FÜNF:
Zorn

Mittwoch, 13. Januar

Berlin-Charlottenburg,
Pkw Tuchalsky [03:15]

Schneeflocken rieseln aus schwefelgelben Wolken, Kilroy schlittert mit Tuchalskys V-Klasse durch die Nacht. Eis spritzt unter den Rädern auf, die Scheibenwischer kreischen mit den Reifen um die Wette, und Kilroy kreischt mit. Schreit, brüllt, heult gegen das Monster in ihm an. Das Monster des großen Zorns.

Seine Kehle brennt, als würde er wirklich schon Feuer spucken. Die bescheuerte Plastikpelle hat er sich in der Tiefgarage runtergefetzt, trotzdem schwitzt er sich in seinem Bikeranzug fast tot. Sein Hals ist trocken wie das Nordseewatt bei Ebbe, er könnte ganze Flüsse leer saufen. Das kommt von dem Zorn, dem roten, kochenden Zorn, der ihn von innen aufheizt wie einen Drachen vor dem Start.

Aber das Einzige, was Tuchalsky in seiner Karre vorrätig hat, sind Ginflaschen. Zwei Kisten hinten im Laderaum, die klirren und scheppern wie die automatischen Gewehre und Maschinenpistolen, mit denen Kilroy jetzt ums Verplatzen gern auf die dunklen Fensterreihen da draußen ballern würde. Ra-ta-ta-tam! Verreckt schon, ihr Arschlöcher, in euren Kitschdrecklöchern! Aber eure Teenies liefert vorher gefälligst noch ab.

Ampellichter flackern auf, rot, grün, blabla, verblassen wieder. Kilroy reißt den Lenker herum, links, rechts, tritt auf die Pedale, Gas, Bremse, wie es gerade kommt. Der Van wankt, aber kippt nicht um, zickzackt, aber ruckelt sich immer wieder in die Spur. Zum Kotzen, denkt Kilroy, warum tuckert jetzt die Tucke Tuchalsky mit dem Rucksack durch die Nacht, und er in dieser Scheißkarre hier scheißallein?

»Order von janz oben«, Kilroy drischt mit beiden Fäusten aufs Lenkrad. Irgendwer hupt wie blöd, ach so, er. »Den Oberaffen krall ich mir!«, brüllt Kilroy. »Gleich morgen früh! Ich mach euch alle zur Schnecke! Ich zertrete euch wie schleimige Scheißschnecken unter meinen stahlbeschlagenen Stiefeln!«

Ein blassroter Neonschriftzug taucht vor ihm auf, Spätkauf 24/7. Kilroy tritt voll in die Eisen, der Van dreht sich einmal um sich selbst und kommt auf dem Parkstreifen zum Stehen. Perfekt, wenn auch mit dem Arsch voran.

Kilroy steigt aus, lässt den Motor an, die Tür offen. Wenn einer versuchen will, die Karre zu klauen, bitte sehr. Er stapft durch den Schneewall zwischen Straße und Bürgersteig, verliert auf dem Eis dahinter das Gleichgewicht und knallt mit der Schulter gegen die Späti-Tür. »Überfall, Hände hoch!« Er räuspert sich die Kehle frei. »Nee, Quatsch, Wasser marsch. Große Flasche, still.«

Der Krämer hinter seiner Theke, ein fast zwergenhaft kleiner Orientale, starrt entgeistert an dem Kunden mit Bikeranzug und Kilroy-Maske hoch. Die eisgraue Raupe zwischen Nase und Oberlippe zuckt, als er eine Wasserflasche aus der Kühlung hievt und auf den Tresen stemmt. »Eins sechzig«, bringt er hervor.

Kilroy fischt zerknüllte Scheine aus den Manteltaschen, gar nicht so einfach mit den Latexfingerlingen, die er immer noch anhat. Er hält die Gelder ins Licht, wirft dem Krämer einen Gelben hin. »Hier, mach für heute dicht. Apropos dichten.« Er greift sich die Flasche und geht singend ab. »Kilroy was here, Thought I’ve never seen his face …« Seine Laune hat sich schlagartig aufgehellt. Das Band der Menschheit, denkt er beschwingt, einfach öfter mal mit einem Artgenossen schwatzen.

Der nächste Artgenosse wartet schon beim Van. Schleicht am Heck entlang, peilt in den Laderaum, und in Kilroy kocht neuerlich der Zorn hoch. Du willst die Karre?, brüllt es in ihm mit der dunklen, schrecklichen Stimme, die nicht seine ist und auch nicht die von Pater Georg, sondern das Donner gewordene Was-auch-immer. Dann hol sie dir!

Kilroy hechtet über den Schneewall, ist schon bei dem Kerl im schicken Kurzmäntelchen und drischt ihm die Flasche auf den Kopf. Der Typ zuckt zu ihm herum, zeigt sein junges, glattes Gesicht und bricht gleichzeitig zusammen, mit einer Wendelbewegung wie ein Korkenzieher in Aktion. Schlank, fit und noch halbwegs jung, Kilroy überlegt kurz, ihn einzupacken, quasi als Toy to go, aber der Bursche blutet hemmungslos in den Schnee. Nee danke, wenn der in den Laderaum suppt, flippen Tuchalsky und die ganze Affenhorde von Neuem aus.

Also weiter durch die Nacht. Eis spritzt, Schnee flockt, Reifen kreischen, und dass er gegen die Fahrtrichtung speedet, merkt er erst, als ihn drei Taxis gleichzeitig wie blöd blenden. Kilroy hupt volles Horn zurück, wendet, fast ohne zu bremsen, und rast hinter den Taxen her. Die Flasche hat er bei dem Bluter zurückgelassen, so ein verfickter Mist, der Zorn kocht, und seine Kehle brennt wie alle Höllenfeuer zusammen.

Jetzt bist du fällig, Laufbursche, denkt Kilroy und brüllt sein Smartphone an: »Doc Siff! Scheißegal, wie spät!«

Berlin-Mitte,
Pkw Max Lohmeyer [03:37]

»Herrje, Tony, jetzt mach schon.« Perlsberg klammert sich mit der linken Hand an den Beifahrersitz und drückt mit rechts ihr Handy ans Ohr. »Warum geht er nicht ran?«

Max hebt die Schultern. »Vielleicht hat er das Headset nicht auf.«

Sie kaut auf der Unterlippe. »Ich hab ein saudoofes Gefühl, Max.« Wenn Tony auch noch weg ist … Ihr Gehirn weigert sich, den Satz zu Ende zu denken.

Max schaut angespannt nach vorn. Den Polo auf den eisglatten Straßen unter Kontrolle zu halten, erfordert seine volle Konzentration. Immerhin hat er es geschafft, sich bis auf dreißig Meter an das mögliche Zielfahrzeug heranzupirschen. Vorhin in der Tiefgarage waren sie zu weit weg, um das Kennzeichen des Cayenne zu lesen, doch nachdem sie zu Max’ Wagen gesprintet und auf gut Glück in Richtung Westen losgefahren waren, tauchte auf einmal der schwarze Porsche vor ihnen auf. Kaiserdamm, Ecke Messe/ICC. Das Nummernschild unleserlich mit Eis verbacken, und noch immer sind sie nicht nah genug dran, um zu erkennen, wer hinter dem Steuer sitzt.

Der Cayenne hat schon locker zehn Jahre auf dem Buckel, Perlsberg nimmt an, dass er Siebert gehört. Mutmaßlich haben Tuchalsky und Terry vorhin mitbekommen, dass ihnen jemand auf den Fersen war, und sich daraufhin in der Tiefgarage aufgeteilt. Terry mit der leeren V-Klasse als Köder vorneweg, Tuchalsky im Cayenne hinterher.

Mit Ria im Kofferraum, denkt Perlsberg, und der Magen zieht sich ihr zusammen. Sie hat die Prepaidnummern abgeglichen, die SIM-Karten aus Sieberts Schreibtisch gehören definitiv Ria. Wenn wir jetzt dem falschen Auto folgen, haben wir sie vielleicht für immer verloren. Bullshit, denkt sie schnell hinterher, Aufgeben kommt nicht infrage. Doch es fällt ihr immer schwerer, ihren eigenen Parolen zu glauben.

»Tony?« Endlich. »Hörst du mich?« Keine Antwort. Sie stellt ihr Smartphone laut. »Tony?« Leises Röcheln, dazu Scharrgeräusche, als krieche jemand durch den Schnee. »Was ist los bei dir?«

»Perlsberg, ich … er hat mich … Terry ist …«

»Bist du verletzt? Wo bist du, Tony?« Blöderweise ist ihr Laptop mit der Tracking-Software bei ihm im GLK.

»Ich weiß nicht … er …« Im Hintergrund eine zweite Stimme, ein älterer Mann mit ausländischem Akzent. »Wer ist da, Tony? Gib ihn mir mal.«

»Günal«, meldet sich der andere. »Spätkauf Kaiser-Friedrich. Du komm schnell, dein Freund Kopf voll Blut.«

Max wirft Perlsberg einen Blick zu und gibt Gas. Eben fahren sie in den fünfspurigen Theodor-Heuss-Platz ein, und er zieht auf die äußerste linke Spur rüber und schiebt sich an den Cayenne heran. »Kannst du was erkennen?« Der Polo tänzelt wie ein Wildpferd. Für eine halbe Sekunde sind sie auf einer Höhe mit dem Porsche, dann geht Max vom Gas.

»Wir sind gleich da, Herr Günal.« Sie beendet das Gespräch. »Scheiße, falsches Auto«, fügt sie in Max’ Richtung hinzu. »Da saß ein Afrikaner drin.«

Berlin-West,
Pkw Tuchalsky [03:47]

»Mach Sammi klar«, weist Kilroy den Doktor an, »ich bin auf dem Weg.« Tatsächlich steht er am Straßenrand und hat keine Ahnung, wo er gerade ist. In Gedanken war er bei Mami, während er das Telefon klingeln und klingeln ließ.

»Jetzt? Wie stellst du dir das vor?« Der Doktor steht wie üblich auf dem Kabel. »Es ist vier Uhr nachts.«

»Erzähl mir was Neues. In spätestens einer halben Stunde bin ich da.«

Dabei ist er immer noch bei Mami, mit neun oder zehn, und sie schickt ihn in die Bibliothek wie jeden Abend. Ein enger, fensterloser Raum, überall deckenhohe Regale voller Bücher, bis auf das kahle Wandstück gegenüber der Tür. Dunkel gefleckt und breit genug, dass ein gedrungenes Was-auch-immer hindurchbrechen kann. »Bring’s hinter dich«, flüstert Mami und zwinkert ihm zu. Also klopft er an, frisch gewaschen und klistiert, hört das tremolierende »Ja-hah?« und tritt ein.

»Vollkommen ausgeschlossen.« Im Telefon holt der Doktor so langwierig Luft, als wollte er einen Tieftauchrekord aufstellen. »Jetzt hör mir mal zu, Kilroy. Dir ist wohl immer noch nicht klar, vor welchen Problemen wir gerade stehen.«

In Kilroys Kopf sitzt derweil Pater Georg in seinem schwarzen Kleid mit weißem Kragen hinterm Schreibtisch in der sogenannten Bibliothek und studiert die Bibel. Neues, Altes, Uraltes Testament, blabla. Klein Tycho legt die Schulhefte vor ihm auf den Tisch. Der Pater schiebt die Brille hoch und lächelt vage in seine Richtung, ohne ihn wirklich zu sehen.

»Die Probleme haben wir doch gerade beseitigt«, protestiert Kilroy.

Während der Pater das erste Heft vom Stapel nimmt, an der Stelle mit dem eingelegten Löschblatt aufschlägt und sich in Klein Tychos Hausaufgaben vertieft. »Sehr schön, mein Kind«, murmelt er.

Dagegen der Doktor mit gespieltem Erstaunen: »Aber Fritz hat dir doch gezeigt, was dieser Siebert auf seinem Laptop hat?«

»Nackte Kiddies«, schnaubt Kilroy, »na und? Das ist doch Spießermist für arme Würstchen, die sich nicht trauen, in echt mal …«

»Hör mir zu, Kilroy! Darum geht es jetzt nicht.« Eigentlich gefällt es Kilroy, wenn der Doktor barmt und bettelt. Aber irgendwie klingt er heute anders. Nicht nach Probealarm, sondern nach Ernstfall.

In Kilroys Hinterkopf blättert der Pater ein Heft nach dem anderen durch, nickt und lächelt, murmelt »Ausgezeichnet« oder »Sehr gut, mein Kind«. Und dann, als fast alles fast schon überstanden scheint, passiert das Grauenvolle, an das Kilroy jetzt auf gar keinen Fall denken will.

Das Aufplatzen, anders kann er es nicht beschreiben, damals nicht und bis heute nicht. Aber er will es auch gar nicht beschreiben, er will nicht mal daran denken, nie mehr, auf keinen Fall. Er reißt die Augen auf, wie damals auch Klein Tycho, eigentlich Klein Timo, aber nein, bitte nein, auf keinen Fall. Nicht jetzt das Aufplatzen, nicht dran denken, wie der Pater ihm zuruft, dass er sich umdrehen soll, »ganz schnell, Gesicht zur Tür, gleich passiert es«, um das Schreckliche nicht zu sehen. Eben das Aufplatzen, das immer von fleischigem Schmatzen begleitete Zerplatzen der Wand genau gegenüber der Tür. Da hat sich Klein Tycho längst umgedreht, auch ohne den Zuruf des Paters hätte er den Blick nie nach hinten gewendet. Höchstens späht er mal ganz kurz nach rechts, aber der Pater ist bereits aufgesprungen und zu dem schmatzenden Wandstück gehastet, um sich dem Platzen entgegenzustemmen.

»Kilroy? Bist du noch da?«

»Na klar.« Er fühlt den roten, kochenden Zorn irgendwo hinter sich, wo die Wand sich schon wölbt und Blasen wirft, kurz vor dem Aufplatzen, und tief in ihm drinnen, wo es genauso brodelt und sich beult. Schluss damit, befiehlt er sich und sagt laut, fast schreiend: »Dann holt doch Till Martens zurück! Der hat immer alles weggebügelt, jedenfalls bei mir. Wieso habt ihr den überhaupt nach Indo-Dingsbums verbannt?«

»Das kann ich dir jetzt nicht erklären. Im Prinzip hast du recht, einen Mann mit Martens’ Expertise könnten wir gerade jetzt gut gebrauchen. Das feine Pärchen hat einen Teil unserer Darknet-User ausgespäht und erpresst. Über den Pfleger Makowski wollte die Kleine anscheinend auch in der Klinik Dreck aufwühlen, um uns Druck zu machen. So sieht es im Moment jedenfalls aus, und solange wir nicht ganz genau wissen, was die …«

»Mir scheißegal«, schnauzt Kilroy, »ihr seid mit zwei in der Kreide bei mir. Und die will ich jetzt.«

»Mit zwei in der …?«

»A die Kleine, die Fritz eingesackt hat. Und B Sammi. Den mach jetzt schon mal für Zimmer 37 klar. Ich bin in zwanzig Minuten da.«

»Herrgott, Kilroy, jetzt ist doch noch Schlafenszeit. Und da haben ganz einfach die falschen Leute Dienst. Das hab ich dir doch kürzlich erst erklärt. Um sieben fängt auf der 3-2 die Belegschaft unseres speziellen Vertrauens an. Sagen wir also …«

»Punkt sieben. Apropos. Was ist mit A.«

»Ah?«

»Was ist mit der im Rucksack, lebt die noch, ist die tot, komatös, alles scheißegal, die gehört genauso mir.«

»Die ist noch in der …« Der Doktor unterbricht sich. »Dazu kann ich im Moment nichts sagen. Alles zu seiner Zeit, Kilroy.«

»›Alles zu seiner Zeit, alles zu seiner Scheißzeit‹«, äfft ihn Kilroy mit Schimpansenkreischen nach. »Und warum hat Tuchalsky den Muskelmann nicht an Ort und Stelle abgemurkst? Ihr habt doch alle einen an der Banane. Erst heult ihr rum, als würde der Himmel einkrachen, weil die Kleine in Heiligensee nicht mit abgenippelt ist. Und jetzt wünscht Fritze dem Fatzke bloß süße Träume und deckt ihn vom Schwanz bis zu den Nippeln zu? Ich fasse es nicht.«

Der Doktor gibt einen Seufzer von sich. »Das ist wirklich nicht optimal gelaufen«, räumt er ein. »Aber als ganz oben beschlossen wurde, weitere Kollateralschäden zu vermeiden, konnte noch niemand wissen, mit was für einem Kaliber wir es hier zu tun haben.«

»Kleinkaliber, der ist ein dreckiger, kleiner Erpresser, das hast du doch selbst gerade …«

»Und ein Killer«, fällt ihm der Doktor ins Wort. »Siebert hatte verschlüsselte Dateien auf seinem Rechner, die haben unsere Cracks mittlerweile geknackt. Er ist in Essen-Scherbeck aufgewachsen, das sagt dir doch bestimmt auch was?«

»Klar, die Kiddies von Block O.« Kilroy gerät richtig ins Schwärmen. »Die Gothic Events in den Katakomben, mir geht jetzt noch einer ab, wenn ich …«

»Und Friedrich Oertel, unser Mann in Scherbeck, erinnerst du dich an den auch?«

»Ja, logisch!«, johlt Kilroy. »Mit dem war ich auf Anhieb ganz dicke. Friedrich ist bei seinem Opa aufgewachsen, der war Polizeipräsident bei den Nazis oder so was. Dass er umgebracht worden ist, hat mir echt einen Schlag versetzt. Wann war das, letztes Jahr?«

»Vor zweieinhalb.«

»Was? So lange schon? Jedenfalls ist das so was von unfair, dass gerade die Guten immer draufgehen müssen. Soltau, Hardy, Oertel …« Bei jedem Namen wird Kilroy trübseliger zumute. So als wäre als Übernächstes fast er schon dran.

»In den entschlüsselten Dateien beschreibt Siebert, wie er Oertel getötet hat«, sagt der Doktor nach einer kurzen Pause. »Mit dem Baseballschläger, den ihr in seiner Wohnung gefunden habt.«

»Heilige Scheiße. Und jetzt?« Kilroy peilt in den Rückspiegel. »Glaubst du, der ist auch hinter mir her?« Er überlegt kurz, dem Doktor von dem kleinen Zwischenfall beim Späti zu erzählen, und entscheidet sich dagegen. Das nimmt der nur wieder als Vorwand, um Klein Samuel vor mir wegzusperren.

»Erst mal liegt Siebert im Tiefschlaf, vor morgen Mittag kommt der nicht zu sich«, sagt der Doktor. »Und dann wird er denken, dass sich seine Mamsell irgendwie befreit hat und mit dem ganzen Kram abgehauen ist. Laptop, Knarre, Papiere, Porsche, alles weg. Der ist also erst mal gut beschäftigt, aber wir behalten ihn natürlich im Auge.«

Normal wäre Kilroy längst wieder weggedriftet, das Gelaber des Laufburschen dauert ihm viel zu lang. Aber erst noch will er hören, was sie mit dem Muskelberg vorhaben. Kilroy sieht ihn schon, wie er vor der Villa Morgencron aus dem Gebüsch bricht. »Auge ist schon mal gut«, sagt er, »Messer rein und zwei Mal drehen.«

Der Doktor schnappt nach Luft. »Du hältst dich da raus, verstanden? Du hast deine Pflicht erfüllt, den Rest erledigen unsere Leute. Wie das im Einzelnen abgewickelt wird, hängt auch davon ab, was die Kleine noch ausspuckt. Stand jetzt scheint sie die treibende Kraft gewesen zu sein, und Siebert war nur für die IT-Umsetzung zuständig.«

»Also lasst ihr den weiter frei rumturnen? Ich fasse es nicht.«

»Siebert wird keinen Ärger mehr machen, da kannst du sicher sein.«

»Dein Rotz in Gottes Rohr.« Kilroy hat die Schnauze voll von dem ziellosen Schwadronieren. »Apropos Rohr, Punkt sieben.«

Er klickt den Doktor weg, und sofort ist er zurück in der sogenannten Bibliothek bei Pater Georg, aber er war auch nie wirklich weg. Das Wandstück hinter ihm schmatzt und blubbert, und wie durch roten Nebel glaubt er zu sehen, wie es sich wölbt und beult und mit fingerbreiten Rissen überzieht. Dabei hat er sich niemals umgedreht, kein einziges Mal in all den Jahren hat er gesehen, was wirklich hinter ihm passiert. Was genau da herausgeplatzt kommt und mit dieser dunklen, schrecklichen Stimme brüllt und mit Tatzen und Tritten auf ihn losgeht und ihn vor sich hertreibt und durchs Haus jagt und wie mit Fangarmen um ihn herum- und in ihn hineingreift, obwohl er weint und wimmert und sich bepisst und über seine Füße stolpert, und nie, nie ist irgendwer ihm zu Hilfe gekommen, nie hat er irgendwen zu fragen gewagt, was da immer wieder passiert, Mami nicht und den Pater sowieso nicht.

Berlin-Charlottenburg,
Spätkauf Günal [04:07]

»Das sieht schlimmer aus, als es ist.« Max hat seinen Erste-Hilfe-Kasten aus dem Kofferraum geholt und verarztet Tonys Verletzung. Eine dicke Beule am Hinterkopf, aufgeplatzt und mit Blut verkrustet. Tony hat bestimmt einen halben Liter Blut verloren, sein Haarschopf sieht aus wie ein rostiger Helm. Aber der Schädel ist der massivste Knochen der menschlichen Anatomie, und da die Flasche nicht zerbrochen ist, hat Tony keine Schnitt- oder Stichverletzungen davongetragen.

Max reinigt die Wunde, trägt Jodsalbe auf und legt einen Druckverband an. »Nicht perfekt, aber bis morgen kommst du damit durch.« Tony lächelt gequält. Max hat ihm eine Schmerztablette angeboten, aber Tony hat abgelehnt, obwohl ihm der Kopf nach eigenem Bekunden dröhnt.

»So, jetzt leg dich hin.« Max steigt aus, sodass Tony die Rückbank des GLK für sich hat. Der Engländer legt sich vorsichtig auf die rechte Seite, in Embryohaltung, da die Bank für seine Beine viel zu kurz ist. Und weil er sich gerade an einen geschützten Ort wünscht, sagt sich Max. Den es nur postnatal leider nicht gibt. Beziehungsweise erst wieder postmortal. Und auch das ist alles andere als sicher.

Er schwingt sich auf den Beifahrersitz neben Perlsberg. Sie kaut an der Unterlippe, starrt vor sich hin. »Laut Svenja hat der Täter im Haus der Makowskis auffällig viel Splitt hinterlassen«, sagt Max. »Auf dem Boden und sogar auf dem Bett des alten Herrn Makowski. Das könnte darauf hindeuten, dass er Stiefel mit tiefem Profil getragen hat wie der Mann, der auf Tony losgegangen ist. Herr Günal hat mehrfach erwähnt, dass der Typ zu seinem Bikeranzug fast kniehohe Stiefel mit massiver Besohlung anhatte.«

Er sieht Perlsberg auffordernd an, sie starrt weiter vor sich hin. »Okay, schick Svenja eine Nachricht«, sagt sie schließlich. »Vielleicht finden sie in Heiligensee irgendwas, das auf einen Täter mit Motorradkluft deutet. Hilft uns aber auch nicht wirklich weiter.« So schnell sie vorhin gesprochen hat, so schleppend rollen ihr jetzt die Worte aus dem Mund.

»Das würde ich nicht sagen«, hält Max dagegen. »Natürlich kann ich ihr nicht erzählen, was wir diese Nacht beobachtet haben. Aber Terry ist schließlich der Markenbotschafter der Stiftung. Und der gute Mann wurde schon mehrfach angezeigt – wegen sexueller Belästigung von Minderjährigen und einmal auch wegen Körperverletzung.«

»Bringt trotzdem nichts«, sagt Perlsberg in dieser zeitlupenhaften Sprechweise, die Max noch unheimlicher findet als das rasende Wortgerassel in ihren manischen Phasen. »Die Anzeigen wurden alle zurückgezogen, die Ermittlungen eingestellt.«

»Weiß ich ja.« Bis vor sieben oder acht Jahren, rekapituliert er in Gedanken, gab es immer wieder mal Gerüchte zu Terrys sexuellen Präferenzen. Eine Zeit lang erzählte er praktisch in jedem Interview, dass er sich zu älteren Frauen hingezogen fühle. Er könne nichts daran ändern, dass so viele Mädchen und junge Frauen zu seinen Fans zählten. Manche von ihnen machten sich Hoffnungen, die er weder erfüllen könne noch wolle, und leider passiere es dann ab und zu, dass sich eine der höflich zurückgewiesenen jungen Damen durch eine Falschbeschuldigung zu revanchieren versuche. Doch er sei nun einmal mit seiner Lebensgefährtin glücklich liiert, dem fünfzehn Jahre älteren Ex-Model Christiane Höller, das in einer Villa am Wannsee lebt. Auch wenn sie nie unter einem Dach gelebt hätten, so Terry, halte er seiner Christiane die Treue. Nachdem seine PR-Agentur auch noch die Rührstory verbreitet hatte, wie er am Sarg seiner heiß geliebten Mami wochenlang Totenwache gehalten habe, schliefen die Gerüchte wegen angeblicher Belästigung von Teenagern wieder ein. In Interviews und Hochglanzreportagen ging es fortan nur noch um Terrys Ehrfurcht erregende Verwandlung vom internationalen Popstar zum glamourösen Frontmann globalen Kindeswohls.

»Terry ist ein Motorrad-Freak«, fügt Max hinzu. »Zu seinen Rockstar-Zeiten ist er mit einer Kawa Z 900 auf die Bühne gedonnert.«

»Was du alles weißt, Max.« Perlsberg sieht ihn kopfschüttelnd an. Die Verwunderung scheint sie ein wenig aufzumuntern.

Von der Rückbank kommt zustimmendes Stöhnen.

»Das liegt an meinem Rockerbart.« Max zieht an dem fuchsroten Gekräusel unter seinem Kinn. »Auf der Insel werde ich den aber verfluchen.«

»Auf der Insel wirst du ganz andere Sorgen haben«, widerspricht Tony.

»Die Aktion Maipaan ist tot.« Perlsberg sieht Tony im Rückspiegel düster an. »Jedenfalls so gut wie.«

Tony kneift den Mund zusammen. Noch während er eben blutend im Schnee lag, hat ihn Perlsberg zusammengefaltet, weil er ihre Order missachtet hat, Terry nur unauffällig zu folgen. »Davon, dich von ihm niederknüppeln zu lassen, hat keiner was gesagt! Mann, Tony, er hätte dich einpacken und wegschaffen können, genau wie Ria!« Sie lag neben ihm auf den Knien im Schnee, beschimpfte und streichelte ihn.

Derweil befragte Max den Hobbit-kleinen Späti-Pächter Günal und erfuhr, dass der exzentrische Kunde maskiert in seinen Laden gestürmt sei und »Überfall« gerufen, dann aber mit einem Zweihundert-Euro-Schein bezahlt und auf Wechselgeld verzichtet habe. »Für nur eine Flasche Wasser, still!« Wenn Max’ Kumpel Anzeige erstatten wolle, werde er, Günal, zugunsten des Maskenmannes aussagen. »Dein Freund will sein Auto klauen, das er geglaubt. Ich sehe so.« Zu körperlichen Merkmalen des Maskierten könne er im Übrigen keine Angaben machen, »der Mann groß, für mich alle Mann groß«.

»Okay, schreib ihr, Max«, sagt Perlsberg schließlich, fast schon wieder mit mittlerer Sprechgeschwindigkeit. »Vielleicht kann sie Jensen davon überzeugen, Terry einen Besuch abzustatten. Direkt morgen nach der Klinik. Der Typ ist eine Bombe mit tickendem Zeitzünder. Ihn unter Druck zu setzen, könnte hilfreich sein.«

»Wird sofort erledigt.« Max bearbeitet mit beiden Daumen sein Smartphone. »So, abgeschickt. Wenn du erlaubst, Perlsberg, lege ich mich jetzt in der Almhütte aufs Ohr. Obwohl der Tag gerade erst angefangen hat.«

»Ein bisschen Schlaf können wir alle gebrauchen. Du ganz besonders, Tony«, fügt sie mit einem Blick in den Rückspiegel hinzu. »Geh morgen erst mal zum Arzt. Wenn er dich gesundschreibt, hältst du anschließend im Büro die Stellung. Aber keine Extratouren mehr, okay?«

So wie sie ihn im Spiegel ansieht, ist für Max klar, dass Tony raus ist. Bleiben nur noch sie und ich, sagt er sich, fast wie in alten Zeiten.

Berlin-Moabit,
Apartment Svenja Wuttke [04:37]

Kurz nach halb fünf, Svenja schreckt aus dem Halbschlaf hoch. Gegen halb zwei war sie endlich weggedämmert, doch jetzt musiziert ihr Smartphone direkt neben ihrem rechten Ohr. Der Anfang der Bayernhymne, die sie gestern Abend noch als Klingelton für Max’ Messages eingerichtet hat. Bevor der ländliche Chor Gott mit dir, du Land der Bayern anstimmen kann, ruft sie die Nachricht auf.

»Biker möglicher Mittäter? Könnte auf T. T. deuten. LG M.«

Sie reibt sich die Augen, ihre Pulsfrequenz schießt senkrecht hoch. Ein Biker? Echt, Max? Aus ihr selbst nicht ganz einsichtigen Gründen hat sie gestern früh sofort an einen Motorradfahrer gedacht, als sie die Splittspuren am Tatort sah. Und jetzt hat Max Erkenntnisse, die in die gleiche Richtung deuten? Aber woher hat er die, mitten in der Nacht? Und wer ist T. T.? Sie ruft Max an, sein Smartphone ist ausgeschaltet, auch die Mailbox nicht erreichbar. Kein Wunder, um halb fünf.

Also, wie komme ich da jetzt weiter? Sie springt aus dem Bett und geht in die Kochecke ihres winzigen Ein-Raum-Apartments. Eigentlich nur ein bewohnbarer Schrank, aber zentral gelegen und einigermaßen erschwinglich, die JVA um die Ecke wirkt sich preisdämpfend aus. Svenja hat keine Vorbehalte gegen Knastis als Nachbarn. Viel mehr Kopfzerbrechen machen ihr all die Schwerkriminellen, die frei herumlaufen. Sie setzt Wasser auf und geht ins Bad, das direkt neben der Spüle liegt und kaum größer ist als die Toiletten in EasyJet-Fliegern.

Okay, der Reihe nach, denkt sie kurz darauf bei einer XXL-Tasse schwarzem Tee. Das Steingutteil ist mit Fotos von ihr selbst, ihren Eltern und Geschwistern rundumverschönt, doch jetzt hat sie keinen Blick dafür. Sie muss zweierlei herausfinden, und zwar umgehend. Gibt es am Tatort Hinweise auf einen Biker? Und wer ist T. T.? In Gedanken schiebt sie Puzzlesteine hin und her.

Erstens: Hinter Tuchalsky (und gegebenenfalls T. T.) steckt die Bruderschaft, auch wenn (oder gerade weil) Max so auffällig betont hat, dass sie seinerzeit keine Verbindung zwischen Tuchalsky und dem Menschenfänger-Kartell nachweisen konnten.

Woraus zweitens folgt: Hinter Max steckt Hallstein. Die beiden planen eine Undercover-Aktion gegen die Brüder (oder sind schon mittendrin), für die Max sich wie ein Marine gedrillt und mit dem Anarchistenbart ausstaffiert hat. Aber was für eine Mission soll das sein? Mit diesem Outfit soll er bestimmt nicht als Pfleger in die Kinderklinik eingeschleust werden.

Drittens: Wenn Jensen mitbekommt, dass es um die Bruderschaft geht, wird ihm sofort klar sein, wer die Fäden im Hintergrund zieht. Dass er wissentlich auch nur einen Finger rühren würde, um Hallstein bei was auch immer zu helfen, hält Svenja für wenig wahrscheinlich. Dafür hasst er seine Vorgängerin zu sehr, und dafür hat er zu hart darum gekämpft, ihren Posten zu ergattern.

Woraus viertens folgt: Um mit Max zu kooperieren, muss Svenja ein doppeltes Spiel spielen. Tuchalsky (und gegebenenfalls T. T.) als mögliche Täter ins Spiel bringen, ohne die mutmaßlichen Hintermänner zu erwähnen. Den oder die Täter stattdessen als Psychopathen darstellen, die Vater und Sohn Makowski aus perverser Mordlust getötet und ihre Leichen geschändet haben. Die Fotos aus dem Hardcore-Club, auf denen nackte Männer mit Glasscherben und rostigen Fleischermessern im Genitalbereich traktiert werden, sehen in der Tat wie Variationen der Geschehnisse in Heiligensee aus. »Anscheinend wollte Tuchalsky mal in echt ausführen«, hört sich Svenja schon zu Jensen sagen, »was er in den Clubs immer nur spielen darf.« Wird er ihr das abnehmen? Oder wird sie alles vermasseln, indem sie herumstottert und knallrot wird? Schon bei der Vorstellung, wie sie Superbrain Jensen aufs Kreuz zu legen versucht, wird ihr abwechselnd heiß und kalt.

Je länger sie darüber nachdenkt, desto entschlossener ist sie trotzdem, die Informationen von Max zu nutzen. Lass mich nur nicht hängen, Max, denkt sie. Sonst radiert mich Jensen wie einen Schmutzfleck auf seinem Tatmuster aus.

Sie geht zur Kochecke, schenkt sich Tee nach.

Fünftens: Wer ist T. T.? Jemand von der Bruderschaft, der als Biker in Erscheinung getreten ist? In Gedanken geht sie die Namen der Männer durch, die Hallstein und Max im Lauf der Jahre mit dem Kartell in Verbindung gebracht haben. Bauunternehmer Carl Grohlich, Vermögensberater Fabian von Bolstedt, »Lebenswelten«-Designer Robert Althus, Wirtschaftsanwalt Till Martens, dann der Hotelier Peter Mixner oder auch der riesenhafte Mann mit der auffälligen Stirnnarbe, bei dem es sich möglicherweise um den mutmaßlich geisteskranken Ethnologen Tom Astor handelt.

Sie trinkt Tee aus der Svenja-Tasse, geht in ihrem Bonsai-Apartment auf und ab, zwei Schritte hin, zwei zurück, und nach und nach fallen ihr weitere Namen ein. Aber zu keinem von ihnen passen die Initialen T. T.

Vielleicht geht es bei der Undercover-Aktion doch um die Kinderklinik in Steglitz? Svenja setzt sich an den Klapptisch unter ihrem Fenster, der ihr als Schreib- und Esstisch und im Bedarfsfall auch als Bügelunterlage dient. Sie klappt ihren Laptop auf und gibt »Dignity of Youth Berlin« ins Suchfeld ein.

Auf der Webseite der Kinderklinik findet sie unter dem Menüpunkt Die Stiftung weitere Namen, dazu Fotos und kurze Porträts in gebügeltem PR-Jargon. Der Stiftungsbeirat besteht fast ausschließlich aus Professoren und Doktoren, zwei Drittel davon Männer. Kein T. T. dabei.

Am Fuß der Seite ein Link ohne Namen: Unser Markenbotschafter – das Gesicht von Dignity of Youth. Sie klickt ihn an, und noch während sich die Seite neu aufbaut, wird Svenja klar, wen Max mit dem Kürzel T. T. gemeint haben muss.

Tycho Terry. Sie hat seine Show Leuchtende Kinderaugen mehr als einmal gesehen, zuletzt vor zwei Jahren, als sie noch zu Hause wohnte. In dem schlichten, aber geräumigen Eigenheim in Berlin-Reinickendorf, das ihr Vater und ihre Onkel Stein für Stein selbst gebaut haben. So schlecht findet sie Terrys Charity-Show nicht, und der Moderator ist sogar ziemlich cool. Durch seine weltweiten Connections schafft es Terry immer wieder, Filmstars aus Hollywood und weltberühmte Sänger und Bands in seine Show zu locken. Madonna, als sie noch ab und zu die richtigen Töne traf, Lady Gaga im Abendkleid aus Steakfleisch, einmal sogar die Rolling Stones.

Na gut, Leuchtende Kinderaugen ist nicht gerade ein Hipster-Format, gesteht sich Svenja ein, aber auch keine Provinzler- oder Seniorenshow, sondern irgendetwas Mainstreamiges dazwischen. Unterhaltsam, gut gemacht und für einen wirklich guten Zweck.

Das dachte sie jedenfalls bis gestern. Nicht im Traum wäre sie auf die Idee gekommen, dass die Stiftung irgendwie unter dem Einfluss des Kartells stehen könnte. Obwohl es aus Sicht der Brüder nur konsequent wäre, sich gerade diese Organisation unter den Nagel zu reißen.

Aber Tycho Terry ein Mörder und Psychopath? Vielleicht hat Max doch einen anderen T. T. gemeint? Sie klickt auf Presse-Download.

Terry strahlt ihr vom Bildschirm entgegen, ein groß gewachsener, breitschultriger Mann Anfang vierzig, mit angegrautem, teilweise noch blondem Lockenschopf, wässrig blauen Augen und eigensinnig vorgerecktem Kinn.

Sie klickt ein Video mit Terry in karitativer Aktion an. Irgendwo in der süddeutschen Provinz eröffnet er eine neue Kinderklinik der Stiftung. Er trägt einen dunkelblauen Anzug, dazu sein lässiges Lächeln zur Schau. Er schüttelt Politikerhände, interviewt drei regionale Sponsoren und präsentiert dann den Hauptmäzen, einen greisen Schraubenfabrikanten. Terry ist bestens vorbereitet und ganz in seinem Element. Jeder Satz, jede Geste sitzt. Er kann gleichzeitig Witze reißen und an die moralische Verantwortung der Gesellschaft erinnern, im gleichen Atemzug flapsig und respektvoll sein. Und wie er sich mit den Kindern und Jugendlichen freut, die in den Genuss der neuen Premium-Klinik kommen, ist zweifellos echt. Oder so brillant gespielt, dass man als Zuschauer allein deshalb schon dreimal so viel spendet, wie man eigentlich vorhatte. Um zu sehen, wie sich Tycho Terry mit den Kindern freut.

Kann man gleichzeitig Menschenfreund und Mörder sein? Svenja klickt auf die Slide Show, die T. T. in bizarren Verkleidungen zeigt, mit Schottenrock, Alienkostüm, sogar im Feenkleid und mehrfach auch im Bikeranzug. Im knallengen Einteiler aus glänzend schwarzem Leder posiert er auf einer stylischen Oldtimer-Maschine. Seine Füße und Unterschenkel stecken in enormen, gleichfalls glänzend schwarzen Lederstiefeln mit auffallend hohen Sohlen.

Der mögliche Mittäter, denkt Svenja und muss ihre Tasse abstellen, so sehr zittert ihr auf einmal die Hand. Kein Zweifel, diesen T. T. hat Max gemeint.

»Tycho Terry, 43«, heißt es im Fließtext unter der Slide Show, »wurde als Gründer und Leadsänger der legendären Rockband Dopeless Hope berühmt, die u. a. mit dem Song Kilroy was here Weltruhm erlangt hat. Mit 29 entschloss sich Terry, seine Karriere als Rockmusiker zu beenden, um sein Leben dem Wohl benachteiligter Kinder und Teenager zu widmen. Als Moderator der Charity-Show Leuchtende Kinderaugen, die viermal jährlich europaweit in TV und Internet übertragen wird, und als Veranstalter hochkarätiger Wohltätigkeitsevents weit über Deutschland hinaus hat sich der Star ganz in den Dienst der Stiftung Dignity of Youth gestellt, die weltweit mehr als 15 Kinder- und Jugendkliniken, mehr als 20 Reha- und Palliativzentren für elternlose Minderjährige sowie mehr als fünf erlebnispädagogische Boot-Camps zur Reintegration meist männlicher Teenager betreibt.

›Im Gegensatz zu den Kiddies, die in den Einrichtungen von Dignity of Youth auf Fünf-Sterne-Niveau behandelt, geheilt und betreut werden, hatte ich das Glück, nicht als Vollwaise im Heim oder bei Pflegeeltern aufwachsen zu müssen‹, erklärte Terry in seiner Rede, mit der er vor 13 Jahren seine Ernennung zum Markenbotschafter annahm. ›Meine geliebte Mutter war immer für mich da und hat in gewisser Weise sogar versucht, mir den Vater zu ersetzen, den ich nie kennenlernen durfte. Aber erst nach ihrem Tod habe ich durch meine Aufnahme in die weltweite Stiftungs-Community erfahren, was es heißt – und wie es sich anfühlt –, einer so großen wie großartigen Familie anzugehören, in der jeder sich jederzeit um die anderen Familienmitglieder kümmert.

Ich danke allen, die mir geholfen haben und denen ich helfen durfte und darf, von ganzem Herzen,

Ihr und Euer Tycho Terry‹«

Fröstelnd greift Svenja nach der Teetasse. Bis jetzt gehen sie davon aus, dass in der Mordnacht nur ein Täter im Haus der Makowskis war. Doch das passt auch durchaus zu den Informationen von Max. Gestern hat er angedeutet, dass Tuchalsky in Tatortnähe gewesen sei und anscheinend auch die junge Frau verfolgt habe, über deren Identität sie immer noch nichts weiß.

Und Max?, fragt sich Svenja. Was weiß er sonst noch alles? Gehört die junge Frau zu Hallsteins und seinem Team?

Sie hat es sich immer wieder gefragt, und jedes Mal fühlt es sich stimmiger an. Hallstein hat die Unbekannte auf Niklas Makowski angesetzt, um ihm belastende Informationen über die Klinik zu entlocken. Die junge Frau drängte Niklas, entsprechende Dokumente zu beschaffen, aber die Brüder rochen Lunte und brachten ihn und seinen Vater um. Hinter der Frau sind sie weiterhin her, weil sie vermuten, dass Niklas bereits Informationen an sie weitergegeben hat. Aber dazu scheint er nicht mehr gekommen zu sein, und deshalb versucht Max jetzt, durch Svenja in den Besitz der Klinikakte zu gelangen.

So weit, so plausibel, sagt sich Svenja. Täter 1 (T. T.?) bricht also in der Nacht zum Dienstag bei den Makowskis ein und tötet Niklas und dessen Vater. Täter 2 (Tuchalsky) liegt in Tatortnähe auf der Lauer, als die junge Frau auftaucht, und folgt ihr, um auch sie zu töten.

Kommt Terry wirklich als Täter 1 infrage? Um kurz nach fünf zieht Svenja Mantel und Stiefel, Rucksack und Handschuhe an, klopft ihre Taschen ab, bis der Autoschlüssel klimpert, und macht sich auf den Weg nach Heiligensee.

In der Turmstraße geht es trotz der frühen Morgenstunde schon umtriebig zu. Fußgänger hasten zur U-Bahn, Gemüsehändler brechen mit Kleinbussen zur Großmarkthalle auf.

Während Svenja Eis von den Scheiben ihres Mini-SUVs kratzt, sieht sie kurz wieder Max vor sich, wie er in der Almhütte vor ihr stand. Seine Muskeln spannten das moosgrüne Shirt, und hinter ihm schien das Federbett immer weiter anzuschwellen.

Berlin-Spandau,
Zuchtanstalt, Tiefgarage [05:23]

Bald halb sechs und Kilroy immer noch auf hundertachtzig. Wenn auch momentan im Leerlauf, in der Tiefgarage unter Tuchalskys Hardcore-Club. Wer nicht hier ist, ist Fritze, schon allein deshalb kocht Kilroy vor Wut. Darum und weil er andauernd an die Tucke Tilly denken muss, Dr. Tilly Biethain, seine sogenannte Therapeutin kurz nach Mamis Tod. Na gut, er hat sie damals von sich aus aufgesucht, weil er wirklich Angst hatte, den Verstand zu verlieren. Aber denkste, hier rennt er durch die Scheißgarage, rüttelt an Gittertoren und Feuertüren, alles verrammelt, brüllt »Tuchalsky!« und ist kein bisschen verrückt. Ganz im Gegensatz zu Fritze, der ihm mit der U-Boot-Schlampe vor der Nase weggefahren ist – »verrückt!«, schreit Kilroy. Und sich jetzt auch noch taub und tot stellt – »noch verrückter!«, brüllt Kilroy. Und auch noch glaubt, damit durchzukommen – »am verrücktesten!«, krächzt Kilroy mit ausgedörrter Kehle.

Kurz überlegt er, den Scheiß-Van anzupissen, der Karre einen Rache-Rallyestreifen zu verpassen, aber er ist so ausgetrocknet, er kann nicht mal pissen. Vor allem kann er an nichts anderes mehr denken als die Tucke Tilly und ihr nervtötendes Gelabere von wegen »Halten wir uns doch mal an die Fakten, Herr Bartels«. Schon dass sie ihn Bartels nannte, nicht Terry, machte ihn rasend. Aber er hat es versucht, er hat es wirklich mit ihr versucht. Fakten, das ist, wenn er null Komma scheiß gar nichts dabei fühlt, erklärte er ihr schafsgeduldig, und was sie »Ihre Phantasmen, Herr Bartels« nannte, ist für ihn höllisch heiße Erlebnisintensität. »Also real wie sonst gar nichts, geht das in Ihre Psychorübe rein, Frau Dr. Tilly?« Sie sah ihn ausdruckslos an, dafür brauchte sie keine Maske, sie hatte immer diesen Null-Ausdruck im glatt geschminkten Gesicht.

»Fangen wir bei Pater Georg an«, so Dr. Tilly, »Sie wissen doch so gut wie ich, dass er nur in Ihrer Fantasie existiert«, und blaba. Für Kilroy existiert er, und basta. Beziehungsweise hat existiert. Schließlich erinnert er sich haargenau an ihn, und immer hat der Pater diese Weibersachen an, schwarzes Kleid mit weißem Kragen. »Schauen Sie sich doch mal die Fotos an, die Sie selbst mir gegeben haben. Auf keinem dieser Bilder ist Pater Georg zu sehen.«

Zum Beweis legte sie ihm stapelweise Fotos vor, alle ohne Pater. Die sogenannte Bibliothek mit Mami hinterm Schreibtisch, wie sie Klein Tychos Schulhefte durchsieht. Die sogenannte Bibliothek mit niemandem hinterm Schreibtisch. Mami im sogenannten Salon, Mami vor ihrem Ankleidespiegel, Mami im Anmarsch mit Klistier. Als Kiddie hat Kilroy kiloweise Bilder geknipst, und auf keinem davon ist der Pater zu sehen (mysteriös), auf fast allen seine Mutter (wer sonst) und nirgendwo er selbst (Kilroy was here).

Kilroy ist nicht geistig minderbemittelt, na klar hat er sich Gedanken über den Pater gemacht. Sogar tonnenweise. Es gab Zeiten, da konnte er von früh bis spät an nichts anderes denken, wer ist/war der Pater, wer ist/war der Pater, mit dieser Frage wachte er auf und schlief wieder ein. Oder gerade nicht, die Frage durchraste ihn, rüttelte, schüttelte, knüttelte ihn, hielt ihn nächtelang wach. Nie wird er seine schlimmste Krisennacht vergessen, während der Japantournee von Dopeless Hope, sieben Jahre vor Mamis Tod. Wer ist/war der Pater, wer ist/war der Pater, hämmerte es von innen gegen seinen Kopf. In Gedanken klebte er Antworten wie Knebel, wie Backpfeifen, wie ganze Kanonenladungen Zweikomponentenkleber auf die verdammte Paterfrage, die ihn mehr und mehr in den Wahnsinn trieb. In jener Nacht in Nagasaki schrieb Kilroy fieberhaft eine Liste der möglichen Seinszustände des Paters nieder, auf Origamipapier, das ihm drei nackte Groupies feierlich kreischend überreicht hatten. Mit ihren Spalten, in denen die stramm zusammengerollten Reispapierblätter steckten. Es sah verdammt noch mal aus, als ob sie beides hätten, Spalte und Schwanz. Er fiel fast in Ohnmacht, hyperventilierte, hysterisierte, hyperbolisierte, alles Mögliche mit hy, es war, als wäre er im tiefsten Innern seiner finstersten Fantasien angekommen.

Die Liste, die er in jener Nacht mit rotem Edding auf hautfarbenes Origami klierte, stellte für ihn den Durchbruch in seiner geheimen Paterphilosophie dar. Auch wenn die Positionen I bis V bis zum heutigen Tag immer wieder durcheinandergewirbelt werden. Hier das Ranking während seiner kurzen Dr.-Tilly-Phase:

»I – A: der Pater ist Mamis Liebhaber (B: Liebhaberin)

II – der Pater ist mein Vater (siehe auch I-A)

III – der Pater ist meine Mutter (Mater) (halbherzig verkleidet)

IV – es gibt keinen Pater (Pater non est)

V – das Was-auch-immer ist was auch immer (nichts ist schlimmer)«

Dr. Tilly hatte keinen Schimmer von dieser Liste der möglichen Seinszustände von wem auch immer (Pater oder Mater), und Kilroy hatte keineswegs vor, über dieses hochhöllische Thema mit ihr zu reden. Oder mit irgendwem sonst. Er fühlt sich sofort wie in klebrige Spinnenfäden eingesponnen, wenn er auch nur ganz leise daran denkt.

»Und da wir gerade bei der Trennung von Fakten und Phantasmen sind, Herr Bartels«, hakte sie gnadenlos nach, »die Kreatur, die angeblich durch die Wand gebrochen kam, ist also was? Faktum oder Phantasma?« Ein ermutigendes Lächeln wäre angebracht gewesen, aber nein, sie sah ihn mit diesem Null-Ausdruck an.

»Wer hat was von einer Kreatur gesagt? Ich nicht«, gab Kilroy alias Herr Bartels zurück. »Es war Was-auch-immer, besser lässt es sich nicht umschreiben. Nicht mal Büchner Goethe Shakespeare Schiller würden das besser hinkriegen.«

Er schließt seinen Range Rover auf und setzt sich hinters Steuer. Dabei sieht er sich selbst vor sich, wie er vor der Tucke Tilly saß, beide in blöd geblümten Sesseln, der ganze Therapieraum deckenhoch mit Büchern vollgestopft, Anna Freud Lisa Leid, blabla, und gleichzeitig sieht er wie durch roten Nebel, wie hinter ihm die Wand aufplatzt. Und etwas kracht ihm in den Rücken, vielleicht der Pater, der von der aufplatzenden Wand gegen ihn gehebelt wird, vielleicht auch schon direkt das Was-auch-immer, das aus der Wand herausgeplatzt kommt, und dann rennt Klein Tycho los, reißt die Tür auf, und Was-auch-immer brüllend hinter ihm, brutheiß in seinen Nacken fauchend, und drischt und tritt ihn vor sich her, den Flur hoch und wieder runter, und ist gleichzeitig vor ihm, hinter ihm, in ihm, unter ihm, reißt ihn hoch, knallt ihn hin, und Klein Tycho wimmert und bepisst sich, jedes Mal, und stolpert über seine Füße, auch jedes Mal, und bleibt irgendwann liegen, in seiner Pisse, Hemd, Hose, alles runtergefetzt, und irgendwann entdeckt ihn der Pater und sagt tremolierend: »Ab auf dein Zimmer, Timo. So darf man sich einfach nicht gehen lassen.«

Kilroy lässt den Motor an, haut den Gang rein und rollt vor bis zum Gittertor. Beim dritten Date mit Dr. Tilly erwähnte er, dass er von ihr geträumt hatte. Sie schien erfreut, wenn auch weiterhin ausdrucksarm. »Erzählen Sie mir davon, Herr Bartels.« Er sah sich im Therapieraum um, keine Schere oder Zange in Sicht. Er hatte sich und beim Date davor dann auch sie gefragt, ob sie eine Spalte habe oder ein Klingeling. Und er war immer noch wütend, weil sie seiner Frage ausgewichen war. »Sie meinen, ob ich eine Vulva oder Penis und Hoden habe, Herr Bartels?« Nein, das meinte er scheiße noch mal nicht. In der Nacht darauf träumte er, dass sie weder noch hatte, sondern einen Krater, an den Seiten schmal, zur Mitte hin sich rundend, der mit rotem Blech ausgekleidet war. »Stahlblech«, erklärte er ihr, »Sie hatten eine feuerrote Ritterrüstung an, aber innen, und ich hatte eine Blechschere. Damit hab ich Ihre Rüstung in Streifen geschnitten, Frau Doktor, mit der Blechschere habe ich immer wieder tief und noch tiefer in Sie hineingeschnitten, bis ich bis zur Schulter in Ihnen war. Die Streifen habe ich dann aus Ihnen herausgezogen, Dr. Tilly, einen nach dem anderen, und Sie haben geweint, vor Dankbarkeit, weil Sie endlich Ihre innere Rüstung los waren. Unter Tränen gelächelt haben Sie, stellen Sie sich das mal vor.« Er schaute sich erneut nach einer Blechschere um, oder wenigstens nach einem Brieföffner, und das war das letzte Mal, dass er die Tucke Tilly traf.

Er weint ihr keine Träne nach, schließlich hat er immer noch ihre Standpauke nach Sitzung Nummer zwo im Ohr: »Ihre Persönlichkeit ist dissoziiert, Herr Bartels, gemeinsam können wir Sie heilen, aber dafür müssen Sie sich Ihren Gefühlen stellen. Lassen Sie die Gefühle zu, die Sie in Ihrer Opfer-Teilpersönlichkeit abgespalten haben, in dem verängstigten kleinen Jungen, der wieder und wieder terrorisiert, misshandelt und missbraucht worden ist. Und lassen Sie mich Ihnen helfen, Ihrer Täter-Teilpersönlichkeit ins Gesicht zu sehen, dem Teil von Ihnen, der sich mit der Person identifiziert, von der Sie misshandelt und überwältigt und missbraucht worden sind. Machen Sie sich bewusst, Herr Bartels, dass es sich dabei um kein gesichts- und namenloses ›Was-auch-immer‹ handelt, sondern um …« Blabla, er war weggedriftet, zum Glück für Tilly, ihr Geschwafel machte ihn so wütend, dass er drauf und dran war, sie zu dissoziieren. Ihr die Tilly-Titten wegzuschnippeln, dann die Analytiker-Arschbacken abzuhacken und immer so weiter.

Kilroy hämmert den Code ins Ziffernfeld, schwerfällig scheppert das Gittertor hoch. Er tritt das Gaspedal durch, rast in Rage im Range die Rampe hinauf.

Berlin-Heiligensee,
Büchnerstraße [05:37]

Zwanzig vor sechs und immer noch stockdunkel. In der Vorstadt wird an Straßenlampen ohnehin gespart, in der Büchnerstraße ist auch noch jede dritte außer Betrieb. Und die Hälfte der restlichen so dick mit Eis überzogen, dass nur ein milchiges Schimmern durch die Kruste dringt.

Aber egal, sagt sich Svenja, sie hat alles Erforderliche dabei. Sie stellt ihr Auto im Wendehammer ab, holt die Stablampe aus dem Rucksack und steigt aus. Am hintersten Ende des Wendehammers ist ein schmaler, nicht befestigter Streifen, Niemandsland zwischen der asphaltierten Straße und einem kleinen, dreieckigen Grundstück. Während sie durch tiefgefrorene Vorstädte fuhr, dankbar für den Vierradantrieb ihres Mini-SUVs, kam ihr das Areal von der Form eines Tortenstücks in den Sinn. Es ist zu klein, um bebaut zu werden, straßenseitig vielleicht drei Meter breit, höchstens zehn tief und wird nach hinten zu stetig enger.

Svenja bleibt vor dem Niemandsland stehen und schaltet die Stablampe ein. Der Lichtkegel gleitet über zugeschneite Büsche und schilfiges Unkraut, das kraftlos grau aussieht. Sie richtet die Lampe auf den unbefestigten Grenzstreifen vor ihren Füßen. Er ist mit frischem Schnee bedeckt wie die Straße und der Bürgersteig auch. Im Lauf der Nacht hat es immer wieder mal geschneit, allerdings nicht annähernd so heftig wie gestern. Svenja geht in die Hocke und pustet in den Schnee. Die frische obere Schicht ist so trocken und leicht, dass sie fast wie Puderzucker davonstiebt. Sie greift hinter sich und zieht aus der Seitentasche ihres Rucksacks einen steril verpackten Marabupinsel, wie sie von den KTlern verwendet werden. Sie nimmt den Pinsel aus der Plastikhülle und wedelt Zentimeter um Zentimeter die oberste Schneeschicht weg.

Ihre Handschuhe hat sie im Auto gelassen, die wären beim Hantieren mit dem feinen Pinsel nur im Weg. Schon nach wenigen Minuten sind ihre Hände rot gefroren, aber sie macht unverdrossen weiter. Die Eisschicht unter dem Pulverschnee ist steinhart. Auf Reifenspuren kann sie hier nicht hoffen, doch darum geht es ihr auch nicht.

Ehe sie losfuhr, hat sie sich schnell noch kundig gemacht. Die Maschine, mit der Terry auf den Slideshow-Fotos posiert hat, ist ein Oldtimer aus den 1980er-Jahren. Der Schriftzug Kawasaki Z 900 auf den signalgelb lackierten Seitenflächen der Maschine war auf einem der Fotos deutlich zu erkennen. Es handelt sich um ein Naked Bike, das puren Fahrgenuss bieten soll und entsprechend leichtgewichtig ist. Zweihundertfünfzig Kilogramm, hat Svenja gelernt, sind relativ wenig für ein Motorrad, Harley-Davidson-Maschinen wiegen, je nach Modell, bis zu zweihundert Kilo mehr.

Entsprechend ist die Kawa Z 900 standardmäßig mit einem Seitenständer ausgestattet, den man auf der linken Seite ausklappt, um die Maschine in leichter Schräglage abzustellen. Auf den Website-Bildern ist jedoch klar zu sehen, dass Terrys Maschine auf einem doppelfüßigen sogenannten Hauptständer steht, wie sie gewöhnlich zum Aufbocken viel schwererer Motorräder verwendet werden. Auf einem der Fotos sitzt er aufrecht auf seiner Maschine, die durchgedrückten Arme auf den Sitz gestützt und die Beine waagrecht nach vorn gestreckt wie ein Barrenturner. Das Foto ist laut Copyright drei Jahre alt, und das ungewöhnlich tiefe Profil seiner Stiefelsohlen zeichnet sich deutlich ab.

Die Unmengen an Splittsteinchen, die sie am Tatort vorgefunden haben, sagt sich Svenja, lassen sich eigentlich nur mit solchem Schuhwerk ins Haus transportieren. Es sei denn, sie hätten es mit mehreren Tätern zu tun oder das Streugut wäre draußen eingesammelt und absichtlich im Haus verteilt worden. Aber dafür gibt es weder Anhaltspunkte noch mögliche Motive.

Svenja wechselt den Pinsel in die linke Hand und haucht sich in die fast schon tiefgefrorene rechte Faust. Die Stablampe hat sie auf den Boden gelegt und so positioniert, dass die Fläche beleuchtet wird, an der sie gerade arbeitet.

Ich muss die KT anrufen, überlegt sie, mit ein bisschen Glück ist Sven da. Wie heißt er noch mal weiter? Carutz. Ob mit oder ohne Rentierschlips, er muss hier ran. Im nächsten Moment vergisst sie fast zu atmen. Der Marabu hat zwei rundliche, gut einen Zentimeter tiefe Mulden freigewedelt, Abstand circa dreißig Zentimeter, wie sie ein zweibeiniger Motorradständer hinterlässt.

Svenja holt ihr Smartphone aus der Manteltasche. Mit den kältetauben Fingern dauert es eine kleine Ewigkeit, bis sie das Gerät entsperrt, die Kamera-App gestartet und ein halbes Dutzend Fotos von den Abdrücken im Eis geschossen hat. Um die Größenverhältnisse kenntlich zu machen, legt sie das Lineal daneben, das sie zu diesem Zweck eingepackt hat. Genauso wie das rot-weiße Flatterband mit der Aufschrift POLIZEIABSPERRUNG, mit dem sie als Nächstes die Fundstelle sichert.

Die Lampe in der linken, das Handy in der rechten Hand, kniet sie vor den beiden Mulden, die an Abdrücke überdimensionaler Männerdaumen erinnern. Der Lichtstrahl fräst einen Tunnel durch den schütteren Schilfbewuchs bis tief unter die kahlen Büsche dahinter. Svenja will die Lampe schon ausschalten, da fällt ihr noch etwas auf. Ganz dahinten, fast schon am Ende des keilförmigen Grundstücks, glitzert es wie von Glas oder blankem Stahl.

Sie steckt ihr Smartphone weg, holt sterile Latexhandschuhe aus dem Rucksack und quält sich in die hautengen Fingerlinge. Kurz darauf kriecht sie auf allen vieren durchs Gestrüpp. Schnee rieselt ihr in den Nacken, aber sie lässt sich nicht beirren. Weder durch die Kälte, die ihr längst ins Knochenmark gekrochen ist, noch durch die energische Stimme von Christa Höttges.

»Was machen Sie denn da, Frau Kommissarin?«

Svenja schießt eine Serie weiterer Fotos, steckt erneut ihr Smartphone weg und wendet sich kurz um. »Ich ermittle«, teilt sie Makowskis Nachbarin mit, nimmt das Klappmesser und schiebt es behutsam in den Beweismittelbeutel. Blutsuspekte Anhaftungen, denkt sie in klassischem Forensikerjargon. Noch ein Stück tiefer unter den Büschen hat sie weitere Objekte ausgemacht, die ermittlungsrelevant sein mögen oder auch nicht. Eine zerknüllte Zigarettenpackung und einen Tiegel, wie sie für Cremes verwendet werden. Vaseline? Doch für noch mehr Fundstücke reicht ihre kriminaltechnische Notausrüstung nicht aus. Und ein bisschen was soll auch für Sven und Kollegen noch übrig bleiben.

Also krabbelt Svenja unter den Büschen zurück in Richtung Straße, umrundet das provisorisch zwischen Laternenpfahl und Busch gespannte Sperrband und ignoriert Frau Höttges, die Fragen und Anmerkungen auf sie abfeuert. »Haben Sie schon einen Verdächtigen, wer ist es, was haben Sie da gefunden, wieso denn im Gebüsch, ach herrje, ein Messer, ich sag immer, die Welt wird immer schlimmer, so sagen Sie doch auch mal was, Frau Kommissarin?«

»Sven, ja? Hier Svenja, erinnerst du dich noch an mich? Von der Weihnachtsfeier? Ich war die mit der Rentierschlipsallergie. Nee, Quatsch, hör zu, Svennie, ich hab hier was ganz Tolles für dich. In Heiligensee, die Makowski-Morde, genau. Ihr habt jede Menge Beweismittel übersehen, aber du kannst alles wiedergutmachen. Schick mal eine Streife voraus, an die übergebe ich schon mal. Und macht hinne, ja?«

Sie klingt in ihren eigenen Ohren, als wäre Hallsteins Geist in sie gefahren. Und hey, denkt Svenja, es fühlt sich gut an. Sie ist ihrer Intuition gefolgt und hat einen Volltreffer gelandet. Also Schluss mit dem schüchternen Herumgedruckse.

»Noch was«, sagt sie, als sich der verdattert klingende Sven verabschieden will. »Seid ihr mit den Spuren mittlerweile durch? Stand gestern hattet ihr die Fingerabdrücke ausgewertet, was ist mit dem Rest?«

»Das frag mal deinen Chef. Der hat angeordnet: keine DNA-Tests.«

»Redest du von Jensen?«

»Nee, von dem Yeti.«

Svenja holt tief Luft. »Jensen ist mein Partner, Sven. Als mich letztens jemand gefragt hat, ob ich Rentier-Svennie aus der KT auch so bescheuert finde, weißt du, was ich da gesagt habe?«

»Nee, was denn?« Er klingt auf einmal viel kleiner.

»So über Kollegen herzuziehen, ist respektlos.«

Sven schluckt gut hörbar. »Okay, kapiert. Du hast recht, Svenja. Sorry wegen deinem … wegen Jensen.«

»Schwamm drüber. Was ist also mit der Spurenauswertung? Irgendwas außer Splitt und Fingerabdrücken werdet ihr ja noch gefunden haben.«

»Nichts, was dir weiterhelfen würde. Oder warte mal.«

Sie hört ihn mit Papieren rascheln. »Da war noch was Komisches, auf dem Bett von dem alten Makowski. Jede Menge Splittsteinchen auf der Bettdecke, in Höhe der Beine, so als hätte der Täter rittlings auf dem Opfer gehockt und die Füße nach hinten weggeknickt.«

»So weit bekannt.«

»Warte, jetzt kommt’s. Feiner schwärzlicher Staub oberhalb der Splittrückstände. Und jetzt rate mal, worum es sich dabei handelt. Da kommst du nie drauf.«

»Um Abrieb von Lederbekleidung?«

»Hey, was war das denn für ein Trick? Wie hast du das erraten?«

»Sag’s nicht weiter, Svennie, aber ich kann hellsehen.«

Die Bereitschaft kommt angerollt, und Svenja klickt Carutz weg. Sie ist sehr mit sich zufrieden, allerdings so ausgekühlt, dass sie hochfrequent bibbert. »Fundort sichern, Kollegen«, ordnet sie an. »In der nächsten halben Stunde müssen zwei Leute von der KT eintreffen. Bis dahin darf niemand das Areal hier betreten, okay?« Sie zeigt ihnen, um welche Fläche genau es geht. »Das Messer hier habe ich im Gebüsch sichergestellt. Mutmaßlich die Tatwaffe im Fall Niklas Makowski.« Sie übergibt den Beweismittelbeutel an die uniformierte Kollegin. »Die Fundstelle im Gebüsch ist mit Aufsteller markiert«, fährt sie fort. »Die KTler sollen alles asservieren, was da nicht von Natur aus hingehört. Ein unglaublicher Schlendrian«, fügt sie hinzu, und kurz scheint es, als hätte auch noch Jensens Geist von ihr Besitz ergriffen. Nur was man sucht, kann man auch finden, denkt sie schnell, und Jensens Geist weicht von ihr.

Sie klopft sich Schnee von den Hosenbeinen, rennt zitternd zu ihrem Wagen, stellt die Heizung auf dreißig Grad und fährt zum Büro.

Tycho Terry und die Makowski-Morde, grübelt sie unterwegs. Wie passt das zusammen? Sie erinnert sich vage, dass es vor Jahren mal Gerüchte wegen angeblicher Übergriffe Terrys auf minderjährige Mädchen gab. Wenn er zur Bruderschaft gehört, überlegt sie, würde nicht nur Vergewaltigung von Teenagern, sondern auch Verschleppung, Freiheitsberaubung bis hin zu Folter und Ermordung minderjähriger Opfer ins Bild passen. Aber die Tötung von Makowski Vater und Sohn? Normalerweise wäre das ein Job für die unteren Chargen der Bruderschaft. Aus welchem Grund sollte der superreiche Superpromi Tycho Terry Auftragsmorde für das Kartell ausführen? Aus perversem Spaß am Töten? Nicht auszuschließen, sagt sich Svenja, aber für die Tat eines Psychopathen ist der wahnhafte Tatanteil doch eher überschaubar – jedenfalls verglichen mit den sadistischen Exzessen der Bruderschaft, denen Hallstein und Max auf die Spur gekommen sind. Etwa den »Dschungelorgien« mit Reptilien und Urwaldkulisse, bei denen die Brüder, bemalt wie Steinzeitjäger, mit Speeren und Blasrohren Jagd auf nackte Teenager machten. Um ihre menschliche Beute nicht nur zu vergewaltigen, sondern bei lebendigem Leib wie Rehe zu zerlegen.

Was ist dagegen schon der »Genitalkarneval«, grübelt Svenja, mit dem sich der Mörder der Makowskis amüsiert hat?

Berlin-Steglitz,
Klinik Dignity of Youth, Einheit 37/38 [06:57]

Kilroy hat Angst vor Tiefgaragen, genauso wie vor Brunnen, Schluchten, Kratern, und doch brettert er schon wieder durch eine Beton-Unterwelt. Diesmal unter der Dignity-Klinik, erstes Tiefgeschoss.

Großer Fehler, an Dr. Tilly zu denken, sagt sich Kilroy, während er das Rolltor vor dem V.-I.-P-Bereich mit der Fernbedienung aufbeamt. Jetzt kriegt er das Was-auch-immer nicht mehr aus dem Kopf. Sieht immer wieder Klein Tycho, wie er aus der Bibliothek stürzt, den Flur hoch, runter, Treppen runter, hoch, und die Hiebe, Tritte, mit Tatzen, Pratzen, Pfoten prasseln auf ihn ein. Klein Tycho winselt, kriecht, wird hochgerissen, ratsch, seine Hose weg, bamm, er klatscht auf den Boden, robbt sofort weiter, wird runtergedrückt, und das Was-auch-immer wälzt sich über ihn. Grunzt, prustet, schnaubt ihm in den Nacken, gräbt seine Krallen in Klein Tychos zartes Fleisch, bohrt sich tief und tiefer in ihn hinein. Bis es unvermittelt von ihm ablässt, er mit den Armen rudernd hochkommt, erneut losrennt, sich bepisst und stolpert und irgendwann liegen bleibt, und manchmal, ganz selten, war es Mami, die ihn in einem Winkel ganz hinten im Flur fand. »Na, was denn, Kleiner«, gurrt sie in Kilroys Kopf, »komm, ich bring dich ins Bett.«

Er parkt in der erstbesten Box, während sich das Rolltor hinter ihm scheppernd wieder schließt. Noch bevor er richtig ausgestiegen ist, geht die Lifttür auf, und der Doktor tritt heraus. »Kilroy, schön, dich zu sehen.«

Der Laufbursche klingt schwer gestresst, und Kilroys Stimmung steigt. »Glaub nur nicht, dass du mich aufhalten kannst, ich fahre sofort hoch.«

»Ja, logisch fährst du hoch.« Der Doktor, eigentlich Prof. Dr. Jan Sievering, Mitglied des Vorstands und medizinischer Leiter der Klinik, zeigt ihm seine Handflächen. Unter dem weißen Kittel trägt er wie immer einen zerknautschten grauen Anzug. »Nur eine Bitte noch, treib’s nicht zu wild. Und bleib im Zimmer, bis du von mir hörst. Es kann sein, dass uns heute noch eine Delegation ins Haus steht.« Er sieht Kilroy bedeutungsvoll an.

»Ach ja? Mir scheißegal.« Kilroy knallt die Fahrertür zu, geht um den Range herum und macht die Heckklappe auf. »Delegation« ist ihr Codewort für Bullerei, fällt ihm ein. Und wennschon, mir auch egal. Er greift sich die Sporttasche mit den nötigsten Utensilien, Maske, Werkzeuge, Kleber, knallt die Klappe zu und stürmt auf den Doktor zu. »Gleiches Zimmer wie immer, ja?«

Der Doktor nickt und bringt sich mit einem Satz in Sicherheit, als Kilroy den Lift entert. »Das Motorradzeug lass oben, Anzug, Stiefel, alles«, hört Kilroy ihn noch rufen, dann geht die Tür wieder zu.

Der Lift ist den Oberbossen und Promis wie Kilroy vorbehalten und führt von der Tiefgarage direkt zur Vorstandsetage im siebten Stock. Mit einem möglichen Zwischenstopp am hinteren Ende von Station 3-2. Dort befindet sich Zimmer 37, das sowohl vom Stationsflur her als auch durch Raum 38 erreichbar ist, der in offiziellen Grundrissen nicht vorkommt.

Samuel, Samuel, Samuel, psalmodiert Kilroy, während der Lift aufwärtsgleitet. Derselbe Vorname wie Morgencron. Auch seine Vorfreude auf das Vorspiel steigt. Er wird es vorsichtig angehen, nimmt er sich vor. Nicht, weil der Doktor es so will, sondern weil er in entsprechender Stimmung ist. Sachte, sanft, achtsam, die Wörtertriade hat es ihm seit Längerem angetan. SSA. Nur hat er bisher keine Gelegenheit gefunden, sie anzuwenden. Jetzt ist es so weit, sagt sich Kilroy, ich werde sachte, sanft und achtsam mit Samuel umgehen. Jedenfalls so lange, wie es geht.

Der Lift stoppt in der dritten Etage. Kilroy betritt den Vorraum, der als Vorratskammer für Putzmittel dekoriert ist. Er tippt den Schlüsselcode ins Tastenfeld. Sein Pulsschlag beschleunigt sich rapide, als die Stahltür gegenüber dem Aufzug mitsamt den davor aufgestapelten Kisten aufschwingt. Er zwängt sich hindurch und zieht die Tür hinter sich zu.

Die Luft in Raum 38 riecht abgestanden, das zweckmäßig ausgestattete Ein-Raum-Apartment ist fensterlos. Trotzdem hat sich Kilroy hier von Anfang an wohlgefühlt, um nicht zu sagen, euphorisch, enthusiastisch, ekstatisch. Es gibt eine kleine Küche mit Kühlschrank, Mikrowelle, Espressomaschine, ein winziges Bad, ein selten benutztes Queensize-Bett und einen Schrank mit Bettwäsche, Handtüchern, Hygieneartikeln sowie einem reichen Sortiment an Medikamenten und Erste-Hilfe-Utensilien. Einwegspritzen mit sedierenden, schmerzlindernden, aufputschenden, Herz-Kreislauf stabilisierenden und reanimierenden Pharmazeutika, alles übersichtlich geordnet und so beschriftet, dass Kilroy sich leicht zurechtfindet.

Für ihn war das alles hier Liebe auf den ersten Blick, gar nicht mal so sehr wegen der Option, im Stile eines Was-auch-immer aus der Wand herauszuplatzen. Obwohl ihm das auch schon etliche Male passiert ist, aber nur, wenn er total unter Druck war. Heute fühlt er sich fast schon abgeklärt, warum auch immer, sein Zorn ist abgekühlt, eigentlich seltsam, aber so fühlt es sich für ihn an.

Er setzt seine Sporttasche ab, quält sich aus den schweren Stiefeln, schält sich aus den Bikerklamotten und geht erst mal ins Bad. Mit weit zurückgelegtem Kopf, die Arme weit ausgebreitet, den Mund weit offen, steht er unter der Dusche, trinkt, spült sich den Schweiß herunter und tagträumt von Mami, wie sie ihn in der Wanne eingeseift und abgebraust hat. Mit acht, achtzehn, achtundzwanzig und noch am Tag vor ihrem Tod. Ihrem Suizid laut Doktor Vogel, Mamis langjährigem Hausarzt, eine Lüge, was sonst. »Wussten Sie denn nicht, dass Ihre Mutter seit vielen Jahren starke Psychopharmaka genommen hat, Herr Bartels?« Nein, das wusste er nicht, weil es erstunken und erlogen war. Schizophren, du vielleicht, Vogelscheuche. »Haben Sie eine Erklärung dafür, dass Ihre Mutter bei ihrem Tode zwei Kleider übereinander trug, Herr Bartels, schwarz, darüber rot?« Na klar hat Kilroy eine Erklärung: Doc Vogelkot hat sich alles aus den stinkenden Fingern gesogen. Kilroy wies ihn an, wahrheitsgemäß Tod durch Gehirngerinnsel zu bescheinigen, er drohte und winselte, und für zweihundertfünfzigtausend Taler gab der Quacksalber endlich nach.

Kilroy nimmt die Maske und einen frischen Arztkittel aus der Sporttasche, zieht beides an und vermeidet es, sich im bodentiefen Wandspiegel anzusehen. Never saw his face, Kilroy was here. Er holt die Fernbedienung aus der obersten Küchenschublade, richtet sie auf die Wand neben dem Bett und klickt auf OK. Kilroy fühlt sich okay wie lange nicht mehr, als er zusieht, wie das schmale Wandstück auf leise quietschenden Rollen zur Seite gleitet. Dahinter kommt der leere Einbauschrank von Zimmer 37 zum Vorschein. Er steigt hinein, drückt die Schranktür einen Spalt weit auf und späht ins Nebenzimmer hinüber.

Samuel liegt im linken der beiden Betten, auf der Fensterseite, die Augen geschlossen, das Gesicht Kilroy zugewandt. Das rechte Bett ist leer, aber Kilroy sieht sowieso nur den Jungen. Der Anblick trifft wie ein Tiefschlag, wie aus den Tiefen seiner Erinnerung taucht der Junge vor ihm auf. Er sieht ganz genauso aus wie damals ich, sagt sich Kilroy, wie Klein Tycho mit zwölf, dreizehn Jahren. Wie kann das sein?

Sie alle erinnern ihn immer an ihn selbst, alle Jungen, die er sich vornimmt, ob weiß, schwarz oder grün wie Pepe, einfach weil sie so jung sind, wie er damals war und immer noch ist tief in sich drinnen. Aber das hier ist anders, sagt sich Kilroy, während er die Tür sachte weiter öffnet und aus dem Schrank steigt. Das hier ist wie Zauber, ein guter Spuk. Du steigst aus dem Schrank wie aus einer Zeitmaschine.

Der Rollladen ist heruntergelassen, das Deckenlicht gedimmt. Trotzdem kann er jeden Zug von Samuels fein geschnittenem Gesicht klar und deutlich sehen, jede Locke, so hellblond, wie damals auch seine Haare waren. Sein Herz schlägt wie verrückt, er hat einen Kloß in der Kehle, als er leise zur Tür geht, ohne den Jungen aus den Augen zu lassen. Er drückt auf die Klinke, abgeschlossen, schiebt zusätzlich den Riegel vor. Wie seltsam, er heißt wie Morgencron und sieht aus wie ich. Es erscheint ihm tief bedeutsam, auch wenn er im Moment nicht überreißt, was genau es bedeutet. Kilroy fühlt sich verwunschen, im positiven Sinn verhext. Er schwenkt nach links, umrundet das leere Bett und setzt sich neben dem Jungen auf den Bettrand.

»Samuel oder Klein Tycho, wie soll ich dich nennen?«, fragt er leise und streicht ihm über den Kopf. »Oder mal so, mal so?« Der Junge schlägt die Augen auf, sieht Kilroy benommen an.

»Durch die Maske klinge ich ein bisschen dumpf«, sagt Kilroy, »aber kein Grund, sich zu gruseln.« Er tätschelt ihm die Wange, seine Hand gleitet tiefer und zieht die Bettdecke weg. Nicht ruckartig, wie Pater Georg immer die Bibel zugeknallt hat, wenn Klein Tycho in die Bibliothek kam, sondern sachte, sanft und achtsam. »Samuel? Tycho?«

Der Junge starrt ihn an, Kilroy starrt zurück wie in einen Zauberspiegel. »Du siehst aus wie ich, weißt du das? Aber weißt du was? Samuel Morgencron siehst du auch total ähnlich.«

Aufgeregt tastet er nach seinem Smartphone. Er hat etliche Bilder aus dem morgencronschen Familienalbum abfotografiert und auf seinem Handy gespeichert. Hunderte, alle, doch bisher ist ihm nie aufgefallen, dass Morgencron als Junge genauso ausgesehen hat wie er selbst. Aber verdammt, seine Taschen sind leer, das Smartphone hat er nebenan vergessen. Er starrt den Jungen an. Unmöglich, sich von ihm loszureißen. Wo er ihn doch gerade erst wiedergefunden hat! Dich, denkt Kilroy, mich. Schon bei der Vorstellung, ihn wieder zu verlieren, fühlt er sich zum Heulen. Noch so einen Schlag wie Mamis Tod würde er nicht verkraften. Und wer weiß, wenn er jetzt nur ganz kurz nach drüben gehen würde, wäre der Junge bei seiner Rückkehr womöglich weg.

Auf keinen Fall, sagt sich Kilroy. Ist aber auch nicht nötig. In seinem Kopf sieht er gestochen scharf die Fotos aus dem morgencronschen Album vor sich. Es stimmt, denkt er, mit zwölf, dreizehn hat Morgencron genauso ausgesehen wie er. Also wie ich. Abgesehen von dem Gelbstich der Fotos, der Klein Morgencron ein kränkliches Aussehen verleiht, und von der altmodischen Bekleidung. Gespenstisch, denkt Kilroy. Alle sind ich. Aber sein Gedächtnis hat ihn noch nie getrogen, da kann die Tucke Tilly Gift und Galle spucken, wie sie will. Fakten, Dr. Tilly, nackte Fakten, und basta. Er projiziert die Gedächtnisbilder links und rechts neben den Jungen. Drei identische Jungen liegen jetzt vor ihm, und einer von ihnen, bekannt als Klein Tycho, ist er selbst. Gespenstisch, aber absolut real.

Kilroy zieht die Bettdecke bis zum Fußende zurück. Der Junge hat den üblichen Patientenkittel an, bunt getüpfelt und hinten offen. Er streichelt Samuel alias Klein Tycho sanft über die Wange, beugt sich sachte über ihn und küsst ihn achtsam auf den Mund. Er schiebt ihm die Zunge rein, leckt ihm den Mund aus, hält ihn behutsam an der Schulter fest. Der Junge schmeckt süß, und er bäumt sich ganz leicht auf, er ist milde sediert, so wie Kilroy es mag. Nicht abgeschaltet, aber so runtergedreht, dass er nicht um sich schlägt und rumschreit.

Egal, wie viel Krach die Kiddies hier drin machen, draußen auf Station kriegt (laut Doktor) niemand was davon mit. Einheit 37/38 ist schallisoliert, doch das ist hier nicht der Punkt. Wenn sie panisch schreien, rastet Kilroy aus. Wenn sie wie irre durchs Zimmer springen und rumbrüllen, kocht in ihm der Zorn hoch, und dann ist gleich schon alles wieder vorbei.

Aber nicht mit dir, denkt Kilroy. Dich will ich für immer, Kleiner.

Er fasst ihn unter dem Nacken, hebt ihn sachte an und löst mit der anderen Hand den Knoten, der den Kittel zusammenhält. Im Stile eines Zauberers, der das Kaninchen hervorzaubert, zieht er das Tuch von dem Jungen weg. Ganz genau wie ich mit zwölf, dreizehn, denkt er, während sein Blick langsam abwärtsgleitet.

Heiliger Georg, mach, dass es nicht wahr ist. Das Herz hört ihm auf zu schlagen. Er hat eine Spalte.

Kilroy traut sich gar nicht mehr, den Jungen anzufassen, seine Hände zucken zurück, landen auf den Oberschenkeln, zu Fäusten geballt. Der Junge starrt ihm ins Gesicht, und er starrt ihm zwischen die Beine, aber da ist nichts. Weniger als nichts, das Gegenteil von etwas, die Spalte. »Wenn ich es nicht immer so gut festhalten würde, Kleiner«, sagt Mami in seinem Kopf, »weißt du, was dann passieren könnte?« Ja, das weiß er, sie hat es ihm oft genug gesagt, aber sie erklärt es ihm noch mal, während er sich zwischen ihren Fingern zusammenzieht. »Das ist wie mit Zahnpasta, Kleiner: Du drückst auf die Tube, ein Würmchen kommt raus, und wenn du nicht mehr draufdrückst, flutscht es wieder rein und ist weg. Wo eben noch das Würmchen war, ist nur noch ein Loch!«

Oh Gott, fleht Kilroy im Stillen, das hier kann nicht wirklich sein. Oder verliere ich jetzt endgültig den Verstand? Er hebt die Hand, nähert sie dem Jungen, zieht sie zitternd zurück. Ich kann nicht.

Hinter der Wand meldet sich sein Smartphone mit dem Gitarrensolo aus Kilroy was here.

Hoffentlich Doc Siff, durchfährt es Kilroy, er muss mir verdammt noch mal erklären, was hier vor sich geht.

Berlin-Steglitz,
Klinik Dignity of Youth, Lobby [08:35]

Naturstein, viel Glas und noch mehr tropisches Grün. Die Eingangshalle der Klinik könnte ebenso gut die Lobby eines modernen Fünf-Sterne-Hotels sein, denkt Svenja. Nicht, dass sie schon in Luxusherbergen übernachtet hätte. Aber so wie diesen einladend hellen Eingangsbereich stellt sie sich das Entree eines Hotels vor, in dem die Gutbetuchten Urlaub machen.

Jensen sieht sich mit großen Augen um und gibt sich demonstrativ beeindruckt. »Meine Herren, hier ist man gerne Patient«, sagt er. Reine Zeitverschwendung‚ hier zu ermitteln, übersetzt sie im Stillen. Vorhin im Büro, als sie ihm die Fotos von ihren Funden in Heiligensee zeigte, blieb ihm für einen Moment die Luft weg. Treffer, dachte Svenja, aber schon Sekunden später hatte er den Schlag weggesteckt. »Die Tatwaffe, bravo«, brachte er hervor. »Wenn Dukos Fingerabdruck drauf ist, umso besser.« Die Mulden im Eis und den Lederabrieb auf der Bettdecke des alten Makowski tat er mit einem Schulterzucken ab. »Ob und wie das zum Tatmuster passt, wird sich zeigen.«

Fragt sich, zu welchem Muster, dachte Svenja. Ihrem Vorschlag, umgehend zur Klinik zu fahren, stimmte er immerhin zu. »Um eins treffe ich die Staatsanwälte. Na denn, halten wir uns ran.« Hier sind sie also, und Svenja flattern die Knie. Wenn Max recht hat, ist das hier eine Pforte zur Hölle, als Tempel der Nächstenliebe getarnt.

Ätherische Klänge verbreiten friedliche Stimmung. In der Mitte der Halle plätschert ein gläserner Brunnen von der Form eines Blütenkelchs. Unter der Dachkuppel flattern Vögel, auf bunten Bodenmatten sitzen und liegen Kinder und Jugendliche, chatten oder schauen Videos an. Überall liegen Tablets herum, offenbar zu freiem Gebrauch. Weiter hinten gibt es einen Bereich für analoge Spiele wie Kicker und Tischtennis. Das Klacken der kleinen Bälle schallt durch die Halle, begleitet von Anfeuerungsrufen und Jubelschreien.

Vorhin hat sich Svenja noch mal schnell auf der Website der Klinik umgesehen. Die Einrichtung ist für sechshundert Patienten ausgelegt und hat die Ausmaße einer kleinen Stadt. Das Hauptgebäude besteht aus sieben Stockwerken, dahinter erstreckt sich ein Park, der diverse weitere Bauwerke beherbergt. Die Klinik ist unter anderem auf die Behandlung von Karzinomen spezialisiert, aber nichts erinnert hier an die Tristesse herkömmlicher Krebskrankenhäuser. Die Stationen haben keine Namen, sondern Zahlen und Farben. Wegweiser mit Begriffen wie Krebs, Karzinom, Onkologie sucht man vergebens. Genauso wie Chirurgie oder Bestrahlung.

Eine digitale Informationstafel erklärt die »Spielregeln« der Klinik. Jensen bleibt davor stehen und überfliegt die wenigen Zeilen. »Alles klar, zur Rezeption.« Er pflügt durch die Halle, rennt fast einen Elefantenbaum mitsamt Kübel um und schlägt am Empfangstresen auf.

Svenja folgt ihm, sieht sich unauffällig um. Auf der Website hieß es, die Stiftung betreibe »keine Krankenhäuser, sondern Gesundungswelten«. Entsprechend sind weder Ärzte noch Pflegepersonal in weißer Kleidung zu sehen. Die jungen Frauen und Männer, die sich um die kleinen Patienten kümmern oder diskret im Hintergrund bereithalten, tragen lässige Kleidung in fröhlichen Farben. Sneakers, Chinos und Shirts in allen Schattierungen von Grün, Blau, Gelb, Rot. Keines der Kids wirkt bedrückt oder apathisch, wie man das in einer Klinik für schwerstkranke Minderjährige erwarten würde.

Jensen zeigt der jungen Frau hinter dem Rezeptionstisch seinen Ausweis. »LKA. Wir müssen mit jemandem von der Geschäftsführung sprechen«, sagt er gerade, als Svenja zu ihm aufschließt. »Wegen einer laufenden Ermittlung.«

Die Rezeptionistin lächelt routiniert. Auf dem Schild an ihrem Revers steht Sarah, flankiert von Smileys. »Waren Sie schon mal hier?« Jensen schüttelt den Kopf. »Sie bekommen jeder eine Smartwatch, die Sie während Ihres Aufenthalts bitte unbedingt anbehalten. Die Navi-App ist auf Ihr Ziel programmiert, den Wartebereich in der Direktionsetage. Dort werden Sie von einer Kollegin in Empfang genommen.«

»Das werden wir nicht«, sagt Svenja. »Rufen Sie jemanden her. Es ist dringend, wir ermitteln in einem Mordfall.«

Jensen wirft ihr einen Was-soll-das-jetzt-Blick zu, verkneift sich aber jeden Kommentar.

Sarah lächelt unbeirrt weiter, während sie auf eine Taste drückt und in ihr Headset-Mikro flüstert. »Nehmen Sie bitte da vorne Platz. Lena Heckel, unsere Personalchefin, ist gleich bei Ihnen.«

Svenja bleibt vor dem Tresen stehen. »Für elektronische Fesseln braucht man einen richterlichen Beschluss, soweit ich weiß.«

Jensen sieht aus zusammengekniffenen Augen an ihr vorbei. »Guter Punkt.«

Berlin-Steglitz,
Klinik Dignity of Youth, Einheit 37/38 [08:41]

»Wie ich schon vermutet hatte, Kilroy, die Delegation ist da. Lena hat übernommen. Du bleibst, wo du bist.«

»Natürlich bleib ich, wo ich bin. Bin doch gerade erst gekommen.«

»Vor fast zwei Stunden.« Der Doktor hat wieder mal diesen besorgten Tonfall, als wäre Kilroy kurz davor, in die geistige Umnachtung einzutauchen. »Bleib auf jeden Fall in Deckung.«

»Zwei Stunden? Kann nicht sein.« Doch als er auf sein Smartphone schielt, ist es tatsächlich fast Viertel vor neun. Anderthalb Stunden hat er drüben auf dem Bettrand gesessen und den Kleinen angestarrt? Verrückt. »Aber egal jetzt. Sag mir lieber mal«, tastet er sich weiter vor, »was für ein Kuckuckskind hast du mir hier ins Nest gelegt?«

»Sehr witzig, Kilroy. Wir haben hier ausschließlich Kuckuckskinder, wie du dich vielleicht erinnerst. Was ist mit ihr nicht in Ordnung? Samuela ist therapiert und schon wieder ganz gut bei Kräften. Demnächst kommt sie nach Maipaan zur Reha. Sie …«

Der Laufbursche labert und labert, aber Kilroy hört nicht länger hin. Samuela, denkt er und bekommt wieder eine Gänsehaut. »Das ist Wortbruch, Doktor«, hört er sich mit der unheimlichen Ruhe sagen, die seinen grauenvollsten Zornausbrüchen vorausgeht. »Schon zum zweiten Mal, ist dir das klar?«

»Jetzt beruhige dich doch bitte«, ruft der Doktor und klingt viel aufgeregter als Kilroy. »Das war ein Missverständnis, ich dachte doch nur, weil es mit dem Mädel in Heiligensee nicht geklappt hat …«

»Nicht geklappt? Ich hatte sie vor der Flinte, und Tuchalsky hat sie im Rucksack weggeschleppt.« Er attackiert den Doktor und spürt doch, dass es darum gar nicht geht. Samuela sieht aus wie damals ich.

»Das ging leider nicht anders, aus bestimmten Gründen«, windet sich der Doktor. »Aber was hast du denn eigentlich an Sammi auszusetzen? Sonst magst du sie doch immer genau so.«

Kilroy klickt ihn weg, wirft sein Smartphone aufs Bett von Zimmer 38 und steht wie Totholz da. Wie der Totempfahl im Dschungel von Maipaan. In ihm kämpft der große Zorn mit der fast noch größeren Angst. Mal will er durch die Wand zurück in Zimmer 37, Sammi alles heimzahlen, dann wieder zittert er vor dem, was ihn drüben erwartet. Was oder wer, er oder sie, was auch immer, Kilroy klappert mit den Zähnen. Vor Angst, sich selbst, Klein Tycho alias Samuela, drüben zu sehen, ohne Klingeling. Vor Angst, wie Mami sagen zu müssen, »ich hab’s nicht verloren, ich hatte nie eins.« Vor Angst, irrsinnig zu sein, alles nur wahnhaft zusammenfantasiert zu haben, Ruhm, Reichtum, Villa, sich selbst. Vor Angst, nicht Kilroy zu sein, nie Terry gewesen zu sein, nicht mal Klein Timo, sondern immer nur Mamis Püppchen, »Timothea, da bist du ja, komm her, meine Kleine«, wie auf den Bildern, als er vier, fünf Jahre ist, mit blonden Locken und glitzerndem Feenkleid.

Berlin-Steglitz,
Klinik Dignity of Youth [08:43]

»Lena Heckel, Personalvorstand, wie kann ich Ihnen weiterhelfen?« Die schlanke, groß gewachsene Frau bedenkt Jensen mit einem strahlenden Lächeln und Svenja mit einem Seitenblick. Sie trägt ein streng geschnittenes Kostüm, das in allen Regenbogenfarben schillert. Die Personalchefin ist Mitte vierzig, hat gebräunte Haut und eine mächtige, rostbraune Afrokrause. Mutmaßlich unecht, taxiert Svenja.

»Hauptkommissar Jensen, LKA. Sie kennen das aus dem Fernsehen: Die Fragen stellen wir.« Jensen hat offenbar Witterung aufgenommen. Von Langeweile oder vorgetäuschter Ehrfurcht keine Spur mehr. »Wann haben Sie Ihren Mitarbeiter Niklas Makowski zuletzt gesehen?«

Lena Heckel runzelt die Stirn. »Niklas? Und um Mord geht es, sagen Sie? Oder hat Sarah das falsch verstanden?« Sie dreht sich kurz zu der jungen Frau am Empfangstresen um. Die hebt die strichdünnen Augenbrauen und schüttelt den Kopf.

»Wann haben Sie Herrn Makowski zuletzt gesehen?«, wiederholt Svenja.

»Gestern, kurz nach achtzehn Uhr. Niklas war nach seiner Schicht bei mir und hat um Urlaub gebeten. Von einem auf den anderen Tag. Aber jetzt verraten Sie mir doch …«

»Und Sie haben ihm den Urlaub genehmigt?« Jensens Feldwebelstimme beschallt die halbe Halle. Die Teenager auf den bunten Matten sehen von ihren Tablets und Smartphones auf und schauen den Riesen im unförmigen schwarzen Mantel verwundert an.

»Gehen wir doch in mein Büro, da können wir ungestört reden.«

»Bringen Sie uns zu Herrn Makowskis Station. Wir müssen auch mit seinen Arbeitskollegen sprechen.« Jensen starrt über die anderthalb Köpfe kleinere Frau hinweg. »Und beantworten Sie meine Frage.«

Lena Heckel lächelt zu ihm hinauf. »Kein Problem. Hier entlang, bitte.«

Sie führt Jensen und Svenja zu den Aufzügen, die in gläsernen Röhren auf und nieder gleiten. »Niklas war schon als Auszubildender bei uns«, erklärt sie, während sie in den fünften Stock hochfahren. »Seit drei Jahren gehört er zur Stammbelegschaft von 5-1 lindgrün, der Postonkologie, wenn Sie so wollen. Erfolgreich therapierte Patienten, die post-OP wieder aufgepäppelt werden. Physisch, aber fast mehr noch psychisch. Und gerade dafür ist Nikki mit seiner empathischen Art der ideale Mann. So etwas wie ein großer Bruder.«

Bei dem Ausdruck post-OP ist Jensen sichtbar zusammengezuckt. Was hat er denn?, fragt sich Svenja. Schon zuvor hat sie registriert, wie befremdet, fast schon angewidert er das Kostüm der Personalchefin gemustert hat.

Die Lifttür gleitet auf, Lena Heckel macht eine einladende Handbewegung. »Rechtsherum, bitte.« Ein heller Flur, auch hier großflächige Fensterfronten und viel tropisches Grün. Türen springen automatisch auf, wenn die Heckel sich nähert. Offenbar ist ihre Kleidung mit entsprechenden Sensoren ausgestattet. Besucher ohne hochkarätige Eskorte dagegen müssen sich vor jeder Tür identifizieren, indem sie ihre Smartwatch vor einen Scanner halten.

Hier wird jeder Schritt digital überwacht, sagt sich Svenja. Wie im Silicon Valley. Oder in China.

»Schon deshalb hätte ich seinen Urlaubswunsch am liebsten abgeschlagen«, fährt Lena Heckel fort. »Außerdem macht uns gerade eine Erkältungswelle zu schaffen. Wir haben einen ambitionierten Betreuungsschlüssel, müssen Sie wissen, aber das erfordert eben auch, dass alle mitziehen. Unsere Mitarbeiter werden weit über Tarif bezahlt, dazu kommen etliche Gratifikationen, Wohnen in stiftungseigenen Apartments, Urlaub in Dignity-Feriencamps und so weiter, alles inklusive. Im Gegenzug erwarten wir überdurchschnittliches Engagement. Das klappt auch fast immer problemlos, wir haben ja keine Angehörigen, die unsere Zeit und Energie beanspruchen könnten. Dignity ist unsere Familie, in der sich einer um den anderen kümmert.«

»Herrgott noch mal.« Jensen stoppt unvermittelt und starrt aus dem Fenster. Die Aussicht auf den Park mit den malerisch zwischen Bäumen und Teichen eingebetteten Gebäuden ist grandios, aber offenkundig ist er nicht stehen geblieben, um den Panoramablick zu genießen. »Beantworten Sie jetzt meine Frage«, stößt er hervor, ohne die Heckel anzusehen.

Er benimmt sich eigenartig, sagt sich Svenja, sogar für seine Verhältnisse. Wenn er mit einem redet, schaut er einen fast nie direkt an, das weiß sie aus Erfahrung. Lena Heckel aber wendet er praktisch den Rücken zu.

»Habe ich das nicht schon getan?«, gibt sie lächelnd zurück. »Natürlich habe ich eingewilligt. Der arme Niklas war ganz durcheinander, leider nicht zum ersten Mal, seit sein Vater in seinem Leben aufgetaucht ist. Der Erzeuger, sollte ich wohl sagen, sein Beitrag beschränkt sich auf die Besamung einer Sexarbeiterin. Leider kein Einzelfall, deshalb empfehlen wir unseren Mitarbeitern generell, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Jeder von uns kommt aus – gelinde gesagt – schwierigen Verhältnissen. Wir alle sind ohne leibliche Eltern aufgewachsen, in Heimen und/oder bei Pflegefamilien. Durch Dignity haben wir eine neue Familie gefunden, die harmonischer, fürsorglicher, liebevoller ist, als es die beste Herkunftsfamilie jemals sein könnte. Geschweige denn als die psychisch labilen, verantwortungslosen und oftmals auch kriminellen Individuen, die uns mit ihren Genen ausgestattet haben.«

Lena Heckel holt tief Luft. Die kleine Rede hat sie bestimmt schon oft gehalten, denkt Svenja, aber sie klang trotzdem echt. Die Frau mit der aufwendig gefakten Afrokrause wirkt sogar ein wenig mitgenommen nach ihrem leidenschaftlichen Plädoyer.

»Hat er gesagt, weshalb er so dringend Urlaub haben wollte?«, fragt Jensen in Richtung Fenster.

»Als Niklas plötzlich vor meinem Schreibtisch aufgetaucht ist, dachte ich im ersten Schreck, dass er kündigen wollte. So etwas kommt bei uns so gut wie nie vor. Wir wechseln höchstens mal von einer Stiftungs-Einrichtung in eine andere, Dignity ist ja weltweit präsent. Sie können sich also vorstellen, wie erleichtert ich war, als er nur um Urlaub gebeten hat. Allerdings wollte er gleich vierzehn Tage am Stück freibekommen. Wohl oder übel habe ich zugestimmt.«

»Der Grund«, knurrt Jensen. »Hat Makowski erwähnt, warum er so plötzlich Urlaub brauchte?«

»Nun ja, es ging natürlich wieder um seinen Vater. Der alte Mann ist wohl schwer dement.« Sie macht einen Schritt nach vorn und stellt sich dicht neben Jensen. Ihre Afrofrisur wippt gegen seine rechte Schulter. »Jetzt müssen Sie aber auch mal mir eine Frage beantworten. Ist Nikki in einen Mord verwickelt? Oder hat sein Vater etwas angestellt?«

»Das sind zwei Fragen.« Jensen dreht sich von ihr weg.

Ihr Anblick stresst ihn extrem, denkt Svenja. Irgendwie hat es mit ihrem Kostüm zu tun, aber was für ein Problem er damit hat, ist für sie ein Rätsel. Die Personalchefin gibt ihr weit weniger Rätsel auf. Die Frau spielt ihnen etwas vor, das steht für Svenja fest.

Lena Heckel hebt kaum merklich die Schultern, wendet sich um und geht weiter den Gang entlang. Ihr Smartphone klingelt, sie holt es aus der Jackentasche und wirft einen Blick aufs Display. »Sorry, da muss ich rangehen.« Sie macht ein paar Schritte zur Seite und bleibt zwischen zwei Kübelpflanzen mit fleischigen Blättern stehen. »Jan? Alles klar bei dir?«, versteht Svenja. Die Personalchefin steht wie eingefroren da, nur die rostbraune Krause wippt. »Mach dir keine Sorgen, ich rede nachher mit ihm. Du weißt ja, auf mich hört er.« Sie beendet das Gespräch und kehrt zu ihnen zurück.

Svenja spürt die Beunruhigung hinter dem professionellen Lächeln. Jan und wie weiter? In Gedanken geht sie die Namen auf der Website der Stiftung durch. Prof. Dr. Jan Sievering, medizinischer Leiter und Mitglied des Vorstands. Hat er sie angerufen? Und welche schlechten Nachrichten hat er wohl überbracht?

»Entschuldigung, es geht mich eigentlich nichts an, Frau Heckel.« Svenja lächelt verlegen. »Sie haben nicht zufällig gerade über Tycho Terry gesprochen?« Lena Heckel sieht sie entgeistert an. Treffer, denkt Svenja. Die Idee war ihr eben erst gekommen. »Ich bin ein riesengroßer Fan von Tycho Terry«, fährt sie in schwärmerischem Tonfall fort. »Wenn er gerade im Haus ist, könnte ich vielleicht ein Selfie mit ihm schießen? Natürlich nur, wenn es keine Umstände macht.«

Lena Heckel setzt ein komplizenhaftes Grinsen auf. »Sie glauben nicht, wie oft mir diese Frage gestellt wird. Leider muss ich Sie enttäuschen, Herr Terry ist nur selten bei uns in der Klinik.«

»Aber er hat doch ein Büro hier im Gebäude?«, beharrt Svenja. Neben ihr starrt Jensen ins Leere, als könnte er nicht fassen, dass seine Zeit mit Fan-Talk verplempert wird. »Terry Media Consulting. Ich habe das Schild draußen gesehen.«

»Das ist seine Firma, ja. Er selbst schaut nur gelegentlich vorbei.«

»Und heute leider nicht?« Svenja gibt sich Mühe, wie ein enttäuschter Fan auszusehen. »Ich würde wer weiß was für ein Selfie mit ihm geben. Mit Kilroy-Maske! Wie cool wäre das denn?«

Die Heckel schenkt ihr ein verrutschtes Lächeln und geht weiter den Gang entlang. Svenja folgt ihr und schaut dabei kurz zu Jensen zurück. Er hat die Arme vor dem Brustkorb verschränkt und stapft mit gesenktem Kopf hinter ihnen her.

Wie ein falsch programmierter Kampfroboter, denkt Svenja. Er glaubt wirklich, dass ich einfach ein Selfie mit meinem Star wollte. Weil er mir ermittlungstechnische Finessen schlicht nicht zutraut. Aber sie hat deutlich gespürt, dass es bei dem Telefonat um Terry ging und die Heckel wegen ihm so besorgt ist. Sie sind alarmiert, weil er außer Kontrolle gerät. Ergibt das Sinn? Ging es darum in dem Telefonat? Wenn sie jetzt nur Max an ihrer Seite hätte.

Vor ihnen gleitet eine Tür auf, auf dem Monitor neben dem Scanner steht in lindgrünen Lettern: »5-1 lindgrün«.

Berlin-Steglitz,
Klinik Dignity of Youth, Station 5-1 [08:56]

Auf Station 5-1 ist tatsächlich alles in zartem Grün gehalten, Boden, Wände, Möbel und das Outfit des Personals. Im »Auszeitraum«, der mit Unterhaltungselektronik, Fitnessgeräten und Yogamatten ausstaffiert ist, befragen Jensen und Svenja nacheinander zwei Pfleger und drei Schwestern. Alle fünf haben regelmäßig mit Niklas in einer Schicht gearbeitet und beschreiben ihn als engagierten und fürsorglichen Kollegen. »Ab und zu besucht er wohl draußen jemanden«, sagt eine Krankenschwester. »Seinen Vater, ach so?« Das ruft vages Erstaunen hervor, scheint aber kein größeres Interesse zu erregen. »Kann sein, dass er das mal erwähnt hat«, räumt ein bezopfter Pfleger ein. Sogar sein Haargummi ist lindgrün. »Spielt keine Rolle, oder? Bei uns dreht sich alles um Dignity.« Dass sein Vater dement war, Niklas nicht mehr aus noch ein wusste, weil er den alten Herrn nicht ins Heim geben wollte, aber auch keine häusliche Betreuung bezahlen konnte – von alledem wussten die anderen Pfleger offenbar nichts.

»Hat Niklas mal erwähnt, dass er Ärger mit jemandem hatte? Mit Kollegen vielleicht? Oder Meinungsverschiedenheiten mit Vorgesetzten?«, fragt Svenja. Große Augen, Kopfschütteln. »Vorgesetzte, Hierarchien, das ist altes Denken«, erklärt ein Pfleger mit grünem Iro. »Wir sind eine verschworene Gemeinschaft, so wie die People bei Google oder Apple – nur mit dem Unterschied, dass wir hier für kranke Kinder ranklotzen und nicht dafür, Milliardäre noch reicher zu machen. Im Gegenteil, die Superreichen stehen Schlange, um für Dignity zu spenden – dank unserem Frontmann Tycho Terry.«

Jeder der fünf Befragten kommt über kurz oder lang auf das »Gesicht der Stiftung« zu sprechen, und alle loben Terry in den höchsten Tönen. Ein sympathischer, trotz Ruhm und Reichtum bodenständig gebliebener Mann, der für jeden in der Klinik ein Lächeln und ein paar aufmunternde Worte übrig habe. Und der die reichen Pfeffersäcke reihenweise dazu bringt, für Dignity zu spenden. »Ohne Terry wäre das alles hier drei Nummern kleiner.«

Eine Frage hebt sich Svenja jedes Mal bis zum Schluss auf, denn die Temperatur im Erholungsraum stürzt dadurch regelmäßig ab. »Hat Niklas mal angedeutet, dass es bei der Behandlung eines Patienten nicht mit rechten Dingen zugehen würde? Dass Therapieergebnisse manipuliert würden oder dergleichen?« Alle fünf Befragten verneinen entschieden. Die Frage scheint sie persönlich zu kränken. Jeder Arzt, jeder Pfleger und jede Krankenschwester in der Klinik unterlägen strengen Qualitätsprüfungen. Professor Dr. Jan Sievering, medizinischer Leiter und Mitglied des Vorstands, habe ein komplexes Kontrollsystem eingeführt, das bereits bei kleinsten Abweichungen vom optimalen Behandlungsverlauf Alarm schlage. Ausgeschlossen, dass in ihrer Klinik irgendwelche Unregelmäßigkeiten passieren, davon zeigen sich alle überzeugt.

Subjektiv glaubwürdig, resümiert Svenja für sich, nachdem sie den letzten Pfleger entlassen haben. Die Community hat fast schon sektenartige Züge, selbst wenn direkt vor ihrer Nase etwas Krummes laufen würde, die Dignity-Jünger würden es schlichtweg nicht sehen. Weil sie felsenfest glauben, dass so etwas bei ihnen nicht vorkommen kann.

Im Gegensatz zu Svenja. Ihr ist mit jeder Zeugenbefragung klarer geworden, dass die Klinik ideale Jagdgründe für die Bruderschaft darstellt. Doch gerade diesen Punkt darf sie gegenüber Jensen nicht erwähnen. Sonst wittert er sofort, dass Hallstein im Hintergrund die Fäden zieht, und macht noch dichter als sowieso schon.

Svenja blättert in ihrem Notizbuch. »Na gut, die wollen alle nichts mitgekriegt haben«, sagt sie zu Jensen, der neben ihr am lindgrünen Tisch sitzt. »Aber das heißt noch lange nicht, dass Antecic …«

»Der Gasmann wieder.« Jensen gibt sich keine Mühe mehr, seine Langeweile zu verbergen. »Dein Engagement in Ehren, Svenja. Aber das hier ist eine Sackgasse.«

Die Tür geht auf, Lena Heckel tritt auf, die Hände in den Jackentaschen. »Ich hoffe, die Kolleginnen und Kollegen konnten Ihnen weiterhelfen?«

»Zu laufenden Ermittlungen können wir keine Auskunft geben.« Jensen schraubt sich in die Höhe, tritt ans Fenster und schaut so konzentriert hinaus, als könnte er von der prächtigen Aussicht gar nicht genug bekommen. »Aber für den Moment war’s das«, fügt er mit dem Rücken zum Zimmer hinzu.

»Mehr oder weniger«, schränkt Svenja ein. »Wo ist die Wohnung von Herrn Makowski? Die müssen wir noch schnell ansehen. Und zum Abschluss würden wir gerne Professor Sievering ein paar Fragen stellen. Das geht ganz schnell«, schiebt sie, mehr in Jensens Richtung, hinterher.

Lena Heckels Lächeln wirkt mittlerweile so unecht wie ihre Frisur. »Wie Sie wünschen.« Sie mustert Jensens Rückenpartie und wendet sich dann Svenja zu. »Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung, Frau …?«

»Oberkommissarin Wuttke. Erklären Sie uns den Weg zu Niklas’ Wohnung und zum Büro des Professors, wir finden uns schon allein zurecht. Bestimmt haben Sie Wichtigeres zu tun, als uns herumzuführen.«

Mit einem knappen Kopfschütteln geht die Heckel darüber hinweg. »Niklas teilt sich eine Wohnung mit einem jüngeren Pfleger, David Ballhaus. Wir legen Wert darauf, dass unsere Novizen von erfahrenen Kollegen unter die Fittiche genommen werden. David ist dreiundzwanzig und hat letztes Jahr Examen gemacht. Die beiden wohnen in Haus P am anderen Ende des Parks.«

»Mit Herrn Ballhaus müssen wir auch sprechen«, sagt Svenja. »Veranlassen Sie, dass er zur Wohnung kommt, Frau Heckel? Danke.«

Schon zehn Uhr durch, denkt sie, und wir haben immer noch nichts in der Hand. Der Gedanke, dass Täter und Beweise höchstwahrscheinlich hier auf dem Gelände sind, zum Greifen nah und doch unerreichbar, macht sie fast verrückt. Aber sie darf sich nichts anmerken lassen, auch Jensen gegenüber nicht. Wenn er sie fragen würde, warum in aller Welt sie glaubt, dass ausgerechnet der Superpromi Terry in die Ermordung der Makowskis verwickelt sein soll, wüsste sie keine Antwort. Jedenfalls keine, die ihn überzeugen würde, ganz im Gegenteil.

Berlin-Steglitz,
Klinik Dignity of Youth, Einheit 37/38 [10:08]

Als Kilroy zu sich kommt, ist es wie immer, nein, schlimmer. Obwohl Sammi zuckt und zittert, also lebt. Doch Sammi sieht übel aus.

Alles voller Blut und Kleber. Sammi rollt mit den Augen, der Mund geht fischig schnappend auf und zu.

Dabei wollte ich doch sachte, sanft und achtsam sein. SSA.

Schon als er durch die Wand brach, nach dem Telefonat mit dem Doktor, hatte er sich höchstens noch zu einem Fünftel unter Kontrolle. Aber immerhin. Er klistierte Sammi, insoweit wie immer, aber er kriegte einfach nicht auf die Reihe, was hier mit ihm passierte. Warum der Doktor Samuela geliefert hatte, obwohl Samuel vereinbart war. Wieso Sammi aussah wie damals er selbst und wie Klein Morgencron noch dazu und weshalb Sammi trotzdem ein Mädel war. Oder zu sein schien? Oder war ihm/ihr passiert, was Klein Tychos Mami mit dem Zahnpastatuben-Gleichnis so eindrucksvoll umschrieben hatte? So unvergesslich grauenvoll? Je mehr er darüber nachdachte, desto klebriger fühlte er sich umsponnen von Spinnenfäden. Er ritzte die Buchstaben S-A-M-M-I in Sammis Rücken und Hintern und Beine, in buntem Durcheinander, S-I-M-S-A, S-A-M-I-M, irgendwann M-A-M-I-S.

Mamis. Das Wort gongte und echote in ihm, furchtbar dunkel wie das Gurgeln des Was-auch-immer, Mamis, wieso Mamis?, brüllte es in ihm, natürlich Mamis!, und dann Filmriss.

Grauenvoll ausgepumpt sitzt Kilroy jetzt am Fußende von Sammis Bett, die Knie an die Brust gezogen, als wäre er wieder Klein Timo, mit sieben, acht Jahren in seinem Kinderzimmer eingesperrt. Wie er am Boden hockt mit angezogenen Knien und hin- und herschaukelnd auf die Klinke starrt und mal hofft, dass gleich die Tür aufgeht, mal sich in die Hose macht vor Angst, dass gleich der Schlüssel im Schloss knirscht und sich die Klinke senkt und im Türspalt die Maske erscheint, die der Pater immer aufhat, immer, immer. Wie oft hat er davon geträumt, den Pater einmal ohne Maske zu sehen. Und ohne Kleid.

Kilroy beugt sich vor und streicht Sammi das Bein hinauf. Fast nirgendwo mehr glatte Haut. Sammis Hände liegen auf dem Bauch, wie Kilroy sie zusammengefaltet hat. Die Zeigefingerstummel starren ihn böse an. Dabei hat Kilroy die Stümpfe behelfsmäßig abgebunden, die Wunden verödet und verklebt. »Tut mir leid«, murmelt er, aber wenn er ehrlich ist, tut es ihm kein bisschen leid. Im Gegenteil, er hat das einzig Richtige gemacht, er kann sich nur beglückwünschen, dass er den Mut und die Entschlossenheit aufgebracht hat, Sammis Zeigefinger krick und krack abzubrechen und zentimeterdick von oben bis unten mit hautfarbenem Verbandmull zu umwickeln, den er zuvor mit der aktuellen Nagasaki-Liste beschriftet hat.

»I – der Pater ist meine Mutter (Mater) (halbherzig verkleidet)

II – es gibt keinen Pater (Pater non est) (außer der Maske)

III – das Was-auch-immer ist was auch immer (nichts ist schlimmer)

IV – A: der Pater ist Mamis Liebhaber (B: Liebhaberin)

V – der Pater ist mein Vater (siehe auch IV-A)«

Die zusammengemullten und beschrifteten Finger stecken in Sammis Spalte wie ein zauberkräftiger Pfahl, und Kilroy starrt ihn unverwandt an, als könnte er wieder verschwinden, von der Spalte tubenhaft eingesogen werden, wenn er auch nur für die Dauer eines Wimpernschlags den Blick abwenden würde.

Berlin-Steglitz, Klinikgelände Dignity of Youth, WG Makowski/Ballhaus [10:15]

Viertel nach zehn, im E-Buggy mit Chauffeur gondeln sie durch den weitläufigen Klinikpark. Jensen und Svenja sitzen in Fahrtrichtung nebeneinander, Lena Heckel ihnen gegenüber. Svenja wird fast zerquetscht zwischen der Blechwand und Jensens Schulter und Schenkel, die sich durch die Daunen hindurch stahlhart anfühlen. Auf Schotterwegen schippern sie durch eine kunstvoll arrangierte Landschaft mit verschneiten Hügeln und Bäumen, vorbei an einem zugefrorenen See und diversen Bauten, die teilweise wie Pyramiden geformt und durch gläserne Röhren miteinander verbunden sind. Die Stadt mit ihren kaputten Straßen und grauen Mietskasernen beginnt direkt hinter den hohen Zäunen und Hecken und scheint doch weit weg zu sein.

Nach gut zehnminütiger Fahrt stoppt Chauffeur Sonny, ein kräftig gebauter Enddreißiger mit Dobermann-Aura, vor einem dreigeschossigen Wohngebäude. »Haus P« steht in großen, roten Lettern auf dem Sims unter der Dachterrasse.

»Ich bringe Sie noch nach oben.« Lena Heckel steigt aus, und Jensen lockert seine Nackenmuskeln. Vor Fahrtbeginn hat er verkündet, dass ihre Anwesenheit bei der Befragung von David Ballhaus »nicht angezeigt, weil ergebnisverzerrend« sei. Für einen Moment war auch ihr Gesicht verzerrt, dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle.

Jensen und Svenja folgen ihr durchs Treppenhaus, das mit Naturstein und Edelstahl gediegen ausgestattet ist. Der junge Pfleger steht schon in der Tür im ersten Stock und lächelt ihnen schüchtern entgegen. Er sieht selber fast noch wie ein Teenager aus, sagt sich Svenja. Hellblond und so dünn, dass sie sich kaum vorstellen kann, wie er sein Arbeitspensum als Krankenpfleger bewältigt.

»Oberkommissarin Wuttke, LKA.« Sie gibt David die Hand. Auch sein Händedruck ist zart. »Mein Kollege, Hauptkommissar Jensen«, fügt sie hinzu, während sich der Kollege damit begnügt, schwarz und schweigend neben ihr aufzuragen.

»Wenn du hier fertig bist, gehst du sofort zurück auf Station, David. Du weißt ja, Rebecca hat sich gestern auch noch krankgemeldet. Allmählich sind wir am Limit.« Lena Heckel wirkt angespannt, fast mehr noch als der junge Pfleger. »Sonny bringt mich zum Büro und ist sofort wieder bei Ihnen«, erklärt sie Svenja schon zum zweiten Mal. »Warten Sie unbedingt auf ihn, gehen Sie nicht zu Fuß, die Wege sind teilweise nicht geräumt.«

Zögernd räumt sie das Feld, nachdem Svenja genickt, Jensen an ihr vorbeigestarrt und David leise versichert hat, er werde schnellstmöglich auf Station zurückkehren. Während sie die Treppe runtergeht, meldet sich erneut ihr Smartphone. »Jan? Ich gehe jetzt zu ihm«, glaubt Svenja zu verstehen, dann fällt unten die Haustür ins Schloss.

»Zur Sache.« Jensen schiebt den jungen Pfleger vor sich her in die Wohnung. »Sie sind David Ballhaus?« David nickt. Jensen macht Svenja ein Zeichen, sie soll mitschreiben. Kaum ist Lena Heckel außer Sicht, tritt er wieder gewohnt forsch auf. »Sie arbeiten auf der gleichen Station wie Makowski?«

David schüttelt den Kopf. »In den ersten zwei Jahren wechseln wir alle zwei Monate zu einem anderen Bereich. Um alles kennenzulernen. Zurzeit bin ich in der Kinderambulanz.«

»Seit wann hier mit Makowski wohnhaft?«

»Seit letzten November. Ich hatte so sehr gehofft, dass Niklas mich nimmt. Und als er dann einverstanden war …« David Ballhaus’ Gesicht überzieht sich mit leichter Röte. Unvermittelt dreht er sich um und geht auf eine Tür am Ende des kleinen Flurs zu. Links und rechts sind je zwei weitere Türen, registriert Svenja.

»Wessen Zimmer?«, fragt Jensen, der dem Pfleger dichtauf gefolgt ist.

Ein quadratischer Raum, gut fünf mal fünf Meter, in gehobenem Schwedenstil eingerichtet. Helle Holzmöbel, bequem aussehende Sessel. Zwei bodentiefe Fenster zum Park hin.

»Das ist unser Gemeinschaftsraum. Hier sitzen Nikki und ich zusammen, wenn wir beide freihaben.« David spricht leicht quäkend. Seine normale Stimmlage?, fragt sich Svenja. Oder klingt er so, weil er angespannt ist?

»Und das kommt wie oft vor?«, hakt Jensen nach.

»Leider nicht so oft, jedenfalls in letzter Zeit. Seit Nikki nicht nur mit seinem Vater Stress hat …« David bricht ab und errötet erneut.

»Sondern mit wem noch?«

»Wie bitte?«

»Stress mit wem noch?«

»Das habe ich nicht gesagt. Es ist nur so, dass er wenig Zeit hat, seit er sich auch noch mit der Frau trifft.« David flüstert es, ohne irgendwen anzusehen. »Was ist denn überhaupt los? Ist Nikki was passiert?«

»Das Fragen überlassen Sie uns.« Jensen verschränkt die Arme und verpasst David mit dem Ellbogen fast eine Kopfnuss. »Also: Was für eine Frau, wie heißt sie, wie alt, wie sieht sie aus? Lassen Sie sich doch nicht alles aus der Nase ziehen, Mensch!«

»Ich kenne sie nicht, wirklich nicht. Und sonst weiß ich auch nichts über sie.« Davids Mund zuckt. »Er … er …«

»Ja?«

»Ria. Ich weiß nur, dass sie Ria heißt. Nikki hat sie in einem Café kennengelernt. Er war mit seinem Vater da, und sie hat ihn angesprochen, einfach so.« Er schaut träumerisch vor sich hin.

»Na, prost Mahlzeit. Jetzt zeigen Sie uns mal Makowskis Zimmer.«

David nickt und geht in den Flur zurück. »Hier.« Er deutet auf die erste Tür links. »Wir schließen nie ab, Sie können einfach reingehen. Gegenüber ist mein Zimmer. Wenn Sie mich nicht mehr brauchen, gehe ich jetzt zurück auf Station.«

Jensen wedelt mit beiden Händen. »Ab mit Ihnen. Bevor Ihre Chefin Ihnen noch den Kopf abreißt.« Ein jäher Schauder erfasst ihn.

»Lena? Die ist eine ganz Liebe. Das hat auch Nikki neulich gesagt.« David errötet abermals. »Sie brennt für Dignity, wie wir alle.«

Jensen macht ein Gesicht, als wollte er erneut »Prost Mahlzeit« sagen, aber Svenja kommt ihm zuvor. »Wir sind fast durch, Herr Ballhaus. Sie und Niklas haben sich das Bad geteilt?« David nickt und schaut zu der Tür neben seinem Zimmer. »Da haben Sie Ihren Kollegen doch bestimmt auch mal nackt gesehen?«, fragt sie weiter.

»Na ja, was? Wieso?« Die Röte schießt aus seinem Shirt, züngelt seinen Hals hoch und flutet sein Gesicht. »Eigentlich nicht.«

Er brennt bestimmt auch für Dignity, denkt Svenja, aber mindestens genauso für Nikki.

»Uneigentlich aber doch?« Jensen schaut demonstrativ auf seine Breitling.

»Ist Ihnen aufgefallen«, hakt Svenja nach, »ob Niklas im Schamhaarbereich teilweise rasiert ist?«

»Oh Gott. Wieso fragen Sie das? Ich weiß es wirklich nicht.« David sieht sie gepeinigt an. »Kann ich jetzt gehen?«

»Noch nicht. Konzentrieren Sie sich, bitte. Das hier ist wichtig, ja?« Sie sieht ihn an, bis er nickt. »Hat Niklas mal davon gesprochen, dass auf seiner Station etwas Ungewöhnliches passiert ist? Etwas, das er nicht in Ordnung fand, mit einem Patienten oder einer Patientin?«

David bewegt zaghaft den Kopf hin und her. »Nein, ich glaube nicht.«

Es klingt nicht gerade überzeugend, findet Svenja. Doch Jensen sieht das offenbar anders. »Jetzt ab mit Ihnen, die kleinen Kranken schreien sich schon die Seele aus dem Hals.«

David stürzt zur Wohnungstür, Svenja sprintet hinter ihm her, steckt ihm ihre Karte zu. »Rufen Sie mich jederzeit an, wenn Ihnen noch etwas einfällt.« Er nickt fahrig, zieht den Reißverschluss seines blassgelben Parkas zu und stürmt die Treppe hinunter.

»Außer Spesen und so weiter«, sagt Jensen. »Gleich elf, in einer halben Stunde müssen wir los. Spätestens. Zwischenstopp im Präsidium, dann muss ich weiter nach Potsdam. Die Staatsanwälte warten.«

Svenja gibt ihm keine Antwort. Sie öffnet die Tür zu Niklas’ Zimmer, macht einen Schritt hinein und sieht sich um. Der gleiche Stil wie im Gemeinschaftszimmer. Schmales Einzelbett, Regal, Sessel, vor dem Fenster ein Schreibtisch mit Drehstuhl. Kein Kleiderschrank, nur eine Garderobenstange auf Rädern. Überhaupt keine Schranktüren oder Schubladen.

Sie geht zum Regal und beginnt, die wenigen Fächer zu durchsuchen. Jensen ist ihr gefolgt und macht sich sichtlich lustlos an der Garderobe zu schaffen. Nach zehn Minuten haben sie alles durchforstet und nichts Zweckdienliches entdeckt. Keine Patientenakte, kein Tagebuch, überhaupt keine persönlichen Papiere, keinen Brief, keine Versicherungspolicen. Kein Wunder, denkt Svenja, hier kann man nichts verbergen. Hier nicht und wahrscheinlich auf dem ganzen Klinikgelände nicht.

Bevor Jensen protestieren kann, geht sie in den Gemeinschaftsraum zurück und durchsucht auch hier die Regalfächer. Fachliteratur, Krimi-Taschenbücher, ein Stapel DVDs mit Actionfilmen. Außerdem jede Menge Brettspiele, Schach, Mühle, Halma, alle originalverpackt.

»Das war’s«, sagt Jensen. »Ermittlung in alle Richtungen schön und gut, aber bitte nicht als l’art pour l’art. Zuerst dachte ich, dass diese Heckel etwas zu verbergen hat, so abweisend, wie die aufgetreten ist. Aber das war bloße Attitüde, nach dem Motto ›Wir sind die Guten, also pinkelt uns nicht ans Bein.‹. Und dann dieses zweifelhafte Kleid …«

Er verschränkt die Arme und ist schon auf der Treppe nach unten, während Svenja noch einen Blick ins Bad und in die Küche wirft. Zweifelhaftes Kleid?, denkt sie. Was ist mit ihm los? Auch in der winzigen Küche und im Bad entdeckt sie keine Patientenakten, keine verschließbaren Schrankfächer, überhaupt keine Auffälligkeiten, es sind einfach zwei moderne Funktionsräume, so karg und unpersönlich eingerichtet wie die gesamte Wohnung.

Sie beeilt sich, zu Jensen aufzuschließen. Turmgleich ragt er vor der Haustür auf und fixiert den Buggy, der vom See her auf sie zugeschlingert kommt.

»Kein Vorwurf, Svenja«, sagt er. »Dein Engagement gefällt mir, auch wenn es diesmal in die Sackgasse geführt hat. Aber wir haben ja den Albaner. Nachher gesteht er, das hab ich im Urin. Und keine Sorge, die Arbeit geht uns nicht aus.«

Noch während der bullige Sonny sie zurück zum Hauptgebäude fährt, beginnt Jensen, ihren neuen Fall zu erörtern. Rätselhafte Todesfälle in einer überwiegend von Senioren bewohnten Stadtrandsiedlung, und wie nicht anders zu erwarten, hat er auch schon eine Hypothese parat. »Das Tatmuster deutet ganz klar auf die osteuropäische Pflegemafia hin. Natürlich ermitteln wir in alle Richtungen, aber du wirst sehen …«

»Erst müssen wir noch mit dem Professor sprechen«, unterbricht Svenja seinen Redefluss. Jensen schaut verständnislos an ihr vorbei. »Professor Sievering, der medizinische Leiter«, erinnert sie ihn. »Er überwacht die therapeutischen Abläufe angeblich persönlich. Wenn an dem, was Antecic gehört hat, irgendwas dran ist, muss der Professor davon wissen.«

Jensen runzelt die Stirn, als würde ihm plötzlich klar, worauf ihre hartnäckigen Nachforschungen letzten Endes zielen. Nicht auf mögliche Verfehlungen untergeordneter Einzelpersonen, sondern auf systematische Manipulationen. Svenja rechnet schon damit, dass er sie zurückpfeifen wird, doch Jensen schüttelt nur den Kopf und murmelt: »Meinetwegen, aber das muss ruckzuck gehen.«

Berlin-Steglitz,
Klinik Dignity of Youth, Einheit 37/38 [10:17]

Kilroy trägt den schlaksigen Körper auf seinen Armen wie King Kong die weiße Frau. Sammi ist leicht wie ein Vogeljunges, aber ihn durch den Schrank zu hieven ist schwerer als erwartet. Sammis Gliedmaßen hängen herunter, der Kopf kollert hin und her, das vermummte Klingeling springt von Ost nach West und wieder zurück wie eine bipolare Kompassnadel. Kilroy versucht es frontal, dann seitlich, rechts, links, aber der Spalt in der Schrankhinterwand ist einfach zu schmal. Erst als er seine Arme um Sammis Arme und Brustkorb schlingt und ihn wie eine Holzpuppe auf wegknickenden Beinen vor sich herstaksen lässt, schaffen sie es ins Nebenzimmer hinüber.

Am liebsten würde er Sammi gleich wieder aufs Bett und sich selbst danebenlegen, aber das ist jetzt nicht der Plan. Duschen, anziehen, Abmarsch. Er wird Sammi mitnehmen in die Villa Morgencron, dorthin gehört er, in jeder Hinsicht, und sonst nirgendwohin. Gründe, erstens, Sammi sieht aus wie Klein Morgencron, beziehungsweise wird wieder aussehen, nachdem der Dipl.-Doc ihn aufgepäppelt hat. Zweitens, Sammi sieht aus wie Klein Tycho, beziehungsweise wird wieder und so weiter, siehe oben. Drittens, Sammi muss lückenlos dauerüberwacht werden, und das kann Kilroy nur bei sich zu Hause sicherstellen. In Gedanken hat er Hartlieb und Maylin bereits zum Schichtdienst eingeteilt. Auch die Zwillinge können stundenweise Wache schieben, er hört sich schon, wie er ihnen aufträgt: »Passt auf, dass sein Klingeling nicht verschwindet!« Und dann setzen sie sich links und rechts aufs Bett, starren auf Sammis Schritt und rätseln auf Malaysisch, Laotisch blabla, was unter dem Mull sein mag.

Er trägt Sammi ins Bad, setzt ihn in die Duschtasse, mit dem Rücken gegen die strahlend weiß geflieste Wand. Irgendwo hier muss es einen Vorrat an Einweg-Duschhauben geben, transparentes Plastik, Kilroy ist sich sicher, die Dinger gesehen zu haben. Nur wo? Im Spiegelschrank, nein, im Handtuchregal, auch nein, fluchend stapft er hin und her, von den allgegenwärtigen Spiegeln geplagt. Er sieht zum Fürchten aus, glitzernd vor Blut und Uhu, dazu die Maske, und Sammi erst recht zum Grausen. Wo sind die verdammten Dinger?

In einem der Küchenschränke, fällt ihm ein, da ist aus irgendeinem Grund der ganze Duschkram vergraben, Gel, Shampoo, Lotion, Hauben. Eigentlich sollte er Sammi mitnehmen, sicherheitshalber, aber der sitzt so friedlich da, von strahlendem Weiß gerahmt, dass Kilroy es einfach mal riskiert. Ist ja nur für ein paar Sekunden.

»Rühr dich nicht von der Stelle!«, ermahnt er Sammi, stürzt aus dem Bad, rennt zur Küchennische, reißt alle Schranktüren auf. Töpfe, Teller, Tassen, Messer, Gabel, Scher und Licht, Kilroy sucht und flucht, und da endlich, der Duschkram. Er schnappt sich Haube, Duschgel, Shampoo, und nichts wie zurück ins Bad.

Kein Sammi. »Wo bist du hin?«, schreit Kilroy. »Bitte, tu mir das nicht an!« Er macht die Augen zu, wieder auf, und da ist Sammi. Sitzt nicht, aber liegt verrutscht in der Dusche, ein Bein halb draußen, und die Wand verschmiert mit roten Schlieren.

»Mein Verstand! Was machst du denn?«, wimmert Kilroy und fällt neben ihm auf die Knie. Schiebt das Bein zurück in die Dusche, bedrohlich wackelt der Zauberstab, aber Kilroy hat jetzt wieder alles unter Kontrolle. Mit fliegenden Fingern packt er die Duschhaube aus, stülpt sie über Sammis Klingeling und zieht das Bändchen stramm. »I – der Pater ist meine Mutter (Mater) (halbherzig verkleidet)«, kann er, wenn auch verwackelt, durchs knittrige Plastik lesen. Er zwängt sich sachte zu Sammi in die Dusche, stellt sanft und achtsam die Brause an.

Zehn Minuten später steht er mit Sammi im Lift, und die Türen gleiten leise zischend zu. Mit dem Finger auf den Knopf zur Tiefgarage zu tippen ist gar nicht so einfach, wenn man einen bewusstlosen Teenager auf Händen trägt. Aber Kilroy glaubt an sich selbst, das zeichnet ihn aus, deshalb ist er der geworden, der er heute ist, nicht mehr Klein Timo, ganz zu schweigen von »Timothea, ja, wo ist denn Mamis Kleine?«, sondern der große, reiche, berühmte, mächtige Tycho Terry. Für Kilroy ist nichts unmöglich, für ihn gibt es keine Grenzen. Da wird er doch wohl auch diesen Scheißaufzugknopf drücken können.

Sammis Beine schlackern, die Duschhaube knistert, als Kilroys Zeigefinger unter Sammis Kniekehlen hervorgeschossen kommt wie die berühmte Schlange aus dem berüchtigten Apfelbaum. Der Lift quittiert mit hellem Pling!, Sammi mit einem dunkleren Seufzer, und los geht die frohe Fahrt. Unter der Dusche hat Kilroy hin und her überlegt, soll er seine Bikersachen wirklich hierlassen, ja, nein, und sich schließlich dafür entschieden. Zu Hause hat er noch drei weitere Monturen mitsamt Stiefeln im Schrank. Die Treter mit den Stahlbeschlägen und den extra hohen Sohlen wird er vermissen, aber der Laufbursche soll auch mal seinen Willen haben. Das hebt Laune und Selbstwertgefühl.

Statt Rockerkluft hat Kilroy braune Budapester und den blauen Armani mit Nadelstreifen an, wie sonst nur, wenn er Sponsoren aus der Finanz- und Versicherungsbranche ködert. Kilroy kriegt sie alle, ob Banker oder Konzernbosse, Hidden Champions oder Tech-Milliardäre. Durch seine Connections und sein Charisma hat er DigYou in Dimensionen gehebelt, von denen die Oberaffen früher nicht mal zu träumen wagten. Also werden sie zwar wie gehabt rumzetern, »Kilroy, das geht nicht« hier und »Bring das Kiddie zurück« dort, aber dann werden sie klein beigeben und hinter ihm die Scherben zusammenfegen. Nichts Neues unter der Sonne, wie schon Mamis Lieblingsphilosoph feststellte. Bevor er sich wieder unter die Röcke seiner Mami begab.

So räsoniert Kilroy, während die Lifttür aufgeht, er in die Tiefgarage hinaustritt, wo allerdings anstelle der Sonne nur bleiches Neonlicht scheint. Mit Sammi auf den Armen geht er auf den Range Rover zu, es wurmt ihn, dass er keine Jungskleidung gefunden hat, nur den Arztkittel, der ist zwar strahlend weiß, sieht an Sammi aber aus wie ein viel zu großes Kleid. Die Ärmel hat er umgeschlagen, der Saum reicht Sammi bis zu den Waden, und zwischen zwei Kittelknöpfen lugt das Klingeling hervor. »II – es gibt keinen Pater« entziffert er durchs knittrige Plastik. Das Ranking kommt ihm schon wieder fragwürdig vor, wie eigentlich immer. II auf I und I stattdessen auf III?, grübelt er, während er Sammi im Laderaum verstaut.

»Das wird jetzt ein bisschen ungemütlich, aber durchhalten lohnt sich. Zu Hause kriegst du Mamis Boudoir!«

Sammi gibt keine Antwort, seine Augen sind geschlossen, aber das Zucken in seinem fein geschnittenen Gesicht verrät Kilroy, dass er lebt. So schnell stirbt sich’s nicht, muntert er sich auf, sonst wäre ich schon x-mal tot. Eigentlich gehört III auf I, geht es ihm durch den Kopf, »Das Was-auch-immer ist was auch immer (nichts ist schlimmer)«, aber das wäre das Ende, von Kilroy, Terry, von allem, was er sich so hart erarbeitet hat und wofür er jeden Tag, jede Nacht aufs Neue kämpft. Das ist die Limitation der Nagasaki-Liste, die einzige Grenze, die Kilroy nie überschreiten würde, ganz einfach, weil es ihn anschließend nicht mehr gäbe.

Er knallt die Heckklappe zu, schwingt sich hinters Steuer und fährt auf das heruntergelassene Rolltor vor der Ausfahrt zu.

Berlin-Steglitz,
Klinik Dignity of Youth, Lobby [10:46]

Viertel vor elf durch, der Buggy hält vor der Glasfassade des Hauptgebäudes, Svenja und Jensen steigen aus. Gerade als sie durch die Drehtür in die Lobby gehen, sieht sie, wie sich Lena Heckel fast rennend einem groß gewachsenen Mann mit grauen Haaren nähert. Die Personalchefin sieht aufgelöst aus, das Gesicht bleich und verschwitzt, die Augen übergroß. Links hängt ihr der Afro herunter wie ein Hundeohr.

Eilends pirscht sich Svenja näher heran. Der Grauhaarige zieht die Heckel hinter eine Säule, doch ein paar Satzfetzen schnappt sie trotzdem auf. »Beide weg!« und »Alles abgesucht!« von der atemlosen Personalchefin. »Oh mein Gott!«, vonseiten des Grauhaarigen. »V.-I.-P.-Bereich blocken, sofort! Ausfahrt abriegeln!« Dann stiebt die Heckel nach links weg, das Telefon am Ohr, und der Grauhaarige kommt rechts hinter der Säule hervor.

»Professor Sievering?« Kurz entschlossen tritt Svenja ihm in den Weg. Noch vor ein paar Tagen hätte sie sich das nie herausgenommen, aber seit Hallsteins Geist in sie gefahren ist, hat sie kein Problem mehr mit forschen Auftritten. Zumal Max ihr bei Bedarf aufmunternd zulächelt. »Oberkommissarin Wuttke, LKA. Und das ist mein Kollege, Hauptkommissar Jensen.« Sie macht eine vage Handbewegung nach rechts hinten. »Wir ermitteln in einem Mordfall. Können wir Sie kurz sprechen?«

Der Professor sieht aus, als wäre er soeben einem Gespenst begegnet. Sein Gesicht fast so grau und zerknautscht wie sein Anzug, der Blick aus hellblauen Augen flackernd wie Grablichter an Totensonntag. »Lena – Frau Heckel – hat mich gerade informiert«, sagt er und sieht sich nach allen Seiten um. »Worum geht es denn? Ich habe wenig Zeit.«

Worum es bei dem hastigen Wortwechsel zwischen ihm und der Heckel ging, hätte Svenja auch brennend gern gewusst. Die Satzfetzen ergeben für sie wenig Sinn. Was für ein V.-I.-P.-Bereich? Welche Ausfahrt? Und welche beiden sind nicht mehr da?

»Wir auch, Herr Professor«, steuert Jensen bei, der sich mittlerweile neben Svenja aufgebaut hat. »Deshalb nur eine Frage: Haben Sie Hinweise, dass es in den letzten Wochen oder Monaten auf Station 5-1 zu Unregelmäßigkeiten gekommen sein könnte?«

»Unregelmäßigkeiten? Wie meinen Sie das, Herr Kommissar?« Professor Sievering setzt ein fragendes Lächeln auf. Plötzlich sieht er viel jünger aus, trotz grauer Haare und grauem Anzug.

»Unregelmäßigkeiten bei der Behandlung eines Patienten oder einer Patientin«, antwortet Svenja an Jensens Stelle, »beziehungsweise bei der Dokumentation des Therapieverlaufs.«

»Therapiefehler? Manipulierte Krankenakten? Beides bei uns systemisch ausgeschlossen.« Sofort schiebt Sievering eine Fülle technischer Einzelheiten hinterher. Svenja kann nur teilweise folgen, doch offenbar läuft es darauf hinaus, dass die implementierte Monitoring-Software sogar kleinste Fehler bei Diagnose, Therapie, Medikation bemerkt und auf mehreren Hierarchieebenen unübersehbar meldet – »bis hinauf zur medizinischen Klinikleitung, also zu mir. Das gilt für Versehen genauso wie für absichtliche Abweichungen.«

Professor Sievering würde überzeugender rüberkommen, sagt sich Svenja, wenn er sich nicht ständig mit gehetztem Gesichtsausdruck in der Lobby umschauen würde. »Bitte beantworten Sie die Frage, Herr Professor«, sagt sie. »Haben Sie Hinweise auf mögliche Unregelmäßigkeiten? Ob die von Ihrem Überwachungssystem bemerkt wurden, wäre dann eine nachgeordnete Frage.«

Sievering sieht sie geistesabwesend an. »Keine Hinweise, keine Erkenntnisse, gar nichts. Bitte entschuldigen Sie mich jetzt. Ein Notfall.« Er nickt ihnen zu und geht so schnell, dass es gerade noch nicht wie Rennen aussieht, auf die gläsernen Liftröhren im Hintergrund der Halle zu.

Unterwegs stößt erneut die Heckel zu ihm, und während sie zu den Aufzügen hasten, redet sie gestikulierend auf ihn ein. Diesmal sind sie so weit weg, dass Svenja nicht mal Satzfetzen mitbekommt. Was genau die beiden so in Aufregung versetzt, kann sie sich nach wie vor nicht zusammenreimen. Aber irgendwie muss es mit Tycho Terry zu tun haben, das spürt sie. Terry ist schließlich ein V.-I.-P. und hat hier auf dem Klinikgelände sein Büro. Und die zweite Person, mit der zusammen er weg ist oder will, überlegt sie weiter, wer kann das sein? Doch nicht etwa die geheimnisvolle Ria? Aber warum sollte Terry mit ihr zusammen verschwinden, und wohin?

»Das war’s jetzt aber wirklich«, reißt Jensen sie aus ihren Grübeleien. »Was immer der Gasmann oder der alte Makowski aufgeschnappt haben wollen, es steckt nichts dahinter. Oder kommst du mir jetzt noch mit einer Verschwörungstheorie?« Er schaut grimmig über Svenja hinweg. »Von wegen der Professor hat einen Doppelmord befohlen, weil Makowski junior was eigentlich auf die Spur gekommen ist? Ärztepfusch? Pflegemängeln? Einsatz minderwertiger Medikamente? Und das alles in der angesehensten Kinderklinik von ganz Berlin, was sage ich, von ganz Deutschland und halb Europa?«

»Warum nicht«, sagt Svenja, doch das hört er schon nicht mehr. Oder gibt vor, es nicht zu hören. Mit seinen surreal langen Beinen eilt er aus der Halle und zum Besucherparkplatz, wo sein betongrauer Dienst-Passat steht.

»Der Fall ist abgeschlossen«, ruft er ihr über die Schulter zu. »Sieh zu, dass du den Kopf frei kriegst, Svenja. Ab morgen jagen wir die Seniorenmörder. Und vertief dich schon mal in die Akten.«

Sie ist zu niedergeschlagen, um zu antworten. Und zu weit weg. Besser so, denkt sie. Wenn sie Jensen jetzt entgegenschleudern würde, was laut Max dahintersteckt – die Bruderschaft, die Dignity gekapert hat –, würde er sie umgehend in die Wüste schicken. Weil er dann glauben würde, dass eine Verschwörung gegen ihn im Gange wäre, mit Hallstein als Strippenzieherin. Aber würde er wirklich lieber die Brüder davonkommen lassen, als zu riskieren, dass Hallsteins Comeback ihn den Posten kostet?

In der Keithstraße stoppt Jensen vor dem klotzigen LKA-Gebäude und lässt Svenja aussteigen. Sie schaut ihm hinterher, wie er mit durchdrehenden Rädern davonschlittert, und da wird ihr bewusst, dass sie nach wie vor nicht im Geringsten versteht, was in ihm vorgeht. Sie weiß nichts von ihm, sie kann sich nicht einmal vorstellen, was er in seiner Freizeit macht, ob er sich mit jemandem trifft oder seine Abende und Nächte allein verbringt.

Aber sie will es auch gar nicht mehr wissen. Monatelang hat sie zu ergründen versucht, wie er tickt, was er will, wie er sich seine ideale Partnerin vorstellt. Je klarer ihr wird, wie viel Zeit und Energie sie darauf verwendet hat, ihn zu verstehen und sich seinen Launen anzupassen, desto zorniger wird sie, auf Jensen und auf sich selbst. Es geht hier überhaupt nicht um ihn und darum, was er will oder nicht will, sagt sich Svenja, während sie die Treppe hochgeht.

Vor der Tür zu ihrem Büro bleibt sie stehen, die Hand auf der Klinke. »KHK Jensen« steht auf dem Schild, und Svenja wird noch etwas klar: Sie will, dass auf dem Schild wieder »KHK Hallstein« steht.

Berlin-Tiergarten,
LKA-Gebäude, Büro KHK Jensen [12:37]

»Nein, ich glaube nicht, dass er sich noch mal umstimmen lässt.« Svenja sitzt an ihrem Schreibtisch, gleich zwanzig vor eins. »Ja, klar, ich hab alles versucht«, sagt sie zu Max am anderen Ende der Leitung. »Die ganze Fahrt über habe ich auf ihn eingeredet, aber er hat immer nur wiederholt: ›Der Fall ist abgeschlossen.‹ Ich bin so was von sauer. ›Und wenn es neue Hinweise gibt, die auf ganz andere Täter und Hintergründe deuten, was ist dann?‹, habe ich ihn gefragt. ›Dann müssen wir doch weiterermitteln, Leif?‹« Sie schüttelt den Kopf. »Willst du wissen, was er geantwortet hat? ›Ich fahre jetzt zum Arbeitsessen mit den Staatsanwälten‹«, sagt sie mit verstellter Stimme. »›Wenn du bis vierzehn Uhr neue Erkenntnisse hast, schick sie mir rüber.‹ Und was jetzt, Max?«

Bevor sie Max angerufen hat, hat sie mit Sven Carutz telefoniert. Die Blutspuren an dem Klappmesser, das sie unter dem Busch entdeckt hat, stammen von Niklas Makowski. Es handelt sich zweifelsfrei um die Waffe, mit der der Pfleger erstochen wurde, allerdings konnten auf dem Messer keine Fingerabdrücke festgestellt werden. Darüber hinaus haben die KTler auf dem keilförmigen Grundstück diverse weitere Objekte asserviert, doch ein Zusammenhang mit dem Geschehen in der Mordnacht lässt sich nicht herstellen. Der Cremetiegel enthielt geringfügige Überreste von Sonnenschutzcreme, deren Haltbarkeitsdatum vor drei Jahren abgelaufen ist. Keine Vaseline, kein Uhu. Auch die zerknüllte Zigarettenpackung, eine verrostete Bierdose und ein Damenschuh mit durchlöcherter Sohle lagen allem Anschein nach schon Monate oder sogar Jahre auf dem Brachgrundstück.

»Wir haben noch immer keine materiellen Beweise, um Tuchalsky und Terry mit den Morden und mit dem Verschwinden der jungen Frau in Verbindung zu bringen«, sagt Max. »Das ist das Problem, vor dem wir jetzt stehen.« Er klingt nachdenklich, aber keineswegs entmutigt.

»Und du willst mir immer noch nicht verraten, wer die junge Frau ist. Das ist auch ein Problem, Max. Wenn ich Jensen einen Namen liefern könnte, hätten wir zumindest Zeit gewonnen. Dann müssten wir erst mal die Frau finden und befragen, und bis dahin taucht vielleicht auch die verdammte Akte auf.«

»So läuft das nicht.« Max pustet durch die Backen. »Selbst wenn ich etwas über die Frau wüsste, dürfte ich es dir nicht sagen.«

»Weil sie zu eurem Team gehört.«

»Ich bin aus gesundheitlichen Gründen beurlaubt, weißt du doch. Mein Team besteht aus Physiotherapeuten und Burn-out-Präventions-Coaches.«

»Na klar, Max. Also gut, hast du noch einen Trumpf im Ärmel? Wenn nicht, wandert Erjon Duko als vermeintlicher Makowski-Mörder hinter Gitter. Wir müssen Tuchalsky und Terry irgendwie mit den Morden in Verbindung bringen. Und zwar innerhalb der nächsten Stunde und auf eine Art und Weise, die Jensen überzeugt.«

»Das ist die Herausforderung.« Max klingt fast schon zuversichtlich, registriert Svenja.

»Und wie sollen wir die meistern? Sag jetzt nicht, ›kein Problem, ich rede mit ihm‹. Dich hat er genauso gefressen wie Hall…«

»Sag ich ja gar nicht. Hör zu, Svenja, ich muss erst noch mit jemandem telefonieren. In Kürze melde ich mich wieder. Ich weiß auch nichts Konkretes, aber irgendwie glaube ich, dass Jensen doch noch in die Spur kommt.«