· 23 ·

SCHUTZ

Die Verteidigung des Bienenvolks gegen Feinde, der Bau der Zellen und deren Befüllung mit Honig und Bienenbrot, die Aufzucht der Jungtiere, kurz gesagt, die gesamte Arbeit des Bienenstocks mit Ausnahme des Eierlegens wird von den fleißigen kleinen Arbeiterinnen verrichtet.

L. L. LANGSTROTH

 

Harry verstand, dass die Physik des Kitesurfens etwas mit Newtons Gesetzen der Bewegung zu tun hatte. Die Kombination von Auftrieb und Widerstand hielt den Kite in der Luft, und die Spannung zwischen dem Gerät und dem Körpergewicht eines Menschen war ein sorgfältig kalibriertes Kunststück der Aerodynamik. Es war eine schwierige Beziehung und absolut keine sichere Sache. Dennoch hatte Harry das Gefühl neuer Möglichkeiten, seit er die Verkörperung dieser Prinzipien selbst erlebte.

Er saß mit Jake an dem Picknicktisch unter der großen Pappel, die ihren Flaum auf sie herabschneien ließ. Wolkenfetzen zogen über den blassblauen Himmel, der morgendliche Wind hatte eingesetzt und ließ auf Doug Ransoms Plantage die Zweige tanzen. Harry beschrieb die Mechanik der Fronttube-Leine und ihre Rolle beim Neustart des Kites. Jake putzte die Teile seiner zerlegten Trompete, während er ihm zuhörte und nickend die Zeichnung betrachtete, die Harry in sein Notizbuch skizziert hatte.

»Echt krass, Mann«, sagte Jake. »Willst du später noch runter zum Strand?«

Bei der Vorstellung hüpfte Harry das Herz in der Brust, und er sah sich ein weiteres Mal die Windvorhersage an, aber dann kam Alice über den Hof spaziert und setzte sich zu ihnen. Und was sie zu sagen hatte, warf all seine Pläne über den Haufen.

Harry erriet, dass sie weder fristgerecht gekündigt noch sich für die »schöne Zeit« bedankt hatte. Es klang eher nach: »Scheiß drauf, ich bin raus hier.« Und obwohl sie es nicht sagte, ging Harry davon aus, dass ihre Kündigung mit dieser anderen Sache zu tun hatte, mit dem Protest gegen die Bezirksverwaltung und die große Agrarfirma.

»Ihr beiden haltet euch da besser raus«, sagte sie und drehte ihre Kaffeetasse in den Händen. »Eure Familien würden sich vermutlich wünschen, dass ihr einen großen Bogen um diese Geschichte macht.«

Sie setzte die Tasse an den Mund, wobei ihr Kaffee auf die Brust des Overalls kleckerte. Sie wischte ihn mit einer Hand ab, und Jake reichte ihr ein Geschirrtuch. Harry mochte Alice, diese leicht mürrische Bienenfreundin, die fast so alt wie seine Mutter, aber ganz anders als die Frauen war, die er kannte, ob es sich nun um Lehrerinnen, Tanten oder diverse Nachbarinnen handelte. Sie war nicht übermäßig harmoniebedürftig, verhielt sich nicht wie eine Vorgesetzte und legte auch keine falsche Freundlichkeit an den Tag.

Sogar bei seiner Mutter war Harry aufgefallen, dass sie im Umgang mit anderen übertrieben höflich war. Alice war anders. Alice war … nun, eben Alice.

»Meine Mom hält eine Menge von dir«, sagte Jake in diesem Augenblick.

Alice zog eine Braue hoch. »Ach ja?«

»Ich soll dir sagen, dass sie in der Kirche für dich betet. Nicht nur sonntags. Jeden Tag. Und ihr ganzer Gebetskreis auch.«

Alice lachte leise und sagte, sie sei es nicht gewöhnt, dass sie jemand in seine Gebete einschloss, und er solle seiner Mom in ihrem Namen dafür danken. Dann wurde ihre Miene wieder ernst.

»Hört mal, ich habe mein ganzes Leben hier verbracht, ich kenne diese Stadt. Das könnte eine ziemlich hässliche Geschichte werden. Ihr solltet euch davon fernhalten, und von mir auch.«

Da dämmerte es Harry, dass sie um sie … um ihn … besorgt war. Er konnte sich nicht erinnern, wann zuletzt jemand um sein Wohlergehen besorgt gewesen war, abgesehen von seinen Eltern. Alice sagte zu Jake, er könne vorläufig bei ihr bleiben, aber sie wisse nicht, was die Zukunft bringen werde. Nun lächelte sie Harry mit traurigen Augen an. »Diesen Monat kann ich dich noch bezahlen, Harry, aber dann … Tja, ich weiß nicht einmal, von welcher Arbeit ich selbst leben werde. Du bekommst ein hervorragendes Zeugnis von mir, mein Junge.«

Da spürte Harry, wie sich auf seinen Schultern erneut das vertraute Zwillingspaar namens Sorge und Selbstzweifel niederließ.

»Ich lasse dich nur sehr ungern gehen, Harry. Du kannst so lange hierbleiben, bis du etwas anderes gefunden hast«, sagte Alice.

Harry hätte ihr gern gesagt, dass er für Kost und Logis arbeiten würde. Aber er brauchte das Geld. Er schuldete seiner Mutter noch die Anwaltskosten. Beim Gedanken an seine Mom stöhnte er innerlich. Er musste sie anrufen. Aber nicht, bevor er Onkel Hs Asche abgeholt hatte.

Alice stützte die Hände auf die Knie. »Heute fange ich an, die Farmer wegen der Petition des Wasserschutzverbandes zu besuchen. Geht ihr zwei doch einfach die nächste Phase eures Bienenstock-Projekts an. Jake, überprüf bei Nummer acht und neun, wann sie voraussichtlich zu schwärmen beginnen. Harry, ich brauche Ständer für die neuen Bienenstöcke, die du gebaut hast. Dieselbe Höhe wie die restlichen Beuten, okay?«

Alice stand auf und schloss den Reißverschluss ihrer Windjacke. »Ich komme später noch mal vorbei.«

Sie sahen sie am Bienengarten vorbeigehen und Doug Ransoms Plantage betreten.

Harry spürte, dass Jake ihn musterte. Er machte mit dem Rollstuhl einen Wheelie und drehte sich pfeifend im Kreis.

»Holy Shit! Ich hätte zu gern gesehen, wie Alice in der Planungsabteilung die Türen zuknallt«, sagte Jake. »Rums! Einfach so!«

Harry brachte ein Lächeln zustande.

Jake versetzte ihm einen leichten Schlag gegen die Schulter. »Komm schon, Mann. Keine Angst, du findest garantiert was Neues. Hier in der Gegend gibt es eine Menge Jobs für dich.«

Harry zuckte mutlos mit den Schultern und sah zu, wie Jake seine Trompete wieder zusammensetzte. Er hielt sich das Instrument an den Mund und schürzte die Lippen.

»Und was mich betrifft: Ich werde eine Blaskapelle gründen und bei jeder Hochzeit und Quinceañera spielen. Jemand muss Hood River schließlich zu Ansehen und Bekanntheit verhelfen, yo!«

Erneut setzte er die Trompete an die Lippen und spielte ein paar Takte von La Cucaracha. »Zu gruselig?«, fragte er grinsend.

Harry begriff, dass sein Freund ihn aufzuheitern versuchte. Und ihm dämmerte, dass diese unsichere Zukunft für Jake noch schlimmer war, denn er stand vor denselben Problemen wie Harry, hatte aber weniger Möglichkeiten. Harry konnte Auto fahren. Harry konnte seine Beine gebrauchen. Für ihn war es ziemlich einfach, sich einen neuen Job als Hilfsarbeiter zu suchen. Er kam sich vor wie ein Idiot, weil er schmollte, obwohl Jake vor viel größeren Hindernissen stand als er.

»Keine Ahnung, Mann. Mit dieser Frisur siehst du schon gruselig genug aus«, sagte er.

»O verdammt!« Jake lachte. »Allein dafür mache ich dir vor der Arbeit noch ein zweites Frühstück.«

Im Haus rollte Jake in die Küche, holte Lebensmittel aus dem Kühlschrank und sang vor sich hin.

»La cucaracha, la cucaracha. Ya no puede caminar.«

Harry griff nach dem Telefonbuch. Er blickte Jake an und machte Anstalten, sich zu erklären, ließ es dann aber bleiben. Er rief bei der Leichenhalle an.

»Hallo … äh … mein Name ist Harry Stokes. Ja. Ich … äh … ich muss vorbeikommen und meinen Onkel abholen. Harold Goodwin. Ja, genau. Seine sterblichen Überreste.«

Jake, der Käse auf ein Schneidbrett rieb, hob ruckartig den Kopf.

»In Ordnung. Personalausweis und hundert Dollar. Sehr gut. Okay, danke.«

Er legte auf und bedeckte mit beiden Händen sein Gesicht.

»Was ist los, Kumpel?«, fragte Jake.

Er fing am Anfang an – okay, fast am Anfang – und erzählte Jake von Seattle, dem Wohnwagen, seinem gebrechlichen Onkel und dem Krankenhaus. Das Gefängnis erwähnte er nicht.

»Mann, als du erzählt hast, dass dein Onkel gestorben ist, klang es, als wäre das schon eine Weile her. Weiß Alice Bescheid?«

»Nein, verdammt!«, sagte Harry. »Was hätte ich ihr denn sagen sollen? Danke für den Job. Kann ich mir Ihren Wagen leihen und meinen toten Onkel abholen? Ich dachte, ich könnte irgendwann bei einer Besorgung einen Abstecher dorthin machen, aber es ist drüben in Bingen. Ich habe es einfach immer weiter vor mir her geschoben …«

»Warte mal«, fiel Jake ihm ins Wort. »Wann ist er gestorben?«

»Am 29. April. Glaube ich.«

»Am Tag deines Vorstellungsgesprächs?«

Harry seufzte und nickte.

»Verdammt noch mal, Harry! Warum hast du denn nichts gesagt?«

Harry fuhr sich mit den Händen durchs Haar und zuckte die Schultern. »Du erzählst auch nicht viel von dir, Mann«, murmelte er.

»Bei mir gibt’s auch nicht viel zu erzählen«, sagte Jake spöttisch. »Du kennst meine Geschichte. Auf der Highschool war ich ein Versager, und die Beine habe ich mir bei einer dämlichen Party geschrottet.«

Harry sah ihm schweigend ins Gesicht. Jake hielt seinem Blick stand.

»Ich gebe niemandem die Schuld dafür. Es war einfach ein bescheuerter Unfall, aber ich war es, der sich auf der Terrasse im ersten Stock herumgetrieben hat. Ich bin selbst dafür verantwortlich, Mann.«

Mit zusammengepressten Lippen starrte Jake in den Hof hinaus. Er schüttelte den Kopf, dann blickte er erneut Harry an.

»Pass auf. Ich weiß, es klingt bescheuert, aber ich habe das Gefühl, dass ich hier eine neue Chance bekommen habe. Ich meine, klar, laufen wäre viel einfacher, als in diesem Stuhl herumzufahren, nicht wahr? Aber das Komische ist, dass mir an meinem Leben heute vieles besser gefällt als früher.« Er zögerte. »Ich mag mich selbst lieber«, fuhr er fort. »Und andere Menschen auch.«

Harry nickte.

Jake fuhr sich mit beiden Händen über die Stoppeln auf seinem Kopf und blickte erneut zum Fenster hinaus. Harry folgte seinem Blick zum Bienengarten, wo lauter goldene Kügelchen in der Luft schwebten.

»Es ist, als hätten mich die Bienen gerettet oder so. Okay, vieles in meinem Leben ist noch verdammt chaotisch, aber wenn ich draußen im Bienengarten bin … Mann, ich hab das Gefühl, dorthin zu gehören, es ist, als wäre ich ein Teil davon.«

All das erzählte ihm sein jüngerer Freund ohne jede Spur von Verlegenheit. Harry war beeindruckt und kein bisschen eifersüchtig.

Jake sah ihm in die Augen. »Wenn ich kann, bleibe ich hier. Ich werde Alice helfen. Was auch immer das bedeuten mag.«

Jakes Mut war ansteckend. Und außerdem: Was hatte er schon zu verlieren?

»Ich auch«, sagte Harry.

Sie würden das zusammen durchstehen. Der Gedanke beflügelte ihn, doch dann legte sich seine Begeisterung wieder. Immer schön eins nach dem anderen.

»Ich fahre zur Leichenhalle, bevor Alice zurückkommt. Begleitest du mich?«

»Geht klar. Kleiner Ausflug zur Leichenhalle.«

Nach dem Frühstück stiegen sie in den Pick-up und ließen Cheney in der Fahrerkabine mitfahren. Sein großer Körper lag quer über Jakes Schoß, mit der Nase verschmierte er die Fensterscheibe. Der kleine Wagen tuckerte die lange Zufahrt hinunter, zwischen den Plantagen hindurch und in die Stadt hinein.

Während sie sich der Brücke näherten, spähte Harry aus dem Fenster zur Sandbank hinüber.

»Da, Kites! Ich sehe zwei … drei … nein, sogar vier! O Mann! Eigentlich sollte es heute windstill sein. Ich habe Yogi gesagt, dass ich morgen wieder dort bin.«

Jake lachte. »Du bist echt besessen, Kumpel.«

Harry grinste und schlug mit dem Handballen aufs Lenkrad. Jetzt fühlte er sich wieder wie der neue Harry. »Nichts lässt sich damit vergleichen! Ich meine, am Anfang war ich die reinste Katastrophe, hab im Wasser nur wild um mich geschlagen. Aber als ich dann aufgestanden und über die Wellen geglitten bin … Das war wie die geilste Fahrt auf dem Longboard, nur hundertmal besser. Total sanft und gleichmäßig. Und wie die anderen Typen hoch in die Luft steigen … ich kann es kaum erwarten, das wieder zu sehen.«

Der Verkehr kroch nun hinter einem Langholzlaster her, und Harry starrte auf den Fluss unter ihnen, suchte das Wasser nach dem großen pinkfarbenen Kite ab. Der Wagen hinter ihm hupte, und er zuckte zusammen.

Die Leichenhalle befand sich in einem heruntergekommenen Gebäude in Bingen, einer Kleinstadt jenseits der Brücke von Hood River. Alle wichtigen städtischen Einrichtungen – Bürgermeisteramt, Polizei, Finanzamt, Gesundheitsamt und die Leichenhalle – waren in einem einzigen Gebäude direkt neben den Bahngleisen untergebracht. Während Harry den Wagen parkte, donnerte ein Zug vorbei. Wegen des Lärms machte ihm Jake mit einer Geste deutlich, dass er draußen warten würde.

Der halbdunkle Flur wurde von einem schmutzig-gelben Licht beleuchtet und roch nach feuchten Streichhölzern. Harry betrachtete den Wegweiser. Die Leichenhalle befand sich im Keller. Er betrat den schmalen Aufzug, der wackelte, als die Tür sich schloss, ehe er knarrend nach unten fuhr. Harry betete, dass er nicht stecken bleiben würde. Nach langen Sekunden hielt der Fahrstuhl an, und mit einem Ächzen öffnete sich die Tür.

Hinter einer niedrigen Theke saß eine Frau unbestimmten Alters. Das Deckenlicht ließ ihre Haut grünlich wirken. Ihr krauses Haar hatte die Farbe von Thunfischsalat, breite Schultern füllten einen grauen Arztkittel aus.

Sie starrte auf einen Computerbildschirm, tippte heftig mit dem Zeigefinger auf der Tastatur herum und hob nicht den Kopf, als Harry näher kam. Er wartete. Die Sekunden dehnten sich, während sie weitertippte. Harry beugte sich vor und räusperte sich.

»Entschuldigen Sie, ich …«

Ohne aufzublicken, hob die Frau einen Finger und schrieb weiter.

Harry sah sich nach Lesestoff um, konnte aber nichts entdecken. Er trat von einem Fuß auf den anderen, hörte das Klappern der Tasten und das Summen der Lampen. Etwa eine Minute später stieß die Frau einen tiefen Seufzer aus, rollte auf ihrem Stuhl von der Tastatur weg und verschränkte die blassen Arme vor der Brust. Sie musterte Harry aus schmalen Augen. »Ja?«

»Ich … ähm … Ich bin hier, um meinen Onkel abzuholen. Ich meine … seine Überreste«, stammelte er. »Der Name ist Goodwin. Harold Goodwin.«

Die Frau atmete durch die Nase aus und blickte erneut auf den Bildschirm. Wortlos rollte sie zum Schreibtisch zurück und hämmerte weiter auf die Tastatur ein.

Harry wartete.

»Ausweis«, sagte sie kurz angebunden.

Er erschrak. »Was?«

»Per-so-nal-aus-weis.« Sie sprach das Wort so gedehnt aus, als wäre er ein kleines Kind. »Haben Sie Ihren Per-so-nal-aus-weis dabei?«

Mühsam zog Harry seine Brieftasche aus der Hosentasche. Sie fiel ihm aus der Hand. Er hob sie auf, tastete nach seinem Führerschein. Die Frau warf einen Blick darauf und schob ihn über die Theke zu Harry zurück.

»Nein«, sagte sie.

»Verzeihung? Es ist ein New Yorker Führerschein, aber er ist gültig. Hier, sehen Sie. Da steht das Ablaufdatum.«

Die Frau schüttelte den Kopf. »Sie sind nicht befugt, Mr Goodwins sterbliche Überreste abzuholen.«

»Aber ich habe angerufen, und man hat mir gesagt, dass ich nur einen Ausweis und hundert Dollar brauche.«

»Ja, und ›man‹ war ich, aber Sie sind nicht befugt, Mr Goodwins sterbliche Überreste abzuholen.«

»Okay … aber … wer erteilt denn die Genehmigung?«

»Mr Goodwin«, sagte sie, fast ohne die Lippen zu bewegen.

»Aber … er ist tot!«, platze Harry heraus.

»Ja. Ich weiß. Das hier ist die Leichenhalle«, sagte die Frau. »Es tut mir sehr leid, dass wir Ihnen nicht helfen können.«

Es klang absolut nicht so, als täte es ihr leid.

»Warum?«

»Sterbliche Überreste dürfen wir nur an befugte Personen herausgeben.«

Sie sprach ›Personen‹ aus, als stünde ein Eszett in der Mitte.

»Und wer ist dazu berechtigt? Können Sie mir das sagen?«

Erneut atmete die Frau durch die Nase aus und starrte auf den Bildschirm. »Lydia Romano.«

Harrys Stimmung hellte sich auf. »Oh, gut! Das ist meine Mom. Aber sie lebt in Florida. Sie können sie anrufen. Oder ich rufe sie an.«

Er verfluchte sich selbst, weil er kein Handy hatte, wusste aber, dass er sich Jakes leihen konnte.

»Ich hole nur rasch mein Handy«, sagte er.

Die Frau wiegte langsam den Kopf hin und her. »Nur. Befugte. Personen.«

Harry fühlte seinen Mut schwinden. Wenigstens diese eine Sache wollte er seiner Mom zuliebe erledigen. So war es immer, wenn er in eine Sackgasse geriet. Auf dem Weg, den er sich vorgenommen hatte, kam er irgendwann nicht weiter, und das war’s dann. Er ließ die Schultern sinken und machte Anstalten, sich umzudrehen. Aber dann fiel ihm ein, was Yogi dem Mädchen namens Autumn über den Neustart eines Kites erzählt hatte. »Deine Einstellung ist alles«, hatte er gesagt. »Du musst daran glauben, dass du es schaffst.«

Harry wandte sich wieder der Angestellten zu und lächelte zögerlich. »Ma’am«, sagte er, »es tut mir leid, dass ich Ihnen Unannehmlichkeiten bereite.«

Er erklärte ihr, dass er bei Mr Goodwin, seinem Großonkel, gewohnt habe. Er hole die Asche anstelle seiner Mutter ab, weil die in Florida lebte. Vielleicht könne er Dr. Chimosky im Skyline Hospital anrufen und ihn bitten, seine Angaben zu bestätigen. Ob das wohl möglich wäre? Oder gab es ein Formular, das er seiner Mom per E-Mail schicken konnte, damit sie Harry die Asche aushändigen durfte?

Es muss irgendeine Möglichkeit geben, dachte er. Er musste nur geduldig sein, durfte nicht zu früh aufgeben.

Während er sprach, wurde die Miene der Frau sanfter. »Chimosky war also sein Arzt? Hm, das könnte vielleicht funktionieren.«

Harry holte die Telefonnummer hervor, die er in der Brieftasche mit sich herumgetragen hatte. Die Frau hob den Hörer ab, blickte auf das Stück Papier und tippte die Ziffern ein.

»Danke«, sagte sie und klang beinahe freundlich.

Wenige Minuten später überreichte sie ihm einen kleinen Plastikbehälter. Harry unterschrieb die Quittung, die sie ihm vorlegte, und bedankte sich. Sie lächelte, und Harry erkannte, dass ihre schlechte Laune nichts mit ihm zu tun hatte.

»Mein Beileid zu Ihrem Verlust«, sagte sie. »Auch für Ihre Familie.«

Er nickte und dankte ihr ein weiteres Mal. Hochzufrieden mit sich selbst verließ er die Leichenhalle. Er hatte seinem Onkel die Ehre erwiesen. Nun würde er seine Mutter anrufen. Harry Stokes war ein Mann, der seine Probleme selbst zu lösen verstand. Er ging hinaus in den sonnigen Maitag und zurück zum Wagen, in dem Jake, sein neuer Freund, auf ihn wartete. Was auch immer als Nächstes kommen würde, Harry war bereit.