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SCHWARMALARM

Aus diesen Überlegungen geht hervor, dass das Schwärmen keineswegs das erzwungene oder unnatürliche Ereignis ist, das sich manch einer darunter vorstellt, sondern eines, auf das in einem Naturstaat unmöglich verzichtet werden kann.

L. L. LANGSTROTH

 

Harry Stokes war wie ausgewechselt. Am abendlichen Esstisch beobachtete Alice, wie seine übliche Zurückhaltung und das Stottern verschwanden, als er sie zu seiner neu entdeckten Religion, dem Kitesurfen, zu bekehren versuchte. War er normalerweise als Erster mit dem Essen fertig – über den Teller gebeugt schaufelnd und den Nachschlag schon im Blick –, ließ er sein Abendessen nun kalt werden, weil er auf einer Serviette die Physik des Kitesurfens skizzierte. Er erklärte das Windfenster, den Aufbau des Kites, die Kraft der Leinen und das Gleiten des Boards auf dem Wasser. All das, erkannte sie, grenzte in Harrys Augen an Magie.

Alice beobachtete ihn amüsiert. Sie sah, dass dieser sonst so tollpatschige junge Mann an diesem ungewöhnlichen Ort so etwas wie Selbstvertrauen gefunden hatte. Jake lächelte ihn kopfschüttelnd an. Harry war genauso überrascht wie sie beide. Er berichtete, wie ihm die Hände gezittert hatten, als er sich von Jake entfernte und Yogi hinaus auf die Sandbank folgte.

»O Mann, ich dachte echt, ich muss gleich kotzen!«

Jake schlug lachend mit der Faust auf den Tisch. Als Alice die Stirn runzelte, zog Harry den Kopf ein.

»Tut mir leid, Alice! Aber echt, Mann, ich wollte mich vor diesen Kindern auf keinen Fall lächerlich machen. Yogi hat gesagt, er zeigt mir, wie ich gegen den Wind surfen kann, und er gibt mir noch zwei weitere Stunden«, schwärmte er freudestrahlend. »Er meint, ich lerne schnell.«

Alice, die das Kitesurfing-Fieber in den letzten Jahren immer weiter hatte steigen sehen, erwiderte: »Also, ich finde das ja völlig verrückt. Verheddert ihr euch da draußen nicht ineinander? Das Ganze sieht total chaotisch aus.«

Harry grinste. »Ja, irgendwie ist es das auch. Aber eigentlich musst du nur deine Leine festhalten. Und die Leute sind echt cool, sie machen den Anfängern einfach Platz. Alle sind total großzügig.«

Alice fiel auf, dass sie nie zuvor so viele Worte auf einmal aus Harrys Mund hatte purzeln hören.

»Ich will deine Begeisterung nicht dämpfen, Harry. Ich will nur nicht deine Mom anrufen müssen, wenn du dir ein Bein gebrochen hast.«

Harrys Lächeln erstarb.

»Hey! Das war nur ein Witz. Ich bin nicht die Spaßpolizei.«

»Nein, ich weiß. Es ist nur … Ich habe sie schon länger nicht mehr angerufen«, sagte Harry schulterzuckend. »Und letzte Woche habe ich ihren Geburtstag verpasst. Darum habe ich ein schlechtes Gewissen, aber ich besitze noch kein Handy, und Telefonzellen gibt es im Tal nicht.«

Alice seufzte genervt und schob mit einem kratzenden Geräusch ihren Stuhl vom Tisch zurück. Sie griff über die Küchentheke und legte das schnurlose Telefon vor Harry ab.

»Rufen Sie Ihre Mutter an, Mr Stokes. Jederzeit. Betrachten Sie es als Zusatzleistung für Arbeitnehmer. Das Ding funktioniert auch draußen in der Scheune.«

Sie nahm ihren Teller und das Besteck, stand auf und blickte auf Jake hinunter. »Vielleicht möchtest du auch mal deine Mutter anrufen, Jake.«

Sie stellte ihr Geschirr in die Spüle. »Danke für das Abendessen, Jungs. Ich muss noch etwas arbeiten, also entschuldigt mich bitte.«

Im Schlafzimmer zog sich Alice die Schuhe aus und legte sich aufs Bett. Sie spürte die Anspannung des Tages in den Schultern, und in ihrem Kopf pochte es.

Sie hatte Jake und Harry nichts von ihrer Kündigung erzählt. Es war nicht der richtige Zeitpunkt. Harry war wegen des Kitesurfens ganz aus dem Häuschen, und beide waren aufgeregt wegen der Bienenstöcke, vor allem Jake, der das Umsetzen beinahe ganz allein erledigt hatte. Sie konnte sehen, wie viel ihm das bedeutete. Und Harry war stolz, weil er herausgefunden hatte, wie man die Bruträume umdrehen konnte.

Sie waren ihr ans Herz gewachsen, die beiden. Aber die Erweiterung der Bienenstöcke, ihr Plan, einen Obstgarten anzulegen … all das erschien ihr in diesem Augenblick unmöglich. Erst einmal musste sie einen neuen Job finden, was in einer Stadt dieser Größe kein leichtes Unterfangen sein würde. Sie bereute nicht, dass sie aus Rich Carlsons Büro gelaufen war. Kein bisschen. Aber der Job beim County war eine Brücke zu ihren Träumen gewesen. Nachdem sie die nun gesprengt hatte, musste sie eine neue bauen. Sie konnte es sich nicht leisten, Harry weiterhin zu beschäftigen, was sehr schade war. Vielleicht konnte sie wenigstens Jake noch eine Weile bleiben lassen.

Alice setzte sich auf, öffnete ihren Laptop und versuchte, sich ins System des Countys einzuloggen. Der Zugriff wurde ihr verweigert, und sie lächelte grimmig. Rich hatte also doch noch den technischen Support gerufen. Wenigstens war ihr genug Zeit geblieben, sich einzuloggen und für Stans Gruppe den Plan mit den Spritzterminen herunterzuladen.

Sie blickte auf die Liste der Farmen, die zu besuchen sie versprochen hatte, und teilte sich die Adressen für die nächsten vierzehn Tage ein. Es war eine Menge Arbeit. Aber sie war bereit. Und wie. Beim Gedanken an Bill, an Nancy, an Rich begann ihr Gesicht zu brennen.

Sie scrollte sich durch den Datenpool, den sie nach dem Treffen im Büro des Wasserschutzverbandes auf überraschende Weise erhalten hatte.

Stan hatte sie nach draußen begleitet. Sie standen auf dem Gehweg in der Frühlingssonne. Er verschränkte die Hände auf dem Rücken und lächelte sie an. Erneut fiel ihr auf, dass er schöne Augen hatte.

»Wir wissen deine Hilfe sehr zu schätzen, Alice. Jetzt haben wir ein wirklich starkes Argument. Diese Info vom County war eine riesige Hilfe. Riesig! Das Programm zur Unkrautbekämpfung zusätzlich zum Netzwerk der Obstbauern ist eine doppelte Katastrophe. Parks, Schulen, öffentliche Straßen. Jetzt werden uns sämtliche Eltern in dieser Stadt zuhören. Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken soll.«

Alice schob sich die Laptop-Tasche höher auf die Schulter. »Gib mir bei pFriem ein Bier aus, wenn die ganze Sache vorbei ist, okay?«

»Sehr gern«, sagte er lächelnd.

Als sie fortging, spürte sie, dass sie glücklich war, so glücklich wie seit Monaten nicht mehr. Die Kündigung schenkte ihr ein Gefühl von Freiheit, Verwegenheit und Begeisterung. Sie hatte ihre Pension und ihre Referenzen in den Sand gesetzt, indem sie aus diesem Büro spaziert war. Na und? Darüber konnte sie sich später Gedanken machen. Sie war immer so vorsichtig gewesen, so zuverlässig, eine solche Arbeitsbiene. Und wohin hatte sie das gebracht? Dieses eine Mal würde sie einfach den Moment genießen.

Alice ging auf den Parkplatz der Verwaltung zu und hoffte, keinem ihrer Kollegen zu begegnen. Es war kurz vor vierzehn Uhr, und der Platz war noch voll. Rasch steuerte sie auf ihren blauen Pick-up zu, öffnete die Fahrertür und warf ihre Tasche auf den Beifahrersitz.

Als sie einsteigen wollte, spürte sie eine Hand am Ellbogen. Das Blut rauschte ihr in den Ohren, und sie fuhr herum, um Rich Carlson und der Gehässigkeit entgegenzutreten, mit der er sie diesmal überschütten würde. Aber es war nicht Rich. Es war der Praktikant, der junge Student mit dem karottenroten Haar von der Oregon State University. Mit erhobenen Händen machte er einen Satz rückwärts.

»Oh! Es tut m…mir leid, Mrs Holtzman! Ich wollte Sie nicht erschrecken«, stammelte er errötend.

»Himmel, Casey!«, sagte Alice, stützte die Hände auf die Knie, senkte den Kopf und atmete tief durch. »Beinahe hätte ich einen Herzinfarkt bekommen.«

»Tut mir leid! Tut mir echt leid! Ich … ich habe nur … also, ich habe auf Sie gewartet. Ich weiß, dass Sie heute gekündigt haben. Alle reden darüber. Alle wissen Bescheid. Und wir sind auf Ihrer Seite. Ich meine, sie haben Nancy den Job gegeben, der Ihnen zusteht und so …«

Alice hob den Kopf und musterte Casey mit versteinerter Miene. Erneut errötete er.

»Ich weiß, es geht mich nichts an. Es ist nur … ich … Sie waren immer so nett zu mir …«

Alice winkte ab. »Nein, ist schon gut. Es war einfach ein harter Tag. Also, was kann ich für dich tun? Willst du, dass ich deine Papiere unterschreibe? Das muss Nancy jetzt machen, sie hat ja kommissarisch die Leitung übernommen. Du weißt sicher, wo du die gute alte Nance findest.«

Casey zuckte zusammen. »Nein, ich brauche nichts. Ich wollte nur … ich wollte Sie warnen.«

Alice musterte ihn stirnrunzelnd. »Mich warnen? Wie meinst du das?«

Casey atmete tief durch, dann sprach er hastig weiter: »Ich habe zufällig gehört, wie Mr Carlson im Serverraum über Sie gesprochen hat.« Er blickte auf das Pflaster des Parkplatzes. »Ich habe nicht gelauscht oder so. Ich habe hinten an den Servern gearbeitet, und er kam herein und hat mich nicht gesehen. Als ich hörte, was er sagte, hielt ich es für besser, mich ruhig zu verhalten, bis er wieder weg war.«

Ihr Magen krampfte sich zusammen. Sie blinzelte und sah erneut Rich vor sich, wie er sie über den Schreibtisch hinweg stirnrunzelnd musterte.

»Erzähl es mir.«

»Er sagte, Sie seien eine …« Der junge Mann errötete erneut. »Er hat zu jemandem gesagt, dass Ihre Kündigung ein persönlicher Affront ist und dass sie es Ihnen heimzahlen werden. Er sagte, er wisse, was Ihnen wirklich an die Nieren gehen würde. Ich habe keine Ahnung, was er damit meinte, aber ich dachte mir, Sie wissen es bestimmt. Es ging um Evangelina Ryan.«

Bei der Erwähnung dieses Namens wurde Alice so kalt, als hätte sie jemand mit Eiswasser übergossen. Evangelina. Sehr still stand sie da, während Casey ihr alles erzählte, was der widerwärtige Rich über Buds liebe Schwägerin Evangelina gesagt hatte.

»Danke, Casey. Ich bin dir für diese Informationen sehr dankbar. Aber ich werde dir nicht erklären, warum, denn ich glaube, es ist besser, wenn du die Details nicht kennst.«

Er nickte.

»Da wäre noch etwas.« Casey hielt einen kleinen schwarzen Gegenstand zwischen den sommersprossigen Fingern. Es war ein USB-Stick.

»Hierauf befinden sich sämtliche Dokumente zur Vereinbarung des Countys mit SupraGro. Ich musste die Daten heute von Mr Chenowiths Computer auf Nancys überspielen, und … na ja … ich habe alles kopiert. Ich habe Ihr Bild mit den Leuten vom Wasserschutzverband in der Zeitung gesehen, und da dachte ich mir … na ja, ich weiß nicht … vielleicht sollte sich das mal jemand ansehen.«

Alice lachte leise. »Na so was! Hood Rivers Edward Snowden!«

Mit finsterer Miene fuhr sie fort: »Danke, Casey. Sollte jemand herausfinden, dass ich die Daten habe, behaupte ich einfach, ich hätte sie selbst kopiert. Ich bin dir etwas schuldig, mein Junge.«

Casey nickte und verschwand im Gebäude.

»In der Planungsabteilung des Hood River Countys wird es einfach niemals langweilig«, murmelte Alice, als sie in ihren Pick-up stieg.

Nun saß sie in ihrem Zimmer, überflog den Inhalt des digitalen Ordners und notierte sich, welche Dokumente für Stans Gruppe von Nutzen sein könnten. Mit Sicherheit die Einzelheiten des SupraGro-Vertrags und die Autoren der sogenannten wissenschaftlichen Studie. Sie mussten einen hübschen Batzen Geld für die verfälschten Daten gezahlt haben, die darin ausgewiesen wurden. Dann waren da noch die Details von Bills Rentenpaket, siebenstellig, und sein jährliches Beratungshonorar, das höher war als alles, was Alice in den letzten fünf Jahren verdient hatte. Himmel! Sie dachte an Bills ewige Nörgelei wegen des knappen Budgets. Sie klappte den Laptop zu. Morgen würde sie die ersten Gespräche mit den Obstbauern führen, und anfangen würde sie mit ihrem Nachbarn, Doug Ransom. Der gute alte Doug. Er würde ihr auf jeden Fall zuhören.

Aber zuerst musste sie sich um die Sache mit Evangelina kümmern.

Sie wünschte, sie könnte mit Buds Eltern anstatt mit Ron sprechen. Das wäre sehr viel einfacher, ungeachtet der Tatsache, dass Alice sich seit über einem Jahr nicht mehr bei ihnen gemeldet hatte. Aber nein, es war Ron, mit dem sie über die Gefahr sprechen musste, in der seine Frau schwebte.

Sie erinnerte sich an Evangelina am Tag von Buds Beerdigung. Die Ryans waren katholisch, darum fand die Messe in der Sacred-Heart-Kirche statt. Alice saß mit Buds Eltern in der ersten Reihe, Evangelina, Ron und ihre Kinder in der Bank dahinter. Auf dem Friedhof hatte sich Evangelina dicht neben Alice gestellt und ihr den Arm um die Taille gelegt. Es war nur eine kleine Geste, aber Alice fühlte sich sofort getröstet, als sie sich bei ihrer Freundin anlehnen konnte. Bei den ausgelassenen, überfüllten Familienfeiern der Ryans war es immer Evangelina gewesen, die sie an sich gedrückt hatte. Die beiden Frauen genossen die Gesellschaft der jeweils anderen, obwohl der Unterschied zwischen Evangelinas Englisch und Alices Schulspanisch beträchtlich war. Aber in diesem Augenblick des Verlusts, der so groß war, dass es keine Worte dafür gab, verstand Evangelina offenbar besser als alle anderen, wie Alice sich fühlte. Vielleicht quälte sich Evangelina mit denselben Fragen herum wie sie: Was war das Letzte, das ich zu ihm gesagt habe? Habe ich ihn zum Abschied geküsst, bevor er zu dieser letzten Reise aufbrach? Habe ich ihm gesagt, dass ich ihn liebe? War es genug?

Und dennoch spürte Alice, dass das Leid von Buds betagten Eltern ihren eigenen Kummer in den Schatten stellte. Eltern sollten ihre Kinder nicht begraben müssen. Angesichts ihres Verlusts glaubte Alice kein Recht zu haben, ihre Traurigkeit zu zeigen. Nach der Messe waren sie bei ihnen zu Hause. Sie umarmte ihre Schwiegereltern und wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie dachte an die Beerdigung ihrer eigenen Eltern und dass Bud dabei an ihrer Seite gewesen war. Es war zu viel, sie konnte nicht länger darüber nachdenken. In der aufrichtigen Absicht, wieder ins Haus zurückzukehren, entschuldigte sie sich, um einen Pulli aus dem Wagen zu holen. Als sie in der Zufahrt stand, betrachtete sie die große Familie und die alten Freunde, die sich um die Ryans geschart hatten, und fühlte sich auf einmal ausgeschlossen. Ehe sie sichs versah, saß sie hinter dem Steuer und befand sich auf halbem Weg nach Hause.

Die Familie rief sie an, aber Alice ging nicht ans Telefon. Sie schickten Ronnie zu ihr, und er klopfte lange an ihre Tür, ehe er aufgab. Wochenlang riefen sie immer wieder bei ihr an. Sie wusste, dass sie zurückrufen sollte. Obwohl die Geister ihrer Eltern ihr sagten, sie solle sich schämen, brachte sie es nicht über sich. Sie war körperlich nicht in der Lage, in den Wagen zu steigen und zum Haus ihrer Schwiegereltern zu fahren. Als die Gefühllosigkeit abklang, verwandelte sie sich in einen Schmerz, den Alice nicht für möglich gehalten hätte.

Sie nahm sich einen Monat Urlaub. Danach war die Arbeit das einzige Überbleibsel ihres vorherigen Lebens. Sie ging nicht mehr zu den Treffen des Imkervereins. Sie ließ ihre Mitgliedschaft im Segelclub erlöschen. Sie rief niemanden zurück, war völlig nach innen gekehrt. Das war die Zeit, als sie anfing, erst nach neun Uhr abends in den Supermarkt zu gehen, weil sie glaubte, dann niemandem zu begegnen, den sie kannte. Es war eine einsame Menschenmenge, der sie sich dort anschloss. Allmählich begann sie, die Gesichter wiederzuerkennen. Meistens waren es Männer, die mit Bier und Zigaretten oder Einkaufskörben voller Tiefkühlgerichten in der Schlange vor der Kasse standen. Einmal sah sie dort Evangelina mit ihrer Tochter, die gemeinsam das Sortiment an Erkältungsmitteln studierten. Alice machte auf dem Absatz kehrt und versteckte sich in der Fleischabteilung, bis sie sicher war, dass die beiden gegangen waren. Feigling, dachte sie jetzt.

Sie wünschte, sie könnte einfach mit Evangelina reden, aber sie musste sichergehen, dass die Information so klar wie möglich rüberkam. Also Ron. Sie griff nach ihrem Handy und schrieb ihm eine Textnachricht.

»Komm morgen zum Twin Peaks«, schrieb sie. »Zeitpunkt bestimmst du. Ist wichtig. Wegen Evangelina.«

Hoffentlich löscht er die Nachricht nicht, war ihr letzter Gedanke, ehe sie trotz der pochenden Kopfschmerzen einschlief.

Am nächsten Tag saß sie bei Doug Ransom und dachte darüber nach, dass ihr Vater, würde er noch leben, jetzt genauso alt wäre wie ihr Nachbar. Doug war ein Gentleman alter Schule und aus demselben Holz geschnitzt wie Al. Die beiden Männer waren Freunde, lange bevor Alice das Haus neben Dougs Obstplantage kaufte. Damit war Doug der ideale erste Ansprechpartner, um die Obstbauern gegen SupraGro zu mobilisieren.

Doug bestand darauf, Alice einen Tee zu kochen. Seine Frau Marilyn war vor fünf Jahren gestorben, fiel Alice ein, als sie in der Küche stand und die Tapete betrachtete – Schweine mit Cowboyhüten, hinter denen Ferkel her tapsten. Sie erinnerte sich an ihren ersten Besuch mit Bud bei Doug and Marilyn, viele Jahre zuvor. Die Zeit war wie im Flug vergangen. Sie betrachtete die Fotos am Kühlschrank, während Doug Tassen und Löffel zusammensuchte. Drei Kinder, etliche Enkel. Als er sah, was Alice betrachtete, lächelte er.

»Ich sehe sie seltener, als mir lieb ist.« Er schüttelte den weißhaarigen Kopf und lächelte. »Du weißt schon: immer beschäftigt.«

Sie setzten sich auf die Veranda und blickten auf Dougs Apfel- und Birnbäume. In jedem Frühjahr hatte Alice sie mit einer Art partnerschaftlicher Freude erblühen sehen. Sie wusste, ihre Mädels waren dort, um sie zu bestäuben.

Doug winkte ab. »Du musst mich zu nichts überreden, Alice. Ich weiß, dass die Bienen mir helfen. Meine Erträge sind höher, seit ihr die Bienen angeschafft habt, du und Bud«, sagte er. »Er war ein feiner Kerl, dieser Bud Ryan. Ich vermisse ihn wirklich sehr.«

Alice nickte und lächelte. Sie war ergriffen, aber nicht so sehr, dass sie zusammenbrechen würde. Buddy hatte Doug ebenfalls gemocht, und sie hatten beide eine Vorliebe für altersschwache landwirtschaftliche Geräte gehabt. Klassiker, wie Buddy sie gern nannte. Altes Zeug, hatte Alice erwidert.

Doug zeigte auf die Petition, die Alice mitgebracht hatte. »Ich unterschreibe. Was immer du willst. Verdammt noch mal, ich bereue, dass ich das Zeug überhaupt benutzt habe. Eigentlich bin ich lange genug im Geschäft, um es besser zu wissen.«

Er fuhr sich über das faltige Gesicht. »Ehrlich gesagt bin ich hier so gut wie fertig. Die Kinder wollen die Plantage nicht. Sind alle in den Westen gegangen. Technische Berufe in Portland und Seattle. Sie wollen, dass ich zu ihnen ziehe und alles hier verkaufe.« Er zog die buschigen Augenbrauen hoch. »Ich in der Stadt. Kannst du dir das vorstellen?«

Sie lachten beiden. Doug fuhr oft mit seinem Quad zum Supermarkt und hielt den Verkehr auf, wenn er auf dem Seitenstreifen dahinschlich.

Als Alice sich verabschiedet hatte, ging sie zwischen Dougs Bäumen hindurch nach Hause. Der Gedanke, dass er seine Plantage verkaufen würde, machte sie traurig. Er war einer von der alten Garde, einer der letzten kleinen Obstbauern aus der Generation ihres Vaters. Sie stand zwischen zwei Reihen Birnbäumen und betrachtete die Blüten, die links und rechts von ihr zu weißen Wolken explodiert waren. Sie hörte das Summen über sich, ein Dach aus Klang, und als sie den Kopf hob, sah sie Hunderte Honigbienen bei der Arbeit.

Sie fragte sich, ob Doug in diesem Herbst noch einmal ernten oder sein Zuhause dann bereits verkauft haben würde. Grundstücke auf dem Land ließen sich mühelos veräußern. Und ein Grundstück wie Dougs würde sich sehr schnell jemand schnappen, und zwar kein Farmer. Es war die perfekte Umgebung für die Art von Bauprojekten, die die Farm ihrer Eltern ruiniert hatte. Sie versuchte sich vorzustellen, wie das Land um sie herum ohne Bäume, dafür dicht mit identischen kastenförmigen Ferienhäusern bebaut aussehen würde. Außerdem war Dougs Obstplantage ziemlich groß, mindestens dreißig Hektar. Alice seufzte. Reihenhäuser für Touristen, dachte sie, die kleinen Landstraßen von Autos verstopft, die Stille zerrissen von der lauten Musik feuchtfröhlicher Junggesellinnenabschiede. Daran konnte sie nichts ändern, aber diesen Kampf konnte sie durchstehen, wenigstens das.

Sie schloss die Hand um die Liste in ihrer Tasche, die in Dougs krakeliger Schrift abgefasst war. Eine Aufzählung von Verbündeten, einschließlich ihrer Telefonnummern und Adressen, die er allesamt auswendig wusste. Er hatte sie ihr überreicht, nachdem er sie zum Ende der Zufahrt begleitet hatte. Zum Abschied streckte sie die Hand aus, aber Doug beugte sich über sie, gab ihr einen Kuss auf die Wange und klopfte ihr mit einer mageren Hand auf die Schulter.

»Zeig’s ihnen, Alice Holtzman. Deine Eltern wären stolz auf dich.«