Obwohl die Bienen, wenn sie im Frühjahr ihre Arbeit aufnehmen, in der Regel zuverlässige Hinweise liefern, ob alles in Ordnung ist oder ob das Verderben unter ihnen lauert, fällt es bei herkömmlichen Beuten manchmal schwer, die Wahrheit herauszufinden, falls der erste Flug unbemerkt vonstattengeht.
Jacob Stevenson erhielt im Examen die höchste Punktzahl in der Geschichte des Masterprogramms für Imkerei an der Oregon State University. Einhundertfünfundzwanzig Prozent einschließlich der Zusatzpunkte für eine Frage zum Thema Königinnenaufzucht. Noch bevor das Ergebnis im April-Newsletter des Studiengangs verkündet wurde, war er sich seiner Sache ziemlich sicher. Im Herbst und Winter hatte er einen Großteil des Lehrstoffs online bearbeitet und die Treffen des örtlichen Imkervereins besucht, um eine Bescheinigung über Grundkenntnisse der Bienenzucht zu erlangen. Am Tag der Prüfung fuhr ihn seine Mom zum Campus der OSU in Portland. Es war ein Samstag Mitte März. Das Wetter war chaotisch. Der Frühlingschinook ließ Regenbögen am Himmel erscheinen und Schauer über der Schlucht niedergehen. Jake hörte eine Sturmbö über den Fluss toben, und sein Magen rebellierte. Doch sobald die Prüfung begann, war er die Ruhe selbst. Er kannte den Stoff in- und auswendig, weil er ihm etwas bedeutete. Deshalb war er über sein mehr als perfektes Ergebnis zwar sehr erfreut, aber nicht sonderlich überrascht.
Natürlich machte die Prüfung nur die Hälfte des Masterprogramms für Imkerei aus. Die andere Hälfte bestand aus vierzig Stunden gemeinnütziger Arbeit. Dafür hatte sich Jake mit einem Naturkundelehrer der Grundschule in der May Street zusammengetan und sich bereit erklärt, den Dritt- und Viertklässlern bei der Entwicklung eigener Bienenstöcke zu helfen. Seit Januar brachte er ihnen bei, wie der Lebenszyklus einer Honigbiene aussieht. Mithilfe von Fotos und Zeichnungen veranschaulichte er ihnen alles Wichtige über Arbeiterinnen, Drohnen und die Königin. Er erklärte den Kindern, wie Bienen Nektar in Honig verwandeln und welchen Bedrohungen ein gesundes Bienenvolk ausgesetzt ist: Varroamilben, Wachsmotten, Hungertod und, vor allem, menschengemachte Pestizide.
Als Teil der gemeinnützigen Arbeit hatte Jake außerdem geholfen, den Kontakt zwischen ortsansässigen Bienenzüchtern und Doktoranden herzustellen, die die Wirkungen kommerzieller Pestizide auf Honigbienen untersuchten. Nach der Auseinandersetzung mit SupraGro lud der Beratungsdienst eine Gruppe von Promotionsanwärtern zu einer Tour durch das Tal ein. Vier Studenten hatten eine Studie zum Zusammenhang zwischen örtlicher Obstproduktion und Bienenpopulationen vorgelegt. Ein genaueres Verständnis des symbiotischen Verhältnisses beider Ökosysteme ist vermutlich ein Silberstreif am Horizont, dachte Jake.
An diesem Apriltag saß er außerhalb der Grundschule in dem Schmetterlingsgarten, in dem sie die Bienenstöcke ansiedeln würden, wie Jake und der Lehrer gemeinsam beschlossen hatten. Der Garten gehörte zu einem neuen Forschungszentrum, das im Hinblick auf Barrierefreiheit sowohl im Gebäudeinneren als auch in den Außenanlagen auf dem neuesten Stand war. Noah hatte ihn dort abgesetzt und ihm beim Ausladen der Ableger geholfen. Jake wollte selbst fahren, aber sein umgebauter Subaru, bezahlt mit einem netten Zuschuss von The Mobility Resource, würde erst in einer Woche einsatzbereit sein. Er konnte es kaum noch erwarten, hinter dem Steuer seines eigenen Wagens zu sitzen.
Nach bestandener Führerscheinprüfung hatte ihn Chris, sein Berater, in seinem eigenen Wagen, einem bestens ausgestatteten Honda Pilot, ein bisschen üben lassen. Jake hatte sie beide zu einem Treffen seiner Unterstützungsgruppe in Portland gefahren. Als er auf die Autobahn fuhr und beschleunigte, bekam er einen Adrenalinstoß und schrie aus vollem Hals.
Chris boxte ihm lachend gegen die Schulter. »Fahr bloß meinen Wagen nicht kaputt, Kleiner!«
Jake wusste, dass er früh dran war, aber er freute sich, in der Sonne zu sitzen und auf die Kinder aus Ms Unalitins Klasse zu warten. Er legte je eine Hand auf die beiden hölzernen Ablegerkästen, die er mitgebracht hatte, und spürte das leise Vibrieren der Bienen darin. Jeder Ableger enthielt fünf Rähmchen mit ausgebauten Waben, Honigbienen, gesunde Brut und eine dicke, fette Königin. Die Bienen bildeten bereits so etwas wie eine glückliche Familie, sodass das Umsetzen der Rähmchen in aller Ruhe vonstattengehen würde. Bevor er sie in die frisch gestrichenen Beuten hängte, konnte Jake den Kindern die verdeckelte Brut zeigen, die unverdeckelten Larven und die Eier auf den Rähmchen. Wenn sie genug Zeit hatten, würde er sie einen Blick auf die Königin werfen lassen. Die meisten Kinder würden zu ängstlich sein, um mit den Rähmchen zu hantieren, aber falls es jemand versuchen wollte, würde er ihm zeigen, dass er langsam und behutsam arbeiten musste, genau so, wie Alice es ihm letztes Jahr beigebracht hatte.
Und genau so, wie er es Amri gelehrt hatte. Da sie vorsichtiger war als er, trug sie die ersten drei oder vier Mal einen kompletten Imkeranzug, saß einfach da und sah ihm bei der Arbeit zu. Er erinnerte sich an Harrys erste Begegnung mit den Bienen, darum setzte er sie nicht unter Druck. Während er die Rähmchen überprüfte und die Entwicklung jedes neuen Bienenstocks dokumentierte, stellte sie ihm Fragen. Im Gegensatz zu Jake hatte sich Amri nicht sofort in die Bienen verliebt, und das passte zu ihr. Amri empfand tief, aber es dauerte eine Weile, bis sie ihre Gefühle zeigen konnte.
In dieser Hinsicht unterschied sie sich deutlich von ihren Eltern. Wie Ken war auch seine Frau Olivia Anwältin für Sozialrecht, aber während der Schwangerschaft mit Amrita, deren Name »Nektar« auf Sanskrit bedeutete, hatte sie als Yogalehrerin gearbeitet. Die kleineren Kinder hatten irdischere Namen – River, Sage und Tierra –, aber Amris Eltern legten nach wie vor großen Wert auf Kommunikation und das Ausdrücken ihrer Gefühle. Als sie Jake das erste Mal einluden, teilte Olivia ihm vorher telefonisch mit, dass das Haus über eine rollstuhlgerechte Rampe verfügte. Obwohl Amri ihm das bereits gesagt hatte, fand er es sehr nett von Olivia, ihn deswegen extra anzurufen. Bei Tisch sagte jedes Familienmitglied vor dem Essen, wofür es dankbar war. Amri verdrehte die Augen, aber die kleineren Kinder störte es nicht weiter. Für Tierra, die seit Kurzem aufs Töpfchen ging und ganz verliebt in ihre Kleinmädchen-Unterwäsche war, standen Eis, Dreiräder und Einhorn-Höschen weit oben auf der Liste. Jake fand das cool, denn in seiner Familie hatte es keine gemeinsamen Mahlzeiten mehr gegeben, seit er zwölf war, und Geschwister hatte er nicht. Er sagte, er sei dankbar für Honigbienen, gute Freunde und seinen Hund, wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Jake begriff, dass Amri zwar reserviert wirkte, innerlich aber sehr intensiv empfand. Und sobald ihm das klar geworden war, erkannte er mühelos ihre Zuneigung zu ihm. Sie liebte ihn, das wusste er. Bei dem Gedanken wurde ihm immer noch schwindelig.
Am Abend zuvor hatte sie auf der Farm zu ihm gesagt, sie wolle am nächsten Tag die Schule schwänzen und ihn begleiten, aber das ließ Jake nicht zu.
»Sei ’ne Coole, geh zur Schule«, imitierte er Mr T., so gut er konnte. »Hinterher kannst du mir immer noch helfen.«
Amri zuckte mit den Schultern, beugte sich über ihn und küsste ihn, ehe sie in ihren Wagen stieg.
»Bis bald, mein Hübscher.« Die grünen Augen leuchteten unter ihren dunklen Haaren.
Da geht sie hin, meine Freundin, dachte er. Das war sie bereits seit fast einem Jahr, und noch immer ließen diese Worte sein Herz schneller schlagen. Sie überstürzten nichts, aber beim nächsten Check-up konnte er Dr. Gunheim berichten, dass offenbar alles funktionierte.
Als Amri weg war, rollte Jake hinaus auf den Hof, um sich den Sonnenuntergang anzusehen. Er holte seine Trompete heraus. Das Gewicht des polierten Messings in seiner Hand fühlte sich vertraut und tröstlich an. Eine Zeit lang spielte er Tonleitern, was jedes Mal Red Head Neds Misstrauen erregte. Der kleine Draufgänger stakste auf Jake zu und patrouillierte dann minutenlang auf der Grenze zum Hühnerhof, als müsse er ihm ins Gedächtnis rufen, wer hier der Boss war. Jake beendete die Tonleitern und spielte Up Jumped Spring, ein Stück, an dem er den Winter über gearbeitet hatte. Er fand, der Song war den Bienen und der Jahreszeit angemessen. Die Phrasierung spiegelte die schnellen, anmutigen Bewegungen der Bienen und ihre eifrigen Flugmuster, mit denen sie glücklich auf- und über die Wiese flogen. Konnten die Bienenköniginnen die Musik hören? Jake hoffte es. Vielleicht würden sie verstehen, was dieses Stück war: ein Liebeslied, eine Opfergabe, eine Hymne der Dankbarkeit für sein neues Leben und die unerwarteten Freuden, die es mit sich brachte.
Nun betrachtete Jake die beiden Beuten, die die Dritt- und Viertklässler gebaut hatten, um die beiden Ableger darin unterzubringen. Die Beute der dritten Klasse war eine traditionelle Magazinbeute wie diejenigen, die er zuerst bei Alice gesehen hatte. Dasselbe galt für die Beute der Viertklässler, aber diese war horizontal ausgerichtet. Sie hatte dieselbe Anzahl Rähmchen, die gleiche Innen- und Teleskopabdeckung. Sie war nur lang anstatt hoch. Manche nannten so etwas eine Blätterbeute, aber das hier war eine Stokes-Beute, wie er den Kindern erklären und dabei schief grinsen würde. Inzwischen kümmerte sich Jake selbst um drei solche Beuten, und wie Harry prophezeit hatte, gediehen sie ebenso prächtig wie die traditionellen Bienenstöcke.
Harry sagte, die Idee zu der horizontalen Beute sei ihm nach seiner ersten Kitesurfing-Stunde bei Yogi gekommen. Die Erfindung war eine Folge der Betrachtung eines physikalischen Problems aus verschiedenen Blickwinkeln. Wenn eine Beute komplett horizontal angeordnet war, konnte Jake an beiden Enden neue Zargen hinzufügen. Die Bienen würden einfach zur Seite anstatt nach oben weiterbauen.
»Sie haben Jahrtausende in Baumstämmen und irgendwelchen Löchern genistet, bevor wir ihnen Beuten gebaut haben, warum also nicht?«, hatte sein Freund argumentiert, als er Jakes skeptische Miene sah.
Es war ein unverhofftes Geschenk. Harry hatte ihm die Beute am Morgen des Marsches im letzten Mai geschenkt. An dem Tag, an dem ihn Fred Paris’ Schlägertrupp angegriffen hatte. Was für ein Fiasko. Stokes. So ein verrückter Kerl. Jake vermisste ihn.
Er fröstelte in der Aprilkälte und drehte den Stuhl so, dass ihm die Sonne ins Gesicht schien. Er legte eine Hand auf den einen Ablegerkasten, die zweite auf den anderen. Er schloss die Augen und lauschte. Ja, da war es, das klare, eindringliche Gis.
Es klingelte. Die Tür flog auf, und die hellen Stimmen von zweiundzwanzig Drittklässlern, die in einer Reihe hinter ihrer Lehrerin das Schulgebäude verließen, erfüllten die Luft. Sie winkten, lächelten und riefen Jakes Namen.
Im Januar, an seinem ersten Tag in dieser Klasse, war er in das Klassenzimmer gefahren, und alle hatten seinen glänzenden kahlen Kopf und den Rollstuhl angestarrt. Ms Unalitin stellte ihn vor und erklärte den Kindern, dass er ihnen alles über Honigbienen beibringen würde. Ein kleines Mädchen senkte den Kopf und begann leise zu weinen. Die Lehrerin wirkte verlegen.
»Hör mal, Ruby«, sagte sie. »Weißt du noch, worüber wir gesprochen haben?«
Aber Jake hob eine Hand.
»Ist schon in Ordnung, Ms U. Darf ich Sie Ms U nennen? Die meisten Kinder haben so einen coolen Rollstuhl wie meinen noch nie gesehen. Sie wissen nicht, was sie davon halten sollen.«
Er drehte sich wieder zur Klasse.
»Okay. Wie viele von euch können Fahrrad fahren?«
Mehrere Kinder hoben zögerlich die Hand.
Er legte den Kopf schief. »Wirklich? Nur sechs? Sonst keiner mehr hier, der Rad fahren kann?«
Weitere Hände gingen hoch.
»Ah, schon besser«, sagte er. »Und wie viele von euch Radfahrern können nur auf dem Hinterrad fahren?«
Erneut schossen Hände in die Höhe, und die Kinder beugten sich über ihr Pult.
»Wahnsinn!«, sagte Jake. »Und wie viele von den Hinterrad-Fahrern kriegen einen Manual hin?«
Die Kinder nahmen die Hände wieder herunter und sahen unsicher aus.
»Ein Manual«, erklärte Jake, »ist ein Wheelie plus eine 360°-Drehung.«
»Oh!«, rief ein dicklicher Junge, der auf seinem Stuhl kniete und mit der Hand wedelte. »Mein großer Bruder kann das! Er geht hoch und dreht sich dann!«
Der Junge sprang von dem Stuhl herunter und wirbelte im Kreis herum. Die anderen Kinder lachten.
»Setz dich wieder hin, Joshua!«, rief Ms Unalitin, lächelte aber dabei.
Die Kinder blickten wieder zu Jake. Er erhob sich auf die Hinterräder, vollführte eine komplette Drehung in die eine und gleich darauf in die andere Richtung.
»Das hier ist ein 720er, Kinder! Ein Wheelie mit einem doppelten Manual. Seht mal!«
Sie klatschten und jubelten und riefen: »Mach das noch mal! Noch mal!«
Nun strömten sie auf Jake zu, ihre kleinen Gesichter kamen ihm sehr vertraut vor. Ruby, das Mädchen, das geweint hatte, schlich sich an ihn heran und stützte sich auf die Armlehne seines Rollstuhls. Ihr Atem roch nach Honigkeksen. Die Kinder umringten ihn und öffneten die Reißverschlüsse ihrer Jacken, weil es allmählich wärmer wurde.
»Hey Leute!«
»Hi Jake!«, riefen sie.
»Ich freue mich, euch heute zu sehen. Es ist ein ganz besonderer Tag. Wisst ihr noch, warum?«
Kleine Hände schossen hoch, und Jake zeigte auf Barbara, eine Schönheit mit Zahnlücke und langen schwarzen Haaren. Sie war eine Cousine von Celia. Als er sie aufrief, wurde sie auf einmal schüchtern.
»Heute ist Bee Day«, flüsterte sie. »Día de las abejas.«
»Genau!«, rief Jake triumphierend. »In der May Street Elementary ist Bee Day! Und ich stelle euch heute eine Königin, ihre schwer arbeitenden Töchter und ein paar faule Drohnen vor. Fangen wir an.«
Alice Holtzman hatte den ganzen Morgen gute Laune gehabt, sogar schon, bevor sie feststellte, dass ihr blaues Lieblingskleid ihr wieder passte. Sie schlüpfte mit Armen und Kopf hinein und zog den Stoff sanft über ihre Hüften hinunter. Sie schloss den Gürtel an der Taille und sah sich im Spiegel an, nahm die Schultern zurück und schob sich die Haare hinter die Ohren. Es war ein hübsches Kleid und ihr alter Begleiter für besondere Anlässe. Wann hatte sie es zuletzt getragen? Bei einer Geburtstagsfeier der Ryans? Sie liebte dieses Blaugrau, das ihrer blassen Haut schmeichelte. Dennoch zog sie es wieder aus, denn sie fand es viel zu schick. Für ihren Besuch im Gerichtsgebäude des Hood River County würden eine lange Hose und eine hübsche Bluse genügen.
Alice hatte nicht mit der Klage gerechnet, die in der Planungsabteilung des Hood River Countys eingeschlagen war wie eine Bombe. Verstärkte Kontrollen nach dem Konflikt mit SupraGro hatten größere Unstimmigkeiten im Budget des Countys enthüllt, und es kam ans Licht, dass Bill Chenowith mehr als eine Million Dollar veruntreut hatte. Heute würde Richter Weisfield offiziell das Urteil verlesen, über das die Zeitung bereits berichtet hatte. Bill würde die nächsten zwanzig bis vierzig Jahre im Staatsgefängnis von Oregon verbringen.
Debi Jeffreys war diejenige gewesen, der es aufgefallen war. Debi, die missmutige Büroleiterin. Akribisch hatte sie die Finanzunterlagen des Bezirks durchkämmt und war zu dem Schluss gekommen, dass Bill jahrelang Geld abgeschöpft hatte. Auch Debi hatte schon länger keine Gehaltserhöhung mehr bekommen, musste aber drei kleine Kinder versorgen.
Stille Wasser sind eben tief, dachte Alice bei sich.
Sie zog ein Paar dunkelblaue Schuhe mit flachem Absatz an. Sie saßen eng, darum entschied sie sich für andere Socken.
Beim Gedanken an Bill schnaubte sie verächtlich. Diese Enthüllung erklärte einiges, zum Beispiel, warum das Budget immer so knapp war und wovon Bill sein nettes Boot bezahlte, das in der Marina von Hood River vor Anker lag. Nancy wurde sofort auf ihren alten Posten zurückgestuft, und das County suchte noch immer nach Ersatz für Bill. Rich Carlson hatte ihr eine E-Mail geschrieben, in der er sie fragte, ob sie in Betracht ziehen würde, sich um Bills Stelle zu bewerben. Als Chenowiths Straftaten herauskamen, habe er, Rich, einen Gesinnungswandel durchlebt. Er habe ihre gute Arbeit nicht ausreichend gewürdigt, das sei ihm nun klar. Er hoffe aufrichtig, dass sie eine Rückkehr in Betracht ziehen würde, und ihre Betriebsrente würde selbstverständlich wie geplant Anfang nächsten Jahres ausgezahlt werden. Alice hatte die E-Mail gelöscht, ohne zu antworten.
Sie trat auf die Veranda hinaus. In der Erwartung, Harry dort zu sehen, wanderte ihr Blick wie von selbst zur Scheune hinüber. Es versetzte ihr jedes Mal einen kleinen Schreck, die Tür zum Schlafraum zu sehen, die so fest geschlossen war wie das Auge eines Träumenden. Dieser tollpatschige Junge fehlte ihr.
Alice blickte auf die Uhr. Ihr blieb noch ein wenig Zeit, bevor sie beim Gericht eintreffen musste. Sie ging die Stufen hinunter in Richtung des ursprünglichen Bienengartens, des eingezäunten Bereichs, der von anfänglich wenigen Beuten bis auf fünfzig im letzten Jahr angewachsen war, nachdem Jake gekommen und geblieben war. Sie lächelte. Was für ein verrücktes Jahr. Sie stand am Zaun und blickte auf die weite Fläche, wo einst die Beuten gestanden hatten. Anstelle der weiß gestrichenen Kästen auf hohen Ständern standen nun lauter Blumen in dem Garten – Frühblüher wie Heidekraut, Fingerhut und Sonnenwenden –, die als rosafarbene, hellviolette und blaue Farbtupfer ins Auge fielen. Die Luft war von ihrem Duft erfüllt, dem schweren Aroma bienenfreundlicher Pflanzen. Sie schloss die Augen und atmete es ein. Der Sommer würde Salbei, Eisenkraut, Lavendel, Blauraute und Sonnenblumen hervorbringen. Der Blumengarten war Jakes Idee gewesen. Er sah ein weiteres großartiges Werkzeug darin, um die Kinder aus der May Street zu unterrichten.
Die Luft um sie herum summte vor goldenen Honigbienen, die über die Wiese geflogen kamen, um sich auf den Blumen niederzulassen. Im Spätsommer des Vorjahres war Alice klar geworden, dass einhundert Bienenstöcke trotz der Verluste zu Beginn des Frühjahrs ein durchaus realistisches Ziel darstellten. Aber für derart viele Beuten war in dem alten Bienengarten kein Platz, darum hatte sie die Völker in Ransoms Obstgarten verlegt. Alle bis auf eines hatten den Winter überlebt. Nun besaß Alice genug Platz und die nötigen Ressourcen, um so groß zu werden, wie sie wollte. Mit etwas Glück und ein paar Teilungen konnte sie im Juli bei ungefähr einhundertfünfzig Bienenvölkern sein.
Alice spähte hinüber in den Obstgarten. An den Bäumen hingen pralle Blüten, die sich bald den wärmer werdenden Frühlingstagen ergeben und zu einer weißen Decke explodieren würden, deren Bestandteile der Westwind wie Schaum hin und her werfen würde. Dann würden die Bienen besonders fleißig sein. Und dasselbe galt für Alice, die nun doppelt gesegnet war, mit Honig und mit Früchten.
Am Ende des letzten Sommers hatte sie Doug die Obstplantage abgekauft. Er hatte ihr den Vorschlag an einem Augusttag gemacht, als sie Tee trinkend auf seiner Veranda saßen. Sie redeten über das Treffen der Bezirkskommission, der Stan den Vorschlag unterbreitet hatte, einige Pestizide von den Plantagen zu verbannen und den Gebrauch anderer zu begrenzen. Es war noch keine Wende, aber immerhin ein Anfang.
»Die Macht der Gewohnheit«, dachte sie laut.
Doug nickte. »Aber Menschen können sich ändern, Alice. Diese Jungs sind verdammt konservativ, aber sie lieben ihre Bäume. Lass ihnen ein bisschen Zeit … Aber was ist mit dir? Was kommt als Nächstes?«
Alice sagte, sie wisse es nicht. Sie sah sich Anzeigen für Jobs in Portland an, zu denen sie pendeln müsste, hatte aber noch nichts gefunden. Zu diesem Zeitpunkt unterbreitete Doug ihr den Vorschlag mit der Plantage.
»Du weißt, dass meine Kinder sie nicht haben wollen, Alice. Und ich will nicht nach Seattle ziehen. Ich in der Großstadt? Unmöglich.«
Doug bestand darauf, dass sie den Kaufpreis in Form einer Schuldverschreibung direkt bei ihm abbezahlen sollte, damit sie kein Darlehen aufnehmen musste. Alice wollte dieses großzügige Angebot ablehnen, aber letztlich ließ ihr Herz das nicht zu. Natürlich wollte sie die Obstplantage. Es war, was sie immer gewollt hatte, seit sie als Viertklässlerin in Miss Tooksburys Unterricht gesessen hatte. Ja, sagte sie, so würden sie es machen. Doug konnte so lange in dem Haus leben, wie er wollte und dazu in der Lage war, und zwar mietfrei. Als Teil des Deals versprach Alice seinen Kindern, jeden Tag nach ihm zu sehen und ihm bei Einkäufen und Besorgungen zu helfen. Zeit mit Doug zu verbringen … nun, das fiel ihr nicht schwer. Es würde dafür sorgen, dass sie ihre Eltern weniger vermisste.
Alice Holtzman war nun Obsterzeugerin und Bienenzüchterin. Ihre erste Äpfel- und Birnenernte würde sie in diesem Herbst zusammen mit einer weiteren riesigen Honigernte einfahren. All das fühlte sich vollkommen richtig an, so als hätten sich die Dinge einfach so ergeben. Das erzählte sie Dr. Zimmerman bei ihrer Abschlusssitzung, bei der sie beide zu dem Schluss kamen, dass Alice offensichtlich auf dem Weg der Genesung war und die Vergangenheit hinter sich gelassen hatte.
»Jetzt machst du wieder dein eigenes Ding«, hörte sie die Stimme ihrer Mutter sagen.
»Zäh wie Leder, so kenne ich dich«, sagte ihr Vater.
Alice hörte lautes Jaulen und sah Cheneys braunen Körper von Dougs Haus her über die Wiese rennen. Cheney und Doug waren inzwischen dicke Freunde. Der große Hund verschlang das Frühstück, das Jake ihm in den Fressnapf schüttete, und trottete dann zum Nachbarn hinüber, um irgendeinen Leckerbissen abzustauben, den er für ihn aufbewahrt hatte.
Alice ließ Cheney ins Haus. »Benimm dich, Großer. Nicht aufs Bett springen.«
Seine Rute klopfte auf den Teppich, und er trabte über den Flur zu Jakes Zimmer.
Bei der Bienenzucht war Jake ihr inzwischen ein gleichwertiger Partner, der den Amateurstatus im letzten Sommer offiziell hinter sich gelassen hatte, als sie am Ende der Saison eintausendvierhundert Liter Honig geerntet hatten. Sie hatten den Großteil der Woche gebraucht, um mit Amris, Noahs und Celias Hilfe den Ertrag zu ernten und abzufüllen. Die Werkstatt hatten sie in ein Fließband verwandelt, wo sie abwechselnd mit dem Heißschneider die weichen Wachsdeckel von den Honigrahmen geschnitten hatten. Gemeinsam hatten sie die tropfenden Rähmchen in die Schleuder geladen, den Honigfluss überwacht und den dicken goldenen Sirup gesiebt, der herausgeschleudert wurde. Es war eine klebrige, wundervolle Arbeit. Celia hatte die Wachsdeckel ausgesiebt und Kerzen daraus hergestellt. Im Herbst verkauften sie den Honig für zwanzig Dollar pro Liter auf dem Stadtfest in Hood River. Danach stellten sie Jakes Mutter ein, die sich um die Buchführung kümmerte, und die Firma Queen of G Honey ging an den Start. Ron und seine Neffen halfen, die Beuten in den Obstgarten zu bringen, und bauten außerdem das Netzwerk von Rampen auf, das sich nach Jakes Plänen über den gesamten Bienengarten erstrecken sollte.
Jake ergriff weitaus bereitwilliger die Initiative als die meisten Jugendlichen in seinem Alter. Finanziell geht es ihm mit Sicherheit besser als mir selbst mit neunzehn, dachte Alice ironisch. Dank Amris Vater und seinem Anwaltswissen verfügte der Junge über einen Fonds, der seine Beteiligung an dem Honiggeschäft und seine Invalidenrente schützte. Und auch in anderer Hinsicht war er ein Glückskind. Er hatte vor, Königinnen zu züchten und Bienen, die durch Kreuzung milbenresistent waren, was das Wachstum von Queen of G weiter in Höhen treiben würde, die sie nie für möglich gehalten hätte. Lachend schüttelte sie den Kopf. Jakes Begeisterung überraschte sie immer wieder aufs Neue.
Alice stieg in ihren Pick-up, fuhr die lange Zufahrt hinunter und in die Stadt. Sie kam an der Highschool und der Tankstelle vorbei. Bei der Taqueria verlangsamte sie das Tempo und machte sich im Geist eine Notiz, Evangelina anzurufen und sie zu fragen, was sie ihrer jüngsten Tochter zur Quinceañera am nächsten Wochenende mitbringen könnte. Der Montag nach der ausschweifenden Party für das Mädchen war Buds Geburtstag. Ihr wurde leichter ums Herz bei dem Gedanken, dass sie den Tag davor mit seinen Eltern, Ron und Evie, dem kleinen Ronnie und den anderen Nichten und Neffen verbringen würde. Mit ihrer Familie. Jake und Amri würden auch kommen, und sie überlegte, Stan einzuladen.
Wie sie vermutet hatte, war Stan ein Mann, den kennenzulernen sich lohnte. Nach dem ersten Bier im pFriem im letzten Sommer hatten sie eine Wanderung auf dem Mount Hood unternommen.
»Wandern! Na, das sorgt für gesunde Gesichtsfarbe!« Sie konnte das Lachen ihrer Mutter beinahe hören.
Sportliche Übungen hatten sich bei Holtzmans immer auf schwere Arbeit beschränkt, aber nun hatte Alice das Wandern für sich entdeckt. Im Lauf des Sommers zeigte Stan ihr seine Lieblingswege oben auf dem Berg, an Bächen und Wasserfällen entlang. Sie und Stan … Wie hätte ihr altmodischer Vater es genannt? Sie leisteten einander Gesellschaft. Es war nichts Ernstes.
Alice fuhr am Little Bit Grocery and Ranch Supply vorbei, den sie nun nicht mehr in den späten Abendstunden frequentierte. Wenn sie hinfuhr, freute sie sich auf Begegnungen mit den Menschen, die sie kannte, mit alten wie mit neuen Freunden. Sie zog den Sicherheitsgurt von ihrem Hals weg und öffnete ihren Hosenknopf, weil es einfach bequemer war. Dann legte sie den Ellbogen in das offene Fenster und fuhr durch ihre kleine Stadt zum Gericht, um mitzuerleben, wie ein wenig lokale Gerechtigkeit geübt wurde.
Harry wartete in der Schlange vor der Dusche. Unter den einen Arm hatte er sich seine saubere Kleidung geklemmt, unter den anderen seinen Kulturbeutel. Er hatte auf die harte Tour lernen müssen, dass alles, was er herumliegen ließ, von einem der anderen Jungs geklaut wurde.
Er lehnte sich an das Waschbecken und betrachtete sich selbst im Spiegel. Den Schnauzbart hatte er behalten dürfen, wofür er dankbar war. Es dauerte so lange, bis er nachwuchs, und es wäre verdammt schade gewesen, ihn wegen irgendeiner Verordnung über Gesichtsbehaarung abrasieren zu müssen.
Er sah auch stärker aus. Darauf war er stolz. In letzter Zeit hob er Gewichte und lief dreimal die Woche, und er fühlte sich fitter als je zuvor. Die Arbeit, die sie ihn verrichten ließen, war körperlich derart anstrengend, dass es sich lohnte, möglichst fit zu sein. Auf diese Art minimierte er das Verletzungsrisiko.
In einer der Kabinen drehte jemand das Wasser ab, und Harry hörte lautes Pfeifen und einen tiefen Bariton, der sang: Shake Your Moneymaker. Der Vorhang wurde beiseitegezogen, und heraus kam Yogi, bekleidet mit frischen Board Shorts und einem T-Shirt. Er erblickte Harry, ließ seine schmutzige Kleidung fallen und stürzte sich in ein Luftgitarren-Solo, bei dem die langen, nassen Haare flogen. Er beendete das Ganze mit einem Sprungtritt.
Harry klatschte langsam Beifall, als Yogi durch die hohlen Hände das Geräusch kreischender Fans andeutete.
»Danke, South Padre Island!«, flüsterte er laut.
Harry lachte.
»Und? Biste schon auf Koks, Stokes?«, fragte Yogi. »Wir sind mal wieder für dieses Rudel Hosenscheißer aus L. A. verantwortlich.«
Harry stöhnte und schlurfte in die Duschkabine. »Du musst diese schrecklichen Zwillinge übernehmen, Yogi. Die hören einfach nicht zu.«
»Das ist, weil sich ihr Verstand gerade in ihren Eiern befindet. Sie sind fünfzehn, was erwartest du da? Du kommst schon mit ihnen klar, Stokes. Und weißt du, warum? Weil du immer auf Koks bist!«
Den letzten Satz brüllte er durch den Raum, während er das Badezimmer bereits verließ.
Yogi hatte Harry einen Job für die Saison bei South Padre Kiteboarding Adventures besorgt. In Texas dauerte die Saison von Oktober bis Mai, was den dunklen und verregneten Monaten oben im Norden entsprach. Yogi arbeitete schon seit Jahren für SPKA. Nachdem er miterlebt hatte, wie sich Harry im Sommer immer wieder selbst übertroffen hatte, bot er ihm an, mit seinem Chef zu reden. Harry packte die Gelegenheit beim Schopf. Er würde zwar die Ernte im Herbst verpassen, aber Alice sagte, sie erwarte ihn am Ende des Frühjahrs zurück.
»Alle Mann an Bord diesen Sommer, Harry«, sagte sie.
Er freute sich sehr, dass es bei Alice immer noch einen Platz für ihn gab. Er hatte nicht gewusst, ob sie ihn behalten würde, nachdem er ihr von dem Raubüberfall mit den Fernsehern und seiner Zeit im Gefängnis erzählt hatte. Er erinnerte sich, wie er an dem Tag, an dem er den SupraGro-Tanklaster gestohlen hatte, in der Küche gestanden und die ganze alberne Geschichte noch einmal erzählt hatte. Die Worte strömten nur so aus ihm heraus, während er auf Alices Füße starrte. Sie hatte ihre Arbeitsstiefel ausgezogen, und Harry konnte sehen, dass eine ihrer Socken ein Loch hatte. Als er fertig war, stützte Alice die Hände auf die Knie und atmete durch. Sie sah verärgert aus. Harry wappnete sich.
»Diese kleinen Scheißkerle!«, rief sie. »Schieben dir die ganze Schuld zu. Das klingt, als müsste man den beiden mal kräftig in den Arsch treten.«
Harry starrte sie an, und Alice zuckte mit den Schultern.
»Hör zu, ich habe dich nicht nach deinem Vorleben gefragt, also hast du es mir nicht erzählt. Du hast mir Referenzen genannt, aber ich habe die Leute nie angerufen. Na also.« Sie stand auf. »Wer möchte noch Kuchen?«
Und damit verschwand sie in der Küche.
Harry blickte Jake an, der ein Lachen unterdrückte.
Es fühlte sich gut an, die Wahrheit zu sagen, obwohl er sie nicht hätte sagen müssen. Als sie ihn wegen des Lkw-Diebstahls festgenommen hatten, glaubte er, dass nun alles herauskommen würde.
Oben bei Onkel Hs altem Zuhause war er aus der Fahrerkabine geklettert und dem blinkenden Blaulicht auf dem Jeep des Sheriff Departments gegenübergetreten. Er bereute keineswegs, was er getan hatte, nicht im Geringsten, nicht einmal, als er seiner Festnahme entgegensah. Er wollte helfen, auch wenn seine Tat die Spritzung nur um wenige Tage hinauszögern würde. Das war immerhin etwas.
Die Tür des Jeeps öffnete sich, und Ronnie stieg aus. Er schlug sie wieder zu und näherte sich Harry mit großen Schritten.
»Kumpel! Was zum Teufel machst du denn hier?« Sein Gesicht glänzte vor Schweiß. »Ich hab das Blaulicht schon seit der Brücke an.«
»Oh, tut mir leid, Mann. Ich … ich habe dich nicht bemerkt. Ich wäre rechts rangefahren, wenn …«
»Ich weiß einfach nicht, wie ich dieses verdammte Martinshorn einschalten soll!«, sagte Ronnie unglücklich. »Ich glaube, es hat einen Kurzschluss oder so. Oh, fuck.«
Harry öffnete die Tür des Jeeps und suchte nach dem Sicherungskasten. Er fand eine herausgesprungene Sicherung und legte sie wieder um, dann drückte er auf den Knopf für das Martinshorn und ließ es eine Weile heulen.
»O Mann! Danke, Kumpel«, sagte Ronnie.
Harry wusste, dass Ronnie ihn festnehmen musste. Er erzählte ihm von seiner alten Gerichtsakte und verriet ihm, welches County er anrufen musste, um die Einzelheiten zu erfahren.
Ronnie lehnte an der Tür des Jeeps, nahm seinen Hut ab und fuhr sich mit einer Hand durch sein kurzes dunkles Haar. Das werde nicht funktionieren, sagte er. Erstens wollte er nicht, dass Tante Alice wieder wütend auf ihn war, und wenn er ihre Hilfskraft festnahm, würde sie stinksauer sein. Außerdem hatte Harry niemandem erzählt, dass Ronnie seine Waffe im falschen Moment abgefeuert hatte. Das hätte ihn seinen Job kosten können. Diese Sache mit dem Martinshorn war eher belanglos, aber seine Kollegen hätten ihn wochenlang damit aufgezogen.
»Ich hab da eine Idee«, sagte Ronnie.
Er griff zum CB-Funkgerät und gab durch, er habe den SupraGro-Lkw von der Demonstration auf der Fir Mountain Road entfernt, damit der Konflikt nicht weiter eskaliere. Da er den Fahrer nicht finden konnte, habe er in dem Durcheinander einen Zivilisten gebeten, diese Aufgabe für ihn zu übernehmen. Es ging um ein Sicherheitsproblem, sagte er. Harry klemmte sich wieder hinter das Steuer des großen Tanklasters und folgte Ronnie zurück in die Stadt, wo dieser das Fahrzeug vom Sheriff’s Department beschlagnahmen ließ. Und danach wurde er zum zweiten Mal mit freundlicher Genehmigung des Sheriff’s Department von Hood River vor Alices Haustür abgesetzt.
Danach wollte Harry, dass alles ans Licht kam, egal mit welchen Konsequenzen. Er wollte für seine Entscheidungen zur Rechenschaft gezogen werden. Er wusste, wie wichtig es war, die Verantwortung für seine Handlungen zu übernehmen. Er konnte dafür sorgen, dass Träume Wirklichkeit wurden, das war ihm nun klar. Das bewiesen seine Leidenschaft fürs Kitesurfen und die Blätterbeute, die er für Jake entworfen hatte. Und die Tatsache, dass auch Jake mit dem Kitesurfen begonnen hatte.
Dies war zweifellos die größte Leistung in Harrys jungem Leben. Nachdem er am Strand beobachtet hatte, wie ein ziemlich alter Typ in einer Vorrichtung, die er als »Luftstuhl« bezeichnete, Kreise um alle Anwesenden zog, beschloss Harry, auch Jake hinaus aufs Wasser zu bringen. Dieser Junge hatte eine Menge Kraft im Oberkörper. Er brauchte nur eine Alternative zu dem Board. Also stellte er einen Luftstuhl nach Maß für ihn her und befestigte das Trapez dergestalt, dass sie im Tandem surfen konnten, während er Jake beibrachte, den Kite zu fliegen.
An jenem ersten Tag auf dem Wasser empfand Harry einen Anflug von Selbstzweifel, als er Jake mühsam in Stellung brachte und das Trapez einstellte, während hinter ihm die Wellen brachen und der Wind durch seinen Helm pfiff. Aber dann blickte er seinem Freund ins Gesicht, das vor freudiger Erwartung förmlich strahlte, und auf einmal umfing ihn Zuversicht wie eine riesige Hand von oben. Yogi startete den Kite, und die beiden jungen Männer flogen über den Fluss, wobei sie einen Wasserschweif hinter sich herzogen. Jakes Schreien und Jauchzen übertönte den Wind, während sie in eine unerwartete, unglaubliche Art von neuem Glück stürmten. Es war ein Geschenk, mit dem Harry nicht gerechnet hatte: verantwortlich für die Freude eines anderen zu sein.
Nun duschte Harry und zog Board Shorts und ein Rashguard an. Er ging zurück zum Schlafsaal, verstaute seinen Kulturbeutel und hängte sein feuchtes Handtuch auf. Er stellte sich in das Rolltor und schaute auf die flache blaue Wasserfläche hinaus, die bis zum Golf von Mexiko reichte.
Den ganzen Tag würde er durch das warme, hüfthohe Wasser waten, um mit den verwöhnten Zwillingen aus L. A., die die Frühjahrsferien hier verbrachten, geduldig das sichere Starten und Landen zu üben. Er würde ihnen Respekt vor der Kraft des Windes beibringen und ihnen etwas über Strandetikette erzählen, was sie nicht verstehen konnten, weil sie zu egozentrisch waren. Nächsten Monat würde er seine Sachen packen und in ein Flugzeug nach Oregon steigen. Er kehrte auf die kleine Farm am Ende der Straße zurück. Dorthin, wo seine Freunde auf ihn warteten, die Bienen flogen und der Wind ihn in den Schlaf sang. All das rief ihn nach Hause.