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BIENENTANZ

Im Flug verständigen sich Bienen mit solch verblüffender Geschwindigkeit, dass selbst telegrafische Signale kaum schneller sind.

L. L. LANGSTROTH

 

Alle Mitglieder eines Honigbienenvolkes sind durch ein spezielles Band miteinander verbunden, das Pheromon ihrer Mutter und Königin, ein Duft, der sich als Zeichen der Zugehörigkeit im ganzen Bienenstock verbreitet. Der zitrusartige Geruch des Pheromons ist für jede der fünfzigtausend summenden Bienen die ständige Versicherung, dass die Königin zu Hause ist. Zwischen Menschen existieren keine derart offensichtlichen Verbindungen, zumindest nicht außerhalb ihrer Familien. Und Jake hatte nicht einmal in seinem Elternhaus dieses Gefühl von Zugehörigkeit. Im Gegenteil, er sehnte sich danach, seinem Zuhause und damit auch der Kleinstadt zu entkommen.

Während der ersten Wochen im Krankenhaus hatte er im Geist immer wieder den Stadtplan von Hood River gezeichnet. Den Stadtteil Heights, wo die Einheimischen wohnten und ihre Einkäufe erledigten. Die drei Häuserblöcke in der Innenstadt mit Boutiquen, Bars und Restaurants, zwischen denen, einen Becher Kaffee in der Hand, die Touristen spazieren gingen und den Verkehr behinderten, indem sie allzu gemächlich über die Zebrastreifen schlenderten. Die Gegend am Fluss, in der sich Einheimische und Besucher begegneten. Letztere war Jakes Spielwiese gewesen: der Skatepark neben dem Kitestrand und die riesige Sandbank, die sich in den Columbia River hinein erstreckte. Dort war er oft mit Cheney gewesen, hatte während unzähliger, scheinbar endloser Stunden den Wind auf seiner nackten Haut gespürt. Innerhalb dieser Grenzen hatte er Gutes und weniger Gutes erlebt, immer in der festen Überzeugung, all dem eines Tages zu entfliehen, wenn nicht nach Seattle, dann wenigstens nach Portland. Doch als er in seinem Krankenzimmer lag, zeichnete sich seine Heimatstadt als dauerhaftes Auffangbecken am Horizont ab. An dem Tag, an dem ihn seine Mom aus der Reha nach Hause holte, waren die Straßen mit schmutzigem Schneematsch bedeckt, und der Himmel hing über der Schlucht wie eine graue Zimmerdecke. Als sie in die Zufahrt einbogen, spürte er ein kaltes Gewicht, das sich auf seinen Magen senkte.

Doch mit den Monaten verging auch das Gefühl erdrückender Klaustrophobie. Morgens hörte er seine Eltern und die Nachbarn zur Arbeit aufbrechen, und dann lauschte er auf die Lkws, die den ganzen Tag über die Tucker Road rasten. Die Nachbarn kehrten abends um dieselbe Zeit wie seine Eltern nach Hause zurück. Auch während seines Aufenthalts im Rehazentrum in Portland konnte er davon ausgehen, dass das Leben in der Kleinstadt unverändert seinen Lauf nehmen würde. Vor seinem geistigen Auge sah er Busse vor der May Street Elementary anhalten und wieder abfahren. Im Sommer flatterte über dem Jackson Park das Transparent des Elks Clubs und kündigte das jährliche große Fest für die ganze Familie an. Im Pool erklangen Kinderstimmen, und an den Wochenenden fanden auf den Sportplätzen Fußballspiele für Jugendliche statt. In der Feuerwache gab es ein Pfannkuchen-Frühstück, beim Festumzug zum 4. Juli war eine Reihe von Oldtimern zu sehen, und dann gab es noch das jährlich stattfindende Wild Wiener Dachshund Dash. Hier änderte sich nie etwas.

Doch als Jake nun mit Harry durch die Stadt fuhr, fühlte es sich tatsächlich anders an als früher. Jake hatte das eigenartige Gefühl, nach langer Zeit zurückgekehrt zu sein. Er heftete den Blick auf die vertraute Kulisse und nahm ihre bescheidene Schönheit wahr.

Harry fuhr Alices alten Pick-up, der kleiner war und tiefer auf der Straße lag als ihr neuer, größerer Wagen. Er hatte eine Schlaufe am Lenkrad befestigt, damit Jake beim Hinein- und Herausbugsieren einen besseren Hebel hatte. Auf der Ladefläche war reichlich Platz für den Rollstuhl und für Cheney, der hinaufsprang, sich gegen die Heckscheibe stemmte und in den Wind lächelte, als sie aus dem Tal hinaus und in die Stadt fuhren.

Jake legte seinen Arm in den Fensterrahmen und den Kopf in den Nacken. Während der Wagen hinunter in die Stadt fuhr, weitete sich der Blick, und Jake spürte, wie ihm das Herz aufging. Er sah die weite Fläche des Columbia Rivers mit den windgepeitschten Schaumkronen darauf, den Sonnenschein auf den Basaltklippen im Norden und die Zuckerwatte-Wolken, die sich im Westen zu Gewitterwolken auftürmten. Er schloss die Augen, atmete den Hefegeruch der pFriem Family Brewers ein, vermischt mit dem Aroma gerösteter Kaffeebohnen aus dem Dog River Coffee. Windböen rüttelten heftig an dem kleinen Pick-up.

Am Wasser wartete Jake darauf, dass Harry seinen Rollstuhl herausholte, und ließ die Szenerie auf sich wirken. Im Skatepark sauste ein Kind die Halfpipe hinunter und landete scheppernd auf der anderen Seite. Der lange Rasenstreifen war von Gestalten in Neoprenanzügen bevölkert, die ihre Kites aufpumpten. Draußen auf der Sandbank plätscherte der breite grüne Fluss an das sandige Ufer. Während seiner Zeit auf der Highschool hatte Jake praktisch hier unten gelebt. Er und Noah schlugen meistens gleich nach der Schule im Skatepark auf und chillten einfach bis Sonnenuntergang im Gras. Im Sommer hielt sich das Licht über der Kammlinie fast bis zehn Uhr abends. Hunderte von Stunden hatte er hier verbracht. Für einen Moment empfand er einen Anflug von Trauer um dieses frühere Leben. Aber dann tauchte Harry mit dem Rollstuhl auf, und er schluckte das Gefühl hinunter.

Als sie sich dem Rasen näherten, zog Cheney an der Leine, und Jake ertappte sich dabei, wie dankbar er den rollstuhlgerechten Weg registrierte, der ihm früher nie aufgefallen war, weil er ihn nicht gebraucht hatte. Während er sich vorwärts schob, spürte er, dass die Leute ihn und seinen Rollstuhl musterten. Wenn ihre Blicke sich trafen, sahen sie verlegen weg. Er hatte das Gefühl, dass jeder ihn anstarrte. Plötzlich fühlte Jake sich nackt. Vielleicht hatte er sich überfordert, schließlich war das nach dem Unfall sein erster Besuch am Ufer des Flusses.

Aber dann schaute er Harry an, der mit dem Blick die Ansammlung von Kitesurfern absuchte, und ihm fiel auf, wie blass er war. Auf der Fahrt hierher hatte er nur wenig gesprochen. Jake sah Schweißperlen auf Harrys Stirn stehen, und da fiel ihm wieder ein, dass er es war, der vorgeschlagen hatte, nach Harrys Kitesurfing-Kumpel zu suchen, nicht Harry selbst.

»Weißt du, vielleicht ist Yogi ja gar nicht hier. Wir könnten also … na ja, wir können jederzeit zurückfahren«, sagte Harry.

Seine Stimme überschlug sich fast, so sehr fürchtete er sich, und Jake spürte, wie seine eigene Angst sich in einer Welle von Mitgefühl auflöste. Armer Stokes, dachte er. Er kippte den Stuhl, balancierte auf den Hinterrädern und lächelte Harry an.

»Ist schon okay«, sagte er. »Lass uns einfach ein bisschen hier abhängen.«

Sie schoben sich zwischen den Kitesurfern hindurch, und Jake ließ Cheney von der Leine, der sofort auf die Sandbank zuraste. Mit einem Bauchklatscher warf sich der große Hund in den Kanal und sah sich gleich darauf nach seinem Herrchen um. Er bekam einen Kloß im Hals, als Cheney zurückgerannt kam, ihn mit Flusswasser bespritzte und mit Nasenstupsern übersäte, um dann wieder hinaus ins Wasser zu rasen. Er lief an der Uferpromenade entlang, bellte und schnappte nach Möwen. Angesichts der Freude seines Hundes ließ Jakes Traurigkeit ein wenig nach. Er schloss die Augen und roch den Fluss, spürte den warmen Wind auf der nackten Haut.

»Scheiße!«, flüsterte Harry.

Er hatte den Blick auf einen großen Kerl geheftet, der in einem tropfnassen Neoprenanzug über den Rasen ging. Die langen Haare waren zurückgekämmt. Der Typ grinste breit und boxte Harry gegen die Schulter.

»Mensch, Alter! Die Bedingungen sind perfekt. Das wird echt geil!« Er blickte auf Jake hinab, und sein strahlendes Lächeln wurde noch breiter. »Wie geht’s, Kumpel?« Er streckte eine riesige Faust aus. »Ich bin Yogi.«

Jake schlug seine Faust gegen Yogis. »Jake.«

»Freut mich, dich kennenzulernen, Bro. Harry wird den Scheiß hier lieben, stimmt’s, Harry?«

Jake sah das leise Entsetzen in den Augen seines neuen Freundes, aber Yogi schien es nicht zu bemerken.

Der große Mann klatschte in die Hände. »Das wird cool da draußen! Okay, ich sag dir, was wir heute machen: Einführung ins Equipment und Basics mit dem Kite. Los geht’s. Ich habe schon alles vorbereitet.«

Mit großen Schritten verließ Yogi den Gehweg und ging auf eine Gruppe Teenager zu, die um einen Haufen Ausrüstungsgegenstände herum im Gras lümmelte, die dünnen Arme gegen den empfindlich kühlen Wind vor der Brust verschränkt. Jake folgte Harry, nachdem er sich vergewissert hatte, dass der Boden befahrbar war. Wortlos starrten die Jugendlichen Jakes Rollstuhl und seinen kahlen Kopf an. Dann drehten sie sich zu Yogi.

»Okay, Kinder, hört zu! Regel Nummer eins: Das hier ist kein Kitesurfing-Unterricht. Ich bin kein Lehrer. Ich stehe hier nur rum und rede über Kiteboarding, und ihr seid zufällig in der Nähe. Wenn einer von euch seinen Eltern erzählt, dass ich ihm Unterricht gegeben habe, trete ich ihm in den kleinen Hintern. Betrachtet das als öffentliche Bekanntmachung, okay? In Ordnung, Tommy?« Er drehte sich zu dem Jungen, der ihm am nächsten war, ein Rotschopf, der sicher weniger als Cheney auf die Waage brachte.

»Äh. Ja. In Ordnung, Yogi. Kein Kiteboarding-Unterricht«, sagte er in einem weichen Sopran.

»Okay. Super. Regel Nummer zwei: Beherrscht euer Equipment.«

Die Kinder beugten sich vor, als Yogi begann, ihnen die Ausrüstung zu zeigen: Neoprenanzug, Helm, Prallschutzweste, Trapez, Barsystem, Leinen, Board und der bananenförmige Kite. Er sprach über das Zusammenspiel der Ausrüstungsgegenstände, zeigte ihnen das Quick Release und erklärte, warum es notwendig war, sorgfältig mit dem Equipment umzugehen. Das bedeutete, dass man die Sachen angemessen lagern musste und sie nach dem Surfen nicht in der Sonne liegen ließ. Er faltete den pinkfarbenen Kite auseinander, und die Kinder bedienten abwechselnd die Pumpe. Ihre schlanken Arme bewegten sich auf und ab, bis alle Quertubes mit Luft gefüllt waren. Yogi drehte den Kite um, sodass er gegen den Wind stand, und legte das Board darauf, damit er blieb, wo er war.

»Gut gemacht«, sagte er und klatschte in die Hände. »Sehr schön. Okay. Regel Nummer drei: Sei am Strand keine Schlafmütze!«

Er sprach über das Windfenster und die Zugkraft des Kites, über sicheres Starten und Landen und über Strandetikette. Er erklärte, wo man sich draußen auf der Sandbank inmitten der Kites positionieren sollte und dass man sich der Leute um einen herum bewusst sein musste. Er erzählte ihnen, wie wichtig es war, um der eigenen Sicherheit willen nach anderen Kitesurfern Ausschau zu halten. Die Teenies hingen ihm an den Lippen.

»Was ist Regel Nummer drei?«

»Sei am Strand keine Schlafmütze!«

»Richtig!«

Das einzige Mädchen hob die Hand.

»Autumn?«

»Was passiert, wenn der Kite abstürzt und ins Wasser fällt?«

»Dann musst du das verdammte Ding neu starten«, sagte Yogi. »Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Hängt vom Wind und der Strömung ab. Aber eins ist sicher: Deine Einstellung ist alles. Wenn du das Baby fliegen lassen willst, musst du daran glauben, dass du es kannst. Klingt logisch, oder?«

Die Kids nickten, und Yogi lächelte.

»Super! Also, ihr Winzlinge seid noch zu mager, um es auszuprobieren. Aber unser Harry Stokes hier, der legt heute richtig los!«

Er packte Harry bei den Schultern und schüttelte ihn. Jake sah, wie Harry grau im Gesicht wurde.

»Wir werden draußen auf der Sandbank das Starten und Landen üben. Ihr könnt mitkommen und zuschauen, aber ich frage euch noch einmal: Wie lautet Regel Nummer eins? Das hier ist kein …«

»Kitesurfing-Unterricht!«, riefen die Kinder.

»Tommy, du nimmst den Kite. Autumn, du schnappst dir die Bar und die Leinen. Und die anderen kommen mit und helfen, diesen Kite aufzuriggen. Harry, zieh deinen Anzug an«, sagte er.

Die kleine Schar rannte los, und Yogi hob das Kiteboard auf und folgte ihr. Harry quälte sich in den Neoprenanzug, der auf Yogi zugeschnitten und ihm deshalb viel zu groß war. Im Schritt hing er herunter, und im Nacken bauschte er sich auf. Mit schweißnassem Gesicht setzte er den Helm auf und gab Jake die Wagenschlüssel, wobei er murmelte: »Ich glaube nicht … Sollte bald zurück … Falls ich …«

»Hey Harry«, sagte Jake. »Atme.«

Ihre Blicke trafen sich, Harry schluckte, dann nickte er. Vom Ufer aus rief Yogi: »Mach hin, Jim!« und lachte über seinen Witz.

Jake sah seinen Freund auf die Sandbank zugehen, die Schultern gebeugt, den Blick auf die Füße gesenkt. Er sah aus, als ginge er ins Gefängnis. Yogis aufmunternde Stimme übertönte den Wind. Der Typ bringt genug Begeisterung für beide auf, dachte Jake. Sie überquerten den Wasserlauf vor der Sandbank, und dann konnte Jake Yogi nicht mehr hören.

Die Frühlingssonne wärmte ihm Kopf und Schultern, während er auf den Fluss hinausspähte. Der Park war weniger überlaufen als im Sommer. Ungefähr zwei Dutzend Kites tupften die Sandbank und warteten auf den Start, und draußen zwischen den weißen Schaumkronen blitzte eine Handvoll Windsurfing-Segel auf. Ein Lastkahn tuckerte mitten durch die Fahrrinne und hupte warnend, obwohl ihm die Kiteboarder und Windsurfer bereits auswichen.

Auf einmal empfand Jake ein Gefühl der Erleichterung. Im Grunde starrte ihn hier niemand an, nein, eigentlich nicht. Sicher, die Leute bemerkten den Rollstuhl. Aber was machte das schon? Es war in Ordnung. Er schloss die Augen, spürte, wie die Sonne den Stoff seines T-Shirts aufheizte. Da hörte er ein vertrautes Summen und senkte den Blick auf den Rasen vor sich. Eine Honigbiene landete auf einer Ansammlung von Löwenzahn und kroch über eine große, bauschige Kugel voller Blütenstaub. Bald gesellten sich weitere Bienen hinzu. Eine landete auf Jakes Brust und krabbelte darauf herum, weil sie möglicherweise sein orangefarbenes T-Shirt mit einer gigantischen Blüte verwechselte, dann kehrte sie zu dem Löwenzahn zurück.

»Hallo Ladys«, flüsterte Jake.

Mit dem Blick suchte er die Sandbank ab und sah Cheney, der auf Harry und Yogi zustürmte. Er legte Harry die Pfoten auf die Brust. Dann senkte der große Hund seine Nase auf den Boden und machte sich auf den Rückweg, über das Wasser und den breiten Rasenstreifen hinauf. Keuchend und lächelnd warf er sich Jake vor die Füße.

Er streichelte ihm den breiten Kopf. »Braver Junge, Cheney.«

Der Hund ließ den Kopf auf die Pfoten sinken und schlief ein.

Jake hörte das Rattern eines Skateboards und einen Jungen in der Vorpubertät, der einen Tarzanschrei ausstieß. Aber es machte ihn nicht traurig. Nahezu sorglos saß er mit Cheney an einem seiner alten Lieblingsplätze. Sonne, Wind, Honigbienen und ein schnarchender Hund. Er versuchte, das Gefühl zu benennen, und war überrascht über das Wort, das ihm einfiel. Er war glücklich. Ja, er war einfach damit zufrieden, an einem windigen Tag mitten in der Woche mit seinem Hund in der Sonne am Fluss zu sitzen. Es war genau richtig.

Er sah zu, wie die Bienen den Löwenzahn bearbeiteten, und seine Gedanken wanderten zu dem zurück, was er am Morgen über den Bienentanz gelesen hatte, diese seltsame Aneinanderreihung von Drehungen und wackelnden Bewegungen des Hinterteils, die die Sammlerinnen vollführten, um Lage und Qualität von Blütenstaubquellen zu verdeutlichen. Je besser die Quelle, desto enthusiastischer der Tanz. Die anderen Bienen machten ihn nach, bis sie ihn auswendig konnten und wussten, wie weit weg, in welchem Winkel zur Sonne, in welcher Richtung der Pollen sich befand und wie widerstandsfähig er war. Es war faszinierend.

Der Bienentanz ließ ihn an Wiggle Waggle denken, das Stück, das sein Jazzsextett in der elften Klasse bei einem Wettbewerb des Bundesstaats gespielt hatte. Er und Noah waren die Blechbläser, sie spielten die Riffs am Anfang und die kurzen Interpunktionen. An jenem Tag waren sie perfekt, spielten schwungvoll und auf den Punkt und landeten auf dem ersten Platz. Deutlicher als an den Preis selbst erinnerte er sich an die Art, wie er sich bei alldem gefühlt hatte, die Ventile unter seinen Fingern, der Druck des Mundstücks an seinen Lippen, die Regulierung der Ventile. Vor Kurzem hatte er die Trompete aus dem Koffer genommen und sie in Händen gehalten. Er hob sie an den Mund, war aber derart überwältigt, dass er nicht spielen konnte und sie gleich wieder weggelegt hatte. Nun empfand er ein tiefes Verlangen nach dem Instrument. Vielleicht würde er es hervorholen, wenn er wieder bei Alice war, und ein bisschen darauf herumspielen. Vielleicht konnte er einfach Tonleitern spielen. Er fragte sich, wie es den Bienen wohl gefallen würde, wenn er ihnen Wiggle Waggle vorspielte.

Jake nahm einen großen Schluck aus seiner Wasserflasche und suchte mit dem Blick die Sandbank ab. Er sah Harry und die Kids, die sich am nördlichen Ende des lang gestreckten Bogens um den großen pinkfarbenen Drachen herum versammelt hatten. Er hörte ein Mädchen lachen, und er schaute sich zu einer Gruppe von Teenagern um, die hinter ihm stand. Einige kannte er noch von der Schule. Es waren lauter Mädchen und nur ein Junge. Eins der Mädels war die kleine Schwester von Megan Shine. Wie hieß sie noch mal? Michelle? Sie war blond und hatte die gleiche Cheerleaderinnen-Figur wie ihre Schwester. Der Junge hielt einen Husky an der Leine. Michelle beugte sich vor, um den Hund zu streicheln, der in Jakes Richtung starrte. Schlagartig sprang Cheney auf, knurrte und stürzte auf ihn zu.

»Ach du Scheiße«, flüsterte Jake. Er löste die Bremse an seinem Rollstuhl und folgte ihm.

»Cheney!«, rief er. »Komm her, Kumpel!«

Nase an Nase standen die beiden Hunde da, bis sie einander steifbeinig und mit erhobener Rute zu umrunden begannen. Cheney duckte sich spielerisch weg und rannte in Richtung Wasser. Der Husky riss dem Jungen die Leine aus der Hand und raste Cheney hinterher. Der Junge folgte seiner Hündin. »Yuki, komm her! Yuki! Böser Hund!«, rief er.

Seufzend sah Jake die drei verschwinden. Er legte sich Cheneys Leine über die Schulter.

»Die kommen schon wieder«, sagte er ins Leere hinein.

Er spürte, dass ihn die Mädchen hinter ihren Sonnenbrillen anstarrten, und redete sich ein, es sei ihm völlig egal.

»Landon ist echt zum Totlachen«, sagte Michelle und kicherte. »Ich meine, Yuki läuft doch alle fünf Minuten weg.«

Jake fuhr zu seinem Platz auf dem Rasen zurück.

»Hey du! Äh … warst du nicht auch auf der HRV?«, fragte eine Stimme. Ein Mädchen mit kurzen schwarzen Haaren löste sich aus der Gruppe. Sie machte einen Schritt auf Jake zu und schob sich die Sonnenbrille auf den Kopf. Sie trug ein schwarzes T-Shirt, abgeschnittene Jeansshorts und rote Chuck Taylors. Ihre Haut war blass, und unter dem dunklen Haarschopf blitzte ein Paar sehr grüner Augen hervor.

»Ja. Abschlussjahr 2013«, sagte Jake.

Das Mädchen kam näher und schob die Hände in die Gesäßtaschen. Lässig stand sie mit überkreuzten Fußknöcheln vor ihm. Sie sah nicht wie eine Cheerleaderin aus, kein bisschen, und Jake konnte den Blick nicht von ihr lösen, von ihren schlaksigen Bugs-Bunny-Armen und den Beinen, ihren chaotischen Haaren und diesen grünen Augen.

»Ich glaube, ich habe in der Band vor dir gesessen, kann das sein? Ich habe Klarinette gespielt, aber an dich und deinen Freund erinnere ich mich noch. Das war dieser große Typ mit den Locken.«

»Katz. Noah Katz«, sagte Jake. »Ja, Schaffers Kurs.«

»Ihr habt damals ’ne Menge Mist gebaut, hm? Ich war an dem Tag im Kurs, als ihr Milch in Matt Swensons Tuba gegossen habt.«

Jakes Lächeln verblasste. Damals hatte er das lustig gefunden. Er wandte den Blick ab. »Hm, ja. Wir waren echt Idioten. Alberner Scheiß.«

Ihre Wangen wurden flammend rot. »Tut mir leid! Ich wollte nicht …«

»Mach dir keine Gedanken«, sagte Jake lächelnd. »Ich bin hier der Idiot, nicht du.«

Sie erwiderte sein Lächeln. Ihre Wangen waren noch immer rot, und die grünen Augen schienen dunkler zu werden. Er erinnerte sich undeutlich an sie. Sie war in der Neunten. Klarinette. Ja, genau. Damals hatte sie längere Haare gehabt.

Ein brauner Fleck blitzte zwischen ihnen auf. Cheney schüttelte sich und schleuderte Sand in die Luft, während sein Körper von den großen Ohren bis zum Hinterteil hin und her wackelte. Das Mädchen kreischte.

»Du Scheusal!«, rief Jake und hob die Hände. »Tut mir leid.«

Das Mädchen wischte sich lachend mit dem Arm übers Gesicht. »Macht nichts. Ich bin sowieso voller Sand. Der ist süß. Wie heißt er?«

Neben dem großen Hund ging sie auf die Knie. Der drehte sich auf den Rücken und bot ihr seinen sandigen Bauch dar.

»Cheney. Er ist total lieb«, sagte Jake.

Mit staksigen Schritten, weil der Husky heftig an der Leine zog, kam der Junge namens Landon auf den Rasen zurück. Winselnd sprang Cheney auf, und Jake packte ihn am Halsband.

Landon starrte Jake zornig an. »Hey Kumpel! Du weißt schon, dass hier Leinenzwang ist, oder?«

»Himmel, Landon«, murmelte eines der Mädchen.

»Cheney, sitz«, sagte Jake, und Cheney gehorchte. Mit einem Nicken deutete Jake auf den Husky. »Schöner Hund. Scheint so, als wollten die beiden Freunde werden.«

»Das hier ist ein reinrassiger Alaskan Husky«, fauchte Landon. »Sie wird erstklassige Schlittenhunde werfen und garantiert nicht von einem verdammten Straßenköter gedeckt werden.«

»Schon gut, Kumpel«, sagte Jake und hob erneut die Hände. »Komm mal ein bisschen runter.«

Ein lautes Zischen ertönte, als jemand die Luft aus einem Kite ließ. Yuki erschrak vor dem Geräusch und verschwand in Richtung Wasser, wobei sie ihre Leine hinter sich her zog. Lachend sahen die Mädchen zu, wie Landon seiner Hündin hinterherlief. Jake ließ Cheneys Halsband los und erlaubte ihm, die Verfolgung aufzunehmen.

»Ups«, sagte er, und das grünäugige Mädchen lachte.

»Hey, Amri«, rief eins der Mädchen. »Wir hauen ab. Sollen wir dich mitnehmen oder nicht?«

»Ja! Wartet auf mich!«, antwortete sie.

An Jake gewandt fuhr sie fort: »Also … ähm … hat mich gefreut, dich wiederzusehen. Du heißt Jake, richtig?«

Er nickte »Gutes Gedächtnis. Und du heißt Amri?«

»Kurzform von Amrita.« Sie verdrehte die Augen und fuhr sich mit einer Hand durch das kurze Haar. »Meine Eltern sind alte Hippies.«

Jake lehnte sich in seinem Stuhl zurück und lächelte sie an. »Der Name gefällt mir.«

Erneut röteten sich ihre Wangen.

»Amri! Jetzt komm!«, rief ihre Freundin.

»Okay. Dann bis demnächst.«

»Bis demnächst«, sagte Jake.

Sie rannte los, um die Mädchen einzuholen, winkte ihm über die Schulter zu und verschwand. Jake drehte sich wieder zum Wasser. Er sah die Bienen auf dem Löwenzahn. Er sah Cheney, der über den Rasen auf ihn zugerannt kam. Er sah Yogis pinkfarbenen Kite hoch oben über dem Wasser in der Luft. Und er dachte an Amris grüne Augen, die beim Lächeln dunkler wurden.