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Obwohl die linke Schulter wie verrückt schmerzte, arbeitete Seiichi Tanaka mit größtem Eifer. Schmerzen konnte er ertragen, mehr als jeder normal beschaffene Erdenbürger. Und ob die Wunde wieder aufbrach oder nicht, war ihm in diesem Moment völlig gleichgültig. Es ging nur noch um eines: aus diesem elenden Loch herauszukommen.
Als die Wachen abgezogen worden waren, hatte er alles ganz genau verfolgen und sogar mit anhören können, warum sie als Verstärkung auf die oberen Decks des Luxusschiffes gehen sollten.
Hundert unschuldige Menschen sollten hingerichtet werden - dieser Gedanke brachte den sonst so beherrschten Japaner fast zur Raserei.
Er hatte seine Handfesseln bereits gelockert, da hatte jemand die Riegel des Schotts beiseite geschoben. Wer? Er konnte es nicht einmal ahnen. Aber er glaubte nicht, dass es ein Trick war, um ihn ins Freie zu locken und dann zu erschießen ... das hätte Dsou auch anders haben können. Aber noch war dafür nicht der Zeitpunkt gekommen; vorher wollte der Chinese erfahren, was es mit der Nuclear Task Force auf sich hatte. Erst dann würde er die leere Phrase „auf der Flucht erschossen“ als Rechtfertigung für seinen Mord an Seiichi Tanaka benutzen.
Seiichi hatte sich geschworen, dass es so weit nicht kommen würde. Er riss und zerrte an seinen Handfesseln, dass die Schmerzen, die dadurch in seiner Schulter, aber auch in seinen Handgelenken verursacht wurden, ihm fast die Tränen in die Augen trieben.
Endlich hatte er die Stricke so weit aufgerieben, dass er sie durch geschicktes Fingerspiel abstreifen konnte. Oh nein, das war keine Sache von Sekunden - auch das dauerte Minuten. Aber die Geduld, von der auch Dsou am Vorabend gesprochen hatte, war die stärkste Waffe in der Hand eines Mannes, der seine Nerven zu beherrschen wusste.
Seiichi bewegte die Finger in der Luft, um die Blutzirkulation zu beschleunigen. Das Gefühl, das er schon fast verloren hatte, kehrte in seine Hände zurück.
Seiichi knotete seine Fußfesseln auf, auch dazu benötigte er Zeit und große Fingerfertigkeit. Endlich stand er aufatmend in dem engen, brütend warmen Raum und genoss für einen Augenblick das Gefühl, sich wieder frei bewegen zu können. Dann drückte er das Schott auf, spähte auf den davor liegenden Gang hinaus - und erkannte, dass sich niemand in seiner Nähe befand.
Zumindest niemand, der ihm gefährlich werden konnte! Gerade noch rechtzeitig entsann der Japaner sich des Mannes, der in dem Nebenraum eingesperrt worden war. Seiichi trat also vor das dazugehörige Schott, öffnete es und lugte angespannt in das dunkle Innere.
Da hockte er, der Conte Cesare Spontini. Sogar einen Knebel hatten sie ihm zwischen die Zähne geschoben, denn er hatte sich als ein sehr aufsässiger Sträfling erwiesen, der garantiert seinen ganzen Zorn herausgebrüllt hätte, wenn man ihn nicht daran gehindert hätte. Dsou Taofen duldete es einfach nicht, dass einem Gefangenen diese Freiheit gewährt wurde, nicht einmal in dem stickigen Verlies, wo der Mann ja doch nicht gehört worden wäre.
Spontini blickte aus schmalen Augen zu Seiichi Tanaka. Zuerst dachte er, dieser Mann sei einer von den chinesischen Piraten, aber dann rief er sich die Szene ins Gedächtnis zurück, die er wie alle anderen Passagiere vom Sonnendeck aus hatte verfolgen können, als der Bell-Hubschrauber tief über der Brücke geschwebt hatte. Dieser Mann dort war an der ausgebrachten Leiter abgeentert, als Unterhändler der Kwajalein Missile Range.
Letzte Zweifel Spontinis, auf wessen Seite der Japaner denn nun eigentlich stand, räumte Seiichi selbst aus. Er befreite den abruzzischen Grafen von seinen Fesseln und von dem Knebel.
„Porca miseria“, sagte Spontini ganz entgegen seinen sonstigen noblen Gewohnheiten. „Verdammte Schweinerei, wie diese Kerle mit einem umspringen. Oh, entschuldigen Sie ... Verstehen Sie meine Sprache überhaupt?“
„Das meiste davon“, versicherte ihm Seiichi.
„Ich danke Ihnen. Von ganzem Herzen. Was hat man denn mit Ihnen angestellt? Sie sind ja verletzt. Dio mio, die Schüsse, die gestern auf dem Brückendeck gefallen sind ...“
„Ja, die hatten damit zu tun“, sagte Seiichi. „Aber kommen Sie jetzt, wir müssen hier verschwinden, ehe die Chinesen auftauchen. Wir verstecken uns irgendwo und beratschlagen, was wir tun können, um die Kerle zu überwältigen.“
Spontini grinste plötzlich. „Va bene, amico, das ist ganz nach meinem Geschmack. Gehen wir also.“
Sie verließen den winzigen Raum, nachdem der Agent wieder gründlich Umschau gehalten hatte. Sie drückten die Eisentüren ihrer Gefängniszellen zu und legten die Riegel vor, dann schlichen sie davon.
Durch die Gänge des Decks 1 pirschten sie sich bis in die Nähe der Turbinen, die sie unterschwellig summen hören konnten. Sie schlüpften in einen Raum, dessen Tür nicht verschlossen war, und stellten fest, dass sie in einer Art Magazin für Werkzeuge und Ersatzteile gelandet waren. Zwischen den Stahlregalen kauerten sie sich in eine Ecke, die man von der einzigen Tür aus schlecht einsehen konnte.
Seiichi nahm einen schweren Schraubenschlüssel aus Chrom-Vanadium-Stahl in die rechte Hand und wog ihn prüfend. „Damit kann man schon anständig zuschlagen“, sagte er leise, diesmal auf englisch. „Sie verstehen doch Englisch, Signore ...“
„Conte Cesare Spontini, aber den Conte und den Spontini können Sie ruhig weglassen, Mister ...“
„Tanaka. Seiichi Tanaka. Für meine Freunde Seiichi.“
„Seiichi, wie wäre es, wenn wir die Turbinen lahmlegen würden?“, sagte Spontini, nachdem sie sich erzählt hatten, was ihnen widerfahren war.
Der Japaner schüttelte den Kopf. „Ich hatte auch daran gedacht, aber dann habe ich den Plan wieder verworfen. Sie wissen vielleicht, wie hervorragend solche Turbinen heutzutage gebaut sind ...“
„Ich weiß ziemlich gut über Technisches Bescheid, aber mein Glaube in die Perfektion ist erschüttert worden, seitdem ich die Fehllandung der beiden 'Cruise Missiles' aus nächster Nähe verfolgen konnte.“
„Lassen wir das jetzt mal weg. Cesare, dieser Dsou ist nicht so dämlich, an eine simple Panne zu glauben, wenn die Turbinen plötzlich nicht mehr arbeiten. Er wird sofort an Sabotage denken - und seine Wut an dem Personal der Maschinenräume auslassen. Wie wollen wir so was verhindern?“
„Wir überwältigen ihn und seine glorreichen Soldaten, wenn sie auf der Bildfläche erscheinen ...“
„Das auf jeden Fall, aber wir müssen es anders anpacken.“
„Wie denn?“
„Wir müssen die Männer des Prisenkommandos nach und nach kampfunfähig machen - einen nach dem anderen. Bei denen, die wieder vor unseren 'Zellen' Posten beziehen werden, fangen wir an, Cesare.“