Was, um Himmels willen, hatte ich bloß getan?

Der Stoffbeutel unter meinem Overall schien im Rhythmus meines aufgeregten Herzens mitzupochen, während ich versuchte, mir die Aufregung nicht anmerken zu lassen. Die junge Beamtin, der ich im Polizeibus gegenübersaß, deutete meine Anspannung zum Glück als normale Reaktion nach einer Geiselnahme und bot mir mitfühlend einen Kaffee aus ihrer Thermoskanne an, den ich dankbar entgegennahm. Was ich allerdings bereits nach dem ersten Schluck bereute, da er schon geraume Zeit in der Thermoskanne ausgeharrt haben musste und daher reichlich bitter schmeckte.

Das Kaffeetrinken verschaffte mir immerhin etwas Zeit, darüber nachzudenken, in welcher Lage ich mich eigentlich gerade befand. Wie ich es auch drehte und wendete, war ich durch meinen Griff nach der Tasche vom unschuldigen Opfer in die Kategorie der aktiven Täterin übergegangen. Und wenn ich ehrlich war, das war der überraschendste Teil meiner Erkenntnis, gefiel mir diese Rolle sogar ganz gut, versprach sie doch immerhin ein gewisses Abenteuer.

»Sie haben also die beiden Täter nur noch von hinten gesehen«, unterbrach die Polizistin meine Gedanken.

»Ja, es ging alles ganz schnell. Kaum am Bahnhof angekommen, waren sie auch schon verschwunden.« Ich trank noch einen Schluck lauwarmen Kaffee.

»Der eine hatte ein mittelblondes Zöpfchen, der andere dunkle Locken.«

Die Polizistin nickte und machte sich Notizen. »Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen? Eine Narbe, eine Tätowierung? Hinkte einer der beiden ein wenig?«

Der Gang beider Bankräuber war mir vollkommen normal erschienen. Doch tatsächlich hatte ich ja, als die Blitzbirne den Arm gegen mich erhoben hatte, ein seltsames Tattoo auf dem Unterarm entdeckt. Ein blasses kleines Krabbentattoo, genauer gesagt. Dies teilte ich meinem Gegenüber bereitwillig mit.

»Wie sah die aus? Farbig, mit Scheren?«, wollte die Polizeibeamtin genauer wissen.

Ich musste lachen. »Nein. Seltsamerweise war es eine ausgepulte Krabbe in verblasstem Rosa. Da ist vermutlich beim Tätowieren etwas schiefgegangen. Vielleicht ein Missverständnis mit dem Tätowierer? Deshalb hat er wohl auch versucht, sie beseitigen zu lassen, was aber nicht gut gelungen ist.«

Die junge Polizistin konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, wurde sich dann aber wieder ihrer Rolle bewusst und versuchte, sich zu fangen.

»Dieser Täter war nicht sehr intelligent, noch dazu aufbrausend. Das konnte man an seinen Worten und unüberlegten Handlungen ablesen. Der andere war eindeutig der Boss, wenn die Blitzbirne das auch nicht gern akzeptieren wollte. So hat der andere ihn genannt«, fügte ich erklärend hinzu.

Erneut lächelte die Polizistin und notierte meine Aussage auf ihrem Schreibblock. Mir fiel auf, dass sie sehr kleine Hände hatte, die ich mir kaum im Polizeigriff um das Handgelenk eines Verbrechers vorstellen konnte. Aber wahrscheinlich war es, wie so vieles im Leben, nur eine Frage der Technik und nicht der Kraft.

Sie sah auf. »Gibt es sonst noch irgendetwas, was für uns wichtig sein könnte?«

Ich dachte darüber nach, dass die Blitzbirne den anderen beim Weglaufen »Ronnie« gerufen hatte. Aber aus Gründen, die mir selbst unerklärlich waren, schüttelte ich den Kopf.

Im Nachhinein denke ich, dass ich damit verhindern wollte, dass die beiden der Polizei allzu schnell in die Fänge gerieten. Möglicherweise wäre dann nämlich das Fehlen der zweiten Beutehälfte aufgefallen.

»Gut, dann ist die Befragung für heute erst mal beendet, und Sie können nach Hause gehen«, meinte die junge Beamtin zu meiner Erleichterung.

Auf einmal wurde mir bewusst, dass ich nun vor den Augen der Polizistin wieder aufstehen musste, möglichst ohne dabei den Stoffbeutel in meinem Overall nach unten rutschen zu lassen. Ich sah vor meinen Augen schon einzelne Geldscheine aus den Hosenbeinen flattern, bei deren Anblick sich das freundliche Gesicht der Polizistin in pures Misstrauen verwandeln würde.

»Und was machen Sie jetzt?«, fragte ich, um Zeit zu gewinnen.

»Wir haben den Bahnhof abgesperrt und versuchen herauszufinden, in welchem Zug sie sind«, antwortete die junge Polizistin.

»Was ist mit meinem Auto?« Irgendwie musste ich ja nach Hause kommen.

»Das brauchen wir noch für die Spurensicherung«, antwortete mein Gegenüber mit bedauerndem Lächeln. Sie stand auf und öffnete die Schiebetür des Polizeiwagens.

Ich nutzte die Gelegenheit und erhob mich schnell. Dabei presste ich unauffällig meine Hand auf den Bauch, damit die Beute blieb, wo sie war. Zum Glück war der Overall sehr weit geschnitten, sodass der Stoffbeutel sich wenigstens nicht darunter abzeichnete.

So unauffällig konnte es aber doch nicht gewesen sein, denn die junge Polizistin sah auf meine Hand und fragte mitfühlend: »Haben Sie Schmerzen?«

Damit bot sie mir unverhofft eine passende Ausflucht an. Ich nickte und verzog wie zum Beweis das Gesicht. Allerdings war es wohl etwas zu viel des Guten, denn nun nahm die Polizistin mich am Arm und führte mich so fürsorglich aus dem Bus, als ob ich eine gebrechliche alte Frau wäre.

»Ich lasse Sie nach Hause bringen«, beschloss sie, während sie nach einem Kollegen winkte. Ich ärgerte mich, dass ich es mit meinem Schmerzgebaren so übertrieben hatte.

»Nein, nein, das ist nicht nötig«, widersprach ich schnell. »Ich kann mir doch ein Taxi nehmen.« Ich wollte auf keinen Fall noch mehr Zeit in Gesellschaft der Polizei verbringen.

»Unterschätzen Sie das nicht«, meinte die junge Frau in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete. »Das ist ein ziemlicher Schock, wenn man plötzlich zur Geisel gemacht wird. Manche kämpfen jahrelang damit. Und Sie haben ja schon psychosomatische Beschwerden.« Sie zeigte auf meinen Bauch.

Alles war besser, als in Verdacht zu geraten, an dem Banküberfall beteiligt zu sein. Dann hatte ich eben psychosomatische Beschwerden.

Also nickte ich ergeben, fügte mich in mein Schicksal und verabschiedete mich schnell von der Beamtin, bevor sie noch auf die Idee kam, mich am Arm bis zum Auto zu führen.

Im Streifenwagen setzte ich mich direkt hinter den Fahrer, damit dieser mich möglichst wenig sehen konnte, und nannte ihm meine Adresse. Als wir vom Gelände der Raststätte hinunterfuhren, drehte ich mich noch einmal nach meinem Auto, dem Fluchtfahrzeug, um. Der Mitarbeiter eines Abschleppunternehmens war gerade dabei, es auf die Ladefläche seines Lkw zu fahren.

Wie lange es wohl dauern würde, alle Spuren zu untersuchen? Vermutlich würde man im vorderen Fußraum Fasern des Stoffbeutels finden, aber das war ja ganz leicht damit zu erklären, dass die Blitzbirne ihn dort abgelegt hatte.

Die Fahrt nach Hause verbrachte ich nahezu schweigend. Der Polizist, ein gestandener Beamter mittleren Alters, versuchte gelegentlich, mich in ein Gespräch zu verwickeln, doch ich gab mich so wortkarg, dass er schließlich aufgab und den Wagen die restliche Zeit in aller Stille über die Autobahn in die Stadt zurücksteuerte.

Ich fand, dass ich mir als Geisel eine gewisse Eigenartigkeit durchaus leisten konnte, ohne damit das Misstrauen des Beamten zu erregen. Und tatsächlich schien der Mann dies zu akzeptieren, denn er warf durch den Rückspiegel immer wieder aufbauend gemeinte Blicke nach hinten. Mir wäre es lieber gewesen, er hätte nur auf die Straße gesehen.

Als der Polizeiwagen endlich in meine Wohnstraße einbog, stand natürlich niemand Geringeres als Frau Dr. Klingenberg stehjoggend am Zaun eines Nachbarn. Es war ein ebenfalls nicht ganz standesgemäßer Sonderpädagoge, den sie stets spüren ließ, dass sie in ihrer persönlichen Rangordnung über ihm stand. Mit einer Mischung aus Neugier und Verwunderung stierte sie in den vorbeifahrenden Polizeiwagen. Ich hob meine Hand und winkte den beiden königlich zu. Frau Dr. Klingenberg zuckte zurück und wandte schnell ihren Kopf ab, als ob sie mich nicht kennen würde. Gesellschaftlich war ich mit der Tatsache, in einem Polizeifahrzeug nach Hause gebracht zu werden, nun wohl endgültig erledigt. Belustigt lachte ich auf.

Der Polizist sah im Rückspiegel zu mir nach hinten und musterte mich fragend. Eines seiner Augenlider zuckte. Ich wusste nicht, ob es ein Tick war oder ob er durch mein Lachen misstrauisch geworden war. Schnell nahm ich ein Taschentuch aus meiner Handtasche und tat so, als ob ich Schnupfen hätte. Dann sagte ich mit matter Stimme: »Sie können mich da vorne rauslassen.«

Mein Fahrer nickte und stoppte das Fahrzeug direkt vor meinem Haus. Die rechte Hand fest auf den Bauch gepresst, kletterte ich eilig aus dem Wagen, bevor er womöglich noch auf die Idee kam, mich zur Tür zu begleiten.

Tatsächlich wollte er sich gerade abschnallen. Rasch teilte ich dem Polizeibeamten durch das geöffnete Fenster mit, dass ich allein zurechtkäme, bedankte mich für die Heimfahrt und drehte ab in Richtung Haus.

Als ich mich an der Tür noch einmal nach ihm umdrehte, stellte ich fest, dass der Polizeibeamte mich den ganzen Weg mit den Blicken verfolgt hatte.

Oder erschien einem plötzlich alles zweifelhaft, wenn man glaubte, eine Straftat begangen zu haben? Allerdings glaubte ich das nicht nur, sondern es war tatsächlich so. Einen Teil der Beute aus einem Bankraub einfach an sich zu nehmen, war ganz eindeutig eine kriminelle Handlung. Welchen Straftatbestand ich damit erfüllte, konnte ich allerdings nicht beurteilen. Gab es so etwas wie Diebstahl im Affekt? Bekam ich vielleicht mildernde Umstände, weil ich im Schockzustand gehandelt hatte? Oder würde mir eventuell sogar eine Komplizenschaft unterstellt werden, wenn die Sache mit der Beute ans Licht kam?

Mir wurde schlecht. Am liebsten hätte ich auf dem Absatz kehrtgemacht und dem Beamten das Geld durch das Autofenster in den Streifenwagen geschleudert. Doch ich war mir nicht sicher, ob das wirklich eine gute Idee war.

Also winkte ich dem Polizisten kurz zu, steckte den Schlüssel ins Schloss und betrat das Haus.

Als die schwere Holztür hinter mir ins Schloss fiel, ließ ich mich erschöpft auf den Fliesenboden sinken. Jetzt erst merkte ich, wie groß meine Anspannung die ganze Zeit über gewesen war. Ich lehnte meinen Kopf gegen die Haustür, atmete tief durch und öffnete den Reißverschluss. Die Beute quoll mahnend aus meinem Overall hervor und beseitigte die letzten Zweifel daran, dass aus mir tatsächlich eine Diebin geworden war.

Gerade, als ich darüber nachdachte, dass das Geld schnellstens irgendwo versteckt werden musste, wo garantiert niemand danach suchen würde, schrillte die Türklingel. Ich zuckte zusammen und rappelte mich auf. Durch den Spion erkannte ich den Polizisten, der mich hergebracht hatte. Der Schreck fuhr mir in die Glieder. Hatte der Mann tatsächlich Verdacht geschöpft?

Panisch sah ich mich um und suchte im Flur nach einer Möglichkeit, den Beutel zu verstecken. Mein Blick fiel auf eine alte Truhe, in der ich Schirme und Kissen verstaute.

»Frau van den Broek, sind Sie noch da?«, rief der Polizist von draußen.

Das war nicht ganz logisch, denn wo sollte ich schon sein? Doch ich hatte in diesem Moment nicht die Muße, über die semantische Korrektheit von Fragen nachzudenken, die ein besorgter Polizist vor meiner Tür stellte.

Fieberhaft öffnete ich die Truhe, stopfte den Beutel hinein und knallte den Deckel wieder zu. Es schrillte erneut. Ohne hinzusehen, hastete ich zur Tür und riss sie auf.

Der Polizist schwenkte einen Gegenstand vor meinem Gesicht hin und her und lächelte mich freundlich an. »Ihre Sonnenbrille, die haben Sie in der Eile auf dem Rücksitz vergessen.«

Ich schnappte nach der Brille, bedankte mich knapp und wollte die Tür sofort wieder zuwerfen. Offenbar machte ich aber einen derart aufgelösten Eindruck, dass er schnell seinen Oberkörper gegen die Tür drückte. »Wir können Ihnen psychologische Hilfe über ein polizeiliches Kriseninterventionsteam anbieten.«

»Vielen Dank, das ist nicht nötig, es geht mir prima«, sagte ich schnell und lachte wie zum Gegenbeweis hysterisch auf. »Ich brauche nur etwas Ruhe!«

Der Polizist musterte mich durchdringend, sein Blick fiel dabei prüfend an mir vorbei in den Flur, dann nickte er und trat einen Schritt zurück.

Bevor er endgültig ging, steckte er mir eine Visitenkarte zu. »Falls Sie doch noch Unterstützung brauchen, können Sie sich jederzeit an diese Stelle wenden.«

Nun drehte er sich endlich um und ging betont langsam zum Tor, als ob er mir noch die Gelegenheit geben wollte, mich Hilfe suchend an ihn zu wenden. Erleichtert ließ ich die Tür ins Schloss fallen und stieß einen kleinen Schrei aus.

Wenn das so weiterging, konnte ich mich tatsächlich bald in psychiatrische Behandlung begeben, anstatt in aller Ruhe meine Auszeit zu genießen. Ganz eindeutig war ich nicht zur Verbrecherin geboren. Mein Blick fiel beiläufig auf die Truhe. Ein Teil des Beutels hing heraus, und man konnte deutlich die blaue Schrift des Bankslogans »Mit uns …« erkennen.

Mein Herz machte einen Aussetzer. Hatte der Polizeibeamte den Beutel gesehen, als er an mir vorbei in den Flur geblickt hatte? War seine Fürsorge nur vorgetäuscht gewesen, um mich in Sicherheit zu wiegen, während er in Wirklichkeit gerade meine Verhaftung vorbereitete?

Gehetzt beobachtete ich durch den Türspion, dass der Polizeibeamte zwar ins Einsatzfahrzeug stieg, nicht aber den Motor startete.

Beruhige dich, Vera, sagte ich zu mir, die Polizei weiß doch gar nicht, dass ein Teil der Beute verschwunden ist. Sie halten dich für eine Geisel und schöpfen ansonsten keinerlei Verdacht. Du bist in Sicherheit. Zumindest so lange, bis der zweite Bankräuber verhaftet worden ist und vom Verlust seiner Beute berichtet.

Endlich ließ der Polizist den Motor an und fuhr los. Ich wartete noch ein bisschen ab. Als eine ganze Weile lang nichts Auffälliges geschah, ging ich zur Truhe, um den Beutel wieder herauszunehmen. Dann brachte ich ihn ins Wohnzimmer, da der Raum keine Fenster zur Straße hatte. Vorsichtshalber zog ich dennoch die Vorhänge zu, knipste das Licht an und schüttete erst danach den Inhalt der Stofftasche auf den Tisch. Den verräterischen Beutel würde ich später im Garten verbrennen oder in einen Fluss werfen.

Obwohl ich innerlich darauf vorbereitet gewesen war, war es ein Schock, so viel Geld auf einem Haufen zu sehen. Seltsamerweise waren mit diesem Anblick jedoch auf einen Schlag alle Ängste und jegliches Schuldgefühl aus meinem Bewusstsein gewichen. Die Macht, die von diesem Geld ausging, war so eindringlich, dass sie alle anderen Gefühle verdrängte.

Wie verzaubert schob ich meine Hände in den Haufen, hob einige Scheine hoch und ließ sie wieder auf den Tisch hinabrieseln. Dann begann ich zu zählen. Ich musste zwei Mal von vorn anfangen, weil ich durcheinanderkam, teilte die Scheine schließlich in Zehntausender-Päckchen auf und kam am Ende auf rund zweiundvierzigtausend Euro. Das war fast das, was ich für meine Auszeit brauchte. Dieser Fund würde mühelos meine Probleme beseitigen oder zumindest die, die mit Geld zu lösen waren.

Ich überlegte, was ein gutes Versteck für die Beute wäre. Ein Versteck, auf das niemand so leicht kommen würde, weil es unwahrscheinlich war, dass dort so ein Haufen Geld versteckt sein würde. Ich holte eine stabile Plastiktüte aus der Küche und legte die Scheine akkurat aufeinandergeschichtet hinein. Dann sah ich mich suchend um. Mein Blick fiel auf den Azaleenbusch in meinem japanischen Garten. Im Frühjahr würde er über und über von einem rosa Blütenmeer überzogen sein, das die Laubblätter des Busches komplett bedecken würde. Im japanischen Garten war der Busch ein Symbol für Reichtum und Üppigkeit, hatte der Landschaftsarchitekt mir erzählt. Wo sonst war die Beute aus einem unfreiwilligen Bankraub besser aufgehoben als dort? Es war nicht davon auszugehen, dass die Polizei sich in Feng-Shui auskannte.

Allerdings war die Erde jetzt trotz des Tauwetters der letzten Tage noch sehr hart und würde sich nicht so leicht ausheben lassen. Ich beschloss daher, das Graben auf den nächsten Tag zu verschieben und mich zunächst um die Beseitigung des Beutels zu kümmern. Ihn im Garten zu verbrennen, war ausgeschlossen. Ein Feuer am helllichten Tag würde zweifellos die Aufmerksamkeit meiner Nachbarn erregen. Außerdem würde ein kleiner Spaziergang mir guttun, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Ich holte ein paar Steine aus meinem Garten und steckte sie in den Stoffbeutel. Der so entstandene Steinsack würde problemlos untergehen, wenn ich ihn irgendwo ins Wasser warf.

Die Plastiktüte mit dem Geld klebte ich im Backofen mit Doppelklebeband unter das Blech. In einem Kinofilm würde die Frau anschließend nach oben gehen und heiß duschen, während der Mann nach Hause kommen, sich nichts ahnend eine Tiefkühlpizza warm machen und erst dann wieder in den Ofen schauen würde, nachdem sich ein unangenehm stechender Geruch im Haus ausgebreitet hatte. Er würde das unwiederbringlich mit dem Plastik verschmolzene Geld unter dem Blech vorfinden und seiner herbeigeeilten Frau den seltsamen Klumpen zeigen, woraufhin diese einen Schrei ausstoßen und wahlweise in Ohnmacht fallen oder ihren Mann einen Idioten schimpfen und ihn im Affekt die Treppe hinabstoßen würde. Am Ende des Films würde sie als Mörderin verhaftet werden, obwohl sie eigentlich nichts weiter gewollt hatte, als sich mit dem zufällig in ihr Leben getretenen Geld eine schöne Zeit zu machen.

All das konnte mir zum Glück nicht passieren, denn ich hatte keinen Mann. So war es auf einmal wieder ein Vorteil, verlassen worden zu sein. Gut gelaunt schlüpfte ich in meinen warmen Wintermantel, steckte den Steinsack in eine der großen aufgenähten Taschen und verließ pfeifend das Haus.

Draußen dämmerte es inzwischen, und es war im Vergleich zu den Tagen davor nicht mehr ganz so kalt. Das leichte Tauwetter würde meinen Grabungsarbeiten am nächsten Tag sehr entgegenkommen. Mein Körper fühlte sich beim Gehen zugleich leicht und schwer an. Leicht, weil eine wunderbare Zeit voller Abenteuer vor mir lag, für die mir ein gnädiges Schicksal ausreichend Geld zur Verfügung gestellt hatte, schwer, weil ich nicht abschätzen konnte, wie die Bankräuber und eventuell auch die Polizei den Verlust der Beute einordnen würden. Umso wichtiger war es, den Stoffbeutel mit dem Aufdruck der Bank möglichst schnell loszuwerden.

Vorsichtshalber sah ich mich in der Straße um, konnte aber keinen auffälligen Wagen entdecken. Ich überlegte, ob ich meine Schritte einfach in den kleinen Park neben meinem Wohngebiet lenken sollte, wo es einen Ententeich gab, verwarf die Idee aber schnell wieder, da dieser vermutlich nicht tief genug sein würde, um den Steinsack dauerhaft zu versenken. Ich hatte außerdem bei Spaziergängen beobachtet, wie die Stockenten im Teich gründelten, den Boden aufwühlten und Gräser und Äste zutage förderten. Dabei würden sie früher oder später auch den Beutel vom Teichgrund holen.

Also wandte ich mich in Richtung des kleinen Flusses, der unsere Stadt in zwei Hälften teilte. Auf dem Weg dorthin begegnete ich nur vereinzelt Leuten, was mir ganz recht war. Der Fluss war durch das Tauwetter schon deutlich angeschwollen. Ich ging über eine Brücke, blieb an einer Stelle stehen, wo das Wasser besonders tief war, und sah mich lauernd um. Niemand interessierte sich für eine einzelne Frau auf der Brücke. Außerdem war es mittlerweile dämmerig geworden, und die Stelle lag weit entfernt von der nächsten Straßenlaterne. Ideal, um einen verdächtigen Gegenstand loszuwerden.

Ich griff in meine Tasche, hielt den Beutel kurz über das Wasser und ließ ihn schnell in den wild strudelnden Strom fallen. Mit Genugtuung beobachtete ich, wie er augenblicklich in dem braunen, aufgewühlten Tauwasser unterging. Ich wartete noch eine Weile, ob er nicht wieder auftauchte, was aber nicht der Fall war. Dann ging ich erleichtert den gleichen Weg zurück, den ich beim Hinweg genommen hatte.

Als ich wieder zu Hause angekommen war, sah ich noch einmal im Backofen nach, ob das Geld noch da war, fand zu meiner Zufriedenheit alles an seinem Platz vor und legte mich dann deutlich beruhigter aufs Sofa, wo mir sofort die Augen zufielen.