Der Sommer kam, und damit näherte sich Maris erster Todestag.
Ein Jahr war seit dem Tag vergangen, an dem ich sie umgebracht hatte.
»Ich habe doch gesagt, dass ich nicht hingehe!«, schrie ich.
Ich hatte schon so lange nicht mehr gesprochen, dass meine Stimme ganz heiser klang.
»Geh hin!«
Der Gesichtsausdruck meiner Mutter war streng.
»Ich gehe nicht!«
»Wie lange willst du denn noch zu Hause hocken?«
Meine Mutter hatte ja recht. Das war mir schon klar. Mein Verstand hatte längst eingesehen, dass es nicht so weiterging, meine Gefühle aber hatte ich nicht im Griff.
»Du nervst!«
»Es ist der erste Todestag von Mari! Du konntest doch schon nicht zu ihrer Beerdigung und an ihr Grab gehen.«
Das wusste ich doch alles selbst nur zu gut! Ich wollte ja auch gehen. So wie es sich gehörte und gebührte, wollte ich endlich das tun, was ich tun musste. Ich wollte sie an ihrem Grab um Verzeihung bitten.
»Geh, habe ich gesagt!«
Aber, ich schaffte es einfach nicht.
Ich drängte meine Mutter aus dem Zimmer und knallte die Tür zu. Cookie duckte sich.
Hinter der Tür sagte meine Mutter noch irgendetwas, aber ich übertönte alles mit meinem wortlosen Geschrei.
Kurz darauf hörte ich, wie meine Mutter die Treppe wieder hinunterging. Ihre Schritte klangen erschöpft.
Wieder und wieder kamen mir die Tränen. Es wollte einfach kein Ende nehmen.
Was mit Aoi passiert war, hörte ich von Kuro und auch von Aoi selbst.
»Ich bin weder imstande, Maris Grab zu besuchen, noch war ich bisher in der Lage, zu ihren Eltern gehen. Ich schaffe es ja nicht einmal nach draußen vor die Tür«, erzählte mir Aoi unter Tränen.
Es war nicht so, dass sie nicht nach draußen ging, weil sie sich drinnen so wohlfühlte. Sie war einfach körperlich nicht dazu in der Lage, das Haus zu verlassen. Immer am selben Ort zu sein, war bestimmt ganz schrecklich. Da mochte er noch so behaglich und gemütlich sein.
Aoi lag auf ihrem Bett und weinte sehr lange. Ich versuchte, sie irgendwie zu trösten, aber ich kam nicht an sie heran.
Das durchdringende Geschrei der Krähen setzte ein. Aoi zuckte zusammen.
Die Krähen flogen auf den Balkon. Eine, zwei, viele.
Ich verstand sofort, was ihr Krächzen bedeutete.
Bestimmt wollten sie Aoi fressen, würde sie sterben.
Es gab also noch schwächere Wesen als mich auf dieser Welt.
Ich würde Aoi beschützen. Mein Entschluss stand fest. Ich war bereit.
»Buh!«, schrie ich entschlossen und sprang auf die Schatten hinter dem Vorhang zu.
Als ich gegen die Fensterscheibe prallte, krachte es lauter als erwartet. Auch die Krähen waren offenbar erschrocken. Mit lauten Flügelschlägen flogen sie auf und davon.
»Alles okay, Cookie?«
Stolz über meine Tat und Mitleid mit Aoi wallten in meiner Brust auf. Irgendwie kam ich mit all diesen Gefühlen nicht zurecht, weshalb ich unablässig im Kreis durch Aois Zimmer flitzte.