Am nächsten Morgen war ich bereits sehr früh wach, was ich dazu nutzte, im Garten ein paar Qigongübungen zu machen, zumal die Sonne bereits motivierend durch die hohen Baumwipfel hindurchblinzelte. Pablo schnüffelte aufgeregt im mit Morgentau bedeckten Gras und folgte wieder irgendwelchen neuen Geruchsspuren.

Hunde, so hatte mein Hundetrainer erzählt, können wohl nicht nur in die Tiefe schnüffeln, sondern auch eine Million verschiedene Gerüche unterscheiden. Ich hatte also keine Ahnung, ob er immer noch hinter den Duftmarken von Schostakowitsch her war oder ob er inzwischen eine andere Spur verfolgte, zum Beispiel die eines Eichhörnchens, das manchmal über den Rasen huschte, wenn es sich unbeobachtet fühlte.

Als ich zwei Mal alle Übungen absolviert hatte, die ich bei Meister Li gelernt hatte, ging ich ins Haus, machte mir einen Kaffee und setzte mich mit dem Telefon ans Fenster, mit Blick auf den japanischen Garten.

Ich wählte die Nummer, die Rosa mir gegeben hatte, und lauschte gespannt dem Klingeln, das irgendwo in den Schweizer Alpen seine Resonanz fand. Es dauerte sehr lange, bis die Bäuerin an den Apparat ging. Vermutlich war sie gerade im Stall beim Melken gewesen, was nicht gerade ein guter Einstieg für mich war.

»Stocker«, meldete sie sich entsprechend unwirsch, wobei sie das ck wie kch aussprach.

»Die Rosa … äh … hat mir ihre Nummer gegeben.« Tatsächlich hatte ich keine Ahnung, wie Rosa mit Nachnamen hieß. Das wurde ja immer besser. Ich selbst hätte mich schon jetzt auf keinen Fall eingestellt. Aber zum Glück war der Hilfsbedarf offenbar groß, und die Stimme der Bäuerin wurde sehr viel wohlwollender, als ich ihr eröffnete, dass ich einen Arbeitseinsatz bei ihr absolvieren wollte.

»Haben Sie schon einmal in der Landwirtschaft gearbeitet?«, wollte sie allerdings gleich in ihrem herrlichen schweizerdeutschen Singsang wissen.

»Ähm … ich habe einen Garten«, antwortete ich. Sie musste ja nicht wissen, dass es sich dabei um einen völlig überzüchteten Kunstgarten handelte.

»Wir haben zurzeit fünfundzwanzig Kühe hier auf der Alm«, erklärte mir die Bäuerin. »Und wir haben drei Kinder.«

Die Reihenfolge amüsierte mich, aber ich unterdrückte mein Glucksen gerade noch rechtzeitig.

»Kein Problem«, antwortete ich nur. Ich hatte mit Kühen keinerlei Erfahrung, außer, dass ich meine Milch manchmal auf einem Bauernhof einkaufte, doch waren die Kühe immer im Stall oder auf der Weide, wenn ich dort gewesen war.

»Wie lange haben Sie Zeit?«

Darüber hatte ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Ich vermutete, dass die Leute für den Arbeitseinsatz den ganzen Sommer über blieben, wollte mich aber nicht so weit im Voraus festlegen, falls mir die Arbeit womöglich doch nicht gefiel.

Also sagte ich aufs Geratewohl »Vier Wochen?«

»Oh, so lang?«, freute sich die Bäuerin. »Normalerweise bleiben die Leute nur eine oder zwei Wochen.«

Ich musste schlucken. Die Arbeit dort ist nicht ohne, hatte Rosa mich gewarnt. Aber alles war besser, als hierzubleiben und Däumchen drehend auf den Bankräuber zu warten. Also stimmte ich tapfer zu.

»Wann können Sie anfangen?«, hatte es Frau Stocker nun plötzlich eilig.

Ohne weiter nachzudenken, sagte ich: »Morgen.«

Sie schien sich nicht darüber zu wundern, dass ich sofort verfügbar war. Oder ihre Not war so groß, dass sie nach jedem Strohhalm griff, der sich ihr anbot.

»Gut, dann sagen Sie mir Bescheid, wann Sie in Reichenbach am Bahnhof sind, ich hole Sie dort ab. Uff Wiederluege.«

Ich verabschiedete mich und legte auf. Ich hatte einen Job! Ein wahres Triumphgefühl breitete sich in meiner Brust aus. Ich rannte die Treppe hinauf und klopfte an die Tür meines Sohnes.

»Was ist denn?«, kam es genervt von drinnen.

»Es hat geklappt!«, jubelte ich von draußen.

Keine zehn Sekunden später öffnete er die Tür und grinste mich verschlafen an. »Das mit den stinkenden Kühen?«

»Genau! Das mit den stinkenden Kühen«, bestätige ich euphorisch. »Alles Weitere erzähle ich dir unten beim Frühstück!«

Acht Uhr morgens war nicht gerade seine Zeit, aber angesteckt durch meine gute Laune schlurfte Julian bereitwillig hinter mir die Treppe hinunter. Während er versuchte, wach zu werden, machte ich uns Müsli und einen Kaffee und stellte alles vor ihn auf den Tisch.

»Stell dir vor, die gute Luft da oben und die Ruhe«, schwärmte ich. »Das wird bestimmt ganz toll. Ich werde mir jede Menge Bücher mitnehmen, morgens auf einem Berg Qigongübungen machen und abends endlich einmal Tagebuch schreiben. Vielleicht schreibe ich auch ein Buch, zu erzählen hätte ich ja genug.«

»Megacool!« Mein Sohn machte das Daumen-hoch-Zeichen, während er mit der anderen Hand einen Löffel Müsli in sich hineinschaufelte.

»Und du musst hier die Stellung halten«, sagte ich zu Julian. »Aber pass auf, dass der Bankräuber dich nicht erwischt.«

Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich in den Bergen zwar in Sicherheit sein würde, aber Julian sozusagen als Pfand zurücklassen musste. Was, wenn der Bankräuber ihn gefangen nahm und mich mit der körperlichen Unversehrtheit meines Sohnes erpresste? Ein eiskalter Schauer lief mir den Rücken hinab.

Julian sah mich mit einem hintersinnigen Blick an, den ich aber nicht richtig deutete. »Ich könnte zu meinem Schutz ein paar Freunde einladen?«

Erleichtert atmete ich aus. »Ja, das ist sicher eine gute Idee. Ein paar junge Männer! Dann traut sich die Blitzbirne sicher nicht hier rein.«

Vor lauter Euphorie über meine baldige Abreise hielt ich dies für die perfekte Lösung.

»Und was ist mit dem Hund?«, wollte Julian dann wissen.

An Pablo hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht. Als würde er etwas ahnen, kam er just aus dem Garten ins Haus getrottet, blieb vor mir stehen, legte mir seine Schnauze aufs Knie und sah mich mit herzzerreißenden Hundeaugen an.

»Dich nehme ich natürlich mit. Die Bauern haben sicher nichts dagegen. Du kannst mir sogar beim Kühehüten helfen«, versicherte ich ihm schnell. Pablo entspannte sich bei meinen Worten sofort und schleckte mir die Hand ab.

Da fiel mir ein, dass noch eine andere Person Interesse am meinem Aufenthaltsort haben könnte. »Meinst du, ich sollte der Kommissarin Bescheid geben, dass ich wegfahre?«

Julian nickte kauend. »Auf jeden Fall. Sonst denkt sie noch, du bist auf der Flucht vor ihr.«

»Bin ich ja auch«, antwortete ich lächelnd. »Aber das braucht Frau Ritter ja nicht zu wissen.«

Allerdings musste ich zugeben, dass mir vor diesem Anruf graute. Das Verhalten der Kommissarin hatte schließlich ganz klar gezeigt, dass sie mich nun zum Kreis der Verdächtigen zählte und längst nicht mehr als reines Opfer sah.

Und wenn ich nun anrief und mich bei ihr abmeldete, war das nicht so etwas wie ein unnötiges Schuldeingeständnis, das mich erst recht verdächtig machen würde?

»Du könntest sagen, dass du für die nächsten Wochen keinen Polizeischutz mehr brauchst«, schien Julian meine Gedanken lesen zu können.

»Das ist genial!«, rief ich, sprang auf und knutschte meinen Sohn ab, dem meine Reaktion sichtlich unangenehm war. Seit er vierzehn war, mochte er es nicht mehr, von mir geküsst zu werden, schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Wo war bloß mein lieber, anhänglicher Junge geblieben, mit dem ich gegen den Rest der Welt kämpfte?

Ich hoffte, dass dieser Junge noch irgendwo im Körper dieses obercoolen Burschen steckte und eines Tages wieder zum Vorschein kommen würde.

Um die Angelegenheit mit der Kommissarin gleich hinter mich zu bringen, ging ich mit dem Telefon ins Wohnzimmer und wählte ihre Nummer.

»Angelina Ritter«, meldete sie sich mit der gewohnt eindringlichen Stimme. Der Vorname erschien mir für ihren herben Charakter deutlich zu weich und auch zu weiblich. Vielleicht hatten ihre Eltern auch einmal ein liebes kleines Mädchen gehabt und suchten immer noch vergeblich danach.

Ich atmete einmal tief durch und nahm meinen ganzen Mut zusammen. »Ich wollte Ihnen nur sagen, dass ich in den nächsten vier Wochen keinen Polizeischutz mehr brauche«, teilte ich ihr möglichst sachlich mit. »Ich gehe zum Arbeitseinsatz in die Berge.«

Letzteres ging sie zwar überhaupt nichts an, aber sie sollte ruhig wissen, dass ich nicht vorhatte, einen Luxusurlaub zu machen, in dem ich womöglich einen Teil der Beute verprassen wollte.

»In die Berge«, echote sie.

»Ja. Ich muss alles einmal hinter mir lassen. Die Geiselnahme macht mir doch mehr zu schaffen, als ich dachte.«

»Mhm«, machte Frau Ritter gleichgültig. Wenn da wirklich jemals ein liebes Mädchen gewesen war, versteckte sie es sehr tief in ihrem Inneren. Ich versuchte, mich von ihrer Wortkargheit nicht beirren zu lassen, was mir nur halbwegs gelang.

»Es wäre allerdings nett, wenn Sie gelegentlich doch mal eine Streife hier vorbeifahren lassen würden. Mein Sohn bleibt nämlich im Haus«, meinte ich.

»Ihr Sohn«, wiederholte sie schon wieder einen Teil meines Satzes. Wenn es ihre Absicht war, mich damit zu verunsichern, dann war ihr das allerdings jetzt schon gelungen. Doch das war noch nicht alles.

»Aber warum sollte es der Bankräuber jetzt auf Ihren Sohn abgesehen haben? Der hat ihn doch gar nicht gesehen und kann ihm daher auch nicht gefährlich werden?«, fragte sie, plötzlich gesprächig.

Jetzt wäre es mir doch lieber gewesen, die Kommissarin wäre mundfaul geblieben. Denn natürlich hatte sie damit wieder einmal die Schwachstelle meiner Argumentation aufgespürt. Warum sollte der Bankräuber überhaupt hinter mir her sein, wenn er nicht etwas von mir zurückhaben wollte? Geschweige denn, hinter meinem Sohn?

»Ich dachte nur«, sagte ich schwach. »Er weiß ja nicht, dass ich nicht da bin. Vielleicht sieht er abends das Licht.«

»Vielleicht«, fiel Frau Ritter in ihre vorige Einsilbigkeit zurück.

Ihre Methode, Leute geständig zu machen, funktionierte bei mir hervorragend. Ich war kurz davor, ihr alles anzuvertrauen, nur weil ich die Anspannung in den Gesprächspausen nicht mehr aushielt. Es wurde höchste Zeit, das Telefonat zu beenden, bevor ich mir meine Zukunft endgültig vermasselte.

»Aber vielen Dank, dass Sie mich bisher so gut beschützt haben. Ich melde mich, wenn ich zurück bin.«

Ich verabschiedete mich und legte auf, ohne ihre Antwort abzuwarten.

Julian stand im Türrahmen und verdrehte die Augen. »Mann, als Gangsterbraut bist du echt überhaupt nicht geeignet: Vielen Dank, dass Sie mich beschützt haben, voll peinlich!«

Ich zuckte müde mit den Schultern. »Lieber peinlich als verdächtig!«

Dann stand ich auf und ging nach oben, um meine Sachen zu packen. Beim Blick in meinen Kleiderschrank stellte ich jedoch fest, dass meine Kleidung für einen Almeinsatz vollkommen ungeeignet war.

Also fuhr ich zum nächstgelegenen Sportcenter und kaufte mir einen großen Wanderrucksack, zwei Jeans, ein paar knöchelhohe Bergschuhe, eine Fleecejacke und einen Fleecepulli, eine Trinkflasche sowie eine leichte wasser- und winddichte Jacke. Zusammen mit ein paar Shirts, Wäsche, vier Büchern und einigen lange haltbaren Müsliriegeln fühlte ich mich dann bestens ausgerüstet für meinen Arbeitseinsatz auf einer Schweizer Bergalm.