Gerichtsverfahren und Urteil

Aus den Aufzeichnungen des Täters

 

Die Menschen haben ihre Angst vor dem Chaos vergessen. Die Konfrontation damit liegt teils zu weit in der Vergangenheit, teils zu weit in der Zukunft. Wie frech sind sie doch in ihren irdischen Begierden und boshaft zu den Bedürftigen. Grausam wenden sie das Naturgesetz an, das besagt, dass nur der Stärkste, der, der die Seele erzittern lässt, auf Verständnis hoffen kann. Stolze Frauen, warum verschmäht ihr mich? Habt ihr in eurem Hochmut das Chaos vergessen, dem ihr erst kürzlich entstiegen seid? Wie könnt ihr es wagen, geldgierig und geltungssüchtig zu sein, statt für das Gute zu wirken? Euer Stolz muss gebrochen werden. Ihr seid grausam, wie keines der himmlischen Wesen seid ihr falsch und sündig. Keine tausendfachen Qualen können die Qualen aufwiegen, die ihr mir bereitet habt. Das Leben ist kurz und ihr habt für mich nichts übrig und werdet euch auch in der Zukunft nicht ändern, da ihr unverschämte Forderungen an das Leben stellt. Ihr habt mich zu einem tausendfältigen Martyrium verurteilt. Fürchtet meine Rache

 

Dein natürliches Recht ist verloren durch Stolz, Hochmut, Geldgier der Frauen. Diese Menschen haben keinen Wert außer dem, den das Gesetz des Lebens ihnen verleiht

 

 

Im Fall eines unvermeidlichen Mordes verweise auf eine Zwangsvorstellung, weil sich etwas Derartiges nicht beweisen lässt

 

Mein Leben ist so oder so schon verloren. Den Lebenskampf für hohe Ideale hat man schon vor langer Zeit aufgeben müssen. Jetzt kann man nur noch vegetieren und sich an dem kleinen Leben erfreuen […] Aber durch Lethargie wurde auch das Schönste im Menschen getötet, nämlich das impulsive Gefühl und die Herzlichkeit. Er ist tot. Die Seele ist sterilisiert, abgetötet

 

Wird eine Situation zu gefühlsbetont, versuch dich mit etwas anderem abzulenken. Nimm Tabletten. Depressionen sind zeit- und nervenraubend. Sie dürfen sich nie mehr wiederholen. Nur ein Lebensziel kann einer Depression entgegenwirken

 

[Die Schweden:] ein eigentümliches Volk von ewigem Frieden, sein Lebensstandard und seine Wesensart für immer unerreichbar, doch die österreichischen Aristokraten ähneln ihnen in diesem Punkt. Deutschland selbst hat beide überholt, hat Kraft aus Bomben-Ruinen geschöpft […] Handele, als stündest du auf dem Ruinenfeld, allein

 

Jede Bekanntschaft auf freiwilliger Basis zerbricht nach kurzer Zeit. Mit anderen Worten: Jede Frau ist entweder untreu oder frigide. Dann bist du wieder dazu gezwungen, dich selbst zu befriedigen

 

Seit meiner Bekanntschaft mit Silvia habe ich alles versucht, was ich konnte, um richtige Freunde zu gewinnen, und musste mir unendlich viele hässliche Worte anhören, nur um dabei sein zu dürfen. Ich hatte keinen Erfolg damit, was man an meiner Affäre mit Monika sieht, und was ein weiterer Beweis dafür ist, wie schlecht meine Umwelt mich behandelt […] Glaub darum nicht, dass dein Richter, wenn du einst vor dem Gericht stehst, auch nur das mindeste menschliche Verständnis für dich zeigen wird. Monika hat mich genauso behandelt wie der ehemalige Rektor Kun, und sie benutzte die gleichen Wörter: «Du hast deine Chance gehabt.» Jemanden heimlich zu ermorden wäre nicht schwer, doch würde einem das nur ein Gefühl von Gerechtigkeit verschaffen und keine wirklichen Vorteile haben. Dennoch sollte man in diesem Fall möglichst versuchen, anonym zu bleiben, um Ungesetzlichkeiten und Grausamkeiten von Seiten der Zeugen zu vermeiden

 

Die Gerechtigkeit kann nur mit dem ersten Mord wiederhergestellt werden

Österberg war ein Mann in mittleren Jahren mit runden Wangen, Stupsnase und zurückgekämmten Haaren. Er wirkte gesammelt und ernst, war aber für seinen Humor, sein Sportinteresse und seine Allgemeinbildung bekannt – wenn es ihm überhaupt einmal gelang, seine Arbeit zu vergessen, dann meist mit Hilfe von Kreuzworträtseln. Er hatte schon im Alter von neunundzwanzig Jahren als Staatsanwalt begonnen, nur vier Jahre nach seinem Abschluss als jur. kand., und hatte im Laufe der Jahre viele Fälle bearbeitet, fast immer erfolgreich. Vor zwei Jahren war er als einer der Staatsanwälte im Prozess gegen den Doppelagenten Wennerström aufgetreten und war daher mittlerweile ziemlich bekannt.[1] Er war ein Workaholic –  seine Familie in Bandhagen bekam ihn nicht allzu oft zu Gesicht – und ein starker Raucher.

Österberg begann mit der Verlesung des Anklageschrift.

Dann hatte Wagner das Wort. Korrekt und deutlich erklärte er sich für nicht schuldig.

 

Österberg betonte, dass es sich hier um einen für die schwedische Polizei einmaligen Fall handele, und begann dann ein Bild des Angeklagten zu skizzieren. Er beschrieb Wagners Serie von Misserfolgen zu Hause in Österreich, seine Kontaktschwierigkeiten, nazistischen Ansichten und sein Interesse für Waffen sowie die Tatsache, dass er von der Schule verwiesen worden war, weil er eine Pistole bei sich gehabt hatte. Dann seinen Umzug nach Schweden mit der Hoffnung auf ein neues Leben mit einer höheren Ausbildung und Liebe, Hoffnungen, die ziemlich schnell in Enttäuschung und eine stetig wachsende Wut, um nicht zu sagen Hass, umgeschlagen waren, der sich zunächst gegen die Frauen richtete, die ihn abgewiesen hatten, aber bald schon gegen Frauen im Allgemeinen. Und dass all das, im Verein mit seinen Rachegelüsten, ihn auch solche bizarren Maßnahmen in Betracht hatte ziehen lassen, wie sich eine Sexpuppe zu besorgen[2] oder nach Indien zu fahren und sich dort eine «dreizehnjährige Unschuld» zu kaufen.

Dabei zitierte Österberg ausgiebig aus Wagners Notizen. Zum einen, um dessen psychische Verfassung und stetig wachsende Rachegelüste zu illustrieren, zum anderen um zu zeigen, dass sich an mehreren Stellen in den

Als Nächstes fasste Österberg zusammen, was sich nach Auffassung von Polizei und Staatsanwaltschaft an jenem Wochenende im Juli ereignet hatte, und legte weitere Indizien vor. Er wies darauf hin, dass Wagner seit seiner Zeit in Wien eine Art Besessenheit für einen bestimmten Typ junger Frauen entwickelt hatte und dass Fräulein Granell diesem Typ entsprach. Dass Wagner nur fünfundsiebzig Meter vom Söndagsvägen 88 entfernt gewohnt hatte und von seinem Haus aus hatte beobachten können, wie Fräulein Granell an jenem Abend einen Brief in den Postkasten warf. Dass Wagner Zeitungen und Artikel über den Mord gesammelt – und dies zunächst bestritten hatte. Dass sich ein Buch über Narkose und Betäubung in

Nach diesem langen und teilweise technisch anspruchsvollen Vortrag fuhr das Gericht nach Hökarängen in den Söndagsvägen. Zwischen kahlen Bäumen und Büschen herumgehend, begutachtete man die verschiedenen Häuser und Wege, sah, wie nah es von Wagners Adresse bis zum Tatort war, und ließ sich die Stelle zeigen, an der das beschmierte Handtuch gefunden worden war. Die Journalisten folgten nach, fotografierten aus der Ferne die Gruppe dick eingemummelter Männer und Frauen mittleren Alters, wie sie durch den Schnee stapften.

 

Nach dem Mittagessen, um zwei Uhr, wurde die Verhandlung mit der Befragung Wagners durch Österberg wiederaufgenommen. Allen im Saal Anwesenden war schnell klar, dass der Angeklagte kein Dummkopf war und dass er die Ermittlungsakten eingehend gelesen hatte.

Wagner wehrte sich unerwartet gut mit seinem ein wenig gestelzten, aber grammatisch völlig korrekten Schwedisch. Dass er Probleme mit dem anderen Geschlecht gehabt habe, verneinte er ebenso wie dass er jemals Nazi

Während es draußen vor den hohen Fenstern allmählich dämmerte, ging drinnen das verbale Gefecht mit Österberg weiter. Doch, in seinen Notizen war die Rede davon, sich einen Nachschlüssel zu beschaffen, sich ins Haus zu schleichen, eine Frau wehrlos zu machen etc., aber dabei ging es um das sogenannte Silviaprojekt, womit er seine alte Liebe in Wien durch eine Entführung zurückgewinnen wollte. Die Tatsache, dass der Mörder noch am Tatort geblieben war, um zu staubsaugen, konnte Wagner unmöglich als Beweis seiner Schuld verstehen, eher im Gegenteil: «Warum sollte nur ich das tun können? Ich persönlich kann nicht verstehen, wie jemand die Nerven hat, so etwas zu tun.» Außerdem behaupte der Staatsanwalt, dass der Mörder das schmutzige Handtuch, mit dem er sich das Gesicht abgewischt hatte, in der Eile verloren hätte, doch wandte Wagner nicht ganz unberechtigt ein: «Die Eile passt nicht dazu, dass er noch gestaubsaugt hat.»

Auf wiederholte Nachfrage hin gab er zu, dass sich in seinen Papieren zwar Notizen befanden, «Masken in meinen verschiedenen Projekten gegen Frauen zu benutzen, aber nie hatte ich vor, Farben zu verwenden. […] Es ging um phosphoreszierende Gruselmasken aus Gummi. Oder um eine dauerhafte Maskierung durch Färben von Haaren

Der Staatsanwalt kam mehrfach auf das sogenannte Silviaprojekt zurück sowie auf andere «Projekte», die sich gegen Frauen richteten. Auch Wagners eigene Erklärungen zeichneten das Bild eines einsamen, gescheiterten und kontaktarmen Menschen, der es einerseits verstand, diverse Behauptungen Österbergs geschickt zu widerlegen, dessen Sinn für die Realität jedoch andererseits zusammenbrechen konnte, ohne dass es dafür vorher Anzeichen gegeben hätte. Falls er jemals nach Österreich zurückkehren sollte, entfuhr es ihm beispielsweise, werde er die drei Lehrer ermorden, die seine einst so vielversprechende Zukunft in Wien zerstört hätten.

Nach derartigen bizarren Ausfällen beruhigte er sich jedoch meist schnell, ordnete seine Gesichtszüge und wurde wieder rational. Auch als er nach seinem Versuch befragt wurde, Bojan Bergstrand einer Gehirnwäsche zu unterziehen und sie zu vergewaltigen. Doch, es sei richtig, dass er ihr K.-o.-Tropfen verabreicht habe, die sie aber ausgespuckt habe. Dass er daraufhin seinen Plan fallengelassen habe – in dem Karateschläge, Knebel, Fesselung mit einem Seil, Gesichtsmasken etc. vorkamen –, war darauf zurückzuführen, dass das Opfer «meiner Mutter ähnelte». Er fügte salbungsvoll hinzu: «Das war der schwärzeste Tag meines Lebens, als mir bewusst wurde, dass ich so nahe daran gewesen war, kriminell zu werden.» Er räumte ein, dass einige Einzelheiten, die der Staatsanwalt vorgelegt hatte, ein wenig sonderbar wirken könnten, meinte aber, dass sich alles erklären lasse. Und er versprach dem Gericht «eine Überraschung» – später. Die Zuhörer horchten auf.

 

Der zweite Tag begann mit der Präsentation der Ergebnisse aus der psychiatrischen Untersuchung. Das geschah unter Ausschluss der Öffentlichkeit, da der Inhalt als besonders sensibel eingestuft wurde.

Dem untersuchenden Arzt war die Beurteilung schwergefallen – Wagner war jemand, der wegen seines wiederholten Scheiterns dazu übergegangen war, in zwei Welten zu leben:

Sein äußerlich einfaches Leben hat er durchgehend mit intensiven Racheplänen kompensiert, die er phantasievoll, aber dennoch in gewissem Sinne konsequent zu immer gewagteren Plänen ausgebaut hat, verschiedenen «Projekten», die in seinen Notizen wortgewandt, detailliert beschrieben sind. Typische pubertäre Flucht in die Phantasie, deren Ideen aus gängiger leichter Kriminalliteratur und dem Kino entlehnt sind. Darin mischen sich seine «Genialität», wissenschaftliche Analysen über das perfekte Verbrechen, die Fähigkeit, sich dadurch zum Beherrscher der Menschen zu

Nach dem Bruch mit der jungen Frau, die er über die Annonce kennengelernt hatte, hatte sich Wagners starke innere Anspannung noch gesteigert, er hatte intensive Angstzustände erlebt, viel getrunken und onaniert (besonders in betrunkenem Zustand) und sich auch solchen Absonderlichkeiten hingegeben, wie den eigenen Urin und Kot zu essen. Wagners Dualismus war auch äußerlich auffällig. Der Arzt schreibt:

Äußerlich ständig angespannt, fast schon verkrampft, seine Bewegungen daher stahlfederähnlich unharmonisch, ruckartig, sakkadiert[4] wie seine Sprache, ein wenig atemlos intensiv sprechend in kleinen Worteruptionen. Behält seinen Habitus maximaler Anspannung und Aufmerksamkeit dauerhaft bei – legt niemals seine Maske ab, ist nie traurig oder auch nur ansatzweise deprimiert, eher unangemessen euphorisch, zeitweise geradezu ausgelassen. Sein freundliches, kontaktfreudiges Wesen, sein ungehemmtes Antworten und detaillierte Auslegung aller makabren «Projekte» verbergen eine unglaubliche Kälte oder richtiger ein Unvermögen, sich in die Situation der gedachten Opfer hineinzuversetzen. Seine Pläne, so grausam sie auch erscheinen mögen, sind nie mit dem entsprechenden

Die Diagnose lautete «Paranoia – evtl. Schizophrenie nicht auszuschließen». Eine rechtspsychiatrische Untersuchung wurde für nötig erachtet.

 

Nachdem man die Türen wieder geöffnet hatte und die wartenden Zuschauer wieder Platz genommen hatten, nahm Österberg Wagner weiter ins Verhör. Der Staatsanwalt richtete sein Augenmerk noch einmal auf dessen Notizen und die verschiedenen Pläne, die sich daraus ablesen ließen. Und noch einmal verharmloste Wagner seine Aufzeichnungen als reine Phantasien:

Ich war ein sehr einsamer Mensch. Der Stift wurde mein Freund. Trotzdem ist das nicht alles, was ich geschrieben habe. Ich habe viel weggeworfen, nur das behalten, wovon ich dachte, dass es mir von Nutzen sein könnte, wenn ich den Roman schreibe wie geplant. In diesem Gerichtsverfahren hat man nur das übersetzt, was man für die Ermittlungen als wichtig erachtete. Deshalb sind auch reine Geschmacklosigkeiten darunter, die ich in tiefer Depression geschrieben habe.

Österberg gab nicht auf, sondern bohrte weiter:

Österberg: Was meinten Sie mit: Mein Licht ist erloschen. Ein Mord muss geschehen?

Wagner: Das Mädchen, das ich über eine Annonce

Österberg: An anderer Stelle steht: Fürchtet meine Rache.

Wagner: Ich hatte Probleme mit meiner Wohnung und der Arbeit, habe zu viel Alkohol getrunken. Dieser Gedanke ist rein gesellschaftsfeindlich.

Österberg: Wollten Sie sich nicht an Frauen rächen?

Wagner: In meiner Gedankenwelt gibt es fast nur Frauen, Männer kommen darin nicht vor.

Wagner wurde gefragt, ob er das Buch «Der Sammler» gelesen habe, wie es um seine Kenntnisse über Chloroform stehe («Ich weiß einiges durch meine Studien in verschiedenen Bibliotheken, vor allem in Wien») und wie das Mittel angewandt werde («Anfang der 60er Jahre wurde Wien von amerikanischen Gangsterfilmen überschwemmt. Man narkotisierte Menschen, indem man ihnen ein Taschentuch vor Mund und Nase hielt»). Außerdem wurde er zu der Tatsache befragt, dass er in einem Gespräch mit einem Arbeitskollegen gesagt hatte, man könne Frauen mit Hilfe von Chloroform oder Äther vergewaltigen, dass er geschrieben hatte, «einen heimlichen Mord zu begehen ist nicht schwierig», dass er sogar geschrieben hatte, dass er sich dazu berechtigt fühle, Monika zu ermorden, die Frau, die ihm den Laufpass gegeben hatte («Meine Notizen über sie sind nur Gedankenspiele»).

Eigentlich geriet Wagner nur an einem einzigen Punkt ins Schwimmen. Dabei ging es um das «Silviaprojekt». Er selbst bezeichnete seine Pläne als begraben und irrelevant,

 

Als die Verhandlung am Montag wiederaufgenommen wurde, präsentierte Wagner die Überraschung, die er bereits am ersten Tag vor Gericht angekündigt hatte. Er behauptete, die Identität des Mannes zu kennen, der Kickan Granell ermordet hatte.

Und wer war das?? Es sei, wie Wagner behauptete, ein Schwede mittleren Alters aus guter Familie, der einen Volkswagen fahre. Außerdem sei dieser Mann Drogenschmuggler. Darüber hinaus gab Wagner aus freien Stücken zu, dass er zwar selbst diesem Mann gezeigt hätte, wie man eine Frau betäubt, um sich an ihr zu vergehen, dass jener jedoch im Fall von Fräulein Granell den kapitalen Fehler begangen hätte, das schwer zu dosierende Mittel Chloroform zu verwenden statt des von Wagner empfohlenen Äthers. Doch trotz wiederholter Nachfragen weigerte Wagner sich standhaft zu verraten, um wen es sich handelte: «Er könnte unter den Zuschauern sein. Warum hat die Polizei nicht nach ihm gesucht?»

Es war offensichtlich, dass Wagner schließlich Opfer seiner eigenen Erfindungsgabe wurde, indem er sich in

Er hätte bemerken müssen, dass ihm niemand glaubte. Jemandem die Schuld in die Schuhe zu schieben, den der Angeklagte kannte, dessen Namen er aber aus irgendeinem Grund nicht nennen konnte, war nicht besonders originell. Ein erfahrener Gerichtsreporter bemerkte hinterher, Wagners Hinweis auf einen namenlosen Schweden mittleren Alters als den Schuldigen erinnere an den «mysteriösen Herrn X», «auf den zum Beispiel schwedische Wiederholungsdiebe in heiklen Situationen vor Gericht fast schon gewohnheitsmäßig zurückgreifen».

Auch Bojan Bergstrand und Lillan Sundin sagten aus. Bojan schilderte den Abend, an dem Wagner versucht hatte, sie unter Drogen zu setzen, Lillan erzählte vom letzten Abend mit Kickan und von jener Person, die sie einige Zeit vor dem Mord bis zu ihrem Haus verfolgt hatte. Lillan selbst war davon überzeugt, dass Wagner eigentlich sie hatte ermorden wollen und dass Kickan nur zufällig zum Opfer geworden war. Gefragt, ob sie Wagner als den Mann identifizieren könne, der ihr nachgestellt hatte, gelang es ihr nur mit Mühe, den Kopf zu wenden und den Angeklagten anzusehen. Sie zögerte, antwortete: «Ja, ganz sicher bin ich nicht, aber …», und verstummte. Österberg ermunterte sie, den Satz zu beenden. Lillan fuhr fort: «Aber er hat

Als die Verhandlung am Montagnachmittag unterbrochen wurde, waren sich wohl die meisten Zuschauer einig, dass es der Tag des Staatsanwalts gewesen war. Wagner hatte sich nicht mit demselben Geschick verteidigt wie vorher, sondern war die meiste Zeit in den von ihm selbst erzeugten Nebelschleiern herumgetappt. Der Reporter von Dagens Nyheter schrieb, dass Wagner «sich durch seine Behauptung, den Mörder zu kennen und derjenige gewesen zu sein, der ihm die Methode beigebracht hatte, selbst enger mit dem Verbrechen in Verbindung gebracht hatte».

Draußen herrschte immer noch Frost. Ein Kälteeinbruch lähmte ganz Schweden. Es gab große Verspätungen im Zugverkehr, und Militär wurde eingesetzt, um den Schnee von Gleisen und Weichen zu schaufeln. Die Lage war so angespannt, dass der junge und eben erst in sein Amt eingeführte Verkehrsminister Olof Palme im Reichstag Rede und Antwort stehen musste. Die Bottenviken fror langsam zu. Sägewerke und andere Industriebetriebe mussten schließen, um Mensch und Maschine zu schonen.

 

Aufgrund Wagners diverser phantastischer Geschichten, die allesamt aus den Krimimagazinen, Filmen und Radioserien hätten stammen können, die so viel seiner Zeit in Anspruch nahmen, begann der Dienstag mit weiteren Vernehmungen. Österberg konzentrierte sich vor allem auf Wagners Behauptung, er wisse, wer Kickans Mörder sei, könne aber dessen Namen wegen der Gefahr für sein eigenes Leben nicht nennen, da jener der kaltblütige Chef

Richtig spannend wurde es wieder, als drei Sachverständige in den Zeugenstand gerufen wurden: der Spurensicherer Wincent Lange, der Physikdozent Diego Carlström und der Ingenieur und Kartoffelmehlproduzent Ernst Conrad. Lange sprach allgemein über den Tatort, Carlström über die Analyse der auf dem Handtuch und dem Kopfkissen gefundenen Farbe. Alle warteten jedoch auf Conrads Aussage. Denn es war klar, dass die Staatsanwaltschaft nichts hatte, was Wagner direkt mit dem Mord in Verbindung brachte, abgesehen eben vielleicht von der Sache mit dem Kartoffelmehl.

Ingenieur Conrad beschrieb, wie er das Material analysiert hatte, dass er unter dem Mikroskop die winzig kleinen Stärkekörner gezählt hatte, die zwischen einem Fünfhundertstel und einem Tausendstel Millimeter groß waren. Er war zu dem Ergebnis gekommen, dass sich im

Ähnlich ungewöhnlich hohe Stärkekonzentrationen waren auch in Wagners Zimmer und auf seinen Kleidungsstücken nachgewiesen worden: Auf dem Laken hatte Conrad einhundert Körner pro Milligramm Staub gefunden, in einem Fellteppich zweihundertzwanzig, auf einer Arbeitshose einhundertdreiunddreißig, auf blaugrauen Stoffhosen hundertfünfundvierzig, auf dem Klavierhocker dreihundertsechsundneunzig und auf einem grau bezogenen Sessel achthundertdreiunddreißig.[6] Dass sich ausgerechnet das Kartoffelmehl als der Schlüssel zu dem Fall erweisen könnte, zeigte sich, als er auch das schmutzige Handtuch untersucht hatte, das nachweislich aus dem Granell’schen Haushalt stammte und mit seiner

 

Wie es schien, stand das Gericht vor dem ersten wirklich handfesten Beweisstück der Anklage. Das wurde jedoch unmittelbar von Wagners Verteidiger Hakon Auerbach in Zweifel gezogen. Bisher hatte er sich abwartend verhalten, doch nun stieg er ein. Und das mit Macht.

 

Hakon Auerbach war ein gutgekleideter, drahtiger Mann, nicht mehr jung, mit Glatze und modischer, rahmenloser Brille. Genau wie sein Mandant sprach er mit schwachem deutschem Akzent, da er in Deutschland geboren und aufgewachsen war, allerdings mit einer schwedischsprachigen Mutter. 1933 war er als Flüchtling aus Nazideutschland nach Schweden gekommen, schon damals hochqualifiziert. Zwei Jahre zuvor hatte er als Siebenundzwanzigjähriger an der Universität Halle zum Dr. jur. promoviert und danach einige Jahre an deutschen Gerichten und als Rechtsbeistand in Berlin gearbeitet. Doch da die Familie seines Vaters jüdisch war und die Nazis nach der Machtergreifung ein Gesetz nach dem anderen einführten, das Leben und Arbeit von Juden einschränkte, konnte Auerbach bald nicht mehr als Jurist in Deutschland arbeiten. Deshalb war er 1933 nach Schweden emigriert. Das war für ihn kein großer Schritt. Seine Mutter war ja Schwedin, er hatte das Land im Norden schon oft besucht und sprach

Eigentlich hätte Auerbach für den erfahrenen Österberg kein ernsthafter Gegner sein sollen. Der Verteidiger war in erster Linie Wirtschaftsanwalt und hatte nur wenig Erfahrung aus Strafprozessen.[9] Doch falls Österberg erwartet hatte, leichtes Spiel zu haben, wurde er rasch eines Besseren belehrt. Die Ausführungen von Ingenieur Conrad waren lang, zeitweise kompliziert und nicht immer leicht verständlich. Immer wieder unterbrach Auerbach ihn durch Nachfragen. Der Verteidiger kannte die Akten und schoss sich nun geschickt auf einige unklare Punkte ein, die er dort und in Conrads mündlichem Vortrag ausgemacht hatte.

Wie groß war das Risiko, dass die Proben kontaminiert

Falls sich das [Kartoffelmehl] in meinem Zimmer und in meinen Sachen befunden hat, kann ich das damit erklären, dass ich den Fleckentferner K2R benutzt habe. Ich habe meine Hausschuhe von innen gereinigt, einen Kaffeefleck auf dem Klavierhocker und wohl auch irgendeinen Fleck vom Sessel entfernt.

Eine Packung mit diesem Mittel hatte man tatsächlich bei der Durchsuchung seines Zimmers sichergestellt.

Conrad konnte auf mehrfaches Nachfragen von Auerbach bestätigen, dass er Spuren von K2R auf dem Material aus Wagners Zimmer gefunden hatte, jedoch nicht auf dem Material vom Tatort, dass dies jedoch die Ergebnisse nicht beeinflusse, da sich unter dem Mikroskop die Stärkekörner aus dem Fleckentferner von denen aus gewöhnlichem Kartoffelmehl voneinander unterscheiden

Zum Verschmutzungsrisiko bei den Kitteln des Laborpersonals hatte Conrad Experimente durchgeführt. Als die Kittel abgesaugt wurden, hatte das ihm zufolge «außerordentlich viel Stärke» ergeben, um die zehntausend Körner pro Milligramm Staub, also lag der Stoff dort tatsächlich in großen Mengen vor, doch als man versucht hatte, den normalen Gebrauch zu imitieren, indem man einen frisch gewaschenen Kittel mit Papier abrieb, löste sich praktisch nichts aus dem Stoff. Die Stärke, die beim Waschen in den Stoff eingedrungen war, saß mit anderen Worten sehr fest. Der hohe Gehalt an Kartoffelmehl in den Proben konnte daher kaum von der Kleidung des Laborpersonals stammen.

Wie sah es aber mit dem Fingerabdruckpulver aus? Konnte das Kartoffelmehl aus den Proben vom Tatort nicht daher rühren? Hierzu befragte Auerbach den Sachverständigen ausführlich und unerbittlich.

Conrad bestätigte, dass er Kartoffelmehlpartikel aus dem Fingerabdruckpulver sowohl im Bett als auch im davor liegenden Teppich gefunden hatte. Sie waren jedoch leicht von dem anderen Kartoffelmehl zu unterscheiden, da sie mit Aktivkohle verunreinigt waren. Aber, wandte Auerbach ein, wäre es nicht denkbar, dass die Kohle von den Stärkekörnern aus dem Pulver der Kriminaltechniker abgewaschen worden war und sie daher wie gewöhnliches Kartoffelmehl daherkamen? Unmöglich, antwortete

Dabei zeigte sich, dass die Pigmentierung der Stärkekörner von dickem Belag bis zu kaum vorhandenem Belag variierte. Im Versuch konnte also nachgewiesen werden, dass sich die Stärkekörner auf mechanischem Wege von Kohlepulver reinigen lassen, was vermuten lässt, dass Stärkekörner aus einer heterogenen Staubprobe, die Partikel enthält, die den Kohlepartikeln einen guten Halt bieten, vollständig von Kohlepulver gereinigt werden könnten.

Conrad widersprach, zunehmend gereizt. Wenn die Aktivkohle und die Kartoffelstärke gut miteinander vermengt seien, war es ihm zufolge physisch unmöglich, die Stärke vollständig sauber zu bekommen: «Es ist mir NIEMALS, ich sage NIEMALS gelungen, die Körner so rein zu bekommen wie diejenigen, die in den zitierten Berechnungen vorliegen.» Der Staatsanwalt versuchte seinem aufgewühlten Sachverständigen den Rücken zu stärken, indem er darauf hinwies, dass eine vollständige Reinigung rein hypothetisch sei. Auerbach blieb bei seinem Standpunkt und betonte, dass zwischen Conrads Ergebnissen und denen der Kriminaltechnik gewisse irritierende Widersprüche bestünden. Im Sofa der Granells hatten die

Conrad war aus dem Konzept gebracht und sah sich genötigt, seine Notizen zu konsultieren. Es wurde kurz still im Saal. Nein, er konnte sich das nicht erklären. Es könnte damit zusammenhängen, an welcher Stelle des Sofas die Proben genommen worden waren. Auerbach erwiderte, die Proben seien womöglich nicht immer repräsentativ.

Conrad antwortete, indem er laut aus seinen Labornotizen vorlas, womit er belegen konnte, dass es zumindest für ihn kein Problem gewesen war, die verunreinigten Stärkekörner aus dem Fingerabdruckpulver von den reinen Stärkekörnern zu unterscheiden, die der Täter zurückgelassen hatte. Der Vorsitzende Richter gab zu bedenken, dass die Diskrepanz zwischen den Resultaten des Kriminaltechnischen Labors und denen Conrads möglicherweise daher rührten, dass das Labor, eigenen Angaben zufolge, die mikroskopische Untersuchung mit einer geringeren Vergrößerung durchgeführt hatte. Ein unwirscher Conrad zeigte sich dieser Idee gegenüber jedoch skeptisch.

Danach kam man nicht mehr viel weiter.

Der Sachverständige hatte schon frühzeitig darauf hingewiesen, dass man unmöglich unterscheiden könne, ob das Kartoffelmehl bei Granell und das aus Wagners Zimmer aus derselben Packung, Fabrik oder Sorte stammte. Kartoffelmehl sei Kartoffelmehl.

Nachdem nun Auerbach sämtliche Fragen zu den Analyseergebnissen gestellt hatte, war klar, dass dem einzigen Sachbeweis, der Wagner direkt mit dem Tatort in Verbindung brachte, ein, wie Juristen es nennen, «berechtigter Zweifel» anhaftete.

 

Das konnte nur eines bedeuten: Zwar trugen Wagners Geschichten, dass Kickan Granell von dem mächtigen Boss eines Drogenrings ermordet worden sei, den er kannte, aber dessen Namen er aus Angst um sein eigenes Leben nicht zu nennen wagte, phantastische, fiktionsähnliche Züge[10], doch das Gericht wollte offenbar die Möglichkeit eines Attentats nicht ausschließen. Die Aufregung im Saal war mit Händen zu greifen.

Bertil Österberg, an diesem Tag im Anzug mit dunkler Weste und Schlips, eröffnete sein Plädoyer mit dem Eingeständnis, dass es keine Spuren gab, die Wagner eindeutig mit dem Tatort in Verbindung brachten. «Durch eine Reihe unglücklicher Umstände im Zusammenhang mit der Entdeckung von Marianne Granells Leiche fanden die Kriminaltechniker und der Rechtsmediziner keine intakte Situation für ihre Untersuchungen vor.» Und er räumte ein, dass Granell nirgends in Wagners umfassenden und vielzitierten Notizen erwähnt wurde. «Doch», fuhr er fort:

was der Österreicher das «Silviaprojekt» nennt, galt nicht nur der Person Silvia, sondern ist ein reiner Arbeitstitel für seine Pläne, ein junges Mädchen zu töten.

Dann ging Österberg die Indizienkette durch, die für Wagners Schuld sprach: Er wohnte nur fünfundsiebzig Meter vom Tatort entfernt, und zwar in einem Zimmer, das eine exakte Kopie von dem des Opfers war; er hatte selbst erzählt, dass er niemals in der Lage wäre, sich einer Frau auf natürliche Art und Weise zu nähern; er hatte Bekannten gegenüber erwähnt, dass er vorhatte, ein Opfer zu betäuben und daraufhin zu vergewaltigen; die Beschaffung diverser Utensilien für eine solche Tat; seine gut belegten Versuche, eine solche Vergewaltigung wirklich auszuführen – das «Bojanprojekt»; Maskierung, Durchschneiden des Telefonkabels, die gründliche Reinigung des Tatorts waren alles Elemente, die sich in seinen Notizen fanden; das Kartoffelmehl; sein Interesse an den Mordermittlungen und dass er darüber nicht die Wahrheit sagte; seine Geschichten über den unbekannten Täter, die zum einen seine Beteiligung am eigentlichen Verbrechen implizieren, zum anderen sein Alibi für die Mordnacht platzen lassen; das in der ärztlichen Untersuchung gezeichnete Bild einer Persönlichkeit, die nicht nur den starken Wunsch hegte, andere Menschen zu beherrschen, sondern auch davon träumte, «das perfekte Verbrechen» zu begehen. Österberg fügte abschließend hinzu:

Danach war die Reihe an Wagners Verteidiger.

Auerbach sprach und argumentierte, wie einer der Zuhörer befand, «mit ruhiger Eleganz». Er bezeichnete es als bedauerlich, dass keine ordentliche kriminaltechnische Untersuchung des Tatorts durchgeführt worden war, «bedauerlich für meinen Mandanten», und fügte hinzu, da es sich hier um einen reinen Indizienprozess handele, dürfe man nicht, «wie der Staatsanwalt es getan hat, behaupten, dass niemand außer dem Verdächtigen der Täter sein könne». Wagners fleißig zitierte Notizen besaßen laut Auerbach keinerlei Beweiswert. Sie halfen einem einsamen und kranken Menschen, sich Luft zu machen, und waren lediglich Phantasien, die oftmals unter starkem Alkoholeinfluss entstanden waren.

Im Gegenzug betonte er besonders die Umstände, die für die Unschuld Wagners sprachen: Nichts wies darauf hin, dass er jemals zum Opfer oder auch nur zu jemandem aus Kickans Bekanntenkreis Kontakt gehabt hatte; unter seinen Sachen waren weder Chloroform gefunden worden noch irgendwelche Spuren jener speziellen Farbmischung,

Auerbachs wichtigstes Argument, auf das er mehrmals zurückkam, war, dass der Mord an Kickan Granell ein besonders raffiniertes Verbrechen war, das vom Täter Tatkraft, Einfallsreichtum und Kaltblütigkeit erforderte. «Doch mein Mandant ist kein Mensch der Tat. Die Ausführung eines derartigen Verbrechens liegt nicht in seinem Wesen», betonte der Anwalt. Zwar hatte er ein einziges Mal «die Schwelle von der Phantasie zur Wirklichkeit überschritten», als er versuchte, Bojan Bergstrand unter Drogen zu setzen, aber das war zum Scheitern verurteilt, und damit «verpuffte seine Energie». Er hatte sich stattdessen, verbittert und gepeinigt, in seine Phantasiewelt zurückgezogen, ein Mann, der alles verloren hatte: seine Arbeit, seine Wohnung, seine Freunde. Und die ständige Jagd nach einer Sexpuppe – zeigte das nicht, dass er nach anderen Lösungen suchte als Gewalt? Die Geschichte, dass Wagner die Identität des Täters kannte, tat Auerbach als lediglich eine weitere der vielen Phantasien seines Mandanten ab: «Das ist eine Reaktion auf den Druck und kann von einem Psychiater erklärt werden.»

Er schloss: «Ich beantrage den Freispruch meines Mandanten.»

Damit war das Gerichtsverfahren abgeschlossen.

 

Zwei Tage noch bis Weihnachten. Das Jahr 1965 neigte sich seinem Ende zu. Während der letzten Tage im alten Jahr berichten die Nachrichten aus einer Welt, in der einiges ist wie immer, anderes sich langsam verändert, und zwar auf neue und schwer zu durchschauende Weise. Die Berliner Mauer wird kurzzeitig für Weihnachtsbesuche geöffnet; der Verteidigungsminister der USA verlautbart, dass das Land im Besitz von fünftausend einsatzbereiten Kernwaffen sei; die amerikanische Mission Gemini 7 kehrt nach vierzehn Tagen im Weltraum zur Erde zurück, während die weiche Landung der sowjetischen Sonde Luna auf der Mondoberfläche missglückt; in Vietnam besprühen amerikanische Flugzeuge Wälder und Reisfelder mit Gift, und amerikanische Streitkräfte schlagen erstmals eine große Schlacht; in Schweden wird der Verkauf von Preludin gestoppt, ebenso die Verwendung von Quecksilber in der Landwirtschaft; der Pharmaunternehmer Astra wird wegen des Verkaufs des Arzneimittels Neurosedyn verurteilt, das schwere Schädigungen von Babys im Mutterleib verursachen kann; einer erschreckenden Statistik zufolge deutet sich eine Abschwächung des schwedischen Wirtschaftswunders an.[11] Vielleicht stimmte es doch

Wer diese Debatte in Zeitungen, in Fernsehen und Radio verfolgte, dem fiel vielleicht auf, dass in diesem Jahr etwas geschehen war. Es war ein neuer Tonfall, eine neue Skepsis aufgekommen gegenüber dem, was in, um die und mit der Welt passierte. Die Bilder von dem fernen Krieg in Südostasien nahmen immer mehr Raum ein. Der radikale Liberalismus, der die erste Hälfte des Jahrzehnts mit seinem Kampf für einen neuen Umgang mit Sex, Drogen, Familie, Freiheit, Glauben, Verbrechen etc. so stark geprägt und Schweden verändert hatte, war am Ende; teils, weil man tatsächlich so vieles erreicht und einen weiteren jener großen Umbrüche vollzogen hatte, die, indem sie die Umstände, die zu ihrem Entstehen führten, ausgeräumt haben, dank ihres eigenen Erfolgs nicht mehr erklärbar sind[12]; während gleichzeitig eine neue radikale Welle, der der liberale Radikalismus den Weg geebnet hatte, Kräfte sammelte, dieses Mal von links.

Natürlich ging einiges im Hintergrundrauschen unter. Zum Beispiel dass ein vom amerikanischen Präsidenten Lyndon B. Johnson eingesetztes Komitee wissenschaftlicher Berater in ebendiesem Jahr einen Bericht vorgelegt hatte, in dem es hieß, wenn die Welt weiterhin fossile Brennstoffe verfeuere wie bisher, drohe eine bedrohliche Erwärmung der Erdoberfläche. Viele Wendepunkte der Geschichte – genau wie in unserem eigenen Leben – werden jedoch erst im Nachhinein sichtbar, denn alle Narrative bauen sich vom Ende her auf. Anderes kann

Im dichten Strom der Kauflustigen gingen Sandwichmänner mit Weihnachtsmützen und Bärten umher, und hier und dort sah man die unvermeidlichen Würstchenverkäufer mit ihren Bauchläden, die weißen Kittel straff über der Winterkleidung gespannt. Der Verkehr schob sich zwischen geschmückten Schaufenstern und stillstehenden Baukränen hindurch, während Botenjungen mit ihren dreirädrigen Lastenmopeds durch den Schnee schlitterten. Die Schlittschuhbahn im Kungsträdgården hatte geöffnet, und Läufer glitten über die grell erleuchtete Eisfläche. Die Zeitungen waren voller Tipps für Geschenke in letzter Minute, wie den neuen, billigen automatischen Kameras, einem Morgenrock aus 100 Prozent Rayon («hübsch gemustert 57,50») oder, warum nicht, einem Buch? Bei NK signierten an diesem Tag Maj Sjöwall und Per Wahlöö ihren Erstling «Roseanna», während Lennart Hyland im Sergelbokhandeln einen der großen Bestseller des Jahres signierte, ein Buch über das Sportjahr 1965. Aus dem Radio schallten Adventshymnen, an der Spitze der Top Ten lag «Yesterday Man» mit Chris Andrews – der gerade den alten Spitzentitel, «Yesterday» von den Beatles, von Platz 1 verdrängt hatte. Hier und da standen Weihnachtsbaumverkäufer, doch die besten Bäume waren schon weg. Das Fernsehen kündigte das fünfte Jahr in Folge für den Heiligabend Disneys Weihnachts-Klassiker «From All of Us to All of You» an, in voller Länge und mit einem Walt Disney

 

Im großen Rathaus auf Kungsholmen war der Moment der Urteilsverkündung gekommen. Im voll besetzten Sitzungssaal herrschte eine angespannte und abwartende Stimmung. Lediglich Wagner saß ruhig und mit ausdrucksloser Miene auf seinem Platz. Richter Ingvar Ågren benötigte eine halbe Stunde für die Verlesung des Urteils.

Er ging detailliert auf die Tat ein, ebenso auf die Beweisaufnahme, beginnend bei Wagners Notizen, um schließlich zu den Spuren am Tatort zu kommen. Als er nach zwanzig Minuten auf das Kartoffelmehl zu sprechen kam, erreichte die Spannung im Publikum einen Höhepunkt. Bei der Feststellung «Die genannten Befunde können daher nicht als Beweise dafür anerkannt werden, dass Wagner die ihm zur Last gelegte Tat begangen hat», ahnten die Anwesenden, wohin die Reise ging. Die Urteilsverlesung ging weiter, in einer ein wenig altertümlich anmutenden Juristenprosa:

Die Aufzeichnungen stellen ein beredtes Zeugnis dessen dar, was Wagner selbst als seine psychische Besonderheit bezeichnet hat, können jedoch – und ein

Wagner war freigesprochen.

 

Das Urteil war eine Sensation. Freisprüche in Mordfällen waren im Stockholmer Rathaus eine Seltenheit. In den letzten zwanzig Jahren war das nur einmal vorgekommen.

Das war jedoch nicht die einzige Sensation. Das Urteil verlangte, dass Wagner «unverzüglich auf freien Fuß zu setzen» sei. Er erhob sich von der Anklagebank, verbeugte sich ein wenig steif vor dem Richter und den Schöffen und verließ den Saal. Er hatte noch keine zehn Schritte in den Flur hinaus gemacht, als Kriminalbeamte ihn aufhielten und ihm einen Umschlag überreichten. Darin befand sich ein sogenanntes Paragraph-Sieben-Attest eines Rechtspsychiaters, der Wagner akuten psychiatrischen Behandlungsbedarf bescheinigte. Er wurde zu einem Wagen geführt und saß keine halbe Stunde später eingeschlossen in einem Zimmer in der rechtspsychiatrischen Klinik des St.-Görans-Krankenhauses auf Kungsholmen.

 

 

Wir alle tragen alternative Ichs in uns. Wie die meisten Menschen denke auch ich nicht selten an Chancen, die ich verpasst, Ausbildungen, die ich nicht gemacht, Arbeitsstellen, die ich nie angenommen, Orte, die ich verlassen, Lieben, die ich verloren habe. Was wäre zum Beispiel passiert, wenn ich in Boden geblieben wäre, wo ich in den 60er Jahren aufgewachsen bin? Mein Leben hätte sich mit Sicherheit anders entwickelt, aber es ist keineswegs gesagt, dass es damit unglücklicher, oder eben auch glücklicher,

Der 22. Dezember 1965 war nicht nur der Tag, an dem Friedrich Wagner von der Anklage wegen Mordes freigesprochen wurde. Es war auch der Tag, an dem Eva Marianne Granell neunzehn Jahre alt geworden wäre. Was wissen wir über ihre Zukunftspläne? Sie wollte eigentlich die Ausbildung bei Bar-Lock machen und Arztsekretärin werden und war deshalb auch sehr enttäuscht, als sie an jenem späten Juliabend in dem kleinen Flur im Söndagsvägen 88 stand, sonnengebräunt, blond und sommerlich hübsch, in langen dunkelblauen Hosen, weißer Bluse und weißen Sandalen, einen geöffneten Umschlag in der Hand. Enttäuscht nicht zuletzt auch, weil ihre beste Freundin Inger im nächsten Monat in derselben Schule anfangen würde und sie offenbar gehofft hatte, gemeinsam mit ihr dorthin gehen zu können. Ich glaube aber, dass Kickan dank ihrer Energie und Zielstrebigkeit zum nächsten Semester angenommen worden wäre. Was sie unter anderem verärgerte, war die Tatsache, dass in dem Brief keine Begründung genannt wurde, und sie vermutete selbst, dass das daran liegen könnte, dass sie ihre Bewerbung etwas zu spät abgeschickt hatte. Dies wissen wir aus Zeugenvernehmungen.

Ihr alternatives Leben hatte sie aber schon geplant. Übergangsweise würde sie bis zur nächsten Bewerbungsrunde die Stelle im Karolinska-Krankenhaus annehmen.

Doch daraus wurde nichts. Ganz zu schweigen von all dem, was noch hätte folgen sollen.

Gar nichts.

Ich ertappe mich dabei, dass ich an den Fingern abzähle, wie alt Kickan heute gewesen wäre – sie wäre gerade zweiundsiebzig geworden, lautet das Ergebnis –, um dann über ihr alternatives Ich zu sinnieren, das Leben, das sie hätte haben können, das ihr aber genommen wurde, weil sie einem Mörder über den Weg lief.

 

Österberg und die Ermittler schöpften über die Weihnachtsfeiertage wieder Mut und neue Energie. Am 10. Januar teilte der Staatsanwalt mit, dass er trotz allem Rechtsmittel gegen den Freispruch einzulegen beabsichtige. Er verwies unter anderem darauf, dass «neue Analysen bestimmter Spuren und Funde vom Tatort noch nicht abgeschlossen sind».

Die Kriminaltechniker unter der Leitung von Wincent Lange hatten bereits gleich nach Neujahr mit der Suche nach neuen Spuren begonnen. Textile Fasern waren auf

Die Beamten ließen sich in ihren Anstrengungen, etwas zu finden, einfach irgendetwas, das Wagner mit dem Tatort in Verbindung brachte, auch nicht dadurch beirren, dass nur eine Woche später in dem Männermagazin «Fib-Aktuellt» ein bizarrer Text erschien, den Wagner selbst verfasst und aus dem Krankenhaus St. Görans herausgeschmuggelt hatte.

 

Dieser Text war eine Mischung aus Triumphgeheul, Richtigstellungen, Lügen und selbstmitleidigen Bekenntnissen. Was den Mord betraf, so stellte Wagner seine Unschuld als selbstverständlich und mittlerweile auch bestätigt dar: Er sei lediglich «ein Sündenbock» gewesen. Ihm ging es um seine Einsamkeit, sein Versagen und seine Misserfolge. Er bezeichnete sich selbst als «das elendeste und ausgestoßenste Geschöpf der Welt», gab dafür aber der Welt und all jenen die Schuld, die seine Qualitäten nicht anerkennen wollten, sondern ihn stattdessen verstoßen hatten: die Eltern, die Lehrer, die Österreicher und – am wichtigsten – die Frauen.

Die Phantasien aus seinen Notizen über verschiedene Arten grausamer Rache waren offenbar immer noch höchst

Ein Massenmord ist für mich derzeitig die zweite Alternative und genauso akzeptabel wie eine Ehe. Auch hier liegt es wieder bei meinem Umfeld, zu entscheiden, welchen Weg ich einschlage.

Aus heutiger Perspektive erscheint mir Wagner hier (wie auch in seinen Aufzeichnungen) wie ein Typus, den es später noch häufig geben sollte, ein Stellvertreter aller schwachen, unzulänglichen Männer, der Verlierer, die anderen die Schuld für ihre eigenen Katastrophen in die Schuhe schieben und in ihrer zunehmenden Isolierung Pläne schmieden, um Rache und Genugtuung zu erlangen. Ihre Rachephantasien wachsen in gleichem Maße wie ihre Verbitterung, und es liegt mehr an dem Mangel an Mitteln (oder am Mangel an Fähigkeiten oder an beidem) als an einem Mangel an Wut, dass die Zahl der Opfer nicht größer ist, unter Umständen sogar sehr viel größer.

Ich glaube, wenn Wagner heute leben würde, hätte er wohl nicht dagesessen und Seite über Seite mit schwer durchschaubaren Plänen und Ideen vollgeschrieben, er hätte Trost, Inspiration und Erregung vermutlich im Schein seines Computerbildschirms in irgendeinem Forum oder einer Echokammer im Internet gefunden. Er hätte sich zu irgendetwas, einer Idee, einem Schlagwort, einer Sache, etwas Großem hingesurft, das es ihm nicht nur ermöglicht hätte, seine Misserfolge herunterzuspielen, sondern seine Desaster unter diesem Großen zu subsumieren

 

Dem Artikel ist ein seelenvolles Porträt von Wagner zur Seite gestellt, der in seinem verschlossenen Zimmer in einem Sonnenstrahl auf dem Bett sitzt, den Blick vom Betrachter abgewandt. Ich glaube, dass man diesen Text nicht nur als Entschuldigung, sondern auch als eine weitere seiner fingierten Kontaktanzeigen lesen kann, diesmal gratis und riesengroß – Überschrift auf Seite zwei: «Ich träume von einer Lebenspartnerin».

Angesichts dessen, was die Gerichtsverhandlung ergeben hatte und was Wagner in seinem eigenen Text schrieb, ließen sich wohl nur wenige Menschen, außer denen, die auf diese wortreiche Einladung antworten mochten, dadurch einlullen, dass es in dem Artikel hieß, Wagner sei derzeit «in der offenen Abteilung untergebracht, in der letzten Stufe vor der Entlassung».

 

Am Montag, den 9. Mai, wurde die Berufungsverhandlung vor dem Appellationsgericht Svea hovrätt in dessen Gerichtsräumen aus dem 17. Jahrhundert auf Riddarholmen

Das Berufungsschreiben, das Österberg nach mehreren Fristverlängerungen Ende Februar eingereicht hatte, führte nämlich keine neuen Beweise auf. Die kriminaltechnischen Untersuchungen der Textilfasern und Farbpartikel, die im Januar begonnen hatten (und in die sowohl Ermittler als auch Staatsanwalt große Hoffnungen setzten), hatten nichts ergeben.

Mangels neuer Beweise hatte Österberg stattdessen beschlossen, sich auf einen Punkt zu konzentrieren, der in der ersten Instanz von entscheidender Bedeutung gewesen war: Besaß Wagner den Willen und die Energie, um die Pläne, die er skizziert hatte, in die Tat umzusetzen? Bei Beginn der Verhandlung lag ein Gutachten des erfahrenen Oberarztes der Psychiatrie und Experten für Vergewaltiger Yngve Holmstedt vor, der im August 1965 bei dem Treffen auf Långholmen dabei gewesen war, als die Polizei zum ersten Mal um Hilfe zur Erstellung eines Täterprofils gebeten hatte. Holmstedts Expertise sollte sich als ausschlaggebend erweisen.

 

Der Gerichtsverhandlung fehlte die Dramatik, die die erste Verhandlung geprägt hatte. Nachdem man am ersten Tag nach Hökarängen gefahren war und sich die Umgebung des Tatorts angesehen hatte, begnügte sich das Gericht damit, dem üblichen Prozedere zu folgen und Schritt für Schritt die Unterlagen und Protokolle der ersten Instanz

Neben dem Lokaltermin im Söndagsvägen beanspruchte der Staatsanwalt, der den Fall und die Beweislage gegen den Angeklagten darstellte, den überwiegenden Teil des Montags. Österberg bezog sich auf eine nicht ganz unwichtige Frage: Hatte Wagner beabsichtigt, Kickan Granell zu töten? Er vertrat die Auffassung, dass es «Wagner bewusst war, dass bei der Verwendung von Chloroform ein beträchtliches Risiko für einen tödlichen Ausgang bestand», weshalb eine «direkte» oder auch «eventuelle» Tötungsabsicht vorgelegen habe. Genau wie vor einem halben Jahr erklärte sich Wagner für nicht schuldig. Zuschauern, die ihn schon bei den vorangegangenen Gerichtsverhandlungen erlebt hatten, fiel auf, dass er zugenommen hatte und ausgeglichener wirkte. Auch jetzt stand ihm wieder Hakon Auerbach als Verteidiger zur Seite.

Der Dienstag begann mit einer umständlichen Durchsicht von Wagners Notizen, doch danach war der Oberarzt der Psychiatrie Holmstedt mit seiner Aussage an der Reihe. Aufgrund eines Antrags von Auerbach musste das Publikum den Saal verlassen. Holmstedt, ein rundlicher Mann mittleren Alters mit schwarzem Brillengestell und blonden, zurückgekämmten Haaren, nahm im Zeugenstand Platz.

Er war wie erwähnt so etwas wie eine Autorität auf seinem Fachgebiet und keineswegs unbekannt: Seine Stimme kannte man aus dem Radio, wo er als Psychologe in Erscheinung trat. Damals lagen nicht nur neue, radikale Gedanken zu Sex, Gleichberechtigung, Theater,

 

Das Gericht nahm Holmstedts Gutachten zur Kenntnis. Dessen Schlussfolgerung war klar: Der Angeklagte litt unter krankhafter Paranoia und war von seinem Rachewunsch für verschiedene wirkliche oder eingebildete Kränkungen besessen. Das Gerichtsprotokoll fasst das Gutachten folgendermaßen zusammen:

Wagners paranoide Welt hat … auch seine Handlungen bestimmt. Er hat sich von seinem Elternhaus und seiner

Auf direkte Nachfrage, ob Wagner dazu fähig sei, eine Vergewaltigung wie die des vorliegenden Falls zu begehen, bejahte Holmstedt. Das sei «theoretisch denkbar».

Nach einem Tag Unterbrechung wurde die Verhandlung am Donnerstag fortgesetzt. Auch jetzt ging man in erster Linie Zeugenaussagen und Akten aus der ersten Instanz durch. Viel Zeit wurde auf die Überprüfung der materiellen Spuren und vor allem auf das Kartoffelmehl verwendet. Staatsanwalt Österberg stand jetzt der Kriminaltechniker Wincent Lange zur Seite, um ihm in den schwierigsten Punkten zu assistieren. Obwohl Auerbach seine bekannten Einwände noch einmal vorbrachte, gab es nur wenig Fragen. Schon zur Mittagszeit wurde die Sitzung für diesen Tag beendet.

 

Am 16. Mai, einem schönen, warmen Montag, wurde das Gerichtsverfahren abgeschlossen. Um kurz nach elf begann Staatsanwalt Österberg sein Schlussplädoyer, das wie erwartet weitgehend eine Wiederholung des Plädoyers vom Dezember war. Man hatte nur Indizien, räumte er ein, davon allerdings viele: das Kartoffelmehl, die Blutgruppe, das farbverschmierte Handtuch, die Aufzeichnungen, vor allem die Aufzeichnungen. Österberg hob noch einmal hervor, dass das sogenannte Silviaprojekt eine «symbolische Erzählung ist, die auf jede Frau vom Silviatyp angewendet

Doch obwohl die Expertise die Position des Staatsanwalts stützte, war sie ebenfalls nur ein Indiz und kein stichhaltiger Beweis. Die Zuschauer, die schon die Verhandlungen im Dezember verfolgt hatten, bemerkten, dass Wagner sich seitdem zusammengerissen hatte und versuchte, sich zu mäßigen. Darum kam es für manche überraschend, dass der Vorsitzende Richter Arvid Ribbing schon nach circa eineinhalb Stunden verkündete, dass die Verhandlung geschlossen sei und der Angeklagte einer sogenannten großen Untersuchung seiner Person unterzogen werden sollte. So eine Untersuchung kann man nur veranlassen, wenn – wie es im 6. Kapitel, Paragraph 41 des Psychisch-Kranken-Gesetzes (Sinnessjuklagen) heißt – «der Verdächtige die Tat gestanden hat oder überzeugende Beweise dafür vorgelegt wurden, dass er dieselbe begangen hat».

Das Gericht war also von Wagners Schuld überzeugt.

Doch vor der Urteilsverkündung wollte man das Resultat dieser Untersuchung abwarten.

 

Den Vorschriften gemäß erhielt jetzt Wagner die Gelegenheit, sich zu äußern, die er auch nutzte. Er sprach ungefähr fünfzehn Minuten lang. Wieder betonte er seine Unschuld und sagte, dass er sich niemals des Mordes für schuldig erklären werde. Stattdessen stellte er sich selbst

Der Hammer fiel. Das Gericht vertagte sich bis auf Weiteres. Die Zuschauer traten hinaus in die Sonne, die sie bis dahin nur durch das altertümliche geblasene Fensterglas des historischen Gebäudes hatten erahnen können.

 

Der Sommer 1966 war ungewöhnlich warm, besonders im Vergleich mit der kühlen Witterung des vorangegangenen Jahrs. Dann wurde es Herbst, und der Herbst ging in einen milden Winter über. Auf den Tag genau ein Jahr nach dem Freispruch Wagners, am Donnerstag, den 22. Dezember 1966, verkündete Svea hovrätt das Urteil. Das wurde nun von dem umfassenden psychiatrischen Gutachten untermauert, das Roland Bejke erstellt hatte, ein älterer, erfahrener Oberarzt in der Psychiatrie. Er hatte über psychisch gestörte Verbrecher geforscht und geschrieben. Sein Spezialgebiet, wie auch Holmstedts, waren verschiedene Arten von Sexualverbrechen. Bejkes Schlussfolgerung lautete, dass «Wagner die ihm zur Last gelegte Tat unter Einfluss seelischer Abnormität von so tiefgreifender Natur begangen hat, dass sie einer Geisteskrankheit gleichzustellen ist».[14]

 

Man kann sagen, dass die Richter die Argumentation aus der ersten Instanz teilweise umkehrten und stattdessen danach fragten, welche Personen aller Voraussicht nach für dieses Verbrechen in Frage kamen. Die Zusammenschau von Wahrscheinlichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten fiel durchweg zu Wagners Ungunsten aus. Sowohl Mord als auch Vergewaltigung mit Hilfe von Chloroform wurden, zu Recht, als «höchst ungewöhnlich» bezeichnet. Dass der Täter aus Kickans Bekanntenkreis kam, beurteilte das Gericht – aufgrund der gewissenhaften Überprüfung durch die Polizei – ebenfalls als «höchst unwahrscheinlich». Genauso unwahrscheinlich sei es, dass der Täter, geschminkt und mit einer Flasche Chloroform ausgestattet, «zufällig in die Wohnung von Kickan Granell geraten war und dort das Verbrechen verübt hatte». Es musste sich also um jemanden handeln, der ganz in der Nähe wohnte und «dem Kickan Granell am Abend des 25. Juli in oder bei ihrer Wohnung aufgefallen war und der daraufhin das Chloroform geholt und sich Zutritt zu Kickan Granells Haus verschafft hatte».

«Kann also Wagner der Täter sein?», fragte das Gericht in seinem Urteil. Ja, alles spricht dafür:

Wagner wohnte zu dem Zeitpunkt nur circa siebzig Meter entfernt und war nach eigener Aussage an dem betreffenden Abend zu Hause.

Das Handtuch mit der Schminke war neben dem

Wagner hatte die gleiche Blutgruppe wie der Täter.

Das Kartoffelmehl war ein weiterer «stark belastender Sachverhalt», der für Wagners Schuld sprach. Das Risiko der Kontamination von Proben und Tatort, dem die Verteidigung so viel Gewicht beigemessen hatte, wurde bagatellisiert. Die Juristen des Appellationsgerichts betonten vielmehr, dass auch das farbverschmierte Handtuch große Mengen an Kartoffelmehl aufwies: Dieses Handtuch war das verbindende Element zwischen dem Tatort und Wagners Zimmer und ein überzeugendes Argument dafür, dass die Kartoffelmehlfunde – aus zwei unterschiedlichen und voneinander unabhängigen Quellen – nicht auf einen seltsamen Zufall zurückzuführen waren.

Darüber hinaus berücksichtigte das Gericht Wagners Notizen, in denen er ja mehrfach davon spricht, sich nachts maskiert bei einer begehrenswerten Frau Zutritt verschaffen zu wollen, sie mit Hilfe eines Betäubungsmittels wehrlos zu machen, sie zu vergewaltigen, ihr Telefon unbrauchbar zu machen, hinterher aufzuräumen etc.

Außerdem sahen es die Richter als erwiesen an, dass Wagner, sowohl aufgrund seiner eigenen Aussagen in den Vernehmungen und Gerichtsverhandlungen als auch aufgrund der Tatsache, dass sich das Lehrbuch über Narkose und Betäubung in seinem Besitz befand, mit Chloroform vertraut war. Das Gericht schloss sich der Auffassung der Staatsanwaltschaft an: Das «Silviaprojekt» war eine

Es war allerdings fraglich, ob die Aufzeichnungen lediglich Phantasien waren und darum keinen echten Wert als Beweismittel hatten, oder ob es sich dabei um Pläne handelte, die dazu bestimmt waren, in die Tat umgesetzt zu werden. Und, noch wichtiger: Besaß Wagner überhaupt die persönlichen Voraussetzungen, sie zu verwirklichen? An dieser letzten Frage war die Anklage im Dezember gescheitert: Das damalige Gericht hatte sie mit Nein beantwortet und Wagner freigesprochen. Svea hovrätt antwortete mit Ja – und verurteilte ihn.

Die Richter vertraten die Auffassung – unter Hinweis auf die verschiedenen psychologischen Gutachten –, dass Wagner durchaus dazu in der Lage sei, sozusagen den Schritt von der Fiktion zu Fakten zu vollziehen. Dass es sich bei seinen Notizen keineswegs um reine Phantasien oder Vorbereitungen für einen Roman handelte, zeigte sich auch darin, dass er sich Gegenstände beschafft hatte, die er zur Verwirklichung seiner diversen Pläne benötigte, wie den Dolch, das Stethoskop und siebenprozentige Salzsäure – um daraus ein Betäubungsmittel anzumischen. Auch Wagners Versuche, an jenem Oktoberabend 1964 Bojan Bergstrand zu narkotisieren, um sie zu vergewaltigen, sprachen für seinen Willen und seine Befähigung, die Ideen aus den Notizen in die Tat umzusetzen. Allerdings war ihm das auf äußerst schmähliche Weise misslungen, vor allem weil die K.-o.-Tropfen nicht gewirkt hatten. Das würden sie auch nie tun, da sie wie auch das Chloroform zu den Klischees gehörten, die Wagner aus der

Das Chloroformieren von Kickan Granell sowie die darauf folgenden sexuellen Handlungen sind, ungeachtet der Tatsache, ob eine Tötungsabsicht vorlag oder nicht, ein äußerst ungewöhnliches Verbrechen, ein Verbrechen, das mit Wagners Projekten und Gedanken über Betäubung, Vergewaltigung und Mord außerordentlich gut übereinstimmt. Wagner hatte die Gelegenheit, die Tat zu begehen. Das Gericht ist zu der Auffassung gelangt, dass unter Berücksichtigung von Art und Ort des Verbrechens und von Kickan Granells persönlichen Verhältnissen nur eine sehr geringe Anzahl an Tätern in Frage kommt. Die oben dargelegten besonderen Umstände verringern jeweils in unterschiedlichem Maße den Spielraum für die Vermutung, dass jemand anderes als Wagner der Täter sein könnte. […] Zusammengenommen lassen es daher die vorliegenden Umstände als derartig unwahrscheinlich erscheinen, dass jemand anderes als Wagner alle Täterkriterien erfüllen könnte, dass das Gericht es als gesichert ansieht, dass Wagner die gegen Kickan Granell gerichtete Tat begangen hat.

Doch war es Mord? Nein, sagte Svea hovrätt, dass Wagner auch die Absicht gehabt hatte, Kickan zu töten, sei nicht «mit letzter Gewissheit» erwiesen. Dagegen spreche unter anderem, dass Wagner sich wegen seiner nur rudimentären Kenntnisse über Chloroform – die sich zu gleichen Teilen auf Detektivfilme und ein kurzes Kapitel in dem Lehrbuch über Narkose stützten – wahrscheinlich nicht über das

Aus diesem Grund wollte das Gericht ihn nicht wegen Mordes verurteilen:

Wagner hat Kickan Granell in der Absicht chloroformiert, sie wehrlos zu machen. Insofern hat er sich der Körperverletzung schuldig gemacht. Die Tat ist nachts erfolgt, nachdem Wagner sich offenbar widerrechtlich Zutritt zur Wohnung verschafft hatte, mit dem Ziel, Beischlaf zu ermöglichen. Es handelt sich daher um schwere Körperverletzung. Die Tat hat zum Tod von Kickan Granell geführt. Wagner muss, wie oben dargelegt, dieses Risiko bekannt gewesen sein. Er hat sich darum auch der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht. Es handelt sich dabei um fahrlässige Tötung in einem besonders schweren Fall.

Rein rechtlich betrachtet wurde Wagner aufgrund seiner Diagnose, der Beurteilung durch die Gesundheitsbehörde Medicinalstyrelsen und aufgrund des Psychisch-Kranken-Gesetzes nicht bestraft, sondern es wurden freiheitsentziehende Maßregeln angeordnet, die seine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik bedeuteten.[15]

 

So geschah es. Noch am selben Tag kam Wagner wieder in die geschlossene Abteilung des St.-Görans-Krankenhauses.