DREI:
Block O

Dienstag, 12. Januar

Berlin-Charlottenburg,
Wohnung Devin Siebert [19:34]

Um halb acht ist Ria so hinüber, dass sie fast mit offenen Augen schläft. Ihre Adrenalinreserve bis auf den letzten Tropfen verbraucht.

»Dir fallen ja die Augen zu«, sagt Devin.

Sie kämpft halbherzig gegen einen Gähnkrampf. Beim Essen hat sie ihm erzählt, dass sie sich seit Wochen fast jede Nacht mit verwaltungswissenschaftlicher Fachliteratur um die Ohren haut, um für das Interview mit der möglichen Doktormutter gewappnet zu sein.

»Also ab ins Bett mit dir«, fährt Devin fort. »Schlaf dich mal ordentlich aus. Ich hab wirklich mehr als genug zu tun. Wir können ja morgen noch zusammen frühstücken.«

Das klingt, als wollte er sie anschließend vor die Tür setzen. Wieder regt sich die Angst in ihr, aber sie spielt ihre Rolle eisern weiter. Sie ist die sympathische Besucherin aus der Vergangenheit, seine große Jugendliebe, die er nach Jahren wiedergetroffen hat. Noch ist das Eis zwischen ihnen nicht gebrochen, fast im Gegenteil. Nach seiner Bemerkung vorhin, dass sie nie mitbekommen habe, was in Scherbeck abgelaufen sei, war die Atmosphäre auf einmal ziemlich frostig. Ria fragte nicht nach, sondern lenkte das Gespräch auf sicheres Gelände zurück.

Damals waren sie wirklich ein scharfes Pärchen. Sie hatten Sex an den ungewöhnlichsten Orten, zum Beispiel auf der Dachterrasse eines abrissreifen Wohnblocks am Rand der Siedlung, allgemein bekannt als Block O. Sie erinnerte ihn daran, wie sie die mit Bretterzäunen abgesperrte Ruine erkundeten und schließlich ganz oben auf dem Flachdach landeten. »Das war irre«, sagte sie, »solche Sachen wie damals mit dir habe ich später nie mehr erlebt.« Sein Grinsen kam ihr immer noch verkrampft vor. »O wie Orgasmus«, legte sie nach, »erinnerst du dich an unser Scherbecker Alphabet? Du hast in Block K wie Keine Kohle gewohnt, ich in N wie Nix wie weg. Und weißt du noch, was auf der Dachterrasse alles herumlag? Flaschen, Kondome, vergessene Unterwäsche? Wir waren anscheinend nicht die Einzigen, die es da oben im Mondschein getrieben haben.«

»Nee, Ronja, ganz bestimmt nicht.« So richtig entspannt kam er ihr immer noch nicht vor. Doch sie malte unbeirrt weiter an dem bunten Bild ihrer damaligen Liebe. Bis er schließlich doch noch etwas lockerer wurde. Und sie zum Umfallen müde war.

»Ich beziehe dir schnell das Bett«, sagt er und geht nach nebenan. Ria verschwindet mitsamt Koffer im Badezimmer, macht sich frisch, putzt die Zähne und zieht das blassblaue Nachthemd aus dem Safe House an. Mit einem Anflug von schlechtem Gewissen denkt sie an Perlsberg. Sie wird verzweifelt sein. Der große Schlag gegen die Bruderschaft fällt ins Wasser, wenn sie mich nicht bis morgen aufgespürt und den LKAlern zum Fraß vorgeworfen hat.

Aber schlechtes Gewissen hin oder her, sie tut das Richtige, sagt sich Ria, sie hätte schon viel früher aus Perlsbergs Harakiri-Aktion aussteigen müssen. Dann wären Nikki und sein Vater jetzt noch am Leben. Also muss sie unbedingt unsichtbar bleiben. Perlsberg würde uns alle opfern, um ihr Ziel zu erreichen, mich, Tony und sogar den hoffnungslos in sie verliebten Max. Und, allen voran, sich selbst.

Der Nebenraum ist viel kleiner als das Wohnzimmer. Die Fitnessmaschine nimmt fast die gesamte vordere Hälfte ein. Zwischen dem Queensizebett und dem Kleiderschrank an der hinteren Wand ist nur ein schmaler Gang, gerade breit genug, dass die Schranktüren aufgehen.

»Lass dein Gepäck besser im Bad«, sagt Devin. »Hier ist wenig Platz.«

»Geht schon, danke.« Mit all den heiklen Dingen darin will sie den Koffer unbedingt in ihrer Nähe behalten. Sie quetscht ihn aufrecht zwischen Schrank und Bettrahmen und lächelt über Devins verwunderten Blick.

Dann endlich liegt sie in seinem Bett, das nach frischer Wäsche und nach ihm riecht. Er wünscht ihr süße Träume, macht das Licht aus und die Tür hinter sich zu.

Ich habe noch die ganze Nacht, um ihn rumzukriegen, denkt Ria. Sie muss ihn dazu bringen, sie für ein paar Tage hier wohnen zu lassen. Devin muss zustimmen, eine andere Möglichkeit hat sie nicht. Wenn sie in einem Hotel oder einer Pension ihren Ausweis vorzeigen würde, hätte sie kurz darauf entweder Perlsberg oder das LKA am Hals. Vielleicht bekämen die Brüder auch einen Tipp und könnten ihre Killer direkt zu ihr schicken. Sonnyboy und Riesenpinguin, den Glatzkopf mit dem Kaiser-Wilhelm-Bart oder wen auch immer.

Mir bleibt noch die ganze Nacht, sagt sich Ria wieder. Erst einmal muss sie ihren Akku auffüllen mit ein paar Stunden Schlaf. Dann wird sie Devin umstimmen, mit allen Mitteln, die dafür erforderlich sind.

Ein paar Atemzüge lang lauscht sie noch dem leisen Klappern seiner Laptop-Tastatur, dann dämmert sie weg.

Berlin-Spandau,
Hotel Unter den Kisseln [19:56]

Kurz vor acht, Svenja Wuttke parkt ihren Opel Mokka auf dem vereisten Parkplatz und steigt aus. Wie um Himmels willen ist sie nur auf die Idee gekommen, Schuhe mit hohen Absätzen anzuziehen? Viel lieber hätte sie jetzt Stiefel mit grobem Profil an. Auch der Weg zum Eingang des »Erlebnishotels« ist tückisch glatt. Und die Kälte kriecht ihr durch die dünnen Sohlen.

Als sie nach der Arbeit schnell noch nach Hause fuhr, um sich umzuziehen, dachte sie, dass Max und sie sich irgendwo in der Stadt treffen würden. Warum nicht in einer Bar oder einem Restaurant? Wieso in diesem Hotel am westlichen Stadtrand, fast schon in Brandenburg? Bei der möglichen Antwort wird ihr trotz der sibirischen Temperaturen schlagartig warm.

Die plakatwandgroße Tafel neben dem Eingangstor verkündet:

Erlebnishotel Unter den Kisseln

Wo Provinz und Weltstadt kuscheln

Es muss nicht immer Unter den Linden sein

Laut seiner SMS hat Max den Themenbungalow »Almhütte« gebucht. Typisch, denkt Svenja, das bayerische Landei. Doch sie hat sich vorgenommen, ihn nicht wie früher mit seiner Herkunft und seinem Hang zu Vergleichen aus der Tierwelt aufzuziehen. Sie meinte es nie wirklich böse, aber Max reagierte zunehmend dünnhäutig auf ihren Spott.

Das Hotelgelände ist unübersichtlich, doch zum Glück entdeckt sie gleich in der ersten Reihe der bizarr designten Häuschen ein rustikales Holzbauwerk mit dem Schriftzug Almhütte am Giebel. Das Areal dahinter, ein Labyrinth aus spitzen Dächern und schmalen Wegen, ist im trüben Schein der Vintage-Laternen nur vage auszumachen.

Svenja stöckelt die Stufen zur Veranda hoch und drückt auf die Türklingel. Mit ihrem auberginefarbenen Hosenanzug und den Absatzschuhen ist sie in dieser Umgebung definitiv falsch angezogen.

»Svenja. Das ist ja eine Ewigkeit her.« Den groß gewachsenen Mann mit dem fuchsroten Vollbart, der ihr die Tür aufmacht, erkennt sie nur an der Stimme. Und an dem Lächeln, das sein Gesicht in die Breite zieht.

Seit wann hat er einen Bart? Und wieso ist der rot?, fragt sich Svenja, während sie Max ins Innere der Hütte folgt. Er sieht aus wie ein Anarchist. Oder wie ein ausgemergelter Asket.

Im Kamin prasselt ein Feuer, davor liegt ein Bärenfell, mutmaßlich unecht, auf dem Dielenboden. Die Möbel sehen selbst gezimmert aus, Tisch und Bänke, eine Küchenzeile im Landhausstil. Im Hintergrund zwei Türen, eine davon so weit offen stehend, dass dahinter ein altmodisches Bett mit aufgetürmten Oberbetten sichtbar ist.

Svenja überrollt die nächste Hitzewelle, obwohl sie Mantel, Mütze, Schal, Handschuhe schon in der Vordiele ausgezogen hat.

»Krass hier«, sagt sie beeindruckt. »Wie bist du auf die Idee …?«

»Erkläre ich dir später, okay?«

Sie nickt und starrt ihn an. Er hat Jeans und ein langärmliges Shirt an, im Prinzip wie früher. Nur hat er sonst immer Übergrößen getragen, um seine Pfunde zu kaschieren, jetzt zeichnet sich ein durchtrainierter Körper unter dem eng anliegenden Hemd ab.

»Du bist undercover«, platzt sie heraus. »Deshalb der komische Bart?«

»Echt schön, dich mal wieder zu sehen.« Mit einer Hand zieht er sich das rote Gekräusel unterm Kinn lang, mit der anderen zeigt er in Richtung Tisch. »Setzen wir uns? Ich hab ein paar Kleinigkeiten kommen lassen. Hoffentlich ist alles nach deinem Geschmack.«

»Ein paar Kleinigkeiten« ist stark untertrieben. Der Tisch biegt sich fast unter zwei mächtigen Salatschüsseln, Saft und Wasser in Karaffen und zwei Platten mit Snacks.

»Keine Bouletten? Kein Leberkäse?« Sie lächelt ihn an. »Ich bin beeindruckt, Max.«

»Und ich erst. Alles garantiert vegan. Wenn die Entzugserscheinungen überhandnehmen, sage ich mir immer, dass es nur eine Phase ist.« Er zieht eine Grimasse. »Wie das ganze Leben, sozusagen. Viel zu kurz, auch wenn es am Anfang endlos lang schien.« Auf einmal sieht er schwermütig aus.

»Was ist los, Max? Du klingst so …« Sie beugt sich über den Tisch, will seine Hand greifen, zieht ihre im letzten Moment zurück. »Du bist doch nicht krank oder so etwas?«

Er schüttelt den Kopf. »Schau mich an. Ich war in meinem ganzen Leben nie gesünder. Wenn ich morgen sterben würde, könnte man mich noch wochenlang als Vitaminspender verwenden.«

»Was sollen dann die düsteren Anspielungen? Wie kurz das Leben ist und so?« Er gibt ihr keine Antwort, aber das ist auch nicht nötig. Er bereitet sich auf einen lebensgefährlichen Einsatz vor. Oder er ist schon mittendrin. Und dahinter steckt natürlich Hallstein.

»Nur ein bisschen Wintertrübsinn. Achte einfach nicht drauf.« Er schenkt ihr und sich selbst naturtrüben Apfelsaft ein. Sie lassen sich die Salate und veganen Vollkornsandwiches schmecken und geben sich Mühe, die Stimmung aufzulockern. Sie tratschen über Kollegen, frischen Erinnerungen an gemeinsam geschlagene Schlachten auf. Irgendwann fragt sie ihn, wo er jetzt wohnt und durch welche Art von Hardcore-Training er dermaßen fit geworden ist. Seine Antwort ist ein stilles Lächeln. »Du siehst einfach super aus, Max, umwerfend gut. Bis auf den Bart«, fügt sie hinzu, und beide müssen lachen. Sie etwas zu schrill, das merkt sie selbst, er ein wenig verlegen und ziemlich geschmeichelt. Aber ihre Fragen beantwortet er trotzdem nicht.

Schließlich erkundigt er sich, wie sie mit ihrem neuen Partner Jensen zurechtkomme. Auf dieses Stichwort hat sie gewartet, wenn auch immer wieder abirrend zu wirren Gedanken: wie es wäre, wenn sie und Max doch noch zusammenkämen. Warum sonst er sie in dieses Häuschen bestellt hat, wenn nicht, um mit ihr in dem gigantischen Bett zu landen, der stummen Verheißung hinter dem Türspalt.

Sie stecke mitten in ihrem ersten großen Fall, sagt sie. Natürlich zusammen mit Jensen, und das bedeute, dass er die Akte fast schon wieder schließen wolle – »Fall gelöst, der Nächste, bitte«. Dabei seien sie erst heute früh zum Tatort gerufen worden, aus ihrer Sicht gebe es noch einigen Ermittlungsbedarf. »Obwohl, da bin ich mir auch wieder nicht so sicher«, fügt sie kleinlaut hinzu. »Entweder ich bin zu doof, um wichtige von unwichtigen Punkten zu unterscheiden, oder Jensen macht alles platt, was ihn daran hindern könnte, den Fall nach Schema F zu lösen.«

»Du meinst, er lässt Beweise unter den Tisch fallen?« Max sieht sie stirnrunzelnd an. »So habe ich ihn aber nicht erlebt.«

Svenja schüttelt hastig den Kopf. »Um Himmels willen, nein, das will ich damit nicht sagen. Ich meine nur, woher weiß er, was relevant ist und was nicht, bevor wir alle Spuren abgearbeitet oder auch nur gesichert haben? Er wirft einen Blick auf Tatort und Opfer und knallt seine Stempel drauf: ›Einbruch mit eskalierender Tatentwicklung‹, bamm! ›Bandenkriminalität nach bekanntem Muster‹, paff!« Mit der Faust ahmt sie rabiates Stempeln nach. »Und das macht mir Angst, Max. Angst, mich zu blamieren, falls ich mich in eine Richtung verrenne, die einfach nur Blödsinn ist. Und mehr noch Angst, meinen ersten großen Fall zu vermasseln. Falls ich nämlich meine Zweifel runterschlucke, nur um mich nicht zu blamieren. Verstehst du das?«

»Im Prinzip schon. Jensen kann ganz schön Dampf machen.« Er gönnt sich noch ein Körnersandwich mit veganer Salami. »Aber jetzt mal der Reihe nach, Svenja. Wenn du willst, sage ich dir nachher gerne, wie ich euren Fall einschätze. Aber dafür musst du erst mal ein bisschen konkreter werden.«

Sie berichtet in Kurzform von den Makowski-Morden. Wie sie heute früh den Ort des Geschehens vorgefunden hat. Ein bescheidenes Häuschen in Heiligensee. Die abgewohnte Einrichtung, das durchwühlte Schlafzimmer, die Splittspuren auf Boden und Bett. Die beiden Toten, Vater und Sohn. Der eine im Bett mit seinem eigenen Kissen erstickt, der andere mit einem Stich in die Herzgegend getötet, als er nach dem Vater sehen wollte. »Auffindeort gleich Tatort, in beiden Fällen.«

Dann die bizarren Manipulationen an den Körpern der Opfer. Partielle Rasur der Schamhaare beim Sohn, die im Genitalbereich des Vaters appliziert wurden. Auch das Gebiss des alten Herrn schief im Kiefer angeklebt, »möglicherweise das Werk eines Psychopathen«, fügt sie hinzu und forscht in Max’ Gesicht nach Zeichen der Zustimmung. Aber er bleibt hinter seinem Bart in Deckung. Nur ganz zu Anfang, als sie den Namen Makowski erwähnte, meinte sie, in seinen Augen ein Aufleuchten wahrzunehmen. So als hätte er von dem Fall schon gehört.

»Jensen hat sich sofort festgelegt: Für ihn hat das eine mit dem anderen nichts zu tun«, fährt sie fort. »Hier ›Einbruch mit eskalierender Tatentwicklung‹« – sie malt Anführungszeichen in die Luft –, »dort der ›Psychokram‹, den er sofort dem alten Makowski zugeordnet hat. Begründung: Der leidet schließlich an fortgeschrittener Demenz. Das kam mir zunächst völlig aus der Luft gegriffen vor«, fügt sie hinzu. »Dass er den ›geronto-perversen Genitalkarneval‹ einfach mit der Demenz des alten Herrn erklärt hat.«

»So hat Jensen das genannt?« Max sieht sie verwundert an. »So flapsig habe ich ihn nie über Geschädigte sprechen hören.«

»Vielleicht reißt er sich bei mir weniger zusammen. Aber eher wohl hat er sich verändert, Max. Durch Berlin, durch seine Erfolge oder durch beides zusammen.« Ihr Gesicht fühlt sich an, als stünde es in Flammen. Falls Jensen je erfährt, wie sie hinter seinem Rücken über ihn redet, wird er sie ungespitzt in den Boden rammen. Als wäre auch sie nur eine »Verschmutzung«, die es unterzupflügen gilt. »Aber viel mehr macht mir etwas anderes zu schaffen«, berichtet sie weiter. »Allem Anschein nach hat er damit ins Schwarze getroffen. Die Manipulationen passen tatsächlich zu dem Bild, das Dutzende Zeugen von dem alten Makowski gezeichnet haben. Praktisch alle, die ihn näher kannten, haben darauf hingewiesen, dass er einen Jugendlichkeitsfimmel hatte.«

Max sieht sie fragend an. Sein Appetit scheint so groß wie früher zu sein, nur lebt er den jetzt an Pflanzlichem statt an Fleischpflanzerln aus. Svenjas Magen dagegen ist wie zugeschnürt. Außer ein paar Salatblättern und einem Guacamole-Toast hat sie nichts herunterbekommen. Aber sie hat sowieso keine Zeit zum Essen. Sie redet und gestikuliert. Während Max die Delikatessen dezimiert, trägt sie penibel alle Details zusammen. Sie darf nichts weglassen, alle Puzzlestücke müssen auf dem Tisch liegen, damit er sie am Ende zu dem Bild zusammensetzen kann, das aus seiner Sicht einen Sinn ergibt.

Sie erklärt ihm, dass Niklas Makowski das Ergebnis einer Nacht ist, die Vater Daniel mit einer Prostituierten verbracht hat. Seinen Erzeuger habe er erst vor sieben Jahren kennengelernt, als Daniel schon an Demenz im Frühstadium litt. Möglicherweise hätten dessen Forever-Young-Spleen und der Umstand, dass Niklas wie Daniels jüngeres Ebenbild aussah, im bereits erkrankten Gehirn des Vaters folgenreiche Fehlschaltungen ausgelöst. »So könnte er zu der Wahnvorstellung gelangt sein, dass er wieder jung wie Niklas werden könne, wenn er sich das Gebiss in den Mund und Niklas’ Schamhaar unter den Nabel klebt. So abgedreht sich das anhört, zu seiner Persönlichkeit und seinem Krankheitsbild würde es wohl wirklich passen.«

»Ja, der Wahnsinn.« Max wischt sich den Mund mit einer Stoffserviette ab. »Kurze Unterbrechung, Svenja, ich muss nur rasch nachheizen.« Er springt auf und ist mit drei federnden Schritten beim Kamin.

Svenja starrt ihm hinterher und vergisst, was sie zum Fall Makowski noch ausführen wollte. So gebannt ist sie von Max’ Verwandlung, seiner kraftvollen Gestalt, seinen dynamischen Bewegungen, seiner überhaupt nicht mehr schwerfälligen Art. Er kauert vor dem Kamin, hantiert mit Scheiten und Schürhaken, und sie bewundert das Spiel seiner Muskeln unter dem Shirt. Im Nu ist er zurück, Rauchgeruch im feurigen Bart.

»Und der Sohn soll das mitgemacht haben?« Max gleitet neben ihr auf die Bank. »Ich meine, dem Papa mal eben einen Satz Schamhaar spendieren, das ist ja nicht unbedingt Standard.«

»Bei Niklas wäre es vorstellbar.« Sie referiert, was die Zeugen über das eigenartige Verhältnis von Vater und Sohn ausgesagt haben. »Wie Herr und Hund sollen die gewesen sein. Niklas war so glücklich, seinen Vater gefunden zu haben, der hätte seinem Papa praktisch jeden Wunsch erfüllt.«

»Also stimmst du Jensen letzten Endes zu? Hat der ganze ›Psychokram‹ mit dem eigentlichen Tatgeschehen nichts zu tun?«

Max sieht sie fragend an, Svenja schüttelt den Kopf. Jedes Mal, wenn sie zu ihm hinschaut, gerät ihr die offene Tür mit dem Bett dahinter in den Blick. Und Max sitzt fast schon in Kussdistanz neben ihr.

»Und deine Zweifel an Jensens These«, fragt er weiter, »ist das nur ein Bauchgefühl? Oder hast du irgendwelche Anhaltspunkte dafür gefunden, dass die beiden Makowskis nicht bloß Zufallsopfer sind?«

Sie merkt an seiner Stimme, wie engagiert er auf einmal ist. Weil ihn der Fall so fasziniert? Oder wegen mir?

»Svenja?«

»Wie? Ja, klar. Oder eigentlich nein.« Sie muss erst ihre Gedanken sammeln. Mit Gewalt wegreißen von seinem Mund, der das rote Bartgekräusel teilt, von seiner Brust, die das moosgrüne Shirt spannt, von dem Bett im Hintergrund, das immer größer anzuschwellen scheint. »Es gibt noch einen Zeugen«, bringt sie hervor. »Slavo Antecic, Mitarbeiter bei den Gaswerken. Seine Aussage deutet auf einen möglicherweise ganz anderen Tathintergrund hin.«

Sie berichtet ihm von Bredows Gespräch mit Antecic, der den Gaszählerstand bei Makowski abgelesen habe. »Der alte Herr hat ihn für seinen Sohn gehalten und auf ihn eingeredet, dass er sich auf keinen Fall mit seinem Arbeitgeber anlegen soll.«

Max macht große Augen. »Hat er das noch weiter ausgeführt? Ich meine, worum es bei der Auseinandersetzung mit dem Arbeitgeber ging?«

Er fragt es betont beiläufig, und Svenja fühlt sich plötzlich ernüchtert. »Sag mal, kennst du den Fall schon?« Sie sieht ihn argwöhnisch an. Hat er sie etwa nur deshalb hierhergelockt, um ihr Informationen zu ihrem Fall zu entlocken? Oder interpretiert sie die Lage schon wieder falsch?

»Ich kriege schon noch das eine oder andere aus unserem Laden mit«, sagt er. »Was hat der Gasmann denn sonst noch gesagt?«

Sie zuckt mit den Schultern. »Sehr konkret ist er nicht geworden. Aber nach Einschätzung von Bredow und Holms ist Antecic ein vertrauenswürdiger Zeuge.«

Sie schließt kurz die Augen. Um sich zu konzentrieren und um Max’ Gesicht nicht so nah vor ihrem zu sehen. »Also, laut dem Zeugen soll Daniel Makowski gesagt haben: ›Die in der Klinik machen krumme Sachen. Schmeiß denen die Brocken hin und komm nach Hause.‹« Sie macht die Augen wieder auf. »Außerdem, und damit wird es richtig interessant: ›Die Kleine will dir einflüstern, dass du die Strolche anzeigen sollst, aber am Ende bist du der Dumme. Lass dich nur in nichts reinziehen.‹«

»Die Kleine?« Max sieht sie fragend an. »Das ist die junge Frau, die du vorhin erwähnt hast?«

Er macht ihr etwas vor, das spürt sie doch genau. Dabei ist Max eigentlich ein guter Schauspieler, bei Befragungen fallen Zeugen und Verdächtige scharenweise auf sein Schwiegersohn-Getue herein. Aber bei ihr gibt er sich keine große Mühe, so als wollte er ihr etwas zu verstehen geben, das er nicht offen aussprechen darf.

»Gegenfrage, Max: Was hast du mit dem Fall zu tun?« Sie zwingt sich, ihm direkt in die Augen zu sehen. »Oder wohl eher: Hallstein und du?«

Er erwidert ihren Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. »Von Hallstein habe ich schon Ewigkeiten nichts mehr gehört.«

»Und das soll ich dir jetzt glauben?«

»Lassen wir sie aus dem Spiel«, schlägt Max vor. »Du willst wissen, wie ich deinen Fall sehe? Möglicherweise kann ich dir ein paar Informationen verschaffen, die für eure Ermittlungen nicht ganz unwichtig sind. Und mit Jensens Hypothese definitiv nicht vereinbar.«

»Du meinst Anhaltspunkte dafür, dass ein psychisch gestörter Täter die Makowskis getötet hat? Echt jetzt, Max?« Svenja fällt ihm um den Hals und küsst ihn dorthin, wo eben noch sein Mund war und plötzlich nur noch Bart ist.

Berlin-Charlottenburg,
Wohnung Devin Siebert [21:44]

Eine dunkle Stimme, hohl und hallend wie aus Grabestiefe, reißt Ria aus dem Schlaf. Was war das? Im Nu sitzt sie aufrecht, lauscht in die Dunkelheit. Sie ist bei Devin, fällt ihr ein. Durch die Tür ist nur das leise Klappern der Computertasten zu hören. Hat sie das dumpfe Rufen geträumt? Nein, das war kein Traum. Aber was sonst?

Sie schlägt die Bettdecke zur Seite. Gerade noch rechtzeitig fällt ihr der Koffer ein, sie schwenkt die Füße weiter nach links und steht auf. So leise wie möglich tappt sie im Dunkeln den schmalen Gang entlang, am Fußende linksherum und tastet sich in Richtung Tür.

Durch Ritzen im Rollladen sickert fadendünnes Licht, eben genug, um dem Gestänge der Muckimaschine ein mattes Funkeln zu entlocken. Die hohle Zombiestimme muss sie doch geträumt haben, sagt sich Ria, als sie vor der Tür steht und mit angehaltenem Atem lauscht. Devin schaut keinen Film und spielt auch kein Computerspiel, sondern tippt nur in regelmäßigen Abständen auf eine Taste. Klack, Stille, klack. Es klingt, wie wenn man eine Datei abschnittweise überfliegt, um dann weiterzuscrollen.

Vielleicht macht er Schluss für heute, denkt Ria, und schaut nur schnell noch mal durch, was er geschrieben hat. Ihr Plan ist so einfach wie effektiv. Bei ihrer Ausbildung für die Spezialeinheit hat sie nicht nur martialische Nahkampftechniken gelernt. Sie wird Devin zu sich ins Bett locken, und danach wird er sie anbetteln, bei ihm zu bleiben. Ria atmet tief durch, drückt leise die Klinke herunter und zieht die Tür auf.

Das vordere Zimmer ist dunkel bis auf das Licht von den Monitoren und zwei gedimmten Deckenstrahlern. Die Digitaluhr auf dem Schreibtisch zeigt 21:46 Uhr. Ria fühlt sich matt und benommen. Die rund zwei Stunden Schlaf haben sie eher noch müder gemacht.

Die Rollläden sind oben, registriert sie mechanisch, aber Devin hat die Vorhänge zugezogen, sodass nur wenig Licht von draußen einsickern kann. Er sitzt am Schreibtisch, mit dem Rücken zu ihr. Auf den beiden großen Bildschirmen vor ihm sind miniaturisierte Fotos aufgereiht. Davor ist die Silhouette einer riesenhaften Ratte mit roten Augen und langem rosafarbenem Schwanz montiert, die aufgerichtet auf den Hinterbeinen steht und den größten Teil der Fotos verdeckt. Doch Rias ganze Aufmerksamkeit gilt sowieso dem Laptop-Display.

Alle zehn oder fünfzehn Sekunden tippt Devin auf eine Taste und scrollt weiter abwärts. Doch über den Bildschirm laufen keine kryptischen Programmierzeilen, wie sie erwartet hatte, sondern großflächige Fotos, deren Botschaft schreiend klar ist.

Kinderpornografie! Die Silben schrillen in Rias Kopf, greller noch als die Alarmsirene im Safe House. Kinderpornos! Devin, was machst du da?

Wie unter einem Bann schleicht sie näher heran. Albtraumhafte Motive flimmern über den Monitor. Ein Junge, vielleicht zehn, elf Jahre alt, der auf allen vieren in einer Wiese kauert und über die Schulter nach hinten späht. Die Augen weit aufgerissen, das Gesicht vor Angst verzerrt. Dann zwei Mädchen, ähnliches Alter, gleichfalls nackt und auf allen vieren, die an Hundeleinen über eine Wiese geführt werden. Dann drei Männer, sichtbar von den Bäuchen abwärts, vor denen die Kinder im Gras knien.

Ria hat schon weit schlimmeres Material gesehen, das bringt ihr Beruf mit sich, aber noch nie zuvor auf dem Computer eines nahen Freundes. Ihr Gehirn blockiert, ihr Verstand weigert sich, Devin mit dem kranken Dreck auf seinem Rechner in Verbindung zu bringen. Dann klickt er ein Video an, und die Figuren auf dem Bildschirm beginnen, sich zu regen. Penisse werden in winzige Münder gestoßen, Männer lachen und keuchen, Kinder versuchen weinend, wegzukriechen, werden an den Haaren zurückgerissen, und da kann sich Ria nicht länger kontrollieren.

»Was soll die kranke Scheiße, Devin?« Schreiend stürzt sie sich auf ihn, trommelt ihm mit den Fäusten auf den Rücken. Jetzt erst fällt ihr auf, dass er bis auf die schwarzen Boxershorts nackt ist.

»Du verstehst das falsch.« Mitsamt seinem Stuhl dreht er sich zu ihr herum.

»Was gibt es da falsch zu verstehen?« Sie starrt auf das Zelt unter seinem Nabel. »Du bist krank, du gehörst in die Klapse!«, schreit sie und weiß genau, dass es ein Fehler ist, ihn jetzt auch noch zu provozieren. Aber sie kann nicht anders, er ist wie Oertel, genauso ein Schwein wie der schmierige Friedrich, denkt sie, vielleicht hat er das mit seiner Andeutung gemeint, ich wüsste ja nicht, wie es in Scherbeck zugegangen ist?

Erst als sie den harten Griff um ihre Handgelenke spürt, kommt sie zur Besinnung. Devin hält sie mit der Linken fest und klickt mit rechts auf der Tastatur seines Laptops herum. »Weißt du, ich wollte immer mit dir weggehen«, sagt er, ohne sie anzusehen. »So weit wie möglich weg und nur wir zwei. Dafür wollte ich Kohle scheffeln, das war immer mein Traum.« Er redet fahrig und sieht sie nicht an. »In letzter Zeit habe ich nicht mehr richtig geglaubt, dass das mit uns noch mal was wird. Aber raus aus der ganzen Scheiße will ich trotzdem noch. Also hab ich mit dem hier einfach weitergemacht.«

Ria versteht kein Wort. Wieso raus aus der Scheiße, was meint er damit, er hat sich doch im Gegenteil in den kranken Dreck reingewühlt.

Das Video stoppt, auf dem Bildschirm bauen sich Reihe um Reihe briefmarkenkleine Standbilder auf. Alles Pornofotos, alle in demselben Garten aufgenommen, mit Jungen und Mädchen zwischen sechs, sieben und dreizehn, vierzehn Jahren. Pädo-Paradies, geht es Ria durch den Kopf. Wieso fährt Devin auf so etwas ab?

»Und jetzt pass auf.« Er tippt eine Zeichenfolge, im nächsten Moment baut sich die gleiche wuchtige Ratten-Silhouette wie auf den anderen beiden Monitoren auf. Ein grellroter Schriftzug läuft über den Bildschirm und bleibt schließlich am Fuß der Seite stehen: »2000 Euro, bis 15. Januar 12 Uhr auf das Bitcoin-Konto von Bit for Kids [hier klicken], sonst geht der ganze Dreck an deine Kontakte, du beschissener Abschaum.« Synchron mit dem durchlaufenden Schriftzug deklamiert die dunkle Stimme, die Ria vorhin aufgeweckt hat, die Erpresserbotschaft wie aus einer Gruft heraus.

Devin wirft ihr einen Blick zu, er sieht wieder sehr mit sich selbst zufrieden aus. »Der Trojaner ist mein Baby, ich habe ihn Giant Rat getauft. Mit Alters- und Schwanz-Erkennung, kid & dick detection heißt das im Fachjargon. War nicht ganz einfach einzubauen«, fährt er fort, »ich musste eine Weile rumtüfteln, bis das richtig funktioniert hat. Aber jetzt wühlt das Vieh fast fehlerlos. Die Mails gehen an ausgewählte Absender, die Adressen sind von einer Darknet-Seite, keine erstklassigen Daten, aber ganz okay. Der Link in der Mail führt angeblich auf eine Seite namens delicate-greenery.org. Wenn die Scheißkerle draufklicken, fangen sie sich aber in Wirklichkeit meine trojanische Riesenratte ein, und die scannt dann ihre Rechner auf Grafiken und Videos mit kid ’n’ dick stuff. Die Resultate checke ich dann händisch noch mal durch, damit es garantiert nur die Richtigen trifft.«

Und damit dir einer dabei abgeht, denkt Ria. Ihr Kopf dröhnt, das Herz klopft ihr bis zum Hals. Devin hält ihre Handgelenke auf die Tischplatte neben sich gedrückt, als wollte er sie zerquetschen. Und wieso Riesenratte?, geht es ihr durch den Kopf. Irgendwie kommt ihr der Ausdruck bekannt vor, aber sie kann nicht klar denken.

»Kapierst du es jetzt?«, fährt Devin fort. »Was ich hier mache, ist vielleicht nicht ganz legal, aber die Scheißkerle haben definitiv kein Mitleid verdient. Ich lasse sie blechen und räume ihnen den Rechner komplett leer.«

»Du tust mir weh.« Ria macht einen halbherzigen Versuch, ihre Hände zu befreien, doch Devin schüttelt nur den Kopf. Genauso gut könnte sie versuchen, sich mit den Fingernägeln durch die Tischplatte zu graben. Sie überlegt, ob sie ihn durch einen Fußtritt gegen Hals oder Kopf außer Gefecht setzen kann. Aber das wäre kein Erfolg versprechender Plan. Mit bloßen Füßen kann sie ihn nicht hart genug treffen, zumal sie zwischen Stuhl und Tisch so eingezwängt ist, dass sie nicht mal richtig ausholen kann. Doch sie hat nur einen Versuch, das ist ihr klar. Also muss sie auf den richtigen Moment warten.

»Jetzt beruhige dich mal«, sagt Devin. »Ich kann ja nachvollziehen, dass du das hier in die falsche Kehle bekommen hast.« Er zeigt auf die Monitore. »Und logisch wäre es mir lieber gewesen, wenn du gar nichts davon mitgekriegt hättest. Aber jetzt ist es nun mal passiert. Ich bin auf der Ziellinie, verstehst du? Dann kapierst du hoffentlich auch, dass ich auf keinen Fall zulassen kann, dass jetzt noch was schiefgeht.« Er starrt Ria an, bis sie widerwillig nickt.

»Also hör zu, der weitere Ablauf ist ganz einfach. Wie viel jeder Scheißkerl abdrücken muss, hängt davon ab, wie übel das Zeug auf seinem Rechner ist. Irgendwas zwischen zehn- und dreißigtausend Euro, damit kommen die noch gut weg. Deshalb hat bisher auch jeder prompt bezahlt. Sie kriegen genaue Anweisungen, wie sie den Betrag auf meinen Bitcoin-Account transferieren können. Der ist natürlich anonym, und die ganze Transaktion läuft verschlüsselt über Unmengen Serverknoten. Die Spur kann niemand nachvollziehen, die bescheuerten Pädos eh nicht, aber auch kein Cyberbulle hier in Berlin oder sonst wo.«

Er dreht sich mit dem Stuhl zu ihr, ohne ihre Hände loszulassen, und sieht sie abwesend an. Als würde er nicht sie wahrnehmen, sondern eine Ronja, die nur in seiner Fantasie existiert.

»Ich bin fast durch mit meiner Liste«, fügt er hinzu. »Nur noch ein, zwei Tage, dann ist alles in trockenen Tüchern. Anderthalb Millionen Euro plus/minus, je nach Bitcoin-Kurs. Und das lasse ich mir von keinem mehr kaputt machen. Auch von dir nicht, Ronja. Das verstehst du doch?«

Wieder nickt sie, ihr Kopf ruckt vor und zurück wie bei einem Krampf. Sie hat Mühe, das Zittern zu kontrollieren, das sich von tief innen in ihr ausbreiten will. Er ist krank, denkt sie, total gestört. Er erpresst andere Männer mit dem, was ihn selbst genauso anmacht. Was hat er erlebt, und wann? Als Kind schon? Und warum hat sie davon nie etwas gemerkt? Er hatte immer diese versponnene Seite, aber sie fand das einfach nur liebenswert. Manchmal zog er nicht mit den anderen Jungs los, sondern vergrub sich in seinem Zimmer, zeichnete Fantasy-Wesen, schrieb sogar Gedichte, richtig süß. Aber vielleicht steckte immer schon etwas ganz anderes dahinter. Missbrauch.

Aus ihren Psychologieseminaren weiß Ria, dass sich gerade schwerst traumatisierende Erfahrungen oft erst mit großer Verzögerung bemerkbar machen. Der Grund dafür ist, dass der traumatisierte Teil der Persönlichkeit abgespalten und quasi weggeschlossen wird. Erst wenn diesem »Gefangenen« der Ausbruch aus seinem Kerker gelingt und er – auf Dauer oder zeitweise – das Kommando übernimmt, wird der Wahnsinn sichtbar, der unter Umständen seit Jahrzehnten unter der Oberfläche einer unauffälligen Persönlichkeit brodelt.

Berlin-Schöneberg,
Bülowstraße [21:45]

Die City glitzert wie eine riesige Schmuckvitrine. Auch wenn es größtenteils Fake-Juwelen sind, Perlsberg ist immer noch und immer wieder von ihrer Stadt fasziniert. Sie ist in Berlin geboren, aufgewachsen, sie kennt jede Ecke hier, nicht nur im Westen. Sie fühlt sich wie eine Verbannte, die heimlich durch die vertrauten Straßen schleicht. So voller Sehnsucht und so entschlossen, ihre Rückkehr zu erzwingen.

»Du wartest hier«, sagt sie. Tony nickt. Sie fährt rechts ran und schaltet den Motor aus. »Sobald du irgendwas hörst, sagst du Bescheid.« Tony nickt erneut.

Rias Verschwinden hat ihm einen Knacks versetzt, das spürt Perlsberg. Ihm und seinem Vertrauen in sie. Er ist mürrisch und wortkarg, und sie kann es ihm nicht verdenken. Trotzdem wird sie alles in ihrer Macht Stehende tun, um ihre Mission zu retten. Alles, was sie gerade so vor sich selbst noch verantworten kann.

»Ich bin in zehn Minuten zurück.« Sie steigt aus und überquert die Bülowstraße. In ihrem dunkelblauen Daunenmantel, die Kapuze über den Kopf gezogen, verschmilzt sie fast mit der abendlichen Dunkelheit.

Die Kurfürstenstraße, der größte innerstädtische Straßenstrich Deutschlands, ist nur ein paar Blocks entfernt, trotzdem geht es hier am östlichen Ende der Bülowstraße beschaulich zu. Statt Rotlichtclubs und Dönerbuden prägen der verschneite Nelly-Sachs-Park und der Ziegelsteinbau der American Church die Szenerie. Bei der mörderischen Kälte sind nur wenige Passanten unterwegs. Die Atemwölkchen vor ihren Mündern und Nasen sehen wie Sprechblasen aus, nur zerfließt die Nebelschrift jedes Mal so schnell, dass kein Wort zu entziffern ist.

Perlsberg hat den Tipp von Hendrik Karlow bekommen, Oberkommissar beim Dezernat 13, Sexualdelikte und Pornografie. Sie hat immer noch zwanzigmal mehr Fans beim LKA Berlin, als Jensen in zwanzig Jahren haben wird. Haben würde, korrigiert sich Perlsberg, wenn er dann nicht längst wieder in sein Nest zurückgejagt worden wäre, Brandenburg an der Havel. Enjoy your life, Leif.

Schon Ende letzten Jahres hat ihr Karlow von dem Informanten berichtet, den Jensen in der Transen-WG in der Bülowstraße angeworben habe. »Ganz klar unser Beritt, aber glaubst du, der Klotz hätte es nötig, auch nur Bescheid zu geben?« »Klotz, Yeti, Roboter, Pots-Trump« sind nur einige der Spitznamen, die in der Keithstraße über Jensen kursieren. Zusammen mit bizarren Anekdoten, die seinen empathiefreien Stil illustrieren.

Bei der vermeintlichen Wohngemeinschaft junger Transsexueller handelt es sich laut Karlow um ein Wohnungsbordell, in das regelmäßig Zwangsprostituierte aus Südostasien eingeschleust werden. Ermittlungen zu einem Tötungsdelikt im Rotlichtmilieu führten Jensen Ende November hierher, und während fünf der Bewohner vorgaben, nichts gesehen oder gehört zu haben, erwies sich Nummer sechs als auskunftsfreudig. »Name: Varapatsorn Chupong«, schrieb ihr Hendrik Karlow, »Rufname: Sheila, Geburtsort: Ubon Ratchathani (Isan, Thailand), Alter: 23, Körpergröße: 189 cm, Gewicht: 63 kg, Geschlecht: divers (TS prä-OP).«

Bereits am Abend nach ihrer offiziellen Erstbefragung traf sich Jensen ein weiteres Mal mit Sheila, diesmal nicht im Präsidium, sondern in ihrer WG. Es folgten diverse Treffen in immer kürzeren Abständen, über die Hendrik Karlow durch eigene Informanten Kenntnis erhielt. »Scheinbar haben die Dates auch was Privates«, schrieb er Perlsberg vor wenigen Tagen. Sie überlegte, ob er scheinbar oder anscheinend meinte, und beschloss, dass es keine Rolle spielte. Im Grunde traute sie Jensen weder Heimlichkeiten noch amouröse Bedürfnisse zu. Höchstwahrscheinlich hätte sie von ihrem Wissen auch nie Gebrauch gemacht, doch als sie erfuhr, dass der Makowski-Fall auf seinem Tisch gelandet war, rief sie umgehend Karlow an.

Schließlich ist es ihr Tisch, den er unrechtmäßig besetzt hält. Vorletztes Jahr hatte Jensen zwei Fotos in die Hände bekommen, mit denen Eric Menz, Kidnapper und Killer in Diensten der Bruderschaft, versucht hatte, den sofortigen Abbruch ihrer – Hallsteins – Ermittlungen zu erzwingen. Auf den Fotos ist sie selbst zu sehen, im Sommer vor zwölf Jahren, auf einer Wiese am Stadtrand liegend, mit einem halb nackten männlichen Teenager im Arm. Auf einem der Bilder sind sie und der Junge eingedöst, und direkt hinter ihr, so nah, dass sie ihn mit der Hand berühren könnte, sitzt Tobias, ihr damals seit zehn Jahren verschwundener Bruder, im Gras.

Natürlich hatte sie nicht gewusst, dass er noch lebte und was aus ihm geworden war. Der Komplize des psychopathischen Serienmörders Alex Soltau. Sie suchte Tobi in jeder freien Stunde, doch im Grunde glaubte sie immer weniger, dass er noch am Leben war. Die Fotos, die Soltau und er heimlich geschossen hatten, suggerierten jedoch das Gegenteil: dass sie von der neuen Identität und den Verbrechen ihres Bruders gewusst und ihn über viele Jahre hinweg gedeckt hätte. Und dass sie selbst pervers sei und auf Sex mit Minderjährigen aus.

Dabei war auch die Kuschelszene mit dem Jungen vollkommen harmlos. Er hieß Luis, war dreizehn oder vierzehn, von zu Hause ausgerissen, weil er von seinem Stiefvater immer wieder verprügelt worden war. Sein T-Shirt hatte er schlicht deshalb ausgezogen, weil es an jenem Sommertag so brütend heiß war. Luis erinnerte sie an ihren kleinen Bruder, an die glücklichen Zeiten, als sie noch eine Familie und nicht nur ein Haufen Zombies waren. Deshalb hörte sie sich seine Geschichte an, tröstete ihn und sich selbst und nahm ihn in den Arm. Aber zusammen mit dem Bild, auf dem Tobias bei ihr im Gras sitzt, war auch dieses Foto für sie hochtoxisch.

Jensen bot an, das Material unter Verschluss zu halten, wenn sie ihre Stelle räumte und ihn als ihren Nachfolger empfahl. Hallstein akzeptierte und verschwand. Und Jensen, der schon beim LKA Brandenburg eine Top-Aufklärungsquote hatte, bekam tatsächlich den Posten, der Hallsteins allerletzter Halt gewesen war. Sie fiel in ein Loch, tiefer als der Marianengraben. Tage-, wochen-, monatelang konnte sie an nichts anderes als die verfluchten Fotos denken, mit denen Jensen sie in der Hand hatte. Und ihr Leben zerstört.

Doch jetzt ist sie hier. Drückt die Haustür auf, geht leise die Treppe hoch, den Kopf gesenkt, als wäre sie Sheilas nächster Freier. »Y ab ca. 21:30 bei Sh«, so Karlow in seiner jüngsten Message, »Lin ist informiert und macht dir auf. Q?«

»Du bist ein Schatz, Hendrik«, schrieb Perlsberg zurück. »Und ja, wir 2 sind erst mal q.« Q wie quitt, Y wie Yeti.

Sie hasst sich für das, was sie jetzt tun wird. Vielleicht muss sie es ja gar nicht gegen Jensen verwenden. Aber falls doch, wird sie nicht zögern, es zu tun.

Berlin-Spandau,
Hotel Unter den Kisseln [21:46]

Max hatte mit viel mehr Bockigkeit von Svenjas Seite gerechnet. Aber die in Aussicht gestellten Informationen ließen ihren Widerstand »schmelzen wie Aprilschnee«. Wie von Perlsberg vorhergesagt, sagt sich Max. Auch wenn sich ihre Prophezeiung auf Svenjas mutmaßlich amouröse Hoffnungen bezog.

In dieser Hinsicht gab es klare Anzeichen, aber kaum konkrete Handlungen, rekapituliert er erleichtert, während sie in die Hakenfelder Winternacht hinaustreten. Hallsteins Vorschlag, »einen kleinen Abendspaziergang« zu machen, hat er nicht einmal erwähnt. Es ist klirrend kalt, der Boden spiegelglatt, und Svenja trägt hochhackige Schuhe. Also hat er vorgeschlagen, die kurze Strecke mit seinem Auto zu fahren. Er wolle ihr noch etwas zeigen, das für ihre weiteren Ermittlungen wichtig sei.

Im Grunde hat er auch davor nur ein paar Andeutungen gemacht, doch damit war Svenja offenbar zufrieden. Zumindest für den Moment. Beim veganen Dessert, Mangogrießpudding mit Hafermilchsahne, stellte Max zunächst klar, dass er zumindest im Moment nicht offenlegen könne, woher seine Informationen stammten. »Aber du kennst mich, Svenja, du weißt, dass du von mir keine Luftschlösser bekommst. Sondern Hinweise, die mir Stand jetzt hochplausibel erscheinen.«

Svenja schluckte und nickte. Daraufhin eröffnete ihr Max, dass sich ein gewisser Friedrich Tuchalsky am heutigen Morgen möglicherweise in Tatortnähe aufgehalten habe. Besagter Tuchalsky, »ein stadtbekannter Berufssadist«, habe überdies im Verlauf des Tages versucht, die junge Frau zu finden, die in den letzten Tagen mehrfach bei den Makowskis gewesen sei.

Svenja fielen fast die Augen aus dem Kopf. »Und das kannst du beweisen?«

»Das müssten wir hinkriegen«, antwortete er, »aber nur zusammen.« Er deutete an, Niklas Makowski habe wohl wirklich Differenzen mit seinen Oberen in der Klinik gehabt. »Anscheinend ging es dabei um Unregelmäßigkeiten bei der Patientenbehandlung und um eine Krankenakte, mit der er belegen wollte, dass es in der Klinik nicht mit rechten Dingen zugeht.«

»In dieser Superklinik? Dignity of was noch gleich?« Svenjas Augen wurden noch größer.

»Dignity of Youth, ich weiß, die haben ein Samariter-Image. Umso mehr haben sie wohl befürchtet, dass Niklas ihrem Ruf hässliche Kratzer zufügen könnte. Oder sogar einen Riss in der Fassade.«

Das ließ er erst mal einwirken. Er konnte förmlich sehen, wie es in ihr arbeitete. Doch anstatt auf ihre Nachfragen einzugehen, erging er sich in ausufernden Erklärungen, warum »Deals« à la Jensen nicht nur bei Berliner Strafverfolgungsbehörden neuerdings so in Mode sind.

»Die Einbrecherbanden sind in der Regel gut organisiert und rotieren ihre Mitglieder einfach über ein paar Staatsgrenzen hinweg, wenn es – aus ihrer Sicht – einen unliebsamen Zwischenfall gegeben hat. Beispielsweise einen außerplanmäßigen Mord oder einen Zusammenstoß mit lokalen Polizeikräften. Solange nationale Strafverfolgungsbehörden jede einzelne Tat konkreten Tätern individuell nachweisen müssen, drehen ihnen die Banden immer wieder eine lange Nase. Ein möglicher Ausweg wäre, die betreffenden Organisationen zu kriminellen Vereinigungen im Sinn des Strafgesetzes zu erklären, dann wäre schon die bloße Mitgliedschaft strafbar. Aber aufgrund der fluiden internationalen Strukturen ist das in den meisten Fällen schlicht aussichtslos.

Der andere Ausweg, und das sind eben die ›Tatpakete‹ à la Jensen«, dozierte er in schönstem Kriminalistenjargon weiter, »besteht darin, dass bandentypische Delikte einem anderen mutmaßlichen Bandenmitglied zugeordnet werden, sofern es die Beweislage hergibt. Beziehungsweise die Abwesenheit von Anhaltspunkten, die diese Täter-Tat-Verknüpfung unmöglich machen würden. Dem Betreffenden wird ein Angebot gemacht, das auch für ihn Vorteile hat, in aller Regel stimmt er dem Deal zu und nimmt zusätzliche Taten auf sich. Das ist rechtsstaatlich nicht gerade lupenrein, hat aber den Vorteil, dass die Aufklärungsrate steigt, wodurch auch das Sicherheitsgefühl in der Bevölkerung wieder zunimmt. Intern wird damit zusätzlich die Hoffnung verbunden, dass solche Deals, in die regelhaft auch Behörden aus den Herkunftsländern der Täter eingebunden sind, auf die Bandenmitglieder abschreckend oder zumindest mäßigend wirken. Schließlich muss jeder von ihnen damit rechnen, für Taten seiner Kumpane haftbar gemacht zu werden. Ob sich diese Hoffnung erfüllt, sei dahingestellt«, schloss Max seinen kleinen Exkurs ab, während es in Svenja weiterhin sichtbar gärte.

Bedenken und Zweifel zogen wie Wolken über ihr Gesicht und wurden schließlich von Sonnenstrahlen der Einsicht und Zuversicht vertrieben. »Manchmal bin ich wirklich schwer von Kapee«, sagte sie, als Max fertig doziert hatte. »Aber jetzt ist auch bei mir der Groschen gefallen. Ich hab mich die ganze Zeit gefragt, woher ich den Namen Tuchalsky kenne. Er hat für Soltau gearbeitet, also für das mutmaßliche Kartell. Richtig?«

Max hob eine Braue. »Wir haben ihn seinerzeit überprüft, weißt du nicht mehr? Ohne Resultat. Eine Verstrickung in die Fass-Morde war ihm nicht nachzuweisen, genauso wenig eine Verbindung zur Bruderschaft.«

»Ach so?« Svenja schien irritiert, aber nur kurz. »Wie auch immer. Hallstein und du …« Max schüttelte den Kopf. »Also dann eben nur du«, setzte sie neu an. »Im Zusammenhang mit deiner Undercover-Mission bist du irgendwie auch an unserem Fall dran, ja? An den Makowski-Morden? Du brauchst nicht zu antworten, Max. Das ist mir jetzt sowieso klar.«

Er schwieg zwei Atemzüge lang. Dann: »Ich brauche die Patientenakte, von der Niklas gesprochen hat. Und du brauchst Informationen zu der unbekannten jungen Frau. Beschaff mir eine Kopie der Akte, und ich sorge dafür, dass du alles bekommst, was du benötigst, um den Fall aufzuklären. Wirklich aufzuklären«, setzte er hinzu und sah sie bedeutungsvoll an.

Svenja starrte auf ihren Mangopudding, den sie kaum angerührt hatte. »Wenn Jensen Wind davon bekommt, dass Hall…«

»Herrje, Svenja. Sie hat nichts damit zu tun. Kapierst du das nicht?«

»Du kapierst nicht, Max«, schoss sie zurück. »Was auch immer damals passiert ist, bevor sie auf einmal weg war – Jensen wird keinen Finger rühren, wenn es irgendwie danach aussieht, dass Hallstein davon profitieren könnte. Dass er ihr dadurch den Rückweg ebnet und sich selbst womöglich wieder absägt.«

Freiwillig bestimmt nicht, dachte Max. Ihr Gefühlsausbruch überraschte ihn. Kann es sein, dass auch sie Hallstein vermisst? Obwohl sie seinerzeit immer nur fünftes Rad am Wagen war? Als Nachwuchskommissarin musste Svenja damals meist Bürodienst schieben, während Hallstein und Max als »Traumpaar« des Dezernats auf Verbrecherjagd gingen.

»Vielleicht nicht«, sagte er. »Aber das spielt keine Rolle, denn wie gesagt, das hier hat mit Hallstein nichts zu tun. Außerdem brauchst du ihm ja nicht von unserem Treffen zu erzählen. Du willst in der Klinik mit ein paar Leuten sprechen, um sicherzugehen, dass an der Version des Gasmanns auch wirklich nichts dran ist. Dagegen kann er nichts einwenden, das ist Standardprozedur. Und dass ihr bei der Gelegenheit auch nach Schriftstücken sucht, die Niklas’ mögliche Vorwürfe untermauern könnten, versteht sich von selbst.«

»Und wie bringe ich Tuchalsky ins Spiel? Ohne zu erwähnen, woher ich den Hinweis habe?«

»Das kriegen wir hin, Svenja. Das alles hier funktioniert sowieso nur, wenn ich die Patientenakte spätestens morgen Mittag habe. Frag mich bitte nicht, warum das so schnell gehen muss. Top secret.«

»Dein Undercover-Einsatz.« Svenja Gesicht zeigte einen Ausdruck zwischen Bewunderung und Benommenheit. »Du bist echt eine Kanone, Max.«

»Zumindest eine Vitaminbombe.« Er schenkte sich Bio-Apfelsaft nach und spähte dabei zur Wanduhr. Zwanzig vor zehn. »Die Zeit ist extrem knapp«, schärfte er ihr ein. »Du musst gleich morgen früh in die Klinik fahren. Wenn du dort nicht fündig wirst, ist die Akte höchstwahrscheinlich in Makowskis Haus, dann stellt dort noch mal alles auf den Kopf. Sobald du die Akte hast, ist Jensens Hypothese tot. Das weiß er natürlich auch, deshalb wird er dich nicht allein losschicken, sondern sich vorsichtshalber an die Spitze der Bewegung setzen.«

»Meinst du wirklich?«

»Jede Wette.« Er sah ihr an, dass sie alles noch einmal von vorne durchgehen wollte. »Mehr kann und darf ich dir im Moment nicht sagen«, fügte er hinzu. »Aber ich will dir noch was zeigen.«

Er sprang auf und stürmte ins Hinterzimmer, das von dem absurden Bauernbett mit zwei kolossalen Kissen und einem wahren Trumm von Federbett fast vollständig ausgefüllt wurde. Er hatte seine Aktentasche auf dem Bett abgelegt, und eigentlich wollte er nur ein paar DIN-A4-Farbbilder von bizarren Sadomaso-Praktiken holen, wie sie angeblich auch in der Zuchtanstalt an der Tagesordnung waren. Wie beispielsweise Intimrasur mit dafür nicht gedachten Gegenständen, darunter Glasscherben und Fleischermesser. Das kommt dem »geronto-perversen Genitalkarneval« schon ziemlich nahe, dachte er und wollte eben ins vordere Zimmer zurückkehren, als er Svenja sah. In der Schlafzimmertür, mit Schlafzimmerblick, mit einer allem Anschein nach ganz und gar anderen Agenda im Kopf als er.

Aprilschnee, herrje, dachte Max, wenn sie jetzt sauer wird, war alles umsonst. Sie tat ihm leid, er wollte sie nicht verletzen, doch das galt viel mehr noch für Hallstein. Millionen Male mehr.

Mit seinem arglosesten Lächeln ging er auf sie zu. Wenn sie unbedingt will, gehe ich mit ihr ins Bett, beschloss er, quasi um der guten Sache willen, um Hallsteins willen, wie auch immer.

»Hier, ein paar Fotos«, sagte er. »So geht es in dem Laden zu, in dem Tuchalsky als ›Master aller Qualen‹ arbeitet.«

Er fächerte die Bilder vor ihr auf, und Svenja schnappte nach Luft. Sie brauchte zwei Sekunden, die erste, um zu realisieren, dass sie etwas gründlich missverstanden hatte. Und die zweite, um wieder umzuschalten, von Date auf Meeting. »Das passt eins zu eins«, sagte sie. »Kann ich die haben?«

»Na klar. Und wir fahren da jetzt noch vorbei. Dann kannst du auch von dem Laden noch ein paar Fotos machen. Allerdings nur von außen, Frauen haben in der Zuchtanstalt keinen Zutritt.«

Jedenfalls nicht als Kunden, fügte er in Gedanken hinzu. Laut Perlsberg muss es unterhalb der Räumlichkeiten des Hardcore-Schwulenclubs noch mindestens ein weiteres Untergeschoss geben, so perfekt getarnt, dass die möglichen Verliese bei den Razzien unbemerkt geblieben sind.

Berlin-Charlottenburg,
Wohnung Devin Siebert [21:47]

»Nur ein paar Tage noch«, sagt Devin. Nach wie vor hält er Rias Handgelenke mit seiner Linken umklammert und drückt sie neben sich auf den Tisch. »Vielleicht wird mein Traum ja doch noch wahr und wir gehen zusammen weg? Nur du und ich, Ronja?«

Ein paar Tage? Fast hätte sie aufgelacht. Eben noch war sie bereit, alles Mögliche anzustellen, nur um ein, zwei Tage in seiner Wohnung bleiben zu dürfen. Und jetzt kann sie bloß noch an eines denken: wie sie so schnell wie möglich von hier wieder wegkommt. Bevor die dunkle Seite seiner Persönlichkeit endgültig das Kommando übernommen hat. Der Devin, der einen Ständer bekommt, wenn er sich Pädosexvideos reinzieht.

Bevor sie ihm antworten kann, beginnt es aus den Laptop-Lautsprechern zu knarzen. »Was zum Teufel soll die Scheiße?«, brüllt ein offenbar zornentbrannter Mann.

»Der Teufel bist du, Arschloch. Hier ist Bit for Kids. Und du bist der Kinderschänder Mahrig, nehme ich an?« Devin beugt sich zu dem eingebauten Mikro vor. Ganz kurz ist er abgelenkt, sein Griff lockert sich, und da reißt sich Ria los. Sie wirft sich herum und sprintet auf die Tür zur Diele zu.

»Wer zur Hölle ist da?«, dröhnt es aus dem Rechner. Devin springt auf und stürzt hinter ihr her. »Hast du meinen PC gekapert, du Wichser?«, brüllt der ertappte Mahrig. »Dich mach ich so was von alle, wenn du den nicht auf der Stelle …«

Eine Hand hat sie schon auf der Klinke, als Devin ihre andere zu fassen bekommt. Er zerrt sie zurück und verpasst ihr mit der flachen Linken eine heftige Ohrfeige. Ihr Kopf wird herumgeschleudert, der Schlag dröhnt in ihrem Ohr. Meine Waffe, im Koffer. Irgendwie kann sie sich wieder losreißen, rennt taumelnd in Richtung Schlafzimmer, und erneut ist er schneller als sie. Er packt sie um die Mitte, schlingt ihr den anderen Arm um den Hals und drückt zu. Nur ganz kurz, aber das genügt.

Ria wird erst starr und dann am ganzen Körper schlapp. Wie eine Gummipuppe, der die Luft herausgelassen worden ist. Er schleift sie mit sich ins Schlafzimmer, macht mit der Schulter im Vorbeigehen das Licht an, wirft sie aufs Bett.

Vom Wohnzimmer aus brüllt der Perverse, dass er das Arschgesicht, das seinen Rechner gekapert hat, im Klo ersäufen wird. Ria röchelt und hustet, ihr Kopf dröhnt, in ihrem Ohr pfeift es, ihre Kehle brennt.

Devin zerrt ihren Koffer aus der Nische und knallt ihn neben ihr auf die Matratze. »Was hast du da denn Spannendes drin? Das wollte ich dich vorhin schon fragen.« Er zieht den Reißverschluss auf, klappt den Koffer auf und wühlt sich durch ihre Kleidung.

»Heilige Scheiße. Wieso hast du eine Knarre?« Er zieht ihre Pistole aus dem Holster und hält sie mit spitzen Fingern hoch. Dann legt er die Waffe behutsam neben sich auf den Boden.

»Hör mir zu, Devin, das mit der Verwaltung stimmt nicht«, bringt Ria mühevoll hervor. Der Hals tut ihr bei jedem Wort weh. »Ich hätte dich nicht anlügen sollen, aber es hat nichts mit dir zu tun. Sondern mit meinem Job.« Sie holt vorsichtig Luft. »Ich bin bei der Polizei.«

Devin hat die Handschellen entdeckt und legt sie stirnrunzelnd zu ihrer Waffe. »Kripo, echt jetzt? Hätte ich dir gar nicht zugetraut.« Noch immer wirkt er nicht besonders beunruhigt. »Und was haben wir hier?« Er hat ihre Brieftasche aufgeklappt und zieht den Personalausweis heraus. »Ria Hunold? Das wird ja immer besser.«

»Ich kann dir das jetzt nicht erklären. Jedenfalls nicht in allen Einzelheiten.« Ihr ist schwindlig, das Pfeifen in ihrem Gehörgang wird immer schriller. Wie von einer Ratte.

»Seit wann laufen Bullen mit falschen Papieren herum? Ist für mich neu.« Devin klingt jetzt verärgert und sieht auch so aus. Wie ein Berg aus Fleisch und Muskeln sitzt er neben ihr.

»Ich bin bei einer Bundesbehörde, Spezialeinheit«, versucht sie es erneut. »Mit dir hat das nichts zu tun, Dev. Das musst du mir glauben. Ich bin nur hier, weil ich dich wiedersehen wollte.«

Er schüttelt den Kopf. »Du verarschst mich doch von vorne bis hinten.« In seinem Gesicht zuckt es. »Für wie blöd hältst du mich? Ich bettele dich seit Ewigkeiten an, mich doch bitte, bitte mal zu besuchen. Und dann kommst du ausgerechnet jetzt, während ich Bit for Kids durchziehe? Und rein zufällig bist du – keine Ahnung – eine Geheimpolizistin mit Knarre, falschen Papieren und was weiß ich noch? Aber mit mir und meiner Aktion hat das alles nichts zu tun? Auch die Handschellen hast du bestimmt nur aus alter Gewohnheit eingepackt?«

»Bitte, Devin, du musst mir glauben«, bringt sie krächzend hervor. »Cyberkriminalität ist eine ganz andere Abteilung, damit habe ich nichts zu tun. Okay, ich hab dir nicht alles gesagt. Das darf ich auch nicht, aber eins kann ich dir noch verraten.« Sie hustet und ringt um Atem. Soll ich ihm das wirklich erzählen?

Devin beugt sich über sie, packt ihre Handgelenke und sieht sie drohend an. »Na, dann mal los.«

»Ich muss für ein paar Tage von der Bildfläche verschwinden«, fährt sie zögernd fort. »Das hat mit meinem aktuellen Einsatz zu tun. Und da dachte ich, es wäre doch eine gute Gelegenheit, endlich mal bei dir vorbeizuschauen.«

Er starrt sie lange an, wortlos, sein Gesicht dreißig Zentimeter über ihrem. »Irgendwie glaube ich dir sogar«, sagt er schließlich. »Nicht hundertpro, aber ein bisschen. Du willst also ein paar Tage bleiben? Eigentlich genau das, was ich mir immer gewünscht habe.«

Er beugt sich nach links, greift unter sich, richtet sich blitzschnell wieder auf. In seiner Hand blitzt es metallisch, im nächsten Moment schließt sich die stählerne Acht um Rias linkes Handgelenk.

»Devin! Mach mich sofort wieder los!«

Im Nu hat er sie mit beiden Händen ans Kopfende des eisernen Bettgestells gefesselt. »Dann noch mal herzlich willkommen«, sagt er in munterem Tonfall. »Du bleibst ein paar Tage hier, ich bringe mein Projekt zu Ende, und zwischendurch machen wir es uns hier gemütlich. Wir haben so viel nachzuholen, Ronja. Oder nee, wie noch gleich?« Er kneift die Augen zusammen, als müsste er sich konzentrieren. »Schön, dich kennenzulernen, Ria.« Er schiebt ihr das Nachthemd an den Beinen höher.

»Verdammt, Devin, lass das! Ich schreie alles zusammen, wenn du mich nicht sofort losmachst!«

Devin sieht sie mit gerunzelter Stirn an, beugt sich erneut über ihren Koffer und holt eins der Safe-House-Shirts heraus. Er reißt zwei Streifen davon ab, knüllt einen zusammen und stopft ihn ihr in den Mund. Den zweiten zieht er durch ihren Mund und knotet ihn hinter ihrem Kopf straff zusammen.

Ria würgt und ringt um Atem. Sein Gesicht sieht so vertraut aus, doch aus seinen Augen starrt sie ein Fremder an. Was ist mit dir passiert, Dev? Und was hast du mit mir vor?

»Nicht so richtig bequem, oder?«, sagt er. »Meiner Ronja würde ich das nie antun. Aber du bist ja Ria.«

Er greift sich ihre Waffe und geht aus der Tür. Gleich darauf hört sie draußen wieder die dunkle Stimme, hohl und hallend wie aus einem Mausoleum. »25 000 Euro, bis 15. Januar 12 Uhr auf das Bitcoin-Konto von Bit for Kids, sonst geht der ganze Dreck an deine Kontakte, du beschissener Abschaum.«

Rias Herz klopft zum Zerspringen. Was um Himmels willen hat er als Kind erlebt? In Scherbeck, wo sonst? Und Giant Rat, Riesenratte, wie kommt er gerade auf diesen Namen?

Sie zermartert sich den Kopf, und dann fällt es ihr ein.

Berlin-Schöneberg,
Bülowstraße, Wohnungsbordell [21:48]

Vierte Etage, Tür links. Hallstein positioniert sich im Sichtbereich des Spions, wie mit Hendrik vereinbart. Eine halbe Minute lang steht sie wie auf glühenden Kohlen, so müssen sich die Freier fühlen, wenn sie hier auf dem Präsentierteller warten. Vor der Tür rechts stehen drei Paar Kinderstiefel aufgereiht, da lebt offenbar eine Familie mit Nachwuchs im Kita- und Grundschulalter. Und nebenan »empfangen 4 scharfe TS 11-03 h in stilv. Ambiente«, so zumindest die Verheißung auf einschlägigen Webseiten, »Hausnr. per Tel.«.

Endlich geht die Tür auf, ein junges Gesicht erscheint im oberen Drittel des Türspalts. »Lin?« Die Tür geht weiter auf, Perlsberg schlüpft hinein.

Hendriks Informantin ist mit einem pinkfarbenen Bikini bekleidet, soweit sich das im dunkelroten Düsterlicht der Deckenlampen feststellen lässt. Lin ist schlaksig und hager, die Brüste in ihrem knappen Oberteil sind rund wie Apfelsinen und zweifellos aus Silikon. Perlsberg hatte schon öfter mit asiatischen Ladyboys zu tun, auf Thailändisch Kathoey. Bei den Liebhabern des »Dritten Geschlechts« sind sie für ihre androgyne Schönheit berühmt und zugleich für ihre schrillen Launen und unvorhersehbaren Wutausbrüche berüchtigt.

Lin ist so hoch aufgeschossen und überdreht wie aus dem Ladyboy-Bilderbuch. Sie wirft die schwarze Haarmähne über die Schulter, beugt sich zu Perlsberg herunter und raunt ihr »Komm, Schatzi« ins Ohr. Sie nimmt sie bei der Hand, führt sie den Flur entlang und rechts durch eine offene Tür. »Da«, wispert sie und zeigt auf die Wand links. »Sheila und er.« Sie hebt die Arme und breitet sie aus, wie um die Umrisse eines uckermärkischen Bauernschranks anzudeuten.

Das Zimmer ist in blutrotes Licht getaucht und leer bis auf ein riesiges Futonbett, einen Geisterschrein in der Ecke und ein Dutzend Spiegel in allen Größen und Stilrichtungen. Perlsberg folgt Lin zu dem golden gerahmten, großflächigen Gemälde, das ein junges Königspaar beim Liebesspiel darstellt, bis auf die goldenen Kronen nackt. Die beiden Liebenden haben keinen Blick füreinander, sondern schauen den Betrachter mit verzücktem Gesichtsausdruck an. Erst als Perlsberg dicht davorsteht, erkennt sie, dass die Augen der gemalten Figuren aus geschliffenem Glas sind. Kameralinsen.

»Manchmal nicht so schön, was du drüben siehst.« Lin klimpert so heftig mit den Wimpern, dass Perlsberg schon befürchtet, sie gleich wie haarige Insekten durchs Zimmer segeln zu sehen. »Aber manchmal macht es mich ganz heiß.« Sie nimmt Perlsbergs Hand und drückt sie sich aufs Dekolleté.

Perlsberg macht keine Anstalten, ihre Hand wegzuziehen, aber sie signalisiert auch kein Interesse. Mit heiserem Kichern gibt die Kathoey ihre Hand wieder frei. »Hier noch, Schatzi.« Sie zieht eine scheckkartengroße Fernbedienung aus ihrem Bikinihöschen. Dessen Ausbeulung lässt vermuten, dass auch Lin »prä-OP« ist, wie Sheila laut Hendrik Karlow, also noch im Besitz ihrer naturgegebenen Geschlechtsmerkmale. Wie einsatzfähig auch immer, denkt Perlsberg. Lins Hintern und Hüften sind wohlgerundet, was auf reichlich Östrogenzufuhr schließen lässt.

»So, klick. Und so.« Lin demonstriert ihr, wie sie die Kamera starten und Bilder speichern oder löschen kann. »Und hier, für Ton.« Sie deutet auf die Kopfhörer, die an einem Wandhaken neben dem Bild hängen.

»Okay, jetzt lass mich allein.« Perlsberg schaut ihr hinterher, bis Lin die Tür hinter sich geschlossen hat.

Profi-Erpresser-Tools, denkt sie und fühlt sich noch mieser. Dann klickt sie auf den Startbutton der Fernbedienung, setzt den Kopfhörer auf und nähert ihre Augen den gläsernen des nackten Königs.

Berlin-Spandau,
Pkw Max Lohmeyer [21:51]

Svenja klammert sich an Max’ Arm, als sie auf dem eisglatten Parkplatz zu seinem Auto balancieren. Sie drückt sich an ihn und gibt leise Stöhnlaute von sich, aber vom »Schmelzen wie Aprilschnee« ist keine Rede mehr. Schon wegen der mörderischen Minusgrade, bei denen sogar Vulkane mutmaßlich zufrieren würden. Aber nicht nur deshalb. Sie sind kein Liebespaar, sondern Verbündete. Ein inoffizielles Team.

Er öffnet seinen VW Polo mit der Fernbedienung und hält Svenja die Beifahrertür auf. Die Scheiben sind zugefroren, und nachdem er den Motor angelassen und das Gebläse auf volle Kraft geschaltet hat, joggt er einmal um den Wagen herum und bearbeitet die Fenster mit dem Eiskratzer. Seine Brüder, beides echte Petrol Heads, würden sich schlapp lachen, wenn sie den großen Max in dem kleinen Polo sehen würden. Aber er ist mit dem fünfzehn Jahre alten Vehikel sehr zufrieden. Es ist dunkelgrau wie feuchter Staub und fast so unscheinbar. Nicht einmal ein Paranoiker würde sich beobachtet fühlen, wenn er das Gefährt am Straßenrand bemerkte. Man schaut es an und nimmt es doch kaum wahr. Dabei hat der Polo Max nie im Stich gelassen, seit er ihn letzten Herbst für schnöde dreitausend Euro im Autoparadies Lichtenrade gekauft hat.

»Scheißefresser und Lebendbluttrinker«, sagt er auftragsgemäß zu Svenja, nachdem er stadtauswärts in die Radelandstraße eingebogen ist.

»Wie bitte?« Svenja sieht ihn befremdet an. Es ist so dunkel, dass er fast nur ihre Silhouette und den Glanz ihrer Augen wahrnehmen kann. Doch er kann sich mühelos vorstellen, wie sie die Stirn runzelt und die Lippen schürzt. Ganz zu Anfang, als er neu in Berlin war, hat sie ihn manchmal an Amelie erinnert, seine Ex-Verlobte in Rosenheim. Wenn sie von oben herab lächelte, wie sie das früher oft gemacht hat, um ihre Unsicherheit zu überspielen, hatte sie wirklich ein wenig Ähnlichkeit mit Amelie.

Er erzählt ihr von den Praktiken in Ultra-BDSM-Clubs wie der Zuchtanstalt. »Toilettensklaven stellen sich als lebende Kloschüsseln zur Verfügung. Lebendbluttrinker saugen das körperwarme Blut direkt aus den Blutgefäßen junger Sklaven, die als Saftbar bezeichnet werden. Andere lassen sich auspeitschen, bis ihre Haut aufplatzt, oder mit spitzen Schuhen immer wieder in die Hoden treten. Und das sind nur ein paar Beispiele für eher harmlose Quälereien, die in solchen Läden an der Tagesordnung sind.«

»Aber warum …« Svenja spricht nicht weiter, doch was sie sagen wollte, ist auch so klar. Es ist dieselbe Frage, die Max sich tausendmal gestellt hat, seit mit der Entdeckung der Fässer voller Leichenteile alles begonnen hat. Hallsteins und sein Trip durch die Finsternisse menschlicher Höllen.

»Was willst du hören, Svenja? Weil sie persönlichkeitsgestört sind? Weil sie traumatische Misshandlungs- und Missbrauchserfahrungen, meist aus der Kindheit, in ritueller Form wieder und wieder neu inszenieren? Da ist bestimmt viel Wahres dran. Aber in Fallstudien drücken es die Betroffenen, und zwar die Quäler genauso wie die, die gequält werden wollen, viel einfacher aus. ›Weil es geiler als alles andere ist.‹ Oder, wie es ein Ultrasadist mit bildungsnahem Hintergrund formuliert hat: ›Du peitschst dich in orgiastische Ekstasen, dagegen ist der beste Fick nur ein mieser Pornoclip. Für diese Erfahrung bin ich bereit, viel Geld zu bezahlen und hohe Risiken einzugehen.‹ Ende des Zitats.«

Wieder wendet sie ihm ihr Gesicht zu, in der fast totalen Dunkelheit kann er es fast nur erahnen. Dabei sind sie nominell immer noch in Berlin, der Stadt, die laut Slogan niemals schläft. Aber sie fahren an einer weitläufigen Siedlung entlang, in der kein Fenster beleuchtet ist und alle Bewohner immer schlafen. Am Friedhof In den Kisseln, dem größten Bestattungsort der Stadt.

Max fragt sich, ob Svenja bewusst ist, dass Alex Soltau hier begraben liegt. Auch der Industriehof Zeppelinpark, wo die Fässer gefunden wurden, ist gleich um die Ecke. Vielleicht ist es deshalb so besonders dunkel, sagt er sich und widersteht dem Drang, schneller zu fahren. Die Straße ist mit einer dünnen Schneeschicht bedeckt, darunter blankes Eis. Auch wenn Max am Ende der Woche höchstwahrscheinlich tot sein wird, hier und jetzt ist es zum Sterben noch zu früh.

Erst muss er nach Südostasien fliegen, mit der Identität von Franz Hochfelder, Großneffe von Don Pedro Miller, dem Begründer und langjährigen Oberhaupt der verbrecherischen Colonia Miller. Spätestens am Samstag wird »Don Francisco« auf Maipaan erwartet, um das Erbe seines verstorbenen Großonkels anzutreten. Wenn er Glück hat, kann er auf der Insel die entscheidenden Beweise gegen die Bruderschaft sichern, bevor er auffliegt und stirbt. Für die Wahrheit, die gute Sache, für Hallstein, seine Liebe, das Einzige, was noch zählt. Punkt.

Max biegt in eine Querstraße ein, passiert im Schritttempo mehrere Kreuzungen und erreicht das Mischnutzgebiet am äußersten westlichen Stadtrand. »Da vorne ist es.«

Er zeigt auf den dunklen Flachbau dreißig Meter voraus auf der anderen Straßenseite. Heruntergekommene Mietsblocks und Zweckbauten prägen die Szenerie. Die Bierschenke Zum Wohlsein und eine Cocktailbar mit dem unvermeidlichen Namen Koma verheißen einsamen Männern einen billigen Rausch.

Max fährt an den Straßenrand und schaltet den Motor ab. Auch die Heizung geht aus, und fast im selben Moment beginnt die Kälte, durch alle Ritzen ins Innere zu kriechen. Er beugt sich zu Svenja hinüber und nimmt sein Nachtsichtglas aus dem Handschuhfach.

»Die da drüben ahnen bestimmt nicht, was nur ein paar Häuser weiter abgeht«, sagt Svenja.

Die drei Männer mittleren Alters, dem Typus nach Südosteuropäer, haben Mühe, sich auf den Beinen zu halten. Schon bei dem Versuch, die Koma-Bar zu verlassen, sind sie wie Slapstick-Figuren durcheinandergestolpert. Jetzt halten sie sich aneinander fest und reißen sich gegenseitig zu Boden. Ob sie lachen oder fluchen, ist nicht auszumachen, jedenfalls erzeugen sie eine Menge Lärm.

»Die kämen nie am digitalen Türsteher vorbei.« Max hat sein Fernglas auf die Zufahrt zur Zuchtanstalt ausgerichtet. Eine Rampe führt in die Tiefgarage, die straßenseitige Schranke ist heruntergelassen und elektronisch gesichert. Am unteren Ende ist ein stählernes Rolltor, genauso verschlossen. Anders als per Auto scheint der Laden nicht zugänglich zu sein. Ein gut zwei Meter hoher Zaun umschließt das Gebäude, das die Ausmaße eines mittleren Baumarkts hat. Max kann kein Tor im Zaun und am Gebäude weder Türen noch Fenster entdecken. Auch kein Schild, das gut sichtbar auf den Namen des Clubs hinweisen würde. Nur den Pfosten, an dem die Schranke befestigt ist, ziert eine unscheinbare Messingtafel:

ZUCHTANSTALT

Private Club

Members only!

Max reicht Svenja das Fernglas. Sie schaut ein paar Sekunden lang hindurch und gibt es ihm zurück. »Gruselig«, sagt sie und reibt die Hände aneinander. »Und du hast wirklich belastbare Hinweise, die Tuchalsky mit den Makowski-Morden in Verbindung bringen?«

Max nickt energisch. »Wie es aussieht, ist er auch hinter der besagten jungen Frau her. Allem Anschein nach, um sie gleichfalls zum Schweigen zu bringen. Nur für den Fall, dass sie etwas weiß.«

»Und woher du das alles hast, darfst du mir nicht sagen.«

»Leider nicht. Aber du kannst mir vertrauen, das weißt du ja.«

Er spürt ihre Skepsis, die genauso schnell wächst, wie die Temperatur im Auto sinkt.

»Jetzt sag doch mal, Max.« Sie redet so leise, als sollte auch er es nicht hören. »Die junge Frau, die gehört doch zu euch?«

Genau in diesem Moment öffnet sich ratternd das Rolltor, und die Schranke geht ruckweise hoch. Eine silberfarbene Limousine schnurrt die Rampe hinauf. S-Klasse, Mitte der Achtziger, taxiert Max. Er rutscht auf seinem Sitz nach unten, so gut es geht, und macht Svenja Zeichen, gleichfalls in Deckung zu gehen. Die Zufahrt führt auch zu Bereichen der Tiefgarage, die von Bewohnern der umliegenden Mietsblocks genutzt werden. Aber eine makellos restaurierte Vintage-S-Klasse fährt von denen bestimmt niemand. Schnee und Eis knirschen unter den Reifen, als die Staatskarosse an ihnen vorbeigleitet.

»Das glaub ich jetzt nicht«, sagt Svenja. »War das nicht dieser Finanztyp? Dieser dauergrinsende Klops, der mit seiner Opernsänger-Tussi permanent in der Klatschpresse ist?«

»Kam mir auch so vor.« Max zieht sich am Kinnbart. »Guter Freund von Parteichefs und Ministerpräsidenten. Beliebter Gast in Fernseh-Wohltätigkeitsshows. Egal, wie viel andere spenden, er packt immer noch ein paar Hunderttausend obendrauf.«

»Und wie heißt der gleich wieder? Mir fällt der Name gerade nicht ein.« Soweit Max das im trüben Licht der Straßenlaternen erkennen kann, ist Svenjas Gesicht kalkweiß.

»Besser so«, sagt er. »Wenn du einverstanden bist, bringe ich dich jetzt zu deinem Auto. Es war ein langer Tag.«

»Ja, unbedingt.« Sie scheint gar nicht schnell genug von hier wegkommen zu können. »Ich mache nur kurz noch Fotos«, fügt sie hinzu.

Doch dann kann sie das Smartphone nicht stillhalten, als Max langsam an der Zuchtanstalt vorbeifährt. Ihre Hände zittern wie im Krampf. »Verdammte Kälte!«

»Mach dir nichts draus«, tröstet sie Max. »Ich schicke dir ein paar Bilder. Von außen macht der Laden sowieso nicht viel her.«

Berlin-Charlottenburg,
Wohnung Devin Siebert [22:14]

Keine halbe Stunde später ist Devin wieder da. Ria hat die Sekunden und Minuten gezählt und so ihren rasenden Herzschlag langsam herabgeregelt. Er bringt es nicht über sich, mich so zurückzulassen, hat sie sich wieder und wieder gesagt, und hier ist er. Immer noch nackt bis auf die Boxershorts, aber sein Lächeln wirkt fast verlegen. Wenn er so lächelt, sieht er jünger aus, mehr wie der Devin, den sie kannte und der nie auf die Idee gekommen wäre, ihr das hier anzutun. Oder sich Kinderpornos reinzuziehen.

Er hat das Deckenlicht eingeschaltet, setzt sich neben ihr auf den Bettrand und sieht sie an. Ohne etwas zu sagen, aber auch ohne die Wut, die vorhin sein Gesicht verzerrt hat. Sie erwidert seinen Blick, stöhnt nur leise in den Knebel, um ihn nicht zu reizen, aber er soll auch wissen, dass sie kaum genug Luft zum Atmen hat. Wieder überlegt sie, wie sie ihn wehrlos machen kann. Es gibt prinzipiell zwei Möglichkeiten, sie kann ihm den Kehlkopf oder die Hoden mit Fußtritten zerquetschen, in beiden Fällen würde er höchstwahrscheinlich ohnmächtig werden. Doch solange er so neben ihr sitzt, in Höhe ihrer Knie und nur halb zu ihr hingewendet, kann sie ihn nicht mal mit den Zehen an den Eiern kratzen.

»Die Riesenratte«, sagt Devin, »erinnerst du dich? In der Kanalisation unter der abgesperrten Hochhausruine? Oder hast du das auch nie mitgekriegt?«

Ria stöhnt lauter und rollt mit den Augen. Das war doch nur ein Schauermärchen, will sie sagen, natürlich habe ich davon gehört, aber wir alle wussten doch, dass es die Riesenratte nicht in echt gab.

»Ich weiß schon, was du sagen willst, Ronja. Dass das nur so ein Jungs-Ding war, ein Monster, das wir erfunden hätten, um uns zu gruseln und Mutproben zu machen. Während eigentlich alle gewusst hätten, dass es da unten, in den Kanälen und Versorgungsgängen, nichts Schlimmeres als fette Bisamratten gab. Oder höchstens mal einen Penner, der sich da unten einquartiert hat, obwohl der Gestank kaum auszuhalten war.«

Ria starrt ihn an. Er sieht aus, als wäre er ganz woanders. Aber da war doch wirklich nichts!, will sie schreien und bekommt nur ein unartikuliertes Stöhnen zustande. Eine Riesenratte, so was gibt es höchstens in Horrorfilmen und in Kinderfantasien!

»Ich habe noch heute den fauligen Geruch in der Nase und das Pfeifen der Ratten im Ohr«, fährt er fort. »Und das heisere Flüstern der Riesenratte, die mich gepackt, mir übers Gesicht geleckt und ihre Zunge in den Mund gestopft hat.« Er sieht sie an, doch sein Blick ist glasig, wie weggetreten. »Glaubst du nicht, dass das ein bisschen schlimmer war als die paar T-Shirt-Fetzen in deinem Mund?«

Sie nickt heftig. Bitte mach mich los, denkt sie beschwörend, nimm zumindest den Knebel weg, ich kriege keine Luft!

»Ich war in Schockstarre«, redet er weiter, »ich war ja schon mal da unten gewesen, ziemlich genau ein Jahr vorher. Kurz nachdem ich zehn geworden bin, und da ist überhaupt nichts passiert. Klar hab ich mich wie Hölle gegruselt, weil es so dunkel war und so gestunken hat. Und dann die tausend Echos, glucksendes Wasser, fiepende Ratten, ihr Getrappel, meine Schritte, und das Wasser hat sich an den Füßen so widerlich schleimig angefühlt. Aber sonst ist da nichts passiert beim ersten Mal.«

Er reibt sich fröstelnd die Unterarme, als wäre er wieder der kleine Junge, den es im Dunkeln eiskalt überläuft.

»Weißt du, man muss nur dem Versorgungsgang folgen, der parallel zum Kanal verläuft, und ein paarmal richtig abbiegen, dann kommt man irgendwann zu dem Hauptraum unter Block O. Angeblich wartete dort die Riesenratte auf einen, aber da war nichts, beim ersten Mal war da nur stinkender Schlamm und dieses Betonpodest in einer Ecke, vielleicht einen Meter hoch, auf dem sich mal ein Penner einquartiert hatte. Deshalb lagen da lauter widerliche Sachen, ein schmutziger Schlafsack, Schuhsohlen, Verpackungsmüll und was weiß ich noch. Für die Mutprobe musstest du irgendwas von diesem ekligen Zeug mit nach draußen bringen. Und genauso hab ich es gemacht, ich sehe mich noch, wie ich durch den Modder zurückwate, von oben bis unten eingesaut, und meine Stirnlampe leuchtet die vor Dreck ganz steife Socke in meiner Hand an. Beim zweiten Mal dachte ich dann natürlich, ich kenne mich aus. Verstehst du, Ronja? Es gibt keine Riesenratte, dachte ich, die Mutprobe ist Kinderkram.«

Er zittert jetzt am ganzen Körper, und obwohl er sie ansieht und sogar anredet, spürt sie, dass er immer weiter von ihr wegdriftet.

»Justin, ich und die anderen Jungs hatten die Regel aufgestellt, dass jeder jedes Jahr einmal die Mutprobe bestehen muss, sonst fliegt er aus unserer Bande raus. Dafür hatte man Zeit bis zu seinem Geburtstag, spätestens ein paar Tage danach musste das aber erledigt sein. Ich weiß noch, ich hatte es den ganzen Frühling und den halben Sommer vor mir hergeschoben. Nicht aus Angst, überhaupt nicht, ich kam mir eher zu erwachsen vor. Was soll’s, bring ich den Scheiß eben hinter mich, mit der Einstellung bin ich beim zweiten Mal losmarschiert. Nur mit Badehose und Stirnlampe, man versaut sich total, egal wie man aufpasst, alles voll Schlamm, und stellenweise musst du praktisch schon kriechen. Ich weiß noch, am Anfang war ich nicht ganz bei der Sache, ich dachte über Justin nach, der mir Druck machte, so nach dem Motto, ›es wird Zeit, Alter, dass du auch mal bei einem Bruch mitmachst‹. Justin hatte schon ein paarmal Schmiere gestanden, wenn seine älteren Brüder in eine Gartenhütte einstiegen oder Autos aufknackten, und die anderen Jungs aus der Bande genauso. Nur ich war in der Hinsicht noch Jungfrau, mein Bruder drehte ein viel größeres Rad, weißt du vielleicht noch, mit Fake-Marlboros, die in großem Stil aus Osteuropa reingeschmuggelt wurden. Für mich kleinen Steppke hatte Jason keine Verwendung, und entsprechend bekam ich Druck von meinen Kumpels, dann wenigstens die bescheuerte Mutprobe zu machen.

Ich wate also durch die Gänge da unten, in Gedanken nicht ganz dabei und trotzdem total angespannt. Wegen dem Gestank traust du dich kaum zu atmen, und auch wenn du weißt, dass die Ratten dich normalerweise nicht angreifen, hast du die Ohren die ganze Zeit weit aufgesperrt. Du lauschst auf das Pfotengetrappel, das Plopp-Plopp von tausend Tropfen, und dabei denkst du natürlich auch an die Schauergeschichten von Jungs, die angeblich der Riesenratte begegnet und dann wie durch ein Wunder entwischt sind. Aber du bist dir absolut sicher, dass da nichts dran ist. Nicht das Geringste. Du gehst weiter und weiter und willst eigentlich nur, dass das hier schnell wieder vorbei ist. Dass du den Hauptraum erreichst, dir irgend so eine schimmlige Trophäe vom Podest greifen und dich auf den Rückweg machen kannst.

Ich war mir so sicher, Ronja. Ich war so ein Idiot. Je näher ich herankomme, desto deutlicher ist dieses dunkle Murmeln zu hören. Anfangs so leise, dass es irgendwie zum Wasserglucksen dazugehört. Es klingt wie nicht ganz wirklich, wie Traumgemurmel, und da unten kommst du dir sowieso halb wie im Traum vor. Mit der Zeit wird es lauter, hebt sich deutlicher ab, und trotzdem kriege ich irgendwie nicht mit, dass es eine Stimme ist, eine Männerstimme, aber so tief, wie es das in echt nicht gibt. Zu verstehen ist nichts, keine Sätze, keine Wörter, nicht mal Wortfetzen, nur ein dunkles Hervorgurgeln von was auch immer, wie ein böser Zauber, der dich immer mehr einlullt.«

Wie die Stimme von Giant Rat in seinen Erpresser-Botschaften, denkt Ria. Das Herz hämmert ihr gegen die Rippen, sie muss ihn aus seinem Trip herausholen, bevor es zu spät ist, aber sie weiß einfach nicht, wie. Er driftet immer weiter ab, immer tiefer in seine Erinnerungen, die mehr und mehr Gewalt über ihn erlangen. Ist das in echt passiert oder alles nur Fantasie?

»Nimm mir die Fessel ab«, stöhnt sie durch den Knebel. »Devin, bitte!« Doch er sieht sie nur mit glasigen Augen an und redet weiter, als wäre sie nicht da.

»Der Hauptraum ist so groß, dass die Stirnlampe nicht bis in die Ecken leuchtet. Langsam gehe ich auf das Podest in der Ecke hinten rechts zu, auch die Stimme kommt von dort, dieses dunkle Gurgeln. Irgendwie habe ich immer noch nicht kapiert, was es damit auf sich hat, sogar als ich mich über das Podest beuge und der Lichtstrahl auf den kleinen, grauen Plastikkasten fällt. Ein uralter Kassettenrekorder, hinter dem zerkratzten Plastikfenster drehen sich die Spulen, aber viel zu langsam, und da kapiere ich, die Batterien haben zu wenig Saft, deshalb klingt die Stimme so unwirklich tief, und dann stellen sich mir überall die Haare auf. Gänsehaut wie noch nie, ich will mich umdrehen, aber ich bin starr, ich spüre ihn hinter mir, die Riesenratte, ich rieche ihn durch all den Gestank hindurch, ein stechender Geruch, auch die Zeit hat sich verlangsamt, wie das dunkle Gurgeln vom Podest, sie fließt so zäh, wie der Schlamm über meine Füße kriecht, da bist du ja, Kleiner, flüstert er direkt hinter mir, packt mich bei den Armen und reißt mich hoch.«

Devin verstummt unvermittelt, beugt sich über Ria und starrt sie drohend an. »Eigentlich ziemlich schlau, wie du dich aus dem ganzen Dreck in Scherbeck rausgehalten hast. Aber du warst ja immer schon so viel smarter als ich. Und als deine kleine Schwester sowieso.«

Ria stöhnt und rasselt mit ihren Fesseln. Was hat Julia damit zu tun? Doch Devin achtet nicht auf sie, er redet schon wieder weiter.

Berlin-Spandau,
Pkw Max Lohmeyer [22:33]

Um kurz nach halb elf ist Max auf seinem Posten vor der Zuchtanstalt zurück, mit Thermounterwäsche und einer Thermoskanne grünem Tee aus Hotelbeständen gerüstet.

Er hat Svenja zum Abschied umarmt und ihr Auto angeschoben, als die Räder auf dem Eis durchdrehten. Auch sie selbst schien kurzzeitig kurz vor dem Durchdrehen zu sein, doch Max tat so, als bekäme er nichts mit. Anscheinend ist ihr klar geworden, dass die Makowski-Morde höchstwahrscheinlich auf das Konto der Bruderschaft gehen. Was bedeutet, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzt, wenn sie den Fall wirklich aufzuklären versucht. Die Alternative wäre, alles aufzugeben, wofür sie beim LKA angetreten ist. Als Mordermittler zu arbeiten, macht schlichtweg keinen Sinn, wenn man nicht gegen alle Widerstände immer wieder versucht, die Wahrheit ans Licht zu zerren. Aber den Sinn zu verteidigen, indem man sein Leben dafür hergibt, macht auch nicht unbedingt Sinn.

Die Entscheidung kann sie nur selbst treffen, dachte Max, während er ihr hinterherschaute, bis die mokkafarbene Blechkugel schlingernd den Parkplatz verließ. Auch er stand vor Jahren vor dieser Entscheidung, nur hatte er eigentlich nie eine Wahl. Hallstein war längst jenseits aller Grenzen, und sie im Stich zu lassen, kam für ihn nie infrage. Also stieg er mit ihr in die Hölle hinab, und wie sich herausstellte, gab es hinter jeder Hölle, die sie durchquerten, immer noch eine noch schwärzere Hölle, in der Menschen einander noch grässlichere Dinge antaten.

Max parkt gegenüber der Kneipe Zum Wohlsein, gut dreißig Meter vor der Zuchtanstalt. Vor dem Kaminfeuer im Hotelbungalow kauernd, hat er kurz noch mit Perlsberg telefoniert und ihr von seinem Treffen mit Svenja berichtet. Sie schien mit dem Ergebnis zufrieden, doch die Dunkelheit, die sie wie schwarzes Glas umschließt, schwang in ihrer Stimme und sogar in ihrem Schweigen mit.

Sie ist seit Stunden mit Tony unterwegs, hat sie ihm erklärt, sie klappern alle Orte ab, die sich irgendwie mit Ria und/oder mit der Bruderschaft in Verbindung bringen lassen. Mutmaßliche Unterschlupfe, mögliche Verliese. Und potenzielle Leichenablagestätten, aber diese Möglichkeit erwähnten weder Perlsberg noch Max. Noch ist nicht ausgemacht, dass Ria tatsächlich in den Händen der Bruderschaft ist. Doch je länger sie sich nicht meldet und unter keiner ihrer Notfall-Nummern erreichbar ist, desto wahrscheinlicher wird es, dass sie die Verbindung nicht von sich aus unterbrochen hat. Ob Schock oder Panikattacke, Enttäuschung oder Verärgerung, Ria ist Profi genug, um darüber hinwegzukommen. Wenn sie es könnte, hätte sie sich längst gemeldet, das ist für sie beide klar. Also bleiben nur drei mögliche Erklärungen: gefangen, gravierend verletzt oder tot.

Max richtet das Nachtsichtglas auf die Zufahrt zur Zuchtanstalt. In den zurückliegenden Stunden, während er Svenja – mit Perlsbergs Worten – »auf die Fährte setzte«, drehte er in seinem Hinterkopf eine Frage immer wieder hin und her: Warum will sie, dass ich mir Tuchalskys »neue Spielwiese« aus der Nähe ansehe?

Von außen ist das Anwesen unscheinbar, fast nichtssagend. Will sie, dass ich mich im Inneren umschaue?, fragte er sich ein ums andere Mal. Nur um immer wieder zu dem gleichen Schluss zu kommen: Kann nicht sein. Das hier ist schließlich keiner dieser Clubs, in denen man am Türsteher vorbeikommt, wenn man nur nach genügend Geld aussieht.

Im Gegenteil, denkt Max, da drüben würde nicht mal für Larry Page oder Travis Kalanick die Schranke hochgehen, außer sie sind Clubmitglieder und kennen den Code. Außerdem hat ihn Perlsberg angewiesen, Tuchalsky aus dem Weg zu gehen. Sie hat mich nicht wochenlang für Maipaan trainieren lassen, nur um jetzt zu riskieren, dass ich von Tuchalsky oder sonst wem erkannt werde und damit für die Undercover-Aktion verbrannt bin. Und wozu auch? Selbst wenn er es irgendwie ins Innere des Anwesens schaffen würde, was könnte er dort ausrichten? In einem Gebäude mit unbekanntem Grundriss, in dem es von potenziellen Gegnern wimmelt? Wenn Perlsberg Anhaltspunkte dafür hätte, dass Ria da drinnen eingesperrt sein könnte, würde sie nicht die ganze Stadt nach ihr absuchen. Wieso sonst hat sie mich also mit Svenja hierhergeschickt?, grübelt Max, ohne die Rampe aus den Augen zu lassen.

Normalerweise hat Perlsberg kein Problem damit, ihre Erwartungen an Teammitglieder klar zu artikulieren. Aber was ist bei uns schon noch normal?, fragt sich Max. Sie hat Ria auf eigene Faust undercover eingesetzt und damit wahrscheinlich in den Tod geschickt. Weitere Verluste will sie bestimmt nicht riskieren, zumal ohne ihn die Maipaan-Mission endgültig geplatzt wäre. Andererseits gehört er, anders als Ria und Tony, bisher nicht offiziell zum Team. Falls also bei seinem Einsatz hier etwas aus dem Ruder liefe, könnte Perlsberg zumindest dafür nicht von ihrer Chefin abgeschossen werden.

Schön und gut, sagt sich Max, aber was genau er hier machen, worauf er achten soll, ist damit kein bisschen klarer.

Vier junge Asiatinnen kommen laut schwatzend die Straße entlang und verschwinden in der Kneipe vis-à-vis. Erstaunt schaut ihnen Max hinterher. Er hatte angenommen, dass die Bierschenke ausschließlich männliche deutsche Gäste fortgeschrittenen Alters anziehen würde, und damit lag er offenbar falsch. Soll er sich da drüben mal kurz umschauen? Bei einer Tasse Kaffee unauffällig herumfragen, was man im Zum Wohlsein von der neuen Nachbarschaft hält?

Während er noch überlegt, öffnet sich abermals das Rolltor, und die Schranke geht ruckweise hoch wie die Armprothese eines kriegsversehrten Ex-Gauleiters. Max beugt sich nach rechts und greift sich die Thermoskanne aus dem Fußraum vor dem Beifahrersitz. Ein silberfarbener 7er-BMW schießt die Rampe hoch, das neueste Modell. Am Steuer ein stämmiger Glatzkopf Anfang vierzig, den Max nie zuvor gesehen hat. Und den er auch nicht dringend kennenlernen will.

Tief in seinen Kapuzenmantel verkrochen, tippt er das Kennzeichen in seine Notizbuch-App. Dann schraubt er die Thermosflasche auf und schenkt sich einen Becher dampfend heißen Tee ein. Auf den Kaffee in der Pilskneipe muss er verzichten. Stattdessen wird er hier draußen ausharren, notfalls die halbe Nacht.

Berlin-Charlottenburg,
Wohnung Devin Siebert [22:37]

»Er presst mich an sich, ich spüre das kratzige Fell auf meiner Haut«, sagt Devin. »Ich strample und schreie, da drückt er mir den Hals zu, nur ganz kurz, und ich werde erst starr und dann ganz schlaff.« Wie er es mit mir gemacht hat, denkt Ria. »Wie eine Puppe hänge ich in seinen Armen«, redet er weiter, seine Stimme klingt dumpf, wie unter Hypnose. »Er dreht mich hin und her, schiebt mich hoch und runter, mal sehe ich die Rattenmaske vor mir, dann wieder den bleichen Bauch unter dem Fell. Das sind einfach zusammengetackerte Rattenhäute, aber ich bin so weggetreten, ich kapiere immer noch nicht, was eigentlich vorgeht. Die Riesenratte ist ein nackter Mann mit umgehängten Rattenfellen, aber vor Angst kriege ich das nicht auf die Reihe, ich wehre mich auch gar nicht richtig, ich hänge nur an ihm herunter, und er macht mit seinen Fingern und mit seiner Zunge an mir herum. Auch mit seinen Zähnen, hier hat er mich gebissen, siehst du?«

Er zieht das rechte Bein an seinen Boxershorts hoch bis zum Schritt. Ria kennt die Narbe an der Innenseite seines Schenkels, sie hat sie früher oft gestreichelt, auch mit ihm darüber gewitzelt. Es sieht aus, als wäre ihm dort ein Stückchen Gewebe abgefressen worden, nur ein paar Millimeter tief, doch die Mulde ist deutlich zu ertasten, und sie hat die Umrisse von zwei großen Nagezähnen. Aber es ist nur eine von gut einem Dutzend Narben auf seinem Körper, angeblich beim verbotenen Klettern auf der Hochhausruine zugezogen wie die anderen auch.

Ein Perverser mit Rattenkostümierung, denkt Ria, wer soll das denn gewesen sein? Einer von den Pennern, die er eben erwähnt hat? Nein, das kann nicht in echt passiert sein. Oder doch?

»Ich weiß nicht, wie lange er an mir rumgemacht hat«, fährt Devin fort. Seine Stimme klingt jetzt brüchig, doch er scheint aus der Vergangenheit – beziehungsweise aus seiner Fantasiewelt – zumindest teilweise wiederaufgetaucht zu sein. »Irgendwie war ich die ganze Zeit wie abgemeldet. Es hat wehgetan, und es war widerlich, aber ich habe es nur wie durch Nebel mitgekriegt. Und dann weiß ich erst wieder, wie ich auf den Ausgang zugekrochen bin, auf allen vieren, überall Schlamm, ich war so weggetreten, dass ich nicht den Versorgungsgang genommen habe, sondern den Abwasserkanal daneben. Die Jungs haben so was von gejohlt, die haben sich gar nicht wieder eingekriegt, wie ich aus der Scheißröhre gekrochen kam, die haben gedacht, ich ziehe eine Show ab, und haben sich schlapp gelacht, als ich vor ihnen lag, dreckig wie Sau. Ich weiß nicht mehr genau, was ich zu ihnen gesagt habe, so was wie ›Ich hab mit der Riesenratte gekämpft‹, und plötzlich Totenstille. Keiner hat mehr gelacht, ich sehe heute noch, wie sie mich anstarren, als hätte ich den Verstand verloren, als hätten sie auf einmal kapiert, dass ich ein bescheuertes Arschloch bin.«

Devins Gesicht ist verzerrt, seine Augen wie aus Glas. Er sieht mich an, aber er sieht nur sich selbst und die anderen Jungs. Wie er beschmutzt und erniedrigt vor ihnen liegt, denkt Ria, aber das ergibt so keinen Sinn. Warum hätten sie so reagieren sollen?

»Irgendwie war mir sofort klar, dass ich nie mehr darüber reden durfte«, spricht Devin weiter. »Ich nicht und die anderen auch nicht, und wir alle haben uns dran gehalten, die ganze Bande. Höchstens hat Justin oder ein anderer Junge noch mal ein bisschen rumgealbert, von wegen, ›da hat der Devin aber eine bescheuerte Show abgezogen, als ob wir noch Kiddies wären, die auf so was reinfallen würden, haha!‹ Aber wir waren einfach durch mit den Mutproben, mit dem ganzen Thema, das war einfach nur Kinderquatsch, peinlich, dran erinnert zu werden. Und ich war ja total erleichtert, dass nie mehr die Rede davon war, dass keinem aufgefallen war, dass ich meine Badehose falsch herum anhatte und dass ich diese Bisswunde hatte, versteckt unter all dem Schlamm. Ich weiß noch, ich hab zu Hause höllischen Ärger bekommen, weil ich mich dermaßen eingesaut hatte, ›du stinkst wie ein Riesenscheißhaufen‹, hat meine Mutter geschrien, aber ich hab nur irgendwas von ›blöd hingefallen‹ gemurmelt, und damit war das auch zu Hause durch.

Ich hab dann kaum noch daran gedacht und irgendwann gar nicht mehr. Aber wenn es mir mal wieder eingefallen ist, dann ist jedes Mal diese Wut in mir hochgekocht, verstehst du? Die Welt ist voll perverser Riesenratten, das kannst du jeden Tag in allen Medien sehen. Kirchen, Heime, Familien, Schulen, Sportvereine, du kannst hingucken, wo du willst, überall Pädo-Ratten, die den Kids an die Wäsche gehen. So nach und nach ist dann in mir die Idee gereift: Hey, wozu habe ich mir eigentlich das ganze IT-Zeug reingezogen? Das gehe ich jetzt doch mal professionell an! Also habe ich dieses Programm gebastelt, Giant Rat, um möglichst viele von den Scheißkerlen aus ihren Löchern zu zerren. Ich zerschieße denen ihre abartigen Archive und lasse sie außerdem bluten. Das ist nur fair, nachdem einer von ihrer beschissenen Sorte damals über mich hergefallen ist.«

Aber du machst dir etwas vor, denkt Ria. Er nimmt die »Scheißkerle« aus, doch er lässt sie weitermachen wie bisher. Er nennt sie Abschaum, aber unter dem Vorwand, seine Liste kontrollieren zu müssen, zieht er sich den gleichen perversen Dreck rein und geilt sich genauso wie sie daran auf. Devin ist krank, denkt Ria wieder. Seine Erinnerung ist verzerrt, so wie er es eben erzählt hat, kann es sich nicht abgespielt haben. Gerade das ist typisch für traumatisierte Missbrauchsopfer, false memories, gefälschte Erinnerungen. Ihr Gehirn produziert eine verrückte, hyperdramatische Story, mit der das tatsächliche Ereignis überschrieben wird, weil die Erinnerung an das, was wirklich passiert ist, für die Opfer noch viel erniedrigender, verletzender, unerträglicher wäre als die abgedrehte Story, die sie darüberdecken wie ein Tuch. Oder wie eine Grabplatte.

»Armer Devvie«, bringt sie hervor. Irgendwie hat sie es geschafft, den Knebel mit der Zunge halb aus ihrem Mund herauszupressen. »Na komm, mach mich los, ich will dich in den Arm nehmen.«

Mechanisch beugt er sich über sie und löst den Knoten hinter ihrem Kopf. Ria spuckt den Knebel aus und saugt gierig Luft ein. »Warum hast du mit niemandem darüber geredet?«, keucht sie hervor. »Du warst noch ein Kind, Dev. Du hättest es deiner Mutter erzählen können.«

»Meiner Mom?« Er brüllt es ihr entgegen, sein Gesicht plötzlich wieder wutverzerrt. »Ich sag doch, du hast nichts mitgekriegt von dem, was wirklich abgegangen ist. Meine Mutter hatte einen Buckel voller Schulden, weil sie ständig irgendwelche schwachsinnigen Policen abgeschlossen hat. Solange ich zurückdenken kann, hat sie immer am Küchentisch gesessen, vor sich einen Stapel unbezahlter Rechnungen und einen zweiten mit neuen Verträgen, die sie ausgefüllt und hin und her gewälzt hat. Wenn Jason oder ich was von ihr wollten, hat sie einen Wutanfall bekommen – ›lass mich zufrieden, ich zerbreche mir den Kopf, wie ich uns über Wasser halten kann, und da kommst du mir mit deinem Scheiß!‹.«

Er schaut sie so traurig an, als wäre er wieder der kleine Junge und sie seine Mutter, die ihn im Stich gelassen hat. Aber wobei?, fragt sich Ria. Was hat er damals wirklich erlebt?

Ihre Gedanken wirbeln. »Vorhin hast du gesagt, dass ich smarter gewesen wäre als du und Julia. Wie hast du das gemeint, Dev? Was hat Julia damit zu tun?«

»Das fragst du im Ernst?« Er schüttelt den Kopf. »Was glaubst du, wer meiner Mom diese Scheißpolicen verkauft hat? Zum Beispiel den Ratensparvertrag, den sie ›zu meinen Gunsten‹ abgeschlossen hat? In keinem einzigen Monat hat sie es geschafft, die Scheißrate dafür rechtzeitig zusammenzukratzen. Was glaubst du, wer dann bei uns auf der Matte stand?«

Oertel, denkt Ria. Das Herz klopft ihr bis in die Schläfen hinauf. Devins Mutter hat weggeschaut, und der schmierige Friedrich hat ihr die Rate dafür gestundet. Oder sogar erlassen? War es so?

Sie wagt es nicht, ihn danach zu fragen. Sie traut sich nicht mal, den Namen Oertel auszusprechen. Als wäre er der Code, durch den Devin endgültig in einen tobenden Irren verwandelt würde. In die rasende Riesenratte aus seiner falschen Erinnerung.

»Wie alt warst du da, Devvie?« Sie hat Mühe, ihre Stimme unter Kontrolle zu halten. »Als sie die Raten für deinen Sparvertrag nicht bezahlen konnte?« Raten, Ratten, geht es ihr durch den Kopf.

Er sieht sie misstrauisch an. »So sieben, acht herum, was spielt das für eine Rolle? Du wolltest wissen, wieso ich diese Scheißkerle abschieße, und jetzt weißt du’s. Ich muss weitermachen.« Er steht auf und wendet sich zum Gehen.

Wieder schießt Panik in Ria hoch. »Devin, lass mich nicht so zurück. Bitte, mach mir die Fesseln los!«

Ihre Stimme klingt so schrill, dass er zu ihr herumfährt. Sie reißt das rechte Knie an die Brust, bäumt sich auf und tritt ihm mit aller Kraft in den Schritt. Er brüllt auf und krümmt sich zusammen, doch bevor sie ihm mit einem zweiten Tritt den Kehlkopf zerschmettern kann, hat er ihre Fußknöchel gepackt.

»Das zahle ich dir heim.« Er zerrt ihre Beine auseinander und wirft sich auf sie. Sie will sich aufbäumen, ihn von sich herunterstrampeln, doch er liegt wie ein Baumstamm auf ihr. So schwer und so regungslos.

Ria glaubt, vor Angst und Atemnot zu sterben.