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Sergio Bacci, der Steuermann der „Ancona“, kehrte lächelnd auf die Brücke zurück. Cancogni, der Erste, hatte wie ein Junge gestrahlt, als sie ihm zünftig zugeprostet hatten, und er hatte allen versprochen, dass es nach dem Mittagessen eine riesengroße Torte geben würde, die der Koch eigens für den Geburtstag zubereitet hatte. Cancogni war vierzig geworden, und das musste seiner Ansicht nach so üppig wie möglich gefeiert werden.

Wie die Kinder, dachte Bacci, aber in jedem ausgewachsenen Mann steckt ja schließlich ein Lausebengel - und was wäre das Leben wert, wenn man hin und wieder nicht mal so richtig unbeschwert sein könnte?

Sekunden darauf verschwand das Lächeln aus seinen Zügen. Alle Unbeschwertheit wich in Sekundenschnelle; Bacci geriet in der offenen Tür des Ruderhauses ins Wanken.

Lanerossi - er lag verkrümmt auf dem Boden.

Das Ruderrad bewegte sich hin und her, nur etwa eine Handbreit, was es auch tat, wenn der Automat eingeschaltet war. Bacci stürzte zu dem Rudergänger, bemerkte noch nicht, dass das Schiff der manuellen Steuerung überlassen war, sollte es erst später bemerken, viel zu spät.

Mehr als tausend Menschen reisten auf dem italienischen Luxusliner, aber - so absurd es klang - keiner hatte bisher bemerkt, dass das Schiff aus dem Kurs gelaufen war.

„Paolo!“ Bacci kniete sich neben den reglos daliegenden Mann, fasste nach dessen Puls, nach der Brust und der Stirn, fühlte, wie es ihn selbst heiß und kalt überrann. „Paolo, Dio mio, was, um Himmels willen, ist geschehen?“

Paolo Lanerossi gab keine Antwort. Kein Stöhnen drang über seine Lippen, nichts. Seine Augen waren geschlossen. Sein Puls war noch wahrnehmbar, aber nur schwach, langsam ...

Bacci erhob sich, stolperte, rannte zur Rufanlage. Er nahm mit der Offiziersmesse Verbindung auf, unterrichtete Kapitän Giancarlo Mancini über das, was geschehen war.

Fast im gleichen Augenblick fing der Funker der „Ancona“ die Alarmmeldung der Kwajalein Missile Range auf. Er fuhr von seinem Stuhl hoch und stürzte mit dem Zettel, auf dem er den Ruf hastig aufgeschrieben hatte, aus dem Funkschapp.

Fast prallte er auf dem Weg zur Offiziersmesse mit Kapitän Mancini und dem Bordarzt zusammen. „Signore“, stieß er hervor. „Wir sind drauf und dran, in das Sperrgebiet der US-Marine einzudringen!“

„Was reden Sie da?“, erwiderte der Kapitän aufgebracht. „Ja, geht denn hier alles drunter und drüber?“

„Signore, lesen Sie“, sagte der Funker.

Mancini tat es, zerknüllte den Zettel und lief so schnell in Richtung Brücke, dass ihn keiner mehr einholen konnte - weder der Arzt noch Cancogni, der Erste Offizier, noch sonst jemand aus der Offiziersmesse. Der Funker rief die Brücke an, aber als er Verbindung mit Bacci erhielt, hatte auch Mancini das Ruderhaus bereits erreicht.

Mancini sah Lanerossi auf dem Boden liegen, blickte aber auch zur Ruderanlage. Er kontrollierte den Automaten, erstarrte plötzlich regelrecht - und stieß dann einen ellenlangen Fluch in seiner heimischen toskanischen Mundart aus. Als Nächstes korrigierte er den Kurs und war noch in seine verbissenen Bestrebungen vertieft, als auch der Arzt und der Erste ins Ruderhaus stürmten.

Der Schiffsarzt beugte sich sofort über Lanerossi, untersuchte ihn, öffnete das Köfferchen, das er reaktionsschnell von einem Stuhl in der Offiziersmesse gerissen hatte, als Baccis Meldung eingetroffen war, nahm das Stethoskop heraus, klemmte es sich in die Ohren und drehte den bewusstlosen Mann auf den Rücken. Er horchte ihn nur kurz ab, konzentrierte sich dabei auf die Herztätigkeit. Dann griff er wieder in sein Köfferchen, holte ein Päckchen Phiolen daraus hervor, sägte eine Phiole auf und bereitete eine intravenöse Injektion vor.

Mancini drehte sich um, wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Das wäre geschafft“, sagte er. „Wir laufen jetzt auf unseren alten Kurs zurück. Verflixt und zugenäht, was ist denn bloß mit unserem Rudergänger passiert, Dottore?“

„Er hat eine Herzattacke erlitten.“

„Mein Gott ...“

„Trotz medikamentöser Behandlung ist zu erwarten, dass innerhalb der nächsten Stunden ein weiterer Anfall folgt“, erklärte der Arzt, während er Lanerossis rechte Armbeuge mit einem desinfizierenden Mittel säuberte. Er suchte die Vene, fand sie und drückte die Injektionsnadel der Spritze hinein.

Mancini trat näher. „Himmel, Dottore, neulich hast du ihn doch untersucht; wieso hast du da nicht bemerkt, wie es um Lanerossi, diesen armen Teufel, bestellt war?“

Der Arzt verteidigte sich: „Die Untersuchung führte zu einwandfreien Ergebnissen. Lanerossi klagte lediglich über Herzstiche, die aber sofort wieder weg waren. Schwerwiegende Ursachen schienen nicht vorzuliegen, rein kardiologisch gesehen, meine ich.“

„Ja, schon gut“, erwiderte der Kapitän ärgerlich. Er drehte sich wieder um, bezwang seinen Drang, dem Arzt kräftig den Marsch zu blasen. Er war in diesem Moment felsenfest von der Unfähigkeit des Mannes überzeugt - obwohl er ihm damit unrecht tat.

Das Bordtelefon schrillte, Cancogni antwortete und gab seinem Kapitän durch eine Gebärde zu verstehen, dass er verlangt wurde.

Mancini schritt voll dumpfer Ahnungen zu seinem „Primo Ufficiale“ hinüber, nahm ihm den Hörer ab und meldete sich mit seinem Namen. Zwei Meldungen nahm er vom Zweiten Offizier entgegen, der sich in diesem Augenblick im Funkschapp befand.

Die erste: Ein Trawler war Steuerbord achteraus der „Ancona“ aufgetaucht, während Mancini die Kurskorrektur vollzogen hatte. Er schien Kurs auf den Liner zu nehmen und hielt im Tempo mit.

„Zum Teufel mit dem Trawler!“, rief Mancini. „Was schert mich dieser Kahn! Sein Kapitän soll zusehen, dass er nicht auch in die militärische Sperrzone hineingerät!“

Die zweite Notiz: Der Zweite hatte der Kwajalein Missile Range unverzüglich mitteilen lassen, dass man die Sperrzone mit südlichem Kurs sofort verlassen würde, aber jetzt war da eine neue Alarmnachricht seitens der Amerikaner.

„Was?“ Mancini brüllte es fast in die Muschel des Bordtelefons. „Das kann ... das darf nicht wahr sein!“

„Signore“, erwiderte der „Secondo Ufficiale“ gepresst vom anderen Ende der Leitung, „leider entspricht es den Tatsachen. Ich erwarte Ihre Order, Signore Capitano.“

„Maschinen stopp!“, schrie der Kapitän, der sein impulsives, leicht aufbrausendes Temperament jetzt nicht mehr zurückhalten konnte. „Volle Kraft zurück!“

„Signore si!“, antwortete der Zweite.

„Warum?“, fragte Cancogni. „Warum das, Capitano?“ Mancini fuhr zu ihm herum. „Ein Raketentest. Wussten Sie von diesen Versuchen im Treuhandgebiet der USA, Cancogni?“

„Ja, davon habe ich gehört. Aber die finden doch abseits der internationalen Schifffahrtsrouten statt ...“

„Wir sind von dieser Route abgekommen, Cancogni.“ „Sicher, aber ...“

„Wir befinden uns noch etliche Meilen vom Atoll Kwajalein entfernt“, unterbrach ihn Giancarlo Mancini, dessen Augen sich unnatürlich geweitet hatten. „Aber zwei 'Missiles', die aus Kalifornien kommen und in der Lagune landen sollten, haben das Ziel verfehlt, das hat die Missile Range soeben offen zugegeben.“ Cancogni stand plötzlich stocksteif und mit geballten Händen da. „Das heißt - sie rasen über das Atoll hinaus?“

„Ja.“

„Und ihr jetziger Kurs ...“

„Würde sich mit dem unseren schneiden, wenn wir noch weiter nach Süden ablaufen würden“, erwiderte Mancini mit heiserer Stimme.

Ein Ruck lief durch das Schiff, die Maschinen waren zum Stillstand gekommen und liefen jetzt wieder in der Rückwärtsfahrt an, sodass die Bremswirkung voll zur Wirkung kam.

„Nach den Berechnungen der Missile Range können wir uns nur noch retten, wenn wir augenblicklich die Fahrt stoppen, Cancogni, haben Sie das verstanden?“, schrie Mancini seinen Ersten Offizier an.

Cancogni geriet ins Schwitzen, ins Taumeln. „Mein Gott“, sagte er immer wieder. „Oh mein Gott.“ Er blickte zu dem immer noch ohnmächtigen Lanerossi, zu dem Arzt, dann durch die Fenster des Brückenhauses dorthin, wo - wenn dies alles kein ungeheuerlicher Scherz war - innerhalb der nächsten Sekunden die beiden Raketen mit den atomaren Sprengköpfen auftauchen mussten.

Es war der scheußlichste Geburtstag seines Lebens, er würde ihn nie vergessen.

Der Zündmechanismus der „Cruise Missiles“ war zwar für den Fall ihres Eintauchens in die See blockiert - aber beim Aufprall auf einen festen Widerstand wie die „Ancona“ würde die atomare Kettenreaktion durch Sensoren dennoch in Gang gesetzt werden. Mit anderen Worten: Das Schiff würde in einer gigantischen Explosion zerfetzt und förmlich desintegriert werden. Es würde die Hölle auf Erden sein, schlimmer als jede Vorstellung der Apokalypse.

Die „Ancona“ hatte jetzt Rückwärtsfahrt aufgenommen, um sich aus der direkten Ziellinie der beiden verirrten „Cruises“ zu bringen.

Giancarlo Mancini war vorn an die Fensterfront getreten. Er betete in diesen Sekunden zum Himmel: Lass es nicht geschehen, nicht meinetwegen, aber um der Gesundheit der anderen wegen.

Mehr konnte er nicht tun. Was nützten noch verzweifelte Funkrufe zur Kwajalein Missile Range? Die „Missiles“ konnten nicht mehr gestoppt werden, nicht einmal durch einen schnellen Raketenschuss von den Rampen „Silver Citys“, der sie in der Luft zerreißen würde - die „Cruises“ waren dem italienischen Luxusliner bereits viel zu nah.

Ein Appell an die Mannschaft, an die Passagiere, die Ruhe zu bewahren? Sinnlos, absurd - er würde nur Panik hervorrufen. Nein, es war besser, sie alle im Ungewissen zu lassen, denn das würde ihnen unnötige seelische Qualen vor der Explosion ersparen, würde ihnen den Tod erleichtern.

Fassungslos blickten sich Sergio Bacci und der Erste Offizier an. Im Funkschapp zitterten dem Funker die Hände, und der Zweite Offizier spürte den kalten Schweiß am ganzen Körper herabrinnen.

Lanerossi lag nach wie vor in tiefer Bewusstlosigkeit, und das war in diesem Moment groteskerweise gut für ihn, denn er spürte nicht die Gefahr, die über dem Schiff schwebte.

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