Neffen gelegt, die alle eine Angelrute in der Hand hielten. Alice hatte das Foto geschossen, als die Jungs noch Kindergesichter hatten. Schon damals war die Ähnlichkeit zwischen ihren Neffen und ihrem Mann unübersehbar. Sie wandte sich von dem Foto ab und unterdrückte die Erinnerungen, die es in ihr auszulösen drohte.
Als sie am nächsten Tag von der Arbeit nach Hause kam, traf sie Harry in der Scheune an. Sie bemerkte, dass er den Fußboden der Werkstatt gefegt und das Holz ordentlich gestapelt hatte.
»Wie ich sehe, gewöhnst du dich allmählich ein.« Sie wollte ihm danken, weil er aufgeräumt hatte, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Es kam ihr so falsch vor, einen anderen Menschen an Buddys Platz zu sehen.
»Warte mal. Ich habe eine Aufgabe für dich«, sagte sie.
Sie schob eine Karre zum Bienengarten und lud die fünf leblosen Bienenstöcke auf. Jake, der Notizen in das Tagebuch schrieb, winkte zur Begrüßung und folgte ihr zurück in die Scheune.
Alice stellte einen der Bruträume auf den Arbeitstisch. Sie spähte zu der Wand, an der Buddys Werkzeuge hingen. Zwischen staubigen Schraubenziehern, Zangen und Hämmern war ein weiteres Foto zu sehen, ein verblasster Schnappschuss, auf dem sie in ihrem ersten gemeinsamen Sommer zusammen auf der Eingangstreppe zum Haus sitzen. Buddy hatte seinen starken Arm um Alice gelegt. Oh, wie gut es sich angefühlt hatte, an seine Schulter gelehnt dazusitzen. Sicher. Geliebt. Sie zwang sich, den Blick abzuwenden, und öffnete den Brutraum, um ihn Harry zu zeigen.
»Dieses klebrige Zeug hier nennt man Propolis«, sagte sie. »Die Bienen sammeln es von den Bäumen und versiegeln damit alle Risse und Lücken im Bienenstock.«
Harry nickte.
»Man nennt es auch Naturkitt.«
Er reagierte nicht. Dieser Junge ist wirklich sehr schweigsam, dachte sie.
Alice lockerte ein Rähmchen und zog es vorsichtig heraus. Ihr Herz verkrampfte sich, als sie die Verwüstung betrachtete. Eier, die in ihren Zellen vertrocknet waren, verdorrte Larven und ausgewachsene Arbeiterinnen, die tot am Wachs klebten.
Es ist sinnlos, sentimental zu werden, dachte sie und sagte laut: »Ich möchte, dass du alles sauber machst.«
Sie zeigte ihm, wie er die erwachsenen Tiere mit einem Abkehrbesen in eine große Plastikwanne fegen und dann mit dem Stockmeißel das Wachs abkratzen und in eine andere Wanne verfrachten musste.
»Ich möchte die abgelösten Bienen in dem ersten Behälter haben, alles andere gehört in den zweiten. Das ganze Wachs, die Eier und die Larven. Kratz alles ab bis auf das nackte Rähmchen, okay?«
Sie sah ihm in die Augen, und Harry nickte.
»Okay, Mrs Holtzman.«
»Nenn mich Alice, Harry«, sagte sie. Ihre Mutter war Mrs Holtzman. Gewesen.
Harry errötete und nickte erneut. Nervös wie ein verängstigtes Kaninchen, dachte sie. Sie reichte ihm das Rähmchen, und er hielt es vorsichtig zwischen zwei Fingerkuppen.
»Keine Sorge, Junge. Sie können dich nicht stechen. Diese Bienen hier sind alle tot«, sagte sie.
Sie versuchte, die Stimmung aufzulockern, fand es aber selbst nicht lustig und wusste, dass sie ungeduldig klang. Harry errötete, und sie fühlte sich schlecht. Sie warf Jake, der den Wortwechsel mitbekommen hatte, einen Blick zu. Harry ist noch jung, dachte sie, im Grunde nicht viel älter als Jake. Sie sollte geduldiger mit ihm sein. Also rang sie sich ein Lächeln ab. »Noch Fragen, Harry?«
Er schüttelte den Kopf, und nach einigen Sekunden unbehaglichen Schweigens wandte sich Alice zum Gehen.
»Okay. Melde dich, wenn du etwas brauchst.«
»Sehen die immer so aus, nachdem Sie den Honig herausgeholt haben?«, platzte Harry in ihrem Rücken heraus.
Alice drehte sich um und sah ihn an. »Verzeihung?«
»Die Bienen«, erklärte er. »Sterben sie immer, wenn Sie den Honig herausholen? Wie haben Sie das noch mal genannt … ernten?«
Sie zögerte, nahm einen tiefen Atemzug. »Nein, Harry«, sage sie leise. »Ich habe den Honig nicht geerntet. Dieses Volk ist gestorben.«
Harry schluckte. »Das tut mir leid, Mrs Holtzman … Ich wollte nicht …«, stammelte er.
»Mach dir darüber keine Gedanken.« Alice zeigte auf die Werkbank. »Du kannst hier drin alles benutzen, was du brauchst, okay?«
Harry nickte, sah sich um, und sein Blick fiel auf den Schnappschuss von ihr und Buddy.
»Oh!«, sagte er. »Dann ist das also die Werkstatt Ihres Sohnes?«
Alice starrte auf das Foto, und die Sekunden verstrichen. Sie fürchtete sich davor, den Mund aufzumachen, beschloss dann aber, dass sie ruhig etwas sagen konnte, wenigstens das. Sie richtete den Blick wieder auf Harry und sagte leise: »Nein, das ist nicht mein Sohn. Das ist mein verstorbener Mann.«
Harrys weißes Gesicht lief rot an und wurde dann erneut weiß. Alice sah zu Jake hinüber, der ihrem Blick standhielt. Es stimmt doch. Bud Ryan war ihr verstorbener Ehemann.
»Ich sehe später noch mal nach euch«, sagte Alice.
Sie ließ die beiden jungen Männer in der Scheune zurück und machte einen langen Spaziergang am Grenzzaun ihres Grundstücks entlang. Sie spürte, wie sich der Knoten in ihrer Brust zusammenzog und zwang sich, ein- und wieder auszuatmen, ein und aus, und noch einmal ein und wieder aus. Sie blickte hinüber zu Doug Ransoms Plantage, an deren Bäumen die Äste mit den schaumigen Blüten wehten. Der Schmerz ließ ein wenig nach, und sie konnte wieder durchatmen. Sie dachte an das Foto von Buddy mit den kleinen Jungs. Schöne, längst vergangene Tage. Sie dachte an das Gespräch mit ihrem Neffen. Der liebe Ronnie, so viel war klar, hatte keine Ahnung, was sein Vater von Alice hielt.
An dem Tag im letzten Frühling, an dem Bud gestorben war, hatte Alice Rons Jeep über die Zufahrt auf ihr Haus zurasen sehen. Sie wollte Buddys Eltern besuchen, war aber unfähig gewesen, vom Küchenboden aufzustehen, wo sie zusammengebrochen war, nachdem die beiden Polizisten sich verabschiedet hatten.
Sie sagten, der Unfall sei in der Nähe des Ortes Boardman passiert. Ein nach Osten fahrender Wagen hatte die Mittellinie überquert und wäre beinahe mit Bud zusammengestoßen, der in seinem großen Truck in westlicher Richtung auf dem Heimweg war. Buddy wich aus, kam ins Schleudern, krachte durch die Leitplanke und rollte in den Teich. Noch am Unfallort wurde er für tot erklärt. Der andere Fahrer war betrunken. Er war bereits mehrfach wegen Trunkenheit am Steuer aufgefallen und würde strafrechtlich belangt werden, sagten die Polizisten. Sie hörte deren Worte wie aus weiter Ferne. Sollten sie jemanden für sie anrufen? Sie schüttelte den Kopf.
Als sie Rons Jeep hörte, raffte sie sich vom Boden auf. Sie glaubte, er sei gekommen, um sie zu Buds Familie zu bringen. Auf wackeligen Beinen ging sie hinaus und ihm entgegen, der Sonnenschein fühlte sich auf ihrer Kopfhaut merkwürdig kalt an. Ron sprang aus dem Wagen und ging auf sie los.
»Das ist deine Schuld!«, brüllte er und zeigte mit dem Finger auf sie. Seine Hände zitterten. »Du hast von ihm verlangt, diesen Job anzunehmen. Ohne dich wäre er noch am Leben!«
Alice hörte die Worte, als befände sie sich unter Wasser und könnte nicht sprechen. Buddy war wegen des Jobs mit dem großen Lkw so aufgeregt gewesen wie ein kleiner Junge. Es war ganz allein seine Entscheidung gewesen.
Ron packte sie an den Schultern, als wollte er ihr wehtun, und sagte schreckliche Dinge. Na mach schon, dachte sie und blickte in sein verzerrtes Gesicht. Das Schlimmste war bereits passiert. Ron stieß sie weg und krümmte sich. Alice streckte eine Hand aus, um ihn zu trösten, aber er stolperte zum Jeep und raste mit heulendem Motor davon.
Nun stürzten diese Erinnerungen erneut auf sie ein, und Alice fürchtete, von ihnen überwältigt zu werden, aber diesmal spürte sie die Grenzen ihrer Qual. Sie erlaubte sich, den Schmerz jenes Tages noch einmal zu durchleben, und Ron war ein Teil davon. Er war ein weiterer Verlust, für sich allein genommen und zugleich untrennbar mit Buddy verbunden. Sie fühlte den Schmerz in ihrem Körper wüten und wusste, dass sie ihm standhalten konnte. Es war gut. Alles würde gut werden. Ihre Trauer suchte sich einen Weg zurück in ihr Inneres, zu dem sicheren Ort, den er zum Leben brauchte, wenn sie unter Menschen war.
Alice setzte sich auf den Windschutz und ließ den Blick über den Bienengarten und ihre verbliebenen Bienenstöcke schweifen. Dies war ihr Zuhause, ihre Heimat. Auf einmal stieg grimmiger Zorn in ihr auf, und sie empfand das dringende Bedürfnis, ihre Honigbienen zu beschützen. Sie holte das Tagebuch heraus und machte sich rasch ein paar Notizen für das Imkertreffen.
Als Alice wieder zur Scheune ging, hatte Harry mit Jakes Hilfe alle toten Bienenstöcke gesäubert. Nickend betrachtete sie das Material, das sie gesammelt hatten, und inspizierte die Rähmchen.
»Gute Arbeit«, sagte sie und ließ die Deckel der Plastikbehälter zuschnappen.
»Die hier muss ich zum Imkertreffen mitnehmen«, sagte sie. »Harry, nimmst du den da vorne?«
»Na klar, Mrs … äh … Alice«, sagte er. »Lassen Sie mich den da tragen. Er ist schwer, und Sie sollten nicht …«
Wortlos hob sie den schweren Behälter mit beiden Armen hoch und ging mit großen Schritten zum Wagen. Harry folgte ihr mit dem anderen, und Jake fuhr ihnen kichernd hinterher.
Hier vor der Bibliothek stellte Alice nun überrascht und dankbar fest, dass sie darüber lachen konnte. Sie sah, wie Jake mit nervösem Blick den Bürgersteig absuchte. Sie schaute auf den Ausweis am Rückspiegel und dachte, dass es ihn Überwindung gekostet haben musste, ihn hervorzuholen. Sie war dankbar, dass er sich zum Mitkommen bereit erklärt hatte, ein unerwarteter neuer Verbündeter. Sie sprang aus dem Pick-up und holte seinen Rollstuhl von der Ladefläche, stellte ihn neben die Tür und wartete, bis er sich vorsichtig vom Beifahrersitz hinunter und in den Stuhl hineinmanövriert hatte. Sie folgte Jake, als er die Rampe vor ihr hinaufrollte und auf den Schalter der Automatiktür schlug.
Mitglieder des Imkervereins, überwiegend Männer, standen zu zweit oder in Dreiergrüppchen im Flur und unterhielten sich. Einige kannten Alice, sie lächelten sie an und nickten. Neugierig betrachteten sie Jake. Sie blieb nicht stehen, um sich mit jemandem zu unterhalten. Viele waren Farmer und Obstbauern, manche betrieben die Bienenzucht genau wie sie als Hobby. Es gab ein paar Großimker wie Chuck Sauer, der ewig mürrische derzeitige Vorsitzende des Imkervereins. Er war ehrenamtlich tätig, aber nicht aus Selbstlosigkeit, sondern um zu verhindern, dass die »bescheuerten Sonntagsimker«, wie er sie nannte, seine kommerziellen Bienenstöcke durch die Verbreitung von Milben verhunzten.
Alice ging mit forschen Schritten in den vorderen Teil des Raums, wo Chuck stand, mit finsterer Miene und einem Klemmbrett in der Hand.
»Hallo Chuck«, sagte sie.
Er grunzte.
»Ich habe noch einen Punkt für Sonstiges«, sagte sie.
Mit versteinerter Miene starrte Chuck auf sie herab und sagte, die Tagesordnung sei bereits gedruckt worden. Nach den geltenden Regeln hätte sie ihm bereits vor einer Woche eine E-Mail schreiben müssen.
»Ich bin mir sicher, dass die Mitglieder hören wollen, was ich zu sagen habe. Und die Regeln für die Tagesordnung stammen sowieso von Ihnen. Die stehen so nicht in der Satzung.«
Sie wedelte ihm mit ihrem Handy vor der Nase herum und las vom Display ab: »›Jedes Mitglied kann am Ende der Versammlung nach mündlicher Mitteilung an den Vorsitzenden wichtige neue Themen einbringen.‹«
Chucks Stirnrunzeln vertiefte sich, und Alice dachte an die runzligen Gesichter der Puppen, die ihre deutsche Großmutter früher aus getrockneten Äpfeln gemacht hatte. Er hob eine Hand.
»Na schön, Mrs Holtzman. Ich setze den Punkt ans Ende der Tagesordnung. Bitte fassen Sie sich kurz. Wir wollen den Leuten nicht ihre Zeit stehlen.« Er spie die Konsonanten förmlich aus.
»Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich jetzt gern anfangen«, sagte er und entfernte sich mit großen Schritten.
Alice blickte Jake an und verdrehte die Augen, dann nahmen sie ziemlich weit vorne Platz. Um die Versammlung zur Ordnung zu rufen, schlug Chuck mit der Faust auf das Rednerpult und begann, mit nahezu militärischer Präzision die Tagesordnung abzuarbeiten. Genehmigung des Protokolls aus dem Vormonat. Diskussion über ein Vereinsmotto. Pläne für den Festzug am 4. Juli. Alice überprüfte ihr Handy und spähte zur Tür. Sie sah Stan Hinatsu in den hinteren Teil des Saals schlüpfen. Er ließ den Blick durch den Raum schweifen und nickte ihr zu.
Das Treffen schleppte sich dahin, während Chuck die Diskussion über den Festzugswagen dermaßen in die Länge zog, dass auch die Toleranz der geduldigsten Zuhörer an ihre Grenzen gelangte. Die Leute wurden unruhig, und ein paar ältere Mitglieder waren bereits gegangen. Sie hatten ihre Stühle zurückgeschoben und im Weggehen laut geredet.
Endlich sagte Chuck: »Okay. Das war’s mit der offiziellen Tagesordnung. Mir liegt hier noch ein Antrag auf eine Wortmeldung vor.«
Er warf Alice einen wütenden Blick zu und stolzierte zur Seite des Saals davon.
Alice stand auf, holte ihr Notizbuch heraus und trat hinter das Rednerpult. Sie winkte in den Saal hinein.
»Ähm … hallo zusammen. Die meisten hier kennen mich. Ich bin Alice Holtzman. Ich werde mich kurzfassen, aber ich bin mir sicher, dass Sie das, was ich zu sagen habe, hören wollen.«
Ihre Stimme bebte, und sie senkte den Blick auf ihre Notizen. Um das Zittern ihrer Hände zu unterdrücken, ballte sie die Fäuste.
»Seit neun Jahren bin ich Mitglied des Imkervereins, und ich besitze im südlichen Tal zurzeit vierundzwanzig Bienenstöcke.«
Nach und nach standen die Leute auf und redeten miteinander, während sie Anstalten machten, den Saal zu verlassen. Um Gehör zu finden, erhob Alice die Stimme.
»Gestern habe ich bei einer Routineüberprüfung festgestellt, dass fünf meiner Bienenstöcke tot sind. Es waren die fünf ältesten von den vierundzwanzig.«
Laut raschelnd schob Chuck seine Notizen in die Tasche.
»Die fünf widerstandsfähigsten«, sagte Alice. Ihre Stimme wurde leiser.
Fünf Bienenstöcke. Was redete sie denn da? Sie bemerkte, dass Jake sich im Saal umsah. Die Gespräche wurden lauter. Chuck lachte schallend über etwas, das der Typ neben ihm gesagt hatte. Sie hörten ihr nicht zu. Was machte das schon? Fünf ihrer Bienenstöcke waren tot. Wie geht es deinen Bienen, Tante Alice?, hatte Ronnie gefragt. Es ist deine Schuld, sagte Ron. Bud Ryan war ihr verstorbener Ehemann. Sie war Alice Island. Und dann hörte sie in ihrem Kopf die ungeduldige, zackige Stimme ihrer Mutter.
»Alice Marina Holtzman! Stell dich gerade hin, und hör auf zu nuscheln!«
Alice kam wieder zu sich. Und dann hörte sie ihre eigene Stimme.
»Hey! Ihr da hinten! Ich habe das Wort. Also geht entweder raus oder setzt euch hin und seid still!« Es wurde ruhig im Saal. Chuck Sauer setzte sich. Die Leute, die auf dem Flur zusammengestanden hatten, kamen wieder herein und blieben mit verschränkten Armen hinten im Raum stehen.
»Danke«, sagte Alice. Sie klappte ihr Notizbuch zu und trat hinter dem Pult hervor. Ihre Stimme war fest.
»Fünf meiner Bienenvölker sind über Nacht gestorben. Zwei weitere sind krank. Es waren starke, gesunde Völker. Ich bin mir fast sicher, dass dies das Ergebnis der Schädlingsbekämpfungsmittel ist, die von Doug Ransoms Obstplantage zu mir herüberwehen.«
Gemurmel wurde laut, und Alice hob beide Hände.
»Also, Doug ist ein Freund von mir. Wir haben bisher immer gut zusammengearbeitet. Er hat an Tagen mit wenig oder östlichem Wind gespritzt, und das hat prima funktioniert. Zuletzt hat er am Montag gespritzt. Da war es windstill, es hätte eigentlich keine Probleme geben dürfen. Allerdings hat Doug in diesem Jahr ein neues Erzeugnis für seine Bäume benutzt. Es handelt sich um eine Probe, die ihm kostenlos zur Verfügung gestellt wurde.«
Nun war es totenstill im Raum. Einige Obstbauern verlagerten auf ihrem Stuhl das Gewicht und sahen einander an.
»Ich bin mir sicher, dass Doug nichts davon weiß, aber SupraGros Pestizide werden mit mehreren Bienensterben großen Ausmaßes in Nebraska, North Dakota und Nordkalifornien in Verbindung gebracht, außerdem mit weitreichenden Zerstörungen von Wassereinzugsgebieten und Ufersystemen. Ich lasse meine toten Bienenvölker gerade beim landwirtschaftlichen Beratungsdienst der Uni Portland auf Rückstände überprüfen, und ich bin mir sicher, dass sie Neonicotinoide von SupraGro darin finden werden.«
»Kopf hoch, Liebling«, sagte die Stimme ihres Vaters. »Sie hören dir zu.«
Alice straffte die Schultern und hob den Kopf.
»Und ich schlage vor, dass der Imkerverein von Hood River County in der Zwischenzeit ein Verbot für den Gebrauch von SupraGro im Hood River Valley beantragt, bis wir wissen, ob das Mittel den örtlichen Bienenvölkern schadet oder nicht. Wer unterstützt den Antrag?«
An der Seite des Raums schoss eine Hand nach oben.
»Ich befürworte den Antrag!«, rief ein Mann. »Herr Vorsitzender, können wir bitte darüber abstimmen?«
Auf einmal redeten alle durcheinander. Chuck stand auf und versuchte, die Anwesenden zur Ordnung zu rufen, aber die Stimmen wurden immer lauter.
»Ruhe!«, brüllte er und schlug mit seinem Klemmbrett auf den Tisch. Allmählich wurde es leiser, bis nur noch Gemurmel zu hören war.
»Na also«, knurrte Chuck durch seinen Schnurrbart hindurch und warf Alice einen finsteren Blick zu. »Da es einen Antrag und einen Fürsprecher gibt, sind wir per Satzung zur Erörterung des Themas verpflichtet. Ich weiß, dass einige von Ihnen gern nach Hause möchten. Wer gehen will, kann das tun, aber denken Sie daran, dass Sie damit Ihr Recht auf Abstimmung über dieses Thema einbüßen. Wenn Sie also gehen müssen, tun Sie es jetzt«, sagte er.
Niemand verließ den Saal. Stühle knarrten. Chuck seufzte, nahm Platz und hob eine Hand.
»Die Diskussion über das Thema ist hiermit offiziell eröffnet«, sagte er. »Bitte einer nach dem anderen. Und nennen Sie Ihren Namen.«
Viele Leute standen auf, um sich zu Wort zu melden. Der Raum war voller alter Männer, und alte Männer haben klare Meinungen. Einige befürchteten, das County werde ihnen Vorschriften auferlegen, wenn sie Ärger machten. Andere hatten ebenfalls Gratisproben von SupraGro erhalten. Natürlich wollten sie ihren Bienen keinen Schaden zufügen, aber sie lebten von den Plantagen. SupraGro war billiger, und Wissenschaftler hielten es für wirksamer als die bisher verwendeten Pestizide. Wie konnten sie dazu Nein sagen? Manche wiederum hatten gelesen, es sei ein Gerücht, dass Pflanzenschutzmittel Bienen schaden könnten. Einige waren der Meinung, der Gebrauch sollte nur für große Plantagen untersagt werden, nicht aber kleineren Betrieben. Nachdem die Mitglieder des Imkervereins ihre Meinung gesagt hatten, erhob sich Stan von seinem Platz.
»Mein Name ist Stan Hinatsu. Ich bin geschäftsführender Direktor des Wasserschutzverbandes von Hood River …«
»Nichtmitglieder sind bei offiziellen Debatten nicht zugelassen«, fiel ihm Chuck wütend ins Wort.
Alice stand auf und wedelte mit ihrem Handy. »Nichtmitglieder sind zugelassen, wenn sie von einem Mitglied als Sachverständige benannt werden. Ich benenne Stan als solchen«, sagte sie. »In der Satzung steht …«
»Schon gut!«, zischte Chuck. »Fahren Sie fort.«
»Danke«, sagte Stan.
»… arroganter Hippie«, murmelte jemand ganz hinten. Stan gab vor, es nicht gehört zu haben.
»Name und Betriebszugehörigkeit, bitte«, sagte Chuck und seufzte.
»Mein Name ist Stan Hinatsu. Ich bin geschäftsführender Direktor des Wasserschutzverbandes von Hood River. Im Lauf dieser Woche habe ich mich mit Wasserwirtschafts- und Landwirtschaftsverbänden aus dem gesamten Westen beraten, und ich kann Ihnen zweifelsfrei versichern, dass SupraGro für die Zerstörung der Bienenvölker im Westen der Vereinigten Staaten verantwortlich ist.«
Er legte die wissenschaftlichen Hintergründe dar und erklärte, dass die überlegene Wirksamkeit des Pestizids von SupraGro allein auf der doppelten Dosierung von Neonicotinoiden beruhte.
»Ganz zu schweigen von dem, was das Mittel in den Wasserreservoiren und bei den Lachsen anrichtet«, sagte Stan.
»… als Nächstes wollen sie noch die Talsperren stilllegen«, murrte jemand.
Stan wartete, bis es wieder leise war.
»Hören Sie, ich weiß, dass viele von Ihnen und auch Ihre Nachbarn Plantagen betreiben. Die Obstwirtschaft ist das Lebenselixier dieser Gemeinde. Und bei diesem Thema geht es nicht gegen die Landwirtschaft.«
Er zögerte, dann fuhr er fort: »Die jüngsten Daten der University of California zeigen, dass in den Gemeinden mit eingegangenen Bienenvölkern aufgrund des Fehlens einheimischer Bestäuber im folgenden Frühjahr ein Rückgang der Obstproduktion um fünfundvierzig Prozent zu beobachten war. Außerdem ergaben Nachforschungen eine Zunahme kranker Obstbäume und ein regelrechtes Baumsterben. Das hier ist nicht irgendeine linke Verschwörung. Es handelt sich um Informationen von Wissenschaftlern des amerikanischen Agrarministeriums. Dies ist eine Zusammenfassung aller bislang vorliegenden Informationen.«
Stan ließ Fotokopien herumreichen. Stimmen wurden lauter, als die Mitglieder miteinander zu reden begannen. Stan beantwortete Fragen zu Daten und Forschungsquellen. Die meisten Leute äußerten sich respektvoll, aber ein Mann fragte spöttisch, ob sich der Wasserschutzverband als unparteiisch betrachte.
»Absolut nicht«, antwortete Stan. »Wir stehen hundertprozentig auf der Seite der Tier- und Pflanzenwelt des Tals und haben keinerlei Interesse daran, große Unternehmen wie SupraGro zu unterstützen. Vielen Dank für die Frage.«
Verärgert setzte sich der Mann wieder. Jemand fragte Chuck, wie verbindlich ihr Antrag für das County sein würde.
»Rechtlich ist er überhaupt nicht bindend«, sagte Chuck und zupfte nachdenklich an seinem Schnurrbart. »Aber in der Vergangenheit haben sie uns bei Themen, die wir gründlicher untersuchen wollten, kulanzhalber zwei Wochen Zeit gegeben. Ich schätze, diese Zeitspanne können wir verlangen, solange der Beratungsdienst der Universität mit der Überprüfung beschäftigt ist.«
Chuck klang nun definitiv weniger griesgrämig als zuvor. Vor seiner Rente war er als Biologe in der Forschung an der Oregon State University tätig gewesen, fiel Alice wieder ein.
»Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich für mein Teil habe genug gehört«, sagte Chuck. »Die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Mrs Holtzmans Bienenstöcke scheinen mir Grund genug, um mit diesem Thema beim County vorstellig zu werden. Ich beantrage, dass wir darüber abstimmen.«
»Ich unterstütze den Antrag!«, rief jemand.
»Alle dafür?«
Ungefähr zwei Drittel hoben die Hand.
»Dagegen?«
Dieses Mal meldeten sich weniger als ein Drittel der Versammlungsteilnehmer.
»Der Antrag ist angenommen«, sagte Chuck. Er wandte sich an Matt Garcia, den Schriftführer des Vereins, und bat ihn, eine Erklärung für den Stadtrat zu entwerfen.
»Das Treffen wird vertagt!«, rief Chuck, stand auf und packte seine Sachen zusammen. Bereits im Aufbruch begriffen, nickte er Alice zu.
»Danke, Mrs Holtzman«, sagte er.
Alice atmete durch. Ein Anfang, immerhin.
Jake grinste sie an. »Gute Arbeit, Alice. Ich meine, für so eine alte Dame …«
Sie lachte und stand auf, denn sie sah Stan auf sich zukommen.
»Vielen Dank, dass Sie gekommen sind, Stan. Das war … na ja, es war genau, was wir gebraucht haben.«
»Ich bin froh, hier zu sein, Alice«, sagte er. Er nahm neben Jake Platz, und Alice bemerkte, was für eine einfache, scheinbar selbstverständliche Form von Höflichkeit das war.
»Ich glaube, wir kennen uns noch nicht. Ich bin Stan«, sagte er und ergriff Jakes Hand.
»Ich bin Jake, Alices Lehrling«, antwortete er lächelnd.
Alice lachte und schob die Hände in die Gesäßtaschen. »Ich glaube, es ist genau andersherum. Stan, Sie können sich nicht vorstellen, wozu dieser Junge fähig ist.«
Jemand tippte ihr auf die Schulter, und sie drehte sich zu der Schlange von Imkern um, die sie begrüßen, ihr die Hand schütteln und ihr danken wollten. In diese Reihe von freundlichen Gesichtern zu schauen, das war … nun, es fühlte sich an wie eine Art Heimkehr.
Stan erbot sich, die Überreste des Bienenvolks zur Untersuchung durch den Beratungsdienst zu bringen.
»Ich muss mich morgen sowieso mit Michaels treffen«, sagte er.
Also verfrachteten sie die Behälter in seinen Wagen. Im Wegfahren winkte er ihnen zu.
Während Alice auf dem Heimweg durch die Stadt fuhr, sah Jake ihre Kassettensammlung durch. Er legte eine ein, und Tom Pettys Stimme erfüllte die Luft des Frühlingsabends: »Time to move on. Time to get goin’. What lies ahead, I have no way of knowin’.«
Jake fuhr das Fenster herunter und ließ eine Hand auf der abendlichen Brise surfen.
»Wer war eigentlich der tolle große Kerl, mit dem du an der Tür gesprochen hast?«
»Tiny Castañares. Ein alter Freund meines Vaters«, sagte Alice. »Und von mir«, fügte sie hinzu.
Draußen vor dem Fenster sah Jake die kleine Stadt vorüberziehen.
»Du hast nette Freunde, Alice.«
Sie nickte, und ihr Herz schlug höher. Sie hatte tatsächlich nette Freunde, und dass ihr das wieder einfiel, zeigte ihr, dass sie auf dem Weg zurück in ihr altes Leben war. Sie fühlte ihre Trauer, und um die Ränder dieser Trauer herum spürte sie den Rest ihres Lebens mit allem, was sich darin befand. Es wuchs wie feine Waben aus Wachs, die ihren Kummer dämpften. Während die Sonne über dem Fluss unterging und der Wind sich legte, fuhren sie nach Süden auf den Berg zu. Die Bienen kehrten in ihre Beuten zurück, und die Menschen im Tal gingen schlafen.