Epilog
» D addy!« Ich blickte auf, als ich Mary rufen hörte. »Daddy!« Ein weiteres Mal. Sie klang weder aufgeregt noch ängstlich noch sonst irgendwas.
»Immer noch in der Küche«, rief ich zurück, während sie nur Sekunden später im Türrahmen auftauchte und die Hände in die Hüften stemmte.
Sie war einfach das Ebenbild von Violet und mir, wie sie dort stand und mich mit ihren blauen Augen anfunkelte. Ganz klar wütend.
Und Vierjährige konnten sehr wütend werden, das wusste ich mittlerweile.
»Okay, Mäuschen. Das sieht nicht danach aus, als würde es eine nette Unterhaltung werden, oder?«, fragte ich schmunzelnd.
»Daddy D. ist gemein zu mir! Schon wieder!«, beschwerte sie sich kopfschüttelnd. Daddy D. so nannte sie Dustin, seitdem sie sprechen konnte. Ich war ihr Daddy. Und Daddy G. war Gerald. So einfach war es für Mary, die es für das Normalste der Welt hielt, drei Daddys zu haben. Eine Einstellung, die sie auch sehr vehement gegenüber den anderen Kindern im Kindergarten vertrat.
Sie hatte definitiv meinen Dickkopf und meine Durchsetzungsstärke geerbt.
»Was macht er denn immer mit dir, mhm?«
»Er sagt, dass ich aufräumen muss. Das ist unfair. Er hat genauso gespielt wie ich auch! Also muss er auch aufräumen.«
»Okay, da gebe ich dir recht. Soll ich mal mitkommen und gucken, ob wir gemeinsam eine Lösung finden?«
»Ja! Was glaubst du, warum ich dich sonst geholt habe. Ich will mitfahren! Überleg mal, wie oft ich heute schon aus meinem Zimmer in die Küche und zurückgelaufen bin, um dir unsere Bauwerke zu zeigen.«
»Stimmt. Damals, als zwischen Daddy D. und dir noch alles in Ordnung war.«
»Sag ich ja«, erwiderte sie und kletterte auf meine Beine, wobei ich erst wartete, bis sie richtig saß, bevor ich den Rollstuhl in Bewegung setzte, um zu ihrem Kinderzimmer zu rollen.
Seit zwei Jahren wohnten wir nun in diesem komfortablen Haus mit großem Garten, zwei Stunden entfernt von New York. Einen Schritt, den ich nicht für eine Sekunde bereut hatte.
Mary sollte anders aufwachsen. Behüteter. Ruhiger. Nicht inmitten des Großstadttrubels und all der Anonymität, die in New York nun einmal gang und gebe war.
Ich arbeitete mittlerweile nur noch zwei Tage in der Woche von zu Hause aus, wobei ich auch alle paar Wochen nach New York fuhr, um im Büro nach dem Rechten zu sehen. Es lief wirklich gut. Auch wenn ich natürlich viele Sachen ganz anders machen würde, doch von dem Gedanken hatte ich mich mittlerweile losgelöst.
Ich konnte nur das eine oder das andere haben. Entweder ein erfülltes, wunderschönes Privatleben oder die Leitung dieses Multimillionen-Dollar-Imperiums. Und so hatte ich mich mit dem Umzug hierher dazu entschieden, nur noch als stiller Inhaber zu fungieren. Etwas, woran ich mich nicht ganz hielt, aber so fühlte es sich wenigstens richtig an. Und die zwei Tage in der Woche waren definitiv zu entbehren, zumal Mary dann eh bei Violet war.
Wir wechselten uns regelmäßig ab, wobei wir uns noch immer nicht an irgendwelche festen Muster hielten. Mittlerweile durfte auch Mary mitentscheiden, wovon sie natürlich kräftig Gebrauch machte. Sie liebte beide Häuser, beide Familien, wobei ihr Catherine, die Tochter von Gerald und Vi natürlich oft auf den Keks ging.
Bei uns lebte nur Pete – unser Golden Retriever, mit dem sie groß geworden war. Sie liebte es, mit ihm zu schmusen und dass er, laut eigener Aussage, nicht rumnerven konnte wie Catherine.
Natürlich machte es uns auch die Tatsache einfach, dass Gerald und Vi in unserer direkten Nachbarschaft wohnten. Gerade Vi war damals nicht begeistert darüber gewesen, dass ich aus New York wegziehen wollte, bis sie mitgekommen war, um sich das Haus anzusehen.
Danach machten sie Nägel mit Köpfen und schon blieben wir Nachbarn. Ganz zur Freude von Mary natürlich, und von mir ebenfalls. Es war ein Geschenk, sie so nah bei mir zu haben, wodurch wir uns wirklich jeden einzelnen Tag sahen.
»Okay, Daddy D.. Hier gibt es also Ärger habe ich gehört?« Ich konnte mir ein Grinsen kaum verkneifen, als ich Dustin entdeckte. Inmitten von Unmengen aus Tesafilm, Kleber, Glitzer, Tüll, Pappe und allem, was dazugehörte.
»Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Madame Unschuldsengel dir die gesamte Wahrheit gesagt hat.«
»Mhm, was sagst du dazu, Mary?«
»Ja, okay. Aber ich dachte, es wäre doch schlau, wenn ich dich auch hole, dann kannst du uns auch helfen. Umso schneller sind wir doch dann fertig, damit wir das Mittagessen essen können.« Ich musste mich zwingen, nicht laut aufzulachen.
Diese kleine Maus war wirklich mit allen Wassern gewaschen.
»Das ist ja ein schlauer Plan von dir gewesen, er hat nur einen ganz großen Haken. Wer kocht denn jetzt das Essen weiter, wenn ich ja hier bin und euch beim Aufräumen helfe?«
»Mist«, murmelte Mary leise, während ich Dustin zuzwinkerte, der mich ebenfalls anlächelte.
Womit hatte ich diesen wunderbaren Mann an meiner Seite eigentlich verdient? Eine Frage, die ich mir fast jeden Tag aufs Neue stellte.
»Daddy D., wie wäre es denn, wenn ich die Schnipsel aufräume und du die Bastelsachen und wenn wir dann fertig sind, kommt Daddy mit dem Staubsauger?«
»Daddy hat Essensdienst«, erwiderte ich unschuldig und drehte den Rollstuhl wieder, um in die Küche zurückzufahren. Den Rest mussten die beiden definitiv unter sich regeln.
Wir verzichteten in diesem Haus ganz bewusst auf eine Putzfrau oder sonstiges Personal, das wir uns locker leisten konnten, denn für uns war es wichtig, dass Mary so normal wie möglich aufwuchs und nicht glaubte, dass es für alles Personal gab.
Das bedeutete auch, dass ich gelernt hatte, zu kochen. Schließlich mussten wir die Dienste im Haus auch so aufteilen, dass ich trotz des Rollstuhls damit zurechtkam. Wobei ich selbst oft überrascht darüber war, wie viel ich leisten konnte, obwohl meine Beine nicht mehr funktionierten.
Der Bluterguss, den der Doc damals festgestellt hatte, war natürlich wieder zurückgegangen, doch die Nervenschäden waren zu groß. Durch all die Spritzen, durch das nicht zugelassene Mittel, durch eine Kombination aus (un-)glücklichen Umständen, war aus meinem größten Traum ein dauerhafter Zustand geworden.
Vom Bauchnabel abwärts gab es kein Gefühl mehr. Keine Kontrolle. Und ich hatte es noch nicht eine Sekunde lang bereut.
Noch immer wachte ich jeden Tag auf und war aufs Neue glücklich, meine Beine nicht mehr zu spüren, und ich wusste, dass es Dustin genauso erging.
Für Mary war es einfach das Normalste der Welt. Wie ihre drei Daddys.
Ich konnte mich noch genau daran erinnern, als wir hier in der Kleinstadt alle Menschen kennengelernt hatten. Ihre Reaktionen waren nicht immer so locker und verständnisvoll gewesen, wie erhofft, doch mittlerweile hatten sie uns aufgenommen.
Wir waren einfach eine ganz normale Familie, nur irgendwie anders.
Nach dem Essen kletterte Mary erneut auf meinen Schoß, da wir abgemacht hatten, dass ich sie zu Violet brachte, wo sie bis zum nächsten Tag blieb.
»Meinst du, Mommy wird sich über die Sachen freuen?«
»Natürlich wird sie das, Engelchen. Du hast dir so viel Mühe damit gegeben und Mommy mag Kronen doch wirklich gerne.«
»Das stimmt allerdings«, erwiderte Mary selbstsicher, während ich die Haustür hinter mir zuzog und über die Rampe auf die Straße fuhr.
Das Haus war komplett behindertengerecht umgebaut worden und auch für Vi und Gerald hatte sich nie die Frage gestellt, keine Rampe zu bauen oder ähnliches.
Ich konnte mich bei ihnen genauso bewegen wie in meinem eigenen Haus.
Wir mussten nur ein Stück die Straße hinunter, wobei Mary es vor Vorfreude wieder kaum aushielt und schon vor der Rampe von meinem Schoß hüpfte, um an der Tür zu klingeln.
»Daddy G., hallo!«, rief sie fröhlich, als sie Gerald erblickte und fiel ihm um den Hals. Es war so wundervoll zu sehen, wie viel Liebe dieses kleine Mädchen ausstrahlte, wie viel Liebe sie allerdings auch gleichermaßen zurückbekam.
»Na, dann lauf mal rein, kleiner Wirbelwind. Mommy wickelt gerade Catherine.«
»Dass sie immer in die Hose machen muss. Das ist ihhhh«, erwiderte Mary, bevor sie noch einmal auf mich zulief und mich herzlich umarmte.
»Hab dich lieb, Daddy. Bis morgen.«
»Bis Morgen, Engelchen.«
Ich griff nach hinten und holte die große Tasche voller selbst gebastelter Kunstwerke hervor, die ich Gerald überreichte. Er verzog direkt leidend das Gesicht, was mich auflachen ließ.
Im Endeffekt brauchte Mary eigentlich ein eigenes Haus, nur für ihre selbst gebastelten Sachen.
»Wie wunderbar. Danke. Wer hat gebastelt?«
»Dustin. Ich hatte heute leider Küchendienst.«
»O ja, leider. Ich kann deine Qualen so spüren.« Wir mussten beide auflachen bei Geralds Worten. »Wie sieht’s aus? Ich verspüre heute eine unendliche Lust, den Grill anzufeuern und ein kaltes Bier zu trinken bei der Hitze. Habt ihr Lust?«
»Haben wir je keine Lust?«, fragte ich schulterzuckend.
»Ich weiß. War auch eher eine rhetorische Frage. Also, halb acht.«
»Sind wir da.« Mit diesen Worten rollte ich die Rampe wieder hinab und zurück zu unserem Haus. Es war ein ständiges, lockeres Miteinander zwischen uns. So wie auch heute wieder.
Doch vorher hatte ich erst noch große Pläne mit meinem Ehemann.
Pläne, von denen er noch nichts ahnte.
»Wir sind um halb acht zum Grillen eingeladen.«
»Meine Güte, wie oft kann dieser Mann eigentlich grillen?«, erwiderte Dustin lachend, da wir gefühlt alle zwei Tage eingeladen waren.
»Hey, keine Ahnung. Ich jedenfalls bekomme niemals genug von den Burgern oder den Spare Ribs.«
»Ich genauso wenig.« Dustin lachte auf, während ich mit dem Rollstuhl zur Treppe fuhr, die in den zweiten Stock führte. Dort oben lag unser Schlafzimmer, das große Bad sowie das Kinderzimmer und unsere Büros.
An der Treppe war ein Plattformaufzug angebaut worden, sodass ich mit meinem Rollstuhl einfach draufrollen und mich nach oben bringen lassen konnte, da ich nicht immer den Rollstuhl wechseln wollte.
Es waren Umbauarbeiten gewesen, die jedem Handwerker die Tränen in die Augen getrieben hatten bei all der Arbeit, doch das war mir egal. Geld spielte für mich keine Rolle, weshalb ich auch alles so haben wollte, wie ich es mir vorstellte.
»O nein«, sagte ich und drehte mich zu Dustin um, der mich fragend ansah. »Der Treppenlift ist defekt. Es muss wohl Stromausfall sein.«
»Was? Zeig mal her.« Natürlich verstand er nicht, worauf ich hinauswollte.
»Ich schätze, ich muss mal wieder üben, wie ich die Treppen ohne dieses Teil bezwingen kann.«
»Ich kann dich auch hochtragen, aber lass mich erst mal gucken, warum dieser Lift nicht ...«
Dustin schwieg augenblicklich, als er sah, wie ich mich aus dem Rollstuhl auf den Boden manövrierte und ihn grinsend dabei ansah.
»Ohhhh«, entfuhr es ihm, während er sofort von dem Lift zurücktrat, mit dem er sich eigentlich gerade beschäftigen wollte. »Ja, das ist immer so eine Sache, mit dem Strom«, stieg er in das Spiel mit ein.
In all den Jahren, die wir jetzt zusammen waren, hatte sich in Sachen Sex und gegenseitiger Geilheit wirklich nichts bei uns verändert. Noch immer konnte ich mehrmals am Tag seinen Blick auf mir spüren, wenn ich etwas in meinem Rollstuhl verrichtete oder mit irgendetwas zu kämpfen hatte.
Ich zog mich vor bis zur ersten Stufe, bevor ich die unteren Stäbe des Geländers umfasste.
Seit Wochen hatte ich es nicht mehr probiert, mich die Treppe hochzuziehen, doch eigentlich sollte es kein Problem sein.
Ich trainierte meinen Oberkörper jeden Tag. Er war noch immer so definiert wie zu den Zeiten, als ich noch laufen konnte. Dafür hatten wir extra ein komplettes Fitnessstudio im Keller unseres Hauses.
Im Gegensatz zu meinem Oberkörper waren mittlerweile natürlich alle Muskeln aus meinen Beinen verschwunden. Die durchtrainierten, starken Oberschenkel, die definierten Waden. Von all dem war nichts mehr übrig. Wie auch, war ich doch seit vier Jahren keinen einzigen Schritt mehr gelaufen und würde es auch nicht mehr.
Dustin zog sich sein Shirt aus, während ich laut auflachte. Er war noch immer so ein Hingucker wie damals und das präsentierte er mir auch gerne. So wie jetzt. Er wusste, wie sehr ich auf seine durchtrainierten Bauchmuskeln stand. Bei ihm bekam der Begriff Waschbrettbauch tatsächlich noch einmal eine neue Bedeutung, so ausgeprägt wie er war.
Dafür trainierte er auch täglich hart genug.
Ich selbst konnte dabei natürlich nicht mithalten, denn ohne etwas zu spüren, konnte ich auch keine Bauchmuskelübungen absolvieren.
Doch das war egal, solange ich den Rest meines Oberkörpers noch weiterhin fit halten konnte.
Und das tat ich schon allein, wenn ich mal wieder auf meinen Rollstuhl verzichtete und statt der Räder meine Arme benutzte, so wie heute.
Ich zog mich Stufe für Stufe nach oben, wobei Dustin mir folgte und mich dabei genau beobachtete.
Angeturnt von dem, was er sah, aber auch darauf bedacht, mich auffangen zu können, falls ich ins Trudeln geriet.
Und genau das geschah, als ich mich zu weit nach vorne beugte.
Ich spürte, wie ich das Gleichgewicht verlor, ohne etwas daran ändern zu können, und vermutlich wäre ich die gesamte Treppe runtergefallen, wäre Dustin nicht dagewesen.
Er umschloss mich mit seinen starken Armen und hielt mich fest, während mein Oberkörper sicher an seinem ruhte.
»Ich hab dich!«, sagte er sofort.
»Ich weiß.« Lächelnd blickte ich ihm tief in die Augen. Ich wusste, dass ich mich bei ihm fallen lassen konnte, denn er fing mich auf.
Immer.
Überall.
Er war mein Fels in der Brandung.
Ich konnte nicht in Worte fassen, wie sehr ich diesem Mann vertraute. Seit einer so langen Zeit. Zuerst als mein heißes Abenteuer, dann als meine geheime Romanze und jetzt als meinem Ehemann.
Was konnte ich vom Leben mehr erwarten?
Hätte mir jemand vor all den Jahren gesagt, dass ich einmal so viel Glück erfahren würde. Wahrscheinlich hätte ich ihn ausgelacht und mit dem Kopf geschüttelt.
Ich und Glück.
Nach der Kindheit in diesem Elternhaus. Und dann auch noch schwul.
Wie das Leben manchmal doch sein eigenes Ding machte.
Gegen das Schicksal konnte man so oder so nichts unternehmen. Egal, wie viel man plante, aber vor allem auch egal, wie diese Pläne aussahen.
Ich war Geschäftsmann. Ehemann. Familienvater.
Ich war gefesselt an einen Rollstuhl.
Ich war schwul.
Doch vor allem war ich eins: unglaublich glücklich!
ENDE