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An die Namen der Kollegen, die ihn befragt hatten, konnte sich Bendix nicht mehr erinnern. Aber er identifizierte Theo Görremann, Reinhold Kahlmann und Dieter Reims.
„Halten Sie mich aus der ganzen Sache raus, wenn ich auspacke?”, fragte er.
„Sie bekommen ganz erhebliche Schwierigkeiten, wenn Sie nicht auspacken”, widersprach ich ihm. „Hier geht es um die Ermordung mehrerer BKA-Ermittler, so ein Fall besitzt höchste Priorität. Da können Sie nicht erwarten, dass das vollkommen unter der Decke gehalten werden kann, was Sie uns sagen.”
„Falls Sie allerdings um Ihre eigene Sicherheit fürchten, können wir was für Sie tun”, meinte Rudi.
„Hartmut Kreutzer hat offenbar jahrelang für das BKA als Informant gearbeitet”, sagte Bendix. „Und ein Teil der Informationen, die er weitergab, stammte von mir. Ich war immer dicht dran an all den Geschäften, die Dorian Rinescu betrieben hat. Nie beteiligt, aber immer dabei. Jemand, den man nicht beachtetet. Jemand, der wie Luft ist, aber Luft mit Augen und Ohren, wenn Sie verstehen, was ich meine.”
„Nachdem die Liga hochgenommen wurde, dürfte es damit vorbei gewesen sein”, meinte Rudi.
„Da habe ich mich mit der Limousine selbstständig gemacht. Das eine oder andere interessante Gespräch bekommt man dabei auch mit, aber Sie haben Recht. Ich war für Kreutzer nicht mehr so interessant. Als Quelle für Informationen, meine ich. Aber Harry hat offenbar die ganzen Jahre über den Kontakt zu seinem BKA-Kommissaren gehalten. Dann gab es Gerüchte. Gerüchte darüber, dass die Liga wiederauferstanden sei. Nur etwas kleiner und im Verborgenen... Hartmut Kreutzer hat davon seinem BKA-Kontaktmann erzählt...”
Er sprach nicht weiter.
„Fahren Sie ruhig fort.”
„Garantieren Sie mir, dass ich meinen Wagen behalten kann?”
„Ich kann Ihnen versprechen, dass Sie sehr wahrscheinlich nicht ins Gefängnis müssen, wenn Sie uns jetzt reinen Wein einschenken! Aber mit jedem Detail, das Sie jetzt zurückhalten, wird das schwieriger. Und die Frage, ob Sie diesen Wagen behalten dürfen, wird am Ende ihre geringste Sorge sein, das allerdings kann ich Ihnen garantieren.”
Er schien noch mit sich zu kämpfen. Und ich gab ihm die die Minuten, die er brauchte, um sich zu entscheiden.
„Gut”, sagte er schließlich. „Reinen Tisch.”
„Reinen Tisch”, wiederholte ich. „Wir hören.”
„Sie wissen ja, dass ich vieles mitbekommen habe, was nicht für meine Ohren bestimmt war. Gespräche, Telefonate... Ich will da nicht weiter in die Einzelheiten gehen. Aber Tatsache ist folgendes: Herr Rinescu hat irgendwann mitbekommen, dass eine Sonderabteilung gegründet worden war, die man speziell dazu geschaffen hatte, ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Offenbar hatte er keinerlei Zugriff auf diese Truppe. Er hatte keine Spione und dadurch, dass diese Gruppe wohl ziemlich auf sich allein gestellt operierte, konnte er auch seine anderen Informationsquellen nicht abschöpfen. Die Folge war, dass er die Bedrohung viel zu spät erkannte.”
„Er musste also etwas unternehmen.”
„Und das hat er getan. Er hat es so gedreht, dass dieser Truppe bei einer Razzia nicht nur Drogen in die Hände fielen, sondern auch ein Koffer mit Schwarzgeld. Geld, von dem niemand etwas wusste, das in keiner Bilanz auftauchte, das niemand einklagen oder vermissen könnte. Es muss ein zweistelliger Millionenbetrag gewesen sein. Groß genug, dass man der Versuchung nicht widerstehen kann.”
„Sie meinen, die Kommissars haben das Schwarzgeld unterschlagen?”
„Nicht nur das. Rinescu hat sie dabei gefilmt. Ich habe die Videoaufnahmen hier in diesem Wagen selbst mitangesehen. Wie sie beraten haben, was sie tun sollen. Dass es ohne Risiko wäre, da offiziell nur erwartet worden war, eine große Drogenmenge zu finden, aber nicht dieses Schwarzgeld. Sie sind zu dem Schluss gekommen, dass es vollkommen risikolos wäre. Ich kann diese Männer sogar verstehen. Jeder von denen hat mehr gekriegt, als er je verdienen wird. Sie standen immer auf der Seite des Gesetzes und haben ihren Kopf dafür hingehalten - aber das ist ihnen nicht sehr hoch vergütet worden. Aber diejenigen, gegen die sie ermittelt haben, leben in unvorstellbarem Reichtum. Wie gesagt, ich selbst...“ Er unterbrach sich und fuhr dann fort. „Ich habe diesen Wagen.”
„Rinescu hatte die Mitglieder der Task Force gegen das organisierte Verbrechen also in der Hand”, schloss ich. „Und doch wurde die Liga zerschlagen!”
„Ja, das war nicht mehr zu vermeiden. Herr Rinescu sah das wie eine große Welle auf sich zukommen. Wenn Dieter Reims und die anderen aus dieser Truppe plötzlich nicht weiter ermittelt hätten, wäre alles rausgekommen. Das hätte die Staatsanwaltschaft und die Vorgesetzten misstrauisch gemacht und am Ende wäre doch alles zusammengebrochen. Nein, es gab nur einen Weg. Und um die BKA-Leute dazu zu zwingen, da mitzuspielen, hatte Rinescu nun die Mittel.”
„Ich nehme an, wir kommen jetzt zu der Explosion in seiner Villa”, wurde mir plötzlich klar. „Man hat Rinescus Leiche nie gefunden.”
„Ja. Aber in Wahrheit ist er bei der Explosion nicht umgekommen. Er war gar nicht dort. Er hatte mit Dieter Reims und den anderen einen Pakt geschlossen: Sie werden mit ihrem Schwarzgeld glücklich und lassen sich nach Beendung der Liga-Prozesse in alle Winde versetzen. Möglichst in andere Tätigkeitsfelder. Und sie sorgen dafür, dass am Explosionsort Ermittlungen, die in Richtung eines vorgetäuschten Todes gehen, im Sande verlaufen.”
„Und Rinescu?”
„Der durfte den Teil seines Vermögens genießen, den er bereits gesichert hatte. Und er konnte unter neuem Namen ein zweites Leben anfangen - mit der Bedingung, nie wieder die alten Geschäfte aufzunehmen.”
„Dann lebt Rinescu noch.”
„Ja.”
„Und Sie wussten davon.”
„Natürlich.”
Langsam wurde mir einiges klar. „Ich nehme an, Herr Rinescu hat sich irgendwann nicht mehr an seinen Teil der Abmachung gehalten”, schloss ich. „Und davon haben die ehemaligen Ermittler irgendwie erfahren.”
„Herr Rinescu hat sich nie daran gehalten. Er hat von Anfang an darauf hingearbeitet, die Liga irgendwann neu entstehen zu lassen. Das ist der Teil, von dem ich zunächst auch nichts wusste. Aber es gab irgendwann Gerüchte in diese Richtung. Gerüchte, die auch Hartmut Kreutzer erreicht haben und der Idiot hatte nichts Besseres zu tun, als seinem alten BKA Kontakt das brühwarm zu erzählen. Zumindest reime ich mir das so zusammen. Jedenfalls taucht irgendwann ein Typ namens Gregor Bellhoff auf, der mir einen BKA-Ausweis zeigte. Offenbar hat Reims mit ihm über die Sache gesprochen. Und Kreutzer hat ihm den Kontakt zu mir teuer verkauft, dieser gierige Barmixer! Als ob der nicht genug Trinkgelder bekäme!”
„Und dann kam eins zum anderen”, sagte ich.
„Er sagte, er sei krank und hätte vielleicht ein oder zwei Jahre und wollte von mir die Wahrheit wissen. Die Wahrheit über Dorian Rinescu, der sie offenbar alle hereingelegt hatte. Die Vorstellung, dass der Kampf gegen die Liga umsonst gewesen war, wollte er einfach nicht akzeptieren.”
„Wenn er sein Schweigen gebrochen hätte, hätte das auch für ihn Konsequenzen gehabt”, stellte Rudi fest.
„Ihm wäre das egal gewesen. Den anderen vielleicht nicht. Die hatten alle ihr beschauliches Leben zu verlieren. Ob die das getan hätten, weiß ich nicht. Theo Görremann vielleicht. Bei Gregor Kahlmann, der später zu mir kam, glaube ich das ganz bestimmt nicht, denn er beschwor mich, über die Sache zukünftig zu schweigen.”
„Bellhoff hatte nichts mehr zu verlieren. Deswegen musste er als erster sterben”, erkannte ich. Rinescu war zum Handeln gezwungen gewesen. Der erste Mord sollte gar nicht als solcher zu erkennen sein.
Ich zeigte ihm das Phantombild auf meinem Handydisplay, das von dem Mann angefertigt worden war, mit dem sich Bellhoff getroffen hatte und der ihn wahrscheinlich vergiftet hatte.
„Das ist er”, sagte Bendix. „Sie werden ihn kaum wiedererkennen, wenn Sie die alten Bilder von ihm sehen. Er hat sich chirurgisch behandeln lassen. Ihre Bilderkennungsprogramme werden da keinen Treffer anzeigen. Aber eine Sache lässt sich nicht ändern.” Er deutete auf die Kinnpartie. „Sehen Sie diese dunkle Stelle dort?”
„Die Zeugen haben das Muttermal beschrieben.”
„Das ist kein Muttermal. Das ist eine Narbe. Er hatte als Junge einen Fahrrad-Unfall und seitdem hat er das Ding da im Gesicht. Da haben sich schon einige Ärzte dran verkünstelt, aber wenn Sie ihm einmal aus der Nähe gesehen haben, erkennen Sie es immer wieder.”
„Sie sind ihm seit seinem fingierten Explosionstod nochmal begegnet?”, schloss ich, denn ich hatte auch Fotos von Rinescu gesehen. Fotos, von denen ich mir nicht vorstellen konnte, dass sie denselben Mann zeigten wie den, der auf dem Phantombild abgebildet worden war.
Bendix zögerte.
„Sie wollten reinen Tisch machen”, erinnerte ihn Rudi.
„Es war ein Zufall”, sagte Bendix. „Es gibt eben Angewohnheiten, die man nicht ablegt. Ich habe ein orthopädisches Problem mit meinem rechten Fuß und brauche darum Spezialeinlagen. Herr Rinescu hat mir damals ein Geschäft für derartigen Bedarf empfohlen, da er selbst Schwierigkeiten mit den Füßen hat. Wir haben uns dort zufällig gesehen. Niemand von uns hat ein Wort gesagt, aber ich war mir vom ersten Augenblick an sicher. Trotz aller Veränderungen.”
„Sie haben nicht zufällig eine Idee, wo wir ihn finden können?”
„Tut mir leid. Und das ist die reine Wahrheit. War’s das? Ich hätte nämlich nichts mehr zu sagen. Und falls irgendein Gericht entscheidet, dass ich diesen Wagen abgeben muss, dann will ich wenigstens vorher etwas Geld verdient haben, um mir einen Anwalt leisten zu können.”
„Eine Frage noch”, sagte ich. „Kennen Sie einen dieser beiden Männer? Der erste heißt Pascal Basemeier, von dem zweiten haben wir nur eine Phantomzeichnung, dafür aber eine sehr markante Beschreibung. Er hat die Statur eines Basketballers und ist kahlköpfig....”
Bendix sah sich die beiden Bilder auf meinem Smartphone an. „Nummer eins kenne ich nicht, aber Nummer zwei.”
„Den Kahlkopf.”
„Das müsste Zaid Gremel sein. Ein übler Kerl. Ich hatte öfter Schwierigkeiten mit ihm.”
„In wie fern?”
„Er war bis vor kurzem Türsteher vor einer Discothek namens 'LaPlata' . Dort stand ich auch ab und zu mit meinem Wagen. Aber bei Zaid Gremel lief das so, dass man dafür bezahlen musste, wenn man einen Platz für den Wagen haben wollte. Und wenn man das nicht einsah, konnte der sehr unangenehm werden.”