Bringen Sie sich vor einem Bienenstock in Stellung und beobachten Sie, mit welch unermüdlicher Energie sich diese fleißigen Veteranen und ihre jüngeren Kameraden mit schweren Lasten herumplagen. Lassen Sie sich von dem fröhlichen Summen der geschäftigen Alten zu guten Vorsätzen inspirieren. Sie zeigen Ihnen, wie viel edler es ist, mit angelegtem Harnisch zu sterben, in aktiver Erfüllung der Pflichten des Lebens.
Jake zuckte zusammen, weil jemand schrie. Unsicher, wo er war, blickte er beklommen an die Decke. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Im Traum war er in Begleitung von Cheney auf dem Skateboard am Ufer des Flusses entlanggefahren. Der Hund war auf die Straße gelaufen und von einem Auto angefahren worden. Nun durchströmte ihn Erleichterung. Er war bei Alice, und Cheney war am Leben, lag sogar nah bei ihm neben dem Bett und schob ihm nun seine große feuchte Nase in die Hand.
Der Traum war ihm so echt vorgekommen, dieses Gefühl von Geschwindigkeit und Bewegung, als er auf dem Board dahinglitt. Er konnte sie beinahe fühlen, die warme Frühlingsluft auf seinen Armen und den Schwung seiner Hüften, mit dem er das Gewicht verlagerte, um einen Bogen zu fahren. Er hatte sich so frei gefühlt. Als er allmählich aus dem Traum erwachte, fiel ihm ein, dass sich inzwischen alles verändert hatte. Er fuhr nicht mehr Longboard, sondern Rollstuhl. Sein Blick verweilte auf dem Gefährt neben seinem Bett, das wie ein ewiger Begleiter auf ihn wartete. Das war aus ihm geworden: kein junger Mann mit unbegrenzten Möglichkeiten, sondern eine Person mit sehr klar umrissenen Grenzen.
Aber an diesem Morgen wurde ihm – vielleicht zum ersten Mal – überaus bewusst, dass sich eine völlig neue Welt für ihn aufgetan hatte. In den Wochen, seit er bei Alice wohnte, hatte sich sein Gespür dafür, wer er war und wie er in der Welt agierte, verändert, anfangs kaum merklich, inzwischen aber unbestreitbar. Ja, es gab Dinge, zu denen er nicht mehr in der Lage war, er würde nie wieder gehen können. Aber er besaß etwas Kostbares, das er sich zuvor nicht einmal hätte vorstellen können: sein Leben mit den Honigbienen. Er lebte mit Hunderttausenden Honigbienen zusammen. Er erlernte den Beruf des Imkers, und er war gut darin, überdurchschnittlich gut. Und das Erstaunlichste war, dass er etwas konnte, wozu die meisten Bienenzüchter nicht in der Lage waren. Aus irgendeinem Grund besaß er die Begabung, den glockenähnlichen Ton der wunderschönen Bienenköniginnen, dieser Übermütter, zu erkennen. Farbe und Textur seines neuen Lebens strömten förmlich in ihn hinein. Er reckte die Arme über den Kopf und lächelte.
Cheney donnerte die Vorderpfoten auf das Bett und dehnte in Zeitlupe seinen Oberkörper hoch. Dann stellte er die Ohren auf und wedelte mit der Rute, wobei er die Matratze neben dem Jungen beäugte.
Jake setzte sich auf, umfasste die großen Hundeohren und lachte. »Fordere dein Glück nicht heraus, Kumpel.«
Er schob das große Tier vom Bett, verfrachtete sich selbst in den Rollstuhl und fuhr ins Badezimmer. Dort benutzte er einen frischen Einmalkatheter, um seine Blase zu leeren, zog die Spülung und wusch sich Gesicht und Hände. Der Traum hing noch immer über ihm, die Freude an der Bewegung ebenso wie das verheerende Erlebnis, Cheney ein weiteres Mal zu verlieren. Er schüttelte die Gefühle ab. Es war nur ein Traum.
Jake betrachtete sich im Spiegel. Gestern Abend hatte er geduscht, und die Haare hingen ihm offen über die Schultern. Die schwarzblaue Farbe verblasste allmählich, er sah, dass sein natürliches Braun wieder durchkam. Das erinnerte ihn an die ersten Tage im Krankenhaus, als eine Schwester ihm die Haare zu schneiden versucht und er einen Wutanfall bekommen hatte. Er war vollgepumpt mit Medikamenten, aber dennoch klar genug, um für seinen Irokesen zu kämpfen, und seine Mutter stärkte ihm dabei den Rücken.
Die Krankenschwester seufzte, musterte ihn aus schmalen Augen und sagte: »Im Ernst, Mrs Stevenson. Es wird ohnehin schwer genug, ihn zu pflegen. Ohne diese Friseur wäre es ein kleines bisschen einfacher.«
Jake erinnerte sich, wie seine Mutter sich höflich, aber bestimmt geweigert und ihm die Haare zum Pferdeschwanz gebunden hatte. Es war ein verfilztes, verknotetes Chaos. Als er endlich in der Lage war, sich aufzusetzen, dauerte es Stunden, es durchzukämmen, und er ließ nicht zu, dass ihm seine Mutter oder die Schwestern halfen. Zentimeter für Zentimeter bearbeitete er die Knoten mit einem Kamm. Danach hatte es Wochen gedauert, bis er sich die Haare erneut färben konnte, und Monate, ehe sie sich wieder zu dem Turm mit der Rekordhöhe von vierzig Zentimetern stylen ließen.
Nun griff er nach der neuen Flasche Midnight Blue No. 47. Er warf einen Blick auf die Uhr und drehte den Wasserhahn auf. Vor dem Frühstück blieb ihm genügend Zeit, um die Farbe einwirken zu lassen. Er hielt eine Hand unter den Wasserstrahl, wartete, bis er warm wurde, und las die Liste der Ingredienzen, der er früher keinerlei Beachtung geschenkt hatte: Ammoniak, Bleiacetat, Wismutcitrat, Zwischenprodukt p-Phenylendiamin. Jake öffnete die Flasche, schnupperte und spürte den beißenden Geruch von Ammoniak in der Kehle. Er hatte diesen Geruch geliebt, weil er Teil seines Stylingrituals war. Aber jetzt musste er dabei an die Tage denken, an denen draußen auf den Plantagen gespritzt wurde und der metallische Geruch von Chemikalien in der Luft lag.
Bei seinen Studien hatte Jake alles Mögliche über Bienen gelernt. In den Büchern und Artikeln war er auf viele interessante und archaische Traditionen gestoßen, zum Beispiel die, dass jemand, der heiratete, die Braut seinen Bienenvölkern vorstellen musste. Und wenn ein Imker starb, mussten seine Freunde es den Bienen mitteilen. Wirklich beeindruckt hatte ihn die Vorstellung, dass man sich »frei von schlechten Eigenschaften« um die Bienen kümmern sollte. Er las, dass sie den Geruch von Zwiebeln oder Knoblauch nicht mochten. Bienenzüchter wurden angehalten, weder »grob« noch »betrunken« zu sein. »Pflegen Sie die Bienenstöcke in sauberem und nüchternem Zustand«, hatte er in seinem Notizbuch festgehalten. Ihm fiel auf, dass sich Alice immer die Hände wusch, bevor sie die Handschuhe anzog und den Imkerhut mit dem Schleier aufsetzte, und er nahm an, dass sie sich auch die Zähne putzte.
Als er sie danach fragte, gab sie ihm eine ausweichende Antwort. »Jeder hat da sein eigenes Ritual, mein Junge. Du wirst auch eines entwickeln.«
Erneut betrachtete er die Liste der Inhaltsstoffe auf der Rückseite der Flasche. Was auch immer p-Phenylendiamin sein mochte, frei von schlechten Eigenschaften war es vermutlich nicht. Jake drehte den Verschluss wieder auf die Flasche und warf sie in den Müll.
Und das war’s. Er war fertig mit seinen Haaren, einfach so. Er war fertig mit dem Rekordirokesen, seinem Markenzeichen, das ihn als Freak auswies. Jacob Stevenson, der Junge mit dem höchsten Irokesen in der Geschichte der Hood River Valley Highschool, hatte diese Phase seines Lebens hinter sich gelassen. Jetzt, wo er so viel anderes zu tun hatte, kam es ihm einfach albern vor, Stunden auf seine Frisur zu verschwenden. Er blickte sein Spiegelbild an und griff nach einer Schere.
Eine Stunde später kam Harry zum Frühstück ins Haus gestolpert. Jake wendete Pfannkuchen und lächelte ihn an. Sein kahler Kopf glänzte.
»Wow! Boah! Hast du … äh … wie hast du … warum … nee, sieht super aus, echt …«
Jake grinste und fuhr sich mit der Hand über den kahlen Kopf. »Ich weiß. Jetzt sehe ich aus wie ein Krebspatient. Aber es wurde allmählich Zeit. Willst du mal fühlen?«
Harry ließ eine Handfläche über Jakes Schädel gleiten, schauderte und zog die Hand zurück.
»Boah, krass, Mann.«
Sie setzten sich, um zu frühstücken. Cheney bockte unter dem Tisch wie ein kleines Pony und stieß sie ständig an, bis Jake ihn schließlich durch die Schiebetür hinauslaufen ließ.
»Na los, Cheney! Such!«
Der große Hund verfiel in den gestreckten Galopp, der sein Morgenritual darstellte. Als Jake an den Tisch zurückkehrte, verschlang Harry bereits sein Frühstück, als befürchte er, jemand würde ihm seinen Teller wegnehmen.
»Hey, lass dir Zeit, Mann! Es ist noch jede Menge da«, sagte er lachend, und Harry errötete.
Sein Kollege war ihm tatsächlich ans Herz gewachsen. Obwohl Jake sechs Jahre jünger war, hatte er beinahe das Gefühl, ihn beschützen zu müssen. Gleich am ersten Tag, nachdem Harry den Job bekommen und sie für Alice gemeinsam die Bienenstöcke sauber gemacht hatten, begann seine Eifersucht sich zu legen. Harry fand Alice gegenüber einfach nie die richtigen Worte. Er hatte diese dumme Frage nach ihrem Sohn gestellt und verstummte, als Alice die Scheune verließ. Eine tote Biene fiel herunter und streifte seinen Handrücken. Er schrie auf und ließ das Rähmchen fallen, das scheppernd auf dem Boden landete.
Jake lachte leise in sich hinein. »Hey, Kumpel, entspann dich mal«, sagte er und streckte die Arme aus, Handflächen nach unten. »Im Ernst.«
Harry fluchte leise und hob das Rähmchen wieder auf. Er schabte die Bienen in den Plastikeimer, wie Alice es von ihm verlangt hatte. Ein paar Tiere fielen daneben und landeten auf dem Boden. Mit behandschuhten Händen sammelte Harry sie ein und verzog dabei das Gesicht.
Jake schob den Eimer näher zur Werkbank.
»Wie alt bist du?«
»Vierundzwanzig«, murmelte Harry.
»Okay, Alice ist vierundvierzig, streng genommen könnte sie also deine Mutter sein. Aber sie ist nicht alt genug, um die Mutter von dem Typen da zu sein«, sagte er und deutete auf das Foto von Bud und Alice.
»Jetzt sehe ich es auch«, sagte Harry seufzend und kratzte weiter das Rähmchen ab.
Jake lehnte sich in seinem Rollstuhl zurück und sah Harry bei der Arbeit zu. Er war ein unbeholfener Typ. Aber immerhin hatte er ihm Cheney zurückgebracht, nicht wahr? Jake betrachtete den Hund, der leise schnarchend auf der Schwelle zur Werkstatt ausgestreckt lag, und sein Herz schlug einen Salto. Er beschloss, Harry zu helfen.
»Gib mir die Rähmchen. Ich entferne die Bienen, und du kümmerst dich um das Wachs.«
Während sie arbeiteten, erzählte Jake ihm, was er über Alice wusste, über ihren Job und ihre Familie. Er sagte ihm, dass sie den Bienengarten vergrößern wollte. Harry hörte aufmerksam zu, schwieg aber. Seine Augen weiteten sich, als Jake ihm beschrieb, wie sie sich kennengelernt hatten, wie ihr Wagen beinahe seinen Rollstuhl angefahren hätte. Ihren Streit mit Ed Stevenson verschwieg er, erwähnte nur, dass sie ihm angeboten hatte, eine Weile bei ihr auf der Farm zu leben. Für wie lange, wusste er nicht.
»Sie ist cool, Harry. Wenn du hart arbeitest, gibt sie dir eine Chance. Du musst dich nur lockermachen und kein dummes Zeug mehr labern, okay?«
Harry nickte. Seite an Seite arbeiteten sie sich durch den ersten Brutraum. Harry holte den zweiten, der noch in der Türöffnung stand, wo Alice ihn in der Schubkarre abgestellt hatte.
»Ist das dein Longboard da auf der Veranda?«, fragte Harry.
Überrascht blickte Jake ihn an. Für einen Skater hatte er ihn nicht gehalten. Er nickte. »Bin in letzter Zeit nicht so oft gefahren.«
Harry zögerte, als fragte er sich, ob Jake einen Witz gemacht hatte oder nicht. Dann sagte er: »Auf der Highschool hatte ich einen Pintail.«
»Im Ernst?«
»Ja. Altmodisch, ich weiß. Hast du Dogtown Boys gesehen?«
»Klar, Mann!«, sagte Jake und zitierte die Stelle aus der berühmten Poolskating-Szene. »Ich … ich spür meine Füße nicht mehr! Aber ehrlich gesagt, ich spür meine Füße eigentlich nie.«
Sie lachten beide, aber dann fiel Harrys Blick auf Jakes Rollstuhl, und er hörte auf zu lachen.
Harry hebelte ein weiteres Rähmchen aus der Kiste und fegte die toten Bienen in den bereitstehenden Eimer, nun weniger zimperlich.
»Ich war neulich am Wasser, und da habe ich diesen Typen gesehen, der auf einem Longboard mit Kite um den Parkplatz gefahren ist. Mit einem Kite wie beim Surfen, weißt du, nur kleiner. Der Typ hat tierisch Gas gegeben!«, sagte Harry.
Jake konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal am Fluss und im angrenzenden Skatepark gewesen war, seinem alten Revier. Er vermisste das Wasser und den Himmel, den Anblick, wie Cheney über die Sandbank galoppierte und Möwen jagte, während ihm die Wellen das Fell nässten.
»Dieser Typ, den ich da kennengelernt habe, der will mir das Kitesurfen umsonst beibringen«, sagte Harry. »Er meinte, er würde mir die Ausrüstung leihen und so.« Vor Begeisterung hatte er die Stimme erhoben, fuhr dann aber leiser fort: »Na ja, ich weiß nicht recht.«
»Kann ich mitkommen?«, fragte Jake.
»Hm?«
»Zum Kitestrand. Kann ich dich begleiten? Und Kumpel: Wenn jemand dir Kitestunden für lau anbietet, wäre es dumm von dir, sie abzulehnen. Ich sag’s nur mal so.«
»Klar kannst du mitkommen. Er meinte, ich könnte jederzeit am Strand auftauchen. Er ist immer dort.«
Jake lächelte in sich hinein … der Fluss, der Wind, die Sandbank. Wie lange war das her?
Die beiden hatten in geselligem Schweigen weitergearbeitet, bis Jake mit Alice zum Imkertreffen aufbrach.
Danach war ihr Haushalt mit jedem vergehenden Tag ein bisschen mehr in eine Art Routine verfallen. Anfangs war das unangenehm. Harry war so ungeschickt und nervös, dass er Alice gegenüber nie die richtigen Worte fand. Wurde er nicht ausdrücklich ins Haus gebeten, blieb er draußen in der Werkstatt. Seine Angst war mit Händen zu greifen und ging ihr auf die Nerven. Eines Abends kam Alice heraus, um sie zum Dinner zu rufen, und Harry ließ klappernd den Besenstiel fallen. Sie stand in der Tür und nahm den Raum in Augenschein, den Harry sorgfältig umgeräumt hatte. Er fing an, sich zu entschuldigen, weil er Dinge umgestellt hatte, und Alice verschränkte seufzend die Arme vor der Brust.
»Harry, wir brauchen hier offensichtlich ein paar grundlegende Regeln.«
Sie erklärte es ihm in aller Deutlichkeit: Die Werkstatt war sein Reich, und er konnte sie umräumen, wann immer er es für angebracht hielt, und nebenbei gesagt, sah es jetzt hübsch aufgeräumt darin aus. Wenn er nicht arbeitete, war er jederzeit im Haus willkommen. Sie fände es schön, wenn er das Tischdecken übernehmen und sich um das Geschirr kümmern würde. Er durfte den Computer benutzen. Er durfte die Waschmaschine und den Trockner benutzen. Aber er sollte aufhören, sich jedes Mal zu entschuldigen, wenn er den Mund aufmachte. Wenn er das nicht konnte, würde sie ihn bitten müssen zu gehen. Jake wusste, dass dieser letzte Satz ein Witz war, aber Harry wusste es nicht.
»Okay, Mrs … ich meine, Alice. Es tut mir leid … ich wollte nicht …«, stammelte er und schlug sich die Hand vor den Mund.
Alices Gelächter ließ die Balken beben. »Keine Sorge, Harry. Der zählt nicht. Und jetzt kommt rein, wir essen.«
Als er nun mit Harry am Frühstückstisch saß, holte Jake das Bienen-Tagebuch heraus und erzählte ihm, wie sich die neuen Bienenstöcke entwickelten. Harry hatte mehrere Tage damit verbracht, überall auf der Farm überfällige Reparaturen nachzuholen. Jetzt wollte sie, dass er für die Hälfte der neuesten Beuten Bruträume mit oben liegendem Flugloch baute, damit sie die Fortschritte verfolgen und sie mit denen der anderen Beuten vergleichen konnte, deren Flugloch traditionsgemäß an der Unterseite lag.
Harry nickte. »Heute baue ich die ersten«, sagte er. »Für die Bienenstöcke dreizehn bis achtzehn.«
Draußen in der Scheune schaltete Harry die Werkstattbeleuchtung ein. Jake rollte zur Werkbank, nahm einen der leeren Bruträume herunter, legte ihn sich auf den Schoß und drehte ihn um.
»Also, wie genau willst du die Fluglöcher oben anbringen?«
Harry erklärte, dass er die neuen Bruträume genauso bauen würde wie die alten, nur dass der Eingang sich oben befinden sollte. Er deutete auf die Skizze, mit der Alice ihm klargemacht hatte, was sie wollte.
»Ich muss Zugänge oben in die neuen Kästen sägen und dann die Leisten ausfräsen, in die die Rähmchen eingehängt werden.«
»Die nennt man Zargen«, sagte Jake triumphierend. »Die Leisten.«
»Oh. Zargen. Okay, ich nehme also an, dass Alice die Rähmchen in die neuen Kisten umsetzen und dieselben Abdeckungen benutzen wird, oder?«
»Du scheinst dir da nicht ganz sicher zu sein, Mann«, sagte Jake.
Harry runzelte die Stirn. »Aber das hat sie doch gesagt, oder?«
»War nur ein Witz, Stokes! Ja, wir setzen die Rähmchen um. Dann verwandeln wir die alten Kästen in obere Bruträume. Das heißt, du musst die Fluglöcher verschließen und die Zargen dort hinzufügen, richtig?«
»Ja, ich muss dafür sorgen, dass die Rähmchen richtig hängen, damit …« Harry verstummte, stellte den Brutraum auf die Werkbank und betrachtete ihn eine Weile. Dann ging er hinaus, sah sich die Bienenstöcke an, kam zurück und sah sich ein weiteres Mal den Brutraum an, wobei er leise vor sich hin murmelte.
Jake beobachtete ihn.
»Gibst du mir bitte mal die Abdeckung da?«
Er reichte sie Harry, der noch immer vor sich hin murmelte. Er drehte die Kiste um und setzte den Deckel drauf, dann schob er einen Finger unter den Rand, um zu ermessen, wie viel Platz dort noch war. Er nahm ein Maßband von der Werkbank und schob es in den Spalt.
»Wie groß ist noch mal der Bienenabstand? Anderthalb Zentimeter?«
Jake schüttelte den Kopf. »Acht Millimeter.«
Harry straffte die Schultern und grinste. Er zeigte auf den Brutraum. »Einer ist fertig, fünf weitere folgen«, sagte er und grinste noch breiter.
Verblüfft sah Jake ihn an. Harry zeigte ihm das Maßband.
»Unter der Teleskopabdeckung ist genug Platz für das Flugloch. Und die Zargen sind bei diesen Kisten schon eingebaut. Man kann sie umdrehen. Wir müssen sie nur auf den Kopf stellen, und voilà, schon ist das untere Flugloch nach oben gewandert!«
Jake betrachtete den Kasten, bis es ihm dämmerte. »Noch ein Punkt für Stokes! Cleverer arbeiten, nicht schwerer!«
Er klatschte Harry ab und rollte zurück, um sich den Brutraum anzusehen.
»Die Rähmchen müssen wir trotzdem umsetzen«, sagte Jake, dessen Begeisterung immer größer wurde. »Wenn wir die Dinger aus Bienenstock dreizehn in diesen hier verfrachten, können wir den Brutraum dort umdrehen und die Rähmchen aus Beute vierzehn umsetzen und so weiter. Super einfach«, sagte er.
Diese neuen Beuten, die nur einen Brutraum hoch waren, waren auch für Jake erreichbar. Er würde es allein schaffen, davon war er überzeugt.
»Wahrscheinlich kann ich sie alle noch heute Morgen austauschen«, sagte er, mehr zu sich selbst als zu Harry. »Ich muss nur das hier so platzieren und das andere so …«
Jake nahm ein leeres Rähmchen und bewegte es durch den Raum, während er sich den Ablauf der Umbettung von der Seite seines Rollstuhls aus vorzustellen versuchte. Aber es würde nicht funktionieren. Er konnte sich nicht über zwei Beuten beugen, die zu seiner Rechten nebeneinander standen. Und ihm fehlte die Muskelkraft, um auf der linken Seite zu arbeiten. In diesem Augenblick spürte Jake auf bittere Art die Grenzen, die ihm seine physischen Beeinträchtigungen setzten.
Er stieß ein kurzes, unglückliches Lachen aus. »Tja, Scheiße. Das schaffe ich nicht.«
»Was denn?«
»Ich kann nicht über zwei Kisten hinweggreifen. Oder über meinen Schoß. Es ist zu weit und …«
Er drehte das Rähmchen mehrmals in den Händen und versuchte, darüber zu lachen. Aber das hier war das Ende, er wusste es. Das Ende seiner Zeit bei den Bienenstöcken war gekommen. Nächste Woche würden die neuen Beuten ihren zweiten Brutraum bekommen, und dann waren sie so hoch, dass er unmöglich mit ihnen arbeiten konnte. Diese letzte gottverdammte Aufgabe konnte er nicht erfüllen. Vor Enttäuschung schnürte es ihm die Kehle zu.
»Es gibt eben Bienenabstand, und es gibt Jakeabstand. Ist okay. Ich wollte nur … Ach, fuck!«
Er schleuderte das Rähmchen von sich, das vom Fußboden der Werkstatt abprallte und in der Nähe des schnarchenden Hundes landete. Cheney sprang auf und verzog sich mit gekränktem Blick aus der Scheune.
Harry musterte ihn verblüfft.
Genau wie mein Vater, dachte Jake. Ich bin so ein Arschloch. Er setzte den Rollstuhl in Bewegung, um dem Hund zu folgen, aber Cheney war bereits außer Sichtweite. Seufzend drehte er den Rollstuhl herum, sodass er Harry gegenüberstand.
»Tut mir leid, Mann. Es ist nur so … so frustrierend. Ich habe geglaubt, ich könnte es, aber wir werden auf Alice warten müssen. Na egal. Sie wird total begeistert sein, dass du herausgefunden hast, wie du sie umdrehen kannst. Gute Arbeit, Harry.«
Harry starrte auf einen Punkt genau über Jakes Schulter und murmelte etwas vor sich hin. Dann streckte er seitlich die Arme aus.
»… damit er sich darunterschieben kann. Das macht vierzehn Mal zwei, also insgesamt nur achtundzwanzig. Gar nicht so übel«, flüsterte er. »Streck mal die Hände aus«, befahl er dann.
Jake gehorchte, und Harry maß erst den Abstand zwischen Jakes Händen und dann die Breite des Brutraums.
»… mal zwei. Ja, das funktioniert«, sagte er zu sich selbst. Er richtete sich auf und lächelte Jake an. »Du brauchst nur eine Werkbank, Mann.«
Er maß die Höhe des Rollstuhls bis zu den Armlehnen und dann Jakes natürliche Reichweite. Innerhalb einer halben Stunde hatte Harry einen tragbaren Tisch gebaut, auf dem über Jakes Schoß zwei Bruträume nebeneinander Platz hatten. Jake rollte mit seinem Stuhl unter den Tisch und lachte.
»Du bist ein verdammtes Genie, Stokes!«
Der ältere Junge errötete vor Freude. »Ist keine große Sache. Nur ein bisschen Holz und ein paar Nägel.«
»Kumpel, du redest mit einem, der in Werken immer durchgefallen ist.«
Jetzt war es Harry, der ungläubig lachte. »Ernsthaft? Wie kann man denn in Werken durchfallen?«
Jake legte den Kopf zurück, blickte an die Decke und zählte an den Fingern ab: »Mal sehen: überhaupt nicht zum Unterricht erscheinen. Total bekifft aufkreuzen. Zu spät kommen und nicht mit der Aufgabe fertig werden. Oh, und das Buch eines Mädchens mit Sekundenkleber aufs Pult kleben.«
Letzteres war Noahs Idee gewesen, aber Jake war es, der sie in die Tat umgesetzt hatte. An jenem Tag fand er das irgendwie lustig. Er lachte, aber Harry blieb ernst.
»Wow. Das ist echt schräg, Mann. Ich … Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass du so was machst«, sagte Harry.
Jake legte den Kopf schief. »Welchen Teil meinst du?«
»Na ja, alles. Ich meine … hier bist du immer total zuverlässig.«
Jake wurde klar, dass Harry recht hatte. Bei Alice würde er niemals solchen Mist bauen. Nicht mit den Bienen und auch sonst nicht hier auf der Farm.
»Das war früher«, sagte er leise.
Harry nickte und beäugte den Rollstuhl. »Aber deinen Abschluss hast du doch gemacht, oder?«
Jake lachte bellend. »Na ja, ich habe ein Abschlusszeugnis. Das können sie mir nicht mehr wegnehmen.«
Kopfschüttelnd schaute er auf die Bruträume, dann wanderte sein Blick hinaus zum Bienengarten. Das hier war sein neues Leben, rief er sich ins Gedächtnis. Er war der Assistent der Bienenzüchterin. Er wusste, was er zu tun hatte.
»Hör mal, Harry. Ich glaube, ich kann das ziemlich schnell erledigen, aber ich werde ein bisschen Hilfe brauchen.«
Jake schickte Harry ins Haus, um sich Gesicht und Hände zu waschen, die Zähne zu putzen und ein sauberes Hemd anzuziehen.
»Vertrau mir einfach«, sagte er.
Als Harry wieder auftauchte, deutete Jake auf den Imkeranzug, und Harry schlüpfte ohne Protest hinein.
»Steck deine Hose in die Stiefel. Hier, bitte.« Jake reichte ihm ein Paar Handschuhe. Mit zitternden Händen zog Harry sie an.
»Setz dich hin, Kumpel.«
Harry setzte sich und atmete in kurzen, flachen Zügen.
»Atme, Harry.«
Bebend holte er Luft und stieß sie wieder aus.
»Hör zu. Wenn du ruhig bist, sind sie es auch. Wenn du ausrastest und nach ihnen schlägst wie beim letzten Mal, setzen sie ein Stresshormon frei und gehen auf dich los. Und du darfst die Bruträume nicht fallen lassen oder zu schnell absetzen, okay?«
Harry blinzelte und nickte.
»Gut. Ich werde dir bei jedem Schritt sagen, was zu tun ist. Du musst mir nur zuhören. Tu so, als bewegtest du dich in Zeitlupe. Als wärst du unter Wasser oder beim Tai-Chi. Ich meine es ernst. Schaffst du das?«
»Ja. Das schaffe ich.«
Jake ließ ihn zehnmal langsam durchatmen, dann setzte er Harry den Hut mit dem Schleier auf den Kopf.
Cheney lag hechelnd im sonnenbeschienenen Gras und sah zu, wie die beiden jungen Männer den Bienengarten betraten. Der eine war wie ein Astronaut gekleidet, der andere trug ein orangefarbenes T-Shirt und Jeans, sein kahler Kopf glänzte in der Sonne. Jake gab Harry detaillierte Anweisungen, wie er den ersten Brutraum mit dem Stoßmeißel aus dem Ständer hebeln sollte. Dann setzte Harry den Kasten langsam neben den leeren, der bereits auf der provisorischen Werkbank auf Jakes Schoß stand. Harry begab sich rasch in sichere Entfernung und setzte die Kapuze ab. Ruhig atmend saß Jake mit geschlossenen Augen da und durchdachte die Schritte, die nun folgen würden. Als er die Augen öffnete, sah er, dass Harry ihn beobachtete. Er löste die Abdeckung der Beute und hob sie vorsichtig ab. Zwei oder drei Bienen kamen summend heraus und schwebten dicht vor Jakes Gesicht in der Luft, dann kreisten sie um sein Shirt. Eine landete auf seiner frischen Glatze, und er lächelte.
»Hallo Ladys«, flüsterte er. »Das Umzugsunternehmen ist da. Keine Angst, alles wird gut.«
Er löste ein Rähmchen nach dem anderen und hängte sie in den umgedrehten Brutraum, dessen Flugloch sich nun oben befand, dann setzte er den Deckel wieder auf. Er gab Harry ein Handzeichen.
»Okay, Stokes! Der hier ist fertig. Bring ihn zurück!«
Jakes gelassener Umgang mit den Bienen schien ihm Mut zu machen, denn er wirkte nun ruhiger. Innerhalb einer Stunde setzten sie die sechs Zargen mit den Bruträumen um. Sie sahen, dass die Sammlerinnen den Weg in die Beute auch durch die oben angebrachten Fluglöcher fanden. Jake klatschte in die Hände.
»Okay, für heute sind wir fertig«, sagte er.
Er blickte zu den großen Kiefern am Rand der Wiese, deren zottige Äste im Westwind wehten.
»Der Wind hat aufgefrischt! Ich würde sagen: Zeit für den Kitestrand!«