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Das Treffen zwischen dem stellvertretenden Staatsanwalt Robert Thornton, Big Brian Mallone und einem Anwalt fand noch am Nachmittag statt. Milo und ich nahmen daran ebenfalls teil. Mister McKee erschien mit etwas Verspätung, da ihn zwischenzeitlich wichtige Telefonate an der Anwesenheit hinderten.

„Ich möchte, dass es keine Anklage wegen Mordes gibt“, eröffnete Mallone.

Robert Thornton verzog etwas spöttisch den Mund. „Hatten Sie schon Gelegenheit, sich mit Ihrem Anwalt zu besprechen? Vielleicht ist es besser, Mister O’Carragan macht sich zunächst einmal etwas eingehender mit der Beweislage vertraut und wir treffen uns zu einem anderen Zeitpunkt erneut.“

„Das ist nicht nötig“, erklärte O’Carragan. „Ich habe mir von den Agenten Tucker und Trevellian die Beweislage erläutern lassen und sie mit meinem Mandanten besprochen.“

Thornton hob die Augenbrauen.

„Wie Sie wollen. Aber das, was Ihr Mandant getan hat, sieht nun wirklich nach vorsätzlichem Mord aus. Welchen Grades, werden wir noch entscheiden – aber viele Umstände, die eine Milderung der Straftat oder gar eine Abmilderung der Anklage auf schweren Totschlag rechtfertigen würden, sehe ich nicht.“

„Sie bekämen den Mörder an einem Staatsanwalt auf dem Tablett serviert“, gab O’Carragan zu bedenken. „Mein Mandant würde den Totschlag gestehen – und zwar zu einem Zeitpunkt, da die Beweise gegen ihn zum Teil noch gar nicht vorliegen, sondern von der Staatsanwaltschaft und der Ermittlungsbehörde lediglich angekündigt wurden. Das sollte eigentlich reichen. Totschlag und ein Strafmaß, mit dem mein Mandant leben kann – ansonsten läuft nichts.“

„Wie würde die Aussage aussehen, die Ihr Mandant machen will?“, fragte Thornton.

„Mein Mandant würde zugeben, Dustin Jennings mit seiner Pump Gun getötet zu haben. Die Tat geschah im Affekt aus Ärger über...“ O’Carragan schaute stirnrunzelnd in seine Notizen und wandte den Kopf in Brian Mallones Richtung. „Worüber sind Sie noch mal so in Rage geraten, Mister Mallone?“

„Ist doch scheißegal! Nehmen Sie an oder nicht?“, rief Mallone. „Wollen Sie diesen Staatsanwalt-Killer oder ist es Ihnen gleichgültig, wenn das Rechtssystem derart mit Füßen getreten wird?“

„Interessant, eine solche Bemerkung aus Ihrem Mund zu hören, Mister Mallone. Ihr Vorstrafensregister zeugt nicht gerade davon, dass Ihnen das Rechtssystem dieses Landes sehr viel bedeutet!“

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen.

Die Entscheidung lag bei Thornton. Ich verstand die Zwickmühle ziemlich gut, in der er steckte. Nicht alles getan zu haben, um Longorias Mörder zu fassen, konnte ihn genauso gut den angestrebten Job als Longorias Nachfolger kosten wie es auch nicht besonders gut aussah, einen Mörder und Drogenhändler nur wegen Totschlags anzuklagen, wenn er in Wahrheit etwas ganz anderes verdient hatte.

„Falls Ihre Angaben zur Ergreifung des Täters führen und bis dahin keine Fakten auftauchen, die Ihre Darstellung des Todes von Dustin Jennings völlig unplausibel erscheinen lassen, bin ich mit einer Abmilderung der Anklage auf Totschlag einverstanden“, erklärte Thornton schließlich. Er wandte sich an O'Carragan. „Ihr Mandant muss trotzdem angesichts der Umstände mit einer erheblichen Haftstrafe rechnen. Ich beziehe mich da insbesondere auf die große kriminelle Energie, die er bei dem Versuch eingesetzt hat, die Tat zu vertuschen und die Leiche zu beseitigen. Also rechnen Sie nicht mit all zu viel Rabatt, Mister O'Carragan!“

„Ich will eine deutliche Zusage beim Strafmaß!“, fuhr Mallone dazwischen, noch ehe sein Anwalt dazu etwas sagen konnte.

„Ich glaube, Sie sollten das Angebot annehmen. Etwas Besseres bekommen Sie nicht“, riet ihm jedoch O'Carragan.

Er sah ein, dass er nicht höher pokern konnte.

„Das war ein ziemlich blasser Typ“, berichtete er. „Hatte Sommersprossen, mittelgroß, dünnes, rotstichiges Haar und trug eine Brille mit ziemlich dicken Gläsern. Ach ja – er hatte außerdem eine geradezu panische Angst vor Hunden. Mein zahmer Devil hat ihm nur mal ein bisschen am Bein rumgeleckt, da bekommt der gleich so etwas wie 'ne Art Herzattacke oder wie ich das bezeichnen soll. Der hat aufgeschrien wie ein Mädchen, das Arschloch!“

Milo und ich wechselten einen kurzen Blick.

Ich konnte mich glücklicherweise nicht im Spiegel sehen, aber meinem Kollegen war die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Ein Hundehasser passte einfach nicht in unsere bisherigen Ermittlungsergebnisse hinein. Und für den Fahrer des Fluchtwagens war dieser blasse, rotgesichtige Mann einfach nicht groß genug.

Es gab zwei Möglichkeiten.

Entweder versuchte uns Big Brian gerade einen Bären aufzubinden oder der Fall war doch noch eine Spur komplizierter, als wir erwartet hatten.

„War der Kerl allein?“, fragte ich.

„Ja. Wir haben uns in einer Bar in Hoboken getroffen, wo uns beide garantiert niemand kannte. An mich wird man sich da vielleicht erinnern. Das war schließlich ein Laden, in dem Harley-Fahrer mit einem Piratentuch auf dem Kopf nicht gerade dem Durchschnitt der Gäste entsprechen. Der blasse Typ passte da mit seiner kleinkarierten Jacke schon viel besser hin. Wirkte aus dem Ei gepellt wie Mamas Liebling.“

„Wie heißt die Bar?“

„Sie trägt den Namen DEAD SAILOR. Die Adresse lautet 411 Jefferson Road. Man findet da nicht einmal für eine Harley 'nen Parkplatz. Meine Maschine war abgeschleppt worden, als ich zurückkehrte.“

„Haben Sie mitbekommen, was für einen Wagen dieser Mann fuhr?“

„Nein. Er wurde von einem Van abgeholt. Wer drin saß, konnte ich nicht sehen, es war schon zu dunkel.“

„Ich bin mir sicher, dass unsere Agenten Ihre Geschichte haarklein überprüfen werden“, meldete sich nun Mister McKee zu Wort. „Und ich will hoffen, dass Sie nicht unsere Zeit verschwendet haben...“

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