Das Vorhaben, Bienenvölker zu vermehren, indem man einen vollen Bienenstock in zwei Teile teilt und jedem eine leere Hälfte hinzufügt, erfordert ein Maß an Geschicklichkeit und Wissen, das weit über das hinausgeht, was man von gewöhnlichen Bienenzüchtern erwarten kann.
Der Schmidt-Stichschmerz-Index wurde erstmals in den Achtzigerjahren von dem Insektenforscher Justin Schmidt veröffentlicht. Es war ein Versuch, den Schmerz, den verschiedene Insektenstiche verursachen, zu katalogisieren und zu vergleichen. Die Westliche Honigbiene erreicht dabei die zweite von vier Stufen, die typische Schmerzdauer beträgt zehn Minuten. Alice hätte nicht mit Sicherheit zu sagen gewusst, wo der Stich einer Honigbiene auf der Skala zu verorten war (irgendwo zwischen der tropischen Feuerameise und der Polistes carolina). Hingegen wusste sie sehr wohl, dass die normalerweise friedfertige Apis mellifera nur im äußersten Notfall zustach, weil diese Tat für sie mit dem Tod endete. Sobald eine Honigbiene ihren winzigen, mit Widerhaken versehenen Stachel in der Haut eines angreifenden Geschöpfes versenkte, konnte sie ihn unmöglich wieder herausziehen, ohne sich dabei selbst zu zerreißen. Während sie Apitoxin, das Bienengift, freisetzte, verströmte sie gleichzeitig ein Pheromon, das ihre Schwestern alarmierte. Weitere Bienen schlossen sich dem Kampf an und gingen mit zunehmender Wut auf den Feind los, während ihre selbstmörderischen Stiche der Botschaft Nachdruck verliehen, dass das Bienenvolk angegriffen wurde.
Später würde sich Alice erinnern, dass sie den typischen Bananengeruch des Pheromons wahrgenommen hatte, das als Ruf zu den Waffen fungierte. Jake sagte, ihm sei vor allem der Klang aufgefallen. Er hörte, dass das zufriedene Gemurmel des Bienenvolks schlagartig zu einer Tonhöhe anstieg, die Verteidigungsbereitschaft signalisierte. Und einen Augenblick später fühlte er den ersten dieser Stiche, Stufe zwei.
Alice wusste, dass er es nicht persönlich nahm. Als sich die Bienen in einem wütenden Schwarm auf sie herabsenkten, war sie zur äußersten Ecke des Bienengartens gerannt. Sie sah, wie Jake in seinem Rollstuhl langsam kehrtmachte und in aller Ruhe die Reihe mit den Beuten verließ. Beim Haus angekommen war er in einen Wirbel summender Körper eingehüllt, ohne auch nur ein einziges Mal nach ihnen zu schlagen. Er nahm es einfach hin. So etwas hatte sie noch nie gesehen.
Nun saß Alice am Esstisch und zupfte mit einer Pinzette sachte an der weichen Haut unter seinem Auge. Die Stelle war beträchtlich angeschwollen, während sie noch damit beschäftigt gewesen war, Stachel aus seiner Kopfhaut zu ziehen. Leise fluchend erfasste sie die winzige Spitze, und endlich gelang es ihr, ihn herauszuziehen. »Ich glaube, das war der letzte.«
Sie gab ihm einen Eisbeutel und lehnte sich auf dem Stuhl zurück, um ihn anzusehen. »Verdammt, Jake, es tut mir wahnsinnig leid. Das war ein dummer Fehler von mir.«
Mit dem Zeigefinger betastete er den verquollenen Bereich unter seinem Auge. »Nein, ist schon gut, Alice. Wenigstens weiß ich jetzt, dass ich nicht allergisch bin.«
Sie blickte auf die Uhr. »Noch sind wir nicht über den Berg. Ich habe mindestens zwanzig Stachel aus dir herausgezogen. Sitz einfach still und sag mir, ob dir schwindelig ist oder ob dir das Atmen schwerfällt. Das Benadryl hast du doch genommen, oder?«
Er nickte.
Alice hatte den EpiPen benutzen wollen, aber Jake bestand darauf, dass Benadryl und ein Eisbeutel genug waren.
Sie hatten es geschafft, zwei Bienenstöcke zu teilen, bevor die Sache aus dem Ruder lief. Als sie mit dem dritten anfingen, saß Jake da, wie immer mit bloßem Kopf und ohne Handschuhe, und wartete darauf, dass Alice ihm ein volles Rähmchen reichte. Gedeckelte Brutzellen hatten es aufgebläht, zudem saßen unzählige Bienen darauf. Alice machte Anstalten, Jake das Rähmchen zu geben, aber es fiel ihr aus der Hand und landete neben dem Rollstuhl auf dem Boden. Explosionsartig stoben die Bienen auf.
Beim Blick in das angeschwollene Gesicht des Jungen überkam sie Wut auf sich selbst. Sie fühlte sich schrecklich, weil sie die Bienen verletzt hatte und weil Jake gestochen worden war. Sie hätte es besser wissen müssen und nicht an den Beuten arbeiten dürfen, während sie abgelenkt war. Sie hatte über Fred Paris’ Worte nachgedacht. Der arrogante, rotgesichtige Fred Paris. Was hatte sie denn erwartet? Nicht einmal ihrem Vater war zu diesem Menschen jemals etwas Freundliches eingefallen, und Al Holtzman hatte fast jeden gemocht.
Früher am Tag, nach ihrem Gespräch mit Doug Ransom, hatte Alice Victor Bello und Dennis Yasui besucht, die beide auf Dougs Liste von Verbündeten standen. Sie hörten sich an, was sie über den Prozess zu sagen hatte, stellten ihr ein paar kluge Fragen und unterschrieben die Petition. Sie schöpfte Hoffnung. Vielleicht war es tatsächlich möglich, die Obstbauern im südlichen Tal für diese Sache zu mobilisieren. Alice hatte nicht vorgehabt, bei Paris anzuhalten. Er war nicht auf Dougs Liste, aber sein Briefkasten stand gleich nach Victors Anwesen an der Straße. Sie zögerte einen Moment, dann stieß sie das Tor auf.
Sie parkte hinter Freds weißem Ford und ging zur Hintertür. Aus dem Küchenradio plärrte The Dr. Laura Show. Ellen, Freds Frau, tauchte auf, musterte sie mürrisch und deutete nur wortlos auf die Scheune, ehe sie Alice die Fliegengittertür vor der Nase zuschlug. Fred kam heraus und wischte sich an einem Lappen die Hände ab.
»Ach, Alice Holtzman! Sieh mal einer an. Dich habe ich ja ewig nicht gesehen.«
Fred war ungefähr zehn Jahre älter als Alice, und obwohl er wie sie im Tal aufgewachsen war, täuschte er aus irgendeinem Grund einen Südstaaten-Akzent vor. Fred legte stets großen Wert auf sein Äußeres. Seine Wranglers hatten eine Bügelfalte, seine Stiefel glänzten. Das fuchsrote Haar trug er kurz, und er bevorzugte verschnörkelte Gürtelschnallen. »Der kleine Draufgänger«, so hatte ihre Mutter ihn genannt. »Er ist ein Dummkopf«, lautete Als Urteil, womit er sie daran erinnerte, dass sie nicht jeden mögen, sondern mit manchen Leuten einfach nur auskommen musste. Fred war Obsterzeuger in dritter Generation. Schon als Kind hatte er seinen Großeltern bei der Arbeit auf der Farm geholfen. Bestimmt würde er ihr wenigstens zuhören.
Alice setzte ein Lächeln auf. »Allerdings, Fred. Ich glaube, ich habe dich seit Dads Beerdigung nicht mehr gesehen.«
Er nickte und polierte die Spitze eines glänzenden Stiefels hinten an seiner Jeans, wobei er den Lappen fein säuberlich zu einem Quadrat faltete. »Guter Mann, dein Vater. Solche wie ihn gibt’s heute kaum noch.«
»Danke, Fred.«
»Er ist neue Wege gegangen.«
Ihr Vater hatte zwar Fred nicht gemocht, aber der mochte Al. Es gab viele solcher Männer, hatte Alice bei dem Empfang nach der Beerdigung festgestellt. Wie es schien, war das halbe County wegen Al im Elks Club aufgetaucht. Die Leute bewegten sich durch den Raum, griffen nach Alices Hand und bekundeten ihr Beileid. Einige, darunter auch Fred, bekamen feuchte Augen, während sie Geschichten über Al erzählten, was vermutlich ein Beleg für die diplomatischen Fähigkeiten ihres Vaters war. Daran dachte sie, als sie überlegte, was sie Fred über SupraGro erzählen sollte. Sie hoffte, dass sein Respekt vor ihrem Vater ihr die Sache leichter machen würde.
Sie zog das Klemmbrett unter ihrem Arm hervor. »Hör mal, Fred, du weißt, dass meine Eltern ihre Farm vor ihrem Tod verkauft haben, darum besitze ich die Plantage nicht mehr.«
Er nickte, faltete den Lappen ein weiteres Mal und warf ihn auf die Kühlerhaube seines Pick-ups.
»Trotzdem liegt mir sehr viel an der Branche, und ich möchte, dass die Bäume gesund bleiben.«
Sie fand, dass sie sich schrecklich anhörte. Gekünstelt, so als läse sie einen Werbetext vor.
»Klar, Alice, weiß ich doch«, sagte er und ließ die Fingerknöchel knacken.
Ermutigt fuhr sie fort.
»Es klingt vielleicht seltsam, aber ich beschäftige mich seit einigen Jahren mit der Haltung von Honigbienen.«
»Ach ja?«, sagte Fred und zog die Augenbrauen hoch.
Alice lachte verlegen. »Tatsächlich sind sie ziemlich faszinierend. Aber das eigentlich Interessante ist die Verbindung zwischen den örtlichen Bienenvölkern und der Gesundheit der Obstplantagen. Das Landwirtschaftsministerium hat eine Studie darüber durchgeführt, die zeigt, dass Obstplantagen in der Nähe gesunder Honigbienenvölker fünfundzwanzig Prozent mehr Früchte produzieren.«
»Sag bloß.«
Sie nickte. »Ja. Diese Zahlen stammen aus dem Jahr 2012. Ich habe hier eine Kopie der Studie, wenn du sie dir mal ansehen willst.«
Sie machte sich an dem Klemmbrett zu schaffen und löste den Flyer aus der Klammer. Sie streckte ihn Fred entgegen, der einen Blick darauf warf, ihn aber nicht an sich nahm.
»Ist ja irre interessant«, sagte er gedehnt. »Komisch, ich habe gerade eine andere Studie gelesen. Da heißt es, dass Obstplantagen ihren Ertrag um fünfzig Prozent steigern können, wenn sie wirtschaftliche Unterstützung erhalten. Tatsächlich beweist diese Studie sogar, dass der Ertrag im Lauf der Zeit um sechzig Prozent höher ausfallen kann. Das sind eine Menge Äpfel, Alice.«
Sein Lächeln verwandelte sich in ein höhnisches Grinsen. Sie verstärkte den Griff um das Klemmbrett.
»Fred, die Forscher, die diese Studie durchgeführt haben, wurden von SupraGro dafür bezahlt. Das ist nicht gerade das, was man objektive Wissenschaft nennt, oder?«
Fred holte einen Zahnstocher aus der Hemdtasche und fing an, zwischen seinen Zähnen herumzustochern. »Objektiv? Ich weiß nicht, Alice. Vermutlich hängt es davon ab, wen du fragst. Deine Baumumarmer-Freunde vom Wasserschutzverband sind auch nicht gerade für ihre Objektivität bekannt, stimmt’s? Beleidigung und üble Nachrede, habe ich gehört.«
»Wovon redest du?«, fragte sie kopfschüttelnd.
»Frag mal deinen guten alten Freund Stan. Dieser Prozess gegen die Talsperren letztes Jahr hat eine Menge netter Leute ziemlich wütend gemacht«, fuhr Fred höhnisch fort. »Oh, die Umwelt! Das Klima verändert sich!«
Seine Stimme erhob sich zum Falsett, und er wedelte mit den Händen in der Luft herum.
»Ihr habt es gern dramatisch, nicht wahr? Ich halte in dieser Sache zu meinen Freunden. Chenowith hat mich gebeten, lokaler Ansprechpartner für die Frühjahrsspritzung zu sein. Ich habe Ja gesagt, aus reiner Höflichkeit natürlich. Freunde halten eben zusammen.«
Er griff in seine Gesäßtasche und holte den Katalog heraus, den sie bereits auf dem Meeting mit Cascadia Pacific gesehen hatte. Er knallte ihn auf Alices Klemmbrett. »Sieh dir das mal an, und falls du dann noch Fragen hast, melde dich gern bei mir, Alice.«
Er ging fort und ließ sie auf der staubigen Zufahrt stehen.
Ihre Hände zitterten, ihr Gesicht glühte. Was hätte ihr Vater in dieser Situation gesagt? Zunächst hätte Fred niemals auf diese Art mit ihrem Vater gesprochen, und auch kein anderer hätte das getan. Sie ließ den SupraGro-Katalog auf die Zufahrt fallen und verließ das Grundstück. Dann fuhr sie in Richtung Süden zu Dan McCurdys Farm, dem nächsten auf Dougs Liste, machte aber kurz darauf am Straßenrand halt, stellte den Motor ab und versuchte, ihre Atmung zu verlangsamen. Wie sollte sie mit einem wie Fred Paris vernünftig reden? Das Netzwerk aus Kumpels, die Altherrenriege, würde Bill Chenowith vertrauen und der sogenannten Wissenschaft der Pestizidfirma glauben. Die Leute hielten Stan für einen verrückten Hippie, obwohl er einen Master in Umweltwissenschaft und einen Abschluss in Jura hatte. Diese Stadt war manchmal furchtbar engstirnig.
Bei McCurdy war niemand zu Hause. Entmutigt fuhr sie zur Farm zurück. Jake saß am Picknicktisch, spähte auf seinen Laptop und winkte ihr zu, als sie angefahren kam.
»Hey Ernie«, sagte sie und ließ sich auf einen Stuhl fallen. »Wo ist Bert?«
Jake zeigte auf die Scheune. »Er telefoniert mit seiner Mom.«
»Ah, braver Junge.«
Jake musterte sie eingehend. »Wie ist es gelaufen? Mit Mr Ransom, meine ich.«
Alice seufzte entnervt. »Gut! Mit Doug ist alles gut gegangen. Es sind die anderen, die ich überzeugen muss, die Idioten!«
Sie knallte die Landkarte des Tals auf den Tisch.
»Die Leute hier halten die Erderwärmung für einen Jux, den sich Yuppies in Portland ausgedacht haben, weil sie die Autobahn in einen riesigen Fahrradweg verwandeln, den Kapitalismus zugunsten sozialistischer Kommunen abbauen und auf allen Weizenfeldern demnächst Marihuana anbauen wollen.«
Jakes Augen weiteten sich.
»Sieh mich nicht so an. Ich bin hier nicht die Verrückte!«
Aber genau so fühlte sie sich, zumindest war sie ein bisschen verwirrt. Nachdem sie ihren Job gekündigt hatte, war es ihr vorgekommen, als hätte sie bis dahin falsch gelebt. In den letzten Jahren war sie sehr unter Druck geraten. Nicht nur wegen Bud hatte sie ihren Kummer immer tiefer in sich hineingefressen. Es ging darum, dass sie in endlosen Meetings gesessen hatte, ohne Missstände anzuprangern. Dass sie Bills Arbeit erledigt hatte, weil das leichter war, als sich zu wehren. Dass sie ihrem Vater nicht gesagt hatte, wie sehr sie sich die Plantage wünschte. Alice hatte Jahre mit dem Versuch zugebracht, andere Menschen nicht zu verärgern. Die Hochstimmung, nachdem sie aus Rich Carlsons Büro marschiert war, war einem Gefühl der Dringlichkeit gewichen. Sie hatte eine Menge verlorener Zeit aufzuholen.
»Und außerdem solltest du dich ein bisschen beruhigen, Liebes«, hörte sie die Stimme ihrer Mutter in ihrem Kopf.
Sie schüttelte sich.
»Tut mir leid. Kein guter Morgen heute«, sagte sie. »Wie wär’s, wenn wir die Teilungen auf der anderen Seite des Gartens in Angriff nehmen?«
Jake nickte und lächelte. Wie üblich stand ihm der Sinn nach Arbeit. Bis ihr das Rähmchen entglitten und er von oben bis unten zerstochen worden war, hatte es keine Probleme gegeben.
Nun betrachtete Alice seinen rasierten Schädel, der von den Schwellungen der Stiche uneben war, und sein verquollenes Gesicht. Sie lachte.
»Himmel, Jake! Sieh dich mal an! Die Nachbarn werden das Jugendamt informieren!«
Er lachte. Dann rieb er sich mit beiden Händen die Kopfhaut und berührte vorsichtig sein geschwollenes Gesicht.
»Das hier ist der einzige Stich, der wirklich juckt«, sagte er. »Die anderen … keine Ahnung … irgendwie fühlt es sich gut an.«
»Okay, das reicht. Komm mir bloß nicht auf diese New-Age-Tour, von wegen Bienengift hat heilende Wirkung.«
Er hob eine Hand. »Auf keinen Fall, großes Pfadfinderehrenwort, Alice. Also, bringen wir es zu Ende.«
Als er sie davon überzeugt hatte, dass es ihm tatsächlich gut ging, arbeiteten sie durch bis zum Abend. Jake bestand darauf, wie üblich ohne Hut und Schleier in den Bienengarten zu gehen. Harry kam aus der Scheune und beobachtete sie aus sicherer Entfernung, ehe er sich auf den Weg zu Ace Hardware machte. Alice und Jake verlagerten sechs Schwärme in neue Beuten, die Harry gebaut hatte. Vom Stil her passten sie zu Alices alten Magazinbeuten, aber sie waren mit großer Sorgfalt hergestellt worden, jede Ecke wies eine Schwalbenschwanzverbindung auf und war glatt geschliffen.
»Harry ist ein echter Problemlöser, nicht wahr? Deine Werkbank ist auch ziemlich raffiniert.«
Jake fuhr mit einer Hand über die Werkbank auf seinem Schoß. »Er will mir eine bessere bauen«, sagte er. »Es ist nach wie vor schwierig, aber immerhin kann ich jetzt Rähmchen umsetzen und auf Brut überprüfen und so. Ich brauche zwar jemanden, der mir die Bruträume anreicht, aber es ist besser als nichts.«
Seine Stimme klang leicht frustriert, was ungewöhnlich war. Er war heute stiller als üblich gewesen, auch schon vor den Stichen, fiel Alice auf. Vermutlich dachte er noch über die Neuigkeiten vom Morgen und seine begrenzten Zukunftsaussichten nach.
»Du hast wirklich Talent, Jake. Du kannst stolz auf deine Arbeit sein«, sagte sie.
Er zuckte mit den Schultern.
»Hey, ich meine es ernst! Diese Sache mit dem Ton der Königin. Und ich kenne keinen anderen Imker, der vom ersten Tag an ohne Hut gearbeitet hat.«
Jake schaute zum Bienengarten hinüber, wich ihrem Blick aber aus.
Sie deutete auf den Garten um sie herum. »Sieh nur, was wir heute geleistet haben. Sechs neue Beuten. Allein hätte ich das niemals geschafft. Du warst mir eine große Hilfe, wirklich.«
Jake schüttelte den Kopf und wandte den Blick ab. »Das kann doch jeder Idiot«, sagte er.
Alice schnaubte. »Ach ja, jeder Idiot? Hör zu, mein Junge, du scheinst zu glauben, dass ich ständig mit Komplimenten um mich werfe. Aber es kommt weiß Gott nicht jeden Tag vor, dass ich rebellischen Teenagern Zuflucht biete. Hättest du deinen Beitrag nicht geleistet, wärst du in Nullkommanichts wieder weg gewesen. Ich mag ja aussehen wie Mutter Teresa, aber …«
Jake legte den Kopf in den Nacken und lachte. »Mutter Teresa! Das muss dein neuer Name bei Twitter werden, Alice, unbedingt. MomT!«
Auch Alice lachte, bis sie nach Luft schnappte. Mit verschwommenem Blick wandte sie sich wieder ihren Werkzeugen zu. Sie wollte nicht, dass Jake fortging. Inzwischen bedeutete er ihr etwas, dieser lustige Teenager, und dasselbe galt für den anderen … den nervösen Harry. Alice Holtzman mochte nicht sehr viele Menschen. Aber jetzt wurde ihr bewusst, dass sie sie liebte, diese beiden leicht orientierungslosen Jungs, die ihr vorkamen wie zwei verlorene Neffen.
Sie spürte, dass Jake vorgab, ihre Rührung nicht zu bemerken. Er öffnete den Smoker und blickte hinein.
»Ich weiß, du fragst dich, wie es mit der Arbeit weitergehen wird und so. Und ich danke dir, dass ich vorläufig noch hierbleiben darf. Ich möchte euch gern bei dem Prozess helfen, Alice. Ich will mich engagieren.« Er sah zu ihr auf.
Ihre Blicke trafen sich, und sie nickte. »Danke, Jake.«
Sie sah auf die Uhr. Es war fast fünf. Ron hatte endlich auf ihre Textnachricht geantwortet. »Twin Peaks, 17:30 Uhr«, hatte er geschrieben, sonst nichts. Ihr Magen verkrampfte sich. Aber dann dachte sie an Evangelina, und ihre Entschlossenheit kehrte zurück. Ron war nicht ihr Feind, sagte sie sich, auch wenn er in ihr möglicherweise eine Feindin sah.
»Ich bin in der Stadt mit jemandem verabredet«, sagte sie zu Jake.
»Noch ein Obstbauer?«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein … ist eine persönliche Angelegenheit. In ein oder zwei Stunden bin ich wieder da.«
Im Twin Peaks holte sich Alice einen Eistee und nahm an einem Tisch im Schatten Platz. Das Drive-in-Lokal im Stil der Fünfzigerjahre befand sich am Flugplatz des Countys. Eine Handvoll kleiner Maschinen waren am Boden festgemacht wie ein Schwarm angebundener Vögel. Bei einem befand sich der Motor im Leerlauf. Die Luke war offen, und der Pilot stand auf der Tragfläche. Alice dachte an einen Sommerabend vor einigen Jahren, an dem Buddys Freund Vince sie zum Dinner nach Portland geflogen hatte. Er würde mit oder ohne sie fliegen, hatte Buddy gesagt. Als sie sich dagegen sperrte, fragte er sie, wovor sie Angst habe.
»Hm, vor dem Abstürzen vielleicht? Dem Sterben? Was glaubst du denn, du Hornochse?«
Er lachte und machte sie darauf aufmerksam, dass sie statistisch gesehen eher bei einem Autounfall als bei einem Flugzeugabsturz sterben würde. Also stieg sie ein. Sie erinnerte sich, wie schön dieser abendliche Flug gewesen war. Beim Start war es bewölkt, der Westwind peitschte das kleine, emporstrebende Flugzeug. Als sie ihre Flughöhe erreicht hatten, flogen sie ruhig und ungestört dahin. Alice blickte über die Wolken hinweg und sah die alten Vulkane aus dem weißen Meer hervorragen. In einer Reihe standen sie in dem rosafarbenen Alpenglühen. Mount Hood und Mount Jefferson im Süden, Mount Adams, Mount Saint Helens und Mount Rainier im Norden. Sie saß auf dem Rücksitz des kleinen Flugzeugs und betrachtete das Profil ihres Mannes. Als Vince ihm das Steuer übergab, spürte Alice, wie die Angst von ihr abfiel. Sie blickte auf den Strom von Wolken hinab, der sich als Spiegelbild des Flusses über der Schlucht dahinwand. Bud Ryan würde sie überallhin folgen.
Eine Wagentür knallte zu, und sie sah Ron in seiner Sheriffuniform auf sich zukommen. Als er sie beinahe erreicht hatte, stand sie auf. Er lächelte nicht, runzelte aber auch nicht die Stirn. Was sollte sie tun? Ihm die Hand schütteln? Sie standen einander gegenüber, und Ron schien ebenso unbehaglich zumute zu sein wie ihr.
»Hi Alice«, sagte er.
»Hallo Ron. Danke, dass du gekommen bist.«
Darauf folgte verlegenes Schweigen. Alice deutete auf seine Uniform.
»Bist du im Dienst?«
Er schüttelte den Kopf. »Gerade zu Ende. Hatte noch keine Zeit, nach Hause zu fahren und mich umzuziehen.«
Sie nickte und betrachtete ihn genauer. War er nervös?
»Ich hole mir nur schnell eine …« Er zeigt mit dem Daumen über die Schulter. »Möchtest du auch etwas?«
Sie schüttelte den Kopf. Ron ging zum Getränkeautomaten und kam mit einer Coke zurück. Nachdem er ihr gegenüber Platz genommen hatte, rollte er die schwitzende Dose zwischen den Händen hin und her.
»Lange nicht gesehen«, sagte er.
Sie nickte. »Ja, das stimmt.« Mehr als ein Jahr, hätte sie beinahe hinzugefügt, obwohl sie das natürlich beide wussten. Sie betrachtete sein Gesicht, das ihr so vertraut war. Ron war sechs Jahre älter als Alice, also würde er in diesem Jahr fünfzig werden. Seine blonden Haare waren grauer geworden, die Krähenfüße um seine Augen herum tiefer. Aber ansonsten war er derselbe wie immer. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte dieser Mann ihr eine Art brüderliche Liebe entgegengebracht. Wie dem auch sei, es spielte keine Rolle, ob Ron sie immer noch hasste und für Buds Tod verantwortlich machte. Sie musste nur diese Nachricht loswerden, danach konnten sie zum Schweigen des letzten Jahres zurückkehren. Aber aus irgendeinem Grund redete sie einfach weiter.
»Ich habe Ronnie gesehen. Hab gehört, er ist jetzt hier bei der Polizei.«
»Ja. Seit dem letzten Herbst«, antwortete Ron. Er lachte auf und rieb sich mit einer Hand den Nacken. »Du kennst ihn ja. Er muss noch auf die Beine kommen.«
Alice nickte. »Das wird schon. Er ist ein guter Junge.«
Ron wandte den Blick ab, sah in Richtung Flugplatz und dann wieder zu Alice.
»Er hat mir erzählt, dass du zwei Jungs hast, die für dich arbeiten«, sagte er und beschränkte sich diplomatisch darauf, die Brauen hochzuziehen. Vermutlich hatte Ronnie ihm von Harrys schrottreifem Wohnwagen oben in BZ Corner erzählt, von Jakes Rollstuhl und der verrückten Frisur.
»Die beiden sind ziemlich geschickt.«
Ron nickte. »Es ist gut, dass du zu Hause ein bisschen Hilfe hast.« Sein Tonfall klang gekünstelt. »Du weißt, dass du uns jederzeit anrufen kannst«, sagte er, sah ihr kurz ins Gesicht und dann wieder hinüber zum Flugplatz. »Ich meine, mich und meine Jungs.«
Alice wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte.
Ron räusperte sich und senkte den Blick auf den Tisch. Das Schweigen schien ewig zu dauern, während Alice darauf wartete, dass Ron weitersprach. Als ihre Blicke sich schließlich trafen, war seine Miene voller Trauer.
»Weißt du, Alice, ich habe ein paar schreckliche Sachen zu dir gesagt, nachdem …« Er verstummte und atmete tief durch. »Nachdem Bud gestorben war. Unverzeihliche Dinge vermutlich. Ich war … Es tat einfach so schrecklich weh, ihn zu verlieren.« Er starrte auf seine Fäuste, und sie sah, dass ihm die Tränen kamen. Die Worte sprudelten nur so aus ihm heraus. »Ich denke jeden Tag an ihn, und ich denke an die Dinge, die ich zu dir gesagt habe. Ich wollte dich anrufen und mich bei dir entschuldigen. Ich dachte, du würdest nie wieder mit mir reden. Ich … es tut mir so leid. Ich hätte niemals …«
Seine Stimme brach.
Erneut wurde Alice klar, dass sie nicht erkannt hatte, wie sehr auch Buddys Familie um ihn trauerte. Eingeschlossen in ihren eigenen Schmerz hatte sie den der anderen nicht wahrgenommen. Schließlich hatten sie einander, und sie hatte geglaubt, das würde die Sache irgendwie leichter für sie machen. Wie konnte sie nur so selbstsüchtig sein? Sie streckte eine Hand aus und berührte ihn am Ärmel.
»Es gibt nichts zu verzeihen, Ron. Das ist Schnee von gestern. Buddy würde wollen, dass wir Freunde sind.«
Der große Mann blickte auf und nickte. Er wischte sich die Augen. »Das würde er, Alice. Da hast du recht.« Er lachte kurz auf. »Und eigentlich kannst du es mir nicht übel nehmen. Du kennst doch das Motto der Ryans: ›Erst schießen, dann Fragen stellen‹.«
Alice lächelte.
»Aber für Buddy galt das nicht«, sagte Ron. »Er kam eher nach Granny June. War immer gut drauf, der Kerl.«
Alice nickte. Sie spürte, wie Gefühle in ihr aufstiegen. Das Herz schlug heftig in ihrer Brust, und sie erlaubte sich, an sein Gesicht zu denken. Buds breites, neckendes Grinsen. Ihre Augen wurden feucht, aber das war okay. Sie konnte Liebe und Trauer in ein und demselben Moment empfinden.
Ron sah sie an, verschränkte die Arme und löste sie wieder voneinander, während sie sich zu beruhigen versuchte.
»Eure Mom hat immer gesagt, die gemeine Ader der Ryans hätte eure Generation übersprungen«, sagte sie und wischte sich die Augen.
Ron lachte, aber dann wurde seine Miene wieder ernst. »Also, was ist mit Evie?«
Alice atmete tief durch und erzählte ihm dann so kurz und bündig wie möglich von dem Vertrag zwischen SupraGro und dem County, von Bills Pensionierung, von Rich Carlsons Drohungen und von ihrer Kündigung.
Rons Miene verfinsterte sich. »Diese beiden«, fauchte er. »Keine Gewaltenteilung in dieser Stadt. Immer doppelt Kasse machen.«
Alice nickte.
»Und Evie? Was ist mit Evie?«
Alice wählte ihre Worte mit Bedacht.
»Jemand hat es mir gesteckt, ich habe es nicht selbst mitbekommen.«
Und dann erzählte sie ihm, eine Person habe zufällig gehört, wie Rich gesagt habe, einige von Evangelinas Angestellten in der Taqueria hätten keine Arbeitserlaubnis. Er könne dafür sorgen, dass sie deswegen schließen müsse, und sie wegen Lohnsteuerhinterziehung anzeigen.
Alice wusste, dass Evangelina für den Erfolg ihres Restaurants jahrelang hart gearbeitet hatte. Es war bei mexikanischen und weißen Familien gleichermaßen beliebt, einer der wenigen gemeinsamen Räume für beide Communities von Hood River. Und dieser Angriff würde nicht nur Evangelina treffen. Ihre langjährigen Angestellten verließen sich darauf, dass sie ihren Familien zu Hause in Mexiko regelmäßig Geld schicken konnten.
Ron fuhr sich fluchend mit einer Hand übers Gesicht.
»Rich hat angedroht, eine Nachricht auf dem Hinweistelefon der Einwanderungsbehörde zu hinterlassen. Natürlich um es mir auf dem Umweg über euch heimzuzahlen, klar. Eigentlich wollte ich selbst bei Evie anrufen, aber mein Spanisch ist furchtbar schlecht, und ich wollte sichergehen, dass sie mich versteht. Es tut mir wirklich leid, Ron«, sagte sie.
Ron seufzte. »Es ist nicht deine Schuld, Alice. Rich Carlson ist ein mieser kleiner Betrüger, und du sollst wissen, dass nichts davon stimmt. Evie hat den Laden fest im Griff, erst recht in diesen Zeiten. Im Grunde bietet sie eine Art kostenlose Rechtsberatung an. Sie hilft den Leuten, ihre Arbeitserlaubnis zu erneuern und sich um eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis und die Staatsbürgerschaft zu bewerben. Übrigens bist du nicht die Erste, die mir das erzählt. Carlson. Dieser kleine Scheißer. Überrascht mich nicht weiter, dass er das überall verbreitet. Danke, dass du es mir gesagt hast.«
Alice spürte, wie ihre Schultern sich entspannten. So viele Leute hielten in Sachen Einwanderung an ihrem Schwarz-Weiß-Denken fest, für sie gab es nur legal oder illegal. Dabei war die Sache viel komplizierter. Hier im Tal lebten sie alle mit den Grautönen. Mehr als ein Viertel der ständigen Einwohner waren mexikanisch-amerikanischer Abstammung. Viele Plantagenarbeiter waren Mexikaner, die während der Saison in Oregon arbeiteten und im Winter nach Hause zurückkehrten. Der Status dieser Leute war eine heikle Angelegenheit. Ihr Vater hatte ihr beigebracht, dass das schlichtweg niemanden etwas anging.
»Diese Wichtigtuer wollen jeden ausweisen, der keine GreenCard besitzt.« Al hatte geschäumt. »Diese Familien leben seit Generationen hier. Sie zahlen Steuern. Sie haben das Recht, hier zu sein, und wir sollten es ihnen leichter machen, dieses Recht in Anspruch zu nehmen.«
Ron verlagerte auf der Sitzbank das Gewicht. Sein Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. »Hast du dem ollen Rich Carlson also gesagt, dass er sich verpissen soll. Gut so, Alice. Und was willst du jetzt machen?«
Sie wisse es nicht, sagte sie. Zuerst müsse sie die Sache mit dem Prozess des Wasserschutzverbandes zu Ende bringen und den Plan in die Tat umsetzen, am übernächsten Freitag gegen die Spritzungen zu protestieren. Sie faltete die Karte auseinander und zeigte Ron die Obstplantagen auf der Route des Demonstrationszuges. Sie erzählte ihm von Doug Ransoms Liste, zog sie aus der Hosentasche und strich sie glatt. Dougs elegante Handschrift ließ sie erneut an ihren Vater denken, und sie verspürte einen Anflug von Zuversicht.
Ron streckte eine Hand aus. »Lass mal sehen«, sagte er. »Ich möchte euch gern helfen.«