Die Zeit auf der Alm verging wie im Flug. Alles, was sich gerade bei mir zu Hause abspielte, hatte seine Bedeutung verloren. Gelegentlich blitzten natürlich Gedanken an meinen Sohn in mir auf, der hoffentlich in Sicherheit war und sich auch an sein Versprechen hielt, das Geld im Schließfach am Bahnhof nachzulegen.

Letztlich hatte ich gar keine Zeit, mir Gedanken zu machen, denn die Arbeit auf der Alm war sehr fordernd. Kaum hatte ich eine Aufgabe beendet, winkten an jeder Ecke neue Herausforderungen. Die ersten Tage hatte ich üblen Muskelkater, weil ich die körperliche Arbeit nicht gewohnt war.

Doch die Sennerfamilie wuchs mir immer mehr ans Herz. Selbst die etwas mürrische Sennerin konnte ich gut leiden, da immer wieder ihr eigentlich gutmütiges Wesen und ihr versteckter Witz hervorblitzten, die durch die zusätzliche Belastung wohl etwas verschüttet worden waren.

Besonders eigenartig war meine Aufgabe, die Kühe am Nachmittag mit einer Spülbürste, Wasser und Geschirrspülmittel von ihren Exkrementen zu befreien. Ich konnte nicht gerade behaupten, dass das zu meinen Lieblingsaufgaben zählte, da die verkrusteten Schwänze der Kühe einem dabei um die Ohren flogen und man nicht genau wusste, ob es Lehm oder eben doch etwas anderes war.

Trotz der anstrengenden Arbeit vermisste ich nichts, außer vielleicht hin und wieder eine warme Dusche. Sich am ganzen Körper mit eiskaltem Quellwasser zu waschen, war schon etwas gewöhnungsbedürftig. Der Stallgeruch drang in alle Fasern der Kleidung ein, die im Lauf der Wochen ziemlich schmutzig wurde, denn eine Waschmaschine gab es natürlich nicht. Das störte aber niemanden, da letztlich alle so rochen. Ich zweifelte daran, ob ich diesen Geruch jemals wieder aus meiner Kleidung herausbekommen würde.

Und Sanne brachte mir bei, wie man Käse herstellt.

In einem großen, glänzenden Kupferkessel wurde die rohe Milch unter ständigem Rühren erhitzt, danach musste man die Milchsäurebakterienkulturen hinzugeben und die Milch mit Lab verdicken. Ich durfte die so entstandene Masse mit einer sogenannten Käseharfe in kleine Würfel schneiden.

Das war eine völlig andere Arbeit als in der Galerie, da es um ein konkretes Ergebnis ging. Hier gab es zum Glück nur Kühe, Arbeit und frische Luft, aber keinerlei Verbrechen. Ich fühlte mich sehr sicher.

»Je kleiner die Würfel sind, desto härter wird nachher der Käse«, unterbrach Sanne meine Gedanken.

Nachdem mir dies ganz passabel gelungen war, musste ich die Masse erneut rühren, während sie wieder erhitzt wurde. Meine Arme begannen zu schmerzen, doch ich wollte mir vor der Sennerin keine Blöße geben.

Und genau da passierte es natürlich: Der Holzlöffel glitt mir aus den Händen und ging in der blubbernden Masse unter. Betreten blickte ich in den Kessel.

Sanne lachte. »Jetzt musst du heute Abend zur Strafe vor allen ein Schweizer Lied jodeln. Das ist so Brauch bei uns. Wer den Käselöffel verliert, jodelt!«

Bei dem Gedanken, mich vor der ganzen Sennerfamilie zum Gespött zu machen, wollte ich am liebsten die Flucht ergreifen. Schon Singen war für mich ein Horror, wie schrecklich musste da erst Jodeln sein?

Sanne sah meinen entsetzten Blick und musste gleich noch mehr lachen. Sie ging vergnügt in den Nebenraum und kam mit einer langen Zange zurück, mit der sie im Kessel nach dem Holzlöffel fischte.

»Keine Sorge«, meinte sie, als sie ihn erfolgreich zutage gefördert hatte. »Diese Regel gilt nur beim Käsefondue, wenn man einen Brotwürfel im Caquelon verliert.«

An ihren Humor musste ich mich noch gewöhnen, aber Hauptsache, ich musste nicht jodeln. Während ich weiterrührte, fragte ich Sanne, was für ein Problem Herr Stocker mit seinem Bein habe.

Sie grinste verschwörerisch. »Er ist vor zwei Wochen nach dem Frühschoppen unten im Ort vom Weg abgekommen und hat sich den Mittelfuß gebrochen. Wird lange brauchen, um zu heilen.«

»Deshalb ist die Sennerin so sauer?«, vermutete ich.

Sanne nickte nur vielsagend und verdrehte dabei die Augen. »Normalerweise bin ich ja nicht im Stall, sondern mache nur Käse. Aber ich kann die Sennerin nicht hängen lassen.«

Nach dem Umrühren mit dem gereinigten Holzlöffel wurde die Käsemasse in eine Holzform gedrückt und zwei Tage beschwert, um die Molke herauszupressen. Diese kräftezehrende Aufgabe überließ ich doch lieber Sanne. Langsam bekam ich eine Ahnung davon, warum sie so eindrucksvolle Muskeln hatte, denn die Arbeit einer Käserin war wirklich sehr anstrengend.

Nach dem Pressen kam der Käse in eine Salzlake, dann mussten die Laibe für mindestens sieben Wochen an einem kühlen Ort reifen.

»Du wirst also deinen eigenen Käse leider nicht mehr probieren können«, meinte Sanne bedauernd.

»Ich komme bestimmt irgendwann wieder«, sagte ich überzeugt. Ja, ich konnte mir tatsächlich einen weiteren Almeinsatz vorstellen, vielleicht im nächsten Jahr.

Zum Tagebuchschreiben oder zum Qigong, wie ich es mir in meiner Naivität vorgestellt hatte, kam ich hier auf der Alp zwar nicht, da ich abends erledigt in meine Kammer kletterte und wie ein Felsbrocken ins Bett fiel, aber das störte mich auch nicht weiter.

Bald wurden mir alle anfallenden Aufgaben anvertraut, nur an das heilige Melken ließ die Sennerin mich nach wie vor nicht heran. Ich war keineswegs unglücklich darüber, denn ich hatte immer noch großen Respekt vor den Kühen. Schließlich wollte ich nicht, dass sie mir mit ihren sechshundert Kilogramm Gewicht auf einen Fuß stiegen.

Die gutmütige Mokka hatte sich tatsächlich zu meiner Lieblingskuh entwickelt. Ich liebte ihr milchkaffeefarbenes weiches Fell und ihre sanfte weiße Schnauze. Überhaupt waren Kühe Göttinnen der Entschleunigung. Sie konnten einen mit ihren großen braunen Augen minutenlang anstarren, ohne sich zu bewegen. Ich konnte viel von ihnen lernen.

Meine Lieblingsaufgabe war es, die Tiere am Abend auf die Weide zu lassen. Sie galoppierten dann wie Kälbchen aus dem Stall, machten kleine Bocksprünge und stürzten sich auf das frische Gras, als ob sie den ganzen Tag über nichts bekommen hätten.

»Habt ihr keine Angst, die Kühe die ganze Nacht alleine draußen zu lassen?«, fragte ich den Senner, als wir einmal zusammen das Mittagessen in der Küche zubereiteten.

Er schüttelte den Kopf. »Wölfe gibt es hier zum Glück nicht, und wir zäunen die Weiden immer ein, damit das Vieh nicht irgendwo abstürzt und sich die Beine bricht.«

Beim Blick auf seine futuristische Beinorthese musste ich mir ein Grinsen verkneifen. Vermutlich wäre es auch besser gewesen, er hätte an jenem Morgen einen Zaun am Wegesrand gehabt.

Prompt bemerkte der Senner mein kleines Lächeln. »Das ist gar nicht lustig. Vor vier Jahren gab es nachts ein furchtbares Gewitter, und die Kühe sind vor Schreck durch den Zaun gebrochen. Drei davon haben sich so schlimm verletzt, dass wir sie einschläfern lassen mussten.«

Ich nickte ernst und nahm mir vor, besonders gut auf die Kühe aufzupassen, damit sich solch ein schreckliches Geschehen nicht wiederholte.

 

Schon bald waren die ersten beiden Wochen und damit die Hälfte meines Einsatzes vergangen. Von zu Hause hörte ich nicht viel, da es auf der Alm keine Netzverbindung gab. Nur wenn ich unten den Wocheneinkauf machte, konnte ich kurz telefonieren. Mein Sohn hatte mir versichert, dass bei ihm alles in Ordnung war, er regelmäßig zum Bahnhof fuhr und bisher kein Bankräuber am Haus aufgetaucht war.

Nur zu gern wollte ich glauben, dass die Blitzbirne tatsächlich aufgegeben hatte und sich inzwischen lieber irgendwo im Süden in der Sonne rekelte. Mit welchem Geld er dies tun sollte, fragte ich mich lieber nicht.

An diesem Tag freute ich mich besonders auf die Ankunft von Rosa, die ich mit dem Renault vom Bahnhof abholen durfte. Als ich nach getaner Arbeit die Serpentinen hinunterfuhr, konnte ich kaum glauben, dass ich selbst erst vor zwei Wochen am Bahnhof gestanden hatte, so sehr fühlte ich mich in der Schweizer Bergwelt schon zu Hause.

Ich war etwas verspätet, sodass Rosa bereits mit ihrem Zwergpinscher vor dem Bahnhofsgebäude stand und mir fröhlich zuwinkte. Pablo stürzte sich freudig auf ihre Hündin namens Mallory.

Auf der Autofahrt berichtete ich Rosa von meinen bisherigen Erlebnissen und meinen Eindrücken von der Sennerfamilie. Sie amüsierte sich sehr darüber, als ich die vorwurfsvolle Miene der Sennerin nachahmte, mit der sie ihren humpelnden Mann in Augenschein nahm.

»Übermorgen müssen sie für zwei Tage nach Zürich zu einem Spezialisten«, erzählte ich. »Scheint doch ein komplizierter Bruch zu sein, mal sehen.«

»Dann schmeißen wir den Laden allein?«, wollte sie wissen.

»Na ja, zusammen mit Sanne, aber die Kinder müssen wir natürlich auch versorgen.« Mit den letzten Worten hatte ich den Wagen schon auf dem Schotterplatz unterhalb der Alp geparkt. Rosa stieg aus und ließ Mallory von der Leine, die sofort losgaloppierte, was Pablo natürlich dazu verleitete, es ihr gleichzutun.

»Die beiden sind schon mal happy«, kommentierte Rosa zufrieden.

Wir gingen ins Haus, wo Rosa von der Familie wie eine alte Bekannte begrüßt wurde. Das versetzte mir einen kleinen Stich, was natürlich albern war, da sie ja fast zur Familie gehörte, so oft war sie hier im Einsatz gewesen. Aber es war deutlich zu spüren, wie froh die ganze Familie war, dass eine weitere und noch dazu so erfahrene Arbeitskraft hinzugekommen war. Und auch für die Kinder schien sie so etwas wie eine Ersatzoma zu sein, denn sie klebten den ganzen Abend an ihr und wollten Geschichten von Mallory und anderen Hunden hören.

Rosa bezog wie ich eine kleine Kammer unterm Dach und wurde am nächsten Morgen ebenfalls durch das Poltern mit dem Besenstiel geweckt. Es war sofort zu merken, wie gut sie sich auskannte, denn sie konnte ohne jede Einarbeitung sämtliche Tätigkeiten übernehmen. An diesem Tag waren alle deutlich entspannter und erlaubten sich sogar kleine Scherze.

Als ich am Abend behaglich im Bett lag und in den Sternenhimmel blickte, glaubte ich, dass eine Steigerung meines Glücks nicht mehr möglich war. Ich wusste nicht, dass ich tatsächlich auf einem Gipfel angekommen war, auf dessen Rückseite es steil bergab gehen würde.