Freitag, 24. August

10.52 Uhr

Das Handy summt in meiner Tasche, während wir Brodie Kent auf den Zahn fühlen. Wir haben herausgefunden, dass er ehrenamtlich in einer großen städtischen Obdachlosenunterkunft gearbeitet hat, als er aus Adelaide nach Melbourne zog, und versuchen festzustellen, ob er Walter Miller begegnet ist. Zu unserem Ärgernis gibt die Buchführung der Unterkunft ebenso wenig her wie Brodies schwammige Auskünfte über seine Tätigkeit dort. Seit Sterlings Beerdigung scheint das kleine Flämmchen, das er noch in sich trug, verloschen zu sein; seine Stimme klingt dumpf. Ich stelle mir vor, ihm das dichte Haar zu teilen, den Schädel in der Mitte zu spalten und die Kopfhaut zurückzuschälen, um an die Wahrheit darunter heranzukommen. So deutlich ich auch spüre, dass seine Trauer echt ist, macht mich seine Unfähigkeit ganz kribbelig, sich auf konkrete Orts- und Zeitangaben festzulegen.

Er sagt, am letzten Montagabend habe er mit Sterling und Lizzie bis gegen neun Uhr in der Wohnung ferngesehen. Dann sei er in die Stadt gegangen, habe etwas getrunken und sich ein Ticket zu einem Spätfilm im Melbourne Central gekauft. Kurz nach Mitternacht sei er nach Hause gegangen, wo er kurz nach ein Uhr angekommen sei. Nach Lage der Dinge macht er sich allmählich zu unserem Hauptverdächtigen.

»Kann Lizzie bestätigen, dass Sie zusammen ferngesehen haben und wann Sie vergangenen Montag ausgegangen sind?«, frage ich ihn.

Er blinzelt. »Ja. Aber als ich nach Hause kam, haben beide geschlafen.«

»Erzählen Sie uns, an welche Obdachlosen aus der Unterkunft Sie sich erinnern.«

»Ich erinnere mich eigentlich an keine bestimmten Leute, mehr so daran, wie es sich für mich angefühlt hat, dort zu arbeiten«, sagt er, den Blick auf die Tischplatte gesenkt. »Das war was ganz Besonderes, den Leuten so zu helfen.« Nach kurzer Schweigepause reißt er die Augen weit auf. »Glauben Sie, dass einer aus der Obdachlosenunterkunft Sterling überfallen hat? Einer, der auf der Straße lebt?«

»Versuchen Sie bitte einfach nur, unsere Fragen zu beantworten«, erwidere ich.

»Ich war damals stark drogenabhängig«, gesteht Brodie leise. »Ich bin ziemlich oft high zur Unterkunft gegangen, daher verschwimmt alles etwas. Ich würde Ihnen wirklich gern weiterhelfen.«

»Und Sie sind sicher, dass Sie letzten Montag allein ins Kino gegangen sind?«, frage ich, während mein Handy wieder summt.

Er nickt matt. »Ja, ich gehe oft allein. Ich bin immer ins Kino gegangen, wenn Sterling mit Lizzie beschäftigt war. Für mich war es eine gute Ablenkung.«

»Haben Sie noch das Ticket?«, fragt Fleet.

»Wohl kaum. Oder vielleicht doch irgendwo in einer Tasche.«

»Wie sieht’s mit einem Abbuchungsbeleg von einer Kreditkarte aus?«, schlage ich vor.

»Meine Kreditkarten sind alle überzogen«, sagt Brodie etwas defensiv. »Warum fragen Sie mich, wo ich in der Nacht war? Sterling ging es damals gut, er war mit Lizzie zu Hause. Das versteh ich nicht – was ist überhaupt los?«

Fleet murmelt leise etwas vor sich hin und sagt dann: »Das Problem ist, Brodie, dass wir Schwierigkeiten haben, Ihre Wege nachzuverfolgen. Sie sind ständig allein und verbringen offenbar viel Zeit mit ziellosem Rumlaufen.« Fleet steht auf, geht in einem kleinen Kreis im Raum umher und streckt den Rücken durch. »Haben Sie keine Freunde?«

Mit funkelnden Augen bleckt Brodie die Zähne. Seine Stimme durchschneidet die Luft wie ein Schwert. »Kapieren Sie das nicht? Mein ganzes Leben war in der Warteschleife wegen ihm. Er ist mit Lizzie herumstolziert, hat Pläne geschmiedet, nach Übersee zu ziehen, und mir seine Liebe beteuert und mich um Geduld gebeten.« Mit angespannter Haut am Hals spuckt er die Worte aus: »Und ich hab einfach nur gewartet wie ein Idiot, immer gewartet!« Er knallt die Faust auf den Tisch und bricht in Tränen aus.

Die Luft im Raum knistert von seinem Ausbruch. Mein Herz macht einen Satz und hämmert laut.

Fleet zieht eine Augenbraue hoch und räuspert sich. »Immer mit der Ruhe, Mann.«

In Brodies Blick schwelt noch die Wut, die Hände bleiben zu Fäusten geballt.

»Sagt Ihnen der Name Walter Miller etwas?«, frage ich.

»Nein!«

Ich rede mit sanfterer Stimme weiter. »Wussten Sie, das Sterling das Angebot einer Hauptrolle in Amerika hatte?«

Brodie keucht, wie nach einem Lauf. Er stößt sich vom Tisch ab und verschränkt die Arme, jetzt mit ganz klarem Blick. »Er bekam andauernd Rollenangebote. Manchmal haben wir drüber geredet. Ich hab gesagt, es wäre eine gute Gelegenheit für ihn, sich von Lizzie zu trennen.«

»Hat er zugestimmt?«, hake ich nach.

»Ich glaub schon.«

»Wären Sie mit ihm gegangen?«, fragt Fleet.

»Das war schließlich der Plan, oder?«, erwidert Brodie kurz angebunden.

»Wir wissen es nicht, Brodie«, sagt Fleet, »war es so?«

Brodie runzelt die Stirn und zischt gehässig: »Scheiße, woher soll ich das wissen? Vielleicht hat er ihr wirklich einen Antrag gemacht und mir einen Haufen Lügen erzählt. Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll.«

Wir drehen uns mit Brodie noch ein paar Minuten im Kreis, aber er hat wieder dichtgemacht. Seine Alibis bleiben vage, und wir können trotz der Verbindung zur Obdachlosenunterkunft keinen direkten Bezug zu Walter Miller herstellen.

»Gut zu wissen, dass unser dem Anschein nach rückgratloser Freund doch ein klein wenig aufmuckt«, sagt Fleet, nachdem ich Brodie hinausbegleitet habe.

»Ja.« Ich denke an die Wut in den Augen des jungen Mannes. »Er steht offenbar viel näher am Abgrund, als uns bewusst war.«

»Und ist vielleicht auch gewaltbereiter, als uns bewusst war?«

»Tja, sein kleiner Wutausbruch war interessant, aber ich weiß nicht, ob man das als …« Mein Handy summt. »Ja«, melde ich mich ungeduldig.

»Hallo«, sagt Chloe. »Entschuldigen Sie die Störung, aber ich wollte Ihnen eine Neuigkeit mitteilen. Eigentlich sogar zwei, beide zu Paul Wade. Erstens hat die Technik eine Geldüberweisung gefunden, die Sterling vor seinem Tod in die Wege geleitet hat. Fünftausend Dollar sollen an diesem Wochenende auf Pauls Konto eingehen.«

»Gibt es einen Verwendungszweck?«

»Da steht nur ›für Dad‹«, antwortet Chloe.

»Okay, und was noch?«, frage ich ohne eine Ahnung, was das zu bedeuten hat.

»Paul ist auf einem Überwachungsvideo aus der Innenstadt vom letzten Mittwochnachmittag drauf. Ein Ladenbesitzer hat es heute Morgen abgegeben.«

»Wo war er?«, frage ich und sehe zu Fleet, der die Antwort offenbar kaum erwarten kann.

»Ganz in der Nähe der Ecke Collins und Spring Street. So wie es aussieht, ist er direkt nach dem Überfall auf Wade vom Drehort weggegangen.«