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Vierundvierzig Stunden nach dem gelungenen Coup rauschte die „Lotung“ mit der nahezu unveränderten Geschwindigkeit von zwanzig Knoten durch die Nacht. Philip Hou hatte die Ruderwache übernommen und stellte den Automaten immer wieder aus, um einen neuen, irreführenden Kurs einzuschlagen. Bislang war es Dsou Taofens Bande immer wieder gelungen, ihren Verfolgern auszuweichen und zu entgehen, und das lag nicht nur an dem seemännischen Geschick der Piraten, die allesamt von Taiwan kamen, sondern überwiegend daran, dass Philip Hou die Peil- und Ortungsgeräte, mit denen das Schiff geradezu gespickt war, hervorragend zu benutzen wusste.
Er vermochte jeden, der sich aus der Luft, auf dem Wasserweg oder unter Wasser an sie heranzupirschen versuchte, innerhalb kürzester Zeit hinters Licht zu führen und abzuhängen.
An Bord der „Lotung“ arbeiteten neuartige Niederfrequenz-Horch- und Spürgeräte, die Feind-U-Boote, aber auch Schiffe an der Oberfläche noch auf die Distanz von mehreren hundert Meilen ausmachen konnten; es gab Sonaranlagen und Sonarbojen und Infrarot-Sensoren. Die exakte Position eines „Feindobjektes“ ermittelte das Herz sämtlicher an Bord installierter Geräte, der sogenannte „Magnetic Anomaly Detector“, mit einem Kürzel als „Mad“ umschrieben, der lokale Störungen im irdischen Magnetfeld aufspürte, die von Schiffsrümpfen verursacht wurden. Überdies vermochte die „Lotung“ mit Hilfe ihrer Sonarbojen, die sie auf die Wasseroberfläche verteilte, innerhalb einer Stunde einen zehn Meilen langen Korridor zu schaffen, dessen Signale sie über Hydrophone erlauschte.
Die Sonarbojen und andere „sperrige Objekte“ konnten - je nach Erfordernis - auch wieder eingesammelt werden. Dies geschah durch das trichterförmige Schleppnetz, das die „Lotung“, wie es sich für einen zünftigen Trawler gehörte, selbstverständlich an Bord mitführte. Das Schleppnetz, für den Fischfang allerdings weniger geeignet, war eine vierzig Yards lange Spezialanfertigung aus besonders starken Synthetik-Fasern.
Ein komplettes Fanggeschirr mit zweimal 1200 Yards Stahltrosse, Kurrleine genannt, und daran zwei kleine und zwei große Scherbretter, hölzerne Drachen, die das Schlagnetz offen hielten, Schwimmblasen mit Höhenbrettern, und eben das vierzig Yards lange Netz, vorn unten mit eisernen Rollen beschwert und hinten gegen das Aufscheuern am Grund durch Ochsenfelle geschützt.
Das Einholen des ausgefahrenen Netzes geschah, indem das Netz mit den beiden Kurrleinen bis an das Heck gezogen und das Netzende mit dem „Fang“ in den charakteristischen A-Mast gehievt wurde. Danach wurde das Netz geöffnet, und durch eine Luke fiel die Beute unter Deck.
Dsou Taofen war auf eine Beute ganz besonderer Art aus.
In dieser Nacht stand er mit Liu Pefu hoch oben auf dem Peildeck und hielt seine Nase in den Wind. Was auf der Orchideeninsel geschehen war, gehörte für ihn der Vergangenheit an, er verschwendete keinen Gedanken mehr an die sechs Toten.
„Auch der nächste Teil unseres grandiosen Unternehmens wird gelingen, Liu“, sagte er.
„Willst du mir nicht endlich Genaueres darüber verraten?“, fragte sie ihn.
Er legte seinen rechten Arm um ihre Schulter. „Taiwan ist eine armselige, verirrte Fliege zwischen den Großmächten, weißt du das?“
„Ja, das weiß ich.“
„Man könnte es in einer einzigen Nacht besetzen ...“
„Du meinst, sie würden es wirklich wagen?“, flüsterte sie ihm zu, dass es im summenden Wind und im Rauschen der See kaum zu vernehmen war.
„Die eine Seite gewiss nicht“, erwiderte er ruhig. „Diese Seite heißt Amerika, und sie begnügt sich damit, den 'Berater' und 'Beschützer' für uns zu spielen. Aber die andere Seite, der große rote Drache - er wird uns verschlingen, Liu, denn wir sind zu schwach und zu wankelmütig geworden, um uns noch ernsthaft gegen ihn wehren zu können.“
„Deshalb willst du gegen den Drachen kämpfen?“
„Ja, das will ich.“
„Mit diesem Schiff?“
„Indirekt, ja.“
„Sie werden uns alle töten, Dsou, aber ich bleibe an deiner Seite“, sagte sie.
Seine Hand presste ihre Schulter zusammen, dass sie fast aufschrie. „Sag so was nicht wieder. Du weißt ja nicht, wie raffiniert wir vorgehen. Liu - unser Kurs führt nicht zum asiatischen Festland, sondern auf Umwegen nach Ost-Süd-Ost.“
„Wohin?“
„Ich zeige es dir nachher auf der Karte.“
„Dsou - du hast mir einmal gesagt, du würdest einen Überfall, eine Heldentat unternehmen, die in die Geschichte eingehen würde, und damit meinst du doch wohl, dass wir dem Drachen, den wir alle hassen, eine tiefe Wunde beibringen.“
„Ja.“
„Aber warum steuern wir dann in östlicher Richtung?“
„Liu, was weißt du über die Bewaffnung dieses Schiffes?“
„Es gibt einen Gewehrschrank, der an den Schotten hinter der Offiziersmesse steht und zwanzig M1, zehn Karabiner, zehn Schnellfeuer-Gewehre und acht 45er Colt Governments enthält.“
„Richtig“, sagte er mit einem spöttischen Lächeln. „Aber nicht einmal ein auf dem Bug oder am Heck montiertes Geschütz, und sei es noch so klein, haben wir. Glaubst du, mit den paar Schießeisen könnten wir den Drachen empfindlich treffen? Ich müsste ja ein Narr sein, wenn ich daran glauben würde.“
„Wir brauchen ... größere Waffen?“
„Ja.“
„Kanonen? Bomben?“
„Atomraketen“, sagte er. „Wir werden sie uns holen und damit unseren entscheidenden Angriff fliegen.“
„Fliegen?“
„Mit einem Bomber, den wir in einem unserer Verstecke bereithalten, Liu.“
„Und welches ist das genaue Ziel?“
„Peking“, sagte er, während er den Blick wieder nach vorn auf den Bug der „Lotung“ und die gischtende schwarze See richtete. „Die Sieben-Millionen-Stadt. Das Haupt des Drachen. Ich werde ein Loch hineinbrennen und die Bestie für alle Zeiten tödlich verseuchen.“