I
ch stieg die Treppen zum geheimen Apartment hinab und ging ins Badezimmer, wo ich den Spiegelschrank öffnete, um mich für das Treffen mit Carter vorzubereiten.
Etwas, das wirklich nicht viel Vorarbeit erforderte. Es war noch immer nicht die optimale Lösung, doch hier gab es keine Anästhesien oder Black-Out-Kontaktlinsen.
Wenigstens hatte ich jetzt angepasste Ohrenstöpsel, die dafür sorgten, dass ich wirklich absolut kein Geräusch mehr von außen wahrnehmen konnte. Meinen Mund allerdings musste ich noch immer selbst unter Kontrolle halten. Oder mit dem Klebeband fixieren, wie ich es auch heute wieder tat. Beim letzten Mal war es mir aus Versehen passiert, dass ich gesprochen hatte. Natürlich war die ganze Illusion binnen Sekunden zerstört gewesen, weshalb ich auch nicht wusste, wie das heutige Treffen wohl verlaufen würde.
Wahrscheinlich sahen wir uns heute zum letzten Mal. Ich wäre allerdings nicht ich, wenn es nicht schon einen Ersatzplan geben würde.
Doch erst einmal ließ ich dieses Treffen auf mich zukommen.
Ich zuckte zusammen, als ich eine Hand auf meinem Rücken spürte. Verdammt, Carter hatte mich fast zu Tode erschrocken, denn natürlich hatte ich nicht gehört, dass er angekommen war.
Er schenkte mir ein warmes Lächeln, das seine blauen Augen zum Strahlen brachte.
Wie gerne ich ihn begrüßt hätte. Wie gerne ich seine Stimme einmal hören würde. Doch das durfte genauso wenig passieren wie eine verrutschte Kontaktlinse bei Andrew, um ihn wenigstens einmal zu sehen.
»Hey, schön, dass du da bist«, schrieb ich in mein kleines Sprachgerät, welches das Sprechen für mich übernahm.
»Ich freue mich auch, dich zu sehen«, schrieb Carter zurück und hielt mir das Display entgegen.
Er fiel von all den Typen, mit denen ich mich je getroffen hatte, am meisten aus der Reihe. Mit seiner Glatze und den leuchtend blauen Augen, sowie den auffälligen Tätowierungen, die seinen Körper zierten. Ich hatte keine Ahnung, was er von Beruf machte, aber in meinen Gedanken war er Mitglied eines Motorradclubs. Dabei wusste ich nicht mal, ob er ein Motorrad besaß.
Das Schreiben war sehr aufwendig, weshalb wir uns eigentlich nie unterhielten.
»Wollen wir auf die Dachterrasse gehen und den Sonnenuntergang ansehen?«, schrieb ich, was er mit einem Nicken beantwortete. Er deutete auf die Küche, was ich mit einem Nicken beantwortete. Wir aßen nie zusammen, weshalb mir schon klar war, dass er zwei Weingläser holen wollte.
Dafür musste ich natürlich mein Klebeband lösen, weshalb ich mich jetzt einfach unter Kontrolle halten musste. Wenn mir so ein Ausrutscher noch einmal widerfahren würde, wäre es definitiv vorbei. Doch das war es vielleicht auch so schon. Jedenfalls turnte mich das Ganze nicht mehr so an, wie es einst der Fall gewesen war.
Das merkte ich bereits nach kürzester Zeit. Vielleicht weil ich mir durch meinen Ausrutscher auch selbst jegliche Illusion genommen hatte.
Von der Dachterrasse aus blickte ich hinab auf die laute und belebte Stadt, die niemals schlief, nur dass ich nichts von ihr hörte. Das typische Sirenengeheul – ich konnte es nur sehen.
Wahrscheinlich wäre ein Spaziergang mit Carter etwas, das diese ganze Sache ein wenig mehr ins Rollen bringen würde. Wenn wir wirklich aufeinander angewiesen waren. Doch ob sich all diese Mühe noch lohnte oder ob dieser Zug zwischen uns so oder so schon abgefahren war?
Er fasste mich am Arm und hielt mir wieder sein Handy entgegen.
»Du bist heute sehr nachdenklich.«
Ich nickte, bevor ich selbst tippte.
»Ich weiß nicht, ob ich das hier noch so sehr will, wie ich es gerne wollen würde«, schrieb ich ehrlich, was dieses Mal Carter mit einem Nicken beantwortete.
»Mir geht es genauso. Irgendwie will der Funke nicht richtig überspringen.«
»Ich habe es versaut beim letzten Mal.«
»Das auch.« Ich lächelte, denn ich war dankbar für seine Ehrlichkeit.
»Schade, aber es ist besser, es jetzt zu erkennen.« Also waren die Treffen mit Carter dann wohl Geschichte. Platz dafür, mir einen neuen Mann zu suchen und mir ein neues Abenteuer auszudenken.
Und den Plan dafür gab es schon lange.
Genau genommen wurde gerade schon an einer entsprechenden Konstruktion gearbeitet und die Agentur wusste auch schon Bescheid, dass sie jemanden suchen sollten, der diesen speziellen Fetisch mit mir teilte.
Natürlich musste ich mich in Geduld üben, das war immer so gewesen, doch ich war gerne bereit dazu, wenn es zu eindrucksvollem und aufregendem Sex kommen würde, so wie es bis jetzt bei all meinen Sexpartnern von der Agentur der Fall gewesen war.
Dafür ließen sie sich zwar fürstlich bezahlen, doch die Vermittlung war jeden Cent wert.
»Abschiedsquickie?« Ich grinste bei dem Text auf Carters Handy.
»Wie könnte ich dazu Nein sagen?«, schrieb ich zurück und schloss die Augen, als er mich küsste.
Es wäre übertrieben zu sagen, dass ich Carter vermissen würde, denn das war nicht der Fall. Der Sex mit ihm war zwar gut gewesen, nur es hatte mir zu wenig Spaß gemacht, den Fetisch auszuleben.
Dafür freute ich mich jetzt auf neue Abenteuer. Wenn diese ganze Sache mit Dustin nicht so risikobehaftet wäre, dann hätte ich ihm einfach vorschlagen können, es ab jetzt öfter zu treiben, denn genau darum drehte sich mein Kopf gerade. Doch mit dem Baby auf dem Weg konnte ich wirklich nicht riskieren, ohne funktionierende Beine im Rollstuhl zu landen.
Auch wenn es in meinen Vorstellungen kein Szenario war, das mich zu Tode ängstigte.
Ganz und gar nicht ...
Dann wäre es nicht länger ein geheimer Fetisch, sondern Realität. Ich würde in meinem Apartment bleiben können, ich würde die Firma weiter führen können.
Der starke James Knight. An den Rollstuhl gefesselt und auf Hilfe angewiesen. Gottverdammt, ich spürte das Zucken zwischen meinen Beinen, wenn ich nur darüber nachdachte.
Mein Schwanz wäre dann allerdings genau so tot wie mein Arsch ...
Doch es machte mich so sehr an, mich in diesem körperlichen Zustand zu befinden. Es war nicht so, als würde ich dann keine starken Gefühle empfinden, nur auf eine ganz andere Art und Weise, als wenn ich Sex hatte.
Kopfschüttelnd strich ich diese Gedanken aus meinem Kopf. Das ging jetzt vermutlich zu weit.
Doch was sollte ich gegen diese Gedanken unternehmen?
Vielleicht wäre mein Leben dann endlich ein Stück lebenswerter.
Und die Kleine würde auch mit einem Daddy im Rollstuhl glücklich werden. Vermutlich glücklicher als mit einem Daddy, der so tiefe und dunkle Geheimnisse hütete.
Ob ich überhaupt ein guter Vater sein konnte? Mit all meinen Problemen? Mit dem Päckchen, das ich auf meinen Schultern trug? Mit meiner Angst und dieser unfassbaren Feigheit, die ich nur durch eine perfekte Maske kaschierte?
Die Kleine hatte etwas Besseres verdient, doch für diese Erkenntnis war es jetzt zu spät.
Und auf ein Wunder hoffen, das mir dabei half, mein Leben endlich auf die Reihe zu kriegen, brauchte ich wohl auch nicht.