Den Wachdienst am Ingresso del Perugino leitet Giovanni Piga, Dottore Giovanni Piga genauer gesagt – und der »Dottore« ist in diesem Fall kein Ehrentitel, wie ihn römische Kellner oder Ladeninhaber ihren Kunden gern verleihen, sondern ein ordnungsgemäß erworbener akademischer Grad: Die vielen Abend- und Nachtdienste an der Pforte des Kirchenstaats hat Giovanni erfolgreich für ein langjähriges Fernstudium der Rechtswissenschaften zu nutzen gewusst.
Wenn er wollte, könnte Dr. Piga nun dem Vatikan Lebewohl sagen und sich den Advokatentalar überstreifen oder in der freien Wirtschaft als Jurist tätig werden. Dass er dennoch nicht daran denkt, seinen Posten hier zu räumen, hat verschiedene Gründe – aber einen ganz sicher nicht: sein gegenwärtiges Einkommen. Das nämlich beträgt gerade mal gute 1800 Euro und liegt damit ungefähr im Mittelfeld der Spannbreite vatikanischer Gehälter, die beim Mindestlohn von 1200 Euro beginnt und bei 2600 Euro für Angestellte in Führungspositionen schon wieder aufhört. Mehr verdienen allenfalls die Kurienkardinäle, doch selbst für sie ist mit circa 3500 Euro das absolute Ende der Gehaltsskala erreicht.
Und der Papst? O ja, der hat auch in diesem Punkt eine Sonderstellung: Er erhält, als Einziger im Vatikan, keinen einzigen Cent für seine Arbeit. Wie niedrig die Gehälter im Vatikan also sein mögen: Es gibt, einschließlich der wenigen noch rein sozialistisch regierten Länder, keinen Staat, in dem die Löhne und Einkommen sozial derart gerecht verteilt wären. Das, findet Giovanni Piga, sei zweifellos ein Vorzug des Vatikans als Arbeitsplatz. Ein sehr viel handfesterer ist: Im Vatikan gibt es keine Einkommensteuern, ja mehr noch: Es gibt überhaupt keine Steuern, keine Zölle, keine sonstigen Abgaben an den Staat.
Ist der Vatikan also das perfekte Steuerparadies auf Erden? An Versuchen, das so zu sehen und davon nach Kräften zu profitieren, haben es (wie wir noch sehen werden) Finanzbanker und Finanzganoven keineswegs fehlen lassen. Doch mittlerweile gilt hier das Gleiche wie fürs himmlische Paradies: Seine Vorzüge bleiben strikt auf diejenigen beschränkt, denen es gelungen ist, als vatikanische Staatsbürger oder als Bedienstete des Kirchenstaats Aufnahme zu finden. Wobei der Vatikan kurioserweise sehr viel mehr Angestellte als Einwohner hat. Das liegt zum einen daran, dass die vatikanische Staatsbürgerschaft nur wenigen Menschen verliehen wird; zum anderen bleibt sie, selbst wenn sie durch Geburt erworben ist, immer an die jeweilige Funktion des Betreffenden (oder seiner Familienangehörigen) gebunden und auf die Zeit befristet, in der er oder sie sich auf Dauer im Vatikan aufhält.
Vatikanische Bürger sind nach diesen Regeln außer dem Papst, den Kurienkardinälen und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie allen in Rom lebenden Kardinälen die Mitglieder der Schweizergarde. Alle übrigen Angestellten des Vatikans – und das sind, rechnet man die in den exterritorialen Teilen des Kirchenstaats Arbeitenden mit dazu, immerhin mehr als 3600, profitieren von der Steuerfreiheit des Vatikans, ohne zu dessen Staatsbürgern zu zählen.
Unter den gut 1300 Bediensteten des für die weltlichen Belange des Vatikanstaats zuständigen Governatorato befinden sich gerade mal 70 Priester oder Nonnen; alle anderen sind – oft weibliche – Laien; die Zahl der hier beschäftigten Frauen nimmt seit Jahren kontinuierlich zu. Zu den Angestellten der Kirchenstaatsverwaltung zählen neben zahlreichen Nichtkatholiken sogar einige Muslime; denn überraschenderweise ist der römisch-katholische Glaube keine unbedingte Einstellungsvoraussetzung.
Das gilt übrigens nicht nur für Hilfs- und Handlangerberufe; Radio Vatikan beschäftigt derzeit eine evangelische und eine anglikanische Mitarbeiterin – und Papst Benedikt XVI. selbst lässt seine (in der Regel italienisch geschriebenen) Reden von der evangelischen Übersetzerin Sigrid Spath ins Deutsche übertragen. Kaum zu glauben, aber wahr: Fast alle deutschen Zitate aus Ansprachen und Referaten des Papstes, die uns erreichen, sind nicht vom deutschen Papst Benedikt XVI. endgültig formuliert, sondern von einer Frau, die sich zum evangelischen Glauben bekennt.
Obwohl der Vatikan also längst nicht mehr wie ein katholisches Männerghetto wirkt – ein Arbeitsplatz wie jeder andere ist der Kirchenstaat dennoch nicht. Neue Angestellte merken das spätestens dann, wenn sie bei Dienstbeginn statt eines Vertrags eine Ernennungsurkunde ausgehändigt bekommen. Soll heißen: Auch auf einem so irdischen Sektor wie dem des Arbeitsrechts wird hoheitlich gedacht und gehandelt. Ihre Interessen zu vertreten ist für die Angestellten unter solchen Umständen nicht eben leicht. Geistliche mögen sich, falls sie über Überlastung klagen, mit einem mehr oder weniger väterlichen Hinweis auf ihr Weihegelübde begnügen müssen, das sie zum Gehorsam und zur Selbsthingabe im Dienst der Kirche verpflichtet. Laien hingegen entwickeln da leicht andere Vorstellungen – und zur Not die nötige Tatkraft, um sie deutlich zu artikulieren.
Streiks? Demonstrationen? So etwas sei im Vatikan einfach nicht üblich, belehrte die Verwaltung des Kirchenstaats noch 1981 ihre Angestellten, als die schlicht »weniger Arbeit und mehr Lohn« forderten – und statt einer Demo halt eine »Schweigeprozession« organisierten. Die Aktion hatte Erfolg, vielleicht auch, weil der oberste Dienstherr einst in Polen als Freund der katholischen Gewerkschaft Solidarność aufgefallen war. Papst Johannes Paul II. jedenfalls setzte sich damals für die Gründung einer »Arbeitnehmervereinigung der Laien im Vatikan« ein, die alsbald die Einführung der 36-Stunden-Woche erreichte.
Eine echte, zum Führen von Tarifverhandlungen berechtigte Gewerkschaft ist diese Vereinigung allerdings nicht. Wobei eine Gewerkschaft im Vatikan, genau genommen, wenig Sinn machen würde ohne ihr Gegenstück, einen Arbeitgeberverband. Es gibt keine Privatunternehmen, keine Handelsketten und nicht einmal privat betriebenen Einzelhandel im Vatikan. Einziger Arbeitgeber ist der, der zugleich fürs Wohlergehen aller Bürger verantwortlich ist: eben der Vatikanstaat. Ob er diese Verantwortung seinen Angestellten gegenüber gewissenhaft genug ausübt, ist freilich eine andere Frage, eine, die sich auch durch das Bekenntnis des Arbeitgebers zum katholischen Glauben keineswegs von selbst erledigt. Sprecher der vatikanischen Angestellten haben gelegentlich (und externe Vatikankritiker sehr häufig) darauf hingewiesen, dass der Staat des Papstes sich mitunter recht schwertut, die arbeiter- und angestelltenfreundlichen Forderungen der katholischen Soziallehre in die eigene Praxis umzusetzen.
Wovon allerdings jede Gewerkschaft nur träumen könnte, ist das vatikanische Kündigungsrecht. Es basiert auf der paternalistischen Idee, wonach jeder, der hier arbeitet, im Grunde dem Papst dabei hilft, sein Amt als guter Hirte der Kirche auszuüben. Anders gesagt: Die Tätigkeit jedes einzelnen Angestellten, vom Gärtner bis zum Kurienkardinal, gilt selbst als Teil des päpstlichen Amtes – und kann daher nicht einfach mit einer profanen Kündigung oder gar per Rausschmiss beendet werden. Nötig wäre stattdessen ein förmliches, an viele Bedingungen und Regeln geknüpftes Amtsenthebungsverfahren, eine Prozedur, vor der Vorgesetzte, außer in ganz drastischen Fällen, durchaus zurückschrecken. Lieber versuchen sie es im Guten.
Auch darüber hinaus können die vatikanischen Arbeitsbedingungen so schlecht nicht sein: Es gibt nach wie vor einen heftigen Run auf offene Stellen. Das hat wohl nicht zuletzt darin seinen Grund, dass die Arbeitszeiten – wie so vieles im Vatikan – zwar einigermaßen skurril, aber im Endeffekt sehr human sind: 36 Wochenstunden, in der Regel, verteilen sich auf fünfeinhalb Tage. Und die Tatsache, dass man im Vatikan auch am Samstagvormittag arbeitet (oder jedenfalls im Büro vorbeischaut), wird mehr als kompensiert durch die Arbeitszeit an den anderen Wochentagen: Die reicht gerade mal von acht Uhr früh bis 14 Uhr; an Dienstagen und Donnerstagen beginnt die Siesta zwischen zwölf und ein Uhr mittags, dafür kommt dann eine kurze Spätnachmittagsschicht dazu. Obendrein hält der vatikanische Feiertagskalender eine höchst angenehme Anzahl von arbeitsfreien Tagen bereit.
Von alledem abgesehen: Es ist, siehe die späte Juristenkarriere des Dr. Piga, kein großes Geheimnis, dass Vatikanbedienstete während der Arbeitsstunden oft Zeit und Gelegenheit zur individuellen Selbstverwirklichung finden. Dass keiner gezwungen wird, dem Dienst an der Kirche sein persönliches Wohlergehen zu opfern, ist den Vorgesetzten bis hinauf zum Papst nie verborgen geblieben. Bis heute kursiert die Antwort Papst Johannes XXIII. auf die Frage eines amerikanischen Journalisten, wie viele Menschen denn im Vatikan arbeiteten: »Wenn es gut geht, die Hälfte.«
Italiener, vielleicht auch Polen, mögen so etwas nicht nur menschenwürdig, sondern ganz normal finden. Doch was, wenn der Papst aus Deutschland kommt, wo sie (wenn auch, genau besehen, vor allem unter lutherischem Einfluss) die Arbeitsmoral erfunden haben? Anders als sein Vorgänger Johannes Paul II., der zugunsten seiner vielfältigen diplomatischen Aktivitäten die Zügel im Vatikan eher schleifen ließ, galt der durch seine langjährige Tätigkeit an der Spitze der Glaubenskongregation mit dem vatikanischen Arbeitsalltag bestens vertraute Benedikt XVI. von Anfang an als Mann, der sich mit dem Schlendrian im Kirchenstaat keineswegs zu arrangieren gedachte.
Die Insider zitterten also. Und waren dann auch wenig überrascht, als der nach dem Papst höchste Mann im Vatikan, der (seinerseits neu ernannte) Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, die Einführung eines ab 2008 geltenden Prämiensystems bekannt gab, mit dessen Hilfe die vatikanische Arbeitswelt an die Bedingungen einer modernen Leistungsgesellschaft herangeführt werden soll.
So weit die schlechte Nachricht, jedenfalls aus Sicht der Vatikanangestellten. Die gute ist: Auch in dieser Hinsicht wird im Vatikan nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wurde. Nach einem Jahr, also bei Drucklegung dieses Buches, fällt das vorläufige Fazit ziemlich beruhigend aus: Keiner verdient weniger als vor der Einführung des neuen Systems; und um in den Genuss der Zusatzprämien (bis zu zehn Prozent des Grundgehalts) zu kommen, muss im Vatikan nach wie vor niemand ein Infarktrisiko auf sich nehmen.
Nichts geändert hat sich an einer weiteren Besonderheit, die es den Angestellten des Papstes ziemlich leicht macht, sich mit ihren relativ niedrigen Nominallöhnen zufriedenzugeben: Pensionsansprüche werden nach einem höchst komfortablen Muster berechnet: Jedes abgeleistete Dienstjahr schlägt nicht etwa mit zwölf, sondern mit 16 Monaten zu Buche.
Darüber hinaus profitieren die Angestellten von einigen weiteren Vorzügen des Kirchenstaats. Dazu zählen neben den stets kostenlosen Telefongesprächen in die Stadt Rom vor allem das billige Vatikanbenzin. Die Zeiten, in denen über dessen mäßige Qualität gejammert wurde, sind vorbei; heute bezieht der Vatikan seinen Treibstoff wie viele andere italienische Tankstellen vom Staatskonzern Fina. Der Preis beträgt derzeit knapp einen Euro pro Liter. Bei 1800 Litern im Jahr – so viel werden jedem Angestellten zugestanden – lässt sich da leicht ein hübsches Sümmchen ersparen.
Die Tankstelle des Vatikans dürfen Außenstehende natürlich nicht benutzen. »Besichtigen« dagegen lässt sie sich relativ leicht: Sie befindet sich auf der Piazza San Marta, von der die Führungen durch die Gärten ihren Ausgang nehmen. Daneben betreibt der Vatikan drei weitere Tankstellen außerhalb seiner Mauern: die Urbaniana (die »Städtische«) nahe der großen katholischen Universität Ambrosiana, eine auf dem Laterangelände und eine im extraterritorialen Gebiet von San Callisto.
Häufig in Anspruch genommen wird auch der FAS (Fondo Assistenza Sanitaria), eine – nach sozialistischem Muster! – errichtete Poliklinik, in der die Patienten von exzellenten Fachärzten betreut werden. Kosten tut das für Vatikanbedienstete nichts; die pauschale Krankenversicherung wird automatisch vom Lohn abgezogen – was sich angesichts einer durchschnittlichen Beitragshöhe von 100 Euro leicht verschmerzen lässt. Zudem ist die Familie stets mitversichert: Wenn Frauen, Töchter oder Söhne medizinische Hilfe nötig haben, steht der FAS ihnen zur Verfügung.
Sehr gern nutzen die Angestellten des Kirchenstaats und ihre Familien zudem die wunderbaren steuerfreien Einkaufsmöglichkeiten im bereits beschriebenen Modekaufhaus, in der Apotheke und natürlich im vatikanischen Supermarkt, der Annona. Annona wie Apotheke fi ndet man im kleinen Wohn- und Geschäftsviertel jenseits der Peterskirche. Wer dorthin will, benutzt aber nicht den abgelegenen Ingresso del Perugino, sondern die Porta Sant’Anna. Um zu diesem am häufigsten frequentierten aller Vatikanzugänge zu gelangen, bringen wir erst das letzte Stück unseres Mauerrundgangs hinter uns und kehren zunächst noch einmal zurück auf den Petersplatz.