Es heißt, man solle im Leben nach seinem wahren Kern suchen, um sich wirklich kennenzulernen. Doch viele Menschen weigern sich standhaft, diesen Weg der Selbsterkenntnis zu beschreiten, und stürzen sich lieber in Arbeit oder andere Aktivitäten, um diese Frage gar nicht erst aufkommen zu lassen. Vielleicht haben sie Angst, sie könnten dort, wo sich ihr Wesenskern befinden soll, gar nichts finden oder, noch schlimmer, jemanden antreffen, den sie nicht ausstehen können. Solche Menschen kommen erst dann zur Ruhe, wenn ihre Gesundheit oder ein Schicksalsschlag ihnen gar keine andere Wahl mehr lässt.
Genau so ein Mensch muss ich die ganzen Jahre über gewesen sein. Denn wie war es sonst zu erklären, dass ich mehr als zwanzig Jahre lang in einem Beruf ausgeharrt hatte, den ich nicht leiden konnte, nur weil er mir Geld und Ansehen einbrachte, mich darüber hinaus aber an den Rand der Selbstaufgabe führte?
Um nach meiner Auszeit nicht wieder am gleichen Punkt zu stehen wie vorher, musste ich mich also auch mit mir selbst auseinandersetzen. Mir fiel es schwer, dafür den Ausdruck Achtsamkeit zu bemühen, da mir dieses Wort zu inflationär für eine Art von Selbstbeobachtung verwendet wurde, die nicht die Menschheit als Gemeinschaft im Blick hatte, sondern nur das eigene Wohlbefinden.
Ich wollte mir und meinen Lebenszielen wieder näherkommen, ohne dabei andere Menschen außer Acht zu lassen. Um es allerdings nicht auf die Spitze zu treiben, schließlich war ich ja absolute Anfängerin auf diesem Gebiet, wollte ich nicht gleich eine psychologische Beratung oder ein Coaching aufsuchen, sondern mich über den Umweg der körperlichen Bewegung meinen seelischen Defiziten nähern, um so gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, da ich ja überdies ein fürchterlicher Bewegungsmuffel war.
Und keine geistige Strömung hatte mehr Erfahrung damit, Menschen auf den rechten Weg zurückzuführen, als die asiatische Kultur, deren jahrhundertealte Methoden zudem in Gemeinschaft ausgeübt wurden und somit meine Kriterien voll und ganz erfüllten.
Daher war es ein absoluter Glücksfall, dass ich bei meiner Internetrecherche ein Studio für asiatische Energiearbeit entdeckte. In diesem wurde ein Intensivkurs Qigong angeboten, der am nächsten Tag beginnen sollte. Und es waren noch drei Plätze frei!
Natürlich hatte ich schon einmal davon gehört, dass Qigong eine chinesische Bewegungsform war, die, wenn man sie praktizierte, Körper, Geist und Seele gleichermaßen in Einklang bringen sollte. Aber letzten Endes hatte ich keine Ahnung, was es damit wirklich auf sich hatte. Bis auf gelegentliche halbherzig ausgeführte Walkingrunden, bei denen ich mir immer äußerst albern vorgekommen war, hatte sich mein Hang zu körperlichen Aktivitäten meist in Grenzen gehalten. Vielleicht war genau das mein eigentliches Problem, denn womöglich wohnte in meinem bequemen Körper doch ein verwirrter Geist. Außerdem hatte ich, insbesondere angesichts der neuerlichen Bedrohungslage durch den Bankräuber, Entspannung dringend nötig.
Das Studio versprach, dass Qigong für eine Harmonisierung der Lebensenergie Qi sorge, indem es Blockaden löse, sodass die Energie wieder ungehindert durch den Körper strömen könne.
Wenn ich einmal einen Plan gefasst habe, muss ich ihn sofort in die Tat umsetzen, damit er nicht durch meinen Hang zu körperlicher Bequemlichkeit torpediert wird. Also meldete ich mich voller Überzeugung, auf dem richtigen Weg zu sein, für den Kurs an und verbrachte nach diesem wichtigen ersten Schritt in Richtung Selbsterfahrung den restlichen Tag damit, auf dem Sofa zu liegen und in meinen japanischen Garten zu blicken, wo unter dem Azaleenbusch die nötigen Mittel für meinen Weg der Erkenntnis lagerten.
Am nächsten Morgen machte ich mich zum Studio auf, ausgestattet mit einer nach langer Suche im Kleiderschrank gefundenen, bislang vollkommen unbenutzten Yogahose, einem T-Shirt und warmen Socken.
Nach dem Kurs würde ich mit Pablo spazieren gehen. Der Tierpfleger hatte mir erklärt, dass ich noch mindestens dreimal mit dem Hund Gassi gehen und ein Tierheimmitarbeiter mein Zuhause überprüfen müsse, bevor ich den Hund schließlich mitnehmen dürfe. Obwohl dies an sich eine vernünftige Vorgehensweise war, erschien mir die Prozedur im Fall von Pablo und mir vollkommen überflüssig.
Das Studio für asiatische Energiearbeit lag am östlichen Rand des Stadtparks, wo im Frühjahr eine üppige Pracht von hellrosa bis dunkelroten Rhododendronbüschen das Auge erfreuten, nun aber noch das kahle Regiment des Winters herrschte. Meine Zuversicht vom Vortag war nun, da es darum ging, das Vorhaben in die Tat umzusetzen, einer beklommenen Erwartung gewichen.
Ich war einige Minuten zu spät, als ich das ebenerdige Gebäude betrat, was mir von unserem Kursleiter, einem asiatisch aussehenden Mann Ende fünfzig, sogleich eine mahnend gehobene Augenbraue einbrachte. Es würde nicht die letzte bleiben an diesem feuchtklammen Wintermorgen, aber das wusste ich in diesem Moment zum Glück noch nicht, sonst hätte ich gleich wieder kehrtgemacht.
Ich lächelte ebenso optimistisch wie entschuldigend, legte meine Sachen an der Garderobe ab und beeilte mich, zu den anderen Kursteilnehmern zu kommen, die schon in zwei Reihen hintereinander aufgestellt waren.
Der Raum hatte eine große Fensterfront zum Park hin, einen in warmem Hellgelb gehaltenen Linoleumboden und war ansonsten nur spärlich eingerichtet. Dies war vermutlich genau richtig, um sich ohne jegliche Ablenkung auf seine Übungen konzentrieren zu können.
»Ich habe eben schon einiges Grundlegendes zum Qigong und der Lebensenergie dargelegt«, sagte der Kursleiter in vorwurfsvollem Ton, »das müssen Sie dann selbst nacharbeiten.«
Derart streng war ich seit meiner Grundschulzeit nicht mehr angesprochen worden, doch ich wollte es mir nicht in den ersten Minuten komplett mit unserem Kursleiter verscherzen. Also nickte ich und versuchte, einen kooperativen Gesichtsausdruck aufzulegen.
Der Kursleiter sah mich an, als ob er durch mich hindurchsehen könnte, und fuhr mit seiner seltsamen Begrüßungsrede fort.
»Ihr habt viele Gebrechen und Probleme. Ihr klagt und jammert und sucht die Schuld bei eurem Partner, eurer Mutter oder eurem Arbeitgeber dafür, dass es euch nicht gut geht. Aber ich sage euch: Niemand anderes als ihr selbst ist verantwortlich für euer Wohlbefinden.«
Es war sofort klar, dass unser Unterweiser kein Anhänger der Kuschelpädagogik unserer westlichen Welt war. Dennoch, oder genau deswegen, hatte er voll ins Schwarze getroffen, was allerdings immer eine Art von Trotz bei mir hervorruft, der einem Erkenntnisgewinn wenig zuträglich ist. Ich schluckte und schielte leicht verärgert zur Seite, um zu sehen, wie diese Predigt bei meinen Mitstreitern angekommen war.
Ein Großteil der Kursteilnehmer waren Frauen zwischen fünfundzwanzig und fünfundsiebzig Jahren. Die meisten davon hingen an den Lippen ihres Gurus und nickten wie Wackeldackel zu jedem gewichtigen Wort des großen Meisters. Und einige von ihnen hielten offenbar jedes Wort für gewichtig.
Einer der beiden Männer hatte ablehnend seine Arme verschränkt, was darauf schließen ließ, dass er nicht freiwillig hier war, sondern von der Frau neben ihm, vermutlich seine Partnerin, dazu verdonnert worden war.
Der zweite Mann sah versonnen in den Raum und war anscheinend schon jetzt in höheren Bewusstseinssphären angekommen. Ich fürchtete schon, mit meiner Trotzreaktion ganz allein dazustehen, als ich den Blick einer Frau um die sechzig auffing, die mich wissend angrinste und mir mit einem Augenzwinkern bedeutete, dass sie es genauso wenig schätzte, so zurechtgewiesen zu werden.
Ich lächelte erleichtert zurück und zog eine Grimasse, mit welcher ich den hohen Ernst im Gesicht des Kursleiters nachahmte. Dieser war inzwischen wieder auf mich aufmerksam geworden, was ein erneutes Heben seiner Augenbraue nach sich zog.
»Wie heißt du?«
Alle Augen richteten sich auf mich. Es fühlte sich an wie in der Schule, wenn man gerade beim Abschreiben erwischt worden war. Ich spürte, dass ich errötete. Es war erschütternd, wie schnell man wieder in alte Rollenmuster zurückfiel, wenn man auf eine vergleichbare Machtkonstellation traf.
»Vera«, presste ich hervor, während mein linkes Auge zu zucken begann.
»Komm mal bitte nach vorn, Vera, ich möchte den anderen an dir unsere Grundstellung demonstrieren!«
Natürlich! Komm an die Tafel und erkläre den Zitronensäurezyklus. Setzen. Sechs. Es war die gute alte und einfache Methode, Ruhestörer zu befrieden.
Ich schlurfte nach vorn und positionierte mich neben den Kursleiter, der sich als Herr Li vorstellte. Während er uns fraglos duzte, sollten wir ihn als großen Meister selbstverständlich siezen.
»Ich zeige euch jetzt die Grundstellung beim Qigong. Stehen wie eine Kiefer.«
Erleichtert atmete ich auf. Reglos verharren wie ein Baum konnte ich, das hatte ich bei unzähligen enervierenden Reden irgendwelcher Honoratioren während meiner Ausstellungseröffnungen zur Genüge geübt.
Doch der Kursleiter meinte offenbar etwas anderes. »Ihr stellt euch hüftbreit hin und lasst euch leicht in die Knie sinken. Bitte schön.«
Ich mühte mich damit ab, seiner Anweisung zu folgen.
»Nicht zu tief, nur ganz leicht.«
»Locker lassen«, korrigierte mein Unterweiser.
Zwei Frauen stießen sich an und tuschelten ganz offensichtlich über mich. Natürlich, ich war spätestens seit dem Zeitungsfoto als Geisel des Bankraubs eine stadtbekannte Persönlichkeit.
»Unter den Achseln passt ein kleines Vögelchen hindurch. Zugleich schiebt ihr die Hüfte nach vorn«, säuselte Herr Li mit einer Entspannungsstimme, die bei mir allerdings den Aggressionspegel hob. Er legte die Hände an meine Hüften und bemerkte: »Du bist gar nicht in deiner Mitte, lass das Becken los!«
Augenblicklich sackte ich in mich zusammen. Mir war klar, dass diese Haltung absolut lächerlich wirkte. Ich fühlte mich wie eine achtlos zurückgelassene Marionette einer Puppentheaterbühne. Zum Glück waren die anderen nun ebenfalls damit beschäftigt, den Anweisungen des Kursleiters zu folgen, und beachteten mich nicht weiter. Ich suchte den Blick meiner netten Verbündeten und stellte neidvoll fest, dass diese abstruse Körperhaltung bei ihr überraschend würdevoll aussah.
Herr Li ließ von mir ab und ging gemessenen Schrittes durch den Raum, um die Bemühungen meiner Mitstreiter zu begutachten. Den anderen erging es nicht besser als mir, jeder bekam ein demotivierendes Wort vom großen Meister zugesprochen. Ich war froh, ihn erst einmal los zu sein.
»Der Kopf zeigt zum Himmel, Kinn leicht zurück.«
»Wie soll das denn gehen?«, entfuhr es mir. Ich konnte mein Kinn doch nicht isoliert vom Rest des Kopfes bewegen!
Der Kursleiter federte prompt wieder herbei und korrigierte meine Fehlhaltung, indem er an einigen Stellen meines Körpers hantierte, als wäre ich tatsächlich eine willenlose Puppe. Angespannt blieb ich in der von ihm vorgegebenen Haltung stehen.
»Und jetzt atmen wir tief und gelassen ein … und wieder aus.« Der Kursleiter sog hörbar die Luft ein.
Das Atmen hatte ich bei allem Bemühen um die richtige Körperhaltung komplett vergessen. Ich holte tief Luft und stieß sie ebenso heftig wieder aus. Dies wiederholte ich engagiert ein paarmal. Nach wenigen Sekunden wurde mir schwarz vor den Augen. Der Raum um mich herum fing an, sich beängstigend zu drehen. Ich taumelte.
Herr Li kam herbeigeeilt und stützte mich gerade noch rechtzeitig ab, bevor ich vollends zu Boden ging.
»Setz dich mal lieber da auf die Bank, und schau den anderen zu, wie sie es machen«, verfügte er.
Gedemütigt schlich ich davon, fing dabei immerhin den mitfühlenden Blick meiner neuen Verbündeten ein und nahm auf der Bank Platz. Ich würde wohl nicht an einem einzigen Tag vom Bewegungsmuffel zum stolzen Kranich heranwachsen. Diese Erkenntnis hatte sich schon nach wenigen Minuten klar herauskristallisiert.
Doch je länger ich meine Mitstreiter beobachtete, desto mehr erkannte ich zu meiner Erleichterung, dass die meisten genauso große Schwierigkeiten bei dieser Übung hatten wie ich. Von meiner Verbündeten einmal abgesehen, die immer noch überaus elegant performte.
Nach ein paar Minuten hatte ich neues Selbstvertrauen geschöpft und kehrte in meine Reihe zurück. Hüftbreit hinstellen, in die Knie sinken lassen, Vögelchen unter den Achseln durchlassen, Hüfte nach vorn, Kopf zum Himmel, Kinn leicht zurück. Was mir zuvor unmöglich erschienen war, gelang mir jetzt auf einmal mühelos. Juhu, ich stand wie eine Kiefer!
Herr Li wurde auf mich aufmerksam, sah prüfend an meinem Körper herunter und zog eine Augenbraue hoch … und zwar anerkennend!
Ich atmete locker ein und wieder aus, und nach ein paar weiteren Atemzügen fühlte ich mich tatsächlich deutlich wohler. Es war mir egal, ob ich dabei lächerlich aussah oder mich irgendjemand beobachtete.
Aber das Erstaunlichste war: Ich war tatsächlich entspannt!
So sehr, dass ich beinah vergaß, wie leicht auch eine entspannte Kiefer gefällt werden kann.