image
image
image

8

image

image

Cesare Spontini war seiner Sache ein wenig zu sicher, und Mariangela Marelli hatte allen Anlass dazu, ein „ungutes Gefühl“ zu verspüren, das wohl aus dem immer wieder zitierten untrüglichen weiblichen Instinkt für aufziehenden Verdruss herrührte.

Schicksal mochte man es nennen, was nun an Bord der „Ancona“ geschah, oder auch ein Zusammentreffen „ widriger Umstände“.

Steuermann Sergio Bacci hatte das Ruderhaus auf der Brücke des Luxusliners verlassen, um an einem kleinen Umtrunk in der Offiziersmesse teilzunehmen - er hatte von Kapitän Giancarlo Mancini die ausdrückliche Genehmigung dazu. Cancogni, der Erste Offizier, hatte heute Geburtstag, und da war es üblich, dass man kurz vor dem Mittagessen mit einem kurzen „Brindisi“ auf das Wohl des Gefeierten anstieß. Paolo Lanerossi, der zweite Rudergänger, versah ohnehin weiter den Dienst im Ruderhaus und brauchte für die eine Stunde keine Aufsicht, zumal der Ruderautomat eingeschaltet war.

Während in der Offiziersmesse also die Sektgläser gehoben wurden, stand Lanerossi auf seinem Posten und blickte über das Vorschiff hinweg auf die ruhige See. Das war ein ausgesprochen langweiliger Job, und Lanerossi wünschte sich nichts sehnlicher herbei als die Dusche, die er nach dem Wachwechsel genießen würde.

Um sich die Zeit zu vertreiben, maß Lanerossi rein routinemäßig die Position und den derzeitigen Kurs nach, verglich die Daten mit den Eintragungen auf der Karte  und stellte plötzlich fest, dass die Justierung des Ruderautomaten, die Bacci selbst vor knapp einer Stunde vorgenommen hatte, etwas von dem festgelegten Kurs abwich.

Er schaltete den Automaten aus.

Laut Vorschrift war dies dem Rudergänger gestattet, auch ohne die Genehmigung des Steuermanns dafür einzuholen, wenn die Situation es erforderte. Das war nach Lanerossis Ansicht der Fall. Er übernahm die manuelle Steuerung der „Ancona“, um die Kurskorrektur zu vollziehen, ehe er den Automaten neu programmierte. Leise wiederholte er die Daten:

„Position neun fünfzehn Nord, eins sechs vier vier null Ost, Kurs Süd-Süd-Ost, auf eins sechs acht zwo null ...“

Und dann war es plötzlich wieder da, dieses schmerzhafte, ungemein peinigende Stechen in der Herzgegend, völlig unvermittelt, wie schon vor zwei Tagen. Er hatte sich vom Bordarzt untersuchen lassen, aber da die Symptome gleich wieder verschwunden waren und er sich besser gefühlt hatte, hatte der Arzt ihm nicht mehr als ein paar Schmerz- und leichte Beruhigungsmittel und eine zusätzliche Freiwache verordnet.

Jetzt aber war es wieder da, ausgerechnet jetzt, und diesmal stärker als vor zwei Tagen. Paolo Lanerossi war achtunddreißig Jahre alt, und er hatte sich einfach nicht vorstellen können, dass das Herz ihm schon jetzt ernsthafte Schwierigkeiten bereitete. Er hatte den Vorfall von sich aus bagatellisiert, dann vergessen - aber jetzt packte ihn das Entsetzen.

Er ließ das Ruderrad los, griff mit beiden Händen nach dem Herzen und krümmte sich vor Schmerzen. Nie hatte er Schlimmeres erlebt, nie größere Qualen durchgestanden. Er keuchte, rang nach Atem, stolperte vom Ruderrad fort. Das Sonnenlicht flirrte vor seinen Augen, gelbe Blasen schienen zu zerplatzen. Ihm war, als würde sein Brustkorb jeden Moment von innen her zersprengt, es war nicht auszuhalten, er musste durchdrehen, wahnsinnig werden ...

Ein Kollaps? Ein Infarkt? Lanerossi kannte sich mit den medizinischen Begriffen nicht aus, hatte auch bei der ärztlichen Untersuchung nur mit einem Ohr hingehört, als ihm gesagt worden war, welches die Konsequenzen eines zu zügellosen Lebens, zu starken Alkohol- und Zigarettenkonsums, mangelhafter Bewegung sein konnten.

Es überwältigte ihn. Er sackte auf die Knie, keuchte, hustete, kippte vornüber, wälzte sich, blieb dann liegen. Die Wahrnehmung schwand, und alles schien in erlösender Finsternis zu versinken.

Die „Ancona“ lief aus dem Kurs. Sie steuerte jetzt in weit geschwungenem Bogen nach Osten.

image

image

image