Wenn die Bienen sie [die Königin] nicht finden können, kehren sie hoffnungslos nach Hause zurück, und ihre kummervollen Töne enthüllen das tiefe Gewahrsein eines äußerst beklagenswerten Unglücks. Ihr Ton ist in solchen Zeiten, vor allem, wenn sie den Verlust soeben erst bemerkt haben, von eigentümlich schwermütiger Art. Er klingt gewissermaßen wie eine Reihe von Klagelauten in Moll.
Alice starrte Nancy an, als spräche sie Chinesisch. Hinter ihrer violetten Brille blinzelten die großen braunen Augen unter blauem Lidschatten und einer dicken Schicht Mascara. Trägt Nancy eigentlich seit der Highschool immer das gleiche Make-up?, fragte sich Alice.
Sie hatte ihrer Kollegin, die im Konferenzraum am anderen Ende des Tisches saß und plapperte, nur mit halbem Ohr zugehört, während sie Umschläge mit den Unterlagen für die Unkrautbekämpfungs-Aktion des Countys bestückten.
»Endlich weiß ich, wozu meine Ausbildung gut ist«, hatte Alice gescherzt, die verärgert war, weil diese Aufgabe ausgerechnet ihr zugefallen war.
Der Praktikant war mit einem Serverproblem beschäftigt, und Debi Jeffreys, die Büroleiterin, behauptete, auf ihrem kleinen Schreibtisch sei kein Platz für die Mailingaktion. Letztes Jahr hatte sie einen Antrag auf Entschädigung gestellt, weil die Aktenschränke ergonomisch nicht korrekt waren und sie Nackenschmerzen bekam. Seitdem lautete die unausgesprochene Regel: Was Debi wollte, das bekam sie auch.
Laut Rich Carlson, der für alle jährlichen Zuschüsse vom Bundesstaat verantwortlich war, musste das Mailing noch vor Mitternacht zur Post gebracht werden, damit die Unkrautaktion für eine Finanzierung in Betracht kam. Alice war zwar nicht weiter überrascht, dass Rich die Aktion mit detaillierten Anweisungen leitete, ohne ihnen zur Hand zu gehen, aber sie war sauer, weil er bis zur letzten Minute gewartet hatte.
»Teamwork! Nur deshalb läuft der Laden hier«, hatte er gesagt, und gleich darauf war mit dumpfem Aufprall ein großer Karton auf ihrem Schreibtisch gelandet.
Finster starrte Alice seinen Rücken an. Die Erinnerung an das Gespräch über ihre Pensionsvereinbarung war noch frisch.
»Nun, der gute alte Rich gehört wohl nicht zum Team«, feixte sie, grinste Nancy an und griff nach einem Stapel Flyer.
»Na ja, Alice, Mr Carlson hat heute bestimmt Wichtigeres zu tun.«
Alice schnaubte. »Aber sicher! In diesem Augenblick sitzt er garantiert in seinem Büro und erstellt eine farbcodierte Tabellenkalkulation seiner Tabellenkalkulationen«, sagte sie, aber Nancy lächelte nicht.
Mutmaßungen darüber, wie Rich seine Zeit füllte, ohne wirklich etwas zu tun, hatten sich zu einer Art Running Gag zwischen ihnen entwickelt. Er schwirrte im Büro herum und kontrollierte alle anderen, ohne selbst eine klar umrissene Funktion zu haben. Jeder wusste, dass er ein erstklassiges Gehalt bezog, das zudem eine jährliche Erhöhung von fünf Prozent und einen Jahresbonus beinhaltete. Alice hingegen hatte seit vier Jahren keine Gehaltserhöhung mehr bekommen.
»Tut mir leid«, hatte Bill bei ihrem jährlichen Mitarbeitergespräch im März gesagt, wobei er mit seinem großen Kopf gewackelt und die Stirn gerunzelt hatte. »Du weißt schon, die Rezession. Unser Budget ist eingefroren. Ich würde es ja tun, wenn ich könnte. Du bist für uns von unschätzbarem Wert.«
»… und du weißt nicht, unter welchem Druck unsere Führungskräfte womöglich stehen, Alice«, sagte Nancy gerade. »Sie erledigen viele Aufgaben, von denen wir nichts ahnen … wichtige Aufgaben.«
Alice starrte sie an. Meinte sie das ernst?
»Hey, Nance. Hallo? Bist das wirklich du?« Alice klopfte auf den Tisch. »Oder hat die Invasion der Körperfresser stattgefunden?«
Nancy presste die Lippen zusammen. Sie schob einen Flyer in einen Umschlag, dessen Klebefläche sie mit einem Schwamm anfeuchtete und beim Schließen glatt strich. »Ich finde nur, du könntest ein bisschen Respekt zeigen«, sagte sie mit ausdrucksloser Stimme.
Alice lehnte sich auf dem Stuhl zurück und fing an zu lachen. »Äh … findest du nicht, dass du dich ein bisschen zu sehr einschleimst?«
In diesem Augenblick platzte Rich mit einem weiteren Karton zur Tür herein.
»Danke, Ladys!«, trällerte er. »Ach, und macht um halb elf Pause. Wir brauchen den Raum für ein Meeting.«
»Was für ein Meeting?«, fragte Alice.
»Quartalsbesprechung für alle. Liest du deine E-Mails denn nicht?«, fragte er in oberlehrerhaftem Ton und wedelte mit dem Finger vor ihrem Gesicht herum.
Nancy hingegen schenkte er ein strahlendes Lächeln. »Ich bin mir sicher, dass Nancy die Nachricht zu dem Meeting gelesen hat.«
Alice sah, wie sich das Gesicht ihrer Kollegin zu einem mädchenhaften Lächeln verzog, als Rich den Raum verließ.
»Wow. Du bist echt eine erstklassige Arschkriecherin, Nance.«
Nancy errötete. »Du glaubst immer, du weißt alles«, fauchte sie. Ruckartig stand sie von ihrem Stuhl auf und ging hinaus.
Alice lehnte sich zurück und starrte auf einen braunen Fleck an der Decke. Er war geformt wie Florida und existierte bereits seit dem Tag, an dem sie vor beinahe zwanzig Jahren zum Vorstellungsgespräch erschienen war. Damals war sie ganz begeistert gewesen, weil man sie einstellen wollte. Aber jetzt war sie nur noch müde. Sie griff nach einem weiteren Flyer, und diesmal las sie ihn vor dem Zusammenfalten durch.
»›Hood River County – das jährliche Programm zur Unkrautbekämpfung!‹«, hieß es da, und der Text erläuterte die Gefährlichkeit wuchernden Unkrauts: Es erstickte Feuchtgebiete und einheimische Pflanzen und schädigte die Tierwelt. Die Karikatur einer verzweifelt aussehenden Wachtel hatte vor etwa sechs Jahren ein Sommerpraktikant gezeichnet. Seitdem benutzten sie diese Vorlage jedes Jahr.
Doch unten auf der Seite stand ein neuer Spruch: »SupraGro ist stolzer Sponsor des Hood River County Programms zur Unkrautbekämpfung«. Es verschlug ihr den Atem. Sie fotografierte die Seite und schickte sie an Stan.
»Lies den Satz ganz unten«, schrieb sie dazu.
Die Überprüfung von Alices toten Bienenvölkern durch den landwirtschaftlichen Beratungsdienst der Universität hatte unzweifelhaft eine Sättigung mit Chemikalien ergeben, die den von SupraGro verwendeten entsprachen. Aber das Unkrautbekämpfungsprogramm vergrößerte das Risiko noch einmal deutlich. Es ging weit über das Spritzen auf Plantagen hinaus, das an sich schon schlimm genug war. Das Projekt galt für den gesamten Bezirk, der sich über mehrere Hundert Quadratkilometer erstreckte, und es würde zu Beginn des Sommers anlaufen. Das hieß, dass man die Pestizide von SupraGro auf jede Straße, jeden Park, jede Schule, jedes leere Grundstück, jeden Abzugsgraben im ganzen County spritzen würde. Es würde vielleicht das Unkraut vernichten, aber genauso würde es Rotklee, Löwenzahn, Astern und Sonnenblumen vergiften. Die Abwässer würden aus den Gräben in die Bäche und kleinen Flüsse fließen, bis sie schließlich die gesamten Wasservorräte der Columbia River Gorge vergifteten.
Nach und nach trudelten die Leute zu dem Meeting ein.
Alices Handy vibrierte. Stan hatte zurückgeschrieben: »Jetzt haben wir sie! Reichen gemeinsam mit Riverkeeper Portland Klage ein. Ich halte dich auf dem Laufenden. Danke!«
Na also, immerhin etwas. Die Enge in ihrer Brust ließ nach, und sie spürte, dass so etwas wie Hoffnung in ihr aufkeimte.
Endlich kam Bill in den Raum gepoltert. Er zog seine Hose hoch und zupfte an seinem Poloshirt, ehe er sich auf einem Stuhl niederließ. Hinter ihm schlüpfte Nancy herein und nahm weit vorne Platz. Bill räusperte sich.
»Ich danke Ihnen allen, dass Sie sich trotz voller Terminkalender die Zeit für dieses Meeting nehmen. Es wird nicht lange dauern. Nur ein oder zwei Punkte in diesem Quartal.«
Er setzte seine Lesebrille auf.
»Erstens möchte ich Sie daran erinnern, dass der neue Plan zur Verbesserung der Gesundheit unserer Angestellten ab 1. Juni gilt. Sie werden dazu also bald per E-Mail Näheres erfahren. Es entstehen keine zusätzlichen Kosten, aber der Plan beinhaltet neue Angebote wie zum Beispiel Raucherentwöhnung, Ernährungsberatung und Tipps zur Herzgesundheit.«
Bill betete die E-Mail-Adresse und Telefonnummer eines Kundendienstes herunter für den Fall, dass jemand Fragen zum Gesundheitsprogramm hatte. Dann schob er das Dokument von sich und lehnte sich zurück. Sein Stuhl quietschte, und er lachte leise, als er unter buschigen Augenbrauen hervor in den Raum schaute.
»Die zweite Ankündigung wird hier kaum jemanden überraschen«, fuhr er fort. »Wie Sie wissen, arbeite ich seit beinahe fünfunddreißig Jahren beim County. Ich habe seine Entwicklung begleitet und war sehr stolz darauf, mein Team zu leiten und Hood Rivers Zukunft zu gestalten. Aus einer unbekannten kleinen Obstbauernstadt ist ein Ziel für den internationalen Tourismus und die Technologiebranche geworden! Darauf bin ich stolz. Ich bin stolz auf euch, Leute.«
Mit seinen grobschlächtigen Händen gestikulierte er in den Raum hinein, ehe er sie auf der Tischplatte zu Fäusten ballte. Es folgte verhaltener Applaus.
»Vielen Dank«, sagte er. »Aber all das habt ihr zustande gebracht, und zwar mit harter Arbeit. Ich habe das Schiff nur gesteuert.« Er legte eine Kunstpause ein. »Und dennoch … alles Gute geht einmal zu Ende.«
Alices Herz raste. War’s das jetzt? Sie konnte nicht glauben, dass es tatsächlich passierte. Warum hatte er sie nicht vorgewarnt? War ihr eine E-Mail entgangen?
»Meine Frau wünscht sich schon lange, dass ich in den Ruhestand gehe, und nun ist die Zeit gekommen. Am Ende des Monats werde ich das County offiziell verlassen, das heißt, zum Ende unseres Haushaltsjahrs.«
Alice setzte sich kerzengerade hin, und nun applaudierten alle.
»Danke! Vielen Dank euch allen!«, sagte Bill. »Wirklich. Ihr seid zu freundlich. Also, jede Veränderung braucht Zeit. Und ich möchte euch mitteilen, dass ihr auch in Zukunft in guten Händen sein werdet.«
Er blickte zu Alice und dann wieder weg.
Sie errötete. Ihr Atem ging schneller. Es war lange absehbar gewesen, so viel stand fest. Sie hatte jahrelang Zeit gehabt, darüber nachzudenken, wie sie die Abteilung leiten würde, sobald sie dafür verantwortlich war. Aber vorläufig würde sie sich darauf beschränken, freundlich zu sein und sich zu bedanken.
»… eine Führung, die Sie durch die kommenden Jahre bringen und Hood River in die richtige Richtung lenken wird«, sagte Bill gerade.
Debi Jeffreys stupste sie an, andere begannen zu flüstern.
»Ich werde sie nach Kräften vorbereiten, damit sie ihren Platz einnehmen kann. Aber ich weiß, dass es ein Leichtes für sie sein wird, an meine Stelle zu treten. Es ist mir eine große Freude, Ihnen Ihre neue kommissarische Leitung vorzustellen – Nancy Gates!«
Bill schlug die großen Hände zusammen und strahlte Nancy an. Nach kurzem Zögern stimmten andere mit ein, blickten aber erst Alice und dann Nancy an. Die kicherte und winkte zurückhaltend. Alice rang nach Luft. In ihren Ohren klingelte es.
»Unglaublich«, murmelte Debi. »Alice, das tut mir so leid.«
Bill packte seine Sachen zusammen.
»… sollt wissen, dass ich in diesem Übergangsmonat im Büro sein und gern alle Fragen beantworten werde. Meine Tür steht immer offen!«
Er stieß sich vom Tisch ab und richtete sich zu voller Größe auf. Noch mehr Applaus. Vor ihrem inneren Auge sah Alice, wie Nancy aus Bills Büro kam. Sie sah außerdem, was sie sich nicht hatte eingestehen wollen: Bills Hand auf Nancys Hintern. Der Tag des SupraGro-Meetings, an dem die beiden verschwunden waren, war nicht der erste Tag, an dem Alice weder sie noch ihn hatte finden können.
Sie wartete, bis alle gegangen waren. Jim Murphy zuckte mit den Schultern und blickte sie im Hinausgehen kopfschüttelnd an. Andere sahen aus, als wollten sie etwas zu ihr sagen, taten es aber nicht. Als der Raum leer war, stand sie auf und ging an ihren Schreibtisch zurück. Nancy saß mit gestrafften Schultern am Rechner, den Blick auf den Monitor gerichtet.
»Mr Carlson erwartet dich in seinem Büro, Alice«, sagte sie, ohne aufzublicken.
Alice schenkte ihr keine Beachtung und klopfte an Bills Tür.
»Mr Chenowith ist heute früher in die Mittagspause gegangen«, sagte Nancy, deren Mund eine schmale Linie war. »Du kannst mir eine Nachricht für ihn hinterlassen, wenn du willst.«
Alice sah ihr ins Gesicht, und unter ihrem Blick schmolz Nancys Wichtigtuerei dahin. Das eigentlich Überraschende war nicht ihr Betrug, wurde Alice auf einmal klar, sondern die Tatsache, dass sie ihn nicht hatte kommen sehen. Auf der Highschool hatte Nancy bei den Spanischklausuren bei ihr abgeschrieben. Sie hatte Alice die Arbeit aufgebürdet, als Bill immer weniger tat. Sie kam oft zu spät, ging meistens früh und lief stundenlang mit einer Tasse Kaffee durch die Abteilung, wo sie sich Klatsch und Tratsch erzählen und ihr klingendes Lachen hören ließ. Gegen jeden hatte sie etwas in der Hand. Nancy hatte Dreck gesammelt wie einen Schatz und ihn für später gehortet. Alice schüttelte den Kopf. Auf einmal fügten sich die Puzzleteile ineinander.
»Du passt perfekt zu ihm, Nance«, sagte sie.
Nancys Gesicht bebte, als sie ein unsicheres Lächeln zustande brachte. »Danke, Alice. Ich weiß, du bist enttäuscht …«
»Nein, du bist perfekt für ihn. Du bist eine Arschkriecherin und ein Faulpelz«, sagte sie, griff nach ihrer Tasche und machte sich auf den Weg zum Ausgang. An der Empfangstheke bedachte Debi sie mit einem warnenden Blick und sagte: »Carlson sucht dich.«
Alice ging weiter auf den Ausgang zu. Den Teufel würde sie tun und in diesem Augenblick mit Rich Carlson sprechen.
Wie auf ein Stichwort schaute er zu seiner Bürotür heraus und lächelte sie an. Der gelbe Zahn lugte unter seiner dünnen Oberlippe hervor.
»Genau dich habe ich gesucht! Bitte, komm doch rein.«
Seufzend betrat sie sein Büro und schauderte, als er die Tür hinter ihr schloss.
»Setz dich. Bitte.«
Er zupfte an seiner Anzugjacke, rutschte mit dem Stuhl etwas vor und stützte die Ellbogen auf den Schreibtisch.
»Also, Alice. Bills Ansage heute hat dich sicher überrascht. Vielleicht auch ein bisschen enttäuscht, hm?« Er setzte eine bekümmerte Miene auf, so als wäre Alice ein Kind, dem gerade das Eis heruntergefallen war.
»Na ja, es hat keinen Sinn, sich noch länger damit aufzuhalten. Wenn die Zeit reif ist, bist auch du an der Reihe. Bill hat seine Wahl getroffen, und ich bin mir sicher, dass Nancy hervorragende Arbeit leisten wird, vor allem mit dir an Bord. Sicher wirst du sie so effektiv unterstützen, wie du Bill unterstützt hast.«
Alice schwieg. Sie betrachtete Rich wie aus weiter Ferne.
Nun schlug er auf seinem Schreibtisch eine Aktenmappe auf. »Also, es ist kein Geheimnis, dass Bill auch deine Bewerbung in Betracht gezogen hat.«
Alice schwieg.
»Und wir schätzen deine Arbeit sehr. Darum würden wir dir gern eine Beförderung anbieten! Ich habe hier einen neuen Vertrag, der Anfang nächsten Monats in Kraft tritt. Wir ernennen dich zur Personalchefin der Planungsabteilung, und das bedeutet eine Gehaltserhöhung um fünfzehn Prozent! Nicht zu verachten, oder?«
Er schob ihr das Dokument über den Schreibtisch zu, aber Alice würdigte es keines Blicks.
»Personalchefin? Wessen Chefin wäre ich denn? Wer wird Nancy ersetzen?«
Bei dem Versuch, zu lächeln, schnitt Rich eine Grimasse. Er rieb sich die mageren Hände, und das Geräusch der trockenen Haut ließ Alice zusammenzucken.
»Nun, wir werden die Stelle nicht sofort wieder besetzen. Die Umstrukturierung, durch die das zusätzliche Geld für deine Beförderung frei wird, lässt das nicht zu.«
»Verstehe. Ihr wollt also, dass ich für fünfzehn Prozent mehr meinen und dazu noch Nancys Job mache? Ist das richtig?«
Irritiert lehnte sich Rich in seinem Stuhl zurück. »So wie du es betrachtest, ist das Glas halb leer, Alice. Denk doch mal an die Chance, als Führungskraft zu arbeiten.«
Alice lachte. »Wen soll ich denn führen? Mich selbst? Das tue ich bereits, Richard.«
Rich mochte es nicht, ausgelacht zu werden. Er mochte es auch nicht, Richard genannt zu werden, und Alice wusste das. Irgendwann hatte er ihr erzählt, dass ihn nur seine Mutter so nannte. Erneut beugte er sich vor und richtete seine wachsamen Augen auf sie.
»Hör zu, Alice. Offen gesagt bist du in letzter Zeit nicht gerade ein Teamplayer.«
Er öffnete eine weitere Aktenmappe und wedelte über dem Schreibtisch damit herum. Alice sah den Zeitungsartikel und das Foto von ihr und Stan. Sie sah E-Mails von Nancy. Ein flüchtiger Blick ergab außerdem, dass sie Alices Witze und Bemerkungen über den Abteilungsleiter und andere Mitarbeiter der Verwaltung dokumentiert hatte.
Rich lehnte sich wieder zurück, lächelte selbstgefällig und legte die Fingerspitzen aneinander.
»Du kannst dir sicher vorstellen, wie die Sache aus unserer Perspektive aussieht«, sagte er leise. »Es ist wirklich in deinem ureigenen Interesse, mitzuspielen, Alice. Ob es dir gefällt oder nicht, du wirst mit Nancy zusammenarbeiten müssen. Und mit Bill auch.«
»Was soll das heißen?«, fragte sie. »Bill geht in Rente.«
Rich schüttelte den Kopf und presste die Lippen aufeinander. »Bill zieht sich aus der Arbeit beim County zurück«, sagte er. »Er wird als externer Berater für uns tätig sein. Für SupraGro.«
Alice starrte auf Richs Geheimratsecken und seine blanke Kopfhaut. Schuppen bedeckten das dunkle Polyester auf seinen Schultern. Sie sah an ihm vorbei, zum Fenster hinaus und auf das Wasser. Sie erinnerte sich an den Tag in der vierten Klasse, an dem sie erzählt hatte, sie wolle Farmerin werden. Die Klasse hatte sie ausgelacht. Als Alice in der sechsten Klasse war, heiratete Miss Tooksbury und zog nach Portland. Sie würde ihrer Lehrerin gern sagen, dass sie sich geirrt hatte – man konnte tatsächlich nicht alles werden, was man werden wollte. Dafür war das Leben viel zu kompliziert. Aber mit ebenso großer Sicherheit wusste sie inzwischen, dass man auch nicht einfach werden konnte, was andere von einem verlangten.
Sie schob den Vertrag wieder zu Rich.
»Nein, danke«, sagte sie, stand auf und schob sich die Tasche über die Schulter.
Er wirkte verärgert. »Komm schon, Alice. Das ist ein fantastisches Angebot! Wir wissen doch beide, dass für dich nicht mehr drin ist.«
»Das stimmt«, sagte Alice. »Da hast du recht.«
»Na siehst du. Bringen wir es hinter uns, ja?« Er hielt ihr einen Stift hin.
»Ja, bringen wir es hinter uns«, sagte sie. »Ich kündige.«
Ausnahmsweise einmal war Rich Carlson sprachlos. Alice ließ seine Tür offen stehen und ging aus dem Gebäude des Hood River Countys hinaus in den sonnigen Maitag.
Alice Holtzman hatte noch nie etwas aufgegeben. Sie war verlässlich, beständig und loyal. Die fähige Alice. Aber jetzt ging sie, einfach so. Sie spürte einen Anflug von Freude, als sie die Oak Street hinunterlief. Sie kam an dem John-Deere-Shop vorbei, in dem sie Buddy kennengelernt hatte. Sie passierte die Bank, zu der ihr Vater mit ihr gefahren war, um ein Girokonto für sie zu eröffnen, als sie ihren ersten Job antrat. Da war die Leihbücherei und auf der anderen Straßenseite der Waucoma Bookstore. Seit vierundvierzig Jahren war Hood River ihr Zuhause. Sie war diesem Ort etwas schuldig.
Als sie die Büroräume des Wasserschutzverbandes betrat, sah sie offenbar so erwartungsvoll aus, dass die Rezeptionistin sie für eine Teilnehmerin des Meetings hielt und sie in den Konferenzraum führte.
Stan stand vor einem Whiteboard und gestikulierte, einen Textmarker in der Hand.
»… werden heute Nachmittag Unterlassungsklage einreichen«, sagte er in diesem Augenblick zu einer etwa zehnköpfigen Gruppe. Als er Alice erblickte, verstummte er und lächelte.
»Entschuldigt mich einen Moment«, sagte er zu den Anwesenden und ging durch den Raum auf sie zu.
»Hi!« Als er bei ihr angekommen war, verblasste sein Lächeln, und er runzelte die Stirn. »Alles okay?«
»Ja. Ich wollte nur kurz vorbeischauen und sehen, ob ich irgendwie helfen kann.«
Stans Miene entspannte sich wieder. »Dieser letzte Teil war wirklich entscheidend. Wir haben die Flusspaten von Riverkeeper Portland hier, den Verband der Bioerzeuger und die Leute von der Freiluftschule.«
An die Gruppe gewandt, fuhr er fort: »Leute, das hier ist Alice Holtzman von der Planungsabteilung des Countys. Ich glaube, die meisten von euch kennen sie schon, oder?«
Alice nickte den um den Tisch herum versammelten Männern und Frauen zu.
»Ich möchte wirklich nicht weiter stören, aber wenn ich euch irgendwie helfen kann, lasst es mich bitte wissen, ja?« Sie blickte Stan an, dann machte sie Anstalten, wieder auf die Tür zuzusteuern.
»Tatsächlich haben wir uns gerade eine Karte des Tals angesehen«, sagte er. »Du kennst doch die meisten Obstbauern, nicht wahr?«
Sie nickte und näherte sich zögerlich der Karte.
»Wir versuchen herauszufinden, wo sie mit dem Spritzen anfangen werden. Wir wissen, dass das County einen Zeitplan erstellt hat und dass dieser Plan die Windverhältnisse berücksichtigt. Hast du eine Ahnung, was sie beschließen werden?«
Alice nickte. Die Genehmigungen waren über ihre Abteilung gelaufen.
»Kleinere Betriebe übernehmen das Spritzen selbst und können jederzeit nach dem 15. April damit anfangen«, sagte sie, wobei sie an Doug Ransom denken musste. »Aber die größeren Obsterzeuger müssen beim County eine Genehmigung beantragen und ihren Wunschtermin nennen. Wir erstellen dann einen Zeitplan, der auf der Windvorhersage beruht.«
Die Leute nickten und murmelten.
»Mit wem fangen sie normalerweise an?«, fragte Stan.
»Das ändert sich von Jahr zu Jahr.« Alice nahm ihre Tasche von der Schulter. »Sehen wir doch einfach mal nach«, sagte sie, während sie ihren Laptop herausholte. Sie loggte sich ins System ein und klickte sich durch bis zum Terminkalender für die Spritzungen. Da war er, fein säuberlich farbcodiert und nach Anbaufläche sortiert. Da der Kalender zu Nancys wenigen Aufgaben gehörte, bereitete es Alice besonderes Vergnügen, die Datei an eine E-Mail anzuhängen und sie an sich selbst zu schicken. Stan setzte sie cc.
»Da steht alles drin«, sagte sie, während sie sich wieder ausloggte. »Daten, Uhrzeiten und Adressen.«
Stan öffnete die Datei auf seinem Rechner, und die Leute, die neben ihm saßen, beugten sich darüber.
»Morgen in zwei Wochen geht es los«, sagte er. »Und zwar mit Randy Osakas Plantage in Odell. Das ist eine der größten.«
Triumphierend blickte er auf. »Bis dahin könnten wir bereit sein, oder?«
Die Gruppe nickte unter zustimmendem Gemurmel.
»Okay, lasst uns loslegen«, sagte er. »Fangen wir mit der Liste der wichtigsten Aufgaben an. Rechtliches, gemeinnützige Initiativen und Medien.«
Alice stand auf und hängte sich die Laptop-Tasche über die Schulter. »Dann will ich euch nicht länger aufhalten«, sagte sie, bereits zum Gehen gewandt.
»Musst du zurück ins Büro?«, fragte Stan, der sie zur Tür begleitete.
»Nein. Tatsächlich habe ich gerade gekündigt«, sagte sie lachend.
»Wow! Das klingt nach einer spannenden Story.« Er legte den Kopf schief. »Bist du glücklich damit?«
»Ich war noch nie glücklicher«, versetzte Alice.
»Nun, dann kannst du ja noch hierbleiben. Wir können deine Hilfe gut gebrauchen.«
Sie blieb mit dem größten Vergnügen. Als Erstes erstellte sie eine Liste der Obstbauern, die sie kannte, geordnet nach der Wahrscheinlichkeit, mit der sie für die Botschaft der Gruppe empfänglich sein würden. Das Ziel bestand darin, das County zur Kündigung des SupraGro-Vertrags zu zwingen und zu einem der zahlreichen weniger toxischen Pflanzenschutzmittel zurückzukehren, die von dem lokalen Bündnis befürwortet wurden, das aus dem Wasserschutzverband von Hood River, Riverkeeper Portland, der Freiluftschule, dem Verband der Bioerzeuger und einer langen Liste von Einwohnern einschließlich Ärzten und Krankenschwestern aus dem ganzen Tal bestand. Alice erzählte ihnen von der Petition des Imkervereins. Vermutlich würde sie ihre Kollegen überreden können, sich dem Kampf anzuschließen.
Stan fragte, ob sie willens wäre, auf einige Obstbauern zuzugehen. Alice erklärte sich bereit, denn sie kannte mindestens drei, die außerdem auch Imker und bei dem Treffen gewesen waren, bei dem sie gesprochen hatte. Sie war sich sicher, dass sie ihr zuhören würden. Bei anderen würde es schwieriger werden, aber sie konnte gleich morgen anfangen, bei den Leuten vorbeizuschauen und persönlich mit ihnen zu sprechen. Wenn nötig, würde sie die Erinnerung an ihren großzügigen Vater wachrufen, den alle sehr gemocht hatten.
Alice betrachtete Stan und die anderen Anwesenden, die zusammenarbeiteten, um diesen schönen Ort zu beschützen, den sie ihr Zuhause nannten. Sie dachte an ihr kleines Haus in der Talsenke, wo Jake und Harry auf sie warteten. Sie waren ihre … Ja, was waren die beiden eigentlich? »Angestellte« war nicht das richtige Wort. Jake hatte sich als ihr Lehrling bezeichnet. Freunde, beschloss sie. Sie waren ihre Freunde. Ihre lustigen, tollpatschigen, inspirierenden jungen Freunde. Wenn die Zugbrücke hinuntergelassen war, konnte Alice Island offenbar ein paar Stammgäste aufnehmen. Sie dachte an die beiden, während sie nach Süden fuhr, auf den Berg zu, in Richtung Talsenke, zu den Bienen und nach Hause.